Spaßfrei mit Feminismusbrille

29. Januar 2019 § 25 Kommentare

Also sag ich jetzt dazu halt auch noch was.

Sofaosphia spricht über einen Artikel in der Süddeutschen, darin die Autorin Meredith Haaf im Draufgängertum einer Pippi Langstrumpf oder einer Ronja (Räubertochter) eine „Abwertung des Weiblichen“ sehen will. Außer Frage steht, daß beide Figuren von ihrer Anlage her rundweg positive Gestalten sind und sich stark zur Identifikation durch den Leser eignen. Da heutzutage ja leider solche Fragen auch außerhalb von literaturtheoretischen Seminaren behandelt werden, weil sie insofern gesellschaftliche Relevanz erlangt haben, als man an der Frage nach in diesen Figuren vorgelebten Rollenvorbildern ganz hervorragend ideologische Gesinnungsfragen abarbeiten kann, geraten also jetzt Pippi und Ronja und andere, bislang noch als „starke Frauen“ betitelte und positiv beurteilte Figuren auf den kritischen Prüfstand und werden, jetzt halt auch die noch, durch den Genderfleischwolf gedreht. Solange, bis nichts mehr unangetastet bleibt und wir die Literatur dichtmachen können.
Vor Jahren schon war ich über die Meinung einer Kollegin bestürzt, die mir auseinandersetzte, Astrid Lindgrens Bücher seien ganz schlechte Literatur, weil darin, sie führte als Beispiel die Figur der Eva-Lotte aus der Kalle-Blomquist-Trilogie an, ein überkommenes Frauenbild transportiert werde. Für moderne Kinder ungeeignet. Am meisten bestürzte mich dabei das Ansinnen, einen geliebten, bislang rundweg von Literaturkritikern, Eltern, Pädagogen und selbstverständlich den Kindern hochgelobten Klassiker durch etwas derart Dämliches wie gendertheroretische Erwägungen angekratzt zu sehen. Schon allein das Ansinnen, etwas derart Literaturfernes wie Geschlechterdebatten an Bücher heranzutragen, erschien mir ungeheuerlich. Es waren die mittleren neunziger Jahre, und ich war ahnungslos. Heute könnte ich, scheint es angesichts eines Textes wie des von Meredith Haaf verfaßten, nicht einmal mit dem Verweis auf Pippi und Ronja kontern. Obwohl beide alles andere als überkommene Frauenbilder transportieren.

Was Enid Blytons Fünf Freunde betrifft, so hat Haaf völlig recht. Die Figur von George, eigentlich Georgina, die lieber ein Junge wäre, alles mag und macht, was Jungs mögen und machen, entsprechend unerschrocken, draufgängerisch und wild ist, kann man, insofern dieses Verhalten innerhalb der narrativen Welt der Fünf Freunde Respekt und Anerkennung findet und Georgina selbst ihre Strategie als gelingend bewertet, als durchweg positiven Charakterzug der Figur sehen. Allein, eine Abwertung des Weiblichen ist schwerlich auszumachen. Das zweite Mädchen der Partie, Anne, ist wohl das, was Haaf ein „normales“ Mädchen nennen würde. Sie ist fürs Häusliche zuständig, kümmert sich ums Essen, und daß der Tisch gedeckt ist, und, machen es die abenteuerlichen Umstände einmal erforderlich, daß man unter freiem Himmel schlafen muß, ist sie es, die dafür sorgt, daß es im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten am Schlafplatz behaglich zugeht. Mir ist jedoch keine Passage erinnerlich, wo diese „Weiblichkeit“ Annes von den anderen Protagonisten gescholten, geschmäht, geringgeschätzt oder auch nur belächelt würde: Anne ist mit allem, was sie ist und kann und mag, ein vollwertiges, geschätztes Mitglied des Freundeskreises, und es ist keine Rede davon, sie außen vor zu lassen, wenn es mal etwas rauher zugeht. Freilich sind die Rollen stereotyp verteilt, das Ungefährliche und Harmlose fällt Anne zu, der Abenteuergeist den anderen dreien; eine Abwertung findet indes nur in den Augen von Meredith Haaf und ähnlich gesinnten heutigen Lesern statt, die diese Bücher in ihrem modernen, durch die Feminismusbrille getönten Blick zu deuten belieben. Es fällt nun auf, daß es der Anforderungen an einen Charakter offenbar nie genug ist: Denn wäre Anne wie George angelegt, wäre sie als eine weitere Ronja- oder Pippi-Figur nicht weniger der Kritik würdig.

(Und noch etwas anderes ist in Parenthese an dieser Stelle zu erkennen: Die Unmöglichkeit des Individuellen vor den Augen einer geschlechterbewegten Leserschaft. Man darf nämlich eigentlich heute eine weibliche Hauptfigur nicht mehr mit Attributen wie Schutzbedürftigkeit, Schwäche, Ängstlichkeit, Häuslichkeit etc. versehen, weil in der Auffassung gewisser Teile des Lesepublikums sofort der Typus gegenüber dem Individuum überwiegen würde. Es ist in den Augen feministischer Leser nicht Anne, die ängstlich und häuslich und wenig draufgängerisch ist. Es ist das rollenkonforme Mädchen Anne, das ängstlich und häuslich und wenig draufgängerisch ist. Ein Anzeichen dafür, daß Rollenfestschreibungen in einer Gesellschaft als überwunden gelten, wäre daher paradoxerweise nicht die Feststellung, daß in Literatur und Film keine rollenkonformen Frauen- oder Männerfiguren mehr vorkommen, sondern daß im Gegenteil Männer- und Frauen (wieder, nach heutigen Maßstäben) rollenkonform darstellbar sind. Jegliches Verhalten würde dann nämlich nur noch als individuelle Eigenschaft, nicht als Instantiierung der Rolle aufgefaßt werden. Wenn wir eine rollenlose Gesellschaft tatsächlich anstreben, so meine Empfehlung, müßten wir bei der Deutung literarischer Figuren jetzt schon davon Abstand nehmen, sie als Rolleninstantiierungen zu lesen, andernfalls Rollen niemals überwunden werden können. Klammer zu.)

Frau Haafs Argumentation muß drei Voraussetzungen machen. Erstens, es gibt typisch männliches, es gibt typisch weibliches Verhalten, wobei abenteuerlustiges, „wildes“ Verhalten männlich ist; zweitens, Pippi und Ronja zeigen beide typisch männliches Verhalten. Drittens: ein vom Typischen abweichendes Verhalten zu zeigen, wertet das Typische ab. Nur aufgrund dieser Voraussetzung können die beiden Protagonistinnen Pippi und Ronja ihre an typisch weibliches Verhalten geknüpften Rollenerwartungen zurückweisen. Schon diese beiden Voraussetzungen scheinen mir zu allem, was sonst aus feministischen Kreisen verlautet, in schroffem Widerspruch zu stehen. Wenn andererseits meine Kollegin recht hatte, dann steht Eva-Lotte, worüber man aus dem Text heraus durchaus geteilter Meinung sein kann, für ein eher rollenbestätigendes Verhalten. Ganz ähnliche Auffassungen von einer weiteren Lindgren-Figur äußert die Autorin der Süddeutschen übrigens auch selbst, wenn sie behauptet, Lovis, Ronjas Mutter, tue in dem Buch kaum etwas anderes, als ihrem Mann Mattis zu „assistieren“. Das stimmt schlichtweg nicht, die Autorin scheint das Buch nicht gelesen zu haben. Lovis ist das vernünftige, besonnene, ja, weise Korrektiv zum aufbrausenden, störrischen, emotionalen Mattis. Lovis ist diejenige, die sich Alternativen zur bestehenden Ordnung der Dinge vorstellen kann (etwa, daß man sich mit dem verfeindeten Clan in der anderen Burghälfte einigt; oder daß sich die Jungen einen Dreck um die Werte und Normen der Älteren scheren); Mattis muß das erst mühsam lernen. Aber das ist hier nicht der Punkt. Der Punkt ist, daß Haafs beiden Vorwürfe – die vermeintlich jungenhafte Pippi werte Weiblichkeit ab, und Lovis sei die Folie, von der sich Männlichkeit positiv abhebe – einander widersprechen. Denn um als Folie fungieren zu können, müssen Lovis’ Verhalten und Agieren weiblich sein, sagen wir, typisch weiblich. Offensichtlich ist das aber nicht, was Haaf als normalweiblich vorschwebt. Ich fasse zusammen: Pippi ist nicht weiblich genug, Eva-Lotte und Lovis zu weiblich. Ist eine Figur typisch weiblich, wertet sie das Weibliche nicht etwa auf, sondern bestätigt ein Klischee. Ist sie es nicht, wertet sie das Weibliche ab. Wie man’s macht, scheint es, ist es verkehrt. Merken Sie was, liebe Leserinnen und Leser? Double-bind! Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Man darf sich fragen, mit was für einer Art von Figurenzeichnung die Kritiker von dieser oder jener Richtung zufrieden wären? (Und was ist das überhaupt für ein Umgang mit Literatur, der, statt auf die genuin literarischen Meriten zu achten, Texte darauf befragt, ob man in ihnen nicht die eine oder andere Abwertung herauslesen kann? Was würde Frau Haaf zu einem Meisterwerk wie Javier Marías’ Dein Gesicht morgen sagen? Sie müßte es rundweg ablehnen. Aus außerliterarischen Gründen. Klammer zu.)

(Zwischenfrage: Wäre es dann auch eine Abwertung von Männlichkeit, wenn in einem Kinderbuch ein Junge sich wie ein „normales Mädchen“ verhält? Dreimal dürfen Sie raten. Das ist wieder eins dieser schönen Beispiele, wo, um Instanzen von Frauenfeindlichkeit ausfindig machen zu können, Frauenfeindlichkeit schon vorausgesetzt werden muß. Klammer zu.)

Hören wir hierzu Meredith Haaf: „Wilde, interessante Kinderbuch-Mädchen wollen mit dem, was Mädchen normalerweise so machen, wenig zu tun haben.“ Das mag sein, wirft aber zwei Fragen auf. Erstens, ist das, was normale Mädchen so machen, geeignet, eine spannende Geschichte herzugeben? Zweitens, ist das, was normale Jungs so machen, geeignet, eine spannende Geschichte herzugeben? Was Mädchen oder Jungen normalerweise so machen, davon will kein Kind lesen, das wissen die auch so. Literatur, egal ob für Kinder oder für Erwachsene, ist kein Abbild der Realität, sondern eine Alternative zu ihr. Eine spannendere Alternative, auch wenn uns diese Alternative etwas über die Realität mitteilen kann. Glaubt denn Frau Haaf allen ernstes, daß normale Jungs sich in der Realität als Detektive betätigen oder als Astronauten Raumstationen vor dem Verglühen retten? Verbrecher jagen oder eine Raumstation retten sind aber Tätigkeiten, die, weit entfernt, etwas mit dem Alltag von Jungen oder Mädchen zu tun zu haben, sich nun mal für eine spannende Geschichte hergeben. Da ist es ganz gleich, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, der oder die den Verbrecher jagt oder die Raumstation rettet. Das hat nichts mit männlichem oder weiblichem Verhalten zu tun (welcher typische Junge jagt in der Realität Verbrecher?), sondern ist eine Frage des (geeigneten oder weniger geeigneten) Stoffs.
Und man fragt sich, welche Attribute Pippi zu einer Figur gemacht hätten, die vor dem kritischen Auge der Süddeutschen-Autorin bestanden und Weiblichkeit nicht abgewertet hätte? Was wäre es, ich phantasiere mal, für ein Buch, in dem Pippi und Annika die Windeln einer (im Buch nicht vorkommenden) kleineren Schwestern auswaschen, Kuchenrezepte austauschen, über Thomas’ toxische Männlichkeit palavern würden, und sonst nichts Aufregenderes passierte? Ich weiß nicht, ob eine solche Anlage von Pippis Figur Meredith Haaf zufriedenstellen würde. Ich weiß nur, daß es ein äußerst ödes Buch geworden wäre. Schon anhand meines Beispiels wird klar, daß man sich sofort in Stereotypen bewegt, will man etwas vermeintlich Normales darstellen. Was normale Mädchen und Jungs machen, ist, wie gesagt, uninteressant. Was Piraten, Indianer, Raumfahrer, Entdecker tun, ist interessant, egal, ob das Männer oder Frauen sind. Freilich, wenn andererseits die ganzen Piraten und Entdecker stets Jungen wären, würde sofort (und zu recht) der Vorwurf laut, daß Mädchen in der Kinderliteratur gar nicht oder nur als schmückendes Beiwerk vorkämen. Natürlich könnte man jetzt den Schluß ziehen, daß spannende Literatur genuin männlich sei. Bitte, dann ist das eben so. Man widerlege mich mit einem spannenden, gleichwohl normalweiblichen Tätigkeitsfeld. Meredith Haaf jedenfalls bleibt ein Beispiel, was denn spannende, sich als Erzählstoff empfehlende Mädchentätigkeiten sind, in ihrem Artikel schuldig.

Man kann eine Rolle entweder bestätigen oder ablehnen. Oder man kann versuchen, allen Rollenvorgaben (oder keiner) zu entsprechen. Für Geschlechterrollen bedeutet das, entweder ist man ein typisches Mädchen (oder ein typischer Junge), oder kein typisches Mädchen (oder kein typischer Junge), oder beides, oder beides nicht. Nur aus der ersten und den letzten beiden Strategien dürften sich dann im Haafschen Sinne untadelige Protagonisten und Protagonistinnen rekrutieren lassen, solche nämlich, für die der Vorwurf einer Abwertung des jeweils anderen Typischen gegenstandslos wäre: Also Mädchen, die entweder typische Mädchen (Aufwertung des Weiblichen) oder sowohl typische Mädchen als auch jungenhaft wären (Auflehnung gegen Rollenfestlegungen), und umgekehrt für Jungen. Oder eben Jungen und Mädchen, die so angelegt wären, daß sie sich allen Geschlechtsstereotypen entziehen. Es ist eine interessante Frage, was letztere wohl für Wesen wären. Meine Vermutung ist, daß es unmöglich ist, eine solche Figur anzulegen, weil der Leser jedes Verhalten einzuordnen versucht. Da eine narrative Figur aber menschliche Gefühle und Motivationen haben muß, um überhaupt Figur zu sein (selbst wenn es sich um ein Schaf oder eine Katze handelt), müßten ihre Handlungen, Vorlieben, Ziele und Strategien eben auch menschlich – und damit männlich oder weiblich sein. Egal, was sie täten, wie sie handelten, selbst wenn ihr Geschlecht nicht genannt, selbst wenn für sie fiktive Pronomen, Artikel und Flexionen verwendet würden – als Leser wird man immer Muster menschlichen, und damit männlichen oder weiblichen Verhaltens zu entdecken geneigt sein. Und das gelingt auch dann, wenn es der Absicht des Autors zuwiderläuft. Es gelingt so, wie es immer gelingt, Tierfiguren oder Gegenstände in Wolken oder Felsformationen oder Konstellationen hineinzudenken. Sie sind nicht da, aber wir – als Lebewesen, für die Mustererkennung alles bedeutet – sehen sie trotzdem. Ein Roman, der genau das versucht, also Wesen auftreten läßt, die nicht nur nicht typisch männlich oder weiblich, sondern die tatsächlich Zwitter sind, ist Left Hand of Darkness von Ursula LeGuin. Ein Abgesandter einer interstellaren Konföderation wird auf den Planeten Winter geschickt, um mit der dortigen Zivilisation Gespräche über eine Aufnahme des Planeten in die Konföderation zu führen. Die Bewohner dieses Planeten sind, in allen übrigen Merkmalen humanoid, Zwitter, und überdies haben sie einen sehr stark ausgeprägten Östrus. Paarungen finden nur einmal alle paar Wochen statt, zur Brunftzeit („Kemmer“ genannt). Wie beim Menschen passiert das in einem festen Rhythmus von Tagen, der aber individuell zu unterschiedlichen Zeiten kulminiert, also jahreszeitlich unabhängig ist; und anders als beim Menschen gibt es außerhalb des Kemmer weder geschlechtliche Ausprägungen am Organismus noch in den Individuen die geringste Motivation für Sex. In dieser Latenzzeit sind die Organismen an Paarung uninteressierte Zwitter. Nur während des Kemmer bilden die Organismen Geschlechtsmerkmale aus; ob das männliche oder weibliche sind, wissen die Lebewesen vorher nicht, also auch nicht, ob sie beim nächsten Kemmer als Männchen zeugen oder als Weibchen empfangen. Darüber hinaus ist der Sexualtrieb während des Kemmer überwältigend und läßt jede andere Motivation zurücktreten, was interessante Folgen für die Gesellschaft hat. Niemand muß während des Kemmer arbeiten, wer keinen Partner hat, kann entsprechende Lokale aufsuchen, in denen alleinstehende Kemmernde zueinander finden. Einen Kemmernden von der Möglichkeit auszuschließen, sich zu paaren, gilt als Folter. Es gibt keine Unterscheidung in „männliches“ und „weibliches“ Begehren. Sexuelles Begehren ist auch niemals falsch oder unerwünscht, es ist nicht unterdrückbar, und es ist immer symmetrisch, insofern es zwei Kemmernde involviert. Mit diesen Vorgaben hat LeGuin ein ideales Versuchsfeld für allerlei gesellschaftliche Gedankenexperimente geschaffen. Worum es mir hier geht, ist aber, wie die dargestellten Lebewesen in der Imagination des Lesers auftreten. Als Männer? Als Frauen? Oder als das, als was sie intendiert waren, als Zwitter? LeGuin beschreibt eine konsistente, plausible Welt, und sie hält ihre Beschreibung konsequent durch, indem sie dem Leser jegliche Hinweise aufs Geschlecht (außerhalb des Kemmer zumindest) strikt verweigert. Und doch ist es mir so gegangen, daß sich in meine Vorstellung Geschlechtsattribute eingeschlichen haben. Für mich haben die Bewohner eben doch eines, und zwar, interessanterweise, sind das in meiner Imagination alles Frauen. Das ist nur eine persönliche Erfahrung, ich vermute aber, daß Menschen nicht anders können, als das Geschlecht in Lebewesen hineinzudenken, so wie man manchmal gar nicht anders kann, als in einer Wolkenformation einen Blauwal zu erblicken.
Mit anderen Worten: eine geschlechtslose Pippi, einen zwittrigen Harry Potter, kann es schwerlich geben. (Abgesehen davon, daß wir Kinderliteratur sicher nicht auf solche mit Zwitterfiguren beschränkt sehen wollen.)

Nun hat Literatur eben, wenn es gute Literatur sein soll, gerade nicht mit der Bestätigung von Rollen sondern mit der kritischen, verneinenden, ja, scheiternden Auseinandersetzung mit Rollen zu tun. (Das ist eine Eigenschaft von Literatur, keinesfalls von „männlicher“ Literatur, um diesem Einwand hier gleich abzuhelfen.) Werther scheitert daran, daß er mit seiner Empfindsamkeit und Radikalität, mit seinem Liebeswunsch und seinen Sehnsüchten eben keine ihm gemäße Rolle in der Standesgesellschaft findet; Tess (of the d’Urbervilles) scheitert an den rigiden Auffassungen von korrektem weiblichen Verhalten der Gesellschaft, in der sie lebt; Catherine (Linton, geb. Earnshaw) scheitert an ihrer Wildheit und an einer Liebe, die nicht alltagstauglich ist; Effi (Briest) scheitert daran, daß sie sich rollenwidrig verliebt. Die Rolle gibt immer die Gesellschaft vor; interessante Literatur beschäftigt sich damit, wie es ist, die Dinge ein bißchen aufzumischen. Zu lieben, wen man nicht lieben darf; zu wünschen, was man nicht zu wünschen hat; auf Bäume zu klettern, obwohl man in einen hohlen Stamm fallen, im Wald umherzustreunen, obwohl man dabei in ein Nest von Rumpelwichten stürzen kann, den Sohn eines rivalisierenden Clans sich zum Freund erkiesen. Ein solches Aufbegehren – und nichts anderes ist es, was insbesondere Pippi tut – als „Abwertung“ des konformen Verhaltens zu betrachten, ist natürlich möglich, aber darum geht es nicht – sonst ist es keine Kunst, sondern Propaganda. So scheint mir Meredith Haafs Auffassung an allem vorbeizugehen, was Literatur, gute Literatur, im Kern ausmacht. Eine Figur wie Pippi bewertet eben gerade nicht. Das macht allenfalls der Leser. Sie hinterfragt, sie stellt das Etablierte auf den Kopf, sie setzt sich über alles Vorgefaßte respektlos hinweg. Und das wichtigste: Sie bietet keine fix-und-fertige Lösung als Alternative zum Bestehenden an. Das hat sie nicht nötig, es interessiert sie nicht, und das Bestehende wird in diesen Büchern nie systematisch in Zweifel gezogen oder als verbesserungspflichtig dargestellt. Die Welt ist, wie sie ist, und man muß sich eben, so gut man kann, in ihr zurechtfinden. Pippi kritisiert Etablierte nicht – sie ignoriert es einfach, wo es ihr nicht paßt. Wenn das typisch männlich sein soll, wenn das Weiblichkeit abwerten soll – dann weiß ich auch nicht weiter.

(Vielleicht aber ist in diesem Zusammenhang der Hinweis nicht verfehlt, daß es von jeher eine beliebte Strategie von konservativer Seite gewesen ist, Frauenrechtlerinnen lächerlich zu machen, indem man sie als unweiblich diffamierte. Klammer zu.)

Bleiben wir ein bißchen bei dieser Figur. Wer ist Pippi? Wie ist sie? Zunächst einmal ist sie ein Kind, wenn auch ein sehr ungewöhnliches. Ferner ist sie ein Mädchen, aber bis auf die Grammatik hat das keinerlei Konsequenzen. Trotzdem stimmt aber gerade nicht, daß Pippi andererseits typisch männliche Attribute hätte. Sie klettert auf Bäume, vermöbelt einen Kraftprotz im Zirkus, reitet ein Pferd; und sie führt einen Haushalt, backt Pfannkuchen und bewirtet ihre Gäste mit Kaffee. Sie ist stark – nicht wie ein Mann, sondern übermenschlich stark, stärker noch als der Kraftmeier im Zirkus. Trotzdem weiß sie ihre Kraft zu dosieren und wird erst handgreiflich, nachdem andere es geworden sind. Sie besitzt einen Goldschatz und ist reich. Sie hat keine Mutter mehr und einen Vater, der weit weg ist; man kann sagen, sie ist elternlos. So muß sie sich selbst Vater und Mutter sein, wie sie es selbst formuliert, und meistert die Aufgabe mit Bravour. Das bedeutet eine gewisse Einsamkeit; aber es bedeutet auch, sie ist ihr eigener Herr. Pippi ist nicht mutig sondern furchtlos, Autoritäten beeindrucken sie nicht, sie ist so stark und unabhängig, daß nichts sie auf Dauer aus der Ruhe bringen, ängstigen, angreifen, verunsichern kann (auch wenn sie Anwandlungen von Schüchternheit hat). Dennoch ist sie empfindsam, fühlt sich manchmal allein, sehnt sich nach menschlicher Nähe. Mitleid braucht sie dagegen keines. Sie kennt ihre Schwächen und weiß sich zu helfen. Sie ist hilfsbereit und tritt für Schwächere ein. Sie ist unerschrocken, respektlos und bereit, alles, aber alles in Frage zu stellen. Sie ist dabei dezidiert kein Sokrates, der einer bestimmten Agenda folgt und die Leute bekehren will. Pippi hat keine Botschaft. Sie phantasiert unbekümmert das Blaue vom Himmel herunter. Sie ist zufrieden mit dem Leben, das sie führt, und wünscht sich kein anderes. Sie tut, was sie will, geht zu Bett, wann sie will, ißt, was und wieviel sie will. Und trotzdem hat sie ihr Leben im Griff. Kurzum, Pippi ist frei. Pippi ist der freieste Mensch auf Erden. Pippi ist der freie Mensch schlechthin. Und als solcher wirkt sie auf subtile Weise erzieherisch (oder subversiv, je nach Perspektive.) Oder besser, sie wirkt verführerisch. Und sie zeigt Thomas und Annika, sie zeigt den Lesern, wie Freiheit geht. Insofern könnte sie auch modernen Feministinnen noch etwas zu sagen haben.
Pippi ist die Projektion alles dessen, was Kinder gerne wären und wonach sie sich sehnen. Einmal nicht am Gängelband der Eltern gehalten sein! Sich die Nächte um die Ohren schlagen dürfen! Den ekelhaften Spinat zum Fenster hinauskippen! Sich von Eis, Pommes und Kuchen ernähren! Den langweiligen, doofen Erwachsenen mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt! Sich selbst ermächtigen! Pippi ist eine großartige Identifikationsfigur, wer wäre nicht gerne wie sie? Aber sie ist es für Jungs wie für Mädchen gleichermaßen, und daß sie ein Mädchen ist, spielt für die Eignung als Identifikationsfigur keine Rolle.
Denn es gibt doch so viel mehr und so viel interessanteres als Geschlechterrollen. Pippis Identifikationsangebot bevorzugt kein Geschlecht. Das große Thema der drei Pippi-Bücher ist nicht die Rolle von Mädchen und Jungen, und der Text macht diesbezüglich keine Angebote. Thomas und Annika sind beide angepaßt, und sie sind es auf die gleiche Weise: als Kinder, die den spaßfreien Gängelungen und Regeln der Erwachsenen ausgeliefert sind und glauben, das müsse so sein, weil sie nichts anderes kennen. Pippi zeigt ihnen, daß die Welt keineswegs selbstverständlich so ist, wie sie ist. Das große Thema der Pippi-Bücher ist die Freiheit; und das Kindsein; und die Freiheit des Kindseins. Mittels der Pippi-Figur können Kinder ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung ausleben und im Nachvollzug dieser Figur stellvertretend all die tollen Dinge tun, die Mama und Papa niemals erlauben würden, können all das für die Dauer einer lustigen, verrückten Geschichte niederreißen, was in der Realität das Leben als Kind so empörend schwierig macht, Regeln, Grenzen, Verbote, Strafen, kneifende Wollunterwäsche. So hält das Buch die Sehnsucht nach dem ganz anderen wach. Daneben ist es aber auch eine Feier des Kindseins und eine klare Absage an alle Erwachsenenwerte. So wird die Welt der Erwachsenen, in der man arbeiten muß und Hühneraugen bekommt, zum Schluß von Pippi, Thomas und Annika als so wenig erstrebenswert bestimmt, daß sie beschließen, niemals groß zu werden. Als Kind ist man nämlich vielleicht doch in Sachen Freiheit den Erwachsenen ein bißchen voraus, wenn man es genau betrachtet. Eine Figur wie Pippi hilft, diese Freiheiten zu sehen – und Gebrauch von ihnen zu machen.

Werbeanzeigen

§ 25 Antworten auf Spaßfrei mit Feminismusbrille

  • Der Emil sagt:

    (Vorbemerkung: Oh, hier spricht mir jemand aus der Seele!)

    Ich weiß, ich muß diesen Text noch mehrmals lesen. Und Pippi Langstrumpf muß ich auch wieder lesen, und zwar eine alte, ungegenderte, nicht auf bolliddigl korrecktnäss getrimmte, zerkorrigierte Version.

    Vielen Dank für Deine Gedanken.

    • Solminore sagt:

      Ich hätte auch gern ein unzensiertes Exemplar; leider müssen die Ausgaben, die ich schon als Kind von einer Großcousine geerbt habe, als verschollen gelten. Das einzige Expemplar, zu dem ich derzeit Zugriff habe, ist eine griechische Übersetzung.

  • Lakritze sagt:

    Ich denke, man darf auch noch in Frage stellen, wie sich denn ein „normales“ Mädchen, wie ein „normaler“ Junge zu verhalten hat. (An das Normale glaube ich ja nicht …) Und ob das Normale und das Typische dasselbe sind. Und wie es sich dazu mit dem Idealen verhält. Mich hat am Süddeutsche-Text befremdet, wie das „Weiche, Häusliche“, „Kleider und Puppen“ mit „weiblich“ gleichgesetzt wurde. Ist es das?

    • Solminore sagt:

      Wie gesagt, wenn man versucht, Beispiele zu finden, driftet man schnell in Stereotype ab. „Normal“ kann ja dreierlei bedeuten: Den Median eines Merkmals; oder das als Unauffällig empfundene; oder drittens, die gesetzte, erwartete Norm (deren Abweichung sanktioniert wird). Ich würde versuchsweise vorschlagen, „typisch“ in die Nähe des empfundenen Normalen zu setzen.

    • Solminore sagt:

      Und ich glaube eben nicht, daß weich, häuslich, Kleider und Puppen weiblich ist. Und das ist genau der Punkt: Wenn Haaf recht haben will, dann muß sie solche Stereotype voraussetzen, und das mag ich nicht.

  • Ich habe noch meine Pippi-Ausgabe aus Kindertagen und würde sie auch auf einsame Insel mitnehmen, wenn ich mich für ein Buch entscheiden müsste.:-)

  • Möglicherweise wirken Pippi und George deshalb , weil die Stereotype, denen sie sich entziehen, (immer noch) gesellschaftlich vorgegeben sind. Eine Frage: war Pippi ein Vorbild oder eine Identifikationsfigur für Sie, als Sie ein kleiner Junge waren? (Mein Bruder identifizierte sich übrigens mit Tommy.)

    • Solminore sagt:

      Und wenn sich diese Figuren entziehen, werten sie „das Weibliche“ ab. Tja.

      Ob Pippi eine Identifikationsfigur für mich war? Nicht in dem Sinne, daß ich ihr hätte nacheifern wollen. Ich glaube, dazu war die Figur dann doch zu fremdartig und unrealistisch. Was nichts vom Vergnügen fortnahm, über sie zu lesen.

      Ich glaube, ich hatte es mehr mit den (männlichen) Helden. Prinz Eisenherz, so jemand. Ich erinnere mich, aber da war ich schon sechzehn, daß ich in der Krimireihe von Sjöwall/Wahlöö Gunvald Larsson bewunderte. So ein cooler Typ wäre ich in der Tat auch gerne gewesen.

      • Ich meinte nur: die Stereotype sind in unseren Köpfen. Wie Pippi und George auf uns wirkten, hat etwas mit dem zu tun, was für uns „normal“ ist bzw. „normal“ war, als wir Kinder waren.

        • Solminore sagt:

          Ja, richtig. Stereotype sind im Kopf. Andernfalls wären es Tatsachen. 😉

          Ich muß noch darüber nachdenken, wie das Verhältnis von Fiktion, fiktionaler Welt und realer Welt beschaffen ist. Oder andersherum: Wie real muß der Welthintergrund einer Fiktion sein? Wo, wie und unter welchen Umständen kann er von der Realität abweichen? Wo muß er es sogar? (Man denke an Science Fiction und Fantasy, für die solche Abweichungen gattungskonstitutiv sind.)

          Und wo, wie, unter welchen Umständen wird aus einer solchen Abweichung Propaganda? Kann man sich etwa eine Version des Herrn der Ringe vorstellen, in der Frauen wie Männer Krieger, oder die Rollen vertauscht wären, ohne daß daraus ein Thesenpapier der Gendertheorie (oder Persiflage) würde? Wenn nicht, warum nicht?

          Wäre ein männliches Rotkäppchen denkbar, das seinen Großvater besucht? Könnte den Großvater eine Wölfin fressen, und könnte eine Jägerin alle wieder befreien?

          Wäre eine tapfere Schneiderin denkbar?

          Bei Lindgren sind es immerhin eine Räubertochter und ein Räubersohn. Aber könnten Lovis und Mattis die Rollen tauschen, ohne daß es, na ja, lächerlich wäre?

          Warum ist es lächerlich? (Oder finde nur ich das lächerlich?)

          Wenn diese Fragen beantwortet wären, wüßte ich vielleicht auch, was mich am Bechdel-Test so immens stört.

  • rotewelt sagt:

    Ich habe nur ein Drittel deines interessanten Textes gelesen, dann musste ich aufhören, denn sonst hätte ich mich zu sehr aufgeregt. Was für abstruse verquere Ausmaße doch dieser Genderwahnsinn hat, ist für mich kaum zu fassen. Da werden erfrischende weibliche Buchfiguren von der Süddeutsche-Autorin so krampfhaft-künstlich und willkürlich hingedreht, dass es aussehen soll, als seien die damaligen Autorinnen quasi frauenfeindlich. Nein, mit solchem „Feminismus“ will ich nichts zu tun haben und fast tun mir Haaf und andere Genderfrauen leid, dass sie ihre Zeit mit solchen Bemühungen verbringen und suchen und suchen, bis sie finden, was sie finden wollen bzw. was in ihren Kram passt. Die Welt hat wahrlich andere Probleme, echte. Danke für deine Kritik.

    • Solminore sagt:

      Meine erste Reaktion ist immer: Das kann unmöglich ernst gemeint sein: Sprache ist ein Machtinstrument der Männer? Das Justizsystem und die Demokratie sind von Männern für Männer erfunden worden? Ein Gedicht über Blumen und Frauen ist sexistisch? Ich habe sogar schon die Ansicht gehört, daß die durchge_gender_te, alle Minderheit*Innen und Identität*Innen berücksichtigende Sternch*Innensprache ein Alleinstellungsmerkmal der betreffenden Minderheiten (LGSMBTQ, PoC), ihr Gebrauch durch Mehrheitsangehörig*e mithin ein Akt der Appropriation sei! Es ist manchmal derart abstrus (und widersprüchlich), daß es einem die Sprache verschlägt. Ich denke dann, wenn du jetzt dich dazu äußerst, tappst du nur in eine Provokationsfalle. Und würdigst diesen Unsinn noch durch dein Argumentieren. Ich fürchte aber, diese Ansichten werden nicht allein mit der Absicht zur Provokation, sondern in vollem Ernst geäußert.

      • rotewelt sagt:

        Ja, anfangs habe ich auch gedacht, das könnte nicht ernst gemeint sein. Doch die sprunghafte Zunahme von Gender-Studies-„Wissenschaften“ an den Universitäten und die Pervertierung der Sprache (so ist an manchen Unis der gesamte Lehrkörper inzwischen weilblich – alle sind Professorinnen, ohne Sternchen und I) oder das Ignorieren von sprachlich ungegenderten Anträgen in einigen regionalen politischen Gremien sprechen eine andere Sprache. Ich glaube aber nicht, dass die von dir erwähnte Sprache ein Alleinstellungsmerkmal der betreffenden „Minderheiten“ (ach, ich als Frau bin eine Minderheit?) ist, sondern sich aus falsch verstandener political correctness in allen Hirnen festsetzt, inzwischen sind ja viele Hetero-Männer genauso eifrige Verfechter dieser Sprache. Ja, und das alles ist – leider – bitterer Ernst. Ich bin froh, heute nicht mehr Studentin zu sein oder gar an Universitäten zu unterrichten, ich müsste mich entweder total verbiegen oder würde ständig ausgebuht. Da ich diese abstruse Sprache nur gebrauche, um sie zu kritisieren, erkenne ich sie auch nicht an und fühle mich auch nicht in der Falle.

        • Solminore sagt:

          „Ich bin froh, heute nicht mehr Studentin zu sein oder gar an Universitäten zu unterrichten, ich müsste mich entweder total verbiegen oder würde ständig ausgebuht.“

          Genau das denke ich auch oft.

          Zu der Alleinstellungssache: Es gibt tatsächlich extreme Formen dieser Sondersprache, wo kaum ein Wort mehr ohne Unterstrich, Sternchen oder andere Marker mehr auskommt, und die alle Eigenschaften eines Geheimcodes aufweisen. Wenn ich es noch einmal finde, stell ich hier mal den Link ein. Mit Frauenrechten oder „Sichtbarkeit“ von Frauen hat das nichts zu tun, es geht, wie so oft, um „awareness“, und Sprache ist ja sowieso ein Machtinstrument, oder so.

  • Bee sagt:

    …“eben auch menschlich – und damit männlich oder weiblich sein…!
    Stimmt das denn? Dass Menschen nur entweder männlich /oder/ weiblich sein können?

    Und wie wäre eine Person, die beides in sich vereinigt? Ich stelle mir einen Menschen vor, der freundlich ist, liebevoll, schlau und humorvoll und für sich selbst sorgen kann, sich nicht so wichtig nimmt, gut kochen kann, ein Gefühl für Schönheit hat, ein Feld bestellen kann, sich mit der Natur auskennt, die notwendigen mathematischen Rechnungen auszuführen in der Lage ist und so weiter und so weiter. Meine Beispiele würde ich beiden Geschlechtern zuordnen bzw. empfinde sie als menschlich.

    Left Hand of Darkness von Ursula LeGuin habe ich sehr gern gelesen und, (haha) im Gegensatz zu Ihnen empfand ich die Hauptpersonen eher männlich, interessant, oder?

    Für mich fehlt dem (nach Ihrer Sicht ‚geschlechtslosen‘) Zwitter nichts, sondern kann sich beider (Geschlechter) bedienen, geht also über alles Begrenzte hinaus. (Mit großem Interesse verfolge ich das Thema, im Netz gibt es einige Dokumentationen. Bin aber jetzt wortkarg und wollte mich nur kurz einmischen.)

    • Solminore sagt:

      Einmischungen sind immer willkommen. 😉

      Laut Wikipedia lassen sich etwa 0,1 % der Menschen aufgrund anatomischer, chromosomaler oder hormoneller Befunde nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Insofern ist Ihre Frage berechtigt. Für die 99,9 %, denen eindeutig ein Geschlecht zugewiesen werden kann, gilt nach meiner Vermutung, daß nicht nur das eigene Geschlecht, sondern auch das der Mitmenschen in der Wahrnehmung noch vor kulturellen Überformungen eine festverdrahtete Kategorie darstellt. Lediglich eine Vermutung, wenn ich mehr darüber herausfinde, werde ich darüber schreiben.

      Interessant finde ich, daß Ihnen die Zwitterwesen in dem Roman von LeGuin (die übrigens während des Kemmerns eindeutig weiblich oder männlich sind) als männlich begegnet sind. Es ist ja ein bißchen so, als wäre es der Autorin gelungen, sie so anders als terranische Menschen darzustellen, daß sie für weibliche und männliche menschliche Leser immer als „das andere“ gelesen werden. Auch das nur eine Vermutung.

      Ihre Beschreibung eines Menschen läßt sich in meiner eigenen subjektiven Auffassung widerspruchsfrei als Mann oder als Frau denken. Aber das meinte ich nicht damit, als ich sagte, daß wir einander (vermutlich) immer als männlich oder weiblich auffassen.

      • Bee sagt:

        Bin sicher, dass die beiden Kategorien fest verdrahtet sind. Ihr Posting versucht ja aber, über die Kategorien hinauszugehen. Für mich, stelle ich gerade, hier in der Sonne sitzend, fest, dass es ein Zurückgehen ist/gibt in die Zeiten, als die Kategorien noch nicht verdrahtet waren. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich meine vorpubertäre Zeit in diesem glücklichen Zustand verbracht habe. Natürlich gab es Jungen /und/ Mädchen, aber das war mir noch egal, denn es gab zig andere Kategorien, die mir viel wichtiger waren. In meinen Büchern konnte ich mich problemlos mit männlichen Figuren identifizieren, weil ich auch diese /war/. Hm, und wo ich gerade dabei bin, wird mir klar, dass Lieblingsfiguren wie Tarzan oder Robinson Crusoe sich womöglich gar nicht am Geschlechtlichen festgemacht haben, sondern am Menschsein an sich. Robinson geht durch alle Höhen und Tiefen des Alleinseins, bereitet sich ein Heim, übersteht eine lebensbedrohliche Kranheit und findet einen Freund, Tarzan ist erst noch Kind, bevor er zum Menschen reift – so einfach war das für mich damals. (Ist alles nur Entwurf, können Sie gerne verwerfen.)

        • rotewelt sagt:

          Genau, meine Lieblingsfiguren von früher (aber auch von heute, wenn ich an die Protagonisten in Literatur und Film denke) waren auch nicht am Geschlechtlichen festgemacht. Ich mochte „Die Insel der blauen Delphine“, in der ein kleines Mädchen eine Art weiblicher Robinson war, genauso gern wie den männlichen Robinson. Ja, es geht ums Menschsein. Und genau deswegen brauche ich diesen Gender-Kram nicht. Ich bin Mensch und Frau und fühlte mich als Frau von der Sprache noch nie übergangen, sondern immer mitgemeint.

          • Solminore sagt:

            Die Insel der blauen Delphine ist ein wunderbares Buch, dazu hätte ich eigentlich auch noch was schreiben müssen.

            Es ist zu vermuten, daß aber auch Die Insel den genderbewegten Literaturkritikerinnen nicht recht gewesen wäre, obwohl das Buch praktisch nur eine einzige Protagonistin hat. Man könnte mal phantasieren, was dagegen vorzubringen wäre: „Die Protagonistin muß sich in einer Männerumwelt mit männlichen Kulturtechniken wie Werkzeugbau und Jagd behaupten; daß sie dies erfolgreich tut, wertet männliche Eigenschaften wie jagdliche Aggressivität und Fixierung auf Artefakte, sowie körperbetone Geschicklichkeitsspiele und ein auf Beherrschung der Natur ausgerichtetes Agieren auf und weibliche Eigenschaften wie Kommunikation, Networking, Kooperation, Sharing Community und Harmonie mit der Natur ab. Bei der jungen Leserin bleibt die Botschaft hängen, daß in einer rauhen Umwelt nur rauhes Verhalten, List, Gewalt und das Streben nach Dominanz zum Erfolg führen. Es zementiert daher Rollenklischees und ist für junge Leserinnen keinesfalls geeignet.“

  • Ich habe ein Weilchen drüber nachgedacht, wie denn eine spannende Geschichte ohne Geschlechterklischees aussieht; dann fiel mir ein gutes Beispiel ein: „Stand Still, Stay Silent„. (Wunderschön, sowieso.) Mit gut gezeichneten Figuren, bei denen tatsächlich Persönlichkeiten im Vordergrund stehen. Weitsichtig, draufgängerisch, impulsiv, stark, schnell, ängstlich, nachdenklich, häuslich, kommt alles vor – denken Sie sich jetzt, welche Eigenschaft bei welchem Geschlecht. Sie liegen vermutlich in ungefähr der Hälfte der Fälle richtig. (Auch klar: ist Science Fiction/Fantasy/Horror, also nicht von dieser Welt.)

Voces lectorum

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Was ist das?

Du liest momentan Spaßfrei mit Feminismusbrille auf VOCES INTIMAE.

Meta