Eklipsis lunaris

21. Januar 2019 § Ein Kommentar

Wie eine alte römische Münze hängt der Mond am Himmel über der Häuserzeile, eine dünne Scheibe angefressenen Kupfers, erodiert und irgendwie uralt, schrundig, löchrig, dünn, als hielte den Himmelskörper nicht mehr viel zusammen, als könnte man bald durch das abgegriffene Material die Sterne dahinter leuchten sehen. Erst im Fernglas wölben sich seine Meere um den nördlichen Horizont, von wo schon eine Aufhellung wie metallischer Schimmer über den Himmelskörper fliegt, und über den Merkmalen der Landschaft scheint ein schmaler Reif wie Dunst zu liegen. Die südliche Hemisphäre des Trabanten dagegen glüht wie aus eigenem Licht tiefrot, als tauchte er eben aus einer Esse auf.

Langsam scheint er heller zu werden und dabei auszubleichen, aber der Vorgang ist so langsam, daß es auch Einbildung sein könnte. So wie bei einer Sonnenfinsternis auf der Erde gibt es auch bei einer Sonnenfinsternis auf dem Mond eine Dämmerungszone. Als dann aber wirklich eine schmale Sichel erscheint, ist klar, die Aufhellung war nur vermeintlich, jetzt erst bewegt sich der Mond aus dem Erdschatten wieder ins Licht, paradoxerweise nach oben, obwohl er doch untergeht. Aber es ist eben kein Halbmond, es ist Vollmond, dem nur die Erde im Weg steht. Erdrotation und Mondumlauf gehen in dieselbe Richtung (vom Norpol aus gesehen im Gegenuhrzeigersinn), weswegen auch die Mondunter- und -aufgänge täglich um etwa zwanzig Minuten später stattfinden, läuft doch der Mond der Erddrehung und seinem eigenen Auf- und Untergang voraus und verbummelt so seinen eigenen Aufgang.

Es fällt schwer zu glauben, daß der Grund, auf dem man steht, daß die Häuser gegenüber, daß die Stadt Köln, daß die Börde, die Eifel, die niederrheinische Tiefebene, die Nordsee mit ihren Wassermassen, daß die Berge der Alpen, daß alles, was aus meiner kleinen Perspektive „die Welt“ heißen kann, diesen Schatten wirft, einen Schatten dort hinauf wirft zum Mond, daß diese ganze Welt sich als Effekt zeigt außerhalb ihrer selbst, außerhalb von allem, was mir je zugänglich war, ist und sein wird. Als könnte man winken, und droben sähe man, riesig vergößert, den eigenen Arm sich heben.

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Frauen lesen

18. Januar 2019 § 8 Kommentare

Bei Geschichten und Meer eine kleine Umfrage zur Leküreauswahl gefunden und mal die Probe gemacht. Von insgesamt dreißig von mir im Jahr 2018 (ganz) gelesenen Büchern sind sieben von Frauen verfaßt. Ich pflege meine Lektüren nicht nach dem Geschlecht des Autors auszuwählen, sondern bevorzuge andere Kriterien, also etwa Stoff, Genre, Thematik oder Stil. Gesetzt, daß ich einen guten Buchgeschmack habe, könnte man jetzt gehässig sein und die ungleiche Quote in meiner Auswahl darauf zurückführen, daß Frauen eben nicht so gut schreiben wie Männer. Oder daß es weniger Bücher von Frauen gibt, die mich anzusprechen vermögen. Natürlich könnte die Quote auch einfach dadurch zustande kommen, daß insgesamt weniger Frauen schreiben als Männer.

Nach Auskunft der die Umfrage initiierenden Bloggerin ist letzteres schonmal nicht der Fall. Diesem Post zufolge werden weitaus weniger Bücher von Frauen rezensiert als von Männern verfaßte, während die Zahl der jeweiligen Publikationen gleichauf sei. Wieder etwas gelernt. Wenn man sich mal auf ein paar der teilnehmenden Blogs umschaut, macht man eine traurige Feststellung. Lesen ist zumindest im Rahmen des in den jeweiligen Blogs Thematisierten für die Bloggerinnen stets mit einem außerhalb der Lektüre liegenden Zweck verbunden: der Quote. (Zitat etwa: „Auf diesem Blog ist 100% Frauenquote ja sozusagen Programm“) Das macht auf mich einen ähnlichen Eindruck wie jemand, der Bücher vor allem deshalb liest, weil das die Ausdrucksfähigkeit im Vorstellungsgespräch verbessere (oder wegen sonst irgendeines Unsinns). Natürlich geht es den Bloggerinnen dabei nicht allein darum, sich mehr mit von Frauen verfaßter Literatur zu beschäftigen, sonst brauchten sie ja nicht darüber zu schreiben. Es geht auch darum, das oben genannte Ungleichgewicht abzumildern und unbeachtet gebliebenen Autorinnen zu mehr Präsenz zu verhelfen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber.

Buchempfehlungen, sofern es begründete Empfehlungen sind, sind immer eine willkommene Sache. Sie erweitern den Horizont nicht nur der Lektüren, sie erschließen dem Leser neue Universen, sie verbinden die Empfehlenden über das Empfohlene mit den Empfehlungsfolgern, und vor allem sind sie am besten geeignet, Leser zu Texten zu führen, die sie von alleine, ohne Empfehlung, niemals gefunden, oder vielleicht gefunden, aber dann doch ignoriert hätten. Es kann aber auch sein, daß ich mich für ein besonderes Genre oder eine bestimmte Machart, einen bestimmten Texttypus interessiere und thematisch gefilterte Rezensionen oder Litaraturblogs nach diesen Kriterien durchmustere. So kann mir etwa ein Buchblog, das sich besonders der Science Fiction verschrieben hat, unter der Kategorie Weltraumsagas eine konzentrierte Auswahl an Büchern zugänglich machen, die genau diesem Geschmack oder diesem Interesse entspricht. Alles jedoch, was die auf einem „Quotenbuchblog“ vorgestellten Bücher miteinander verbindet, ist die Eigenschaft, von Frauen geschrieben worden zu sein. Wenn mir jemand nun den paßgenauen bryopsistischen Roman der transsideralen Schule empfiehlt und dieser Volltreffer von einer Frau verfaßt ist: Dann ist das Geschlecht für mich als leidenschaftlichen Leser bryopsistischer Romane der transsideralen Schule eben nur zufällig. Ich werde den Roman unbedingt lesen – aber nicht, weil er von einer Frau verfaßt ist. Mag sein, ich lerne den Text nur kennen, weil engagierte Bloggerinnen sich für Literatur von Frauen starkgemacht haben; mir als Liebhaber einer bestimmten Literaturgattung wäre aber ebenso, wenn nicht besser damit gedient gewesen, diese Bloggerinnen hätten sich für die bryopsistische Literatur der transsideralen Schule starkgemacht. Überhaupt stellt sich doch die Frage: Für wen lese ich eigentlich? Um Autorinnen zu fördern – oder aus privaten egoistischen, womöglich ästhetischen, ja, hedonistischen Gründen? Mit anderen Worten: Das Engagement für Autorinnen nützt in erster Linie den geförderten Autorinnen. Für mich als Leser vermehrt dieses Engagement nur die Menge an in den Dunstkreis meiner Aufmerksamkeit tretenden Literatur; ob darunter auch etwas für meinen Geschmack ist, muß sich dann erst zeigen. Darüber hinaus darf man annehmen (denn die menschliche Aufmerksamkeit ist begrenzt), daß für jede Besprechung eines von einer Frau geschriebenen Buches ein von einem Mann verfaßtes nicht rezensiert wird, so daß die Menge der Rezensionen insgesamt gleich bleibt. Insofern nicht Autorinnen und Autoren jeweils andere Themen, Genres, Formen, Stile bevorzugen, kann mir die Quote als Leser also schnuppe sein, Hauptsache, ich finde die Literatur, die mir zusagt, gleich welchen Geschlechts der Name auf dem Cover ist.

Vielleicht wird es das Engagement dieser Bloggerinnen tatsächlich schaffen, mehr Autorinnen aufs Tapet, in die Regale und unter die Nasen der Leser zu befördern und auf Dauer eine Verschiebung der Quote zugunsten von Autorinnen herbeizuführen. Auf jeden Fall bewirken sie aber jetzt schon etwas anderes, Subtiles: Das Bewußtsein von der Autorschaft, bzw, vom Geschlecht des Autors. Wenn man bislang nämlich zu denjenigen Lesern gehörte, die nicht weiter darauf achteten, ob auf dem Umschlag nun ein Cyril oder eine Cynthia prangte, so ist es im Kielwasser solcher Aktionen wie jener Blogparade damit vorbei. Interessantes Buch, aber es ist von einem Mann verfaßt. Mh. Das andere ist auch nicht übel, und dazu von einer Frau. Egal, wie ich jetzt auswähle, meine Entscheidung ist nicht mehr von der Frage des Geschlechts unabhängig. Man kann, hat man das einmal zur Kenntnis genommen, nicht mehr in aller Unschuld ein Buch auswählen. Achtsamkeit ist eine zweischneidige Sache. Einerseits sind wir jetzt darauf eingenordet worden, Autorinnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Andererseits aber ist das, was sich vor allem ins Bewußtsein drängt, nicht die Präsenz von Autorinnen, sondern die Quote, und daß es jetzt auch hier etwas zu beachten gilt. Einmal Gedachtes läßt sich ebensowenig wie Gesagtes zurücknehmen, und die bloße Erwähnung eines rosa Elephanten führt dazu, daß ich an ein solches Tier denke. Man kann nicht nicht beeinflußt werden, denn die Abwehr der Beeinflussung ist selbst schon eine Reaktion auf die Einflußnahme. Etwas Gelerntes läßt sich nicht so leicht wieder vergessen, eine verlorene Unschuld und Naivität kaum wiederherstellen. Und das ist das Problem, nicht nur bei Lektürequoten, sondern bei allen anderen Maßnahmen, die zur Korrektur einer (echten oder vermeintlichen) Ungleichheit gefordert werden. Wir haben es hier wie anderswo (im Gendersprech; an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule; in Fragebögen zum sogenannten Alltagsrassismus; beim Bechdel-Test etc.) mit nichts weniger als dem dauerhaften Verlust von Normalität zu tun. Nicht einer bestimmten Normalität, die etwa guthieße, daß mehr Autoren als Autorinnen rezensiert und gelesen werden, sondern von Normalität an sich, von derjenigen Eigenschaft der Verhältnisse, unbewußt bleiben, als selbstverständlich hingenommen und als keines Kommentars wert und keiner Korrektur bedürftig aufgefaßt werden zu dürfen. Es wird in Zukunft keine neutralen Hintergründe mehr geben, keine Räume, die nur Folie sind und das auch sein dürfen. Und es geht noch weiter: Denn kaum haben wir dafür gesorgt, daß unsere Leselisten hübsch ausgeglichen sind und ebenso viele Titel von Frauen wie von Männern enthalten, kommt die nächste Forderung. „Wie viele Bücher von nichtweißen Autorinnen (sic!) kennst du / hast du gelesen?“, mahnt ein Fragebogen zum Thema Altagsrassismus. Und diese kleine Frage wird man, wenn man das nächste Mal eine Buchhandlung betritt, ebenso wenig wieder los wie die Frage nach der Präsenz von Autorinnen auf der persönlichen Leseliste. Man kann sich fragen, was als nächstes kommt. „Wie viele Bücher von Behinderten/Aidspositiven/Transgenderpersonen/Zwergen hast du gelesen?“ Schon längst gibt es Feministinnen, die gewisse Sexualpraktiken a priori für einen Unterwerfungsmechanismus halten, und auch solche unerwünschten Informationen wird man dann im Bett nicht mehr los, auch wenn man ganz anderer Ansicht ist und nicht bereit, sich versunsichern zu lassen. Der rosa Elephant wird bei der nächsten Fellatio zugucken. Und selbst wenn wir die finale Quote einmal erreicht haben: Dann müssen wir auch dafür sorgen, daß aus 50% nicht schleichend wieder 48% werden. Mit anderen Worten: Das Ziel ist niemals erreicht, selbst dann nicht, wenn wir bis in die achte Nachkommastelle Gleichheit produziert haben werden. – Das ist die schöne neue Welt jeglicher Gleichheitsbestrebungen, in der die Dinge nie mehr einfach gegeben sein werden, sondern immer wieder neu auf Korrekturwürdigkeit geprüft werden müssen, bis ins persönliche Vokabular, bis in die Schlafzimmer, bis in die persönlichen Leselisten hinein. Es heißt, das Private sei politisch. Die Abschaffung des Privaten jedoch ist von jeher Sache der Tyrannen gewesen.

Sehnsucht nach der Küste. Wenn man

9. Januar 2019 § 7 Kommentare

Sehnsucht nach der Küste. Wenn man sich schon dabei ertappt hat, wie man Laufstrecken auf Amrum oder Föhr ausmißt, dann ist es wohl höchste Zeit, den Rucksack zu packen und Fahrpläne zu studieren.

Ich weiß nicht, ob ich auf Dauer auf einer Insel leben könnte. Am Meer bestimmt, an einer Küste. Auf Inseln krümmt sich die Küste in sich selbst zurück und umgreift alles, was ist. Das ermöglicht Übersicht und Inventur. Auf Dauer wäre mir das aber zu eng. Alles strömte dort zu mir selbst zurück, bald wäre man, wo immer man sich befindet, die Mitte von allem. Die engen Grenzen der Geographie machen jeden Betrachter in seinem Mittelpunkt ausfindig.

Das Meer ist das Ende von allem. Felsen, Sand, Wälder, Berge, Ebenen, Schluchten, Bebauungen, Kräne, Kanäle, alles schmilzt an diesem Rand zu einer einzigen ungegliederten Fläche und Masse zusammen. Nur der wolkenlose Himmel ist noch gleichförmiger.

Freiheit würde bedeuten, an einer Küste entlanglaufen zu können, ohne je an ein Ende zu kommen oder zu sich selbst zurückgeführt zu werden. Zugleich gibt die Küste eine Richtung vor: Hier ist nichts, dort ist alles.

Wenigstens vorübergehend sich selbst entkommen. Verschwinden in der Flut, eine winzige Figur werden auf einem langgestreckten Deich, ununterscheidbar von Schafen, ein kleiner, schwarzer Punkt am irdischen Ende einer langen Drachenschnur.

Dann auch die Drachenschnur kappen.

1. Januar 2019 § Ein Kommentar



(Was schön war: In den vordersten Wagenteil des ICE-Zuges nach Mannheim steigen, in die dämmrige, nur von einer Notlampe erhellte Kabine, in der man den Sitzplatz beziehen durfte wie eine Schiffkskoje. Und tatsächlich glichen von dort drinnen die Lichter, Litfaßsäulen, Anzeigetafeln des Kölner Hauptbahnhofs nebligen Hafenleuchten, ein Eindruck, den später die vorbeigleitenden Straßenlampen und vereinzelten Verkehrsampeln an stark befahrenen Landstraßen noch verstärkten. Der Raum war eng und vom Rest des Zuges durch einen Eingangsbereich abgeteilt, man war dort für sich, und die anderen diesen gesonderten Bereich des Zuges bewohnenden Reisenden ruhig, gesammelt, konzentriert und noch benommen vom kurzen Schlaf einer Nacht, die vorzeitig um den frühen Zug zu Ende gegangen war. Man sprach leise, die abgeschaltete Deckenbeleuchtung verhalf zur Ruhe, da machte es nichts, daß ich das Buch seitlich in den Lichtkreis der Nachtbeleuchtung halten und die ersten paar Seiten schräggelegten Kopfes entziffern mußte. Erst die Lufthansa-Zugbegleiterin, gesammelt und ruhig auch sie, wußte den Schalter. Morgendämmerung kam dann kurz vor Frankfurt; in Mannheim war es schon hell. Man möchte fast sagen, zu hell zum Lesen, zu groß.)

… aber diese Fremden sind nicht von hier (10), eine Geschichte

24. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Größe des Menschen besteht eben darin, sich gegen seine Neigungen entscheiden zu können, und sein Schicksal darin, es manchmal auch zu müssen. Niedere Instinkte sind menschlich, aber menschlich sind auch Mitgefühl, Kooperation, Solidarität und jene Fähigkeit, die uns am deutlichsten von allen anderen Lebewesen unterscheidet: Geschichten erzählen und anhand von Geschichten unser Leben und die Welt, in der dieses Leben gestellt ist, gestalten zu können. Gegen den Befund des IAT sind Sie, lieber Leser, liebe Leserin, machtlos; Ihre Freiheit aber besteht darin, zwischen dem Instinkt und Ihren edelsten Befähigungen wählen zu können.
Und nun zum guten Schluß noch eine kleine Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie stammen aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald, nennen wir es Hintertupfingen, Sie haben dort Ihre Kindheit und Jugend verbracht, Sie haben dort Ihre Familie gegründet, Sie haben dort Ihre Freunde und Bekannte, Ihren Kleintierzüchterverein und Ihren Posaunenchor, Sie kennen dort jeden Stein und jeden Baum, und bis zu einem verhängnisvollen Tag vor zwei Jahren haben Sie sich nicht vorstellen können, diesen geliebten Flecken Erde jemals zu verlassen. Dann aber ist in Süddeutschland ein Bürgerkrieg ausgebrochen und hat die ehemaligen Länder Baden, Württemberg und Rheinlandpfalz erst in ein verheerendes Blutbad und dann in einen zermürbenden Guerillakrieg gezogen. Ihr Dorf ist gespalten zwischen Unitariern und Separatisten, die Hälfte Ihrer Freunde kennt Sie nicht mehr, die andere Hälfte ist tot oder vertrieben; einen Nachbarn von Ihnen haben Sie nachts aus dem Haus geholt und im Wald erschlagen, Sie haben zitternd hinter der Tür gestanden und mit angehört, wie das Geschrei hinterm Ortsrand verebbte. Die Unitarier nennen Sie einen Feigling, die Separatisten einen Überläufer. Sie selbst wollen nur Ihre Ruhe. Die Rheinebene zwischen Basel und Mainz ist Kriegsgebiet, durch den Schwarzwald ziehen marodierende Banden, die alles plündern, vergewaltigen und versklaven, was nicht bei drei auf den Tannen ist. Ihr Bruder ist schon abgehauen, er hat Ihre beiden Töchter und Ihre Frau mitgenommen, vorübergehend, war die Abmachung, bis das Schlimmste vorbei wäre, denn einer muß dableiben und sich um den Hof und die Tiere kümmern. Aus dem fernen Afrika wollten sie dann Kontakt zu Ihnen aufnehmen. Sie haben seit vier Monaten nichts von Ihnen gehört, und es hat ganz den Anschein, daß im Schwarzwald das Schlimmste nicht nur nicht bald vorbei ist, sondern erst noch bevorsteht. Also beschließen Sie selbst, zu fliehen und Ihrem Bruder zu folgen. Sie haben ein paar Kontaktadressen, ein paar Namen im fernen Amsterdam. Das ist nicht gerade viel. Aber alles ist besser, als hier zu bleiben und darauf zu warten, daß die Unitarier und die Separatisten sich beim Abfackeln Ihres Hofes die Brandsätze aus der Hand nehmen.
Inzwischen ist Rheinland-Pfalz von der Berliner Zentralregierung zum sicheren Herkunftsland erklärt worden – das Problem ist nur, daß Sie als Badener dort als Vaterlandsfeind sofort ohne Prozeß hingerichtet würden, wenn man Sie dort festnähme. Niedersachsen seinerseits hat mit Nordrhein-Westfalen ein Abkommen geschlossen, in dem das Nachbarland sich verpflichtet, etwaige Flüchtlinge schon an seiner südlichen Landesgrenze abzufangen, bevor „die Welle“, wie es schon ominös heißt, nach Niedersachsen gelangen kann. Da andererseits der Weg nach Süden und zum Mittelmeer völlig verriegelt ist, denn die Schweiz läßt niemanden mehr hinein oder hindurch, bleibt ihnen nur der Rhein als Weg nach den Niederlanden und zum Meer. In einem Albtraum aus durchwanderten Nächten und in Verstecken verbrachten Tagen, immer auf der Hut vor herumziehenden Freischärlern einerseits und Grenzhütern andererseits, ständig in Gefahr, aufgegriffen und postwendend zurückgeschickt zu werden (falls man Sie nicht gleich standrechtlich erschießt), haben Sie es irgendwie geschafft, sich nach Amsterdam durchzuschlagen; dort haben Sie Anschluß an andere Flüchtlinge gefunden und sich einem Schleuser in die Hände gegeben, der Sie und hundert weitere Unglückliche im Laderaum eines Frachters mit Kurs auf die senegalesische Küste schmuggelt. Im Senegal, heißt es, gibt es eine starke Solidaritätsbewegung und eine kompetente Flüchtlingshilfe; die Staatschefin soll mit dem vielversprechenden Slogan „Wir schaffen das“ von sich reden gemacht haben. Trockenen Fußes betreten Sie ein paar Wochen später den rettenden Kontinent. Andere, die sich kurz nach Ihnen auf den Weg gemacht haben, hatten nicht so viel Glück, erfahren Sie später, sie wurden im Ärmelkanal in einem Schlauchboot ausgesetzt und sind ertrunken oder verschmachtet, man weiß es nicht genau.
Und jetzt, nach weiteren Tagen oder Wochen, sind Sie hier, in diesem Großraumbüro in einem anonymen Gebäude und warten darauf, daß man Sie registriert. Sie haben keine Ahnung, was Sie erwartet, noch, was von Ihnen erwartet wird. Sie sind hier der einzige mit heller Hautfarbe. Sie verstehen kein Wort von dem, was um sie her gesprochen wird. Eine Gruppe von Angestellten lacht über einen Witz. Sie haben das Gefühl, daß sie zuvor zu Ihnen hinübergeschaut haben. Als Sie das Gebäude betreten haben, hat einer von seinem Bildschirm aufgeblickt und Sie angesehen mit einem Ausdruck, den Sie inzwischen gut kennen. Er bedeutet: Oh nein, nicht schon wieder einer. Sie haben entsetzliches Heimweh nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt, Sie wissen nicht, was aus Frau und Töchtern und dem Bruder geworden ist, Sie sind krank vor Sorge um Ihre Lieben, fühlen sich verloren, fremd, herumgestoßen und unsäglich müde.
Und dann sagt jemand etwas neben Ihnen. „Hey!“
Und als Sie den Kopf heben, hat sich vor Ihnen einer aufgebaut, pechschwarze Haut, rasierter Schädel, kolossale Schultern. Die Hände in die Hüften gestemmt, steht dieser Riese vor Ihnen, reckt das Kinn vor und sagt noch einmal, „Hey!“
Und dann lächelt er. Ein breites, herzliches Grinsen voller blitzweißer Zähne spannt sich von Ohr zu Ohr. Sie wissen nicht recht, was das bedeuten soll. Schüchtern lächeln sie zurück. Da tippt der Riese Ihnen sanft auf die Schulter und sagt, „Hey, where do you really come from?“
Und völlig verdattert sagen Sie, „Schwarzwald, äh, Black Forest.“
Und der andere nickt und fragt, und wo da?
Sie zucken mit den Schultern und sagen, Tupfingen; und da hebt der Riese die Augenbrauen und fragt zurück, Vordertupfingen oder Hintertupfingen?
Szenenwechsel. Sie arbeiten selbst in so einem Großraumbüro. In Ihrer Welt ist das Gefährlichste der Straßenverkehr und Handystrahlen und das Unangenehmste ein Besuch beim Zahnarzt. Sie haben zwei gesunde Kinder und einen Partner, den Sie sehr lieben. Ihre Arbeit könnte mehr Spaß machen, aber immerhin ist sie nicht belastend oder stupide. Mit den Kollegen verstehen Sie sich gut (eben haben Sie über einen Witz mit ihnen gelacht). Sie haben einen anstrengenden Tag mit hunderten von Anträgen, einer Dienstbesprechung, drei Protokollen und einem ersten Entwurf zur zweiten Präambel der dritten Fassung der Durchführungsverordnung hinter sich, es ist sechzehn Uhr, Sie haben Hunger und Lust auf ein Bier. Sie freuen sich auf Ihren Feierabend und auf das Abendessen mit ihrer Familie, lauter gute Dinge, die Sie so fest glauben, verdient zu haben, daß Ihnen kein anderer Gedanke dazu kommt.
Und nun betritt eine Gestalt das Großraumbüro, ein Mann in Ihrem Alter, dunkle Hautfarbe, schwarze Locken, die Sportjacke hat schonmal bessere Tage gesehen. Der Mann sieht sich um mit einem Gesichtsausdruck, den Sie schon von vielen hundert anderen kennen. Wenn sich das mit dem jetzt hinzieht, dann kommen Sie nicht rechtzeitig raus, und Sie müßten zu Hause anrufen, um durchzugeben, daß es wieder einmal später wird. In letzter Zeit wird es oft später, denken Sie mißmutig. Ihr Blick trifft den Blick des Mannes, und sie denken, nicht schon wieder einer.
Und dann passiert eine ganz kleine Sache. Vielleicht hat Ihre Tochter gerade eine Blinddarmoperation heil überstanden, oder Sie sind am Tag zuvor einem Verkehrsunfall nur knapp entgangen, oder der Zahnarzt hat keine neue Karies festgestellt, jedenfalls fühlen Sie, das kann nicht alles sein, irgendetwas wird jetzt passieren, und ehe Sie darüber nachdenken, sind Sie schon aufgestanden, zu dem Mann hinübergegangen und haben sich, große Statur, militärischer Haarschnitt, breite Schultern, eisblaue Augen, vor ihm aufgebaut.
Und dann lächeln Sie.
„Hey!“ sagen Sie, „Where are you really from?“ –

Was hat Sie das gekostet? Nur einen kleinen Schritt; aber viele kleine Schritte machen eine Menschheit aus. Sie kennen diesen Menschen nicht, nicht seine Geschichte, nicht seine Träume, nicht seine Wünsche, seine Ängste nicht und nicht seine Hoffnungen. Sie wissen nur, daß er, wie jeder Mensch, eine Geschichte, Träume, Wünsche, Ängste und Hoffnungen hat. Genau wie Sie. Vielleicht ist das ein Busengrapscher, vielleicht ein sanfter Familienvater, vielleicht ein Fanatiker, vielleicht die Gelassenheit in Person, vielleicht ein Bombenleger, vielleicht ein Spaßmacher, vielleicht ein Choleriker, Sie wissen es nicht. Aber wenn Sie raten wollen, liegen Sie am wahrscheinlichsten mit der Vermutung richtig, daß er Durchschnitt ist. Genau wie Sie. Und während er Ihnen antwortet, Ethiopia, huscht etwas über seine Züge, das Sie selbst vielleicht schon sehr lange nicht mehr nötig gehabt haben: Hoffnung.
Kann sein, dieser Mensch hat Sie schon am nächsten Tag wieder vergessen. Kann aber auch sein, Sie haben dadurch, daß Sie sich für ihn interessierten, eine freundliche Spur in diesem Menschen hinterlassen und ihm fünf Minuten geschenkt, die er noch Jahre später seinen wiedergefundenen Töchtern erzählen wird.
Und nun eine Bitte.
Lassen Sie diese Gelegenheit nicht verstreichen. Danke.

… aber diese Fremden sind nicht von hier! (9), Fremdenfeindlichkeit

23. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar



(Vorletzter Teil der Reihe, in der ich einen Fragebogen zum Thema Rassismus kommentiere, den die Online-Ausgabe von ZEIT Campus vor ein paar Monaten herausgegeben hat.)

Die unangenehme Wahrheit ist: Fremdenfeinlichkeit ist der Normalfall. Daß wir in anonymen Sädten zu Millionen fremd an fremd zusammenleben, daß wir gemeinsam mit Menschen, die uns gänzlich unbekannt sind, friedlich die U-Bahn benutzen, Bus fahren, Geschäfte aufsuchen, an der Fußgängerampel warten, in der Kassenschlange stehen, ist durchaus nicht selbstverständlich, ja, es ist sogar, vor dem Hintergrund, daß sich über die weitesten Strecken der Menschheitsgeschichte Fremde, die einander unverhofft in der Savanne über den Weg liefen, geneigt waren, sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen, ein kleines Wunder. Bis zum Auftreten erster Städte, Ballungszentren und Hochkulturen hat jeder Mensch auf Erden als Mitglied einer übersichtlichen Stammesgesellschaft gelebt, in der jeder jeden kannte. Der Normalfall war auch, daß Stammesfremde, wenn sie die Grenzen des Territoriums überschritten, ohne Federlesens von Migliedern benachbarter Stämme getötet wurden, eine Reaktion, die sich unter Stammesgesellschaften bis weit ins zwanzigste Jahrhundert gehalten hat. So sah die Welt aus, seit es den Menschen gab, „bis gestern“, wie Jared Diamond schreibt. Von solchen Verhältnissen zu einer Gewissensprüfung wie der hier kommentierten ist es ein weiter Weg. Alles andere als eine moderne Erscheinung, ist uns die Fremdenfeindlichkeit wahrscheinlich schon in die evolutionäre Wiege gelegt. Daß wir sie überwinden können, ist eine großartige Kulturerrungenschaft und eine der vielen erstaunlichen Leistungen unseres flexiblen Gehirns, das uns erlaubt, Narrative umzuschreiben und völlig neue Lebenswelten zu erschaffen. Daß es dabei manchmal hakt, weil uns atavistische Tendenzen in die Quere kommen, darf uns nicht erstaunen. Statt aber schon das Gefühl eines Vorbehalts gegenüber Fremden moralisch zu verdammen und nach Art des Fragebogens zur Sünde zu erklären, sollten wir dem Phänomen (und eigentlich ist das Miteinanderauskommen das Phänomen, nicht die Fremdenfeindlichkeit) mit Verständnis und demselben flexiblen Gehirn begegnen, der diese Welt mit ihren Städten, ihren Verkehrsmitteln, ihren komplexen Gesellschaften, ihrer Technologie und ihren vielfältigen Migrationsbewegungen erst geschaffen hat. Selbst noch die eigenen Gedanken zu züchtigen, führt in Erschöpfung und letztendlich in Selbsthaß: Wir werden nie gut genug sein. Wir werden nie unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Wir werden nie frei von rassistischen Tendenzen, frei von Neid, Habsucht, Völlerei und Faulheit sein. Wir werden uns Rosenmontag nie in einer Horde Jecken in Köln wohl fühlen, es sei denn, man würde selbst zum Jecken. Wir können uns aber selbst keinen Migrationshintergrund oder eine afrikanische Abstammung zulegen, wenn wir nunmal in die Familie Holzkötter hineingeboren und in Sprockhövel aufgewachsen sind. (Man bekommt direkt den Eindruck, das ist genau das, was uns der Fragebogen vorwirft: keine Migranten zu sein. Als wäre man erst dann ein guter Mensch.)
So manches, was uns in die Wiege gelegt wurde (die Bereitschaft, den eigenen Nachwuchs zu töten, wenn die Zeiten rauh sind; die Neigung zu Vergewaltigung; das Streben nach Dominanz; die Neigung vieler Männchen, sich einen Harem zuzulegen, und viele andere) finden wir aus guten Gründen unmenschlich und ausmerzwürdig. Zwar nutzt uns die Erkenntnis, warum Männer zur Vergewaltigung neigen und wir alle Rassisten sind, nicht viel, denn das macht das Übel weder besser, noch schafft die Erkenntnis es von selbst aus der Welt. Ein Mißverständnis besteht allerdings darin, solche Neigungen deshalb für entschuldbar zu halten. Ein so flexibles Gehirn wie das menschliche kann sich nicht rausreden; schon der Versuch, sich mit seinen ererbten Neigungen zu rechtfertigen, beweist die Schuldfähigkeit dessen, der so argumentiert. Denn das ist der Mensch: ein Wesen, das schuldig werden kann. Denn der Mensch kann sich gegen seine Neigungen entscheiden, und manchmal muß er es auch. Er kann es aber besser, wenn er weiß, was seine Neigungen sind und wo die Neigungen herkommen. Immer aber kann und muß er es aus Gründen. Und hier sind wir endlich beim IAT angelangt.

IAT steht für Impliziter Assoziationstest, das ist ein Verfahren der Sozialpsychologie, um die Stärke von Assoziationen zwischen verschiedenen Gedächtnisbereichen zu messen und damit unbewußte Einstellungen (Bevorzugung oder Ablehnung) sichtbar zu machen. Dabei müssen Probanden einerseits Wörter wie schrecklich, Liebe, Vergnügen, verletzt nach positiver oder negativer Konnotation sortieren, andererseits Bilder den Schubladen der abzutestenden Kategorie – dicke oder dünne Menschen, dunkelhäutige oder hellhäutige Menschen, alte oder junge Menschen etc. – zuordnen, also Bilder dünner Menschen als „dünn“ kennzeichnen, Bilder dicker Menschen als „dick“. Dabei wird eine Bildschirmseite der Kategorie „gut“ und die andere der Kategorie „schlecht“ bzw. „dick“ oder „dünn“ (oder „alt“ und „jung“ etc.) zugewiesen. In der Mitte erscheinende Wörter und Bilder müssen dann mit den Tasten e (links) und i (rechts) zugeordnet werden. In einem dritten und vierten Schritt werden diese Zuordnungsaufgaben vermengt, wobei einmal die Seiten getauscht werden. Die Idee ist nun, daß Probanden mit einer unbewußten Bevorzugung von, sagen wir, dicken Menschen, sich bei der Zuordnung von positiv konnotierten Wörtern und Gesichtern dicker Menschen leichter tun, wenn diese auf derselben Seite erscheinen (dieselbe Antworttaste erfordern) und langsamer reagieren oder mehr Fehler machen, wenn negativ konnotierte Wörter und Gesichter dicker Menschen auf derselben Seite liegen. Was wir lieber nicht erfahren hätten: Die Mehrzahl weißer Probanden zeigt im IAT eine Bevorzugung hellhäutiger Gesichter (bei schwarzen Probanden ist das umgekehrte Ergebnis weniger eindeutig), und zwar weltweit. Insofern liegen hier die Autoren des Fragebogens richtig, wenn sie behaupten, der Rassismus ordne unser aller Denken.
Oder vielleicht doch nicht, denn die Reaktionsmuster des IAT sind ja gerade kein Denken (oder höchstens „schnelles“ Denken in der Kahnemannschen Dichotomie), sondern erfolgen unbewußt: Sind die Reaktionen nämlich nicht spontan, ist der Test nicht mehr aussagekräftig, würde er doch in diesem Fall unsere durch Nachdenken gewonnenen Überzeugungen widerspiegeln, nicht aber den Teil unseres Selbst, zu dem wir keinen Zugang haben. (So hat beispielsweise der Autor dieser Zeilen ausweislich des IAT eine „starke Präferenz“ für weiße Menschen.)
Der entscheidende Punkt ist nun, daß das Ergebnis des IATs gegen die eigenen Überzeugungen, gegen die eigenen Haltungen, ja sogar gegen das eigene Selbstbild ausfallen können. Mit anderen Worten, der, wenn der Ausdruck erlaubt ist, intrinsische Rassismus ist allenfalls von wissenschaftlichem und von pädagogischem Interesse; für die politische, gesellschaftliche, soziale und juristische Sphäre ist er unerheblich. Niemand kann für unerwünschte Werte im IAT belangt werden, kein Politiker muß sich zu seinem persönlichen IAT-Scan äußern, das Testergebnis wird weder in Ausweispapieren niedergelegt noch verpflichtend regelmäßig von allen Bürgern erhoben; es ist keine Zugangsvoraussetzung zu Berufen, und es steht auch nicht im Abschlußzeugnis der Schule. Außerdem ist der Zusammenhang zwischen impliziten und expliziten Einstellungen Gegenstand aktueller Forschung und bislang noch nicht gut verstanden. Wer andererseits seine automatischen Präferenzen kennt, wird vielleicht Anstrengungen unternehmen, sie zu unterwandern, beispielsweise betont freundlich zu dunkelhäutigen Menschen sein, ihre Gesellschaft suchen etc, während jemand, der ungeprüft überzeugt davon ist, keine solche Präferenz zu haben, sich selbst weniger scharf beobachtet und diesen Präferenzen im Alltag vielleicht größere Zugeständnisse macht, als ihm selbst lieb sein kann. Daß auch ein solcher Fragebogen wie der hier so hart kritisierte, eine solche pädagogische Wirkung haben kann, sei den Autoren zugute zu halten.
Die Größe des Menschen besteht eben darin, sich gegen seine Neigungen entscheiden zu können, und sein Schicksal darin, es manchmal auch zu müssen. Das kann uns keiner abnehmen. Seinen Neigungen zu folgen, ist ein Kinderspiel; über den eigenen Schatten zu springen manchmal sehr schwer. Wir sollten die Menschen ermuntern und ermutigen, im Kontext von Fremdenfeindlichkeit über den eigenen Schatten zu springen; offen bleibt, ob dies ein solcher Fragebogen zu leisten vermag.

… aber diese Fremden sind nicht von hier (8), Möhs und Böhs

22. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

(In dieser Reihe kommentiere ich einen Fragebogen zum Thema Rassismus, den die Online-Ausgabe von ZEIT Campus vor ein paar Monaten herausgegeben hat.)

In der fünften oder sechsten Klasse verfielen meine Mitschüler und ich auf ein albernes Spiel, in welchem Gruppen von Schülern einander überfielen und erschreckten, indem sie, kleinen Satyrn nicht unähnlich, blökende Laute ausstießen, die sich ungefähr als möh bzw. böh transkribieren lassen. Anhand des jeweiligen Schlachtrufs – böh oder möh – hatten sich bald zwei Lager etabliert, die einander bekriegten und Mitglieder der jeweils anderen Gruppe mit Salven ihres eigenen Rufs – böh! oder möh! – überzogen. Man kommt als Kind auf seltsame Dinge, wenn man kein Smartphone besitzt. Jedenfalls bildete sich, fast unmittelbar nachdem sich das Spiel in der Klasse ausgebreitet hatte, eine starke Identifikation der Mitglieder beider Lager mit ihrem jeweiligen Satyrruf aus. Man war, man fühlte sich als Möh (oder Böh), und man war stolz darauf, ein Böh (oder Möh) zu sein und nicht etwa einer von denen, diesen Möhs (oder Böhs). Das ganze war durchaus spielerisch und unernst, und die scharfe Trennlinie zwischen Lagern des einen oder des anderen Satyrrufs augenblicks vergessen, sobald es um andere, interessantere Dinge ging, auch dauerte diese Phase nur ein paar Tage. Was hier ein Spiel war und von uns selbst nicht ganz ernst gemeint, hätte aber in einem anderen Kontext vielleicht gravierende Folgen haben können. Das Gefühl der Identität (ich bin ein Möh, und Fluch allen Böhs!) und Identifikation (wir Böhs stehen zusammen gegen alle Möhs der Welt) war auf eine Weise überzeugend – es fühlte sich einfach „richtig“ an, ein Möh zu sein –, die weit über die Albernheit des Spiels hinausging und eigentlich einen ernsten Grund aufweist: Identifikation und Exklusion sind anhand der absurdesten (auch rein fiktiver) Merkmale möglich, wenn nicht gar etwas, das sich in und zwischen Gruppen zwangsläufig einstellt. Es gibt im Menschen, das zeigt eine Reihe von Experimenten des Psychologen Henri Tajfel, den Wunsch nach der Dominanz der eigenen Gruppe, und zwar unabhängig, wir wir zu den einzelnen Mitgliedern dieser Gruppe stehen. Fußballfans wissen genau, wovon die Rede ist. Aus der Beliebigkeit der Merkmale, nach denen sich im Experiment nach Dominanz strebende Gruppen bilden lassen, kann der Schluß gezogen werden, und nun liebe Autoren von ZEIT-Campus, aufgepaßt: Daß Körpermerkmale („Rassen“) für Diskriminierungsmechanismen psychologisch irrelevant sind. Warum dann soviel Aufhebens um Hautfarben? Weil „Rassen“ Jahrzehntausende lang durch Ozeane, Gebirge, Wüsten voneinander getrennt gewesen sind und keinen Kontakt miteinander hatten. Dominanzstreben zwischen Gruppen spielte sich daher stets innerhalb von nach Körpermerkmalen ähnlichen Populationen ab. Ausschlaggebend für Gruppenbildungen sind daher nicht Körpermerkmale gewesen, sondern Verbindungen anderen Typs: Nachbarschaften, Familien, Sippen, Dynastien, Klientelgemeinschaften, Zünfte, Kasten undsoweiter. In einer globalisierten Welt mit umfänglichen Wanderbewegungen passiert es nun, daß manche Gruppierungen mit den Grenzen von Körpermerkmalen in kontingenter Weise zusammenfallen, das heißt, Menschen, die maximal außerhalb der eigenen Großgruppe stehen (eine andere Sprache sprechen, aus einem anderen Land stammen, andere Götter, andere Narrative haben), sehen in der Regel auch anders aus. Hier, und nur hier, hat der Rassismus seine Ursache: Als Epiphänomen. Hätten etwa die Fans von Schalke 04 eine andere Hautfarbe als die Fans des 1. FC Köln, würde man von Rassismus sprechen, wenn es nach einem Spiel zwischen Köln-Fans und Schalke-Fans zu Ausschreitungen kommt. Auf humoristische Weise haben das vor Jahrzehnten Badesalz karikiert: In einem Sketch verunglimpfen zwei Fußballfans desselben Vereins während des Spiels einen schwarzen Spieler der Gegenmannschaft („Banänsche, Banänsche! Uh, uh, uh!“), bis sie von einem dritten gemaßregelt werden. Nicht für ihre Beleidigungen, sondern weil sie einen hervorragenden Spieler beschimpfen, der ab nächster Saison für den eigenen Verein spielen wird. Daraufhin kippt die Situation, und die beiden Spötter überhäufen jetzt den Spieler mit Lobeshymnen („Diese Afrikaner, die könne ja barfuß e Gazell fange“), wobei sie nichts von ihrem Rassismus verloren haben, nur jetzt mit positiven Vorzeichen. Der springende Punkt ist hier aber, daß der Vorteil für die eigene Gruppe (den eigenen Verein), ihre Dominanz, höher bewertet wird als die (für den Sieg irrelevante) Hautfarbe eines Spitzenspielers, nachdem diese einen Moment zuvor, als man von der zukünftigen Affiliierung des Spielers keine Ahnung hatte, noch Anlaß für rassistische Beleidigungen gewesen ist. Das eigentliche Problem in Kontexten vermeintlichen Rassismus’ ist das Ressentiment gegen die anderen (beispielsweise gegen den konkurrierenden Fußballverein), und es bestünde auch dann, wenn diese anderen äußerlich gleich wären (wie bei Schalke-Fans und Köln-Fans). Genau deshalb vermengen die Autoren des Fragebogens ja auch Merkmale wie Religion („Muslime“) oder Sprache („Arabisch“, „Russisch“) mit äußerlichen Körpermerkmalen wie der Hautfarbe („schwarz“). Sie haben instinktiv begriffen, daß es um etwas anderes geht, nennen das Phänomen aber pauschal „Rassismus“. Das wird dem zu bekämpfenden Phänomen aber nicht gerecht und ist der Bekämpfung nicht dienlich. Man kann schlecht ein Verhalten ändern, das man nicht verstanden hat.

… aber diese Fremden sind nicht von hier! (7), Der Anti-Semant: Einige meiner besten Freunde waren Wörter

21. Dezember 2018 § 3 Kommentare

(In dieser Reihe kommentiere ich einen Fragebogen zum Thema Rassismus, den die Online-Ausgabe von ZEIT Campus vor ein paar Monaten herausgegeben hat.)

Wie wehrt man sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus? Am besten gar nicht, da wird schon was dran sein. Das Perfide an dem Vorwurf ist, daß man sich gar nicht dagegen wehren kann. Denn was könnte eine bessere Widerlegung sein als der Verweis darauf, daß einem Menschen nahestehen, die das nicht dürften, wenn der Vorwurf stimmte? Gerade diese beste Verteidigung ist aber pragmatisch und protokollarisch unzulässig, weil sie als Topos sprichwörtlich geworden ist, zum geflügelten Wort, das man den Menschenverächtern als Sprache des Bösen in den Mund geschoben hat, wo es nun erst recht als Beweis für den Vorwurf gilt. Weil es, so die unausweichliche Logik, genau die Art der Verteidigung sei, die ein wahrer Antisemit vorbringen würde. Wer immer sich auf diese Weise verteidigt, spricht sich selbst schuldig.
Und wenn es nun aber stimmte?
Dann spielt das keine Rolle. Der Angeklagte braucht nicht zu denken, daß er schuldfrei wäre, nur weil seine jüdischen Freunde aufstehen und für ihn sprechen. Allerdings, hat er keine jüdischen Freunde, ist er erst recht schuldig. Mit anderen Worten: Es gibt keinen Beweis für die Unschuld. Aus dem Vorwurf folgt automatisch die Schuld.
Im Fragebogen findet man einen Reflex dieser Logik in den Fragen 6 („Denkst du, du bist nicht rassistisch, weil du einen Freund mit Migrationshintergrund hast?“) und 8 („Wie viele enge Freunde hast du, die einen asiatischen, persischen oder nigerianischen Migrationshintergrund haben?“). Ein kleines Rollenspiel macht den inquisitorischen Charakter des Verhörs deutlich. Drehen wir die Reihenfolge der Fragen mal um und lassen einen Inquisitor (I) einen Sünder (S) in die Zange nehmen:

I: Wie viele enge Freunde hast du, die einen asiatischen, persischen oder nigerianischen Migrationshintergrund haben?
S: Nun, äh, ich bin eng befreundet mit Amitav, Rafik, Omar, Kiran, Chimamanda und Teju, also sechs.
I: Denkst du, du bist nicht rassistisch, weil du einen Freund mit Migrationshintergrund hast?

Leicht ist zu sehen, daß es keine Antwort gibt, die den Inquisitor zufriedenstellen würde. Das ist auch gar nicht möglich, er wäre nämlich sonst ein schlechter Inquisitor. Antwortet S auf die erste Frage mit „Keinen einzigen“, ist das sehr schlimm für ihn. Antwortet er mit einer Aufzählung all seiner ausländischen Freunde, hilft ihm das keineswegs. „Wie oft betest du das Vaterunser?“ – „Dreimal täglich.“ – „Glaubst du, du bist frei von Sünde, weil du dreimal täglich das Vaterunser betest?“
Wie bei jeder Inquisition steht hier das Ergebnis schon zu Beginn der Befragung fest. Es handelt sich um ein Ritual. Um eine Zeremonie.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei Freunden und Zahlen. Die allgemeine Kommunikationsstruktur des Fragebogens läßt sich wie folgt schematisieren:

Publikum: Ich bin kein Rassist!
Fragebogen: So? Dann wollen wir doch mal sehen. Also, wieviele enge Freunde mit nigerianischem etc. Migrationshintergrund hast du?
Publikum: […]
Fragebogen: Siehste. Weiter im Text. Weißt du, wieviele Msulime in Deutschland leben?

Das heißt, zu jeder der Fragen dieses, nunja, Verhörs gibt es eine Antwort, die der Verhörleiter hören will, weil es seinen Verdacht bestätigt, und eine, die ihm egal ist, weil sie an diesem Verdacht ohnehin nichts mehr ändert. Antworten der ersten Art sind ein Eingeständnis („Ja, ich gestehe, ich bin Rassist, ich habe keine nigerianischen Freunde, ich bin ein schlechter Mensch“); mit Antworten der zweiten Art glaubt der Verhörte das Richtige gesagt und den Beweis geliefert zu haben, daß er kein Rassist ist (ich nenne das die „brave“ Antwort). Anders ausgedrückt: Die meisten Fragen des Verhörs lassen sich umformulieren in: „Wenn du kein Rassist wärst, dann … (Hättest du enge Freunde mit Migrationshintergrund; würdest nicht denken, du bist kein Rassist, weil du enge Freunde mit Migrationshintergrund hast; würdest dich, wenn nebenan Afghanen einziehen, genauso super fühlen, wie wenn Schweden einziehen; würdest dich nicht fremder in der Nähe von Arabischsprechern fühlen als in der Nähe von Englischsprechern; würdest bei Tinder dunkelhäutige Gesichter nicht wegwischen; würdest dein Kind in eine Kita mit mehrheitlich Migrationskindern geben; würdest zahlreiche Bücher schwarzer Autoren lesen; etc.) – Was? Du denkst, hast, fühlst, gibst, liest, machst das alles nicht? Dann bist du ein Rassist. (Und wenn doch, bist du trotzdem einer. Siehe oben.)
(Einige Fragen sind in der Hinsicht mehrdeutig, daß nicht klar ist, wie die brave Antwort eigentlich lautet: Bin ich jetzt ein Rassist, wenn ich nicht weiß, wie viele Muslime in Deutschland leben? Wenn ich nicht weiß, daß jeder vierte Deutsche einen Migrationshintergrund hat? Oder bin ich im Gegenteil ein Rassist, weil ich es weiß? )
Zu einem inquisitorischen Verhör gehören natürlich auch solche Fragen, auf die der Verhörte aller Wahrscheinlichkeit nach gar keine zufriedenstellende Antwort geben kann. „Warum warst du letzten Sonntag nicht in der Kirche?“, wobei der Inquisitor genau weiß, daß der Weizen am fraglichen Tag des Herrn schnittreif war und es mit der Ernte pressierte, weil ein Unwetter drohte, und daß der Verhörte mit seinem Zehnten schon in der Kreide steht. In ähnlicher Weise ist die Frage nach den nigerianischen etc. Freunden perfide. Wie geht nämlich die Übung, die man absolvieren muß, um eine brave Antwort geben zu können? An wen richtet sich der Fragebogen, welche Menschengruppe soll sich hier angesprochen fühlen? Man darf annehmen: junge weiße Angehörige der gebildeten Mittel- und Oberschicht ohne Migrationshintergrund. (Zum Thema Vorsortierung von Opfern und Tätern siehe oben). Nun, Freundschaften sucht und schließt man im allgemeinen innerhalb der eigenen Gruppe, der eigenen Sphäre, Klasse, Schicht, Region, Arbeitsplatz, Bildungsschicht. Das kann man bedauerlich finden, betrifft aber das Thema Rassismus nicht zwangsläufig. Nehmen wir beispielsweise meine eigene Biographie (weiß, Mittelstand, akademischer Bildungsweg, kein Migrationshintergrund). Ich bin aufgewachsen in einem Dorf in Nordbaden. An meiner Grundschule gab es vielleicht zwei Ausländerkinder (das Wort Migrant war noch nicht erfunden), in meiner Klasse keinen. Die ersten Migranten, mit denen ich in Kontakt kam, traf ich in der Oberstufe des Gymnasiums, und tatsächlich war ich mit einem davon befreundet. Einmal abgesehen davon, daß sich nicht jeder Mensch für jeden Menschen zum Freund eignet, hätte ich kaum Gelegenheit gehabt, auch nur darüber nachzudenken, daß man auch Freunde mit nigerianischem etc. Hintergrund haben kann. Nigerianer? Perser? Woher nehmen! Selbst wenn ich es darauf hätte anlegen wollen, einen davon zum Freund zu gewinnen, es wäre mangels Nigerianer und Perser gar nicht möglich gewesen. Was also wirft der Fragebogen den Verhörten vor – denn ein Vorwurf ist es ja –, wenn diese nur weiße deutsche migrationslose Freunde aus dem gebildeten Mittelstand vorweisen können? Daß sie pflichtschuldigst sich einen anderen biographischen Hintergrund hätten wählen sollen? (Übrigens gilt die Beobachtung, daß man Freunde überwiegend in der eigenen Sphäre findet, für alle Menschen, auch für die mit Migrationshintergrund. Nigerianer und Perser, die in Deutschland leben, werden, vermute ich mal, überwiegend nigerianische bzw. persische Freunde haben. Wäre es anders, müßte der Fragebogen nicht nach den nigerianischen oder persischen Freunden von weißen Autochthonen fragen, das ergibt sich aus der Arithmetik.)
Und noch eine Bemerkung zu der Frage mit Tinder. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß interkulturelle Spannungen selbst zwischen Bewohnern verschiedener Länder Westeuropas eine enorme Herausforderung für deren internationale Partnerschaft darstellen können. Nun mag bei Tinder etwas anderes als feste Partnerschaften Ziel der Suche sein, aber interkulturelle Mißverständnisse dürften auch bei einem ONS eine Rolle spielen. Ich finde es absolut verzeihlich, wenn man hier auf Nummer sicher geht, selbst wenn man – wie es Tindernutzer vermutlich sind – auf Abenteuer gebürstet ist. Aber noch etwas anderes ist hier wichtig: Der Bereich von Sex und Beziehung ist der subjektive Lebensweltbereich schlechthin. Wer hier so etwas wie das Gegenstück zur Gendergerechtigkeit auf dem Feld von Ethnien fordert, der muß auch fordern, daß man bei Häßlichen nicht weiterwischt, weder Alter noch Beruf, weder Bildungsstand noch Musikgeschmack berücksichtigt, ja, daß man persönliche Quoten für kleine, große, dicke, dünne, Brillenträger und Scharfsichtige hat, etc. Mit anderen Worten, es bliebe auch bei der Wahl des Sexpartners nur noch der Münzwurf übrig, wenn man nicht buchhalterisch versuchen wollte, den jeweiligen in der Bevölkerung vorfindlichen Proporz von dick, dünn, weiß, schwarz, plattfüßig und spreizfüßig bei den eigenen Partnern exakt abzubilden. Sicher, Schönheit und Attraktivität sowie unsere Reaktionen darauf sind im Grunde Schweinkram, der nicht in unser Selbstbild paßt. Natürlich wollen wir nur „innere Werte“ gelten lassen. Natürlich lassen wir uns niemals von äußerer Attraktivität täuschen. Oder? Bei der Wahl eines potentiellen Sexpartners ausgerechnet die Hautfarbe als Kriterium auszuschließen, das ist geheuchelt. Und wie sollte das auch gehen? Die Wahl des Sexpartners ist subjektiv in jeder Hinsicht (und eine Ablehnung aus egal welchem Grund für den Abgelehnten immer schmerzhaft), und wir tun gut daran, beim anderen nicht genau nach den Gründen zu forschen. Wenn wir sie denn bei uns selbst immer kennen: Gefällt mir ihr Lächeln nicht, oder wische ich weiter, weil sie schwarz ist? Wische ich weiter, weil er eine Mongolenfalte hat, oder weil ich sein schmales Kinn häßlich finde? Man müßte, um dem Inquisitor später eine befriedigende Antwort geben zu können, geradezu bewußt nach schwarzen Partnern suchen. „Ich mag dich eigentlich nicht, aber ich brauche noch eine Schwarze für meine Quote.“ Überlegen Sie selbst, ob das eine realistische oder auch nur wünschenswerte Welt wäre.

Solstitium

21. Dezember 2018 § Ein Kommentar



Atmen des Schnees, der sich selbst erblickt in den Schatten der Vögel,
     wo, wie aus Träumen der Schlaf, Stille aus Stille sich kennt.

… aber diese Fremden sind nicht von hier! (6), Alle Minderheiten in einen Topf

20. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

(In dieser Reihe kommentiere ich einen Fragebogen zum Thema Rassismus, den die Online-Ausgabe von ZEIT Campus vor ein paar Monaten herausgegeben hat.)

Was haben ein Russe, ein Araber, ein Migrant, ein Afghane, ein Nicht-Weißer, ein Türke, ein Asiate, ein Perser, ein Nigerianer, ein Schwarzer und viele andere gemeinsam? Sie werden im ZEIT-Campus-Fragebogen als potentielle Opfer von Rassismus genannt. Nun, Russen, Türken, vielleicht auch Perser, manche Sprecher des Arabischen und vielleicht auch Afghanen sind vom Phänotyp europid, kommen also für Rassismus überhaupt nicht in Frage. Zweitens ist es sehr wohl möglich, daß der Russe gegenüber dem Araber in Frage 10 starke rassistische Vorbehalte hegt (oder umgekehrt). Drittens wird Arabisch an so weit auseinanderligenden Orten wie Timbuktu, Casablanca, Kairo und Damaskus gesprochen, und jeweils ist es eine ganz andere Form des Arabischen. Derartige Feinheiten sind aber nichts für jemanden, der den Lesern die Gewissensfrage vorlegt, ob sie auch türkische Namen korrekt auszusprechen sich Mühe geben. Wäre man boshaft, könnte man zurückfragen, ob die Autoren des Fragebogens den ungerundeten hohen Hinterzungenvokal des Türkischen oder die Pharyngale des Arabischen korrekt zu bilden verstehen. Viertens ist Religion kein Körpermerkmal. Was haben also Muslime in einem Fragebogen zum Rassismus verloren? Ich habe einmal mit einem deutschen Konvertiten unter einem Dach gewohnt. Bin ich jetzt Rassist, wenn ich sage, daß mir dieser Mensch mit seinem impliziten Nörgeln an meiner atheistischen Lebensweise einerseits und am Christentum andererseits fürchterlich auf die Nerven ging? Und was haben Muslime aus Java mit Muslimen aus Istanbul ethnisch gemeinsam? Was verbindet einen dunkelhäutigen Oromo aus Äthiopien mit einem dunkelhäutigen Bantu oder einem dunkelhäutigen Angehörigen der San? Außer in der Eigenschaft, daß sie nicht weiß ist, nicht einmal die Hautfarbe. – Kurzum, in seiner Ignoranz gegenüber fremden Sprachen, Ethnien und Religionen begeht der Fragebogen exakt die Sünde, die er beim Leser vermutet.

  • Sprachregelung

    Bei mir sind Männer grundsätzlich mitgemeint.

  • Sententiae recentissime prolatae

    Lakritze bei Livius, II,3
    Sofasophia bei Urheberrechtsreform
    Lakritze bei Urheberrechtsreform
    Lakritze bei Tüchtig (Ovid Ars II, 703-710)
    Solminore bei Tüchtig (Ovid Ars II, 703-710)
  • Werke & Tage

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