Turris eburnea

5. Juli 2017 § Ein Kommentar

Ich rege mich nicht mehr auf, nehme ich mir vor, ehe ich loslaufe, und dann rege ich mich doch wieder auf. Diskussionen mit imaginären Gegnern, auf deren Einwände ich antworte, bis mir der Atem wegbleibt. Es kommt vor, daß ich dabei mit den Armen fuchtele; manchmal spreche ich laut aus, was ich in Gedanken formuliere. Wer mich so sähe, vor mich hin murmelnd, mit den Armen wedelnd, in Laufklamotten, glaubte, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben, und vielleicht läge er mit dieser Vermutung gar nicht so falsch.

Anlässe für solche inneren Kämpfe gibt es viele. Der Grund aber ist eine innere Verteidigungsbereitschaft, die sich dem ständigen Gefühl einer Bedrohung verdankt. Meine Lebenswelt ist in Gefahr, so empfinde ich es seit Jahren, oder es wird bereits an ihrer Vernichtung gearbeitet, was mir teuer, ja, heilig ist, wird beschmutzt, der Lächerlichkeit preisgegeben, gering geschätzt, und droht, alsbald vielleicht ganz zu verschwinden. Das Wort Elfenbeinturm wird im allgemeinen nicht positiv verwendet. Mir aber ist der Elfenbeinturm heilig. Von der kulturellen Überformung des Gefühls der Angst in den Epen Homers über die Fermatsche Vermutung und das Modussystem des Lateinischen zur nichtlinearen Phonologie und über formale Semantik, Maya-Epigraphik und Modallogik wieder zurück: Diesen Dingen habe ich entweder mein Leben dargebracht oder würde es wieder tun, wenn ich nochmal die Wahl hätte. Mein ganzes Leben! Und dann kommt jemand, der von dieser Faszination so wenig begreift wie eine Ameise von doppelter Buchhaltung, und zückt den Rotstift. Ich könnte manchmal einfach ausrasten. Das fühlt sich an, als würde man selber ausradiert.

Als ich vor Jahren einmal mit Freunden am Mittagstisch über die Abwicklung des sprachwissenschaftlichen Instituts einer benachbarten Universität sprach – Bücher landeten der Einfachheit halber auf dem Müll –, schaute mich einer an, der mich gut kennt und schlug vor, wir sollten über was anderes reden, „Für dich ist das richtig schlimm, was?“

Hilflosigkeit, bis zu Tränen. Welcher Mächtige vertritt meine Sache? Wer streitet für den Geist und wider die tödliche Logik der Verwertbarkeit? Nützlichkeit ist banal und geistlos. Nützlich kann jeder. Wer aber verteidigt die Elfenbeintürme, die wilden Gärten, die dicken, schwierigen, unhandlichen Bücher, die selten gebrauchten Wörter, die selten gedachten Gedanken? Wem ist das Gute, Wahre, Schöne mehr als nur ein billig zu habendes Zitat? Und wer holt diesen Wert wieder in den Alltag zurück, ins Zentrum der Gesellschaft, einer Gesellschaft, die so reich ist, daß sie Geld kotzt, und sich allemal mehr leisten könnte als einen Flachbildschirm und die neueste Flatrate.

Wieviele Lehrstühle für Indogermanistik oder Altgriechische Philologie hätte man mit den Geldern finanzieren können, die zur Rettung notleidender Banken lockergemacht wurden? Stattdessen: die Indologie in Köln. Abgewickelt. Der einzige Lehrstuhl für dieses Fach weit und breit. Niemand hat je von notleidenden Indologen gesprochen.

Oder daß niemand sieht, daß wir uns selbst abschaffen, wenn wir nicht jetzt Halt! rufen. Macht euch doch nichts vor, fuchtele ich auf dem Feldweg, daß die Pferde zusammenzucken, ihr braucht ein Schicksal, ihr braucht das Scheitern, ihr braucht Widerstände, Sorgen und Nöte, sonst seid ihr keine Menschen mehr. Was wollt ihr denn den ganzen Tag beginnen, wenn es nichts gibt, wofür ihr unentbehrlich seid? Wenn der Mensch nicht mehr unentbehrlich ist, was ist er dann? Ganz genau. Aber die Liebe! ruft jemand. Die Kunst! Nee, Leute. Schon jetzt gibt es Algorithmen, die Bach-Choräle schreiben, vierstimmiger Satz, die ununterscheidbar von echten Chorälen sind. Über 5000 am Tag. Bald könnten Rechner unsere Romane schreiben. Bald könnten Maschinen und Avatare auch das Liebesbedürfnis besser (und harmonischer) befriedigen als jeder von einer Frau geborene Mensch. Fühlt sich gut an? Dann weiter so. Dann nur immer weiter. Vorwärts Marsch.

Und dann faselt schon wieder jemand was vom rapiden Wandel, an den man sich anzupassen habe. Fehlt noch, daß das Haßwort von der schnellebigen Welt (ja, das schreibt man mit nur zwei l) in den Mund genommen wird. Als bräche der Wandel über uns herein wie weiland der Asteroid über die Dinosaurier! Als wäre der Wandel nicht gewollt! Aber das sagt man nie dazu, nie. Denn wenn sich das mal in die Köpfen eindränge, dann stünde man ja plötzlich vor der Wahl, ob man den überhaupt will, den Wandel. Hilfe! Und dann? – Der Wandel, das waren für mich immer andere. Ich wollte den nicht. Ich wollte das Netz nicht. Ich wollte nicht einmal Computer. Ich war immer zufrieden mit dem, was vorhanden war. Nicht, daß nichts gefehlt hätte; aber was ich noch gern gehabt hätte, hätte kein technischer Fortschritt, hätte kein Computer, hätte kein Wandel mir zu verschaffen gewußt.

Auf der Wiese bei Sonnenaufgang die Rinder. Dreißig, vierzig Tiere, wie von einem Kind zerworfene Schachfiguren über die Weide verstreut. Blitzsaubere Tiere, kauend und blinzelnd, aufmerksame, doch lässig in sich ruhende Geschöpfe, das eigene Dasein so intensiv für selbstverständlich haltend wie den Sonnenaufgang, das Glänzen auf den Halmen, den Geschmack des Grases, den seltsamen Jogger, der fuchtelnd und rufend vorbeiläuft. Denen muß ich nichts erklären, die nehmen mich hin. Ich hätte mich gerne einfach dazugelegt, den Kopf auf der warmen Flanke einer Kuh abgelegt, ihren Kräuterduft in der Nase, stumm und wortlos, hätte mir die salzige Hand lecken lassen und keinen einzigen Gedanken gehabt, der größer wäre, als diese Wiese reicht.

Laren und Penaten

3. Juli 2017 § 5 Kommentare

Nachts taste ich nach der Brille, krabbele aus dem Bett, stolpere an den Resten von Gerümpel vorbei, die Tür geht von alleine auf, denn der Rahmen ist schief, ich schließe sie, damit der Lichtschein von der Kellertreppe nicht ins Zimmer fällt, dann Licht an, mit dem rechten Fuß auf die erste Stufe, Tritt, Tritt, Tritt, links oben am Türrahmen festhalten, mit rechts um den unteren Pfosten, Drehung im Gegenuhrzeigersinn und die letzten drei Stufen rückwärts, damit ich mir nicht den Schädel anstoße. Dann gebückt durch den Gang, Vorsicht, noch ein niedriger Durchgang, nachts ist der Modergeruch besonders stark, oder meine Nase besonders empfindlich. Noch ist es Sommer, der Keller ist nicht allzu kalt, ich muß nicht frieren, während ich Wasser lasse, aber wie das im Winter wird, will ich mir gar nicht ausmalen. Vielleicht ist dann aber wenigstens der Modergeruch geringer.
Und schon im Bad, blinzelnd an der Strippe ziehend, überkommt mich mit voller Wucht das Heimweh nach der alten Wohnung. Nach ihrer Sauberkeit, der Helligkeit, der Großzügigkeit der Räume, nach dem Ausblick vom Balkon übers Tal, nach dem Tisch in der Küche, nach einem Bad, das man blind im Dunkeln fand. Ich denke mir das Geräusch, das die Wohnzimmertür machte, an das wohlige Brummen der Therme, und daß die Türen der Küchenschränke nicht immer von alleine zuklappten. Am ersten Abend des Wochenendes auf das Schlüsselklappern warten, auf dem Bett liegen, Blick auf den Südhang des Tals, im Kopfhörer einen schönen Beethoven; oder Schreiben am Küchentisch, während die Gefährtin noch schlief, Heimkommen nach dem Lauf, die vertrauten Plätze für Mütze, Schuhe, Jacke, Rituale, die für ihre Zelebrierung diese Räume brauchten, wie antike Opfer einen bestimmten Tempel in einer bestimmten Stadt. Texte auch, die, auch wenn sie nicht diese Räume besprachen, doch von ihnen inspiriert waren und immer auch irgendwie von diesem Schrank, dieser Küchenzeile, diesem Fensterbrett handelten, Dinge und Dimensionen, so vertraut wie die eigenen Gliedmaßen. Jetzt sind diese Räume unausdenkbar leer, leblos, unbesprochen, und selbst das, was ich in ihnen und über sie schrieb und dachte, ist jetzt heimatlos geworden, ohne Anker in der Welt. Neulich nachgesehen: Im Fenster ein Schild, „zu Vermieten“. Es ist, als bandele eine Geliebte vor meinen Augen mit einem anderen an.
Ich war dort auch nur zu Gast, so wie ich in dem windschiefen neuen Haus nur zu Gast bin, aber ich war nicht zu Gast in den Geschichten. Ich war nicht zu Gast in den Verrichtungen, ich war in den Arbeiten zu Hause, in den Feiern und Ritualen, für die diese Räume sich mir geliehen haben, und die ohne diese Räume erst wieder Wurzeln schlagen müssen in einem neuen. Laren und Penaten, mögen sie sich wohlfühlen am neuen Ort. Ich ziehe mühsam hinterher und liege nachts wach vor Heimweh.
Oder vielleicht aus Angst vor Einschnitten, auch oberflächlichen, irrelevanten. Wie oft denkt man schon über die vertraute Umgebung nach? Erst wenn die fehlt, drängt sie sich ins Bewußtsein und schafft Brüche. So ein Umzug ist eine Zäsur, allein deshalb, weil er die eine Gleichförmigkeit des Erlebnishintergrundes beendet, eine neue Gleichförmigkeit aber erst eröffnet, und wer weiß, was jetzt kommt? Eine Veränderung färbt die Zeit ein, zerhackt das Kontinuum, ordnet die Erinnerung in vorher und nachher. Eine Veränderung macht die Zeit fühlbarer, indem sie wie ein Standort auf einer Karte einen unübersehbaren Punkt setzt: Da bist du jetzt. Am Rand der Zukunft. Die längste Zeit unseres gemeinsamen Lebens haben die Gefährtin und ich in den jetzt zurückgelassenen Räumen verlebt. Sieben magische Jahre. So viele müssen wir erst noch wieder schaffen.

Lauf ohne Gelehrten

29. Juni 2017 § 3 Kommentare

Später am Tag ein Lauf im Zickzack den Villehang hinauf und hinunter. Drei Tropfen besprenkeln mich aus der einen Seite, aus der anderen schlägt mir die Sonne ins Gesicht. Ein merkwürdiges Licht, denke ich, bis ich begreife, es ist nicht das Wetter, als hätte jemand den Himmel zu stark geschüttelt und dann entkorkt, es ist die Tageszeit, wann bin ich denn schon am Nachmittag unterwegs, im Sommer zumal? Zeit kurzer Schatten, flinker Vögel, lauten Verkehrs.

So ein Wetter gibt es meines Wissens nur hier, wo von Luv schweres Gewölk unter Zäunen durchkriecht und in Lee die Sonne den Kopf in einen Viehtrog steckt. Raben wie Ascheflocken, dampfende Pferdeäppel, die Erde unter den Brombeeren knochentrocken.

Das Denken nicht abstellen können, niemals. Beinahe immer, wenn es um das Erleben geht, flüstert mir wieder der Zeitdämon den Schädel voll. Seltener jetzt, wie der Gedanke an einen frischen Toten mit der Zeit größere und größere Pausen macht, aber bei bestimmten Anlässen, zack! ist er wieder da. Alleine und aufs Erleben selbst zurückgeworfen, stellt er sich zuverlässig ein, ein fester Bestandteil des Metaerlebens, keine Innenschau mehr ohne den Gedanken, daß es nur einen einzigen Zeitpfeil gibt, und daß Erleben eigentlich nicht möglich ist. Sind schon Leute verrückt geworden über so etwas.

Ich brauche zum Laufen immer zwei Hemden, egal wie heiß es ist. Ein enges, das sich ohne zu reiben an die Haut schmiegt und den Schweiß aufsaugt; und ein weiteres, das gegen Zugluft schützt. Ich gehöre zu den Läufern mit empfindlichen Brustwarzen, wenn ich die im Sommer nicht schütze, tun sie mir nach dem Laufen zwölf Stunden weh.

Natürlich wieder Fahrzeuge, ein Kampfpanzer, für den der Feldweg eigentlich zu schmal ist. Ich brauche nur ein Fünftel des Raums, aber wer ausweicht, das bin wieder ich. Später noch eine Mofafahrerin, zieht eine Schleppe aus Abgas und Parfum hinter sich her. Keine Mountainbiker, immerhin, und die verhaßten E-Biker sind wahrscheinlich alle am Rhein unten.

Der Gedanke dieser Tage, daß ich vielleicht nirgends mehr ankommen muß. Vielleicht bin ich längst da? Dann bliebe nur noch, zu leben.

Das Bedauern, allenfalls, daß ich kein Gelehrter geworden bin.

Touristen

28. Juni 2017 § 4 Kommentare

„Dir ist aber schon klar, daß wir hier Katastrophentourismus betreiben, oder?“ sagt meine Wandergefährtin, als wir von unserem Weg abbiegen, um, von hier aus nur ein Abstecher durch den Wald, das Grauen, das wir tags zuvor aus respektvoller Ferne betrachtet haben, jetzt noch einmal aus der nächsten Nähe anzuschauen, als wüßten wir nicht, wie schlimm es ist; als müßten wir uns erst noch überzeugen. Warum tun wir uns das an?
Natürlich hat das etwas Ungehöriges an sich, etwas Pietätloses, als schlüge man am Tag nach einem Unglück ein Boulevardblatt auf oder folgte dem Einsatzwagen zum Unglücksort. Laut Karte beträgt die Distanz etwa zweihundertfünfzig bis dreihundert Meter. Auf die Entfernung ist noch nichts zu sehen, der Weg scheint ein wenig zu steigen, das Dach der Baumkronen sieht bis in die Tiefe des Wegs geschlossen aus. Nur etwas Braunes ist zunächst sichtbar, ein heller Streifen, es könnte verbranntes Gras sein oder Sand, oder auch nur der verbreiterte Grund einer Kreuzung.
Wie viele Katastrophen, so ist auch diese still. Ein Rotkehlchen schmettert, im Unterholz gluckst eine Gartengrasmücke. Schmetterlinge taumeln durch den hellen Schatten. Die friedliche Atmosphäre bekommt angesichts dessen, was wir wissen, etwas Beklemmendes. Die Stiefel knirschen, wir gehen stumm. Der braune Strich am Ende des Wegs wird größer, ohne dabei deutlicher zu werden, nicht einmal die Entfernung läßt sich schätzen. Es könnte auch etwas viel weiter Entferntes, sich hinter den Baumreihen Erstreckendes sein. Nach ein paar Minuten beginnt der Weg zu fallen. Der braune Streifen verbreitert sich, etwas Flaches an seinem Grund wird sichtbar, und die Baumreihe tritt ganz leicht auseinander, wie zu einer Kreuzung oder …
Plötzlich klärt sich das Bild. Der Streifen weicht stark zurück, macht einem asphaltierten Weg Platz, der aus der Perspektive des Waldwegs gar nicht zu erkennen gewesen ist. Das braune Gras verschwindet, oder besser, es verwandelt sich in eine Erhebung, einen Hügel, und dann in eine Halde aus Aushub. Wir treten aus dem Wald und stehen vor einem zwei Meter hohen, flachen Wall, der sich rechts in einer Kurve fortkrümmt, deren Ende nicht zu sehen ist, links aber sanft zu Tal gleitet, wo in der Ferne etwas erscheint, das wir schon aus der anderen Richtung kennen. Dort ragt der Hilfspylon der im Bau befindlichen Brücke auf, streng, riesig, unmenschlich, ein Unglück verheißend wie ein Meßturm vor dem Atomtest. Die ausgeworfene Erde ist rötlich-gelb, sandig, von metallisch schimmernden Gesteinsbrocken durchsetzt, trocken. Wir klettern auf den Wall, ins Erdreich getretene Stufen früherer Katastrophentouristen führen hinauf, und da ist sie, die neue Autobahntrasse, riesig und starrend und furchtbar, noch ohne Asphalt, aber schon planiert, mit mathematischer Akkuratesse durch den Wald geschnitten, in regelmäßigen Abständen ragen Drainagesäulen aus dem Grund. Eine Schneise. Hier Wald, drüben Felder. Ein Trekker fährt, eine silbrige Rauchwolke ausstoßend, auf der anderen Seite längs der zukünftigen Trasse vorbei. Obstbäume lassen freundliche Schatten auf eine Wiese fallen.
Es ist warm, die Sonne brennt auf den Boden wie auf eine Schürfwunde. Schon aber haben Pflanzen begonnen, das Fehlen der Bäume auszunutzen. Mohn leuchtet in kräftigem Rot. Disteln ducken sich an den Grund, als fürchteten sie den Bagger. Es ist ein schöner Anblick: Wie schnell die Natur zurückerobern würde, was ihr der Mensch geraubt hat. Als nächstes kämen Wegerich, Sauerampfer, Brennesseln. Dann Birken, Pappeln, Ahorn. In zwanzig Jahren wüchse ein junger Wald. Aber hier wird der Mensch nicht locker lassen, und der Aufmerksamkeit der Autobahnmeisterei wird kein Kräutlein ausweichen können.
Der Trekker ist fort. Meine Wandergefährtin macht ein paar Bilder. Es ist gespenstisch ruhig. Man könnte an eine Katastrophe denken, der alle Menschen zum Opfer gefallen sind: Hier verfiele gerade eines ihrer jüngsten Artefakte, zu dessen Fertigstellung es nicht mehr gekommen ist.
Aber so ist es ja nicht, denke ich bitter, als wir durch den Wald wieder zurück zu unserem schönen Weg gehen, nur fort von hier, zurück dahin, wo alles noch schön und heiter ist. Ein Blick zurück, und die Halde hat sich wieder in einen Grasstreifen verwandelt, und dann in einen braunen Fleck. Die Bäume haben sich geschlossen, die Grasmücke jubelt leise. Die Katastrophe, denke ich, ist noch gar nicht passiert.
Sie wird erst noch kommen.

Die Welt ist nicht so bescheuert

27. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Neulich habe ich angesichts des ZEIT-Artikels über Trans- und Bisexualität gedacht, daß viele Aufreger, die mich eine Menge Nerven kosten, nur scheinbar weit verbreitete Phänomene sind. Weit verbreitet sind sie vor allem an einem Ort: im Netz. Wäre ich nicht ständig dort (oder gar nicht mehr), dann wäre nicht einmal die gendergerechte Sprache mehr als ein diffuses Gerücht von sehr weit her. Die meisten Texte, die mir außerhalb des Netzes begegnen, von der Zeitung übers Radio bis zur Belletristik, sind noch von keiner Moralmode geknechtet und weithin ungegendert. Von anderen Möglichkeiten als entweder Mann oder Weib zu sein, hätte ich zwar gehört, der Streit um gemeinsame Toiletten für Frauen und Männer würde mich aber nicht weiter jucken. Vom Kampfbegriff der kulturellen Aneignung (cultural appropriation – wenn Sie’s nicht kennen, seien Sie froh, Sie haben nichts Wesentliches verpaßt) hätte ich vielleicht einmal kurz im Radio vernommen, dürfte aber ansonsten ohne schlechtes Gewissen (oder schlechte Laune) Jazz hören oder Dvořaks Symphonie aus der neuen Welt. Die neuesten Ernährungsverrücktheiten sieht man zwar leider im Supermarkt – kann sie dort aber einfacher ignorieren, als wenn sie mir der Feedreader auf den Bildschirm bläst. Das Netz tut mir nicht gut, auch in diesem Punkt nicht. Da argumentiert wieder einer für das große Binnen-i? Muß ich lesen! Da fällt wieder einmal jemand der Statistik des Durchschnittseinkommens von Frauen und Männern zum Opfer? Gleich mal anklicken! Da klagt wieder einer sexistische Werbung an? Will ich sehen! Da behauptet einer, wer sich die Replica eines Moai in den Vorgarten stelle, beweise nicht nur schlechten Geschmack, sondern mache sich des Kulturraubs schuldig? Muß ich mehr darüber wissen! Undsoweiter. Der Theorie von der Filterblase zum Trotz gibt es einen Drang im Menschen, der ihn unwiderstehlich zu gerade den Dingen zieht, die ihm befremdlich scheinen und ihm ein Ärger sind, gerade zu den Dingen, über die er sich am meisten aufzuregen geneigt ist. Als gäbe es dabei irgendeinen Genuß. Eine Bestätigung: Die Welt ist wirklich so bescheuert wie ich immer dachte, da habt ihr’s! Im Netz aber ergibt sich ein schiefes Bild. Da alles gleich schnell und gleich leicht verfügbar ist, scheint die Welt von ärgerlichen Erscheinungen nur so zu wimmeln, Erscheinungen, die bei näherem Betrachten, nämlich offline, so marginal sind, daß sie praktisch verschwinden. Ich muß lernen, besser auszuwählen, womit ich mich im Netz befassen will. Warum mußte ich jetzt beispielsweise diesem dämlichen vong auf die Spur gehen? Eine überflüssige Auskunft, nicht einmal amüsant war’s. Was hat das mir jetzt gebracht? Oder daß ich weiß, was lolcats sind? Ich wollte, ich könnte dieses Wissen einfach wieder aus meinem Kopf streichen. Weil es ärgerlich ist und überflüssig, und weil ich schlechte Laune bekomme, wenn ich nur daran denke. Aber der Mensch fühlt sich nicht nur zu Ärgerlichem hingezogen – er merkt es sich leider auch besser.

Frühprotokoll unter Wolken

26. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Solstitium

22. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Mädchen, ihr tauchtet ins Wasser die Lippen der durstigen Krüge.
      Bebend von keuschem Naß stiegen die Küsse ans Licht.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

20. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Unter Jägern

14. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Aber natürlich kehrte der Wagen auf dem selben Weg wieder zurück, ich hörte das Krachen von Schotter unter den Reifen lange, bevor die helle Frontscheibe des Transporters zwischen den Bäumen erschien. Ich hatte mich bereits ausgezogen, lag schon im Schlafsack und war nach drei Stunden Wartens nur zu bereit zu glauben, nun sei es wohl vorbei, nun hätte ich meine Ruhe. Aber natürlich mußte er zurückkommen, hatte ich ernsthaft geglaubt, ein Wagen, der abends in den Wald hineinfährt, wo es laut Karte weit und breit keine Straße gibt, würde nicht auf demselben Weg auch wieder herausfahren? Zumal ich gehört hatte, wie das Fahrzeug nach etwa hundert Metern geparkt wurde. Gegen sieben war das gewesen. Da hatte mich noch niemand bemerkt, weil die Hecke mich nach Mürlenbach zu, woher der Wagen gekommen war, abschirmte, aber jetzt, jetzt war das anders, jetzt bot sich dem, der da in seinem wackelnden und rumpelnden Transporter in Richtung Dorf heranrollte, frontal ein freier Blick hinter die Hecke, auf die Wiese, auf den Fleck, wo klein und geduckt mein Zelt stand. Nicht klein, nicht geduckt genug. Zwar war es schon nach zehn, es dämmerte bereits, aber um unsichtbar zu sein, hätte um mich stockdunkle Nacht herrschen müssen; und auch dann hätten mich die Scheinwerfer des Wagens sicher gestreift. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, als würde diese lächerliche Bewegung, nicht mehr als eine rituelle Geste, eine Beschwörung, mein Zelt dem Zugriff ungewünschter Blicke entziehen. Am liebsten hätte ich mich mitsamt dem Zelt in die Hecke verkrochen. Aber das ging natürlich nicht. Das hätte ich mir vor einer halben Stunden überlegen müssen (und wohin dann?), nicht jetzt, wo der Wagen bereits aus dem Wald heraus war und direkt auf mich zusteuerte.
Und hoffentlich gleich hinter der Hecke verschwinden, keinesfalls anhalten, sondern einfach weiterfahren würde, fort von hier, fort von meinem verbotenen Tun, zurück ins Dorf, nach Gerolstein, nach Trier, egal, nur weg. Ich hielt den Atem an. Es war ein lange vergessenes Gefühl, das mich wieder in die Kindheit zurückkatapultierte, in ein Klassenzimmer, wo der scharfe Blick des Lehrers wie ein Radar über die Reihen der Schüler huscht. Schau woanders hin, betet man und bemüht sich, wie jemand auszusehen, der die Hausaufgaben auf jeden Fall gemacht hat, besser noch, als wäre man gar nicht anwesend. Und dann, na ja, dann spürt man, obwohl man nicht hochschaut, wie der Blick auf einem stehen bleibt, eine Hundertstelsekunde, bevor man den eigenen Namen hört.
Ich hätte gern ein Somebody-else’s-Problem-Shield gehabt.
Wie so viele andere schöne Dinge auch, ist nämlich wild Zelten in Deutschland, diesem Musterland der Gängelung und des Ordungsamts, verboten. Wenn ich es trotzdem mache, so fordert mir das, einem eher ängstlichen Menschen, der wenig mehr scheut als Ärger mit Institutionen und ihren verschiedenen Sendlingen und Vollstreckern, einen ungeheuren Mut ab. Meistens fehlt der, und ich bleibe zu Hause oder nehme mir ein Zimmer; wenn ich mich dann doch einmal überwinde und mit dem Zelt losziehe, fürchte ich nichts so sehr wie eine Begegnung, nein, nicht mit Wildschweinen, sondern mit Jägern, Förstern oder demjenigen Typ Mensch, der in vergangenen Zeitaltern gern und freiwillig den Blockwart machte. Solche Begegnungen wie eine solche, die jetzt droht, während der Wagen in den Schutz der Hecke eintaucht und kurz die Hoffnung aufflammt, daß der Fahrer mich wirklich nicht gesehen hat (oder es ihm egal ist, was ich da mache), solche Begegnungen machen ein Abenteuer aus, auf das ich mich nicht freiwillig einlasse. Es ist ein Risiko, das für mich nicht die Spannung erhöht oder gar den Reiz der Sache ausmacht, sondern mir das Vergnügen, eine Nacht in freier Natur zu verbringen, wenn nicht ganz verdirbt, so doch beträchtlich eintrübt. Das Verbotene hat für mich jedenfalls keinen Reiz, nur weil es verboten ist.
Wider alle Erwartung wurde an diesem Abend, Pfingstsonntag, gejagt. Naiv wie ich war, dachte ich, im Frühsommer sei Schonzeit. Aber keine halbe Stunde, nachdem der Wagen im Wald verschwunden war, hatte es schon gekracht. Und dann noch einmal. Und nach einer Weile, sehr nah, sehr laut, so daß es rings in allen Tälern zwei, drei Sekunden widerhallte, noch einmal. Es war nicht das erste Mal, daß ich an Jäger geriet, und obwohl ich prinzipiell nichts gegen das Jagen einzuwenden habe, regt sich in mir inzwischen ein gewisser Unmut. Weniger übers Jagen und über Jäger als wieder einmal darüber, daß die Welt einfach zu klein ist, um allen Interessen genug Raum zu geben: Den Mountainbikern zum Brettern, den Jägern zum Ballern, den Walkern zum Stöckeschwingen, den Wildcampern zum Wildcampen. So groß, daß sie alle behaupten könnten, die Welt für sich alleine zu haben.
Während der Wagen langsam vorbeirollte, dachte ich an das letzte Mal, wo jemand abends noch mein Zelt bemerkte. Wir hatten es neben einer Bank an einer Wegkreuzung aufgestellt, wo laut Karte einmal ein Naturdenkmal gestanden hatte, und saßen gerade bei Worscht und Brot in der Abenddämmerung auf der Bank, als ein Bauer, der wohl noch nach seinen Kühen geschaut hatte, auf einem Quad vorbeikam, uns sah – und so scharf bremste, daß die Hinterräder des Fahrzeugs einen kleinen Hüpfer machten. Ich hob die Hand zum Gruß, freundlich – der andere grüßte nicht minder freundlich zurück. Guten Appetit! Wir unterhielten uns eine Weile, es gab kein Problem. Das Wegeckchen war Niemandsland, der Bauer verriet und, er habe selbst schon einmal dort gezeltet. Stolz auf seine Kälbchen, machte er uns, für den Fall, daß sie uns entgangen seien, auf sie aufmerksam. Das Naturdenkmal sei ein alter Baum gewesen, der noch 2014 gestanden habe. – Also dann, gute Nacht! – Gute Nacht! Ein netter Mensch. Aber das weiß man ja vorher nicht, und der Schreck saß uns beiden noch in den Gliedern, als der Bauer auf seinem Quad heim zu seinem Abendessen knatterte.
Der Transporter war halb am Zelt vorbei und ein gutes Stück hinter der Hecke, rollte, rollte, fuhr noch ein Stück. Ich war schon überzeugt, er werde vorbeifahren, da bremste er ab. Hielt, verdammt. Fuhr ein Stück zurück, wie es Comichelden tun, wenn sie zuerst nicht glauben wollen, was sie sehen. Die Fahrertür öffnete sich. Jetzt gibt’s Ärger, dachte ich, als ich mit klopfendem Herzen den Reißverschluß des Innenzeltes öffnete.
„Guten Abend!“ rief ich in offensiver Freundlichkeit durch den Zelteingang dem Mann zu, der etwas zögernd über die Wiese herangestapft kam. Ein Jäger, natürlich. Graues Hemd, graue Flanellhose, Waffe am Gürtel. Offensichtlich wußte er nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Ich war ihm nicht recht, das spürte ich. Aber Ärger mit mir wollte er auch nicht haben.
„Schlafen Sie hier?“
Merkwürdiger Akzent, vielleicht ein Belgier. Ich hatte in dieser Gegend schon einmal in der Dämmerung ein Auto mit belgischem Kennzeichen im Wald herumfahren sehen. Was zum Teufel machten die hier? Gab es in den Ardennen keine Wildschweine?
„Das ist Jagdgebiet“, klärte mich der Mann auf. Woher ich das hätte vorher wissen sollen, sagte er nicht.
Ich hob nur die Schultern. Was war da zu machen? „Sind Sie denn fertig?“
„Ich schon, aber ob die anderen einverstanden sind …“ Er ließ den Satz unvollendet. Ich hob wieder die Schultern. So musterten wir einander eine Weile.
Da wandte sich der andere mit einer resignierten Geste ab, stapfte zurück zum Wagen, lenkte auf den Weg zurück und setzte seine Fahrt nach Mürlenbach hinunter fort. Ein paar Sekunden später war das Motorengeräusch verklungen. Es herrschte wieder die Stille von vorher, nur daß jetzt das Spotten der Drossel wie ein Kommentar zu den Narrheiten der Menschen klang. Ein bißchen beneidete ich die Raupe, die sich vor dem Zelt um einen Grashalm wickelte. Sie war so zu Hause in ihrer Welt, wie ich in der meinen nie sein würde. In der Stadt ebenso wenig wie hier draußen in meinem Zelt.

Analog

29. Mai 2017 § 6 Kommentare

(Ein Haus renoviert. Was im Rückblick äußerst erholsam war – ich merke es gerade an meiner bereits wieder einsetzenden Erschöpfung, kaum daß ich nach einer Woche Auszeit die erste Stunde am Rechner sitze –: So ein Hausumbau ist komplett analog. Es gibt keine digitalen Fliesen, und die halten auch nicht digital, sondern mit Fliesenkleber – und wenn nicht, fallen sie runter. Da hilft auch kein Neustart. Es gibt auch nur analogen Lehmputz, und der knirscht und bröckelt und hat Stroh drin, und es ist verdammt nochmal anstrengend, den mit Wasser zur richtigen Konsistenz zu verrühren, und es ist verflixt noch eins schwierig, die analoge Masse mit einer analogen Kelle auf einer analogen Wand zu verteilen. Das macht keine App, sondern Muskeln, Auge und Ohr. Und so eine Tapete läßt sich nicht mit drag & drop an die Wand ziehen, an eine krumme Wand, für die man eigentlich einen Doktorgrad in sphärischer Geometrie brauchte, schon gar nicht. Das geht nur mit analogen Flüchen, echtem Schweiß und Leim, am besten im gut eingespielten Team. Und wenn Farbe dorthin kleckst, wohin sie nicht soll, hilft auch kein Defragmentieren der Festplatte, sondern nur noch viel Wasser und ein Schrubber. Alles echt, ist es denn möglich! Das wiegt und riecht und ist scharf und fällt runter und macht Lärm, es ist nicht zu glauben. Und wenn der passende Bit plötzlich unauffindbar ist, dann gibt es keine Suchfunktion, sondern man muß selber schauen, wo man das Ding verräumt hat. Hier gibt es keine Farbcodes oder Pixel, hier gibt es nur echte Abmessungen, die gerne zu groß oder millimeterweise zu eng ausfallen, da hilft dann kein Mausklick, da muß man nachschneiden und nachhobeln und nachschleifen, bis es eben paßt; mit echtem Werkzeug, echten Geräten, die echten Staub und Dreck und Krach produzieren. Die Masken, unter denen man kaum Luft bekommt, so daß man röchelt wie Darth Vader persönlich, die sind auch echt, und sie riechen nicht gut; und die Schwielen und Schrammen und der krumme Rücken am Abend: auch die sind echt. Ebenso wie die Farbspritzer im Haar und der blaugeklopfte Daumen.

Ich sag’s ja nicht gerne, denn Handwerk ist nicht mein Ding, absolut nicht, ich möchte schreiend davonlaufen, wenn ich auch nur die Montageanleitung für einen Wasserhahn begreifen muß, aber trotzdem: Es kann eine Wohltat sein, die Dinge mal in echt zu machen und nicht in virtuell. Ich korrigiere: Es ist eine Wohltat, einmal dazu gezwungen zu werden, die Dinge in echt zu machen. Wäre es anders möglich: Man hinge ja doch wieder vorm Bildschirm und zöge die Tapeten mittels drag & drop an die Wand. Aber hätte ein solches Werk auch nur den Bruchteil der Befriedigung, die man verspürt, wenn man über und über mit Leim bekleistert vor der frischen Wand steht? Und sei’s auch nicht perfekt: So hat man’s doch selbst gemacht. Selbst: Und das ist der Punkt. Mit eigenen Händen. Es hat sich angefühlt, es hatte Gewicht, es hat geklebt, es hat sich widersetzt. Aber man es hingekriegt. Ohne Systemadministrator.

Vor allem aber: So eine Stichsäge belauscht dich nicht; so ein Hammer merkt sich dein Hämmerverhalten nicht; so ein Akkuschrauber meldet deine Über-achtzehn-Flüche nicht an FB oder sonst wen weiter. Und wenn etwas kaputt geht, gibt es immer eine Alternative, eine Improvisation, die vielleicht noch besser ist als der ursprüngliche Plan.
Digital gibt es nur ja oder nein. Digital gibt es keine Improvisation, keine Phantasie. Digital kann man nichts passend machen, was nicht schon passend wäre. Digital ist malen nach Zahlen. Es ist eine Erleichterung und Befreiung zu merken: Man kann die Dinge um einen her mit den Händen formen. Das tut manchmal weh; aber am Ende ist es wundervoll; und man wird es vermissen, wenn man wieder vor dem Rechner sitzt.)

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