DSGVO

4. Mai 2018 § 9 Kommentare

Mich als nicht-kommerziellen, fremdgehosteten Blogger für die Datenerhebung meines Hosting-Services in die Verantwortung zu nehmen ist so, als wäre ich persönlich haftbar für die Brandschutzmängel in einem Haus, in dem ich eine Wohnung angemietet habe. Oder für die Mißachtung der Hygienevorschriften in einem Hotel, in dem ich eine Nacht verbringe. Und es ist so, als hätte ich die Pflicht, mich über eventuelle Brandschutzmängel oder Hygienenachlässigkeiten vorab zu informieren und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten, auch wenn sie jenseits meiner technischen Möglichkeiten liegen.

(Ich muß ja auch nicht persönlich für einen Datenleak bei meinem Internet-Provider geradestehen, nur weil ich dessen Dienste im Sinne des Vertrags für ein Telephonat genutzt habe. Aber vielleicht kommt das ja auch noch.)

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26. März 2018 § 4 Kommentare

Wann hat
das eigentlich angefangen, daß auch im Deutschen Videoclips viral gehen?

20. März 2018 § 4 Kommentare

Soll das nun heißen, Deutschland braucht den Islam? Oder, ohne den Islam würde Deutschland was fehlen? Oder, der Islam soll in Deutschland heimisch werden? Oder einfach konstatierend, daß er das bereits ist? Im letzten Fall müßte man sich nicht mehr das Maul verreißen, denn Behauptungen von Tatsachen lassen sich überprüfen, fertig.

Weiterhin: Was ist mit Deutschland überhaupt gemeint? Seine geographischen Grenzen? Seine Kultur und Sprache (aber welche Kultur ist das genau, und welche Dialekte, Soziolekte, Jargons und Slangs will man dazurechnen?) Oder ist Deutschland die Summe der Deutschen? Was es nicht leichter macht, denn was sind das überhaupt, die Deutschen?

Man könnte nun sagen, mit gehört zu ist gemeint, wie man landläufig sagt, Peter gehört doch auch mit zum Gartenverein, geäußert gegenüber Leuten, die Peter aus dem Verein raushaben wollen. Aber so einfach ist das nicht. Ein Nationalstaat ist kein Gartenverein, weswegen auch Gleichnisse der Art Die müssen sich hier wie Gäste benehmen barer Unsinn sind. Familien können Gäste haben, Freundeskreise, Vereine, Singgruppen können Gäste haben. Staaten können das nicht. Die Wortwahl zieht ungültige Parallelen und operiert im Großen mit Begriffen aus der Welt des Kleinen. Das kann nicht gutgehen.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Das Christentum gehört nicht zu Deutschland. Die Anbetung des großen Spaghettimonsters gehört nicht zu Deutschland. Trekkies gehören nicht zu Deutschland. Helene-Fischer-Fans gehören nicht zu Deutschland. Ja, nicht einmal die Deutschen gehören zu Deutschland. Sie sind halt nunmal da. So wie Juden, Zeugen Jehovas, Buddhisten, Shintoisten, Sannyasin, Veganer und Ufologen einfach da sind.

Kurz gesagt: Der Satz: Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland ist derart verkehrt, daß er nicht einmal falsch ist.

Statt über gehört zu und gehört nicht zu zu schwafeln, sollte man lieber einen Blick ins Grundgesetz werfen. Darin heißt es, Artikel 3, Absatz (3):

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Und weiter, Artikel 4, Absatz (2):

Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Und damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Etwas anderes gehört sich nämlich nicht.

Diggi

7. März 2018 § 3 Kommentare

Morgens aufstehen müssen gehört ja generell nicht zu den beliebtesten Beschäftigung, selbst bei mir nicht, aber vom Wecker, na, nicht einfach nur geweckt, sondern durch die Nachrichten förmlich aus dem Bett geschubst zu werden, macht die Prozedur noch einmal unbeliebter. Gänzlich verhaßt wird die Sache aber durch eine moderne Masche des Radiosenders, die Nachrichten gern mal mit einem O-Tone beginnen zu lassen, als säßen wir hier im Kino. Da überschlägt sich dann etwa ein Sportreporter vor Begeisterung über die jüngste Goldmedaille im Teebeutelweitwurf; oder ein Herr Trump knödelt seine neueste Eingebung beim Stuhlgang in die Mikrophone; oder, so geschehen gestern, eine designierte Ministerin für Digitales verkündet in fränkischem Akzent, was die FDP schon beim letzten Wahlkampf sich nicht zu schade war als „Programm“ auszugeben: Digital first, Bedenken second.

Da kann man auch gleich im Bett bleiben, wenn man so etwas schon zu früher Stunde um die Ohren gehauen kriegt. Cui bono? Digitalisierung für wen? Ich höre schon wieder meinen Lieblingssatz im Hintergrund leise mitsummen: Um den Herausforderungen der Digitalisierung besser begegnen zu können … Da wird so getan, als sei die Digitalisierung eine Naturkatastrophe, die unaufhaltsam über uns hinwegrollen wird. Da kann man sich nur noch wappnen. Nix zu machen. Zieht euch warm an.

Die Digitalisierung, die Globalisierung und so manche andere -isierung, sie alle sind Menschenwerk und von Menschen gewollt. Nicht von mir. Von Ihnen vielleicht auch nicht. Aber von genau denen, die sich was davon versprechen. Und die Macht haben, es durchzusetzen. Und wie bei jeder -isierung sollte man auch bei der Digitalisierung ganz genau hinschauen und diejenigen identifizieren, die sich etwas davon versprechen – und auch klarstellen, was man sich dort davon verspricht. (Im allgemeinen ist das nicht schwierig: Geld und Macht, natürlich)

Es gäbe sicher eine Menge zu tun für Frau Bär. Zum Beispiel den flächendeckenden Ausbau eines schnellen Internets; oder die Einzementierung der Netzneutralität. Oder gesetzliche Vorgaben für einen strengen Datenschutz. Worauf es aber eher hinauslaufen wird, darüber kann man hier und hier zu ersten Vermutungen gelangen. Mir jedenfalls graut vor dem Tag, ab dem ich meine Behördengänge nur noch mit Smartphone erledigen kann.

Es ist ein Meisterstück der Suggestion, die Zukunft als etwas aussehen zu lassen, das nicht gestaltbar ist, etwas, auf das man nur noch reagieren, das aber niemand ändern oder in andere Bahnen lenken kann. Die Zukunft beginnt heute, und sie beginnt bei jedem einzelnen. Sie wird verwirklicht mit jeder Kaufentscheidung, mit jedem Suchbegriff, mit jedem Download, mit jedem Blick aufs Schächtelchen. Sie beginnt mit einer Frage:

Will ich das überhaupt? Sollte ich nicht einfach mal den Wecker aus dem Fenster werfen und ausschlafen?

Das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, aber es nun selbst in die Hand nehmen, lese ich hier, und genau das scheint es mir zu sein.

Im Märzen der Holzfäller …

5. März 2018 § 2 Kommentare

Und tatsächlich! Flutlicht auf dem Weg, ein unbewegliches Scheinwerferpaar, irgendwo in nicht zu bestimmender Entfernung auf dem dämmrigen Waldweg. Ein drittes Licht schwebt über den zweien, schwankt, erlischt, leuchtet wieder auf. Natürlich, ein Holzernter. Was sonst. Das mußte ja einmal passieren. Nun, nach wochenlangen Ausweichmanövern durch den angstvoll nach Maschinengeräuschen abgelauschten Wald, ist es nun endlich soweit, und ich gerate mitten hinein. Was hab ich es satt! Zerpflügte Wege, Lichtspektakel, Gejaule von Motorsägen, Gerassel von Kettenfahrzeugen, große Areale Walds niedergemäht, manche Orte bis zur Unkenntlichkeit zerbombt, zersägt, versumpft, verschandelt. Seit Oktober geht das jetzt so. Das ist kein Wald, das ist eine Fabrik.

Natürlich stoßen hier komplett inkompatible Auffassungen, was ein Wald sei und welchem Zweck (oder ob überhaupt einem) er diene, aufeinander. Für mich ist der Wald ein Refugium, eine Oase des Normalen und Natürlichen in einer Wüste des Uneigentlichen, ein Stück Heimat inmitten von Entfremdung. Was ich von ihm verstehen kann, will ich verstehen, seine Geheimnisse wünsche ich mir unangetastet von mir oder anderen. Seine Stille tut mir gut, seine Räume, sein großer, ruhiger Atem beschwichtigen mich. Wälder waren immer da, ob ich sie aufsuchte, an sie dachte, mich nach ihnen sehnte, oder nicht. Von frühester Kindheit an bin ich im Wald gewesen. Ich habe vom Wald gegessen, ich habe im Wald geschlafen, ich habe im Wald geliebt. Ich weiß nur sehr wenig über den Wald, aber das wenige genügt mir. Mir genügt, daß sich der Wald selbst genügt. Er braucht mich nicht, und das ist gut.
Für sie aber, die hier Holz ernten, ist der Wald etwas ganz anderes, nämlich eine Plantage, eine Investition, eine Fabrik, ein Wirtschaftsfaktor.

„Um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen …“, lese ich in einer Broschüre, die von den Forstämtern NRW herausgegeben wird und dazu ersonnen wurde, mir und anderen besorgten Spaziergängern den Holzeinschlag schmackhaft zu machen. Die Antwort, die mir bei solchen und ähnlichen Sätzen in immer gleicher Form auf die Zunge springt ist: Ach, und warum gibt es den Klimawandel? In meinen Augen ist der Klimawandel keine gute Begründung für irgendwas. Er ist eine Folge von Mißständen, die ihrerseits angeprangert und schnellstmöglich ausgemerzt werden müssen. Schon die Wortwahl nervt. Der Klimawandel – oder, um es beim Namen zu nennen, die anthropogene Erderwärmung – ist alles mögliche, nur gewiß eins nicht: eine Herausforderung. Herausforderungen gibt’s beim Sport. Die anthropogene Erderwärmung aber ist eine Katastrophe. Und mit Umstellung aufs Heizen mit Holzpellets, das sich allerorten wachsender Beliebtheit erfreut und eine Hauptursache für den vermehrten Holzeinschlag darstellen dürfte, ist diese Katastrophe gewiß nicht abzuwenden.

Leider habe ich viele Minuten, bis ich die Lichtquelle erreiche, Minuten, in denen mir durch den Kopf geht, was ich den Arbeitern an den Kopf werfen werde, Lassen Sie den Wald in Ruhe, Hauen Sie ab, Ich hab’s Oberkante Unterlippe mit dem Scheiß, Sind Sie mal langsam fertig? Der Wald ist nicht für Sie da, Gehen Sie woanders spielen. Natürlich werde ich von alledem nicht eine einzige Silbe äußern. Ich werde an dem Fahrzeug vorbeischleichen, ducken, schlucken, schlucken, wie ich noch immer alles geschluckt habe. Na bitte, geht doch.

Ein Kran, der vier Baumstämme auf einmal packen kann, schwebt bedrohlich in der Höhe, schwankt ruckartig, entläßt die Stämme mit Gepolter auf die Ladefläche des zwanzig Meter langen Schwerlasters. Eine einsame Person steht an einem Schaltpult, vertieft in die schwarze Magie der grollenden und heulenden Maschine. Den Rücken zu mir, den Blick zur nächsten Ladung erhoben, die gerade in die Höhe schwebt, sieht er mich nicht, sieht er nichts außer Hebeln, Stämmen, Stahlkrallen. Und hinter den Krallen, hinter dem schwebenden Licht, Dunkelheit. Und irgendwo da in der Dunkelheit, ein Läufer. Ich. Niemand paßt auf, niemand warnt vor Passanten. Was ist, wenn die Kralle nicht ordentlich zugepackt hat und ein Stamm herausrutscht? Mir auf den Schädel, in die Rippen, aufs Bein? Innerlich kochend, mache ich einen großen Umweg durch Unterholz. Der Laster füllt den Waldweg in voller Breite aus, da ist kein Vorbeikommen. Ich muß über den Böschungsgraben, durch Strauchwerk, über den Graben zurück auf den Weg. Wahrscheinlich hat mich niemand auch nur bemerkt. Geschweige denn auf mich aufgepaßt.

Diese Ernteungeheuer sind mir Symbol für gleich mehrere Mißstände der schönen neuen Welt, bespielen mehr als nur einen einzelnen neuralgischen Punkt, vereinen gleich mehrere Ärgernisse in sich. Da wäre zum einen: motorisierte Fahrzeuge, gleich welcher Art, sind mir ein Greuel. Zum zweiten: motorisierte Fahrzeuge im Wald sind mir erst recht ein Greuel. Weiter: durch Fahr- und insbesondere fahrbare Arbeitszeuge gehen die Wege kaputt, bis man nicht einmal mehr darauf stehen mag. Weiter: unsere Wälder sind zu bloßen Holzplantagen verkommen. Es gibt keine Natur mehr. Die sogenannte Natur ist eingezäunt, unter Schutz gestellt, als Streichelzoo isoliert; oder sie ist bewirtschaftet. gegängelt, gezähmt, diszipliniert, auf Ertrag gezüchtet. Nicht jede Ansammlung von Bäumen ist schon ein Wald. Mein Laufrevier ist ganz gewiß keiner. Schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Mich macht das traurig und wütend.

Denn: das alles ist kein isoliertes Phänomen. Alles hängt mit allem zusammen. Daß ich nachher meine Lebenszeit verkaufen muß, um essen zu können, daß die Städte unbewohnbare, aber dafür befahrbare Werbeprospekte sind, daß der DHL-Bote von seinem sogenannten Mindestlohn nicht leben kann, daß Menschen viel Geld für eine zerrissene Jeans ausgeben, während anderswo Arbeiterinnen für ein paar Cent pro Stunde in 10-Stunden-Schichten sechs Tage die Woche Löcher in Jeans schneiden, daß Neukaufen billiger ist als Reparatur, daß Banken gerettet und Obdachlose ihrem Schicksal überlassen werden, daß es Plastikmüllberge und Massentierhaltung aber keine Milchmänner mehr gibt, daß die Wandertaube ausgerottet und das Payback-System erfunden wurde – das alles und noch viel, viel mehr hängt auch mit diesem verabscheuungswürdigen, Bäume fressenden, grollenden und stinkenden Ungeheuer zusammen, das ich jetzt endlich hinter mir lasse, während ich meine Runde beschließe.

Unbeeindruckt von all dem geht die Sonne auf.

[Turdus philomelos, Fringilla coelebs, Dendrocopos maior]

Misanthropisches Gebrabbel vom 28. Februar 2018

1. März 2018 § Ein Kommentar

Man muß sich nur einmal vorstellen, es hätte anstelle des Rauchverbots in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden eine blaue Plakette für schadstoffarme Zigaretten gegeben: Und schon geht einem die ganze Absurdität in all ihrer Pracht auf.

Schon jetzt haben wir eine Plakette an der Windschutzscheibe. Hat sich dadurch was geändert? Na sicher doch! Eine unvermindert große Anzahl von Fahrzeugen quält die Innenstädte – nur jetzt mit Grün verziert. Was also würde die blaue Plakette bringen? Die Fahrzeuge, die jetzt für miese Luft sorgen, würden das in Zukunft weiterhin tun, nur eben unter dem Schutz einer blauen Plakette.

Es gibt kein sauberes Auto, vergessen Sie das.

Man könnte manchmal Schaum vor dem Mund kriegen. Als selbst ein harter 12-km-Lauf mein Mütchen nicht zu kühlen verstand, einer liebe Freundin geschrieben, sie möge mich doch bitte mal von der Nummer runterholen, das sei ja schrecklich. Es gibt Tage, da kann mich ein zu lautes Zeitungsgeraschel in der Straßenbahnauf Mordgedanken bringen. Gestern waren es die knurpsenden Kaugeräusche einer Mitpassagierin in einem zwanzig Minuten verspäteten Zug, letzteres ein Umstand, der auch nicht eben zur Aufheiterung beitrug. Sie finden das misanthropisch? Da sollten Sie mich mal erleben, wenn ich richtig schlechte Laune habe.

Ausgebremst, denke ich und fluche in meinen Mantelkragen, ausgebremst. Es ist dieses ständige Auf-Hindernisse-Knallen. Von Dingen, die kaputt gehen, über Geräte, die noch nie wirklich funktioniert haben, über menschliche Schlamperei bis hin zu dem Irrwitz, wie er täglich in den Nachrichten manifest wird. Kaum glaubt man, die innere Ruhe endlich errungen zu haben, trötet einen der nächste dämliche Satz in irgendeinem Nachrichtensender nieder. Oder eine Verspätungsdurchsage der DB, was inhaltlich kaum besser, sprachlich und intonatorisch jedoch viel schlechter ist. Information zu? RB. 48! Von? Wuppertal-Vohlwinkel. Nach? Köln Hbf. Planmäßige Abfahrt? 12:28. Heute zirka fünf Minuten später? Woher soll ich das wissen, das sollten Sie mir sagen! Das Rauchen ist nur in den gekennzeichneten Raucherbereichen gestattet. Achso, in den anderen Raucherbereichen ist es also verboten?

Über solche Schludrigkeiten (laßt die Durchsagen bitte von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin einsprechen, liebe Verantwortliche bei der DB!) können mich für Minuten aus meiner mühsam errungenen Konzentration kegeln. Ganz zu schweigen von dem in letzter Zeit überhandnehmenden Gequatsche im Zug. Durchsage folgt auf Durchsage. Der eine Bahnhof wird ab-, der nächste angesagt. Ferner wird wiederholt darauf hingewiesen, in welchem Zug man sitzt, wohin der fährt, woher er kommt, und auf welcher Seite (in Fahrtrichtung) man aus dem Zug fallen kann, wenn man das möchte. Dann wird vor der Videoüberwachungsanlage gewarnt, dann davor, daß die Trittstufen nicht ausgefahren werden, und zu guter letzt soll man beim Aussteigen bitte an sein Gepäck denken. Würde man ja gern. Wenn einen nur die ständigen Durchsagen nicht so konfus machten. (Wie wäre es noch mit Durchsagen zu Sehenswürdigkeiten auf der Strecke? Verehrte Fahrgäste, soeben fahren wir über die Hohenzollernbrücke. Die große, schwarze Kirche in Fahrtrichtung links ist der Kölner Dom. In Fahrt- wie in Gegenfahrtrichtung liegt unter uns der Rhein. Ausstieg bitte in Fahrtrichtung links. Denken Sie beim Aussteigen bitte daran, Ihre persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Vielen Dank!

Zuviel Gequatsche in der Welt. Ist es beim Gulliver, wo ein Land beschrieben wird, in dem ein weiser König einmal die Sprache abschaffen wollte und anordnete, statt mit Wörtern auf die Dinge, sollten die Leute die Dinge selbst zeigen? In der damaligen Deutschstunde sagte ein sehr kluges Mädchen, vielleicht würde man sich in einem solchen Königreich besser überlegen, was man sagt und ob es überhaupt wichtig genug ist, es zu sagen. Von dieser jungen Frau, fällt mir eben ein, habe ich heute nacht geträumt. Ich sah sie nur; sagen wollte sie nichts, nicht einmal in meinem Traum.

Denk an was Schönes, riet die Freundin übrigens. Das tue ich. An was, wird hier nicht verraten.

[Antonín Dvořák, Slawische Tänze]

Fensterkreuz, 28. Februar 2018

28. Februar 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Tag beginnt mit dem Brausen von Autoreifen, dem Jaulen von Zweitaktern. Meeresrauschen, an- und abschwellend, ein Stadt- und Stahlmeer. Der Schlaf geht fehl, schon wach, erwarte ich den Wecker.

Träume von ehemaligen Freundinnen. C., bist du es? Ich besuche sie in ihrem Haus, das sie mit dem neuen Mann bewohnt, jetzt schon viele Jahre. Man hat dort umbauen wollen, eine Zimmerdecke anheben, eine Zwischendecke entfernen, darüber war man sich uneins, der Mann (das alles erzählt mir C., oder ich weiß es von früher, sozusagen von einem im Wachzustand nicht mehr greifbaren, nur vom Traum her wieder zugänglichen Traum), der Mann also (ein merkwürdiger Wiedergänger eines ganz anderen Partners, einer anderen Bekannten) habe diesen Plan gehabt, C. einen anderen, C. sei skeptisch gewesen, funktioniert hat dann nicht das Vorhaben des Mannes, die Schwierigkeiten, von C. vorausgesehen, seien zu groß gewesen. Ich bin also in diesem Haus, und irgendwie trage ich eine Schuld, müßte jemand schlecht auf mich zu sprechen sein, falle ich zur Last, und das Gespräch, das Inspizieren des renovierten Raums, hilft darüber hinweg. Vielleicht sollte ich dem anderen Mann nicht begegnen. Zuletzt schneide ich eine Tube mit weißer Farbe oder Holzleim auf und bekomme etwas davon in den Mund. Es schmeckt nicht unangenehm, aber ich weiß, daß das giftig oder unverträglich ist, also bemühe ich mich, es auszuspucken. Irgendwie führt das weiter in eine andere Situation, wo ich eine Mahlzeit zubereite und Möhren in Ringe schneide, zu spät merke ich, daß die Möhren innen einen grünschimmeligen, pelzigen Kern haben, ringförmig von gesundem Gewebe umgeben, zu viele Möhrenstücke sind schon in der Suppe gelandet, um sie einzeln herausfischen zu können. Der Schimmel riecht nicht unangenehm, aber ich habe Zweifel, ob man das essen sollte. Große Frustration und Ungeduld angesichts der Aussicht, alles wegschütten zu müssen. Damit in keinem Zusammenhang stehend Gefahr, die von einer Frau ausging, von der nur bekannt war, daß sie ein Attentat plane und auf einem verödeten Bauernhof gesehen worden sei. Und dann ging es noch um einen Hund, mit dem Wortlaut: … um das Leiden bis zum Einschläferungstermin möglichst gering zu halten … Der Einschläferungstermin, so schien es im Traum, lag aber wohl noch wegen hoher Anmeldezahlen in weiter Ferne. – Mich gruselt es, wenn ich dabei an menschliche Zukünfte denke, die vielleicht in weniger großer Ferne liegen, als uns allen lieb sein kann.

Dann die Nachrichten, und auch die aus den Meldungen wenn nicht erschließ- so doch erahnbaren Zukünfte verheißen wenig Gutes, bzw. lassen den Hörer, den unausgeschlafenen Hörer zumal, am menschlichen Verstand zweifeln. (Als ob man an den noch geglaubt hätte.) Man ist auf den Mond geflogen, man läßt Lego-Autos über den Mars rollen, man setzt eine Sonde auf dem Titan auf und plant eine Tauchfahrt in den subglazialen Ozean auf Europa – allein, in der sublunaren Welt, vulgo hier auf Erden eine Infrastruktur zu bauen, in der man ohne Autos leben, arbeiten und wirtschaften kann, nein, das kriegen wir nicht hin, das scheint zu schwierig zu sein. Lieber streitet man sich über Abgaswerte. Als ob die – egal ob gefälscht oder echt – der Kern des Problems wären! Die einen fordern Aufrüstung der alten Dieselmotoren, die anderen, und jetzt kommt’s: eine Investition in modernere Fahrzeuge. Ich höre die nächste Abwrackprämie schon von ferne klingeln. Was aber ist der Kern des Problems? Die Automobilität an sich. Das Auto muß weg. Wir sollten lieber schauen, wie wir das hinkriegen, statt uns um blaue Plaketten zu kloppen. Da könnte man sich auch über Schadstoffgrenzwerte in Zigarettenrauch streiten, es wäre nicht weniger albern. Pünktlich zu den Nachrichten bekomme ich über Campact die allfällige Unterschriftenaktion unterbreitet, worum geht es? Die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen darf nicht zu Lasten der Allgemeinheit (des Steuerzahlers) gehen! Prinzipiell bin ich damit einverstanden; nur kleben an dieser Forderung unausgesprochen so viele falsche Prämissen, allen voran die, daß diejenigen, die sich überhaupt ein Auto zulegen, keine Schuld an mieser Stadtluft treffe, daß ich diesmal von einer Unterzeichnung absehe. Unterzeichnen würde ich Appelle für die Aufwertung innerstädtischen Lebens durch Grünanlagen und autobefreite Zonen; für die flächendeckende Versorgung mit Geschäften; für die Abschaffung von Einkaufszentren auf der grünen Wiese; für den Ankauf von öffentlichen Gebäuden durch die Gemeinden sowie deren kostengünstige Vermietung an kleine Einzelhändler; unterzeichnen würde ich sofort für eine Einführung einer drastischen Umweltsteuer für Fahrzeughalter; für ein Tempolimit; für eine ordentliche Besteuerung von Flugbenzin; für einen flächendeckenden Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Das wären Maßnahmen für saubere Luft in den Städten, die langfristig wirksam wären, vom besseren Leben ganz zu schweigen.

Meine Antwort auf den Irrsinn? Irrelevante Texte auf relevanten Quark werfen. Anflüstern gegen einen ohrenbetäubenden Lärm.

[Johann Joachim Quantz, Trio c-Moll für zwei Flöten & BC]

un admirador

6. Februar 2018 § 3 Kommentare

Wagen kann ich es nicht, zu leugnen die lockeren Sitten,
     oder für meinen Fehl heuchelnde Waffen zu ziehn.
Also gestehe ich frei, wenn Geständnisse irgendwie nützen;
     töricht der ganzen Schuld trete die Beichte ich an.
Hassen muß ich und will vergeblich nicht sein, was ich hasse:
     Ach, wie schwer ist die Last, die man zu lassen sich müht!
Denn es fehlen mir Kraft und Gesetze, mich selbst zu beherrschen:
     Wogen reißen mich hin, gleich dem gebeutelten Schiff.
Nicht ist’s nur eine Gestalt, die mich einlädt, mich zu verlieben:
     Tausendundeinen Grund gibt es, der Liebe mir weckt.
Sei es, daß eine so züchtig den Blick hält zu Boden geheftet,
     gleich muß ich brennen für sie, weil so viel Zucht mich bezirzt.
Ist eine wiederum frech, so verlieb ich mich, weil sie nicht blöd ist,
     und weil die Hoffnung besteht, daß sie auch frech ist im Bett.
Ist eine spröde und tut wie ein strenges Weib der Sabiner,
     glaube ich gleich, daß sie will, trägt nur die Nase recht hoch.
Bist du gebildet, entzückt deine Gabe erlesener Künste;
     bist du es nicht, mich entzückt einfach dein schlichtes Gemüt.
Nennt eine doch das Werk Kallimachs verglichen mit meinem
     bäurisch: Hach! Mir gefällt, der ich gefalle, sofort.
Will eine mich als Dichter zusamt meiner Dichtung bekritteln:
     wünscht’ ich, die Kritikerin setzte sich mir auf den Schoß.
Schreitet sie weich: die Bewegung entzückt. Eine andere mag hart sein:
     Weicher wird sie wohl sein, liegt sie erst neben dem Mann.
Dafür, daß eine süß singt und kunstvoll die Stimme läßt klingen,
     will ich der Sängerin Kuß rauben und schenken zurück.
Eine läßt laufen die Finger so artig auf klagenden Saiten –
     oh, welch kundige Hand! Lieben, wer könnte sie nicht?
Eine gefällt mir beim Tanz, wie sie windet die zahlreichen Arme,
     kreiseln in lieblicher Kunst läßt sie den biegsamen Leib –
Abgesehen von mir, der vom kleinsten Liebreiz gerührt wird:
     Hippolyt an meiner Statt würde hier gleich zum Priap!
Du, so groß wie du bist, du gleichst Heroïden, den alten.
     Füllen wirst du wohl ganz, lang wie du bist, mir das Bett.
Kurz ist die andre und darum recht handlich – ich schwärme für beide;
     denn meinen Wünschen entspricht Lang oder Kurz, ganz egal.
Putzt sie sich nicht, überleg ich, wie schön erst geputzt eine wäre.
     Putzt eine sich, ihren Reiz weiß sie zu stellen zur Schau.
Auf die Blondine flieg ich, ich fliege auch auf die Brünette,
     auch unter schwarzem Haar geizt nicht Frau Wollust mit Reiz.
Sei es, daß dunkles Gelöck über schneeweißen Nacken herabfällt,
     war doch auch Leda schön grade mit pechschwarzem Haar;
sei’s, es ist braun – auch Aurora war hübsch durch Locken wie Safran.
     Mythen jeglicher Art fügt meine Liebe sich ein.
Jugend reizt mich sowohl wie mich anzieht das reifere Alter;
     letzters ist besser im Bett, jenes ist besser fürs Aug.
Deshalb, was immer für Mädchen man stadtweit nur liebenswert fände,
     ernstlich in jede davon ist meine Liebe verliebt.

Non ego mendosos ausim defendere mores
     falsaque pro vitiis arma movere meis.
confiteor—siquid prodest delicta fateri;
     in mea nunc demens crimina fassus eo.
odi, nec possum, cupiens, non esse quod odi;
     heu, quam quae studeas ponere ferre grave est!
Nam desunt vires ad me mihi iusque regendum;
     auferor ut rapida concita puppis aqua.
non est certa meos quae forma invitet amores—
     centum sunt causae, cur ego semper amem.
sive aliqua est oculos in humum deiecta modestos,
     uror, et insidiae sunt pudor ille meae;
sive procax aliqua est, capior, quia rustica non est,
     spemque dat in molli mobilis esse toro.
aspera si visa est rigidasque imitata Sabinas,
     velle, sed ex alto dissimulare puto.
sive es docta, places raras dotata per artes;
     sive rudis, placita es simplicitate tua.
est, quae Callimachi prae nostris rustica dicat
     carmina—cui placeo, protinus ipsa placet.
est etiam, quae me vatem et mea carmina culpet—
     culpantis cupiam sustinuisse femur.
molliter incedit—motu capit; altera dura est—
     at poterit tacto mollior esse viro.
haec quia dulce canit flectitque facillima vocem,
     oscula cantanti rapta dedisse velim;
haec querulas habili percurrit pollice chordas—
     tam doctas quis non possit amare manus?
illa placet gestu numerosaque bracchia ducit
     et tenerum molli torquet ab arte latus—
ut taceam de me, qui causa tangor ab omni,
     illic Hippolytum pone, Priapus erit!
tu, quia tam longa es, veteres heroidas aequas
     et potes in toto multa iacere toro.
haec habilis brevitate sua est. corrumpor utraque;
     conveniunt voto longa brevisque meo.
non est culta—subit, quid cultae accedere possit;
     ornata est—dotes exhibet ipsa suas.
candida me capiet, capiet me flava puella,
     est etiam in fusco grata colore Venus.
seu pendent nivea pulli cervice capilli,
     Leda fuit nigra conspicienda coma;
seu flavent, placuit croceis Aurora capillis.
     omnibus historiis se meus aptat amor.
me nova sollicitat, me tangit serior aetas;
     haec melior, specie corporis illa placet.
Denique quas tota quisquam probet urbe puellas,
     noster in has omnis ambitiosus amor.

Ovid, Amores II,4

un admirador

31. Januar 2018 § 9 Kommentare

Aestus erat, mediamque dies exegerat horam;
     adposui medio membra levanda toro.
pars adaperta fuit, pars altera clausa fenestrae;
     quale fere silvae lumen habere solent,
qualia sublucent fugiente crepuscula Phoebo,
     aut ubi nox abiit, nec tamen orta dies:
illa verecundis lux est praebenda puellis,
     qua timidus latebras speret habere pudor.
ecce, Corinna venit, tunica velata recincta,
     candida dividua colla tegente coma—
qualiter in thalamos famosa Semiramis isse
     dicitur, et multis Lais amata viris.
Deripui tunicam—nec multum rara nocebat;
     pugnabat tunica sed tamen illa tegi.
quae cum ita pugnaret, tamquam quae vincere nollet,
     victa est non aegre proditione sua.
ut stetit ante oculos posito velamine nostros,
     in toto nusquam corpore menda fuit.
quos umeros, quales vidi tetigique lacertos!
     forma papillarum quam fuit apta premi!
quam castigato planus sub pectore venter!
     quantum et quale latus! quam iuvenale femur!
Singula quid referam? nil non laudabile vidi
     et nudam pressi corpus ad usque meum.
Cetera quis nescit? lassi requievimus ambo.
     proveniant medii sic mihi saepe dies!

          (Ovid, Amores 1,5)

Heiß war’s, es hatte der Tag schon die Mittagsstunde durchlaufen;
     matt übers ganze Bett hatt’ ich die Glieder gestreckt.
Halb war das Fenster geöffnet, die Läden halb nur geschlossen;
     Dämmrung ähnlich dem Licht, wie es in Wäldern oft herrscht,
Zwielicht wie solches im Morgengrauen, wenn Phoebus davoneilt,
     wenn nicht ganz fort ist die Nacht, noch auch der Tag schon ganz da:
grad so ein dämmriges Licht muß schüchternen Mädchen man bieten,
     drinnen die ängstliche Scham hoffen kann auf ein Versteck.
Schau, Corinna ist da, ins Unterkleid lose gehüllt nur,
     während zwei Ströme des Haars bergen den schneeigen Hals —
So hat in ihr Gemach Semiramis, heißt’s, die berühmte,
     und, vieler Männer Schwarm, Einzug gehalten Lais.
Fort mit dem Rock — das Stöffchen verdarb mir ja eh kaum den Anblick;
     trotzdem kämpfte sie noch, sich zu bedecken damit.
Aber da sie so kämpfte, als wär ihr am Sieg nichts gelegen,
     ward sie nicht ungern besiegt durch ihren eignen Verrat.
Wie sie nun stand vor dem Aug mir, nachdem der Schleier gefallen,
     war an dem ganzen Leib nirgends ein Makel zu sehn.
Oh, was sah ich für Schultern, was sah, was berührte ich Arme!
     Oh wie des Busens Form war fürs Massieren gemacht!
Oh wie der Bauch so straff war unter den schüchternen Brüsten!
     Was für und Taille wieviel! Schenkel so jung und in Form!
Was soll ich Einzelnes durchgehn? Ich sah nichts nicht Lobenswertes,
     drückte die Nackte gleich fest an den eigenen Leib.
Wer kennt nicht den Rest? Ermattet ruhten wir beide.
     Ach, es möchten mir oft blühn solche Mittage noch!

24. Januar 2018 § 3 Kommentare

 
Mißtrauisch gegen „Worte“.

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