Spätprotokoll

7. September 2016 § Ein Kommentar

Ein Buch in der Hand, die Decke über den Knien, letzte Geräusche von der Straße, letztes Licht aus der Lampe. Der eigene Herzschlag, endlich ruhig, wie ein Gebiß im Glas. Der Teppich streckt sich, das Fenster wendet den Blick nach Innen. Eine Seite raschelt. Frieden von Wörtern, die in ihren Sätzen ruhen wie kleine Tiere in einem großen, stillen Wald.

Keine Dohlen

29. November 2014 § Ein Kommentar

Aber erst als du weg warst, fing ich an zu frieren. Und dann wurde es auch noch dunkel. Die Uhr vom Kirchturm schlug halb. Es war zwischen irgendwelchen zwei Stunden, und der Zug sollte gleich kommen. Die Uhr schlug, du warst schon weg, und ich dachte daran, wie du einmal, vor einer Ewigkeit, hier in St. Gereonshausen noch nicht da warst, und wie da Turmdohlen um die Kirche flogen und sich auf den schweren Zeigern der Uhr niederließen, als wollten sie die Zeit vorantreiben. Oder vielleicht wollten sie die Zeit auch aufhalten. Gestern gab es keine Dohlen. Es gab nur Zeit, die wieder zwischen uns angewachsen war. Und es gab die gemeinsame, eben vergangene Zeit, die nun wieder reichen mußte, auf Vorrat, wie der schwere Atemzug eines Wals. Keine Dohlen. Nur einen Jugendlichen im Kapuzenpulli, der auf seinem Smartphone rumfingerte. Geisterhaftes Leuchten im fremden Gesicht. Keine zwei Häuserecken entfernt räumte wohl gerade eine Bedienung unser Kuchengedeck ab. Unsere Krümel auf der Tischdecke. Zwei Gabeln mit Schokoladenresten. Die Fähre tuckerte ohne uns über den Rhein. Am Turm waren die Zeiger im Dunkel versunken. Einen Moment und Wachtraum lang war alles möglich, hatten die Dohlen heimlich die Zeit wiedergebracht, war wieder Morgen und alles am Anfang. Gleich würden wir losgehen. Gleich würden wir wieder aufgeregt wie Kinder an der Reling der Fähre stehen. Gleich läge der Weg wieder vor uns. Das Wasser aus der Feldflasche schmeckte schwarz. Im Bahnwärterhaus waren alle Fenster dunkel. „Da wohnt ja jemand“, hattest du am Morgen gesagt, oder war ich das.

Aequinoctium

21. September 2012 § 4 Kommentare

Immer von weit aus verschlossenen Räumen die Glocken des Abends
    tönen von dort, wo je lehnten die Türen am Licht.
Nah ist sonst alles. Die Türme, die Mauern stehn nah und die Straßen,
    nah ist der Baum und das Schild, Wege sind nah und ein Pfad
führt vom nahen ins nächste. Nah ist dein eigener Atem,
    nah, was du ißt und trinkst, nah dir die eigene Hand.
nah sind selbst noch die Boten. Wohin du auch gehst, es ereilt dich,
    daß du dir selbst bist so nah, daß du dir niemals entgehst.
Fern nur, das wären: Geschichten. Begegnen dir selber, das willst du,
    nah sein, dem, der du warst: Fern, wie Erzählung dich hat.
Dort, wo alles dich kennt, wirst du stapfen, wenn hinter den Glocken
    leuchtet, was einst dich enthielt, fern wie von Frauen ein Blick.

Wo bin ich?

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