Untergänge (2)

18. Juni 2018 § 2 Kommentare

Die Dachterrasse ist untergegangen. Wo gestern noch Vögel herumhuschten, Bienen summten, Fliegen durchs Sonnenlicht schossen, blickt jetzt das Wohnzimmerfenster auf den ebenen, bis zum Rand der Sichtweite, die höchstens zehn Meter beträgt, von hügelartigen Unebenheiten gewellten, wie mit abgelagerter Asche bedeckten Grund eines Meeres, in dessen träger Strömung graue, ins Milchigweiße spielende Partikel und Trübstoffe umhertreiben oder wie Flocken niederzugleiten scheinen. Gäbe es die Blitze nicht, läge die Landschaft in vollkommenem Dunkel, in dem dumpfes Wellengetön, das Grollen einer fernen Brandung, das Knistern ablaufender Gischt aus gewaltiger Höhe herabdringen. Doch ab und zu zerreißt die Dunkelheit wie ein Tuch. Scheinwerfer streifen immer wieder den Grund, tauchen das Terrain sekundenlang in magnesiumblaues Licht und erlöschen wieder, bevor die Schemen jenseits des Rands der Terrasse in die Erkennbarkeit getreten wären. Etwas wie Felsen scheint dort draußen zu liegen; wenn das Licht dort einfällt, sieht man die Schatten von Wülsten, Bändern und pilzförmigen Ausstülpungen des Meeresbodens. Vielleicht sind es Felsen, vielleicht Wracks, vielleicht ins Riesenhafte der Tiefsee hinein gesteigerte Ausgaben von Korallen oder Schwämmen oder anderer, bislang nicht klassifizierter Lebewesen. Etwas Bürstenartiges scheint auf ihnen zu hocken und das Suspensat der Trübstoffe zu durchkämmen. Aber bevor die Dinge selbst sich von ihrem ringartig um sie gelagerten, tintenschwarzen Schatten lösen und erkennbar werden, ist das Licht schon wieder erloschen. Allenfalls als Nachbild auf der Netzhaut bietet sich zur Spekulation an, was in unmittelbarer Nähe des Fensters als schlanke Aufbauten oder Säulen blitzartig aus der Folie der Finsternis stürzt und wieder darin verschwindet. Von Algen- und Muschelbewuchs verkrustet, läßt sich die einstige Funktion von Schornsteinen und Satellitenschüsseln nur noch vermuten. Der Scheinwerfer flackert, der Kegel tanzt, die Schatten krümmen sich, es scheint das Licht aus mehreren Quellen zu stammen. Plötzlich erklingt ganz in der Nähe etwas wie das Rutschen und Schürfen von Kies. Und während die Brandung verstummt, ist es, als ob über die Lichtkegel eine massive Braue fiele. Ein oberer Grund scheint sich in einer trägen Drehung herabzuwälzen, der den Raum bis zum unteren Grund rapide zum Verschwinden bringt. Für einen kurzen Moment, bis das Licht ganz ausgeht, erhellt der Blitz ein Stück pockennarbige Oberfläche, leuchtet eine Kaskade berstenden Felsens oder Mauerwerks wie eine Lilie aus Schnee auf, ehe sich vollkommene Finsternis niedersenkt und diese letzte Bewegung mit sich nimmt.

(1)

Fund

23. Juni 2015 § 3 Kommentare

Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden
gekommen, und nun hab ich meine Not
ein Dings zu suchen. Hat nie ein Chaot
denn ich je größers Chaos eingestanden.

Die Rechnung ist’s, die Quittung, Impfungspässe.
Halt so ein Wisch von größter Wichtigkeit.
Man sucht’s am Tisch, im Schrank, man ist bereit,
das Bett gar abzurücken, was verdrösse.

Schon fällt dort Licht, wo lange keins gewesen.
Ein Zettel blinkt! Ich klaub ihn unterm Bett
hervor, verblüfft, was mir da kommt zuhanden:

Denn nicht die Quittung blinzelt auf dem Besen.
Ein Vers ist’s, ein Gedicht, ja, ein Sonett:
„Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden …“

zu: Haushaltssonette

Einkaufstüten

18. Juni 2015 § 7 Kommentare

Sie liegen schwer am Ende ihrer Strecken
im dunklen Hausflur wie gefallne Mädchen,
sind heimgekehrt von Laden oder Lädchen,
und lehnen jetzt an kühlen Wänden, recken

die Griffe hoch und wie nach Priesterhänden,
und lauschen nach der Türe, ob von hellern
Bezirken Stimmen kämen, Lärm von Tellern,
ob jemand ging, den Pfuhl ins Licht zu wenden,

den sie im Innern tragen. Wie auf alten
Gemälden Faltenwurf von weicher Seide
so glänzt die Plastikhaut. Sie müssen sühnen

was sie an süßem Prassen in sich halten;
sie leidens nicht, wie’s knistert im Geschmeide
rings um ihr Herz aus Butter und Rosinen.

(Teil der Serie Haushaltssonette.)

Morgen mit Vogelmangel

23. Juni 2014 § 2 Kommentare

Die Vögel schwinden. Wo
ihre Laute ausbleiben, kartieren
Libellen das Schweigen.
In den riesigen Hallen des Morgens
verlieren die Stunden den Halt
untereinander. Zwischen zwei
Seiten im Buch findet sich
ein Hahnenfuß des vorletzten
Jahres. Jahrhunderte dauerte
ein Fraktur-A. Im blauen Dunkel der
Kommode zappelt ein Junikäfer
den trockenen Leib auf die Krone
eingewanderter Tage gespießt.
Zwischen Umblättern und
Umblättern zerfallen die
letzten Klänge auf der Strecke
eines schartigen Alphabets.

Solstitium

21. Dezember 2013 § Ein Kommentar

Einmal hab ich geträumt, du würdest mich nächtens wohl streicheln.
    Daß deine Hand mich berührt, fiel dir im Schlaf einmal ein.
Haben wir nur geträumt? Doch träumen die Stunden uns beide:
    Daß er uns aufhebt zum Licht, fallen dem Morgen wir ein.

Zeigt her eure Schuh‘

30. Mai 2013 § 4 Kommentare

neufaerben

30.5.2013

30. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein plötzliches Aufschießen von Meisenstimmen verklingt ebenso schnell wieder, wie es aus dem Schweigen hervorgeplatzt ist, als wäre die Stille dieses Feiertagmorgens zu viel, zu mächtig, böte in der Dichtigkeit ihres Gewebes zu großen Widerstand, um sie länger als ein paar Takte Gezwitscher aufzuhalten. Die Stimmen erlahmen, die Geräusche verzagen. Selbst die Kirchenglocken probieren nur ein paar schwache Schläge, schweigen gleich wieder. Kein Fahrzeug, keine Motoren, keine Türen; jedes leise Geräusch klingt eingeschüchtert, hört sich selbst zu, findet sich zu laut, verstummt. Selbst der Wind geht auf Zehenspitzen. Versuche eines Morgens, wach zu werden. Selbst die Farben liegen verschämt umher, als hätten sie’s allzu bunt getrieben in der Nacht, als sie doch alle grau waren. Vielleicht haben sie zu vorwitzig geträumt. Zu guter letzt faßt sich der Buchfink ein Vogelherz und singt dem Morgen Mut zu.

Kimmt a Vogerl geflogen

29. April 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Hirundo rustica

Hirundo rustica

Hirundo rustica

Aequinoctium

21. März 2013 § 6 Kommentare

Himmel, geklemmt zwischen Wein, über Steine klettern die Burgen.
     Wo deine Braue beginnt, öffnet die Ferne den Tag.
Höher greifen die Türme, entziffern die Gleichung der blauen
     Säume des Morgens, vom Feld holen die Wege den Lenz.
Mühlen gründeln im Tal, im Rucksack meutern die Karten,
     Hügel holen den Fluß zwischen den Büchern hervor.
Nie ist es weit zu den Schiffen, der Abend hält schon die Lampe.
     Wo deine Braue beginnt, schließt sich die Ferne im Kuß.

Rabenkrähe

26. Februar 2013 § 4 Kommentare

Die Härte des Sonnenscheins schlug mich aus dem Schlaf. Die Fenster sirrten vor Helligkeit. Ich hatte von wildem Krächzen geträumt, schwarzen Schreien, die über einen Felsen herabgekollert waren und als plumpe Körper teils auf einem Fels zerschellten, teils sich taumelnd wieder in die Luft zu erheben versuchten und dabei Raum und Blick mit ihrem zausen Gefieder erfüllten. Und als ich jetzt, benommen von den Hieben der Sonne, den Kopf vom Kissen hob, klangen die Schreie immer noch nach. Ich schüttelte den Kopf, hielt mir die Ohren zu; bis ich begriff, daß ich nicht mehr träumte, vielmehr das Krächzen draußen wirklich war; es klang, als reibe sich die Sonne an den beschlagenen Scheiben. Auf dem Nachttisch lag das Buch, das ich am Vortag aus dem Antiquariat mitgenommen hatte.  Die verkratzten, mit Gold ehemals schimmernd ausgelegten Lettern des Titels schlugen die greisen Augen zu mir auf. Und als ich mich aus dem Bett erhoben hatte, so schnell, daß mich ein Schwindel erfaßte, hörte ich, während  ein buntes Geriesel mir den Blick durchschneite und ich mich am Bettpfosten festhalten mußte, um nicht umzukippen, plötzlich die Schreie nicht mehr aus dem hinter Schleiern verborgenen Räumen jenseits des Fensters, nicht mehr vom Feld, aus der frostigen-grellen Luft, aus dem wuchtigen Himmel, nicht mehr von Türmen oder Zinnen (oder Felsabstürzen) herunter- und heranschrillen, sondern als mühsame Stimmen aus dem Buch, aus dem Dunkel der nach unten aufgeschlagenen Seiten des Buchs, seinen seltsamen Geschichten, sich herausquälen.

Wo bin ich?

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