post aestatem

26. Juli 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

In der Stille aufwachen, in der Nachwelt der Vögel. Ein Name, ein Pfeil. Ein Hunger. Barfuß in Zuckerkrümel treten.

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Bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Kein Raum für Zweideutiges, Anspielungen, Hoffnungsheimligkeiten. Das Abenteuer, in einer Wohnung aufzuwachen, wo man nicht weiß, wo die Kaffeedose steht. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden. Warten können und Zeit haben in der felsenfesten Gewißheit, daß die Schönheit für dich allein bestimmt ist, kommt Zeit kommt Rat. Raufzählen und zunehmen und die Bäume für bare Münze genommen. Man macht den Wecker aus. Man kennt schon fast alle Stücke. Es kommt nichts Neues dazu. Mit jedem neuen Tag wird die Wahrscheinlich größer fürs Déja-vu. Diesen Moment, der war doch schon einmal, der ist doch schon gelebt. Sendungswiederholung.

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Und zwischendrin: Ihren erstaunten Blick wärs doch wert gewesen, sich noch vier Stunden im Zug abzumühen und einen weiteren Tag mit den Kindern – , ihre Freude, daß ich mitkomme, doch noch, nachdem ich schon ausgestiegen war, das wäre es wert gewesen, ja, und ihr kindliches, simples Entzücken. Das ausblieb. Meinetwegen. Und das nicht wieder-holbar ist, nicht dieses, jedenfalls, nicht dasselbe. Nicht so schlimm, aber das Kleine ist ebenso unwiederbringlich vorüber wie das Große. Und wer mag schon genau behaupten, was groß und was klein ist. Ihr Strahlen, vielleicht wär‘s groß gewesen. Für mich, für sie. Für uns. Das sind so Gedanken. Und auch, daß die Tür von Wagen 254 schon geschlossen war, sich mit Gezisch und Geächz vollautomatisch zwischen uns geschoben hatte, meine Schroffheit/ihren traurigen Blick, und lag dann spiegelig hart zwischen den mühsamen Luftküssen. Aber ich hätte wieder einsteigen können, ein Ruck nur, ein Sprung, einzig und allein um ihre Freude zu erleben, dafür hätte ich gut und gern noch ein bißchen Plackerei und das Generve der Kinder – und die Tür zum Wagen 255 noch offen, der Pfiff noch nicht ertönt, das Signal auf Rot. Ich hätte, ich wäre, aber nein. Es ging zu schnell, könnte man sagen, um das alles durchzudenken und wirklich schon vorgreifend diejenige Reue zu spüren, die mich anfiel, anfallen mußte, sobald der Zug davongerollt war, ich nicht mehr sie hinter der verspiegelten Scheibe, sie nur noch mich sehen konnte (oder sich schon, enttäuscht?, abgewandt hatte); es ging zu schnell, um die Reue schon vorauszufühlen, als noch Zeit gewesen wäre, auf so eine Ahnung zu reagieren, aber die Zeit war nicht, und vielleicht ist das auch ganz falsch, vielleicht war Zeit zuviel, zuviel Zeit zum Zögern, zuviel Zeit zum Abwägen und Ausbaldovern und stur bleiben, zuviel Minuten, als daß ich blindlings … vielleicht ging es nicht zu schnell sondern, nicht schnell genug.

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Zuletzt noch die Mauersegler, abends, die ihre Leuchtspuren in den Schlaf hineinfräsen. Späteste Minuten. Wenn der Himmel sich vom Fenster löst, gerät das Zimmer ins Schweben. In der Luft hängen die Stimmen von damals. Einer Zeit, als kein Mangel war an Tag und Traum.

vom scheitern (1)

15. Dezember 2006 § Ein Kommentar

das wird einstweilen nirgendwohin führen, so viel sollte mir mittlerweile klargeworden sein. zwischen den koordinaten lebensglück, aufgabe, bewältigung, frist hänge ich nicht fest, sondern drehe mich im teufelskreis. die gedanken schnappen zu wie fallen. vexierbilder, zwickmühlen, karusell, geisterbahn. eins gibt sich dem anderen als lösung, die lösungen führen zur aufgabe, und am ende ist man wieder dort, wo man begonnen hat.
ernst machen birgt die gefahr des scheiterns; jeder kompromiß zielt darauf ab, ein solches scheitern zu vermeiden. netz und doppelter boden. ich habs ja gar nicht versucht. nein, ich wurde ja abgelenkt, hatte soviel um die ohren, mußte mich kümmern, war in aufgaben verstrickt, gab wichtigeres, kurz: es liegt gar nicht an mir.
also bin ich auch nicht gescheitert.

vor einigen tagen stand ich plötzlich allein im stockfinsteren hausflur, in einen seltenen augenblick der stille gehüllt. ich hatte aus der küche in mein zimmer gehen wollen und das licht im flur ausgemacht. unfähig, mich zurechtzufinden, wartete ich, bis sich meine augen an das dunkel gewöhnt hätten. umrisse erschienen. die dunkelheit bekam tiefe und raum. türrahmen und regal verdichteten sich zu linien und kreuzungen. unten trat die glastür als heller fleck auf die stufen, deren schatten sich langsam zur treppe zusammenfügten, bis der weg zur tür sichtbar war. ich wartete, bis ich alles klar erkennen konnte: die wände, die stufen, die tür. mit einemmal der gedanke. was wäre, wenn ich jetzt ginge? wenn ich jetzt die treppe hinunterstiege, die tür öffnete und hinausginge, so wie ich war, in pullover und hausschuhen? unterm mond, durch die straßen, in die dunkelheit hinaus? die tür fiele ins schloß, der schlüssel bliebe drin und weg wäre ich.
plötzlich schlug mein herz wie wild. ich holte tief atem. hier waren die stufen. unten war die tür. dahinter die welt. eine wilde furcht hatte mich gepackt, vor mir selbst, vor der freiheit, vor der möglichkeit, sich zu entscheiden. ja, was wäre, wenn ich jetzt losliefe? und plötzlich durchzuckte mich die gewißheit, daß ich es jetzt tun würde, jetzt sofort, im nächsten moment, halsüberkopf, gleich wäre ich auf und davon. es war nicht zu verhindern. ohne netz und doppelten boden.
meine füße regten sich nicht. die stille war keinen laut weitergerückt, das licht unverändert. draußen raschelte das laub wie von schritten.
der atem floß wieder, das herz schlug ruhiger. ich seufzte und schlich mich zurück in mein zimmer, siegreich und besiegt.

Wo bin ich?

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