25. April 2018 § 7 Kommentare

Ein Lauf durch die Morgenfrühe nach nächtlichem Starkregen. Im Licht der Straßenlaterne sieht es aus, als wäre Schnee gefallen, so dicht ist der parkende Wagen der Nachbarin von Blütenblättern bedeckt. In der Wohnung die muffige Luft von gestern, draußen riecht der Morgen nach Marzipan und Zimt. Blau aufschießende Luft, die Uhren schlafen, in Gräben dämmert es naß. Himmelsdome lassen Türme fallen, in der aufziehenden Dämmerung lösen sich die Wolken aus dem Gerüst der Dunkelheit und stürzen hinab zu den Lichtern der Ebene. Eingebettet in die Masse der noch trägen Luft, wie Kerne in süßschwarzem Fruchtfleisch, die Rufe der Vögel.

Das Licht nur eine Ahnung, eine Schwebung in der Luft, ein Sog am Horizont hinter den in sich versunkenen Häuserzeilen. Die wenigen Fahrzeuge im Ort haben die Zielstrebigkeit von Boten, die schon mehr wissen.

Leuchtstreifen, die das Bewußtsein der Nacht durchkreuzen. Lebendiger Lack auf den stillen Kühlerhauben. Tulpen, deren Farbe Gedächtnisse sind, im innersten ruhend. Bögen von Baumwipfeln, als steindunkle Masse gegen den Himmel geschweift. Das Paradoxe dieser hellwachen Dunkelheit, in der nichts schläft, in der ich, meine Schritte, mein Leib, mein mühsam konstruiertes Bewußtsein, das schwächste, das unaufmerksamste Element bin.

Nichts an dieser Nachtwelt ist mühsam, nur ich bin es. Ein Wesen, das sich auflehnen muß, um überhaupt existieren zu können. Andauernder Gegenwind, Sog des Nichtseins, Hintergrund endgültigen Schlafes. Jeder Atemzug buchstäbliches Arbeiten gegen die Auslöschung. Und wie das Herz dagegen anpocht, nicht nicht zu sein. Ringsum, in den Büschen, den verschachtelten Dunkelheiten, den lauernden Wegen, den wachenden Baumstämmen ist alles gegeben und alles ohne Grund. Nur ich brauche einen Grund, hier zu sein, eine Begründung, oder vielleicht eine Entschuldigung für mein verbissenes Sein.

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19. April 2018 § 4 Kommentare

Plötzlich Sommer, schmachtende Pfützen, Mückendurst, auf dem Asphalt stehen die Falter in Flammen. Straff wie ein Segel der Himmel, die Sonne eine Walze, die das Feld plattdrückt. Schnapsidee, bei so einem Wetter laufen zu gehen, der halbe Liter Wasser, den ich dabeihabe, verdunstet mir gleich wieder über die gerötete Haut. Schatten sind kurz und kostbar, der Waldrand geizt mit ihnen.

Erde und Wind, verschüttetes Wasser und die fettlöslichen Farben der Rapspflanzen. Staub hängt sich ans Heck eines Traktors, Geruch aus der Kindheit, das Trockene von Ackergift, erstickend und bitter; jetzt löst es melancholische Heimatgefühle aus. Noch mehr Kindheit: Endlich fällt mir ein, woran mich der süßliche Duft des Rapses erinnert. Es sind die Wachsmalkreiden der Kinderzeit. Ein Geruch, der Schminke und Lippenstift benachbart ist. Letzteren deute ich immer als Mundgeruch. Zum Glück war ich nie in Versuchung, einen Lippenstiftmund zu küssen.

Einjähriges Silberblatt, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Lerchensporn, Wiesenschaumkraut. Flieder. Kurz vorm Blühen: die Knoblauchsrauke. Vom Bergahorn fallen schon die Blüten ab.

Nach Hause kommen, im schwarzen Hausflur schwitzt das Auge minutenlang Farbe aus. Dicht gedrängt vorm Glas die Lamellen des Fensterladens. In der kühlsten Ecke liegen die Schuhe und hecheln, hecheln. Auf Nachbars Wiese schnarcht ein Rasenmäher.

[Beethoven, Klaviersonate Nr. 16, G-Dur]

4. April 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine Stunde gewonnen, wieder in die Dunkelheit des Jahresanfangs zurückgelangt, mit Käuzchenrufen und den Schatten von Rehen, die ihre Augen übers Feld tragen wie Schulkinder die Katzenaugen am Schulranzen. Wieder scheint mir am Übungsgelände der Polizei ein Scheinwerfer entgegen, wieder brauche ich eine Schrecksekunde um zu begreifen, daß es meine Lampe ist, die sich in einer Glasfront spiegelt. Die Nacht verzweigt sich, Gänge gehen ab ins Unterholz, wo mich das Dunkel so früh noch nicht erwartet hat, immerhin eine ganze Stunde früher als im März.

Aber man gewöhnt sich. Schon nach ein paar Tagen ist fünf Uhr wieder fünf Uhr, auch wenn es eigentlich vier Uhr ist. Wie seltsam muß das den Tieren vorkommen, wenn der ganze Werktagszirkus plötzlich eine Stunde früher losgeht.

Zirkus: Kaum sind die Feiertage vorbei, setzte umgehend eine Geschäftigkeit ein, in der Geste des Nach- und Aufholens, als hätte man irgendwas versäumt, während nicht gearbeitet wurde, tausend Laptops, Kameras, Smartphones, Sommerschuhe, Handtaschen, Autos zu wenig ausgeliefert. Das muß umgehend aufgeholt werden, vorwärtsch Marsch! – Das höre ich dann morgens um kurz nach fünf oder vier, wenn die Reifen über die benachbarte Ortsdurchfahrt brausen.

Noch hat mich das alles nicht am Wickel, aber wer weiß, wie lange das noch geht? Am Feldrand stehen und den Rehen nachsehen, bis sich ihre Schatten in Schatten aufgelöst haben und nur noch die Vorstellung ihres wachsamen Blicks mich trifft. Zeit haben, den Tag zu empfangen wie ein persönliches Geschenk, und ist das nicht so, ist nicht jeder Tag mein eigener Tag, gehört er nicht mir und niemandem sonst? Wäre es nicht so, würde jemand anders ihn leben. Aber ich lebe ihn, also ist es meiner. Wie gut es die Rehe haben, daß ihnen das niemand streitig macht. Sie gehören niemandem. Selbst wenn man sie schießt und ißt, gehören sie niemandem. Sie sind so frei wie es Menschen nie sein werden, und je mehr Zirkus sie um ihre Freiheit machen, desto weniger sind sie’s.

Lampe aus, der Weg ist wach. Aus dem Wald schlüpfen und sich an der Grabenbruchkante entlanghangeln. Unten die Ebene, in der noch die Lichter brennen, funkelnd und wachsam, als gälte es, auch noch den Schlaf zu durchleuchten. Die einzige Freiheit des Menschen ist der Schlaf. Aber auch dem rückt man von allen Seiten zu Leibe. Eine aufrührerische Frechheit ist es zumal, daß man sollte träumen können, was immer man wollte.

Und ein Schleifen dröhnt heraus, ein Schleifen und Schleifen, als wäre eine gewaltige Maschine angesprungen, um das Rad der Zukunft immer weiter zu beschleunigen.

3. April 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Drei Greifvögel, einander umkreisend: Mal werden sie so schmal, daß sie in den Falten des Lichts zu verschwinden scheinen, dann tauchen sie wieder auf aus dem Blau wie Messer aus einem Tuch. Unten branden die Äcker an den Himmel, treiben eine leere Viehtränke bis zum Horizont. Dort steht sie auf einem wackligen Schatten. Vertäute Inseln liegen im Fluß, die der Strom zu Tropfen aus Jade schleift. Man muß sehr still sein und warten, dann hört man, wie Gelächter abseits der Wege leise zerplatzt, gleich einem Bonbon unter der Zunge des trägen Nachmittags. Kühl von Schatten fallen unterdessen die Küsse durchs Laub, verschwiegen wie Fledermäuse, während ein bemoostes Mäuerchen den Grund für sein Grübeln längst vergessen hat. Eine Stunde zieht die andere empor, aufs Treppchen, auf den Pavillon, zu den Balustraden des Tags, der Strom macht Pause, die Hügel sind Linien, die beim Zeichnen einschliefen, du hast Butterblumen unterm Kinn, die Viehtränke ist umgefallen, und oben, ganz oben kreisen weiter die drei Vögel, beweglich und stationär wie Bojen in starker Strömung.

Sistig

28. März 2018 § 6 Kommentare

„Hier“, rufe ich laut aus, „Genau hier!“, und stoße mit dem Zeigefinger mehrmals heftig auf einen Punkt auf der Wanderkarte, „Hier, verdammt.“
Ja, hier. Hier sollte ein Weg sein, aber da ist keiner, nicht einmal ein Wegchen, da ist nur Gegend. Und wieder einmal denke ich, daß die Karte ein Idealbild zeigt, hinter dem die spröde Wirklichkeit nur allzu oft in recht enttäuschender Weise zurückbleibt. Ein paar Zäune, die sich über eine Wiese ziehen; rechts ein Bachbett, da folgt die Wirklichkeit tatsächlich der Karte; etwas weiter weg Gestrüpp. Baumgruppen auf einem Hügel. Und jede Menge jener Weglosigkeit, für die es keine rechte Bezeichnung gibt, so eine Mischung aus Welk und Wüst, aus Dorn und Dickicht, Stein, Keim und Schlamm. Auch nicht das zugewachsene Überbleibsel eines seit Jahren nicht mehr benutzten Pfades ist zu sehen. Wenn es hier (hier!) mal so etwas wie einen Weg gegeben hat, dann muß das nicht Jahre, dann muß das Jahrzehnte her sein, nicht einmal die sonst für Wegmündungen typische Einbuchtung zeigt sich am Straßenrand. Gegenüber, richtig, da ist was, da führt ein Weg an einem Gehölzrand hoch, und laut Karte müßte dessen Verlängerung geradewegs … Ja, genau. Aber da ist nichts.
Ich sehe mich um. Oben auf dem Hügelkamm, den ich gerade herabkomme, kann ich die beiden Wanderinnen ausmachen, die ich vor einer halben Stunde an einem Parkplatz überholt habe. Wenn ich der Landstraße weiter folge, komme ich in den nächsten Ort, einen Weiler namens Sistig. Das wäre ein Umweg, und ich müßte durch den Ort laufen, was eigentlich immer unerfreulich ist, nicht nur bei Ortschaften, die Sistig heißen. Wenn ich zurückgehe bis zur letzten Kreuzung und dann einen Parallelweg nehme, latsche ich auf ausgetretenen Pfaden. Und dann mag ich heute niemandem begegnen und mich auf keinen Fall von den beiden überholten Frauen überholen lassen. Außerdem ist Umkehren Mist. Ganz großer Mist ist Umkehren. Nicht einmal die Wanderfreundin L., für die kein Plan der Welt unumstößliche Geltung hat, die ein wahrer Meister ist im Um-, Neu- und Andersplanen, – nicht einmal diese sonst so adaptive L. (das Wort flexibel ist geradezu für sie erfunden worden) geht ohne Not denselben Weg wieder zurück. Bei mir kommt zu diesem Unwillen, den ich vollends mit L. teile, noch hinzu, und hier unterscheiden wir uns diametral, daß ich gegen alles, was nicht nach dem einmal ausgeklügelten Plan läuft, eine vehemente Abneigung hege, wozu sich auch noch eine gewisse Halsstarrigkeit gesellt. In meinen Augen haben Landschaftsmerkmale wie Gehölze, Hecken, Wiesen, Felsen und eben auch Wege gefälligst ewig zu sein. Oder sich wenigstens an die Vorgaben der Karte zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn die Landschaft einfach machte, was sie wollte? Wozu gibt’s Landschaftsämter? Ich werde stinksauer, wenn sich da was ändert im Gelände, wenn Bäume gefällt, Wiesen aufgeforstet, Hänge abgetragen, Ruderalflächen verbaut, Bäche gestaut oder umgeleitet, Seen trockengelegt werden. Oder eben Wege verschwinden. Und an diesem Tag ist das Maß ohnehin voll, denn das ist nun schon das dritte Mal, daß sich ein auf der Karte ausgewiesener Weg als veritable Wildnis entpuppt.
Das ist mir dann jedes mal, als würde mir der feste Grund unter den Wanderstiefeln weggezogen. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch.
Die beiden Wanderinnen streben langsam den Hügel hinunter. In der Nähe jault eine Motorsäge. Über mir verlacht mich ein Eichelhäher.
Und da stehe ich nun mit meiner Säuernis. Umkehren kommt gar nicht in Frage. Ich knirsche mit den Zähnen, mache mit der Faust eine Geste des Unwillens – und sehe mich im nächsten Moment fluchend und gestikulierend einen uralten Zaun entlang mitten durchs Gelände stapfen, geradewegs hinein in Wüst und Welk. Und vor allem in Dickicht und Dorn.
Das wollen wir doch mal sehen!
Was wir sehen, zehn Minuten später, ist indes: Hier geht es nicht weiter. Denn zu dem ersten Zaun hat sich ein zweiter gesellt, und der läuft nicht längs, der läuft quer und versperrt mir den Weg. Ich klettere fluchend über den Stacheldraht und frage mich, was wohl andere Wanderkarten für diese Stelle ausweisen.
Bei späterer Befragung der einen oder anderen Karte jüngeren Datums ergibt sich: Auf allen ist der Weg, wie er in einem sanften Bogen immer etwa fünfzig Meter Abstand zum Bach haltend nach Norden zur nächsten Straße führt, als „unbefestigter Pfad“ eingezeichnet, und auch das Internet bestätigt seine Existenz – wenn auch die Satellitenaufnahmen keinen guten Wegzustand erkennen lassen. Bei gedruckten Karten könnte man zwar vermuten, daß jede neue Auflage die Geoinformationen aus der Vorgänger-Ausgabe übernimmt, da eine gründliche Neuvermessung viel zu teuer wäre. So kommt es auch, daß eine unweit von hier gelegene mehrere Hektar große waldfreie Fläche noch in Karten neueren Erscheinungsdatums als bewaldet dargestellt wird. Dabei läßt der Zustand der verbliebenen Stümpfe sowie die Höhe der nachgewachsenen Vegetation erkennen, daß der Einschlag viele Jahre her sein muß. Aber wie eine Internetkarte, die ihre Pflege fleißigen Nutzern und Geländegängern verdankt, mithin kaum mehr als Tage oder Monate, auf keinen Fall Jahrzehnte hinter der Aktualität zurückbleiben dürfte, hier noch einen Weg ausweisen kann, das ist mir ein Rätsel.
Während ich vor dichtem Schlehengestrüpp haltmache, umkehre, über zwei weitere Zäune klettere, bis zum Knöchel im Sumpf versinke, unter einem dritten Stacheldraht durchkrieche, begleitet mich der ungute Verdacht, daß vielleicht keine zwanzig Meter neben dieser vermatschten, versumpften, dornigen, zugewachsenen Weglosigkeit ein hübscher freundlicher Pfad entlangführt, den zu entdecken ich nur zu dämlich gewesen bin. Und mich verfolgt der Gedanke an den wütenden Bauern, dem ich gleich begegnen werde, und der mich anherrschen wird, was ich hier zu suchen habe. Den Weg, werde ich ungerührt erwidern, nehme ich mir vor, und ihm meine Karte unter die Kartoffelnase halten. Hier! Hier!!
Aber da ist gottlob kein Bauer. Nur Schlehen, Weiden und Brombeeren. Spuren von Rindviechern im Schlamm, das größte Rindvieh bist du selber, denke ich mir und gleite gleich noch einmal auf dem schlüpfrigen Grund aus. Einmal kracht es hinter mir von brechenden Zeigen und galoppierenden Hufen. Zu sehen ist nichts. Kein Rind, kein Reh. Nur Gebüsch, Gesträuch, Gestrüpp, das mit jedem weiteren Schritt mehr zusammenzurücken scheint. Ein gelbes Brombeerblatt streckt mir die kreiselnde Zunge raus. Ein Erdloch glotzt mich böse an. Ein Dorn zeigt auf mich, als würde er zielen. Und die ganze Zeit über das nervtötende Kreischen der Motorsäge.
Rüber zum Bach, rein in den Sumpf, wieder ein Stück trockenen Grund erreichen, vors Gebüsch, hinters Gebüsch, durchs Gebüsch hindurch, und einmal noch einen Stacheldraht überwinden, dann sehe ich voraus tatsächlich ein Stückchen Asphalt. Darauf schieben drei alte Herrschaften gemeinsam einen Rollator den Berg hinauf. Wo ein Rollator, da ein Weg, denkt man sich. Die Säge jault und jault, auf der Nachbarweide grasen Pferde, im letzten Moment wäre ich noch fast an einem fußangelartig ausgelegten Stück Draht hängengeblieben, gerade rechtzeitig hebe ich den Stiefel, stapfe mit Riesenschritten die letzten paar Meter und ziehe mich auf den Weg wie ein Schiffbrüchiger ans rettende Ufer. Die Herrschaften sehen argwöhnisch zu mir rüber, wo der wohl seinen Rollator gelassen hat, dann starten sie ihren eigenen neu und setzen ihren Weg fort. Ich sehe mich um: Vor mir ein Wegansatz, ein Wegstumpf aus Asphalt, der aussieht, als stochere jemand mit einem abgebrochenen Blindenstock im Feld. Vielleicht, ja vielleicht ist hier mal ein Durchkommen gewesen. Aber jetzt nicht mehr. Schon lange nicht mehr. So lange nicht mehr, daß es unbegreiflich ist, wie so etwas noch auf irgendeiner Karte, die jünger ist als ein Vierteljahrhundert, verzeichnet sein kann. Diese Karte ist eine einzige dreiste Behauptung. Ich packe das nutzlose Ding weg und stopfe mir ein Stück Schokolade in den Mund.
Dann trete ich mir seufzend die Erdklumpen von den Stiefeln, zupfe mir die Dornen aus der Jacke, rücke meine Mütze gerade, und nachdem ich dem Rollator noch mal zugewinkt habe, gehe ich meinerseits meiner Wege, entschlossen, fortan auf der Straße zu bleiben.
Immerhin mußte ich nicht nach Sistig rein.

27. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Mitnotiert (26.3.2018, Heimerzheim–Brenig): einen Augenwinkel voll Huflattich; zwei Bachstelzen, so geschwind und unter den Augen wie ein Kartentrick; eine Lerche zieht sich an einer Drachenschnur aus Schall herauf; graubraunes Moos, rostende Benzinkanister gleich gestrandeten U-Booten, das schielende Auge von Wodkaflaschen, mehrfach überschriebene Dokumente von Plastiktüten, Fruchtgummiverpackungen, Kondombriefchen; Schilf und Binsen reiben die Finger gegeneinander, wo die Bauern ihre Schnurrbärte verloren haben; eine umgestürzte Weide treibt aus und streckt leuchtende Kätzchen über den schwarzen Waldboden, als begutachte eine eitle Frau ihre manikürten Nägel; Agrarwüsten bis zum Horizont, dort die finsteren Reihen von Waldrändern, gleich herannahenden Armeen; Leitern von Licht, Dunst und Staub über der Ebene, wo die Erde Verbindung zu Wolkenstationen aufnimmt, zu einem verlorenen Halt im Himmel.

22. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie vergessener Schmuck in einer verschlossenen Schublade im dunkelsten Zimmer eines langsam verfallenden Hauses: so verstummen die Eulenrufe im Wald.

Mit schwarzen Schnäbeln hackt der Wind nach dem Schnee. Im Feld toben die Steine, wühlen sich durch den Acker, kratzen Narben in den Grund, jagen einander die höchstrangigen Stellen ab. Unter einem Himmel aus Eis schwimmt die Sonne im kahlen Pappelstrom davon.

Spuren und Nähte, Geflicktes und Wiederaufgebrochenes, aus den Wiesensäumen quillt die Füllung ans sumpfige Licht. Weiden knirschen mit den Zähnen. Schatten haben Schaum im Mundwinkel.

Wissenden Blicks wie Mumien kochen die Brombeeren Sonnenuntergänge ein in ihren hellen Grabkammern aus Wind.

Gedankenbibliothek

19. Dezember 2017 § 5 Kommentare

Ich laufe. Ich laufe in gemessenem Tempo. Ich laufe durch die Schwärze des frühen Wintermorgens. Durch den Wald laufe ich, schaue nach rechts und links, und die Stämme, gelockt von der Stirnlampe, treten aus der Dunkelheit heraus wie neugierige Geister. Zum gemessenen Tempo gehören gemessene Gedanken, Gedanken, die Zeit haben, Gedanken, die Muße haben, Gedanken, die zu Fuß gehen. Die Umgebung ist eine Kulisse, die nichts erfordert. Kein Autoverkehr durchkreuzt meine Spur. Keine Verkehrszeichen erfordern meine Aufmerksamkeit. Der Wald macht mir wohlwollend Platz. Den Weg kenne ich fast im Schlaf. Bestünde nicht die Gefahr des Stolperns, könnte ich den Weg ohne Licht laufen. Aber auch wenn die Füße sicher ihren Weg finden, in den Gedanken kann man sich verheddern und verrennen.

Es liegt eine große Kunst darin, das Richtige zu denken. Das beste wäre, man zieht einen Gedanken zum Denken wie zum Lesen ein Buch aus dem Regal. Falsche Gedanken können langweilig, ermüdend oder nervtötend sein; sie können aber auch verstören, Mut rauben oder schlechte Laune verbreiten. Ein guter Gedanke dagegen unterhält wie ein gutes Buch. Und wie ein gutes Buch zu weiteren Büchern führt, öffnet der gute Gedanken Räume zu weiteren guten Gedanken.

Leider stehen Gedanken aber nicht wohlgeordnet (oder wenigstens gut voneinander geschieden und ansprechbar) im Regal. Tatsächlich frage ich mich, wenn sie schon nicht geordnet sind, wie sie angeordnet sind. Bücher drängeln sich auch nicht vor; aber Gedanken haben die nervtötende Angewohnheit, sich ungebeten in die erste Reihe zu stellen. Weit davon entfernt, gute Gedanken zu sein, gehören zu den vorlauten Gedanken oft im Gegenteil die allerschlimmsten.

Ein dummes Buch läßt sich jederzeit zuklappen, ein dummer Gedanke aber, einmal aufgetaucht, ist kaum wieder wegzuschieben. Wenn es schon sehr schwierig ist, an etwas anderes zu denken, so ist es nahezu unmöglich, überhaupt nicht zu denken. Keinen Gedanken zu haben kann man sich eigentlich nicht vorstellen, denn schon die Vorstellung wäre ein Gedanke.

Selten gelingt eine so tiefe Konzentration beim Laufen, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, an einem zurückliegenden Wegabschnitt vorbeigekommen zu sein. Welche Gedanken eignen sich besonders zur Versenkung? Verseschmieden: Während ich an einer Gedichtzeile herumfeile, bis Reim und Rhythmus stimmen, bin ich sowohl in mir drin als außerhalb von mir selbst. Ich bewege mich mit den Gedanken in einem Raum der Sprache, während meine Füße von selbst, und ohne daß ich den Befehl zum Abbiegen geben muß, meine Runde ablaufen. Solches inneres Arbeiten gehört zu den guten Gedanken, versetzt aber in eine gewisse Unruhe, weil man, was man nach längerem Probieren endlich gefunden hat, auch noch heil nach Hause bringen muß, während sich der nächste Vers auch schon halb formt und im Gedächtnis behalten werden will. So etwas kann in Arbeit ausarten, auch wenn man natürlich glücklich ist, wenn einem überhaupt was einfällt.

Schon besser für das innere Abtauchen geeignet ist die Mathematik. Manchmal vergegenwärtige ich mir einfache mathematische Zusammenhänge, versuche mich an das Heron-Verfahren zum Wurzelziehen zu erinnern oder memoriere den Beweis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Sehr einfache Dinge, aber sie halten mich ein paar Kilometer davon ab, Unbequemes oder gar Schlechtes zu denken.

Schlechte Gedanken kommen von alleine. Ungerufen, sind sie schon lange da, bevor man sie überhaupt bemerkt. Haben sich eingeschlichen, ohne zu klingeln oder die Füße an der Matte abzustreifen. Die Hintertür stand auf, die Terrassentür, die Kellertür, und ehe ich es recht merke, sitzen sie mit einem Glas Wermut im Wohnzimmer, grinsen frech und verwickeln mich in die hitzigsten Diskussionen. Gegner, Feinde, denen ich selbst Stimmen verleihe, um sie dann niederzubrüllen. Ich bin Wort und Widerwort in einem, bin mir mein eigener Feind, fuchtele in der stillen Morgenluft herum, komme außer Atem, verziehe das Gesicht, es ist anstrengend, ärgerlich und so nervenaufreibend, daß ich manchmal richtig schlecht gelaunt vom Laufen nach Hause komme. Es heißt immer, Sport baue Streßhormone ab. Ich kann das nicht bestätigen. Ein zwei Stunden nichts zu tun zu haben bedeutet, den Kopf freizuhaben für die widerlichsten Arenen.

Da hilft dann manchmal wirklich nur noch ein Gedicht.

Ich verstehe, daß manche Menschen sich permanent ablenken müssen. Radio, Fernseh, Internet, nur um sich nicht mit den eigenen Gedanken abgeben zu müssen. Nicht, um die äußere Stille zu verscheuchen drücken sie aufs Knöpfchen, sondern um den Lärm im Innern zu übertönen. Solche Leute gehen auch in Gruppen laufen. Um zu quatschen. Dann quatschen sie nicht beim Laufen, dann laufen sie beim Quatschen, daß man es im ganzen Wald hören kann. Quatschen bei knappem Atem, das gibt ein ganz charakteristisches Geräusch, so ein bellendes Herausstoßen von möglichst vielen Silben zwischen den schnellen Atemzügen. Natürlich geht es dabei um mehr als ums Quatschen, es geht darum zu zeigen, wie überaus gut in Form man ist: Da ist, japs, noch, japs, Atem übr, japs, ig, um zu reden. Gott, was sind diese Leute cool.

Ich mache so etwas nicht, für mich besteht der Sinn des Laufens unter anderem darin, daß ich alleine bin. Meine Gedanken, wenn ich Pech habe, stören mich schon genug, da kann ich mich nicht auch noch mit Mitläufern befassen.

Am besten ist es – aber es gelingt nur sehr selten – wenn ich mir beim Laufen Geschichten erzähle. Für Geschichten braucht man ein gutes Auge und ein scharfes Gehör. Oft sieht man sie nur von hinten, ihren Schluß. Oder sie zeigen die Schnurrhaare ihres Anfangs, und dann, raschelraschel, sind sie wieder weg, und man steht da mit dem Anfang von Geschichten und weiß nicht weiter. Geschichten sind empfindlich, sind bei ihrem Entstehen zarte Gebilde, zarter als die Geister von Verstorbenen, schwerer faßbar als Geister von zukünftigen Menschen, man könnte sagen, sie sind scheu, flüchtiger als die Rehe, die manchmal im Morgengrauen unter den Schemen von Weiden und Weißdorn vor mir reißaus nehmen.

Abseits. Kein Lauf

13. Dezember 2017 § 3 Kommentare

Der Morgen hoch, fern und still, einsam balancierend, wie Wind auf der Spitze von Türmen. Nicht mehr fiebernd aber noch krank, denke ich mir die Wege. Es verursacht leichten Schwindel zu denken: Die Wege sind auch ohne mich da. Ich stelle mir vor, wie sie sich im Dunkel verzweigen, überkreuzen, in sich selbst zurücklaufen, abseits von Zeichen und Weisern im Unterholz liegenbleiben oder quer übers Feld einem Schwarm Raben folgen. Die Nacht der Wege ist dieselbe wie die hier vor den Scheiben. Ich liege im Bett und trinke den Morgenkaffee. Oben, auf dem Villerücken, ist eine Wiese, und auf dieser Wiese ein Apfelbäumchen. Wie mag es dort jetzt, in diesem Moment, aussehen? Ich könnte aufstehen, hochlaufen und nachsehen. Der Baum wäre zuverlässig da. Auffindbar, in der Welt. Aber.

Nicht aufzustehen und loszulaufen hat etwas von einer Regelwidrigkeit. Es ist wie im Gottesdienst an der falschen Stelle aufzustehen oder sich zu setzen. Wie Schuleschwänzen. Man ist fehl. Dort, wo man sein müßte, fehlt man, hier, wo man ist, ist man fehl am Platz: Die Stadt wird inzwischen von ganz anderen Wesen bewohnt. Alles starrt mich an, was ich hier verloren habe. Selbst die eigenen vier Wände schauen mich an, als fühlten sie sich durch meine Anwesenheit gestört. Als wäre ich in die Probe eines absolut unbegreiflichen Stücks geraten. Die Fenster werden hell. Ich begreife, daß sie darauf warten, daß ich endlich verschwinde aus diesem kühlen Innenraum, der ihnen zu dieser Stunde alleine gehört. Allein, hohl, hallend und weitläufig leer, wie die falsche, die Gangseite des Klassenzimmers, all der Klassenzimmer, nachdem es zur Stunde geklingelt hat. Nie hingen die Jacken lebloser und sinnloser an ihren Haken.

Es ist, als wäre das Wasser eines tiefen Sees abgelassen, und nun fänden sich am Grund die unglaublichsten Dinge. Dinge, die durch ihre Vereinzelung plötzlich ein intensiveres Dasein bekommen, wie ein Schornsteinfeger in einer Backstube oder ein Feuerwehrmann in voller Montur in einer Sauna. Eine Badewanne voller Schlamm. Ein Lenkrad. Ein Zahnarztstuhl. Eine Glasvitrine voller Gläser und verrutschter Untertassen. Dinge für sich allein, unbeobachtet, haben mich schon als Kind fasziniert. Es konnte etwa passieren, daß ich am Morgen der Heimreise vom Urlaubsort ein Detail meiner Umgebung fixierte, eine Terrassenkachel, einen flachen Feldstein, ein Gartentor, und mich in den Gedanken versenkte, daß Kachel, Stein oder Tor auch heute abend noch da wären, wenn meine Blicke davon schon lange abgezogen wären, ich längst fort, und hunderte Kilometer entfernt wäre; und daß mir dann an meinem entfernten Ort dieses Kachel wieder einfallen würde, so daß das, was mir jetzt noch lebendig und verfügbar und nahe vor Augen stand, zwar nicht weniger real als jetzt, aber unzugänglich weit entfernt sein würde. Eine ganz andere Welt! Zwei Welten, und ich bewegte mich von einer zur anderen, doch stets so, daß sie sich in ihrer Wirklichkeit nie würden zur Deckung bringen lassen. Dieser Gedanke verursachte mir stets ein sanftes Grauen, von dem ich bis heute nicht weiß, ob es angenehm gewesen ist oder nicht. Natürlich kann man sich solchen von jeder Beobachtung isolierten, weit entfernten, in sich selbst versunkenen Gegenständen niemals nähern. Man kann nie wissen, wie sie wirklich sind, und wirklich heißt: Unabhängig von ihrer Beobachtung. Denn näherte man sich ihnen, dann wären sie ja nicht mehr unbeobachtet. Zugänglich sind diese einsamen Gegenstände und Orte einzig durch die Sprache, durch die Imagination. Und ihren grauenhaften Zauber haben sie nur kraft der Entrücktheit und der Ambivalenz, daß sie zwar real aber unverfügbar weit entfernt sind.

Ich werde also nie wissen, wie der Weg wirklich ist. Der Apfelbaum auf der Wiese am Scheitel der Straße, er ist eben nicht auffindbar, nicht als derjenige Apfelbaum, den ich mir vorstelle, wenn ich unpäßlich im Bett liegen bleibe. Die Orte fliehen, die Wege. Man holt seinen Weg niemals ein. Der ersonnene Ort ist nicht der wirkliche Ort. So wie die Erinnerung nicht das Ereignis ist, das sie abbildet: Irgendwo gibt es das vielleicht noch, jetzt, in diesem Augenblick, die Kachel, den Feldstein und jenes Gartentor, das offen steht oder nicht.

20. November 2017 § 4 Kommentare

 
Das Geräusch, mit dem ein Reh sich ankündigt, ist ein kurzes, scharfes Rascheln. Ich wende den Kopf. Die Stirnlampe schlägt den Funken des Augenpaars aus der Finsternis überm aschfahlen Laub. Merkwürdig klein, verharrt es geduckt am Boden, dann aber hochschnellend, setzt es in Bögen davon. Wie lange mag es im Dunkeln verharrt und das herannahende Licht mit wachsender Furcht beäugt haben? Eine Spielfigur in der großen Aufstellung des Waldes, die ich ihm durcheinandergebracht habe.

Der Forst, wo ich laufe, ist kein Wald, sondern eine Fabrik, wo Bäume hergestellt werden, tagsüber; nachts werden sie dann in großen Mengen geklaut. Immer wieder sind die Wege aufgefurcht von Raupenfahrzeugen, fällt der Lichtkegel plötzlich ins Leere einer Rodung, findet meterweit keinen Halt, wo tags zuvor noch in dichter Reihe die Stämme standen. Plötzlich gedämpfte Spiegelungen, Reflexe auf Lack und Glas und blinden Scheinwerferschalen. Ein Harvester, selbst fast so hoch aufragend wie die kümmerlichen Buchenstämmchen ringsum, massiv, träge vor lauter Überlegenheit, gefährlich wie ein schlafender Drache. Geruch nach Schlamm, Dieselöl, Gefahr.

Manche Amseln fliegen nicht auf, wenn ich an ihnen dicht vorbeilaufe, sie flattern nur so ein bißchen mit den Flügeln, als wäre es der Mühe nicht wert; oder als seien sie zu schwer, zu schwarz zum Fliegen, in der Dunkelheit, die sie nicht trägt.

Vielleicht ist die Nacht voller fluglahmer Vögel, festgeheftet am Leim der Dunkelheit.

In völliger Finsternis den Akku der Stirnlampe wechseln. Nach ein paar Sekunden ist es, als hebe sich der Himmel von der schwarzen Erde ab, während die kahlen Baumkronen niederzuschweben scheinen, Aufwärts- und Abwärtsbewegung im Nachlicht auf der Netzhaut. In nicht allzu großer Ferne dröhnt der frühmorgendliche Verkehr; hinter dieser Lärmkulisse, scheint es, hält der Wald den Atem an. Ab und zu entfährt den Räumen ein Tropfen oder ein Rascheln. Sortieren von Spielfiguren.

Am nächsten Morgen im Postfach ein Katalog. „Der Motorsäger. Komfortabel, sicher & günstig durch die Motorsäger-Saison.“

Wo bin ich?

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