Gehacktes

5. Februar 2021 § 4 Kommentare



Soja-Hack von R*genwalde. Angeblich täuschend echt und von echtem Hack aus Thier nicht zu unterscheiden. Lecker? Sagen wir so: Die Fasern kleben nicht so sehr zwischen den Zähnen wie bei echtem Fleisch.

(Im Ernst, wer sich davon täuschen läßt, der hat ein gestörtes Verhältnis zum Rind.)

Möglicherweise war’s das dann. (2)

31. Januar 2021 § 2 Kommentare

Ja, was haben wir eigentlich geglaubt, damals, als das Internet jung war? An die reine Menschenfreundlichkeit? An den Spieltrieb des Menschen? An seine reine Freude daran, etwas zu schaffen? An die Möglichkeit, daß es ein kreatives Tun jenseits der Systeme von Leistung und Entgelt geben könnte? An die Möglichkeit, endlich ein Publikum zu finden, unabhängig von Papier, Verlag und Vertrieb? Haben wir wirklich geglaubt, all diese schönen Angebote, von Zeitungen über Kartenservices und Suchmaschinen bis zu Blogs und Videokanälen seien umsonst, weil sie nichts kosteten?

Ja, das glaubten wir wirklich. Wie konnten wir so naiv sein? Wie konnten wir unser Erstaunen darüber, daß all diese bunten Dinge einfach so zu haben waren, als wären sie vom Himmel gefallen, wie konnten wir dieses Erstaunen nur so gekonnt beiseiteschieben? Wie konnten wir den Fehler machen, unser eigenes Engagement, unsere eigene reine Schaffensfreude, unsere eigene Bereitschaft, von den Fesseln und Rahmenbedingungen des real life befreit, etwas Schönes um seiner selbst Willen ins Werk zu setzen, auch bei den Machern von Google oder WordPress zu vermuten? Jetzt wundern wir uns und reiben uns die Augen, und das schon seit einer ganzen Weile. Das letzte Wunder kann man jetzt vielleicht auf WP erleben: Die Plattform plant die Einführung sogenannter sponsored articles, das ist eine originelle Bezeichnung für parasitäre Texte, die ohne Kontroll- oder Einspruchmöglichkeit des Bloginhabers, ja ohne sein Wissen von der Plattform zwischen die Originalbeiträge gestreut werden und nichts anderes sind als Werbung im Gewand eines Blogeintrags. Man könnte auch sagen, im Pelz eines Blogartikels. Das ist ungefähr so, als gehörte zu meinem Mietvertrag, daß ich zweimal die Woche mein Wohnzimmer als Verkaufsfläche für Modeschmuck oder Händies freimachen müßte. Nur, und das ist der Punkt, daß es die Wohnung nicht umsonst gibt. (Worüber man durchaus reden könnte; schließlich sind Straßen, der Dienst von Lichtsignalanlagen, Brücken, Unterführungen, Straßenlaternen, Schulen und Universitäten, Parks und Parkbänke und vieles andere auch umsonst, bzw. durch Steuern finanziert.)

Ich habe von Anfang an nicht begriffen, wie es sein kann, daß ein bloßes Rahmenwerk wie eine Blogplattform etwas kosten solle. Schließlich tritt auch der Papierwert eines Buches gegenüber seinem kreativen Inhalt vernachlässigbar zurück. Papier und Druckmaschinen, das waren die Erfordernisse des real life, die wir, als wir anfingen, das Medium auszutesten, für überwunden glaubten. Daß Inhalte wie etwa Zeitungstexte kostenpflichtig sind, das leuchtete mir ein (umso weniger verstand ich, warum man sie – damals – umsonst bekam); was mir nicht einleuchtete, war, daß ich als Autor in der gleichen Weise der Abnehmer einer Dienstleistung sein sollte wie als Leser.

Ich möchte mich und zahllose Mitstreiter auf dieser und anderen Plattformen durchaus als Kulturschaffende, wenn nicht gar als Künstler, mithin das, was wir hier tun, als Kunst- und Kulturleistung auffassen. Was wir hier einstellen, haben wir mit Sorgfalt und einigem Schweiß gestaltet; es macht vielen Lesern Freude und ist, unabhängig davon, ob es uns selbst Spaß gemacht hat oder nicht, Arbeit*; kostet demzufolge Mühe, Konzentration, Zeit und, jawohl, Hingabe. Verlangen wir etwas dafür? Ich jedenfalls nicht. Ich schreibe gerne, und ich stelle es hier gerne unentgeltlich zum Lesen ein. Aber ich will dafür, daß ich etwas kostenlos anbiete, nicht auch noch zur Kasse gebeten werden.

Möglicherweise war’s das dann.

28. Januar 2021 § Ein Kommentar

Ok, wenn WP das ernst meint damit, dann war’s das wohl. Aber Klabautermann-Beiträge über Staubsauger oder Inkontinenzunterwäsche in meinem Blog, die ich weder entfernen noch editieren kann, dulde ich nicht. Dann geh ich und schließe das hier mit einem letzten Eintrag der Kategorie o tempora o mores.

Schade.

Es wäre zu schön gewesen, wie wir damals, in den Nuller Jahren, glaubten. Als wir tatsächlich dachten, das Netz mache ein kostenloses Mittagessen für alle möglich.*

Zwanzig Jahre Mitmachprojekt

15. Januar 2021 § Hinterlasse einen Kommentar


Die Wikipedia (jahrelang glaubte ich, der Name habe irgendwas mit Wikingern zu tun, vielleicht als Ausdruck von Freiheit und Subversivität) wird 20 Jahre alt. Was war den Nachrichten im WDR wert, darüber zu sagen? Das Datum des Onlinestellens; der Name des Gründers, der Ort der Gründung; und: was Kritiker ihr vorwerfen. — Nicht daß man sich nicht bemühen würde; aber gibt es das überhaupt, etwas von Menschen Ausgedachtes und Gemachtes, an das keine Kritik mehr heranreicht? Und könnte man nicht zumindest den Vorschlag machen, angesichts eines Jubiläums und eines beispiellosen Erfolgs ein einziges Mal zu würdigen ohne zu kritisieren? Man hat das Macht’s doch besser schon auf der Zunge. Es ist eine Entgegnung, von der es zu unrecht heißt, sie sei billig oder kindisch. Wer kritisiert, muß sich die Frage nach dem Gegenentwurf gefallen lassen. Das gilt insbesondere und überhaupt für ein Projekt wie die Wikipedia, das ausschließlich davon lebt, daß Kritik nicht nur geäußert, sondern gelebt wird, und zwar von jedem, der sich berufen fühlt. Dir gefällt ein Artikel nicht? Anmelden, besser schreiben. Du hast einen Fehler entdeckt? Anmelden, korrigieren. Dir fehlt ein Artikel zu einem wichtigen Stichwort? Anmelden, Artikel eintragen. Du findest Wikipedia nicht „transparent genug“? Dann melde dich an und mach sie transparenter, Herrgott! Du bist eine Frau und findest die Männer-Frauen-Ratio unter den Mitwirkenden der Wikipedia erbärmlich? Kommste selbst drauf, gell? Wer bei einem Mitmachprojekt nicht bereit ist, mitzumachen, kann sich jede Kritik daran sparen.

Keine Zeit für Helden

7. Januar 2021 § 8 Kommentare

Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer, mit dem Virus umzugehen, weil es unsere liebsten Erzählungen durchstreicht. Der Feuerwehrmann, der in ein brennendes Haus steigt, um Eingeschlossene zu retten; Sicherheitskräfte, die eine zu schützenden Person mit dem eigenen Körper decken; der mutige Ersthelfer, der ohne zu zögern ins eisige Wasser springt, um ein ertrinkendes Kind herauszuziehen; oder auch die Wildsau, die ihre Jungen tapfer vor dem Löwen, die Löwin, die die ihren vor den Jägern verteidigt — das Motiv ist so alt wie die westliche Literatur, und nie sind diese Helden, in menschlicher oder tierischer Gestalt, bescheuerte Spinner, in diesen Erzählungen ist der Einsatz des eigenen Lebens zur Rettung anderer immer positiv bewertet — selbst da noch, wo der Retter scheitert. Ein solches Heldentum ist individuell, es hat einen Namen und ein Gesicht in den Zeitungen.

Was war Heldenmut in Zeiten der Pestilenz? Er bestand in der aufopferungsvollen Pflege der Kranken und war, aus heutiger epidemiologischer Sicht und in Anbetracht der damaligen Unkenntnis des Ansteckungsweges, grundverkehrt. Die Pfleger pflegten und steckten sich pflegend selbst an — um der Seuche daraufhin bei der Ausbreitung behilflich zu sein. Der pseudoheilige Rochus — die Geschichte schweigt davon, wie viele weitere Menschen er mit seiner Pestbeule angesteckt haben mag.

Das Virus zwingt zur Feigheit. Wer feige ist, ist gut; wer sich selbst schützt, schützt andere. Feigheit ist die neue Leittugend, das neue Heldentum. Aber was für alberne Helden bringt es hervor? Todesverachtung heißt unter den Regeln, die das Virus aufstellt, Menschenverachtung, und wer mutig ist, rettet nicht, sondern gefährdet andere. Wir würden uns gerne mutig als Teil der Lösung verstehen, dabei müssen wir lernen, uns als Teil des Problems zu sehen. Das läuft konträr zu all unseren Lieblingserzählungen, ist langweilig und empörend, verspottet die Intuition und kehrt alle Werte, die wir rund um Gefahr und Gefährlichkeit errichtet haben, um. Wir sind keine Helden, wir sind selbst die Gefahr. Wir selbst sind das Böse, seine Träger, seine Knechte.

Unser gewöhnliches Vokabular in Antwort auf Gefahr ist: trotzen, bekämpfen, Widerstand leisten. Gerade hinstehen. Schultern breit. Dem Gegner ins Gesicht lachen. Zwar wird jedem Ersthelfer im Kurs der Leitsatz eingebleut, ein toter Helfer ist ein schlechter Helfer; aber die guten Geschichten gehen anders, da finden wir Absperren und Warndreiecke eher langweilig. In den Geschichten rennen wir einfach, unserem besten inneren Befehl folgend, ins brennende Haus, verachten wir den Tod und bleiben trotzdem am Leben. Das Virus aber verbietet uns nicht nur unsere besten Instinkte (bei Bedrohung zusammenzurücken und Trost in der Nähe zu suchen); es hat auch leider keine guten Geschichten für uns, keine Erzählungen, deren Helden wir gern selber wären.

Ansichten

3. Januar 2021 § Hinterlasse einen Kommentar



Dieser Tage gehört:

„Wir werden das Virus nicht besiegen, wir werden mit dem Virus leben müssen.“

„Daß tausende Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, das ist ja wohl schlimmer, als wenn ein paar Rentner, die sowieso bald gestorben wären, jetzt eben ein paar Monate eher abtreten.“

„CoViD-19 ist gut für die Rentenkasse.“

„Ich laß mir doch vom Staat nicht vorschreiben, mit wie vielen Leuten ich mich treffe!“

Phrasen

9. Dezember 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie mir bestimmte Schlagwörter (Neoliberalismus, Globalisierung, Digitalisierung, Konsumgesellschaft, Patriarchat, Klimawandel, Konzern, Gewinnmaximierung etc.) jeden Sachtext von vornherein verleiden. Sobald eins davon aufscheint, klingt es immer so, als würde jemand eine auswendig gelernte Lektion herunterbeten, nachdem alle anderen Schüler sie auch schon heruntergebetet haben. Wirklich Originelles, darf man vermuten, ist nicht mehr darunter. Wir haben schon alles durch. Es bleibt, zu handeln.

Zum Beispiel in dem Nerd-Buch von Sibylle Berg. Da steht meistensteils auch nur das, was alle anderen auch schon gesagt haben. Und bei Sätzen wie diesen etwa: „Die heutige Weltordnung stößt an ihre Grenzen. Wir überbeanspruchen die Ressourcen der Welt. Das führt zu Engpässen, Konflikten, Kriegen, Massenmigration usw. … Um [das Problem] zu lösen, bräuchten wir einen Umbau unserer Wirtschaft und Gesellschaft — und zwar weltweit“ oder diesen „Wir müssen aus unserer Konsum-Lethargie ausbrechen …“ (Dirk Helbing, ETH Zürich, TU Delft) denkt man ja nur noch, ach ja. Verblüfffende Lösungen jeneits von schmerzlichen Rückschnitten sind da nicht zu holen — die aber, die Schnitte nämlich, werden uns ja schon andernorts und ubiquitär um die Ohren gehauen. Nicht, daß es nützen würde. Abgesehen davon, kann man es nicht mehr hören. Man tut ja schon fast alles. Man fährt kein Auto, hat noch nie eines besessen, man fliegt nicht, man fährt Rad mit Muskelkraft, der letzte Urlaub war in Darmstadt an der Bergstraße, man besitzt kein Mobiltelephon, man trägt die Klamotten, bis sie auseinanderfallen und kauft ansonsten Kleider im Gebrauchtwarenkaufhaus, man ißt wenig Fleisch und nur saisonales Obst und Gemüse, man heizt erst ab unter 16° Raumtemperatur, man duscht ausschließlich kalt, sommers wie winters. — Und? Nix is. Es ist grad egal. Aber das nächste Buch mit dem Untertitel Wie wir den Klimawandel in den Griff kriegen erscheint sicher dieser Tage.

Holzweg

4. August 2020 § 8 Kommentare



(Meine unmaßgebliche Ansicht: Irgendwo zwischen 1990 und heute ist die Menschheit falsch abgebogen. Und da sind wir nun. Auf dieser absurden Nebenstraße. Eine Geisterbahn. Man möchte nach dem Sicherungskasten greifen und dem Ding den Saft abdrehen, aussteigen, aufatmen und ans Licht zurückklettern.

Und dann die Ärmel hochkrempeln und die Welt gestalten.

So.)

Systemr.

8. Juli 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Systemrelevanz: Das Nützliche, das Notwendige, was ist es, was ist seine Natur? Es ist banal! Es ist trivial. Eben weil es nützlich ist, ist es langweilig. Kein Wort darüber zu verlieren, es versteht sich ja von selbst. Es fügt der Welt nichts hinzu, was diese an Forderungen nicht schon kennt. Der Mensch aber ist das Wesen, das stets mehr will als das Dasein, mehr will, als das Leben fordert, ja, mehr will als das Leben selbst. Er strebt danach, das Notwendige hinter sich zu lassen. Nicht um der Sicherheit willen – sondern um sich dem Überflüssigen hingeben zu können. Wenn ihm das nicht gelingt, gibt er sich dem Überflüssigen trotzdem hin, indem er sich über die Notwendigkeit hinwegsetzt oder sie ignoriert. When trouble strikes head for the library. Es heißt, während der Petersburger Blockade seien die Konzertsäle und Theater der Stadt voller Menschen gewesen. Langeweile kann schlimmer sein als Hunger. Wer aber satt ist, langweilt sich mit Sicherheit früher oder später. Leo Lionni hat mit der Maus Frederick eine treffende Parabel über das Problematische der Systemrelevanz geschrieben. Gedichte über Sonnenstrahlen, Blumen und Farben ist wohl genau das, was die Verfechter der Systemrelevanz als erstes streichen würden, wenn die Lage sich zuspitzt. Und doch ist es das, was am Ende zählt, wenn die Nahrung aufgebraucht und der Winter noch lang ist. Ein atheistisches Argument lautet: Wo bleibt denn die Pizza, wenn ich Hunger habe und zu einem imaginären Wesen bete? Die Antwort ist natürlich: den Zweck des Gebets verfehlt, wer sich davon manifeste Hilfe in Form von Nahrung verspricht. Der Zweck des Gebets ist es, den unvermeidlichen Hunger erträglich zu machen.
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Wer das Wort Systemrelevanz in den Raum spricht, muß sich Fragen nach dem System anhören.
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Tatsächlich kann das Wort ja noch etwas ganz anderes bedeuten: Die Relevanz des Systems nämlich.
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Wer Systemrelevanz fordert, hat schon sein Bündnis mit dem System geschlossen.
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Das System, machen wir uns nichts vor, ist zum Beispiel dasjenige, in dem jahrelang erbittert über die Einführung eines Mindestlohns gestritten wurde. Das System ist eines, in dem Menschen in Not, denen keiner helfen will, herumgeschoben werden wie Sondermüll. Das System ist eines, in dem Rettungsschiffen die Landung im Hafen untersagt wird, weil sie die falschen gerettet haben.
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Wer sich nützlich macht, treibt die Interessen des Nutznießers voran. Das ist nur im Idealfall dieselbe Person.
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Systemrelevanz, was habe ich mich in meiner Jugend über diesen Quark geärgert. Nichts von dem, was mich interessierte, ist jemals systemrelevant gewesen, selbst in der großzügigsten Auslegung des Begriffs nicht. Nordamerikanische Indianersprachen! Theoretische Linguistik! Indogermanistik! Modallogik! Mögliche-Welt-Semantik! Das Modussystem des Lateinischen! Sprach ich außerhalb des Kreises meiner Kommilitonen über meine Studienfächer, traf ich kaum je einen, der Neugier an der Materie gezeigt oder wenigstens Neugier dafür aufgebracht hätte, warum mich ausgerechnet diese Dinge interessierten. Das war selten die Frage. Die Frage war nach demjenigen Aspekt meiner Interessen, den man seit einigen Wochen unschön Systemrelevanz nennt, und sie erfolgte, mit wenigen Varianten, immer in derselben Form, als hätte man lauter Ausgaben von Bibi, der sprechenden Puppe vor sich gehabt: Und was macht man dann mal damit? Die einzige akzeptierte Antwort darauf wäre natürlich gewesen: Ich will noch viel mehr Spielzeug haben.

Regeln

25. Juni 2020 § Ein Kommentar

Nicht allein, um ihre Befolgung sicherzustellen, muß die Ausstellungsinstanz von Regeln möglichst ins Innere der Regelbefolger verlegt werden; sondern, und vielleicht mehr noch, um die Befolger zu entlasten. In kürzester Zeit sind wir an einen Punkt gelangt, an dem es sich falsch anfühlt, ohne Gesichtsbedeckung einen Laden oder einen Bus zu betreten, ähnlich falsch, wie ein obszönes Wort zu äußern oder einen Fremden zu duzen. (Der Vergleich ist interessant, weil er die Frage nach einer möglichen Verwandschaft von linguistischen und moralischen Regeln aufwirft.) Derart internalisierte Regeln haben sich von ihrem ursprünglichen Begründungskontext gelöst und damit den Status religiöser Gebote erlangt. Für einen gläubigen Muslim oder Juden mag es sich ähnlich falsch anfühlen, eine Moschee mit Schuhen oder eine Synagoge ohne Kopfbedeckung zu betreten. Je stärker der Grad der Internalisierung, desto schwerer ist es, die Regel nicht mehr zu befolgen, wenn der Begründungskontext nicht mehr gegeben ist; im Fall von religiösen Geboten, die von Anfang an aus keinen Begründungen folgten, ist es ganz und gar unmöglich, es sei denn, man hört auf zu glauben, und nicht einmal dann ist es einfach. Wir werden unsere Mühe damit haben, die Internalisierung des Maskengebots wieder loszuwerden, wenn der Grund dafür einmal weggefallen sein wird. Denn es gibt ja kein Gebot, sie nicht zu tragen, nur den Wegfall eines Grundes, es zu tun; während die interne Wachinstanz noch eine ganze Weile wachsam bleiben wird. Die durch die Internalisierung bewirkte Entlastung wirkt im Regelbefolger fort: So ist es tatsächlich einfacher, die Regel weiter zu befolgen, als den gedanklichen Aufwand zu betreiben, sie fortan zu ignorieren. Ersteres bedarf keiner Entscheidung mehr, letzteres muß bewußt entschieden werden.

Wo bin ich?

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