De Senectute (1)

25. April 2016 § 4 Kommentare

Noch einmal laufen. Noch einmal. Und schon seit Jahren manchmal der Gedanke: Irgendeine Runde wird deine letzte sein. Das wirst du nur dann nicht wissen, während du sie läufst. Sie wird sich erst im Nachhinein als diese letzte Runde zu erkennen geben. So ist es ja immer. Das letzte Gespräch mit A. Der letzte Besuch bei K. Der letzte Kuß mit C., an den ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Wir tun, solange wir jung sind, so, als sei alles unendlich, als sei für alles auch später noch Zeit.

Letztes Jahr bin ich meine Bestzeit gelaufen; es ist unwahrscheinlich, daß ich das noch einmal unterbieten kann. So werden dann also die 3:41 meine Lebensbestzeit auf der Marathonstrecke sein. Besser wird es nicht geworden sein, mehr werde ich dann nicht geschafft haben. Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, ob es dabei bleibt oder ich doch noch einmal zwei Minuten schneller bin: Irgendein Erfolg, irgendein Triumph wird der größte sein, definitiv und für immer. Das Leben ist nicht unendlich steigerbar. Nein, auch später nicht.

Damals auf der Lesung mit der bereits über achtzigjährigen Astrid Lindgren in der Stadtbibliothek Heidelberg, die Frage eines Kindes, Werden Sie noch ein Buch schreiben? (Ich weiß nicht mehr, was sie geantwortet hat; aber wir wissen heute: Nein. Ronja Räubertochter war ihr letztes Buch.)

Warum ist uns Wachstum so wichtig? Weil es uns über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Wenn wir uns mit weniger zufriedengeben, ist der Gipfel erreicht. Danach geht es nur noch abwärts. Wir wissen, wie furchtbar es für Thomas Mann war, daß er im Alter nichts mehr schrieb. Und man täusche sich hier nicht: Jeder Trost, der einem hier einfallen mag, basiert doch wieder auf einer neuen Art Wachstum, auf einer Verlagerung des Wachstumsgedankens auf einen anderen, noch nicht von Verfall angefressenen Bereich: Innere Größe. Erfahrung. Spiritualität, künstlerischer Ausdruck, man nehme, was man will. Allem liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, das Gute des Wachsens. Gewachsen muß werden. Wer nicht wächst, schrumpft. Wer schrumpft, stirbt.

«Michael kann sich die Schuhe selbst binden!» Derselbe Satz, nicht über den dreijährigen Michael, sondern über den dreiundneunzigjährigen Michael geäußert, löst kein Gefühl des Stolzes, sondern des Mitleids aus. Warum? Weil das Schuhebinden beim Dreijährigen der Anfang in einer langen Reihe weiterer Bemeisterungen ist. Der nächste Erfolg wird eine noch größere Bemeisterung sein. Im stolzen Lob, das man dem Dreijährigen zollt, liegt die Aussicht auf Größeres. Bald wird er schreiben und lesen können, bald das kleine Einmaleins beherrschen, undsoweiter. Beim Greis dagegen ist das Schuhebinden eine Station in einer Entwicklung des Schwindens. Etwas noch zu können ist kein Grund zur Freude, wenn der Verlust dieser Fähigkeit unausweichlich ist. Da kommt nichts mehr, da wird nichts mehr draus: Insofern ist jede Bescheinigung einer Fähigkeit für den Greis bitter. Für die Tatsache, daß da nichts mehr kommt, ist es egal, ob es sich ums Schuhebinden, ums Stuhlverhalten oder um den Marathonlauf handelt.
Das schlimme ist: Es ist nicht nur für den Greis bitter. Denn der Verlust von Fähigkeiten, der Verlust aller Fähigkeiten, bis hinunter zu Nierenfunktion und Herztätigkeit am Ende, ist unausweichlich. Auch schon für den Dreijährigen. Wir täuschen uns da nur, solange Fähigkeiten noch erworben und nicht verloren werden.

Und es gehört eben auch zu den Bitterkeiten des Alters, daß man Mißerfolge nicht mehr unter Verweis auf eine nebulöse Zukunft, in der letztlich alle Rückschläge einmal überwindbar sind und, wenn man es nur richtig will, auch überwunden werden, beiseite schieben kann. Zum einen als der Mißerfolg selbst, zum andern als Makel, den man nicht mehr tilgen kann, beginnt ab einem gewissen Alter jeder Mißerfolg doppelt zu wiegen.
Aber auch jeder Erfolg: Denn jeder eben errungene könnte ja bereits der größte gewesen sein. Und das wird immer wahrscheinlicher, je älter man wird. Furchtbar aber ist nicht der Gedanke ans Ende, sondern die langsam einsickernde Erkenntnis, daß das eigene Wachsen eine Grenze hat. Das man nicht alles, was man nur will, wird erreichen können. Wird erreicht haben.

Noch einmal laufen. Und noch einmal. Nicht im freudigen Bewußtsein, was man schon alles kann. Sondern mit dem bitteren Gedanken daran, was man noch alles kann. Und daß man sich dafür schon jetzt loben lassen muß.

(Nachtrag: Da hat doch tatsächlich einer auf „Gefällt mir“ geklickt!)

Für später, für jetzt, für alle Tage

17. Februar 2014 § 8 Kommentare

Quibus enim nihil est in ipsis opis ad bene beateque vivendum, eis omnis aetas gravis est; qui autem omnia bona a se ipsi petunt, eis nihil malum potest videri quod naturae necessitas adferat. Quo in genere est in primis senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eandem accusant adeptam; tanta est stultitiae inconstantia atque perversitas. Obrepere aiunt eam citius, quam putassent. Primum quis coegit eos falsum putare? Qui enim citius adulescentiae senectus quam pueritiae adulescentia obrepit? Deinde qui minus gravis esset eis senectus, si octingentesimum annum agerent quam si octogesimum? Praeterita enim aetas quamvis longa cum effluxisset, nulla consolatio permulcere posset stultam senectutem.

Denn die nichts an Reichtum in sich finden, der ihnen zu einem guten Leben verhelfen würde, denen fällt jedes Lebensalter schwer. Die aber jedes Gut in sich selbst suchen, denen kann nichts als Übel erscheinen, was die Notwendigkeit der Natur mit sich bringt. Unter diesen Dingen ist besonders das Alter zu nennen: Alle wollen es erreichen und verfluchen es doch, wenn sie’s erreicht haben. So groß ist die Inkonsequenz und Verdrehtheit der Dummen. Dann sagt man, das Alter sei schneller herangeschlichen als geglaubt. Darauf ist erstens zu sagen: Wer hat denn diese Leute gezwungen, etwas Falsches zu glauben? Denn wie könnte Wie sollte sich denn das Greisenalter schneller ans Erwachsenenalter anschleichen als das Erwachsenenalter an die Kindheit? Und zweitens: Wie könnte sollte einem nach achthundert Jahren das Greisenalter weniger beschwerlich sein als nach achzig? Denn Ganz gleich wie lang die Lebensspanne auch wäre – einmal verflossen, könnte sie ja dem Dummen im Alter doch zu keinerlei Trost gereichen.

(Cicero, Cato Maior De Senectute, 4)

19. Januar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Den Tag fürchten, da man für sein Alter fit sein wird.

Iura iuventutis

11. April 2011 § 3 Kommentare

Deine Bemerkung über die Zumutungen des Bürgerlichen hat mir die Augen geöffnet. Ich habe etwas übersehen oder nicht damit gerechnet, als ich diese meine Lebensweise gewählt habe: Daß es ein Alter gibt, wo Extravaganzen, Experimente und Ausscherungen aus der Normalität in den Augen der Gesellschaft ok sind, ja sogar erwartet und manchmal auch bewundert werden; daß damit aber irgendwann Schluß ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Ein sechzigjähriger Aussteiger wird höchstens noch belächelt: Der Unverbesserliche! Meist wird er bedauert: Armer Tropf! Oder verachtet: Gescheiterte Existenz! Dann heißt es womöglich von ihm, er sei halt nicht erwachsen geworden. Habe keine Verantwortung übernehmen wollen. Ein Spinner, ein Träumer, ein Phantast. Und was der Epitheta mehr sind. Den Konformitätsdruck, der solcherart ausgeübt wird, empfinde ich zunehmend selbst, oder besser, er macht mir immer mehr etwas aus, er geht mich immer mehr etwas an, er zielt immer mehr auf mich. Aber von wem geht dieser Druck aus? Wer übt ihn aus? Wer rümpft die Nase über meine Lebensweise? Das schlimme ist: Niemand anderes als ICH SELBST. Denn meine eigene Lebensform, begegnete sie mir in anderen, wäre mir sogleich suspekt. Was ist das für ein komischer Kauz? Ist der vielleicht nicht ganz richtig? Macht der sich nicht selbst was vor? Belügt der sich nicht selbst, um sein Versagen nicht sehen zu müssen? Der komische Kauz mit der Lebenslüge indes, das bin ich selbst. Und manchmal möchte ich mich dafür hassen. Das ist die eine Seite.

Die andere ist: Wenn Lebensalternativen nur der Jugend frommen, wenn jeder Ausbruchsversuch, jedes Inanspruchnehmen der eigenen Freiheit nur an ein ganz bestimmtes Alter gebunden ist, dann führt sich der Begriff der Alternative selbst ad absurdum. Dann ist jeder solche Versuch des Nonkonformismus von Vorneherein schon wieder konform: als Teil des gebilligten Spiels. Dann ist die Alternative immer nur ein Spiel, ein Als-ob, eine Inszenierung. Dann heißt es, einer stößt sich die Hörner ab oder lebt seine Jugend aus. Wie süß! Aber wehe, jemand wagt, ernst zu machen, und das heißt: Die Sache durchzuziehen: Dann spricht man von einem Altkommunisten oder Altachtundsechziger oder einem unverbesserlichen Altöko oder sonst einem nur noch mit der Vorsilbe Alt- beizukommenden Menschentyp, und den findet keiner mehr lustig und schon gar nicht süß. Den findet man nur noch peinlich. Abgesehen von der Frage, wie man es anstellen müßte, auch als 70jähriger Kommunenbewohner noch ernst genommen zu werden in der eigenen Absicht und Lebensplanung, frage ich mich für mich selbst: Was ist los mit mir, daß ich den Abstand dazu nicht schaffe und immer mehr mit mir selbst ins Unreine gerate? Ich habe mich doch gut eingerichtet in meiner Nische, ich könnte zufrieden sein. Warum bin ich es nicht? Warum habe ich einen Blick auf andere, unter dem ich selbst zur fragwürdigen Existenz schrumpfen muß?

1981

8. März 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

das ist einfach grotesque, widernatürlich, unanständig. ich möchte nicht von sabbern sprechen, aber letzten endes ist es dieses wort, das in den gewölben widerhallt.
es kommt mir wie ein wahnsinn vor. was habe ich da zu suchen, nichts. elf jahre, ein augenblick, ein schicksal. zwei reisende in sich kreuzenden zügen, die einander für die schreckliche dauer eines wimpernschlags ins antlitz schauen und sich dann verpassen auf immer. doch in meinem fall, denke ich mit bitternis im herzen, hat es nicht einmal einen solchen augenblick gegeben; denn wir haben uns schon vor unserer geburt verpaßt; von anfang an konnten wir einander niemals mehr begegnen. (wenn es denn überhaupt beide gewollt hätten, versteht sich.) elf jahre. ein leben. sterblich sind wir von geburt an.
was für ein morgen ist das wieder, denke ich. jetzt mußte ich auch noch davon träumen. ein kuß. ein gemeinsames bad. ein sonnengebräunter rücken mit den hellen blässen des badeanzugs darauf sich kreuzend. ihre hände, die sie nicht schön findet, aber ich. ein traum: und noch im traum plötzlich die unumstößliche gewißheit, daß es nur ein traum war. ja, aber sie hat mich doch geküßt? wehre ich mich gegen mich selbst, aber ich muß es doch einsehen. und dann erwache ich, und es war wirklich nur ein traum, und der briefkasten ist wirklich wieder leer.

15. An Claudia

20. Juli 2004 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute Morgen die Donnerschläge eines Gewitters, die sich polternd in den halbfertigen Schlaf drücken … Beunruhigungen, Sorgen. Es ist auswegslos. Ich komme an dir nicht vorbei, Claudia. Und doch kann ich nicht zu dir kommen, nicht mit dir sein. Es wäre grotesk. Von allen anderen Schwierigkeiten ganz zu schweigen.

Die Schwingen der Bäume hängen vollgesogen von Regen über den Weg. In den Pfützen stehen zitternd die Umrisse der Wagen und Baumstämme, und die Welt fühlt sich an, als sei sie schon viel später als sie wirklich ist. Der Sommer ist schon vorbei. Unsere Berührungspunkte jede Woche sind vergangen, bevor sie vergangen sind. Traurigkeit macht die Bäume schwer, und bald wird alles, was ich seit April oder Mai erlebe, wie ein immer fernerer Spiegel sein, in dem sich alles immer kleiner und kleiner spiegelt.

Wo bin ich?

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