Noch einmal Tabu

21. August 2018 § 4 Kommentare

Zu meiner These, daß Wörter wie Student auch dort vermieden werden, wo es keinen Grund zum Gendern gibt (also etwa Student im Bezug auf einen männlichen Studenten, oder Studentin, wenn man genau eine Studentin meint), habe ich kürzlich einen weiteren Beleg gefunden. In einer geschäftlichen Mail lese ich die Formulierung:

„Wenn sich ein Studierenden (sic!) bei Ihnen zu einer Masterarbeit meldet und der Anmeldebogen im Prüfungsamt eingeht, wird dies kontrolliert und dann zugelassen.

Das ist aus zweierlei Gründen kurios. Denn erstens hält sich der Verfasser zwar an die Regel, daß das (vermeintlich nur auf Männer zu beziehende) Studenten durch Studierende zu ersetzen sei, wobei er im Sinne meiner These übergeneralisierend die Regel auf den Singular ausweitet. Zweitens aber ist ausgerechnet hier der Singular des Partizips, weil nach Genus unterscheidbar (der/die Studierende) streng verboten (so wie in „Wenn einer eine Reise tut“, oder „wenn einer einen Ast zersächt“ — solche Wendungen sind notorisch schwierig zu gendern), denn gemeint sind ja nicht nur männliche Berwerber. Damit konterkariert der Verfasser sämtliche vorherigen Vermeidungsverbiegungen und führt die gute Absicht in grandioser Weise ad absurdum. Er hätte hier genauso gut beim konventionellen Student bleiben können. Daß er es nicht getan hat, zeigt, daß sich die Vermeidungsregel, nach der jegliche Instanz von Student-, ganz gleich ob in Komposita, ob im Singular, im Plural oder in der movierten Form Studentin, durch die entsprechende Form auf Basis von Studierend- zu ersetzen sei, längst von ihrer ursprünglichen Motivation gelöst und verselbständigt hat.

Man sieht an solchen und ähnlichen Fällen, daß Gendern wider den natürlichen Sprachgebrauch ist und den Sprechern in keiner Weise leicht fällt.

26. März 2018 § 4 Kommentare

Wann hat
das eigentlich angefangen, daß auch im Deutschen Videoclips viral gehen?

20. März 2018 § 4 Kommentare

Soll das nun heißen, Deutschland braucht den Islam? Oder, ohne den Islam würde Deutschland was fehlen? Oder, der Islam soll in Deutschland heimisch werden? Oder einfach konstatierend, daß er das bereits ist? Im letzten Fall müßte man sich nicht mehr das Maul verreißen, denn Behauptungen von Tatsachen lassen sich überprüfen, fertig.

Weiterhin: Was ist mit Deutschland überhaupt gemeint? Seine geographischen Grenzen? Seine Kultur und Sprache (aber welche Kultur ist das genau, und welche Dialekte, Soziolekte, Jargons und Slangs will man dazurechnen?) Oder ist Deutschland die Summe der Deutschen? Was es nicht leichter macht, denn was sind das überhaupt, die Deutschen?

Man könnte nun sagen, mit gehört zu ist gemeint, wie man landläufig sagt, Peter gehört doch auch mit zum Gartenverein, geäußert gegenüber Leuten, die Peter aus dem Verein raushaben wollen. Aber so einfach ist das nicht. Ein Nationalstaat ist kein Gartenverein, weswegen auch Gleichnisse der Art Die müssen sich hier wie Gäste benehmen barer Unsinn sind. Familien können Gäste haben, Freundeskreise, Vereine, Singgruppen können Gäste haben. Staaten können das nicht. Die Wortwahl zieht ungültige Parallelen und operiert im Großen mit Begriffen aus der Welt des Kleinen. Das kann nicht gutgehen.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Das Christentum gehört nicht zu Deutschland. Die Anbetung des großen Spaghettimonsters gehört nicht zu Deutschland. Trekkies gehören nicht zu Deutschland. Helene-Fischer-Fans gehören nicht zu Deutschland. Ja, nicht einmal die Deutschen gehören zu Deutschland. Sie sind halt nunmal da. So wie Juden, Zeugen Jehovas, Buddhisten, Shintoisten, Sannyasin, Veganer und Ufologen einfach da sind.

Kurz gesagt: Der Satz: Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland ist derart verkehrt, daß er nicht einmal falsch ist.

Statt über gehört zu und gehört nicht zu zu schwafeln, sollte man lieber einen Blick ins Grundgesetz werfen. Darin heißt es, Artikel 3, Absatz (3):

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Und weiter, Artikel 4, Absatz (2):

Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Und damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Etwas anderes gehört sich nämlich nicht.

Daherkommen

11. September 2017 § Ein Kommentar

Wann fing das eigentlich an? Seit ein paar Jahren fällt mir auf, daß Bücher in Rezensionen nicht einfach sind oder wirken oder auftreten oder einen ersten Eindruck machen, sondern, und ich finde diese Wortwahl irritierend bis lächerlich: sie kommen daher.
Da heißt es dann, das Buch kommt behäbig daher. Oder: Der Text kommt elegant daher. Oder gediegen. Oder monumental. In jedem Fall drängt sich mir immer das Bild eines gespreizten Adligen auf, der in erster Linie bewundert werden will. Manierierter Gang, manikürte Fingernägel, samtbeschlagener Schmerbauch, vorneweg ein Herold, ein Lakai trägt hinterdrein die Schleppe. Es mag sein, daß das für manche Bücher ein ganz passendes Bild ist; indessen wird das Verb aber so häufig von Rezensenten benutzt, so viele manierierte Adlige unter ihnen kann es eigentlich nicht geben. Wenn mit dem Ausdruck bereits etwas über das Werk ausgesagt sein soll, mag es ja noch angehen. Moby Dick etwa kommt durchaus daher; oder die Buddenbrooks; oder Hoffmanns Elixiere des Teufels. Aber würde man wirklich von einem feinen Fontane oder einem verliebten Eichendorff sagen, daß ihre Werke daherkommen? Fontanes Romane öffnen leise die Tür wie ein alter Diener, der das Licht bringt; Eichendorffs Erzählungen kommen angestolpert wie ein begeistertes Kind. Wieder andere Bücher, könnte man sich denke, schleichen sich an. Oder fallen mit der Tür ins Haus. Was weiß ich. jedenfalls kommen die allerwenigsten daher.
Bücher haben Charakter; Verben haben Charakter. Als Rezensent sollte man darauf achten, daß Verb und Werk zueinander passen.

Schönen Tach noch!

20. Juli 2017 § 13 Kommentare

Wann hat das eigentlich angefangen? Beim Bäcker, an der Supermarktkasse, am Bahnkiosk, an der Eisdiele: Und dreißig Cent zurück, bittesehr, SchönenTachnoch. Natürlich hat man das nicht schon immer gesagt, gemurmelt, genuschelt, hingeworfen, diese Phrase, man hat sie nicht schon immer fast unbewußt heruntergeleiert mit der gleichen Mischung aus Pflichtgefühl und Gleichgültigkeit wie im Gottesdienst das WirhabensiebeimHerrn. Irgendwann fing es an, beendete diese Phrase eine Zeit, als man sich einfach bedankte und ging. Wie lange ist das her? Ich erinnere mich nicht mehr. Inzwischen machen es alle, und ich frage mich: Wer hat damit überhaupt angefangen? Und warum?
Einer Vermutung zufolge, die man recht häufig liest, ist es keineswegs eine spontane Erscheinung, sondern wird beispielsweise Kassiererinnen im Supermarkt von der Marktleitung angeordnet. Einer weitergehenden Vermutung zufolge handelt es sich um die Lehnübersetzung des englischen have a nice day. Konkret wird dabei vermutet, daß es von synchronisierten Fassungen englischsprachiger Filme und Serien seinen Anfang nahm, wobei die Partikel noch angepappt wurde, um die Viersilbigkeit beizubehalten.

Was mich an dieser Phrase so stört, ist nicht, daß sie nicht ehrlich gemeint, ist nicht, daß der Wunsch, ich möge einen schönen Resttag haben, nicht aufrichtig vorgebracht sei; das ist ohnehin Quatsch. Wir sagen ja auch Guten Tag einfach so daher, ohne es zu meinen, und wir sagen Auf Wiedersehen, auch dann, wenn wir wissen, daß das nicht wahrscheinlich ist, oder den anderen dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst. (Immerhin sind wir uns aber der wörtlichen Bedeutung der Floskel noch so bewußt, daß wir am Telephon Auf Wiederhören sagen, und Bestatter die Formel aus Pietätsgründen vermeiden, wenn sie sich von Angehörigen verabschieden.) Das allermeiste, was wir so tagtäglich sprachlich absondern, hat weder mit Ehrlichkeit noch mit Informationsübermittlung zu tun. Das allermeiste, was wir sagen, ist irrelevant („Schönes Wetter heute, was?“) oder liefert nicht nachgefragte Informationen („Ich krieg die Krise!“) oder dient nur der gegenseitigen Bekräftigung allseits bekannter Tatsachen („Die Bahn wird auch immer teurer.“) – es hat eine andere als die wörtliche Funktion, dient etwa dazu, ein Gespräch einzuleiten, die eigene Meinung gestärkt zu bekommen oder sich mit einem Gefühlsausdruck Luft zu verschaffen, wobei alles drei und noch weitere Funktionen zusammenfallen können. Oft sagt man einfach nur deshalb etwas, weil es blöd wäre, nichts zu sagen. Etwa, wenn man den Chef der Firma zufällig in der Straßenbahn trifft. Sprechen ist die neutralste Form der Interaktion zwischen zwei Angehörigen unserer Spezies. Mit Sprache akzeptieren wir die Gegenwart des anderen; ein Guten Tag! bedeutet nicht, daß wir dem andern einen guten Tag wünschen; es bedeutet: „Ich nehme dich zur Kenntnis und respektiere wenigstens vorübergehend deine Anwesenheit; ich bin zur Interaktion, zum allermindesten zur zivilisierten Höflichkeit bereit (selbst wenn ich dich nicht ausstehen kann).“

Es gibt Menschen, die solche Floskeln prinzipiell ablehnen, wenn sie nicht ehrlich gemeint seien. Diese Menschen haben die Funktion von Formeln nicht begriffen. Daß unsere Begrüßungsformel Guten Tag lautet, ist gänzlich zufällig, was man schon daran sieht, daß sie sich in vielen Situation durch das von jeder wörtlichen Bedeutung befreite Hallo ersetzen läßt. Zu sagen, Hallo sei nicht aufrichtig gemeint, ist sinnlos. Hallo leistet reine Funktion, weiter nichts. Es gibt auch Menschen, die meinen, als Ungläubiger dürfe man nicht Gottseidank sagen. Dieser Forderung liegt derselbe Irrtum zugrunde: Der Ausdruck der Erleichterung könnte von einer beliebigen anderen Form geleistet werden. Der Spanier sagt für unser „hoffentlich“ ojalá, ruft damit aber keineswegs Allah um Beistand an. Die Formel zur Begrüßung ist nunmal wörtlich ein Wunsch; aber ihre Funktion ist nicht die, etwas zu wünschen. Und wo steckt beispielsweise der Wunsch in der erodierten Form Tach!?

Nirgendwo zeigt sich das besser als dort, wo Floskeln bis zur Unkenntlichkeit ihrer wörtlichen Bedeutung verschliffen werden. Allah ist im spanischen ojalá nicht mehr zu erkennen; niemand, der Ciao oder Servus sagt, empfiehlt sich aufrichtig als Diener; auch gänzlich unreligiöse Menschen sagen in Bayern Pfüatdi ((Gott) behüte dich) und andernorts Tschüß (adieu, adiós). Wird die wörtliche Bedeutung solcher Formeln unkenntlich, bleibt nur ihre Funktion übrig: Man könnte auch Schmackofatz oder Vitzliputzli sagen, es würde die Funktion der Begrüßung nicht besser oder schlechter erfüllen als Guten Tag.

Was mich an Einen schönen Tach noch stört, ist etwas anderes, das indessen wirklich etwas mit Ehrlichkeit zu tun hat. Man darf vermuten, daß Bedien- und Kassenpersonal die Formel nicht freiwillig verwendet, sondern daß ihr Einsatz aus einem Geschäftskalkül heraus erfolgt, dessen Absicht freilich durch allzu liebloses Daherrotzen unterlaufen wird. Dann hätte die Schönentachnoch-Pandemie eine Parallele in der Mein-Name-ist-Herta-Hohlsprech-was-kann-ich-für-Sie-tun-Pandemie. Man lese sich einmal durch, was sich Verkaufsexperten so alles an Tips und Tricks ausgedacht haben. Am Telephon sollen die Mitarbeiter lächeln, weil man das an der Stimme hört und ihr einen wärmeren Klang verleiht; sie sollen den Kunden mit Namen anreden, weil jeder gern den eigenen Namen hört und sich geschmeichelt fühlt; sie sollen den Kunden nach weiteren Wünschen fragen, vielleicht sogar etwas vorschlagen („Darf es noch ein Teilchen zum Kaffee sein?“), weil Ablehnen immer schwerer fällt, als von vorneherein keinen Wunsch zu äußern, und so weiter. Ich finde solche Spielchen widerwärtig. Und ich finde es widerwärtig, Mitarbeitern Floskeln in den Mund zu zwingen, die sie nie freiwillig in denselben genommen hätten. Kassenkräfte müssen sich vorkommen wie Aufziehpuppen. Ich stolpere jedesmal darüber, es ist wie eine sprachliche Fliege, die man ständig fortwedelt, aber sie kommt immer wieder zurück. Soll man darauf etwas erwidern? Ihnen auch oder Ebenso oder Gleichfalls? Es ist eine aufgezwungene Interaktion, die die linguistische Pragmatik im deutschen Sprachraum nicht vorgesehen hat. Es ist, als stellte sich mir die Kassiererin plötzlich mit Namen vor. Oder als streckte mir der Kioskbesitzer zum Gruß die Hand hin. Es ist ein Skript, das hier unbekannt ist, und auf das man deshalb jedesmal mit einer Improvisation zu antworten gezwungen wird. Danke, auch so Es ist anstrengend. Am schlimmsten aber ist, daß solche Verordnungen rasch Nachahmung finden und über den Bereich, wo sie absichtsvoll eingeführt wurden, hinauswuchern. Unabsichtlich. Oder mit ganz neuen Absichten. Was sagt der Oberdachlose, wenn ich ihm nichts gebe? Richtig:
Schönentachnoch! (Lächeln nicht vergessen!)

Tabu

29. Juni 2016 § 6 Kommentare

Neulich eine Geschäftsmail bekommen, die mich darüber informiert, daß «eine weitere Studierende zur Klausur zugelassen» sei.

Nun hätte der Absender ja auch einfach «Studentin» schreiben können. Da es hier nur um eine einzige Person weiblichen Geschlechts geht, entfällt jede Not, einen Begriff zu finden, unter dem sich mehrere Menschen unterschiedlichen Geschlechts angesprochen fühlen. Warum also die verschraubte Formulierung «eine Studierende»?

Ich denke es mir so: Sprecher des Deutschen fassen inzwischen jede Form des Lexems Student (ebenso wie Schüler → «Lernende»; Radfahrer → «Rad Fahrende» etc.) als verpönt auf – auch in den Fällen, in denen nur ein einzelner Student oder eine einzelne Radfahrerin (oder einheitliche Gruppen von Studenten oder Radfahrerinnen) gemeint sind. Unter dem beständigen Druck, nicht mehr «Studenten» zu sagen, gerät das Wort unter den Zwang eines Tabus, das auch in solchen Fällen wirksam ist, wo der Zweck der Ächtung fehlt. Für die Sprecher ist es natürlich einfacher, das Wort Student samt der Ableitung Studentin sowie in allen Komposita (Studentenschaft, Studentencafé, Studentenwerk etc.) zu streichen und durch Studierenden zu ersetzen.

Wörter wie Student, Fußgänger, Künstler, Arbeiter werden, könnte man sich denken, über kurz oder lang ganz aus dem Lexikon verschwinden und durch Studierende, zu Fuß Gehende, Kunstschaffende und Arbeitende ersetzt werden. Das Ableitungssuffix -er zur Bildung von Nomina agentis bliebe dann nur noch zur Bezeichnung unbelebter Agentia wie dem Bohrer, dem Rechner oder dem Schraubenzieher übrig – falls es bis dahin nicht schon unangebracht ist, Werkzeuge mit Männern gleichzusetzen.

Parsen Sie bitte diesen Satz

11. Mai 2016 § 6 Kommentare

Ego enim adsentior eorum quae posuisti alterum alteri consequens esse, ut, quem ad modum, si, quod honestum sit, id solum sit bonum, sequatur vitam beatam virtute confici, sic, si vita beata in virtute sit, nihil esse nisi virtutem bonum.

Knifflig, was? Dies ist einer von diesen Sätzen aus der Feder des Meisters Cicero, bei dem man bei der Lektüre der Periode das dumme Gefühl hat, nach Ab- und Auftauchen aus der Verschachtelung nicht wieder in den Hauptsatz aufgestiegen zu sein, sich mithin irgendwo auf halbem Wege verheddert zu haben. Vielleicht hilft da eine Klammerung (zur besseren Übersicht sind die Klammern numeriert):

Ego enim adsentior eorum quae posuisti alterum alteri consequens esse, [1ut, [2quem ad modum, [3si, [4quod honestum sit4], id solum sit bonum3], sequatur2] [3vitam beatam virtute confici3], sic (sequatur)1], [3si vita beata in virtute sit3], [2nihil esse nisi virtutem bonum.2]

Im sogenannten Einrückverfahren:

ut
    quemadmodum
         si
             quod honestum sit
         id solum sit bonum
    sequatur
         vitam beatam virtute confici
sic (sequatur)
         si vita beata in virtute sit
    nihil esse nisi virtutem bonum

Eine besondere Schwierigkeit, die Kenner allerdings für eine besondere Raffinesse und stilistische Geschmeidigkeit des berühmten Redners zu halten geneigt sind, besteht darin, daß im letzten si-Satz die Reihenfolge der Einbettung umgekehrt wird, so daß, ehe der sic (sequatur)-Satz zu Ende geführt, ein weiterer Nebensatz eingeschoben wird. (Sie sehen, man fängt unwillkürlich an, diesen Stil zu kopieren.) Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Auslassung ausgerechnet des Verbs im obersten Gliedsatz, also im ut-Satz, das aus dem Vergleichssatz (quemadmodum … ) in der Parallele ergänzt werden muß.

Versuchen wir eine erste – zwar extrem wörtliche – Übersetzung, die aber die Verschachtelung eins zu eins nachzeichnet:

Ich stimme nämlich dem zu, was du behauptet hast, daß nämlich das eine aus dem anderen folge, so daß so, wie, wenn, was anständig sei, allein gut sei, folge, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, so auch, wenn das glückliche Leben in der Tugend liege, daß nichts gut sei außer der Tugend.

Mh. so daß so, wie, wenn, was – das ist noch kein Deutsch. Die etwas schwerfällige (tut mir leid, Cicero) id … quod-Konstruktion kann man auf Deutsch prima durch eine Nominalisierung ersetzen (das, was anständig ist = das Anständige. Durch Ergänzung des zu Ergänzenden, sowie ein paar Verdeutlichungen der Vergleichskonstruktion wird es noch durchsichtiger:

[…] so daß in der gleichen Weise, wie daraus, daß das Anständige allein gut sei, folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, daraus auch folgt, daß, wenn das glückliche Leben in der Tugend liegt, nichts gut ist außer der Tugend.

Man ist im Deutschen außerdem gewohnt, die so … wie-Konstruktion umgekehrt aufzuziehen als es im Lateinischen üblich ist. Also:

[…] so daß daraus, daß das Anständige allein gut ist, ebenso folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, wie auch, daß, wenn das glückliche Leben in der Tugend liegt, nichts gut ist außer der Tugend.

Nominalisierungen haben den Vorteil, daß sie ganze Nebensatzkonzepte in einem einzigen Wort bündeln, sich besser in einem komplexen Gedanken unterbringen lassen und also beim Lesen auch leichter interpretiert werden können. Das Verfahren hat aber seine Grenzen:

[…] so daß aus dem Alleinanspruch des Anständigen auf das Gute ebenso folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, wie auch, daß die Tugendbasiertheit des glücklichen Lebens den Alleinanspruch der Tugend auf das Gute begründet.

(Die Stelle ist in Tusc. 5.21 zu finden. Es geht um die Frage, ob die Tugend allein zum glücklichen Leben ausreicht.)

Asylant

23. März 2016 § 2 Kommentare

Trabant Erdbegleiter/in
Pedant Erbsenarithmetiker/in
Mandant Mandbewerber/in
Kommandant Mitmandbewerber/in
Intendant Impresario/ne
Elefant Dickhäuter/in Lebewesen mit Rüsselhintergrund
Gigant Maximalwüchsige(r)
Komödiant Harald/in Schmidt
Proviant Verpflegungsbevollmächtigte(r)
Denunziant Verhaftungshelfer/in
Fabrikant Fabrizierende(r)
Praktikant Coffee Facility Manager
Krokant Knusperflakes
Simulant Fachmann/frau für Rechenmodelle und Simulation
Querulant Cross-country Läufer/in
Informant Sportberater/in
Konsonant Mittonsänger/in
Garant Garprozeßbeaufsichtigende(r)
Hydrant Getränkebevollmächtigte(r)
Lieferant Lieferando-Mitarbeiter/in
Emigrant Zugvogel/Zugvögelin
Immigrant Geldgeber/in des Immi-Forschungsvorhabens
Aspirant Schmerzmittelbewerber/in
Deodorant Axillary Control Manager, Höhlenpfleger/in
Ignorant Erkenntniseingeschränkte(r)
Ministrant Ministerialbewerber/in
Demonstrant Beweisführer/in
Sympathisant Sympatex®
Passant Paßbewerber/in
Croissant (enthält Laktose; enthält Gluten; kann Spuren von Ei, Nüssen, Sesam und Soja sowie von allen anderen Schalenfrüchten enthalten)
Repräsentant Latexnachhaltigkeitsexperte/expertin
Protestant Prüfbefürworter/in
Dilettant PoH (Person of Hobby)
Debütant Ersti
Sekundant Zweiti
Adjutant Helferlein/in
Sextant Sechsti

Orthographisches (3): Von Schwierigkeiten & Reformen

24. September 2012 § 12 Kommentare

In einem alten Spruch heißt es: Die Wiederholung ist die Mutter der Bemühungen (repetitio est mater studiorum). Das mag besonders dort gelten, wo das Ziel der Bemühungen weniger im Begreifen, als im wiederholten richtigen Handeln besteht, also dort, wo eine Fertigkeit so lange trainiert, eine Regel so lange angewandt werden soll, bis sie ganz verinnerlicht ist und ihre richtige Anwendung kein Überlegen mehr voraussetzt. Ein solcher Bereich ist etwa das Lernen unregelmäßiger Verben, oder etwa das Autofahren, wo die Wahl des richtigen Ganges, das Blinkersetzen, das Kuppeln nicht erst nach reiflicher Überlegung, sondern reflexhaft ausgeführt werden muß; es gilt für andere Tätigkeiten, wie Segeln, Klettern, Fallschirmspringen; und es gilt auch beim Schreiben, in der Anwendung von Orthographieregeln. Das Lernen fällt um so leichter, je zahlreicher die relevanten Situationen auftreten. Für die Bewohner einer Ebene ist das Am-Berg-Anfahren schwerer zu lernen als für den Fahranfänger, der in einer Bergregion fahren lernt, da die Situationen, in denen es eingeübt werden kann, für ersteren selten sind. Unregelmäßige Verben sind deshalb leicht zu erlernen, weil es gerade die häufigsten Verben sind, die Unregelmäßigkeiten zeigen, und man daher um ihren ständigen Gebrauch nicht herum kommt. Durch ihren häufigen Gebrauch aber prägen sie sich gerade ein.

Und in der Rechtschreibung heißt das, daß eine Schreibung um so schwerer anzutrainieren ist, je seltener sie vorkommt. Von daher ist es völlig abwegig, sich Gedanken über den Erwerb der Regeln für die Schreibung von s, ss und ß zu machen: Die Situationen, in denen diese Entscheidung gefällt werden muß, sind derart zahlreich, daß ihre reflexhafte Beherrschung bei einigermaßen regelmäßigem Schreiben nicht lange auf sich warten lassen wird. Die Schreibenden wußten vor der Reform, daß sie wußten, mußten, Mus, und Ruß schreiben mußten – ohne darüber nachdenken zu müssen, ebenso wie niemand beim Schalten darüber nachdenkt, in welcher Reihenfolge Kupplung, Gaspedal und Schalthebel in Gebrauch zu nehmen seien. Freilich wußte noch nie jemand, wie man Hawaii, Spaghetti oder Chicoree schrieb. Aber wer empfände es als Zumutung, als peinlich oder unwürdig, bei so seltenen und gefühlsmäßig „schwierigen“ Wörtern zum Wörterbuch greifen zu müssen?

Regeln wie die, wann welches S-Zeichen zu schreiben ist, haben daher keinerlei Vereinfachungsbedarf. Das Ziel des Schreibenlernens ist ohnedies nicht, die Regeln anwenden zu können, sondern unbewußt richtig zu schreiben, so wie man sich auch beim Autofahren nicht mehr Gedanken über die Reihenfolge von Kupplung und Gas machen darf. Und auch wäre es wohl ein mühsames Geschäft, bei jedem dass die Nach-Kurzvokal-kommt-Doppel-s-Regel zu memorisieren und anzuwenden. Schreiben lernen heißt automatisch richtig schreiben lernen.

Wer eine komplexe Rechtschreibung nur wegen ihrer Komplexität anprangert, möge sich nur einmal Schriftsysteme ansehen, deren Erwerb ein Leben dauert, weil zigtausende von Zeichen memoriert werden müssen, und sich dann fragen, ob die Schwierigkeiten, denen deutsche Schüler ausgesetzt sind, in irgendeinem Verhältnis stehen zu den Leistungen, die chinesischen oder japanischen Schülern (und Erwachsenen, das Lernen neuer Zeichen hört dort nie auf) abverlangt werden. Das Argument ist nicht zwingend, relativiert aber die Umstände. Im übrigen, um einem weitverbreiteten Mißverständnis entgegenzuwirken: Sicherlich ist das Schreiben – wie alle komplexeren Tätigkeiten – eine Frage des Talents. Allerdings gilt dies kaum in dem Maße, daß nur den Talentierten das korrekte Schreiben gelänge: Jeder und jede kann schreiben lernen. Einzig der dafür erforderliche Aufwand mag sich je nach Veranlagung von Schüler zu Schüler unterscheiden. Die einzige Ausnahme stellen echte Legasthenie, SLI (specific language impairment) Agraphie nach Gehirntrauma und ähnliches dar – Störungen, die nie vollständig heilbar sind, und für die die Betroffenen überhaupt nichts können. In solchen Fällen wäre aber auch der allereinfachste Fall einer Alphabetschrift – die phonemische Schrift – eine schier unüberwindlich schwierige Materie. Legastheniker sind nicht etwa außerstande, ein paar Regeln zu lernen, ihr Problem reicht tiefer, und sie machen Fehler, die selbst aus der Sicht eines Analphabeten widersinnig erscheinen müssen. So haben sie etwa allergrößte Schwierigkeiten, aus der Beobachtung der Folge von Lauten eines Wortes auf die Reihenfolge der Buchstaben zu schließen, und schreiben demnach wirre Folgen von Lauten, etwa utlena statt Lauten. Abseits dieses speziellen Problems, das in einer schriftlosen Kultur gar nicht bemerkt würde, sind sie in keiner Weise behindert. In einer hochgradig auf Schrift basierenden Kultur sehen sie sich natürlich auch in Fächern wie Mathematik, Physik oder Biologie den größten Hindernissen ausgesetzt. Zu meinen, einem Legastheniker sei mit einer systematisierten, vereinfachten Rechtschreibung geholfen, ist ein großer Irrtum; für alle gesunden Schüler aber gibt es überhaupt keine Entschuldigung, warum sie nicht eine Handvoll arbiträrer Regeln lernen können sollten. Jedenfalls ist der Aufwand, der von ABC-Schützen und ihren Lehrern betrieben werden muß, das Schreiben zu erlernen, gegenüber den Energien, die in das Projekt „Neue deutsche Rechtschreibung“ seit Mitte der achtziger Jahre geflossen sind, ein alberner Klacks.

Auf der anderen Seite ist es zugegebenermaßen geradezu lächerlich, eine komplexe Rechtschreibung als Erziehungsmittel und intellektuellen Prüfstein aufzufassen, und zu jammern, mit der alten Rechtschreibung gehe ein Stück Tugend, ein Stück Anspruch, ja, ein Stück Kultur dahin. Warum, so muß man doch fragen, steigern wir dann nicht die Komplexität, warum machen wir die Orthographie nicht noch schwieriger, damit sich die Jugend an ihr erprobe und an ihr wachse und reif werde? Wäre das nicht die Konsequenz derer, die um die Bildung der Jugend besorgt sind, weil die neuerdings dass und muss und so genannt schreiben soll? Es spricht zwar nichts für die alten Regeln als solche; es spricht aber einiges dagegen, sie ändern zu wollen. Das heißt, die Vorteile der neuen Regeln, oder irgendeiner anderen Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung sind so minimal, daß es am besten wäre, man ließe alles beim alten. Denn es gibt auch noch den anderen Spruch, nämlich daß zweimaliges Wiederholen mißfällt: Bis repetita non placent. Eine Rückkehr zu den alten Regeln jetzt, wo der Schaden schon angerichtet ist, erscheint denn auch wie ein Schildbürgerstreich, so leid es mir um die Schreibung ist, mit der ich selbst großgeworden bin (und die ich nicht mehr ablegen werde).

Zu guter letzt noch zwei gänzlich utopische Vorschläge für eine wirklich systematisierte Rechtschreibung, der eine gemäßigt, der andere radikal. Zuerst der radikale. Erstens: Lang- und Kurzvokale werden systematisch auseinandergehalten, etwa nach Vorbild des Finnischen durch Doppeltschreibung des Langvokals, oder nach dem Vorbild des Ungarischen und Tschechischen mit Akzent auf dem Langvokal (das würde aber neue Tastaturen erfordern, die auch Umlaute mit Akzent, oder wie im Ungarischen mit zwei Akuten zuließen). Sämtliche Konsonantverdopplungen (außer natürlich die mit einer Morphemgrenze zwischeneinander) werden dadurch überflüssig. Zweitens: Stimmhafter s-Laut wird mit z, stimmloser mit s geschrieben; das überflüssige z als Kombination von t und s, sowie das noch skurrilere tz werden abgeschafft. Sch wird durch ein kürzeres Zeichen ersetzt (das spart Zeit, Druckerschwärze, Papier und Tipparbeit). Wie sähe nun ein solcher Text aus? Jédenfals nicht mér glaich als Deutś erkenbár. Áber meinen zí nicht, das man zich śnel daran gewőnen könte? Natűrlich müste man auch fuks und akse vereinfachen. Dí śreibung von eu und ei kan – da zí eindeutig und óne ausnáme ist, beibehalten wérden. Diftonge zind zówízó imer lang.

Weniger gewöhnungsbedürftig, sofort einführbar, ohne jeden Aufwand zu erlernen und auch schon vielerorts praktizierte Wirklichkeit: die Kleinschreibung. Nur noch Eigennamen und Satzanfänge groß. Doch dieses Thema soll uns ein andermal beschäftigen.

Orthographisches (2): S-Laute des Deutschen und ihre Schreibung

Orthographisches (1): Sprachregeln und Schreibregeln

Die Hauppt-Punckte der Reformae / trefflichst dar-gestellet / unt mit eyn pfiffige Critica / nicht ohn mancherley bißig Spott / gar kurzweylig commentiret

Hinweis für Allergiker

7. August 2012 § 9 Kommentare

Es heißt übrigens nicht *die (pl.) Pollen, sondern der (sg.) Pollen. Hieße es die Pollen, was wäre dann der Singular, ein Poll? Eine Polle? Pollen ist ein Massennomen wie Sand oder Kies und besteht — so wie Sand aus Sandkörnern und Kies aus Kieseln besteht — aus vielen mikroskopisch kleinen Pollenkörnern. Ein Pollenkorn repräsentiert die haploide Generation beim Generationswechsel der Pflanzen, ist also der (männliche) Gametophyt. Der weibliche Gametophyt heißt Embryosack, verbleibt auf der Mutterpflanze und ist allergologisch wie linguistisch unbedenklich.

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