wasserschildkröte

31. März 2006 § Ein Kommentar

einmal erzählte mir E., wie sie in griechenland auf dem markt eine wasserschildkröte gekauft habe. es gibt in Athen ganze straßenzüge, in denen allerlei haustiere zum kauf angeboten werden, volieren mit vögeln sind da aufgereiht, käfige mit hamstern, mäusen und kaninchen, wasserschildkröten in großen eimern. so eine wasserschildkröte, ein kaum kinderhandgroßes tier, kaufte E.; bekam ein gefäß mit, ein eimerchen vielleicht, oder eine plastiktüte mit wasser, ich weiß es nicht mehr, und damit ging sie nach hause.
und da war sie nun, die wasserschildkröte, bei E. zu hause. saß in ihrem eimerchen, hatte das köpfchen halb aus dem wasser erhoben und paddelte verloren mal hierhin, mal dahin; und als sie das erzählte, da legte E. ihre stirn mitleiderregend in falten, weitete die hilflosen augen und bewegte die angewinkelten arme wie beim schwimmen, so sei die wasserschildkröte in ihrem eimerchen herumgeschwommen, sagte sie, „das war so traurig, wie die wasserschildkröte allein in ihrem eimerchen herumschwamm, das köpfchen halb aus dem wasser, – wo bin ich, was mach ich hier? –, ich hab das nicht ertragen“, sagte sie und machte noch eine hilflose schwimmbewegung.
anderntags brachte sie die schildkröte zurück zum händler. „Δεν μπορώ“, sagte, sie, „ich kann das nicht.“ der händler nahm das tier zwar zurück, das geld wollte er E. aber nicht herausgeben.
ab und an denke ich an diese wasserschildkröte und wie E. die arme anwinkelte und die stirn in falten legte, und es greift mir ans herz.

Paul-Schallück-Straße

23. März 2006 § Ein Kommentar

ich stelle mir vor, daß dort die schwarzweißgeringelte tasse immer noch steht, auf dem klavier, und daß eben erst der dumpfe, saitenverstärkte hall verklungen ist, mit dem sie dort aufkam. ich stelle mir vor, daß alles so ist, wie es war, als ich ging. vielleicht mit ein wenig staub überall, mit lustig wirbelnder leichtigkeit vor den morgendlichen fensterscheiben, einem duft nach unbewohnheit, oder nach ebengegangensein; daß das licht eingefroren ist über den blüten des ahorns; daß gegenüber die menschen überm schreibtisch sitzen, weder unbeweglich noch in bewegung, gerade nur so, wie jemand still steht, den man mit einem raschen blick erfaßt und wieder fortstößt, starr, obwohl vielleicht inmitten einer fließenden bewegung.
ebenso dieses zimmer, starr inmitten von bewegung, erfüllt von tanzendem staub, behängt mit träge wippendem papier, beschriebenem, das mit einer reißzwecke angepinnt ist; stille inmitten von klang, das knarzen des futons, das hohle poltern, mit dem die tasse aufs klavier trifft, verhalten, um eine schlafende nicht zu stören. das eine wird für immer eben erst gewesen sein, das andere wird für immer noch sein. gleich. jeden moment.
dieser raum hat sich abgelöst von allen räumen, die ich nun bewohne oder nicht bewohne. nur mehr zugänglich der vorstellung, verharrt er nun ewig in einem augenblick, kurz bevor jemand fragt, soll ich dir einen kaffee machen? und dennoch liegt staub über den noch fußwarmen sportschuhen am fenster, das handtuch ist noch feucht, die stretchhose zerknüllt unter dem zerschabten lederrucksack, der sich nicht mehr schließen ließ. ein sonnenstrahl liegt quer über einem mit georgischen schriftzeichen bekritzelten blatt papier, das nicht mehr vergilben wird. am klavier biegen sich die photographien. und werden sich immer biegen, die farben dazu verdammt, immer frisch zu bleiben, die gesichter immer strahlend. hier kann es nicht nacht werden und nie richtig tag; es herrscht ein ewiger morgen, mit dem immer im selben winkel verharrenden licht, dem staub, der tasse, in der noch der duft des kaffees ruht, eingefangen zwischen feuchter wärme und eintrocknung, und ein faden flüssigkeit spannt sich über die keramik, schwarz und weiß geringelt.

traum

8. Februar 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

wieder geträumt, aus blinden räumen plötzlich hervorgetreten, vom wein entblößt, vielleicht: wieder sie und doch gleichsam verwandelt, eine neue frisur, kurzhaar und frech wie ein erstarrter sturm auf dem kopf, ich treffe sie mit ihm und will ihnen ausweichen, aber der raum wird zu eng, enger als berechnet, ich muß einen sprung machen, und sie merken, ich hab sie bemerkt. ihm weich ich aus, er bleibt in der nähe, aber mischt sich nicht ein. gegen sie aber bin ich auf eine weise kühl, die mich selbst schmerzt, aber es ist, als sei ich nicht ich selbst, als spräche eine andere gewalt in mir, ich kann nicht anders als rüde sein, abweisend, ablehnend. sie ist neutral. höflich? nein, einfach nur neutral. ich will ihr kein zeichen der zurückweisung geben, ich will ihr zeigen, daß sie so viel für mich bedeutet, es ist lebenswichtig in diesem augenblick, aber es geht nicht, ich bleibe eiskalt. irgendwann fehlt sie, ich stehe an ein mäuerchen bei einem aufzug gelehnt, ich denke, das wollte ich nicht, und der mund verzieht sich mir zum stillen weinen.

Zeitzeichen

15. Dezember 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

in den tiefen fältelungen einer lang nicht getragenen jacke: finde ich heute morgen unter vielen zetteln, leihquittungen der bibliothek im schumannhaus (mozart orgelwerke, vivaldi concerti grossi, widor orgelwerke), kassenzetteln von edeka (milch, pepperoni mild, hefe, mehl, wein) auch die quittung. café ehrenstraße. 02.01.2002. zweitausendzwei. ich muß nicht lang überlegen, ich gehe ja nie in cafés.
um mich ein bißchen selten zu machen, hatte ich das institut gemieden und die mail an o. von einem internetcafé aus geschrieben. bis zur verabredung hatte ich nun noch zwei, drei stunden zeit, die ich nicht wußte, wie füllen. was zu denken war, war alles bis an die grenze der angst gedacht, was zu hoffen war, gehofft, nun ging das bangen los, wohin mit all dem in den drei stunden, bis ich das jüngste vom tag zuvor (orgelflimmern im dom, seil ohne bahn, frühstück, dann die blaue kälte über den schnurgeraden wegen im königsforst, der mann mit dem opi-parfum, die getrennt frierenden handpaare) endlich o. würde erzählen können?
also ein café, ein beliebiges, und ich gehe ja doch nie in cafés, also egal. zum zweiten oder dritten mal in meinem leben mit der neuen währung zahlen. zuckerkrümel zählen. passanten beobachten. bang sein. hoffen. irgendwie ging es vorbei. las ich was? schrieb ich was? ich weiß nicht mehr wie, nicht einmal an das unangenehme, das zähe, wie es doch gewesen sein mußte, erinnere ich mich. die stunde kam, die stunde ging, ich zahlte in der neuen währung und ging hinüber zum neumarkt. damals fuhr die linie 16 noch nach mühlheim.

Aufarbeitung (1)

28. Februar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich gewöhne mich. Ich wage, mich ohne sie, sie ohne mich zu denken. Das geht schon ganz gut. Wieder einmal bemerke ich meine starken und schnellwirkenden Selbstheilungskräfte. Dennoch liegt mir der drohende Tag im Magen, an dem E. mehr nicht nur verliebt, sondern auch zusammen sein wird, mit dem Großbuchstaben-Ihm. Dem Andern eben, der nicht mehr ich bin.

Ich komme leichter über alles hinweg, wenn ich zu denken wage: Auch du hattest deine Zweifel. Auch ein Teil von dir wollte nicht mehr. Auch du gucktest wieder hin und vergucktest dich. Auch du wolltest dich schon trennen, oder sahst das als einzigen Ausweg. Freilich kann auch ein Trennungswunsch ein falscher Wunsch sein, der schadet oder blindlings wütet — ohne zu begreifen. Aber er war da, der Wunsch, in Kauf nehmend.

Aufarbeitung (6): Nicht mehr da

28. Februar 2005 § 5 Kommentare

Sie, meine Liebe, verliebt, andernwärts, andernaugs. Das trifft mich ganz tief drinnen, wo es wahnsinnig schmerzt, an einem Ort, vergraben in mir, wo jede Vernunft fehlt und fehlgeht. Schmerz, übelkeitstiftender Schmerz.

Sie wird nicht mehr da sein. Sie, die ich anrufe, immer wenn es schlimm ist und ich was zu tragen und eine Trauer hab. Zusammen gehören wir eigentlich schon seit längerem nicht mehr; aber eigentlich, in meiner Vorstellung, waren wir es doch die ganze Zeit, in Keuschheit beisammen und füreinander und versprochen einander. Ja. Einander.

Sie, meine Liebe, verliebt, andernwärts, andernaugs –

Aufarbeitung (5): Wildrosen, Mahler

28. Februar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Erwacht ruckartig aus schütterstem Schlafe, emporgezuckt und gewuchtet in schwärzestem Schrecken: Es ist wahr. Esistwahresistwahresistwahr. Herzgehämmer, Atemlosatem, einen Moment Schweben, dann Sturz in Übelkeit, der Magen verknotet zu hartem Dingsda. Die Zeit: Nichtvornichtzurück. Elendewig.

Sichhochkrallen, emporknistern, die Finger in die Luft geschlagen, den Fuß überm Licht. Wie soll das, wie soll das nur gehen, weiter auch noch, weiter und weiter, wie nur?

Später: schreiben. Das Wunder stellt sich auch diesmal wieder ein. Es hilft.

Noch später Gustav Mahler. Das Lied von der Erde. Der Einsame im Herbst. Im Frühling, haha, es ist Frühling, wer jetzt kein Haus hat, stimmt alles nicht, ist alles verschoben und falsch.

Gedanken an meine Großmutter, deren eigenes Leid ich jetzt gerade nicht zu teilen, nicht zu umgreifen vermag, verstrickt wie ich bin ins Selbst. Wann duften die wilden Rosen auf Sylt, habe ich sie gefragt.

Den ganzen Sommer über, antwortete sie.

Aufarbeitung (4): Der Andere

28. Februar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

„Ich hab halt seit ein paar Wochen gedacht, wir könnten … einander wieder näher kommen.“

„Oh … aber nein … aber nein…“

Faustworte in Bittermagengrube.

Ich war im Grunde, stelle ich rückblickend fest, überzeugt: Wir gehören eigentlich, komme was wolle, zusammen, und alles ist nur schwierig, aber nicht endgültig, zu Ende schon gar nicht. Ich stelle fest, daß ich die ganze Zeit im Grunde nicht geglaubt habe, daß es vorbei sei. Ich habe es gar nicht begriffen, und schon gar nicht das Ausmaß all dessen, was es heißt, wir sind nicht mehr zusammen. Nämlich, daß das bedeutet, wir gehen jetzt ein jeder unserer Wege, getrennter Wege. Nämlich, daß das bedeutet: Sie und er, wer auch immer es ist, haben ein Leben zusammen. Er, nicht ich. Das ist unvorstellbar.

Eifersucht? Nein, das hat damit nichts zu tun. Der Schmerz ist ein Verlustschmerz und kommt aus dem glasharten Bewußtsein, daß sie nun fort ist. Aus-meinem-Leben-entfernt ist. Daß uns keinerlei Ausschließlichkeit mehr unter sich aufnimmt und die Welt draußen sein läßt. Ich bin nun bloß noch Welt und draußen. Und drinnen, irgendwo, in irgendeinem warmen Raume, der diese Welt ausschließt und Erinnern und Wärme und Geborgenheit schafft, da ist sie – und das fremde Herz, mit dem sie dieses Drinnen nun teilen will.

Alleinsein heißt: Draußen sein, und von draußen in einen verwehrten Raum sehen, wo man selbst einmal war.

Aufarbeitung (3)

28. Februar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Alteram Venerem tecum habere volebam, novam Venerem et quae nos renovare posset. Alteram Venerem volebam tecum, non nullam. Pristinam ferocitatem corporis animique, qua olim iungebamur, redinvenire volui.

Nunc autem cor tuum vagatum est longe et vidit quem amare vult. Meum ipsius cor quoque vagabitur per planities et silvas et montes; at videbit amabitque nullam.

Aufarbeitung (2)

28. Februar 2005 § Hinterlasse einen Kommentar

Diese Sehnsucht und Gier wird doch wieder nur dazu führen, daß ich nicht wähle, sondern daß es die erstbeste wird. Wie schon E. die erstbeste gewesen ist – um sich dann auch als die erstrichtigste zu erweisen, bis auf jene klitzekleine wichtigste Kleinigkeit, manche sagen auch: Nebensache, der Welt.

Wenn auch dies gestimmt hätte und wir darin überein – wo wäre ich dann jetzt. Noch zermalmter, als ich es so schon bin.

Wo bin ich?

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