Fensterkreuz

13. September 2018 § 3 Kommentare

Nachts Regenrauschen, zu erschöpft, das Fenster zu schließen, soll es halt reinregnen, wenn es sein muß. Nach einer Stunde Wachliegens den verbleibenden Schlaf eingesogen wie ein Verdurstender das trübe Wasser einer eingetrockneten Pfütze. Ein Schlaf, der Dunkelheit durch die Poren ausströmen läßt, ein Schlaf am tiefsten Grund eines Schachts, an dessen anderem, fernem Ende unerreichbar der Wecker schrillt.

Wieder ein Tag. Wieder ein Tag auszustreichen aus dem Kalender verbleibender Lebenstage. Was könnte nicht alles passieren an diesem Tag, wofür böten sich diese vierundzwanzig Stunden nicht alles an. Nichts von alledem wird geschehen. Sondern immer etwas anderes, immer das andere.

Wieder ein Tag, an dessen Ende ich dich nicht werde gesehen haben. Wieder ein Tag, an dessen Ende ich dich nie wieder werde geküßt haben können. Ein weiterer Tag auf der wachsenden Halde der Tage ohne uns.

Denselben Weg noch einmal gehen, heute

26. Juli 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Denselben Weg nochmal gehen, heute, allein, den von gestern, zu zweit. Oder selbigen Tags noch zurückkehren zum inzwischen enthüllten, beim Aufbruch noch unter der Nacht verborgenen Wegstück. Wie der Klang eines Wortes nur langsam im Fortwirken der Stille vergeht, so sind die Geister an den Orten und Wegen noch da. Wie diese Brennessel verdurstend übern Weg hängt und da immer noch der Sauerampfer seine Blütenstände wie Lauschorgane empor reckt; wie der große, runde Stolperstein mit der Anmutung eines Schildkrötenrückens bei seiner Grabarbeit nicht weitergekommen und wie die Hummel auch diesmal wieder an der gleichen Stelle über den Weg gezogen ist, als müßte sie, an einem unsichtbaren Faden festgemacht, immer und immer wieder um dieselbe Nabe kreisen. Und der Weg selbst, als trüge er nicht die Schritte, sondern wäre selbst der Wanderer, der Verirrte, der Streuner, der Traumverlorene. Alles noch da, und doch um schemenhafte Beträge verändert durch die frühere Anwesenheit und das Nun-Fehlen dieser früheren Anwesenheit. Etwas wirkt nach. Etwas hat sich eingeprägt und schaut nun zurück zu mir, meinem wiederaufgetauchten, mir selbst fehlenden Dasein.

Ich vermeide es, am nächsten Tag den Weg noch einmal alleine zu gehen, den ich gestern in Gesellschaft gegangen bin. Vielleicht will ich mir die Erinnerung daran bewahren, wie es gestern war, an Gespräche, an ein Kopfnicken meiner Begleitung, an eine Übereinkunft oder ein gemeinsames Lachen, an einen aus der Luft gefischten Witz, vielleicht sogar an Küsse, vielleicht will ich das alles an diesem Ort belassen, wo und wie er in meiner Erinnerung ruht und ihn, den Ort, bei seiner Gedächtnisarbeit nicht stören. An diesem Folgemorgen zur Sitzgruppe am Kamelleboom zurückzukehren, es wäre wie einen Festsaal am Mittag nach dem Ball aufzuschließen. Erloschen die Kandelaber, stumpf die Tanzfläche, das Parfum der Damen ist schalem Schweißgeruch gewichen, durch ein unzureichend verhülltes Oberlicht sprüht etwas Licht herein, nicht vorgesehen wie ein technischer Defekt. Traurig ist das und hinterläßt einen schalen Geschmack, und es ist auch wie ein Blick in etwas, das einem nicht mehr zusteht, das Cabinet de Toilette einer Dame etwa, die sich zum Umziehen zurückgezogen hat und heute nicht mehr empfängt.

Also die Runde am Brenig und von dort den mittleren Weg hoch zu den Pferdeweiden. Wie Arbeiter sehen die Pferde aus; vor Tag schon mit schweißtreibenden Aufgaben beschäftigt, machen sie ihre erste Pause, während ich am Zaun vorbeilaufe. Ernste, schwere Körper, von der Sonne ledrig gebrannt, im Maul ein Schnauben, einen herzhaften Fluch. Ringsum leere, verbrannte Wiesen, eingefaßt von dünngescheuerten Zäunen, wie verblaßte Unterschriften auf einem ungültig gewordenen Dokument. Meine Gesellschaft von gestern ist abgereist, die Küsse eingetrocknet, die Wege ziehen sich unter Steinen zusammen, es ist die Zeit der Arbeiter am Sommer. Felsen, Gras und Pferde. Die Scheunentore schlucken Schatten. Morgen schon, denke ich, bin ich auch nicht mehr hier.

Fremd bin ich eingezogen

14. Juni 2018 § 4 Kommentare

The way my heart flutters when you look at me lesen genau in dem Moment, wo das eigene Herz wieder einmal stolpert, leider nur aus medizinischen Gründen.

Und wie ein Kommentar meiner Träume („Haben wir’s dir nicht immer schon gesagt?“) steht das Bücherregal am Fußende des Gästebetts, als ich mich mühsam erhebe. Fremde Türen, steif wie Katzenklappen, versperren den Weg zur Toilette. Die Wohnung riecht nach fremdem Revier. Vier dunkle Türen im Flur, von denen eine besonders dunkel ist. Man kann sie nicht verfehlen, und wenn man sich noch so Mühe gibt.

Tags zuvor, du in eurer Küche: Als trügst du eine andere Frisur und Kleider, die ich noch nie an dir gesehen habe. Dein Lachen, dein Gesicht so fremd wie die Stimme eines Menschen, der plötzlich Dialekt spricht, obwohl man nie etwas anderes als Hochdeutsch von ihm gehört hat. Freundlich, warm, gemütlich und sanft verstörend. Eine unbeabsichtigte, arglose Korrektur: So bin ich auch. Das bin auch ich.

Keine Phantasien, keine Träume suchen mich heim, kein luzides Glückserschrecken öffnet die Zimmertür im Halbschlaf. Die Nacht bleibt aus, eine Stunde stellt sich nicht ein. Die Luft ist eine Ausstülpung, wie ein Handschuh ohne Hand. Nur Leere und Warten und auf links gedrehter Schlummer von Straßenlaternen. Die Badezimmertür schließt nur mit Druck, es reicht ein Nachmittag in eurer Wohnung, um es zu lernen. Die andere Tür, links davon, hat ihre Klinke eingezogen und bleibt stumm, bleibt eine Nacht lang stumm, streng wie ein Wächter ohne Nase, und so hoch, daß das Schlüsselloch oben im Dunkel verschwindet wie ein Einbrecher am Seil. Draußen, in den Straßenschluchten, zirpen die kleinen Stimmen einer großen Nacht, wie Insekten im Pelz eines gewaltigen, schlafenden Tieres. Meine Uhr, mein Buch, meine Brille im Kreis des Leselämpchens. Gerettete Dinge, unersetzliche Koordinaten, mein ganzer Besitz. Ich kann weder schlafen noch lesen.

Ich erwache, wie einem ein unterbrochener Gedanke wieder einfällt, und es ist, als hätte ich gar nicht geschlafen. Unberührt steht ein Glas Wasser auf dem Nachttisch. Ausgestelltes, nicht abgeholtes Orakel. Die Bücher haben mich im Dunkel die ganze Zeit beobachtet, meinen Schlaf und meine Schlaflosigkeit; wenn ich weg bin, werden sie dir von mir erzählen. Ich weiß nicht, ob ich das hoffen oder fürchten soll. Durch den Vorhang atmet ein Morgen, der wieder mir gehört.

Die Bücher in diesem Zimmer, Titel um Titel, kennen dich alle besser als ich.

Und Tage später begreife ich, daß das nicht stimmt, daß es umgekehrt ist: So wie ich dich in eurer Wohnung sah, bist du wirklich, die Fremde bist du nicht dort, die Fremde bist du, wenn du bei mir bist und ich dich liebe.

Auf das Pfeifen der ersten Mauersegler mußtest du mich hinweisen, ich hätte es vor lauter Aufregung nicht gehört.

Fensterkreuz

7. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Traum in zwei Frauen verliebt gewesen. Den darin liegenden Zwiestreit als nur vermeintlichen Widerspruch entlarvt, indem ich die beiden Gefühle als ein einziges auffaßte und auch als ein einziges annahm, statt es nach der einen oder anderen Seite ebenso vermeintlich eindeutig machen zu wollen, wie es ja gar nicht zweideutig war, galt es doch in klarer Weise und völlig unzweideutig beiden Frauen (jeder für sich). Ein Gefühl, träumte ich weiter, ist ein Gefühl ist ein Gefühl; es kann nicht mit sich selbst in Widerspruch geraten; es kann nicht einmal zwei sein. Nur seine Deutungen können das, seine lebens- und liebespraktischen Konsequenzen.

Animalia tristia

14. Februar 2018 § 3 Kommentare

Und da sitzen wir nun in einer Sofanische eines Eiscafés, miteinander geschlafen habend, aufgewärmt, geduscht, durchgefroren von der Promenade und verschrien von Möwen, jetzt abermals aufwärmend, zivilisierten Anscheins, aber inwendig, oh je, total verstrubbelt.
„Ich bleibe einfach hier bis morgen früh“, hast du zu Hause gesagt, als ich von der Toilette kam, und ich habe mich übers Bett gebeugt, dich geküßt und geantwortet, ja, mach das, und wir beide wußten, was wir immer wissen, daß das nicht geht. Und auch, daß solche Sätze dazugehören, lange nachklingen und trösten, wenn man sie nur von der Vorderseite anschaut.
Wir brauchen viele Vorderseiten, um uns zu trösten.
Heute scheinst du mehr davon zu brauchen als sonst, schmal siehst du aus, wie unversehens aufgewacht, wo du gar nicht sein wolltest, ein Vogel, der aus dem Nest fiel. Das beste daraus machen, so ist es immer. Das beste ist, einander unterm Tisch die Hände wärmen und einander Dinge sagen, die nur eine Seite haben, Pläne, die realisierbar, Zufluchten, die erreichbar sind, aufrufen und voreinander ausbreiten. Am Nebentisch sitzen zwei alte Frauen, eine hockt hinter ihren Brillengläsern wie eine Eule, die andere hat Parkinson, ihre braunfleckige Hand hat ein Eigenleben wie ein Kaninchen. Ein Pinscher fängt an zu bellen. Eine Espressomaschine röchelt und spuckt Dampf. Ich schaue dich an, wir sind fehl am Platz. Wir sind nirgends zu Hause, wir kommen nirgendwo an. Wir reden, aber der ganze Raum scheint mitzuhören. Wir fassen uns bei den Händen, es ist heimlich. Wir schauen uns an und sind nicht allein. Vorhin, in meiner Wohnung, habe ich dir einen Pullover angeboten, Extrasocken, du wolltest nicht, du wolltest in mein Bett, mit mir. Aufladen, haben wir das vor ein paar Tagen genannt, es ist manchmal das einzige, das hilft, und in diesem Moment, innerlich zerzaust, eins den Geschmack des andern noch unter der Zunge, vor dem Tisch, unter dem sich die Hände halten, inmitten Geklirrs von Geschirr und Gekläffs zweier Hunde, im Geruch überhitzen Speisefetts, ist jenes Bett, jener Ort zum Aufladen, Aufatmen, Aufwärmen und Aufleuchten so weit weg wie der Mond. Es ist warm in dem Café, Licht strömt in Wintersträußen herein, aber ich sehe, daß du frierst, und kein Pullover kann dieses Gefühl vertreiben. Deine Augen frieren, dein Blick.
Kurze Zeit später schaue ich wieder einmal einem Zug nach. Ich winke in die frostige Luft, in der das Licht keinen Halt findet, denke, daß du mich schon gar nicht mehr sehen kannst, winke weiter, und von all den schönen Sätzen, die wir uns gesagt haben, sind wieder nur die Rückseiten übrig.

Mitnotiert, 22. Januar 2018

23. Januar 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Wach mit Bach. Nein, so wollte ich diesen Tag und diese Notate eigentlich nicht beginnen. Ich bin erstaunt, was für ein fleißiger Wiederverwerter der Großmeister des Barock gewesen ist. Nach ein paar Takten des Stücks, Solo-Orgel, deren ununterbrochene 16tel-Kette von gelegentlichen Trompeten- und Streichereinwürfen unterstützt wird, und die Verfremdung ist so groß, daß ich bis weit über die Hälfte der Spielzeit brauche, um herauszufinden, woher ich das Stück kenne. Da gibt es nämlich eine Sonate für Violine solo (Partita E-Dur, BWV 1006), die ich aber zuerst in einer Bearbeitung für Laute (BWV 1006a), vorgetragen auf einer Gitarre (von Sharon Isbin, 2002), kennengelernt habe; und was die Orgel hier vorträgt, klingt ganz verdächtig nach genau diesem Stück, von dem sich später herausstellt, daß es die einleitende Sinfonia zur Kantate Wir danken dir, Gott, wir danken dir (BWV 29) ist.

In jenem Sommer warb ich mit halbem Herzen um eine Frau, die mir T. C. Boyles Wassermusik zur Lektüre empfahl, und mit dem anderen halben Herzen fuhr ich nach der südlichen Stadt B. und besuchte dort meine Freundin. Ein in seiner seltsamen Teilung ganz und gar heiler Sommer. Es war gut, aussichtslos um jene Frau zu werben, und es war gut, halbherzig meine Freundin zu besuchen. Aus dem einen wurde nichts, das andere löste sich auf; was blieb, war die wunderschöne Musik und die bittersüße Erinnerung, die sie mir in der Version für Laute bis heute vermittelt. Es ist nicht immer schlimm, aussichtslos zu werben. Manchmal tut man es um des Werbens willen. Es ist auch nicht schlimm, wenn Dinge aufhören, die ihre schöne Zeit gehabt haben. Man kann nichts zwingen. Etwas zu wollen ist aber manchmal schon das schönste, was man haben kann. Eine Zuwendung und Richtung, die dem Dasein einen Sinn verleiht, und sei es auch nur ein vorübergehender. Es ist manchmal gut, ja zu sagen, auch wenn man keine Antwort bekommt. Wenn ich die Musik höre, denke ich unwillkürlich an eine hochgewachsene Pappel in einem Schwimmbad, an das meeresartige Rauschen der Blätter und das Steigen und Fallen des silbrigen Windes in der Krone. Fast grolle ich dem Meister, daß er das Stück etwas effekthascherisch in seiner Kantate verwurstet hat, denn so, mit den Trompeten und den Streichern, die wie anfeuernde Rufe dazwischenfunken, hat das Stück einen ganz anderen Charakter, ist die ganze strenge Melancholie verflogen.

Zeiten und Zeitpunkte. Momente und der richtige Moment. Es gibt für alles den rechten Moment, aber nicht nicht den rechten Moment für alles. Diese richtigen Momente können einer den andern ausschließen oder einander bedingen. Eine Kette von Ereignissen und Entscheidungen führt auf meiner Seite der Geschichte in jenen Sommer hinauf; eine andere Kette auf der Seite von O., in die ich damals mit halbem Herzen verliebt war, bis zu jenem Moment, da wir uns einmal im Treppenhaus eines Unigebäudes begegneten und eine Stunde blieben und Kaffee tranken. Ich, auf der Treppe sitzend, Sie, auf der Fensterbank hockend, rauchend, ich sehe ihre Silhouette immer noch vor mir. Sie sagte mir, daß sie nicht gerne reise. Ihr Haar, Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst, leuchtete wuschelig im Gegenlicht um ihren verschatteten Kopf. Ich behauptete, daß ich schon immer gern unterwegs gewesen sei; was nicht stimmte, nur wußte ich es da noch nicht. Sie war verpartnert, ich war verpartnert, beide in Fernbeziehungen, ideal eigentlich, aber in dieser Geschichte war es nicht hilfreich. Und wer weiß. Wahrscheinlich hätte ich nicht den Mut für eine Affäre gehabt, damals noch nicht. O. strahlte eine Matter-of-Fact-Leidenschaft aus. Ich nehme mir, was ich will, aber es gibt klare Grenzen für das, was ich will. Das meiste will ich nämlich nicht. Man konnte nicht von Reserviertheit sprechen, nur von Entschiedenheit, eine Entschiedenheit, die indes nicht mit Begriffen von Moral faßbar war. Ebenso wie sie nicht gern reiste, lehnte sie Tschaikowski vehement ab und jubelte Mozart ebenso vehement zu. Wenn ihr etwas nicht gefiel. gefiel es ihr absolut nicht, wobei sie eine begeisterte Schimpferin war. Einmal hatte jemand für unseren Literaturkreis den Vorschlag gemacht, Saramagos Stadt der Blinden zu lesen. O. fing das Buch an, es genügten ihr ein paar Seiten, um es in Bausch und Bogen zurückzuweisen. So etwas lese sie nicht, das sei ekelhaft. Wenn wir beschlössen, uns dieses Buch vorzunehmen, steige sie aus. — Wir lasen dann was anderes. O. war ganz oder gar nicht, aber nicht, weil das ihre Devise gewesen wäre, sondern weil sie eben so war. Ich dagegen habe damals wie heute Devisen gebraucht, um überhaupt etwas oder jemand zu sein.

Wach bin ich unterdessen auch mit Bach nicht geworden, und jemand zu sein fällt an einem so trüben Tag besonders schwer. Am liebsten wäre man einfach niemand. Man wäre der Nieselregen, unterschiede sich nicht von den Wolken, wäre die traurige Amsel selbst und der Anblick der Amsel zugleich. Man hätte Hände aus Wind und Zehen aus Regenpfützen und eine Stirn aus weichen, kühlen Ackerschollen.

Acht Uhr und noch immer nicht richtig hell. Mit Mühe löse ich den Blick von den stattlichen Pappeln, in deren silbrigem Springbrunnensäulen er sich zuletzt verloren hat, und kehre aus dem Sommer längst vergangener Tage in dieses heutige Winterzimmer zurück, wo man wohl oder übel seinen Tag beginnen muß, und wo im Radio der Moderator gerade das nächste Stück ansagt, etwas Heiteres, Beschwingtes und durch und durch Zuversichtliches, einen Sinfoniesatz von Mozart.

1. Februar 2017 § 3 Kommentare

 
(Als begönne Deine Seele gleich unter der Haut, fühl- und kostbar.)

Schlüpfer

9. Februar 2016 § 12 Kommentare

kleidermachenleute500x135


neujahr. und du fehlst.
im wäschekorb vom letzten
jahr liegt dein schlüpfer

***

tief in der wäsche
verborgene koralle
mit dem herz aus salz

***

der stoff kennt dich wie
ich dich nie kennen werde
neid auf baumwolle

***

hochgefischt vom grund
kühles rätsel deiner haut
geruch von neuschnee

***

gleich der ehemals
leuchtenden alge am grund
trüb jetzt an der luft

***

nachtragend wie die
vergilbte notiz für ein
geplatztes treffen

***

nach dem waschtag, nachts
steht der wäscheschrank schlaflos.
ins schloß späht der mond

***

nicht um die seide
ist es schade, reifte doch
im innern die frucht

***

so weiß wie eine
frisch verschlossene wunde
zarter damm vorm blut

***

vergessen im korb
was dich umhüllte, bewohnt
jetzt eine spinne

***

die nase im stoff
weniger als ein zeichen
das nichts von dir weiß

***

fluch dem gewebe
bringts mich doch dem gestern nicht
näher oder dir

***

wohnt da noch ein geist? —
küß ich zärtlich den stoff, bin
ich selbst das gespenst

***

schmerzlich die einsicht
im leeren stück wäsche bist
du noch mehr nicht da

Zum Projekt Kleider machen Leute

… zuvor / ging sie zur Arbeit

23. Oktober 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Ach, Liebe. Und nun: Hab ich wieder einen ganz anderen Tag. Laufen bei Tagesanbruch, und als ich zurückkam, da waren die benutzten Tassen und Gläser schon kalt und fremd. Nicht mehr unser Morgen. Ich hätte so gern noch einen ganzen Tag zum Morgen mit Dir. Nicht wieder die Stunden wechseln wie die Schuhe. Nicht wieder Küsse ablegen wie gebrauchte Hemden. Und gemeinsam die Teller waschen, bevor man zusammen das Haus verläßt, auf dem selben Weg.

Wort zum Montag

19. Oktober 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Lieber die Verhältnisse an die Liebe anpassen, als die Liebe an die Verhältnisse.

Wo bin ich?

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