Solstitium

21. Dezember 2020 § Hinterlasse einen Kommentar



Steine schluckten den Wind. Zum Grund zieht der Bachlauf die Wolken.
    Nacht strömt ein, im Gezweig retten sich Vögel an Land.

Letzte Schritte im Laub. Das Lauschen der Spinnen im Holzstoß.
    Aufgehängte Luft, Pein, die ein Glockenschlag löst.

Schwingen, beherztere Namen der Stille, sie ließen die Stunde
    wie sie am Boden vergeht, Lidschlag um Lidschlag zurück.

Hl. Katharina

25. November 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

„Sankt Kathrein stellt den Tanz ein“. Auf dem Gartenkalender (eine Fundgrube für hergebrachtes Kalender-, Bauern- und Jahreszeitenwissen) lese ich, daß traditionell am 25. November die Vorweihnachtszeit begann. Vorweihnachtszeit war Buß- und Fastenzeit, gesellige Veranstaltungen hatten ab dem 25. November aufzuhören. Legt die aktuelle Weltlage nicht nahe, statt in Glühwein, Geklingel, Lebkuchen, Lichterketten zu schwelgen, solches Brauchtum wieder aufleben zu lassen und die Vorweihnachtszeit ihrer ursprünglichen Funktion der Erwartung, Reinigung und stillen Einkehr zuzuführen?

Martin

11. November 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

4 (1) Interea irruentibus intra Gallias barbaris Iulianus Caesar coacto in unum exercitu apud Vangionum civitatem donativum coepit erogare militibus, et, ut est consuetudinis, singuli citabantur, donec ad Martinum ventum est. (2) tum vero oportunum tempus existimans, quo peteret missionem – neque enim integrum sibi fore arbitrabatur, si donativum non militaturus acciperet -, hactenus, inquit ad Caesarem, militavi tibi: (3) patere ut nunc militem Deo: donativum tuum pugnaturus accipiat, Christi ego miles sum: pugnare mihi non licet. (4) tum vero adversus hanc vocem tyrannus infremuit dicens, eum metu pugnae, quas postero die erat futura, non religionis gratia detractare militiam. (5) at Martinus intrepidus, immo illato sibi terrore constantior, si hoc, inquit, ignaviae adscribitur, non fidei, crastina die ante aciem inermis adstabo et in nomine Domini Iesu, signo crucis, non clipeo protectus aut galea, hostium cuneos penetrabo securus. (6) retrudi ergo in custodiam iubetur, facturus fidem dictis, ut inermis barbaris obiceretur. (7) postero die hostes legatos de pace miserunt, sua omnia seque dedentes. unde quis dubitet hanc vere beati viri fuisse victoriam, cui praestitum sit, ne inermis ad proelium mitteretur. (8) et quamvis pius Dominus servare militem suum licet inter hostium gladios et tela potuisset, tamen ne vel aliorum mortibus sancti violarentur obtutus, exemit pugnae necessitatem. (9) neque enim aliam pro milite suo Christus debuit praestare victoriam, quam ut subactis sine sanguine hostibus nemo moreretur.

Inzwischen waren Barbaren nach Gallien eingefallen, und nachdem Kaiser Julian das Heer an einem einzigen Ort bei den Vangionen zusammengezogen hatte, befahl er, einen Extrasold für die Soldaten auszuzahlen. Wie es üblich war, wurde jeder einzeln aufgerufen, und so kam die Reihe auch an Martin. Da dachte dieser, daß nun die Gelegenheit gekommen sei, um seine Entlassung zu erbitten, denn er hielt es nicht für anständig, den Extrasold ohne die Absicht anzunehmen, weiterhin als Soldat zu dienen; und so sagte er zum Kaiser: „Bis heute habe ich dir als Soldat gedient; erlaube mir nun, als Soldat Gott zu dienen. Dein Geschenk mag annehmen, wer für dich kämpft, ich aber bin ein Soldat Christi, ich darf nicht mehr kämpfen.“ Da wurde aber der Kaiser zornig über diese Worte und entgegnete, daß jener nicht aus Gründen des Glaubens, sondern nur aus Furcht vor der Schlacht, die am folgenden Tage stattfinden sollte, aus dem Wehrdienst ausscheiden wolle. Doch Martin blieb angesichts der Drohung nur umso standhafter und entgegnete unerschrocken: „Wenn du meine Entscheidung der Feigheit, nicht dem Glauben zuschreibst, so will ich morgen ohne Waffen mich vor das Heer stellen, und im Namen des Herrn Jesus werde ich, ohne Schild oder Helm, nur mit dem Schutz des Kreuzzeichens, unbeschadet durch die Reihen der Feinde schreiten.“ Der Kaiser ließ ihn in Ketten legen, damit er zu seinem Wort stehe und sich unbewaffnet dem Feind entgegenwerfe. Am nächsten Tag aber schickten die Feinde Unterhändler, die um Frieden baten, und ergaben sich und all ihren Besitz. Wer könnte nun anzweifeln, daß dieser Sieg wahrlich der eines glücklichen Mannes war und ein schönerer Ausgang, als wenn er unbewaffnet wäre in die Schlacht geschickt worden. Natürlich hätte der fromme Herr auch dann seinen Soldaten vor den Schwertern und Lanzen der Feinde bewahren können. Aber damit die Augen des heiligen Mannes nicht durch den Tod anderer verletzt würden, nahm er die Notwendigkeit der Schlacht hinweg. Denn zu keinem geringeren Sieg mußte Christus seinem Soldaten verhelfen, als zu einem, bei dem die Feinde ohne Blutvergießen bezwungen würden und niemand sterben müßte.

(Sulpicius Severus, Vita Sancti Martini, 4)

Aequinoctium

21. September 2020 § Hinterlasse einen Kommentar



Lange noch übte die Zeit; nun folgt sie den Spinnen ins Röhricht.
      Bäume, die Schatten voll Ernst, nahmen die Prüfung ihr ab.

Solstitium

21. Juni 2020 § Hinterlasse einen Kommentar



Als wir noch träumten vom Küssen, umstellten schon Uhren das Lager.
     Zahllos die Küsse im Traum, zählt sie die kürzeste Nacht.

Küsse, gleich Wild in der Dämmerung, scheu vor den lärmenden Stunden.
     Welche vorm Licht nicht geschenkt, flohen ins Dunkel des Traums.

Aequinoctium

21. März 2020 § 4 Kommentare

Ätsch, spricht der Herr Solminore, nun gibt es statt Distichen diese.
   Bleibt er den Fasti auch treu, nötigen läßt er sich nicht!

Wenn erst der Sternenfuß tief in den Brunnen steigt,
auf Zehen Spitz der Mond lockend an Scheiben schlägt,
  will ich den Windkrug fort ins Helle
    tragen, zum Zelt deiner fernen Augen.

Lange im Winterschlaf ruhten die Knie uns,
tollkühn von Dunkelheit schwärzte das Haus der Docht.
  Grübelt die Tür noch über Fernen,
    leert sich das Glas, wo du trankst, von Lippen.

Noch stehn die Häuser leer, alle, des kahlen Jahrs.
Kein Zimmer weiß noch, wie, wenn du mich küßt, es braust.
  wie, wenn die Tür du schließt und da bist,
    Lampe und Fenster und Licht sich umdrehn.

Was mir dein Kuß daließ, Feuchtes der letzten Nacht,
wie mich vor Jahr und Tag labte dein nasser Mund,
  zeigten die Spinnen mir im Spiegel,
    wärmte um hundertstel Grad die Stürme.

Wenn erst nur weicher ruht Schatten vom Uhrenturm;
wenn erst der Weg sich schält, abwirft die alte Haut,
  schaff ich ein Fensterglas aus Blicken,
    beicht ich dem Schloß meiner Liebe Namen.

Wenn dann das Zwielicht prägt Vögel in weiche Nacht.
Finger am Quellengrund lösen vom Tag den Bann:
  Komm, wenn das Licht enthüllt die Ströme,
    deute mir’s Lächeln des Finks im Winkel.

Solstitium

21. Dezember 2019 § Hinterlasse einen Kommentar



Decken im Frühlicht, Gedächtnis von Schnee, Gedächtnis von Speichel:
      Schlafend fand Helle zu Haut, Haut zum Geküßtsein zurück.

20. Dezember 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

(Die Melancholie einer jeden Zäsur. Nie habe ich gelernt, Zäsuren selbst zu setzen, ohne hinterher zu bereuen, daß ich sie gesetzt habe, und mit den Zäsuren, die das Jahr und seine Teile und Feste setzt, kann ich nicht anders als rückwärtsgewandt umgehen: Niemals schaue ich bei einer Zäsur anders als mit Ängstlichkeit nach vorne, und zurück nie anders als mit Traurigkeit.)

Aequinoctium

21. September 2019 § Hinterlasse einen Kommentar



Füße keine, für Sonne, in Bäumen. Die Schatten der Vögel
     rollen die Flugbahnen auf, bergen sie anfangs des Winds.

Leere des Raums, zu weit für Schall, zu müde für Wolken.
     Quitten lösen das Licht, schal wie ein Luftkuß, vom Laub.

Aequinoctium

21. März 2019 § Hinterlasse einen Kommentar

Muffig hängt heraus
das Dunkel zum Lüften im
Fenster des Nachbarn

Vögel am Mittag
als lösten die Schatten sich
ab von den Dingen

Eine Wolke steigt
Wind malt mit weichem Pinsel
Amseln an die Wand

Im Gezweig Sonne
die Fruchtspalten der Meisen
Schnitt durchs Augenlicht

Nachts dein Kleid vor dem
Fenster. Schamhaft im Dunkel
knospen die Kirschen

Das Fenster reckt sich
gähnend vor Licht, an Schuppen
sprießen die Leitern

Näher die Schatten
Kopf jetzt an Kopf, ich tauche
durch deinen Kragen

Meine in deiner
halten die Hände unser
Wachsein wie Anker

Als wären wir zwei
nur ein Wort im Gewölbe
lauschender Ohren

Wo bin ich?

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