Heimat an Flüssen

29. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Später gab es die Schleuse, gab es die Bahnbrücke, gab es Wege allein. Raben zogen im Wasser über die Spiegelungen der Tiefe. Einen Abend gab es, der am Gitterwerk der Eisenbahnbrücke festwuchs. Züge machten die Ferne hörbar. Irgendwann muß die Ferne zum erstenmal ein Geräusch gemacht und gelockt haben. An einem Abend überm Fluß vielleicht, auf einer Fahrt über die Brücke, im Herbst. Die Räder ratterten und verbanden das Hier mit dem Dort. Das muß die Zeit gewesen sein, da die Welt klein wurde, und indem sie schrumpfte, wurde begreifbar, wie groß sie war. Die Dinge wurden unvollständig und verlangten nach etwas, das sie wieder heil machte, sie wieder einfügte in den Zusammenhang der Welt. Was es war, das ihnen fehlte, das hast du erst Jahre und Jahre später verstanden.
Erwachsensein hieß, alleine zu sein an Flüssen. Erwachsensein war, kommen und wieder gehen, von einer Brücke herab auf den Kanal blicken. Einmal löste sich ein Totenvogel aus dem Nebel in den Uferpappeln, das hast du nie mehr vergessen. Die Schreie der Krähe hallten über dem weißgeseiften Wasser. Darüber wolltest du schreiben, aber es gelang dir nicht. Störrisch und mächtig waren die Dinge, Krähe, Nebel, Pappel, aber einzeln waren sie, und wehrten sich gegen Worte. Geschichten hockten an den Wurzeln der Dinge, aber wenn man ihr erstes Wort sprach, um sie zu erzählen, da verflüchtigten sie sich und wurden unerzählbar, wie die Rabenschreie, die der Nebel wegnahm, wenn er sich auflöste überm glitzernden Strom.

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Sommer, der erste Rausch, du hattest eine Flasche Mâcon gekauft, du brietest dir Fleisch und leertest die Flasche allein auf dem Balkon, die Eltern waren in Urlaub, zum ersten Mal warst du nicht mitgefahren. Du warst allein. Erhitzt und begeistert vom Wein, deiner Kühnheit und der Nacht, in der du ganz allein warst, bist du gegen Mitternacht zur Kanalbrücke gegangen, wild verlangend nach Bewegung, Strömung und Bildern. Du fandest einen stillen Strom, die Kette der Laternen ein zittriges Band unter Holunder und Weiden. Ein Fluß im Sommer, zur Nacht, und das Gefühl, am Anfang einer jeglichen Nacht zu stehen. Das Wasser sehr still, nur das Schwanken der Schatten darauf deutete auf sein langsames Strömen; das Dorf wie verlassen; kein Verkehr auf den Straßen, weder nah noch fern. Die Bäume auf dem Schulhof deiner alten Schule vollgesogen mit Laternenlicht.
Die Luft war warm, feucht, voller Gerüche. Du hattest Nacht und Fluß, du hattest Brücke und Lichter, du hattest die Welt und dich selbst für dich allein, und alles in dir drängte danach, Nacht, Fluß, Rausch, ja, dich selbst: zu teilen. Daß da niemand war, der die Welt, der dich mit dir teilen mochte, das machte dir damals Schmerz, einen Schmerz, den die Nacht, die schwimmenden Lichter, die einsame Brücke, den dir diese Stunde nicht erklären konnte, nicht verwandeln, nicht mildern. Statt daß du ruhig werden konntest an einem Augenblick, da Zeit mit Zeiten zu einem ruhenden Spiegel verschmolz, wuchs dir in dieser stillen Stunde nur ein umso größerer Schmerz, eine umso wildere Sehnsucht zu. Die Stunde genügte sich selbst. Sie brauchte dich nicht. Du aber genügtest dir nicht. Oder war es die Stunde mit allem, was sie enthielt, der du nicht genügtest?
Was blieb dir damals, als zu Hause schon halb im betrunkenen Schlaf die Nacht mit dir selbst zu teilen. Jahre später aber ist diese Stunde auf der Kanalbrücke dann noch einmal zu dir zurückgekommen, als du über sie schreiben wolltest. Heil war sie da geworden an der Zeit und am gelebten Leben, heil an der Erzählung, und du begannst zu ahnen, daß dir bei aller Sehnsucht in diesen Jahren das Alleinsein zutiefst gemäß gewesen sein muß, als ordentliche Verfaßtheit deines jungen Lebens.

11. Dezember 2117

6. Juni 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Datum, das schon jetzt feststeht, und du weißt, du wirst nicht mehr dabeisein. Manchmal tapert man so blind durchs Leben, daß man heulen könnte. Halley habe ich erlebt und das Glück gehabt, im richtigen Jahrhundert auf der Welt gewesen zu sein für ein noch selteneres Ereignis. Das Glück, aber nicht die Wachheit. Angesichts der Seltenheit des Ereignisses denke ich jetzt, vielleicht wäre es doch wert gewesen, mal hinzuschauen, 2004 oder eben gestern. Dabei ist es mir da ja noch gleichgültig gewesen. Erst mit dem Bewußtsein post festum kommt der Verlust. Eine reine Versäumnis, abstrakt, pur, kristallin, absolut, gerade weil es nichts Begehrenswertes oder auf private Weise Teures ist, das man verloren hat. Die Darstellung der reinen Unmöglichkeit. Nichts, was sich nachholen, richten, mit viel Fleiß doch noch schaffen ließe. Es ist außerhalb der Reichweite. Es ist außerhalb der letzten Grenzen deiner selbst. Du tust einen Blick auf eine an einem bestimmten, absolut sicher eintretenden Ereignis verankerte Zukunft, die dich nicht mehr enthält. Die eigene Begrenztheit so deutlich ablesen zu können wie an diesem Datum, an diesem Unverrückbaren – Tag, ja, Stunde stehen bereits fest, und das tun sie schon seit Jahrmilliarden –: das hat etwas Vernichtendes. So lange du lebst, wird ein Venusdurchgang nicht mehr zu beobachten sein. Und gestern hättest du noch eine Chance gehabt. Mit deinen eigenen Augen. Jetzt bleiben dir nur noch Bilder, geliehene Augen und Erinnerungen, Bilder, die zu einem anderen Geist, zu einem anderen, wacheren, Leben gehören.

verworren

5. April 2012 § 8 Kommentare

Ich glaube, für eine wirklich schön verworrene Geschichte ist mein Geist einfach nicht verworren genug. Und verworren sollen sie sein, die Geschichten, heißt es nicht Seemansgarn spinnen? Und verheddern sich die Nornen nicht in ihrem eigenen Faden? Überhaupt, der Faden. Text bedeutet auch nichts andres als „Gewebe“. Dieses mag seine Ordnung haben, in der umfassenden Draufsicht. Aus Sicht eines einzelnen Fadens aber und seiner Umgebung herrscht ein schönes Durcheinander, in dem dennoch alles einander zusammenhält.

Das Unübersichtliche als Aufgabe. Die Kunst, sich selbst zu überraschen. Die Ordnung so gestalten, daß sie unordentlich aussieht. Dafür braucht es nicht einen verworrenen Geist, sondern mindestens zwei.

vom scheitern (1)

15. Dezember 2006 § Ein Kommentar

das wird einstweilen nirgendwohin führen, so viel sollte mir mittlerweile klargeworden sein. zwischen den koordinaten lebensglück, aufgabe, bewältigung, frist hänge ich nicht fest, sondern drehe mich im teufelskreis. die gedanken schnappen zu wie fallen. vexierbilder, zwickmühlen, karusell, geisterbahn. eins gibt sich dem anderen als lösung, die lösungen führen zur aufgabe, und am ende ist man wieder dort, wo man begonnen hat.
ernst machen birgt die gefahr des scheiterns; jeder kompromiß zielt darauf ab, ein solches scheitern zu vermeiden. netz und doppelter boden. ich habs ja gar nicht versucht. nein, ich wurde ja abgelenkt, hatte soviel um die ohren, mußte mich kümmern, war in aufgaben verstrickt, gab wichtigeres, kurz: es liegt gar nicht an mir.
also bin ich auch nicht gescheitert.

vor einigen tagen stand ich plötzlich allein im stockfinsteren hausflur, in einen seltenen augenblick der stille gehüllt. ich hatte aus der küche in mein zimmer gehen wollen und das licht im flur ausgemacht. unfähig, mich zurechtzufinden, wartete ich, bis sich meine augen an das dunkel gewöhnt hätten. umrisse erschienen. die dunkelheit bekam tiefe und raum. türrahmen und regal verdichteten sich zu linien und kreuzungen. unten trat die glastür als heller fleck auf die stufen, deren schatten sich langsam zur treppe zusammenfügten, bis der weg zur tür sichtbar war. ich wartete, bis ich alles klar erkennen konnte: die wände, die stufen, die tür. mit einemmal der gedanke. was wäre, wenn ich jetzt ginge? wenn ich jetzt die treppe hinunterstiege, die tür öffnete und hinausginge, so wie ich war, in pullover und hausschuhen? unterm mond, durch die straßen, in die dunkelheit hinaus? die tür fiele ins schloß, der schlüssel bliebe drin und weg wäre ich.
plötzlich schlug mein herz wie wild. ich holte tief atem. hier waren die stufen. unten war die tür. dahinter die welt. eine wilde furcht hatte mich gepackt, vor mir selbst, vor der freiheit, vor der möglichkeit, sich zu entscheiden. ja, was wäre, wenn ich jetzt losliefe? und plötzlich durchzuckte mich die gewißheit, daß ich es jetzt tun würde, jetzt sofort, im nächsten moment, halsüberkopf, gleich wäre ich auf und davon. es war nicht zu verhindern. ohne netz und doppelten boden.
meine füße regten sich nicht. die stille war keinen laut weitergerückt, das licht unverändert. draußen raschelte das laub wie von schritten.
der atem floß wieder, das herz schlug ruhiger. ich seufzte und schlich mich zurück in mein zimmer, siegreich und besiegt.

allmählich …

7. September 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

… habe ich den unbehaglichen verdacht, daß ich etwas elementares falsch mache.

als hätte ich einen üblen geruch an mir, den nur ich nicht wahrnehmen kann.

duschen hilft nicht.

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narbig

26. Juli 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

ich werfe die
destillate meiner sprache
hinaus
in wildes land
ich fülle meine seufzer
in dunkle flaschen
ich wickele den durst
meiner haut in briefpapier
ich werfe die post
eines schiffbrüchigen an
die ufer taubstummer nächte.
jeden morgen
wringe den gestrigen
abend ich aus
mit der kraft
gesammelter müdigkeiten
ich schleudere von mir
winzig vor zorn
was abgetropft ist zwischen den fingern
der himmelhohen angst
ich will hingehen und
ihnen die blicke aus den augen reißen
die ungesagten worte von
ihren zungen schneiden
ihre unterlassenen berührungen aus
ihrer haut abbluten lassen
ihren frechen schatten von
ihren füßen scheren
ihr antlitz tauchen ins eigene spiegelbild
bis es erstickt in den eigenen lippen
ich will wandern und endlich
mich verbrennen am mond
mir narben schnitzen lassen
von der wilden ackerwinde
mich blenden lassen
von den fledermäusen
mich schänden lassen
von einer keuschen gazelle
mir die wahrheit sagen lassen
von einer lügenhaften sphinx
trunken vom wasser
will ich die scheiben zertrümmern
die gürtel aufschneiden
die falschen rosen
im ausguß ertränken
ich will mein haus von mir abstreifen
meine photographie verbrennen
mein geld in der erde vergraben
mein brot den dämonen zu fressen geben
meine augen dem silberspiegel
und meine haut dem priester
der Astarte
gehäutet
verbrannt
geschändet
und verschnitten
schleudere ich
meine worte
hinaus
in ein wildes land.

.

Sæby (2)

19. Mai 2006 § Ein Kommentar

Nie ist das Drinnen so sehr drinnen wie zu jener Stunde, nie das Draußen so sehr draußen. Das Fenster ist eine Grenze; nacht aber ist es auf beiden Seiten. Nacht ist es in aller Welt. Die Welt selbst ist Nacht.

Ob die Stimmen schon immer da waren? Haben sie ihn geweckt, ihn heraufgelockt aus bewußtlosem Schlaf?
Ja, sie zogen ihn herauf und ans Fenster und waren: draußen und fern. Von jenseits des Schlafes herangeweht. Nicht zu ihm gekommen. Nicht zu ihm. Aus unerkannten Fernen, nach verborgenen Plänen handelnd, waren sie dorthin gekommen, wo auch er sich zufällig aufhielt. Und er war in den Begrenzungen von Zimmer, Haus und Mauer gefangen, auch ins Eigene gesperrt. Sie wußten nichts von ihm. Sie werden auch nie etwas von ihm wissen, oder von irgendeinem andern, der am Fenster steht. Sie brauchen nichts. Sie gehören auch nicht zur Nacht, sie gehören nur: sich selbst. Und sie singen. Sie singen sich selbst zur Freude.
Sie füllen den Wald mit Klang und Wundern, entfernen sich, verlieren sich, verstummen und lösen sich auf in der Stofflichkeit der Nacht, noch einmal klingt es auf unterm den Mondfäden, in der Tiefe der Bäume, dann fallen sie zurück ins Dunkel, aus dem sie getreten waren, und das sie nun wieder hält und birgt. Und das Kind, die Nase am Fenster plattgedrückt, zum ersten Mal ist es allein.

Wo bin ich?

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