Das Private ist Privat

30. Juli 2019 § 5 Kommentare

Man kann natürlich aus allem ein Geschlechterrolenproblem machen, wenn man es darauf anlegt. In einer Kolumne, die den Einsatz von Vibratoren kritisch sieht, ist folgendes zu lesen:

Es bleiben Werkzeuge, die wir da benutzen. Dinge, die nicht zu uns gehören, die keine Empfindung haben und nicht auf uns reagieren können. Dinge, die zwischen uns und unseren Körpern stehen. Dinge, die Männer ursprünglich erfunden haben, um Frauen maschinell Orgasmen verpassen zu können.
Dabei brauchen wir Frauen nun wirklich keine Hilfe in Form von Silikon und Plastik. Was wir brauchen, ist die Freiheit, unsere Sexualität genau so schamlos leben zu dürfen wie Männer.

„Dinge die Männer ursprünglich erfunden haben.“ Herrgott. Auch der Tampon und die hormonelle Empfängnisverhütung wurden von Männern erfunden. Außerdem das Fahrrad und das Auto. Das hat ihrer Beliebtheit nicht geschadet. Wenn euch das stört, daß die Erfinder Männer waren, warum habt ihr es dann nicht selbst erfunden? Oder laßt es halt, nehmt eine Binde, benutzt Kondome (wer hat die eigentlich erfunden?), werft den Vibrator auf den Müll, wenn ihr ihn nicht mögt und euren Finger lieber habt. Aber hört doch bitte damit auf, irgendwelche politischen Erwägungen an seine Benutzung oder Nichtbenutzung zu knüpfen. Denn das nervt.
Wer hat eigentlich das Papiertaschentuch erfunden? Oder den Kugelschreiber? Und sollten Frauen nicht lieber mit dem Finger schreiben und sich in die Faust schneuzen, statt schon wieder Zuflucht zu einem Hilfsmittel zu nehmen, das Männer (vermutlich Oskar Rosenfelder im Falle des Taschentuchs, László József Bíró für den modernen Kugelschreiber) erfunden haben? Wird dadurch nicht eine Abhängigkeit von Männern zementiert? Und entfremdet es Frauen nicht von ihren Körpern, wenn sie so künstliche Dinge wie Taschentücher und Kugelschreiber benutzen? Der eigene Finger in der Malfarbe, die Rotze in der Faust dagegen vermögen Tabus und Hemmungen aufzubrechen, unter denen Frauen Jahrhunderte gelitten haben, und öffnen Frauen wieder den Zugang zum eigenen Körper, seinen natürlichen Funktionen und Ausscheidungen.
Man findet solche Überlegungen zu Recht lächerlich. Und doch werden sie allen Ernstes beispielsweise in bezug auf Tampons angestellt. Der Tampon blockiere den natürlichen Abfluß; er trage mit dazu bei, die Menstruation zu einem Problem zu machen; er suggeriere die Unreinheit des Menstruums und fördere so Schamgefühle bei den Frauen; er verhindere, daß Frauen ihre Regelblutung als etwas Natürliches, ihrem Körper Gemäßes erlebten. Undsoweiter.
Hat das eigentlich mal jemand über Klopapier so formuliert? Oder wie wäre es damit: Das Kondom verhindert den freien Ausstoß des Samens; es suggeriert die Unreinheit des Ejakulats und löst Schamgefühle bei Männern aus; es verhindert, daß Männer ihren Samenerguß als etwas Natürliches, Schönes, ihrem Körper Gemäßes erleben.
Das letzte könnte man auch vom Papiertaschentuch sagen.
Reden wir, statt solchen und ähnlichen Quatsch zu phantasieren, lieber über was Schönes. Reden wir über Vibratoren. Was für Typen gibt es, worin unterscheiden sie sich, was für Vor-und Nachteile haben sie, wie sind sie zu gebrauchen, wie eher nicht, wozu taugen sie, wozu eher nicht. Es gibt sicher gute Gründe, warum Vibratoren zum Einsatz kommen. (Sonst würden sie nicht so gerne benutzt.) Es gibt sicher auch gute Gründe dagegen. (Die Geschmäcker sind eben verschieden.) Politische Überzeugungen gehören nicht dazu. Mag sein, der Vibrator zwickt oder ist zu laut oder zu kalt oder zu starr oder was weiß ich. Dann läßt man es halt bleiben und nimmt lieber den Finger oder die Quietscheente. Jedoch bleiben zu lassen, was eigentlich Spaß macht, nur weil vermeintlich emanzipatorische Gründe dagegen sprechen, scheint mir eine bescheuerte Idee zu sein. Und was ist das überhaupt für eine Emanzipation? Von einem Gerät? Du meine Güte. Und was die in der Kolumne erwähnte Freiheit zur Schamlosigkeit betrifft: Die habt ihr. Längst. Ihr müßt sie nur noch nutzen. Das ist riskant. Aber das ist Freiheit immer.

§ 5 Antworten auf Das Private ist Privat

  • rotewelt sagt:

    „Schon wieder ist da etwas, das die Frau benötigt, weil sie alleine nicht klarkommt“ schreibt die Dame. Was für ein Schwachsinn. Ja wirklich, gibt es denn keine wirklichen Probleme in der Welt? Was ist bloß mit den Frauen los, dass sie alles, aber auch alles auf Benachteiligung untersuchen und zwanghaft etwas finden müssen?

    • Solminore sagt:

      Was ist bloß mit den Frauen los, dass sie alles, aber auch alles auf Benachteiligung untersuchen und zwanghaft etwas finden müssen?

      Ja, das ist das, was irgendwann nervt. Es ist recht bequem, denke ich mir, für alles, was grad unrund läuft, einen Schuldigen zu haben.

      • rotewelt sagt:

        Sicher, einfache Antworten sind gefragt. Trotzdem verstehe ich es nicht. Woher plötzlich diese mir künstlich erscheinende Distanzierung der Frauen von Männern in Zeiten, in denen Frauen doch viel weniger Steine in den Weg gelegt werden als früher. Als ich Abi machte, fragten noch alle Verwandten meine Eltern, warum das denn nötig sei, ich würde doch sowieso heiraten. Als ich studierte, fragte dann schon keiner mehr. Und heute, Jahrzehnte später, denke ich, dass Frauen, wie ich damals auch, einfach persönliche Entscheidungen treffen müssen und heute wird ihnen weniger Widerstand entgegengebracht als damals. Wird das Problem nun etwa auf das Sexuelle verlagert? Meine Güte, wie langweilig und doof. Ich habe mir meinen Freund auch in jungen Jahren danach ausgesucht, ob er zu mir passt bzw. man spürt doch gemeinsame Wellenlängen bzw. wie jemand tickt, so insgesamt. Ich bin aus verschiedenen Gründen oft froh, dass ich nicht mehr 30, 40, nicht mal 50 bin, denn ich habe keine Lust auf überflüssige Diskussionen, die her trennen als verbinden.

        • Solminore sagt:

          Viel weniger Steine im Weg bedeutet natürlich nicht, daß nicht noch welche da sind. 😉

          Nur: Was immer für Steine noch im Weg liegen, sie sind nicht mehr eindeutig identifizierbar. Es ist eines, das Wahlrecht oder die freie Berufsausübung zu erstreiten. Juristische Ungleichheit ist identifizierbar, benennbar, in einer Forderung eindeutig formulierbar. Soziale (die Feministen würden sagen, „strukturelle“ und „symbolische“) Ungleichheit ist erstens viel schwerer zu identifizieren und zweitens viel schwerer zu überwinden, weil ja die Ursachen keinesfalls leicht ausfindig zu machen sind, auch wenn das immer behauptet wird. Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Feministinnen sagen, weil sie von lukrativen Jobs systematisch ferngehalten werden. Andere sagen, weil sie andere Präferenzen im Leben haben. Warum haben sie andere Präferenzen? Feministinnen behaupten, weil ihnen das schon im Kindergarten nahegelegt wird. Warum leben Frauen ihre Sexualität nicht unverschämt aus? Weil sie sozial dafür abgestraft und geächtet werden. Oder fehlt ihnen der Mut, den Männer schon immer gehabt haben? Aber warum fehlt ihnen der Mut? Weil ihnen schon von Kindesbeinen an, und so weiter ad nauseam. Man wird die Frage nicht klären können; und der Feminismus wird so lange keine Ruhe geben, bis die juristische Gleichberechtigung auch zur sozialen Gleichheit geführt haben wird. Ob die Frauen das wollen oder nicht. 😉

          • rotewelt sagt:

            Klar sind da noch Steine. Nur ob sie von außen kommen oder ob die/wir Frauen sie uns selbst in den Weg legen bzw. gar nicht überwinden wollen, weil wir andere Prioritäten setzen, ist eine andere Frage, die zu diskutieren meist unerwünscht ist.

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