Gerecht

29. Juli 2019 § Ein Kommentar

Kaum wird ernsthaft die CO2-Steuer diskutiert, geht schon das Geschachere los. Die Steuer finden viele super, solange nur die anderen zahlen. Was, ich? Nein, ich zahle nichts! Weil ich hab es ja schwerer als die anderen. Und ich fliege ja nur einmal im Jahr. Also gut, höchstens zweimal. Und nur nach Mallorca, nie weiter weg. Das ist ja praktisch schon CO2-neutral. Aber die Wohnung, die muß ich warm haben. Weil ich friere halt schnell. Und dann werde ich krank. Oder es gibt Schimmel. Und sollen jetzt Arbeitslose nicht mehr heizen dürfen? Die werden sich keine Heizkosten leisten können. Geht immer auf die kleinen Leute, die mit zwei Autos auskommen müssen. Wie soll ich denn zur Arbeit kommen, wenn ich den Sprit nicht mehr zahlen kann? Etc etc ad nauseam.

Wenn man alle Einwände und Vorschläge zur Refinanzierung berücksichtigt, kommt man bei folgender Vorstellung heraus: Weniger Kohlendioxid, aber alles soll bitte so bleiben, wie es jetzt ist. Fliegen, Autofahren, Fernreisen; Wäschetrockner, Tiefkühlschrank und Internet; und dazu winters tropische Wärme in den eigenen vier Wänden. Die Diskussion über die CO2-Steuer ist schon jetzt, wo sie noch kaum begonnen hat, zum Davonlaufen. Ich habe allen Ernstes den Einwand gehört, daß ganze Urlaubsregionen einpacken könnten. Wovon sollen denn die Menschen auf den Kanaren leben, wenn keine Touristen mehr kommen? Worauf zu antworten wäre, daß es diesen Tourismus sowieso bald nicht mehr geben wird. Leute!, möchte man schreien, wir sind hier nicht beim Onkel Doktor. Es wird weh tun, verlaßt euch drauf.

Wen träfe eine CO2-Steuer am meisten? SUV-Fahrer, Flugreisende, Fleischesser, Menschen, die in großen Wohnungen und in freistehenden Häusern wohnen. Wen träfe die Steuer am geringsten? Diejenigen, die sich den Krempel eh nicht leisten können. Die Steuer wäre strikt verursacherbezogen, und damit äußerst gerecht. Wer viel CO2 mitproduziert, und das sind die Reichen, zahlt hohe Steuern, wer einen schlankeren Lebenswandel hat, das sind die Ärmeren, zahlt weniger. Die Not ärmerer Bevölkerungsschichten als Argument gegen die Steuer anzuführen, ist scheinheilig. Was wird besteuert? Nicht das Heizöl, sondern der CO2-Aufwand des Lebensstils. Der aber dürfte insgesamt gesehen unter den Ärmsten auch am geringsten sein, da die Mittel zur Bestreitung eines CO2-aufwendigeren Lebensstils bereits am geringsten sind. Niemand muß fliegen. Niemand muß verbrauchsintensive Autos fahren. Niemand muß Fleisch essen. Klar, die CO2-Steuer würde viele Lebensbereiche teurer machen. Und jetzt halten Sie sich fest: das ist ihr Sinn. Aber sie würde es den Steuerzahlern überlassen, wo und wieviel sie sparen, wie sie individuell auf die Steuer reagieren wollen.

Der Preisunterschied zwischen Bioprodukten und Erzeugnissen aus konventioneller Landwirtschaft würde geringer. Es gäbe einen Anreiz für die Industrie, energiesparend zu produzieren. Aufwendige Verpackungen würden verschwinden. Lokale Produktion würde gefördert, Transportwege verkürzt. Energie aus fossilen Brennstoffen würde teurer, Energie aus erneuerbaren Quellen bekäme einen Wettbewerbsvorteil. Viele Produkte, die jetzt aufgrund niedriger Energiepreise günstig zu haben sind, würden erheblich teurer. Aber der Kostendruck im Wettbewerb würde zu neuen Technologien und Vermarktungsweisen führen, die mit weniger Energie auskämen. Gegenwärtig besteht sehr wenig Anreiz, an Energie und Transport zu sparen. Das würde sich nach Einführung einer CO2-Steuer sehr schnell ändern. Auf lange Sicht würden sich auch Arbeitswege verkürzen, weil sich die Produktion lokal und dezentral umorganisieren würde. Das Wachstum der Megastädte würde abnehmen, ländliche Regionen als Arbeits- und Wirtschaftsräume aufgewertet. Vegetarische oder sogar vegane Lebensweisen wären nicht mehr nur aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen erwägenswert – sie wären schlicht und einfach billiger. Wenn Fernreisen nicht mehr erschwinglich wären, profitierte der regionale Tourismus. Die Städte und Kommunen gerieten unter Druck, attraktive Freizeit- und Erholungsangebote zu machen. Es gäbe wieder mehr Schwimmbäder und Parkanlagen, aus der CO2-Steuer mitfinanziert. Es gäbe einen Selektionsdruck für ganze Lebensstile, Kulturen, Narrative und Techniken.

Und das alles würde sozusagen von alleine passieren – mit nur einer einzigen Maßnahme als Triebfeder. Ein kleines Gesetz würde die Entwicklung einer post-fossilen Gesellschaft einleiten. Keine andere Einzelmaßnahme, von der Wohnungsdämmung bis zum EEG, hätte ein solches Potential oder wäre so gerecht.

Keiner da

8. Oktober 2014 § 5 Kommentare

Liebe, ich habe dich zur Bahn gebracht. Jetzt bin ich zurück in meinem, unserem, wieder meinem Zimmer. Eben habe ich einen Augenblick gezögert, den Schlüssel ins Schloß zu stecken; ich wollte nicht, daß die Tür aufginge; ich wollte nicht zurück in das Zimmer, das mir doch nur dein Fehlen zur Schau stellen würde, alle Arten davon: Wie du nicht am Tisch sitzt; wie du nicht mitten im Raum stehst und mir zulächelst; wie du nicht im Bett liegst; wie du auch nicht im Bad wärst, wenn ich die Tür dorthin öffnen würde. Alle möglichen Arten deines Fehlens, eine einfallsreicher als die andere: lächelnde, ernste, verträumte, nachdenkliche, lachende Weisen zu fehlen. Noch viel mehr Möglichkeiten für dich, nicht da zu sein, als es Möglichkeiten gäbe, da zu sein, weil du ja nur einmal da sein kannst, aber viele, viele Male gleichzeitig fehlen. Auf dem Stuhl. Im Bett. Unter der Dusche. Am Herd. Mit Buch, ohne Buch. Wach oder schlafend. Du schaffst es sogar, gleichzeitig angezogen und nackt nicht hier zu sein, und auch auf alle erfindungsreichen Arten zwischen dem einen und dem andern zu fehlen. Lauter Beispiele für wie du nicht da bist. Lauter Beispiele, für wie sich kein Kuß von dir anfühlt. Sehr anschaulich, wie du mich nicht umarmst. Ich wollte sie gar nicht sehen und noch weniger fühlen, diese gleichzeitigen, übereinander gelagerten Abwesenheiten von dir, eine trauriger als die andere.
Am liebsten wäre ich gleich wieder fortgegangen, um erst mit dir in vierzehn Tagen wieder hierher zurückzukommen.
Zurückkommen, mit dir. Wie das klingt. Wie fremd und schön. Nach Hause, mit dir, zu uns. Zu uns.
Einen Moment schoß mir das so durch den Kopf, und ich fühlte den Impuls, einfach wieder wegzugehen von der Tür, hinter der du nicht warst. Dann aber habe ich den Schlüssel ins Schloß gesteckt und geöffnet und bin hineingegangen, nicht zu uns, sondern wieder nur zu mir.

Schuhe binden in O.

16. Oktober 2013 § 4 Kommentare

Es sind oft diese kleinen Dinge.
Es war in einem Sträßchen in O. Wir hatten uns auf eine Bank gesetzt, und du hast deine Schuhe aufgeschnürt, um sie fester zu binden, die Zunge war verrutscht, ich berührte mit dem Zeigefinger deinen Spann, und du sagtest mir, wie lange du dieses Paar Schuhe schon trägst und wann du sie gekauft habest. Ich zuckte ein bißchen zusammen. Damals, dachte ich, und: So lange. Ich sah dich an, sah auf deine Finger, wie sie mir eine Verstärkung an den Löchern zeigten und dann eine Schleife banden, und der Schuh schloß sich wieder um deinen Fuß. Kleine Dinge.
Ich hätte dir da gerne gesagt, was mir durch den Kopf ging in diesem Augenblick; ich habe mich gefragt, wie es dir damals wohl gehen nochte, als du die Schuhe kauftest, im Jahr nach seinem Tod, was für eine Farbe deine Gedanken hatten, wie du gestimmt warst, als du sie anprobiertest, was dich bewegt und beschäftigt hat, und wie du wohl von jenem Punkt aus in die Zukunft geschaut und in die Vergangenheit zurückgeblickt hast, ob du in diesem Moment froh warst oder traurig, und ob es ein heiterer Tag war oder ein schlimmer. Gab es da überhaupt schon heitere Tage für dich? Mich beschäftigte, daß du die Schuhe so lange schon trägst, dieses Paar roter, bequemer Schuhe, und daß das vielleicht gar nicht stimmt, was ich einen Moment zuvor gedacht hatte: daß nämlich in Wirklichkeit alles gar nicht so lange her ist. Da wurde ich traurig und hätte dir das gerne gesagt und dich gebeten, doch zu erzählen. Und ich hätte dich gerne stumm in den Arm genommen, wie um dich zu schützen vor der Katastrophe, vor jedem Schmerz zu bewahren und noch nachträglich alles und jedes abzuwehren, das dir je wehtun könnte.
Aber ich blieb stumm. Und obwohl alles in mir vor Zärtlichkeit ganz flaumig wurde, blieb ich in dieser Zärtlichkeit wie eingekapselt. Ich konnte nicht zu dir damit, es war alles zu verworren und unklar, die Welt um uns auch zu hell und fröhlich für solcher Art Gedanken, freundlich zwar, aber zu hektisch und zu laut, Menschen, Autos, Stimmen, und dann war der Moment auch schon vorüber, du hattest deine Schuhe fertig geschnürt, uns fröstelte, wir brachen schnell auf und gingen zu unserem grünen Wasser, und zu den Booten und den Libellen.
Kleine Dinge. Und dort schien die Sonne so mild und gut und brach ihr Licht in den Weiden, die Libellen flogen im Tandem, und für diesmal war alles Schlimme wieder lange, lange her.

Buch gesucht

11. März 2013 § 2 Kommentare

Gesucht wird ein älteres russisches Kinderbuch, Autor und Titel unbekannt. Darin wird die Geschichte eines (Eskimo?)Jungen erzählt, der im Polarmeer auf Treibeis gerät, von einer aufgehenden Spalte überrascht wird und wochenlang auf einer Eisscholle überleben muß. Ganz auf sich allein gestellt, findet er Unterschlupf in einer Schneehöhle und tröstet sich mit der Lektüre eines Buchs, das er im Schein einer Petroleumlampe liest. Ein bißchen Proviant hat er schon bei sich; ab und zu taucht ein Flugzeug auf und wirft Nahrungsmittel und Brennstoff ab. Das muß er sich gut einteilen. Wann ihn jemand retten kann, ist unklar. (Bis das Meer zufriert?) Wahrscheinlich gibt es auch Eisbären, so genau weiß ich das nicht mehr. Was ich aber noch weiß, weil mich das sehr beeindruckt hat: Der Junge hat ein Gewehr und versteht sich aufs Jagen. Die Übersetzung muß in der DDR erschienen sein. Ich glaube, aber sicher bin ich mir auch hier nicht, auf dem Umschlag war ein in Pelz und Mütze gehüllter Knabe mit asiatischen Gesichtszügen abgebildet, der an einem Eisloch angelt. Die Angaben sind spärlich und vielleicht sind sie auch alle falsch.
Weiß trotzdem vielleicht jemand was darüber?

Ströme, Strömung, stromern

15. Oktober 2012 § Ein Kommentar

Ein Licht, in dem die Uhren langsamer gehen und die Ströme träge im Kreis fließen. Du steigst niemals in denselben Fluß? An einem solchen Tag würdest du immer wieder aufs neue im selben baden. Du würdest dich naß machen mit den wiederholten Spiegelungen von Spiegelungen, und uraltes Licht von den Fingerspitzen wegschleudern. Du würdest waten in Geflüstertem und Anvertrautem, Gestöhntem und Gekichertem, Zettel mit zerlaufener Tinte, wo jemand seine Angst notiert und in den Strom geworfen hat. Irgendwo glauben sie, die Liebe festschließen zu können und dem Wasser den Schlüssel überantworten. Man will hoffen, daß das Wasser im Kreis fließt; wie soll sonst die Liebe immer neu beginnen?

Wie träge Schiffe auf dem Ozean schweben die Züge für Ewigkeiten zwischen den Bahnhöfen; am Ende sind sie alle doch pünktlich. Ins Licht wachsen die Wälder, Augen und Zungen hängen voll Laub. An den Füßen tummeln sich Mäuse; in allen Taschen trägt man süße Schatten mit sich herum. Auf so viele Arten kann etwas trocken sein. Samtig und kratzig und staubig, Alphabete des Knisterns. Fransige Lippen und spröde Wangen und warme Risse an den Händen. Küsse mit süßer Restfeuchte am tiefen Grund. Wie kühl sonnenhelles Haar ist. Wie flüssig dein Schatten über dem Wasser, mit Hut. Reife Früchte, Schoten mit Buchstaben darin, platzende Hülsen und Häutchen um die Seele von Nüssen. Zweifarbige schillernde Tugenden, bitter schmeckt der Herbst, und gut. Ein Sonnenstrahl kommt an den Serifen eines Blattrands zur Ruhe. Buntes stiefelt durchs Laub, das trägt Stock und Hut und ein Liedchen auf den Lippen: Nicht im Lenz, wie die meisten glauben, sondern im Herbst fängt alles an.

Zwischen den Schläfen geht der Himmel auf. An den Wimpern hängen die Hügel fest, Kastanien rollen vor dem Fuß davon, und in den Lüften über allen Stirnen: Ein Flugzeug mit Gebrumm. Um von Horizont zu Horizont zu gelangen, braucht es einen ganzen lang hingesponnenen Nachmittag. Da sind die Züge alle schon eingefahren, haben sich die Wege verirrt und verknäuelt und kennen deinen Namen nicht mehr. Die Nacht ruft sie zurück in die Schatten und sammelt alles Verstreute wieder ein. Aufgerollt und eingeschmiegt die Richtungen, Winkel und Fernen, der Kies, der Sand und Stimmen. Darin findet sich wohl auch dein Name wieder, irgendwo, versteckt, kichernd in einem uralten Holunderstrauch.

Fern von hier, an deinem Haus, war der Strom auch schon derselbe.

Sehr geehrte Frau Schäfer-Wagner,

23. Juni 2010 § Ein Kommentar

bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich in einer ernsten Angelegenheit an Sie wende. Mir ist bewußt, daß mein Anliegen kaum auf Verständnis stoßen wird, aber erstens ist es nicht länger erträglich zu schweigen, und zweitens dürfte es Ihnen leichtfallen, meinem weiter unten genannten Wunsche nachzukommen, auch ohne Verständnis zu haben.
Seit einigen Wochen höre ich – verzeihen Sie meine Offenheit – das Geräusch, das die Belüftungsanlage ihrer Toilette hervorruft; zumindest ist das die plausibelste Vermutung, die mir zu diesem sehr unangenehmen heulenden Summen einfällt. Besonders lästig ist es, wenn es – wie heute – geschlagene zwei Stunden anhält. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Schreibens ist es immer noch zu hören, und Sie dürfen sicher sein, daß es ein sehr unangenehmer Zustand ist, zwei Stunden und länger auf das Verstummen eines verhaßten Geräusches zu warten.
Sie könnten mich für übertrieben geräuschempfindlich halten, doch erstens ändert die Zuschreibung irgendeiner Empfindlichkeit an meine Person nichts an meiner mißlichen Lage und dem damit verbundenen Ärger und Verdruß; zweitens ist es egal, wie empfindlich oder unempfindlich ich bin, wenn es Ihnen gegeben ist, ohne großen Aufwand meine Erlösung herbeizuführen. Drittens aber trifft der Vorwurf nicht. Ich würde mich nie über das morgendliche Gekrächze, Geräusper und, nun ja, Gespucke Ihres Herrn Gatten beschweren, und ich sage auch nichts über das vernehmliche Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakoooooooooooooooooob, mit dem Ihr im Stimmbruch befindlicher Erstgeborener seinen Bruder morgens um sieben zum Aufstehen zu bewegen bemüht ist, und obendrein schweige ich über die donnernden Schimpfkanonaden, mit denen Ihr Ehemann seine Söhne zusammenstaucht. Noch viel weniger würde ich jemals erwähnen, wie irritierend es ist, wenn Sie oder Ihr Mann vor meinem Fenster geräuschvolle Gespräche mit den Nachbarn führen, nein, sage ich, dazu schweige ich und will ich weiter schweigen. Von einer besonderen Empfindlichkeit kann also keine Rede sein, selbst das allabendliche Einlaufen- und Ablaufenlassen des Badewannenwassers in der Wohnung im ersten Stock stört mich nicht weiter.
Allein, es gibt Geräusche, die nicht durch ihre Lautstärke, sondern bloß durch ihre Eigenart den, der ihnen ausgesetzt ist, in den Wahnsinn treiben können, und ich ersuche Sie dringend, dieses Lüftergeräusch, das bedauerlicherweise zu jenen unerträglichen Schallarten gehört, zu eliminieren. Mir will auch nicht in den Kopf, warum es erst seit wenigen Wochen zu hören ist. Irgend etwas müssen Sie daran geändert haben. Vielleicht war die Anlage defekt, und Sie haben ein halbes Jahr gebraucht, sie zu reparieren? Angesichts der Geschwindigkeit, mit der Sie Ihr Gerümpel aus dem Flur entsorgen, halte ich das für durchaus plausibel. Oder Sie haben vorher nur Ihr zweites Bad benutzt? Oder einen Nachttopf?
Was immer es ist, ich bitte Sie inständig, zum früheren Zustand, was immer er gewesen sein mag, zurückzukehren.
Bedenken Sie bitte, daß ich dem Geräusch nicht entgehen kann, da mein kombiniertes Eß-, Schlaf- und Wohnzimmer eine Wand mit Ihrer Toilette teilt.

Hochachtungsvoll,
T. Th.

B., den 23.6.2010

Hörerbrief

16. Oktober 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Sehr geehrte Damen und Herren,

nein, ich will nicht in den (fraglos vielstimmigen) Chor derer einstimmen, die den Verlust einer so originellen, informativen, anregenden, labyrinthisch-verzweigten, herrlich langsamen Sendung wie „wdr3.pm“ es war, beklagen wollen. Schlimm genug, daß die Sendung gestrichen wurde; aber die Wege der Programmdirektion sind (zwar nicht wunderbar aber) rätselhaft, und ein Hörerkommentar wird daran nichts ändern, viele Hörerkommentare vermutlich auch nicht. Sei’s drum. Daß aber nun auch die Internet-Dokumentation dieser Sendung sang- und klanglos verschwunden ist, so daß man nicht nicht einmal mehr erinnern darf, oder, wichtiger, recherchieren kann, das ist nicht nur bedauerlich, sondern wirklich schlimm. An vieles erinnert man sich vielleicht dunkel, das man noch einmal aufspüren möchte, um es als Tonträger oder in gedruckter Form zu beschaffen, sei es ein Gedicht, einen Prosatext, einen Verweis auf Film, Bild oder Theater, der neugierig gemacht hat. Es wäre nun ein großer Verlust, dem nicht früher nachgegangen zu sein. Ich möchte Sie also bitten, die Ankündigungen und vor allem die Laufpläne der wdr3.pm-Sendungen wieder einzustellen. Sollte dies aus irgendwelchen (von mir ohnehin und schon a priori nicht einzusehenden) Gründen nicht möglich oder unerwünscht sein (als wollten Sie mit diesem alten Ballast nichts mehr zu tun haben, sich von dieser Ära ein für allemal lösen wie von einem Makel), bitte ich Sie um die Zusendung (als pdf-Datei) der Laufpläne dreier Ausstrahlungen, deren Titel oder Datum ich leider nicht mehr erinnerlich bin. Die erste Ausstrahlung handelte von Tieren; die zweite von Drogen (irgendetwas von „siebtem (oder achtem?) Sinn“ im Titel); die dritte von Wirklichkeit und Unwirklichkeit (Titel: „Nicht wirklich. …“). Soweit ich mich erinnere, stammten alle drei Produktionen aus der Feder des wunderbaren Mario Angelo, dem Sie gerne meine bewundernden Glückwünsche ausrichten dürfen.

Hochachtungsvoll,
T. Th.

An C. („Wenn ich einmal groß bin …)

3. Januar 2007 § Ein Kommentar

„[…] Doch, eine Zeitlang wußte ich sehr wohl, wohin ich wollte. Ich hütete mich davor, so großspurig wie jener Literat mit den Schweinsäuglein (Thorsten, Markus, Thomas, Michael, keine Ahnung) aufzutreten, aber im Grunde war mein Ziel genau das: Wenn ich groß bin, will ich Professor werden. Ich sah allerdings in diesem Bild des Professors, der ich einmal sein würde, eine Figur, die es nicht gibt und auch nie gegeben hat. Es war eine Phantasie, die sich einen feuchten Dreck um die Wirklichkeit scherte, eine Phantasie, die einer Gedankenwelt entsprungen war, in der Vokabeln wie Forschungsfinanzierung, Drittmittel, Projektanträge, Gutachten und Bewilligung nicht vorkamen. Eine gedachte Entität in einer gedachten Welt, in der es zur Forschung nicht Geld sondern Fleiß, Eingebung, Kreativität und Freiheit brauchte. Eigentlich kann man sagen, daß ich eine Märchenfigur werden wollte. […]“

5. November 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

[…] kalt ist es nicht mehr besonders bei uns, niederschlag ist auch keiner gefallen. die luft ist gut und frisch, kein wind, der himmel flockiges milchgrau. heute vermisse ich die vögel. nur ein paar elstern haben gescheckert. hätte fast eine kerze angemacht, aber es war doch schon hell. im flur duftet es nach meinem kaffee. so ein espresso verströmt beim zubereiten stärkeren geruch in der wohnung. ach, wie freue ich mich, wenn du hier endlich hereinkommst. schön ist es nicht bei mir, auch wenn ich noch aufräume — was ich mir fest vorgenommen habe. aber du wärst dann auch einmal in meiner kleinen welt gewesen, hättest mein leben auch räumlich betreten (sonst bist du ja schon mittendrin in meinem leben, in meinem herzen, in jedem winkeln meiner gedanken). dann mach ich dir einen schönen milchkaffee, ehe wir aufbrechen. und wer weiß, vielleicht ist ja gerade niemand zuhause außer uns …? […]

.

episteln: an meinen bruder

7. Juni 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Brüderchen,

Heute nacht hatte ich einen seltsamen traum: in meinem zimmer bemerkte ich eine spinne, die aus irgendeinem wirrwarr von geräten oder schachteln herauskrabbelte. sie hatte einen runden, hellgrauen körper und sehr lange dünne beine. als sie an der wand über meinem bett angelangt war, war ihr körper gedrungener geworden, der hinterleib länglicher, ihre farbe dunkel, und die beine waren jetzt dick, wie die von solchen spinnen, wie sie gerne unter kellertreppen wohnen … panisch wich ich zuück, ich kannte diese spinne, sie hatte mir schon einmal einen schrecken eingejagt, sie war über ein jahr in meinem zimmer gewesen, ohne daß ich es bemerkt hatte … ich rief nach dir. du warst irgendwo draußen, im nebenzimmer, auf dem flur, jedenfalls im haus. du kamst herein. als du die tür öffnetest, hockte die spinne darüber. ich hatte einen kurzem augenblick angst, sie könne auf dich herabfallen, aber du tratest unbeschadet durch die tür, kamst zu mir, und ich deutete auf das tier, das mittlerweile die ausmaße eines zwergpudels angenommen hatte und von tiefschwarzer farbe war. ich glaubte, du würdest dich fürchterlich erschrecken; zu meinem riesengroßen erstaunen aber gingst du ruhig zu der spinne hinüber, packtest sie mit beiden händen an einem beinpaar, so wie man einen stier bei den hörnern packen mag, durchquertest an mir vorbei das zimmer und schleudertest das ding aus dem fenster in den hof. ich war gerettet.

Bester retter und spinnenbändiger, glücklich erwacht bin ich

Dein TTh

.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Flaschenpost auf VOCES INTIMAE.