7. Februar 2019 § 6 Kommentare

Sich fremd fühlen, überall.

Wenn in einer Zeitschrift, die ihre aktuelle Ausgabe der urbanen Entwicklung und zukunftsfähigen Formen des Arbeitens, Lebens und Wirtschaftens in der Stadt widmet, der als äußerst maßvoll bejubelte Mietanstieg von 225 Schweizer Franken in einem Objekt in Zürich als Beispiel und Argument für eine funktionierende Mietpreisbremse angeführt wird: Ich denke daran, daß diese durch Sanierung entstandene Erhöhung ziemlich genau meiner derzeitigen Warmmiete entspricht, und werde darüber gänzlich mutlos. Ich verdanke mein Wohlergehen nicht gern einem guten Willen oder schlechten Gewissen von Besitzenden oder auch nur einem Glücksfall. Ich würde mich gern auf das beschränken, was mir zusteht, und was mir kraft dieses Rechts nicht genommen werden kann.

In einem anderen Artikel derselben Zeitschrift versteht jemand unter „bezahlbaren Alternativen“ zur „miesen Wohnungslage“ (okay, in Manhattan, aber auch dort leben Menschen, nicht nur Anzugsfritzen) Unterkünfte für 1800 Dollar. Und, nein, damit ist nicht die Jahresmiete gemeint. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, zu was das eine günstige Alternative sein soll. Das sind Größenordnungen, in denen mein ganzes Leben verschwindet wie eine Schneeflocke in einer Lawine. Leider sind diese Größenordnungen schon in weiten Teilen der Welt maßstäblich geworden. Damit wird die Welt unbewohnbar für einen wie mich. Ich meine nicht: Manhattan wird unbewohnbar. Sondern überall.

Eine weitere Irritation, die mir die Ausgabe verursacht, betrifft das, was ich im Freundeskreis die Lückenlosisierung der Welt genannt habe. Damals sprachen wir von der Schülernachhilfe, die laut Auskunft eines, nennen wir ihn ruhig Investor, eines Investors also ein „Riesenmarkt“ sei; in dem Zeitschriftenartikel ist es eine Vermittlungsplattform für nachbarschaftliche Handwerker- und Hausmeisterdienste. Das klingt alles wunderprächtig, was dort an wünschenswerten Effekten aufgezählt wird, nur eines gerät gar nicht erst ins Blickfeld: Daß damit wieder einmal ein Raum unterm Radar ins Licht offizieller Strukturen gehoben und damit gesetzlicher Gängelung und fiskaler Kontrolle unterworfen wird. Freilich zum Nutzen und zur Sicherheit der Beteiligten, man will ja wissen, wen man sich ins Haus holt, wenn man einen Wasserrohrbruch hat, aber eben auch unter Verlust des Inoffiziellen, steuerlich Unerfaßbaren, unter Verlust auch von Vertrauen und ungeregelt funktionierendem Miteinander.

Ich weiß auch, daß man es mir nicht recht machen kann.

Von einer Nachhilfestunde, in der ich neunzig Minuten versucht hatte, einem Unterstüfler, der keine Lust dazu hat, etwas Latein in seinen Dickschädel zu hämmern, nach Hause, zu Fuß über schnellstraßengesäumte Felder, weil der öffentliche Personennahverkehr nur zehn Minuten schneller ist. Verdient hatte ich fünfundzwanzig Euronen. Für 1800 Euro Monatsmiete müßte ich zweiundsiebzig solcher Stunden ableisten, eine durchaus erschreckende Vorstellung. Aber nicht darüber dachte ich nach, während ich am Gehölz Eichenkamp durch die Dämmerung schritt. Sondern ich dachte, daß es für einen wie mich keinen Platz gibt in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Ich habe nichts Brauchbares (im Sinne von „verwertbar“) gelernt und habe auch nie etwas Brauchbares lernen wollen. Seltsamerweise interessiere ich mich ausschließlich für Unbrauchbares, und das ist von Kindesbeinen an so gewesen. Ausgestorbene Tiere und Pflanzen fand ich interessanter als lebende, schöne Bäume interessanter als eßbare Kulturpflanzen, ich wollte lieber Apachisch oder Baskisch lernen als Chinesisch oder Russisch, den Mars fand ich spannender als den Corn Belt oder den Bergbau in Nordrhein-Westfalen und im Studium Syntaxtheorie anziehender als Computerlinguistik, mit der man vielleicht noch was hätte anfangen können. Oder Logopädie: Gähnend langweilig. Dito klinische Linguistik. Und ich dachte darüber nach, wie es kommt, daß ich, egal um welches Wissensgebiet es sich handelt, immer aussteige, sobald es an die Anwendungen geht. Es interessiert mich einfach nicht, ich kann es nicht ändern. Warum aber ist das so? Die Therapeutenantwort wäre vermutlich: Sie scheuen die Erprobung Ihres Wissens an der Wirklichkeit, weil Sie dabei scheitern können. Sie fürchten sich vorm Scheitern und fliehen in die Welt des Abstrakten. Eine wohlwollende Antwort wäre: Du bist halt der geborene Wissenschaftler. Das ist nett; allein, dazu fehlt mir das Talent. Blieben vielleicht noch unterrichtende Tätigkeiten. Allerdings finde ich es furchtbar, wenn Schüler nicht von sich aus lernen wollen. Und an diesem Punkt war ich dann wieder bei meinem Nachhilfepennäler angelangt.

Soll man sein Leben der Schönheit widmen? Reicht das zum Gelingen des Lebens? Ist es egal, was die anderen von einem denken? Und was ist, wenn die Schönheit ausbleibt, sich als zu schwierig erweist, sich entzieht? Ich habe den Eindruck, man kann damit nicht mehr aufhören, wenn man mal angefangen hat. Wie eine Geschichte, die zu Ende erzählt werden muß, eher findet man seine Ruhe nicht.

Der Mensch lebt nicht vom Brot oder der Unterkunft allein, schon richtig. Aber auch von der Schönheit alleine nicht.

Ich will ja gar nicht in Manhattan oder Zürich wohnen, sollen die das doch unter sich ausmachen, die glauben nirgendwo anders leben zu können. Aber sie machen es halt nicht unter sich aus. Was dort passiert, führt dazu, daß die Mieten in Orten, die ich bevorzuge, nämlich solche, die auf -berg, -hausen, oder -scheid enden, ihrerseits mitgenommen werden: Von der Woge, von der es mal hieß, sie höbe die kleinen Boote ebenso an wie die Ozeanriesen, nur daß damit was anderes gemeint war.

(Widdich–Bornheim, 4.2.19)

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