Frühprotokoll

8. Juni 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Radio läuft ein kleines Stückchen für Klavier. Die Töne scheinen unsicher, zögern, es ist ein bißchen so, als suche das Instrument nach dem richtigen Ton, nach dem richtigen Einfall, oder als versuchte es sich nur zu erinnern, was es mal irgendwo gehört hat. Und zugleich versucht der Hörer herauszufinden, woran ihn dieser Erinnerungsversuch seinerseits erinnert. Falsch klingt es nicht, eher … gedankenverloren, könnte man sagen, wie etwas, das sich selbst überraschen muß, dem Gekritzel nicht unähnlich, das manche Menschen beim Telephonieren auf dem Notizblock niederlegen, wobei sie völlig unbewußt mitunter verblüffend schöne Ornamente zurücklassen.
Und so, wie man später auf dem Notizblock jene seltsame, rätselhaft schöne Zeichnung aus eigener Hand findet, die von einem Fremden angefertigt scheint, so entdeckt sich diese Musik plötzlich selbst. Der richtige Gedanke ist zum Greifen nah, liegt den Akkorden, die sich anschicken, in die Dominante zu wechseln, schon auf der Zunge, noch ein Umherschieben, ein Atemholen, ein Innehalten auf dem Leitton nach E-Dur, und da, da ist es. Eine zwei- oder viertaktige Phrase, die man sofort wiedererkennt, obwohl man sie noch nie gehört hat; es ist wie die verblüffende Lösung auf ein vertracktes Rätsel, und spätestens jetzt weiß man, das muß Scarlatti sein.

Mit Scarlatti hat sich mir eine harmlos-unangenehme Begegnung unauflöslich verknüpft. Eine Dozentin an dem Institut, wo ich studierte und als Hilfkraft tätig war, nahm ihren Abschied aus dem Dienst und hatte alle Institutsangehörigen zu einer Feier eingeladen, die im Hauptgebäude der Universität stattfinden sollte. Ich war ein paar Minuten zu früh dran, und da ich noch etwas zu erledigen hatte, beschloß ich, noch kurz in meinem Istitut vorbeizugehen. Und da kamen sie mir auch schon alle entgegen, ihrerseits in umgekehrter Richtung vom Institut auf dem Weg ins Hauptgebäude, in dem Augenblick, wo ich gerade vom Ort der Feierlichkeit wegstrebte. Professoren, Dozenten, Lehrbeauftragte, Sekretärinnen und das ganze Gefolge der Hilfskräfte. Erst nur ein, dann zwei bekannte Gesichter, bis der Blick vom Einzelnen ins Gesamte springt und man sich einer Menge gegenüber sieht, in deren Augen wiederum das, was man gerade tut, bizarr erscheinen muß, so daß man, den Blickwinkel der andern, der Menge, einnehmend, mit der eigenen Erscheinung wie mit einer lächerlichen Clownsgestalt konfrontiert wird. Jetzt nur rasch irgendeine lässige Erklärung, etwas, das dir die Souveränität wieder zurückgibt, den Anschein wenigstens solcher Souveränität den andern gegenüber vertritt. Was natürlich nicht gelingen kann, wenn man diesen Punkt der Selbstwahrnehmung einmal erreicht hat.
Das alles hat mit Scarlatti nicht das geringste zu tun; es besteht nur eine dieser seltsamen Verknüpfungen, deren einziger Zusammenhang darin liegt, daß sie zwischen zwei zeitgleichen Ereignissen bestehen, wo eins auf das andere abzufärben, sagen wir: gelernt hat. Oder eins das andere zu usurpieren erfolgreich war: Während ich vom Hauptgebäude zum Institut ging, muß ich jedenfalls diese petite phrase der Sonate K 322 im Ohr gehabt haben.

Eine zweite zeitliche Verknüpfung zu dem Scarlattistück ist die, daß ich in einem Wohngebiet mit Mietshäusern umherfahre und wahllos kleine Wohnungsgesuche auf Zetteln in Briefkästen verteile. Wenn nicht derselbe Tag wie der der Verabschiedungsfeier, so doch in unmittelbarer Nähe, mindestens dieselbe Woche. Seit jenen Tagen höre ich, kenne ich, Scaralatti, weiß ihn einzuordnen. Der Wahlspanier war eine Entdeckung jenes Frühsommers, aber wie und woher? Ich weiß es nicht mehr, ich wünschte, ich hätte Buch darüber geführt. Wahrscheinlich ist, daß ich eine Scarlattisonate im Radio hörte, irgendeine, nicht die fragliche, und daß, immer hungrig nach frischer Musik wie ich war, mich darüber der Komponist zu interessieren begann. Ich weiß sogar noch, wo ich die CD dann kaufte, und je länger ich schreibend darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, es war doch eine bestimmte Sonate, die ich haben wollte, die dann aber in der angeschafften Sammlung doch nicht vorkam. Aber welche Sonate war das? Und habe ich sie später doch noch gefunden?

Es muß der zweite Sommer nach meiner Rückkehr aus der Stadt am Ende des Jahrtausends gewesen sein, und alles legte mir Anfänge nahe. Die Musik, die Jahreszeit, die Liebe, die Bücher, die Wege durch den von ungewohnter Seite her betretenen Wald: Anfänge, die nicht mehr ganz frisch schienen, denen eine Müdigkeit anzumerken war, etwas von Vergeblichkeit, von Wiederholung. Um die Ecke meiner damaligen Wohnung gab es ein kleines Freibad, ich ging jeden Morgen schwimmen. Ich las in der neuen Sprache, ich belegte Vorlesungen und Seminare, ich lernte viel, ich kam nicht weiter, ich machte Pläne, die einander in ihrer Kühnheit zu übertreffen suchten. Rückkehr aus dem Licht, dem Staub, dem Lärm, aber auch der kompromißlosen Schönheit und Häßlichkeit der Stadt am Ende des Jahrtausends. Ich war immer noch geblendet, noch im hellsten Sommer. Ich schenkte einer hübschen Hilfskraft im lateinischen Seminar eine Packung Kekse als Dank für eine freundliche Hilfestellung, hoffte auf noch mehr Freundlichkeit, wurde enttäuscht.

Ich fand eine neue Wohnung. Ich fand ein neues altes Schwimmbad. Je mehr ich lernte, desto ferner schien der Abschluß. Und irgendwie war da immer diese Sonate von Scarlatti.

Das Cembalo stöbert in Akkorden wie in einem vertaubten Archiv, bis plötzlich Licht auf ein altes Photoalbum fällt, und da ist sie wieder, die zwei- oder viertaktige kleine Phrase, warm und bei sich zu Hause, ein Atemzug der Gewißheit in einer See aus Ungewissem, wie die plötzlich scharfrandige Erinnerung an einen fernen, schwebenden Sommertag.

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Schlüpfer

9. Februar 2016 § 12 Kommentare

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neujahr. und du fehlst.
im wäschekorb vom letzten
jahr liegt dein schlüpfer

***

tief in der wäsche
verborgene koralle
mit dem herz aus salz

***

der stoff kennt dich wie
ich dich nie kennen werde
neid auf baumwolle

***

hochgefischt vom grund
kühles rätsel deiner haut
geruch von neuschnee

***

gleich der ehemals
leuchtenden alge am grund
trüb jetzt an der luft

***

nachtragend wie die
vergilbte notiz für ein
geplatztes treffen

***

nach dem waschtag, nachts
steht der wäscheschrank schlaflos.
ins schloß späht der mond

***

nicht um die seide
ist es schade, reifte doch
im innern die frucht

***

so weiß wie eine
frisch verschlossene wunde
zarter damm vorm blut

***

vergessen im korb
was dich umhüllte, bewohnt
jetzt eine spinne

***

die nase im stoff
weniger als ein zeichen
das nichts von dir weiß

***

fluch dem gewebe
bringts mich doch dem gestern nicht
näher oder dir

***

wohnt da noch ein geist? —
küß ich zärtlich den stoff, bin
ich selbst das gespenst

***

schmerzlich die einsicht
im leeren stück wäsche bist
du noch mehr nicht da

Zum Projekt Kleider machen Leute

112 Meilen (3)

2. November 2015 § 2 Kommentare

Zum Gehen braucht es Hüftgelenke, Knie, Muskeln, Füße, Knöchel, allerlei Bänder und Sehnen, manchmal eine Willensanstrengung, oft einen langen Atem. Man braucht Kreislauf, Wasser, Nahrung. Man braucht nicht unbedingt ein Ziel. Aber man braucht gesunde Zehen.
Am Abend des zweiten Tages ist mein linker großer Zeh nicht gesund, schmerzt bei der Adduktion, schlimmer, schmerzt bei jedem Schritt. Wieder alle Fragen neu. Lag es am Schuhwerk? Am Asphalt? An meiner erzwungenen Laufpause? Am Gepäck?
Ich hasse es, mich auf mich selbst, auf meine Muskeln, Bänder, Sehnen, nicht verlassen zu können. Es sei denn, in Büchern, mag ich keine Überraschungen, weder beim Wandern noch sonst.

Wir gehen noch essen, unsere Gastgeber und wir; wir fahren über Feldwege, die eigentlich dem landwirtschaftlichen Verkehr vorbehalten sind, aber Hubert, der große Umweltschützer und Kräuterpädagoge, hat keinerlei Skrupel. Wie unterschiedlich die Auffassungen sind: Jeder kommt mit seiner Ideologie aus einer anderen Richtung. Für mich verböte es sich, auf dem Feldweg zu fahren, weil mich als Fußgänger Autos auf Feldwegen bis zur rumpelstielzoiden Raserei nerven; für Hubert zählt vielleicht das bessere Argument, daß der Weg zu unserem Ziel, ein entlegenes Gasthaus am See, über offizielle Straßen mehr Fahrerei, mithin mehr Kraftstoffverbrauch bedeutete. Ich weiß es nicht, ich tauge nicht für Diskussionen, registriere nur mit müdem Erstaunen, daß wir auf einem Feldweg fahren und ich mithin Teil von etwas bin, das sich mir sonst als verhaßtes Ärgernis zeigt. Da es nicht meine Entscheidung ist, wo wir fahren, beschließe ich jedoch, mich nicht dafür zu hassen.

Ob Bier eigentlich vegan sei? Die Hefe habe doch mal gelebt! Ich verkneife mir die Bemerkung, Die Gerste nicht?

Der See nur eine Ahnung, eine Art Tiefe in der Luft über dem Dach eines Holzhauses, als würfe die Wasserfläche ihre Dunkelheit hinter Hecken an den Himmel. Da der Name «Steinbach» im Auto gefallen ist, kann es nur die Talsperre sein; dann muß ich an dieser Stelle, wo wir ans unsichtbare Ufer kommen, dutzende Male vorbeigekommen sein. Aber natürlich nicht nach Einbruch der Dunkelheit, und nicht aus dieser Richtung. Wie wenig man sieht, wie eindimensional. Ein Weg ist eben immer Richtung. Eine andere Richtung ergibt einen ganz anderen Weg. Morgen früh werden wir an dieser Stelle Rast machen und Wurst essen. Die Apfelbutzen landen hinter der Bank. Der Ort hat sich abermals verwandelt; jetzt gleicht er dem Weg, den ich so oft gegangen bin, worin er vertraut wird; aber in ihm überlagert sich die Erinnerung vom Abend mit der Stunde jetzt, und da wird er wieder fremd.
Das Logo, Schriftzug mit kleinem Fuchs, über dem Eingang zum Restaurant, wo wir gestern aßen: Wie eine Telephonnummer, die man nach einer Kneipennacht in der Gesäßtasche findet, und von der man gleich weiß, daß man sie niemals anrufen wird. Hinter den Terrassenfenstern ist noch Nacht.
Am Ufer Photographen mit riesigen Teleobjektiven. Die Spiegelungen ducken sich in den Teich, wie zarte Gemüter vor der Blöße von Exhibitionisten.

Der Fuß schmerzt, gleich bei den ersten Schritten. Furcht kommt auf. Was, wenn ich es nicht schaffe? Man kann zwanzig Kilometer mit Schmerzen gehen; aber dreißig und mehr sind schon in günstigen Umständen eine Herausforderung. Und wer auch nur zehn Kilometer mit einer Blase gelaufen ist, weiß, daß ein solches Wehwehchen im Handumdrehen an die Belastungsgrenze führt.

In Bad Münstereifel wird es kritisch, ich merke, daß ich anfange zu humpeln. Der Plan: zurück zu den schweren Schuhen, dem Problem der Druckstellen durch Weglassen des zweiten Sockenpaars zu begegnen. Ein Griff der erfahrenen Masseurin, mit der ich das Glück habe, diese Wanderung zu machen, auf einer Bank an einem Brunnen, umgeben von Samstagsgreisen, die die Hauptstraße entlanggehen und zumeist -rollen; der Schuhwechsel; und plötzlich ist es, als habe K. den Schmerz aus dem Zeh gezogen, zusammengeknüllt und in den Abfalleimer geworfen. Das Gehen mühelos, kaum ist der Schmerz weg, fühlt man sich wie ein junger Gott. Die zehn Kilometer von heute früh sind vergessen, nun wollen die restlichen zwanzig bis Blankenheim gegangen sein.

Die Kellnerin im Café «Printenhaus» hat auch mal Christoph und mich bedient. Ich neide ihr die zünftigen Schuhe und mag ihren breiten Mund über dem kräftigen Kinn.

Der neben dem Treppchen abgestellte Rollator; davor ein Hundenapf. Als habe jemand die Blechschale der durstigen Gehhilfe hingestellt.

Alte Jahre, seltsam unberührt. Damals, sagen wir schon einander und gehen auf alten, auf sehr alten Wegen. Aber wir sind nicht mehr die von damals. Wir haben unser eigenes Leben miteinander aus dieser Vergangenheit abgezweigt; und schauen zurück auf zwei, die uns merkwürdig ähnlich sind, aber uns nicht kennen, erst noch wir werden müssen. Was für eine Aufgabe, denke ich. Ich erinnere mich an ein Photo, durch eine Hecke aufgenommen. Irrtum des Autofokus, die Hecke ist scharf, die Landschaft, das Hauptmotiv der Ferne, verschwommen. Die Hecke ist noch da, die Wege. Die Bürstenfrisur eines Gehölzes auf einem Hügelkamm. Er sah damals genauso aus. Wir leben schon in einer Zukunft, die von damals aus nicht faßbar war. Am Ende eines langen Schattens, der uns geworfen hat und weiter wirft.

Post Festum

2. Dezember 2014 § 2 Kommentare

Solange du hier bist, leben die Dinge durch dich. Wenn du von mir gehst, stirbt, was du daließest, den Tod deiner Ferne. Ein Bausch Haare im Waschbecken, flauschig und kühl, wie ein geplündertes Nest Träume; ein Fleck auf dem Laken, kartierte Küstenlinien einer versunkenen Insel; eine Lippenspur, die das Glas wieder vergessen hat; ein klammes Handtuch, kühl und sandig wie eine Erdscholle. Während ich den verklungenen Schritten lausche, deren Stille immer noch anhält, zerfällt leise das Dunkel des geteilten Morgens im frühen Licht. Ich lösche die Lampe, die Kerze; das Spiegellicht deiner Augen geht in Rauch auf. In meinen Händen ruht die letzte Berührung von dir, warm und schlaff wie ein entschlafener Vogel. Ich nehme den Schlüssel in die Hand, mit dem du gestern hier warst. Was gestern so leicht von Hand zu Hand glitt, fühlt sich heute hart an und schwer, heimatlos wie ein Fundstück von der Straße. Ich nehme deine Zahnbürste in den Mund, ich trinke aus deiner Tasse, ich schlüpfe noch einmal in unser Bett. Ich drücke die Nase ins befleckte Laken, aber da ist nichts mehr zu erspüren von dir und mir. So riecht das Fehlen. Ich sehe mich um: Alles liegt im milden Morgenlicht da wie Spezereien der Minoer in Vitrinen aus dickem Glas. Unerreichbar sind die Dinge in ihrer eigenen Zeit zurückgeblieben. Schriftstücke, die sich selbst falsch zitieren. Bis ich das Haus verlasse, ist selbst die Stille nach deinen Schritten verklungen, der letzte Rest Dunkelheit vom Tag heimgesucht. Klaglos erbleichen die Wände, schließt sich der Raum zu einem imaginären Reich, wo unsere Küsse nur zu Gast waren.

Morgen mit Vogelmangel

23. Juni 2014 § 2 Kommentare

Die Vögel schwinden. Wo
ihre Laute ausbleiben, kartieren
Libellen das Schweigen.
In den riesigen Hallen des Morgens
verlieren die Stunden den Halt
untereinander. Zwischen zwei
Seiten im Buch findet sich
ein Hahnenfuß des vorletzten
Jahres. Jahrhunderte dauerte
ein Fraktur-A. Im blauen Dunkel der
Kommode zappelt ein Junikäfer
den trockenen Leib auf die Krone
eingewanderter Tage gespießt.
Zwischen Umblättern und
Umblättern zerfallen die
letzten Klänge auf der Strecke
eines schartigen Alphabets.

Nach der kurzen Nacht

27. Mai 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn du nach unseren kurzen Nächten morgens von mir gehst, gehst du zweimal. Zweimal kehre ich in ein verwandeltes Zimmer zurück. Zweimal ein Loslassen in Wehmut, der Raum entläßt dich einmal, und einmal die Erinnerung des Raums, zweimal der Schmerz dieses Entsagens, zweimal die Bewegung, ehe sich alles, der erste wie der zweite Augenblick, ins Unwandelbare der Zeit hinein ablegt.
Dieser allererste Moment, wenn du aus dem Blickfeld der Glastür verschwunden bist (der letzte Anblick von dir: dein Blick schon ins Voraus gerichtet, deinem Tag, deinen Wegen zugewandt), und ich aus der Schwebe des ansatzweisen Nacheilens zurückfalle, den Blick meinerseits abziehe und in mein eigenes Hier zurückwende, dieser Moment, da ich die Tür zuziehe und ins Schloß drücke, was immer etwas Endgültiges hat, als schlösse ich nun meinerseits dich aus aus dem Rest des Tages; dieser Augenblick, da ich wieder, wie auf der anderen, der verwüsteten Seite eines Spiegels, einer Symmetrie angekommen bin, die in allem, wirklich allem der nunmehr verwunschenen Welt gleicht, in der wir hier uns noch geküßt und abergeküßt haben und nicht voneinander lassen mochten, und nur darin sich unterscheidet, daß ich hier im Flur alleine bin; dieser Augenblick des Betretens jener anderen Seite hat immer etwas zutiefst Erschütterndes und Erschreckendes, als sei die Wirklichkeit, die ganz banale Wirklichkeit, ganz und gar nicht begreifbar, und es ist jedesmal der gleiche Schmerz, zu fühlen, wie das Jetzt hinter dem Spiegel und das Jetzt vor dem Spiegel sich unaufhaltsam von dieser Grenze, die dein Weggang ist, in entgegengesetzte Richtung auseinanderstreben. Wie von der Türschwelle, aus der Du, von der ich, in entgegengesetzte Richtungen fortstrebten; an der unsere Zweisamkeit in je eine Einsamkeit zerfallen ist und immer wieder neu zerfällt.
Komme ich später am Tag wieder zurück vom langen oder kürzeren Tagesgeschäft, langen oder kürzeren Wegen, fällst du dem Raum noch einmal ein, und noch einmal muß er dich lassen. Es ist die Erinnerung an die Erinnerung an unseren Morgen: Kam mir das Zimmer leer vor, als du gerade gegangen warst, so ist es nun noch einmal entleert: Der Tag ist vorangeschritten, die Winkel des Lichts sind verschoben, die Geräusche von draußen erinnern an den Gleichstrom der Zeit, und zu diesem Ebenmaß hat sich nun alles, was für kurze Zeit in Aufruhr war, wieder gefügt. Fremd ist mir mein Zimmer, wenn du gehst; als Fremder betrete ich diese ihrerseits entfremdete Fremde ein paar Stunden später noch einmal. Da ist alles schon museal geworden. Die Luft kann deinen Atem nicht bewahren. Der Morgen läßt deine Erinnerung los. Während wir vergaßen, daß einmal Morgen werden würde, vergißt uns nun der Tag.

Wo bin ich?

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