Erzähl er nicht weiter, Herr Urian!

2. Oktober 2017 § 10 Kommentare

Früher war es das Reisen.
Eine gebotene Narrheit, ein Traum, hatte das Reisen zur Hauptperson jemanden, der ich nicht war, der ich aber gerne gewesen wäre. Das Reisen erforderte Eigenschaften, die ich im höchsten Maß nicht besaß, aber besitzen wollte, Coolness, Anpassungsfähigkeit, Angstfreiheit, Extrovertiertheit, Neugier, Unerschrockenheit, Schläue, Abenteuerlust, und gerade deshalb war ich so oft auf Reisen, so mit verbissener Leidenschaft, Hartnäckigkeit, ja Trotz unterwegs, als könnte ich auf diese Weise die mangelnde Coolness erwerben oder einüben, bis sie saß. Je öfter gereist, je schwieriger die Umstände, desto cooler, auf Dauer. Dachte ich.
Großgeworden im Zeitalter des aufstrebenden Rucksacktourismus (Stichwort „Land und Leute kennenlernen“), neuentdeckter Authentizität von Balsamico-Essig und Single-Malt-Whisky, in einer Generation, die plötzlich genau zu wissen glaubte, wie das Originalrezept für Tiramisù gehe, und denen „Insalata caprese“ leichter über die Lippen kam als „Grünkohl mit Pinkel“, unter Menschen, die größere Vertrautheit mit dem Didgeridoo als mit der Zupfgeige bewiesen – in dieser plötzlich ganz dem Außen zugewandten, Weltoffenheit und -läufigkeit demonstrativ zur Schau stellenden Umwelt galt für mich nicht minder, was für alle Altersgenossen galt. Wer jung war, mußte reisen. Wer es nicht tat, galt als vorzeitig vergreister Toast-Hawaii-Esser. Das wollte ich natürlich nicht sein. Niemand wollte das, auch wenn der Toast Hawaii heimliche Lieblingsspeise blieb. Man war nicht ehrlich, man verschwieg das, und bildete sich ein, die „original italienische Salami“ vom Discounter sei besser. Wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre: Dann hätte ich lieber Ostfriesenmischung als Assam FTGFOP getrunken. Und wenn ich noch ehrlicher gewesen wäre: Dann wäre ich zu Hause geblieben.


Denn wohl habe ich mich nie gefühlt auf Reisen. Ich habe es immer schon gemütlich, vorhersagbar und bequem haben wollen. Zwar wäre ich gern ein Abenteurer gewesen, nur Abenteuer erleben, das war nun doch etwas viel. Ich wollte mutig sein, aber nicht in Situationen geraten, die Mut erfoderten. Sein, nicht machen: Ich wollte jemand sein, für den es keine Gefahren, sondern nur Herausforderungen gab, kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung (und schlechte Laune), einer, dem es gelingt, die ganze Welt zu seinem Wohnzimmer zu machen. Dabei haßte ich schon den unbedeutendsten Zwischenfall, einen verspäteten oder verpaßten Zug etwa, oder wenn ich mich in einer Altstadt verlief, mir die Landessprache trotz Intensivkurs verschlossen blieb oder eine Hoteladresse nicht zu finden war. Schmutzige Betten, kaltes Duschwasser, unlesbare Fahrpläne, überlaufene Sehenswürdigkeiten konnten mich ebenso ärgern wie nervtötende Eigenschaften Einheimischer, etwa, immer freundlich „ja“ zu sagen, wenn sie „nein“ meinten (Bolivien), mir das Blaue vom Himmel herunterzulügen über das hübsche Hotel des Schwagers (Griechenland), bei Regenwetter mit Sonnenbrille herumzulaufen (auch Griechenland), oder aus zehn Kilometern zehn Meter zu machen (überall auf der Welt).

Ich arbeitete hart an mir. Irgendwann mußte es mir doch gelingen, die albernen Sonnenbrillen exotisch zu finden und das Ramschgeschäft mit dem heruntergekommenen Hotel des Schwagers für unverfälschte autochthone Gastfreundlichkeit zu halten. Das machten die andern doch schließlich auch! Laß es einfach auf dich zukommen, sprach ich zu mir selbst mit zusammengebissenen Zähnen, alles ist Erfahrung, urteile nicht so viel, entspann dich einfach. Ich entspannte mich – und verpaßte den Bus, weil ich den Fahrplan nicht zu entziffern vermochte.

Wenn ich reiste, war ich nicht so sehr irgendwoher irgendwohin unterwegs; besuchte ich nicht andere Länder oder Gegenden; war ich nicht auf der Suche nach etwas, sondern nach meiner Rolle dabei. Spaß machte das nicht. Meistens nicht. Natürlich gab es Momente seltsamer Intensität, an die ich heute noch gerne zurückdenke. Die Fahrt um Mitternacht Ortszeit vom Flughafen El Alto hinunter in den Canyon, an dessen Hängen das Lichtermeer von La Paz, tief, tief unten, emporbrandete; ein fetter Vollmond, geschwollen wie eine leuchtende Made über Piräus, beim Auslaufen der Fähre hinüber nach Kreta; ein Tagesanbruch in einem Park in Hieraklio, griechische Erde und Sonne, das Blitzblanke eleganter Frauen beim Morgenspaziergang mit ihrem Hund. Aber diese Erinnerungen, eingebettet in den größeren Kontext der Widerwärtigkeiten, die solchen Momenten vorausgingen (Streit mit Taxifahrern) und folgten (stressige Hotelsuche im Zustand völlier Übernächtigung), sind heute stets begleitet von der Erleichterung, daß es vorbei ist – und dem Bedauern darüber, daß das Reisen insgesamt nicht schön gewesen ist, und ich an der Stelle meines Scheiterns an Widerständen, meiner Unfähigkeit, auch diese Widrigkeiten als positive Erfahrung abzuspeichern, gern eine andere Erinnerung über dieselben Ereignisse und Begegnungen besäße, eine angenehmere, anders gefärbte ebenso wie eine versöhnlichere, stolzere von mir selbst.

Das Reisen war insofern eine Probe, in der ich mich selbst zu spielen versuchte – und scheiterte. Ich mochte nicht das Reisen, ich mochte die Vorstellung vom Reisen, ebenso wie es mir mehr Freude und Erkenntnis bringt, bei einer Tasse Kaffee einen Ausstellungskatalog zu studieren, als selbst ins Museum zu gehen. Ich mochte über fremde Länder lesen; sie selbst zu bereisen, dazu fehlte mir jedes Talent, jedenfalls, wenn ich dabei einen Genuß haben wollte.
Nicht nur Mut, Anpassungsfähigkeit, Coolness fehlten. Es fehlten auch die Hartnäckigkeit und die Neugier des Entdeckers. Nicht, daß ich nichts hätte entdecken wollen. Nur wollte ich es um des Entdeckens, nicht des Entdeckten Willen. Ich wäre gern der erste gewesen, ein erfolgreicher Jäger von Kuriosem, Grandiosem, bis dato unentdeckt Spektakulärem, wäre gern auf das gestoßen, was man heute so paradox als Geheimtip weitergibt. Auch hier ging es nicht ums Reisen, auch nicht darum, etwas Aufregendes zu erleben oder etwas Neues zu sehen. Es ging einzig darum, später einem staunenden Publikum davon berichten zu können. Natürlich entdeckte ich auf diese Weise nichts, weil mir ja, was es vielleicht zu entdecken gegeben hätte, im Grunde egal war.

Einmal, auf Klassenfahrt in London, ging ich allein ins British Museum. Wir hatten einen Nachmittag zu unserer freien Gestaltung, und meine Wahl fiel auf das BM. Sicher wird mich das Museum interessiert haben, es gibt dort derart viel zu sehen, daß für jeden etwas dabei ist. Aber das war es nicht. Mir gefiel die Vorstellung von mir, wie ich ganz allein in London ins British Museum ginge. Wie ich einer wäre, dem eine solche Unternehmung Spaß machte und – gelänge. Ich ging also hin und sah – nichts. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung von den schier unermeßlichen Dimensionen dieser Institution, ich hatte mich nicht informiert, ich zog keine Pläne zu Rate, ich fragte nicht nach einer Führung. Ich sah mich in der allerersten Halle ein wenig um, wo es irgend etwas Altägyptisches zu sehen gab, versuchte vergeblich, etwas von dem griechischen Text auf dem Rosetta Stone zu entziffern, nickte dennoch fachmännisch mit dem Kopf (sieh da, Griechisch) – und ging wieder. Nach einer halben Stunde. Weil ich dachte, das sei alles. Ich war weder enttäuscht noch verwundert, weil ich nicht wußte, was ich hätte erwarten sollen. Ich war auch eigentlich nicht besonders neugierig. Ich war dagewesen, damit war es gut. Erst später ging mir auf, daß ich vielleicht ein Promill des Museums gesehen hatte, das erste Wort im ersten langen Satz eines tausendseitigen Romans. Es war so, wie stolz darauf zu sein, die erste Seite von Schuld und Sühne aufgeschlagen zu haben. Ein bißchen schämte ich mich später dafür, aber in dem Moment, wo ich das British Museum an jenem Nachmittag wieder verließ, im Glauben, es gesehen zu haben, zählte nur eins: Ich war ganz allein in London ins British Museum gegangen. Und außerdem war mir langweilig. Jahrzehnte später las ich Neil McGregors Geschichte der Menschheit in hundert Objekten, eine kulturhistorische Schwarte, die an hundert ausgewählten Exponaten des BM entlangerzählt ist; ich fand es großartig, zum Durchlesen, zum Stöbern, zum Immer-wieder-Nachblättern und Staunen. Damals, in London, hätte ich auch besser einen Katalog oder eine Geschichte der Pharaonen zur Hand genommen, als durch die sommerheiße, schmachtende City of London zu latschen, um sowohl einer Rolle zu entsprechen, wie auf der Suche nach etwas, von dem ich erzählen könnte.

Und so war es eben oft. Doch mochte ich mir nie eingestehen, daß ich die Landkarte spannender fand als die Landschaft, deren Abstraktion sie war, eine Landschaft, deren tatsächliche, sicht- und anstaunbare Merkmale, egal wie großartig diese auch sein mochten, immer hinter der Unendlichkeit der imaginierten Räume zurückbleiben mußte, die das bedruckte Papier in seiner abstrakten Repräsentation anbot. Ich mochte mir nicht eingestehen, daß Reiseberichte weit vergnüglicher waren, als sich selbst auf den Weg zu machen. Denn mein Wunschbild von mir selbst war nicht das eines gelehrten Stubenhockers, da hätte ich niemals hineinschlüpfen können; sondern das eines Unerschrockenen, der sich selbst ein Bild von der Welt macht. Ich mochte mir nicht eingestehen, daß ich, selbst wo ich versuchte, die Rolle dieses Draufgängers möglichst echt zu spielen (wozu immer auch gehörte, daß ich mich so zu fühlen bemühte, wie ich meinte, daß sich ein Draufgänger fühlen müsse), doch nichts weniger als ein Draufgänger war. Ich hoffte, meinem Rollen-Ich immer ähnlicher zu werden, bis wir zwei, der Schauspieler und seine Rollenfigur, dereinst ununterscheidbar geworden wären.

Was ich nicht begriff, oder jedenfalls erst viel später, war, daß das Reisen, weit entfernt davon, den Reisenden in eine mutigere Version seiner selbst zu verwandeln, im Gegenteil sein wahres feiges Selbst überhaupt erst richtig zum Vorschein brachte, quasi freipräpariert vom Skalpell der Fremdheit, die es umgibt. So wurde ich auf Reisen nicht der, der ich sein wollte, sondern unvermeidlich der, den ich in mir selbst am meisten verachtete.

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Life-Photoalbum

4. September 2017 § 2 Kommentare

Es ist merkwürdig, sich einem Ort zu nähern, den man, früher oft und gern frequentiert, seit ein paar Jahren nicht mehr betreten hat. Es ist, als habest du den Ort vergessen. Aber der Ort erinnert sich besser an dich als du dich an den Ort. Du fühlst dich wiedererkannt. Das heißt nicht, daß du schon willkommen bist, und wer bist du denn eigentlich und stiefelst hier herum, als gehörtest du dazu? Du wirst taxiert. Du bist fremd geworden, du bist hier ganz allein, allein mit deinem Packen Zeit, das du mit dir rumschleppst, und mit dem du dir so lächerlich vorkommst, als trügest du die Mode eines vergangenen Zeitalters: Mache ich auch alles richtig? Man möchte das irgendwie loswerden, diesen Ballast. Und hier wie zum ersten Mal erscheinen, am kurzen Mittagsschatten einer Erzählung, die jetzt erst anfängt. Aber hier ist ja alles herbstlich. Wie ein abgelassenes Schwimmbecken, an dessen regenfeuchtem Grund Laub liegt, die Umkleidetüren sind abgeschlossen, die Duschen abgedreht, der Eiswagen dichtgemacht, auf den Tischtennisplatten liegen Ahornsamen und Vogeldreck. Der Ort liegt verlassen und seines Zwecks verlustig da, wie ein Freibad im Winter.

Es ist ein Freibad! Aber es ist Sommer, abermals Sommer, doch nicht mehr dein Sommer, nicht mehr einer jener Sommer, du weißt schon. Als die Zukunft vibrierend überall bereit lag, man mußte nur zugreifen. Als es noch nicht schnell genug gehen konnte mit ihr. Als sie noch unendlich war und in dieser Unendlichkeit sich für jedes Unglück ein Trost, für jede Niederlage ein Sieg, für jeden Verlust ein anderer Reichtum finden ließ. Es würde alles, alles gut werden, lachte diese Zukunft, nach jedem schwierigen Stück Wegs ist immer noch genug von mir da für ein leichtes, für jede triste Zeit hab ich immer noch genug in mir für eine heitere, du kannst auf mich und zu jeder Zeit immer noch einen Tag hinzuzählen, der alles wieder wettmacht, aufhellt, überwindet, was dir an Argem zustoßen wird. Einmal hat dich ein Mädchen auf der Liegewiese angelächelt, und dann warst du zu schüchtern. Das beschäftigte dich eine Weile, aber dann machte es nichts. Es gab ja die Zukunft, und wofür du heute zu gehemmt warst, morgen würde es sicher klappen, wie überhaupt genug Zeit für alles war, um einmal einzutreffen und sich zu zeigen. Schüchtern sein, sich nicht trauen, es war nur die andere Seite der Stärke, die andere Seite von Mut, der Anfang vom Werden und Wachsen, über dich hinaus, so weit, bis du ein ganz anderer Mensch geworden sein würdest, der Mensch, der du immer sein wolltest, der Mensch, der du hättest werden sollen, der Mensch, der du ja eigentlich immer schon warst – in der Zukunft würdet ihr beide endlich eins werden, du und dieser Mensch. Wenn nicht morgen, dann nächstes Jahr, und dann würdest du, denn die Zukunft hielt so viele Wiederholungen bereit, wie du brauchtest, wieder hier liegen, das Mädchen würde dir zulächeln, und wie im Film deines eigenen Lebens würdest du dann aufstehen, zu dem Mädchen hingehen und ganz genau wissen, was du zusagen hättest, das Zauberwort.

Das warst du. Das war hier. Hier. Zwar war es auch andernorts, doch hier, hier hat es der Ort wie nirgendwo sonst aufgehoben. Und der Ort spiegelt es dir wieder zurück: als einen Betrug, dem du damals aufgesessen bist. Du kommst zurück in dieses alte Schwimmbad, in dein Lieblingsbad, das erste, das du, noch ganz neu in der Stadt, ausprobiertest, in das Bad, in dem du so oft verliebt warst oder vor Sehnsucht nach dem anderen, nach dem gänzlich fremden Glück schmachtetest, wo du im Hochgefühl des eigenen jungen Körpers, geschmeidig gemacht und aufgeladen durch Wasser, Bewegung und Sonnenhitze, einen ebenso glühenden, dir aber als etwas gänzlich Fremdes, als warmes, lebensechtes Anderssein begegnenden Leib imaginiertest (wie du und doch nur fast wie du), entwarfst und schmerzlich vermißtest (du mußtest immer wieder mit dem eigenen, vertrauten Leib vorlieb nehmen) – hierher also kommst du zurück, kehrst du wieder, als könntest du nochmal etwas von der damals prachtvollen Zukunft zurückhaben, jener Zukunft, die an die Stelle jeder Sehnsucht eine Erfüllung zu setzen versprach. Aber natürlich ist da nichts. Die jungen Frauen, diese fast unglaubhaft jungen Körper sind unerreichbar, und im Gegensatz zu damals werden sie es auch bleiben. Keine Zukunft wird daran mehr was ändern, keine Zeit verspricht dir noch was, und hier, hier ist die Zukunft, deine Zukunft, einmal verlorengegangen. Die jungen Männer am Dreimeterturm stehen wie Blinde gegen deren eigene Zukunft; nur schwer erkennst du dein damaliges Selbst in ihnen wieder, es ist, als wärst du auch in deinen Erinnerung plötzlich kurzsichtig geworden.

Damals, denkst du, während du dich ins Wasser läßt (sie haben das Becken erneuert, der Wasserspiegel ist jetzt ebenerdig, vormals ragte der Rand einen Kopf über den Schwimmern empor, eine Überlaufrinne säumte den Innenrand, man brauchte eine Leiter, um auszusteigen, das ist nach heutiger Sicht wohl zu gefährlich), damals, als alles Verheißung war, als ständig etwas in der Luft lag, als du dir sicher warst, bald, noch eher der Sommer vorbei wäre, würde etwas passiert sein, eine neue, frische Liebe, die Rothaarige aus dem Yukatekischseminar oder die Dunkle aus Theorien und Modelle, oder wieder eine andere, unbekannte, irgendeine, es wäre auf jeden Fall die richtige. Und dann passierte es tatsächlich. Die Versprechen der Zukunft gingen alle so sicher in Erfüllung, daß du dich nicht zu wundern brauchtest. Du erinnerst dich so genau, du weißt sogar noch, auf welcher Bahn du damals in welche Richtung schwammst, als dich dieses Gefühl größter Zuversicht und Ruhe durchströmte, zugleich dieses Gefühl, daß das Glück einfach sei und niemals ausbliebe, und daß dir nur geschehen würde, was dein rechtmäßiger Anteil sei, was dir billig zustehe.

Dieser Ort also, jetzt. Als bewegte man sich durch ein Photoalbum. Nur daß es das für die andern, die hier entweder jung sind oder mit diesem Schwimmbad durch eine Kontinuität verbunden, die sie niemals dem Ort entfremdet hat, nicht so ist, für die ist das alles hier primär, einzigartig, das unvergleichliche Original des Lebens, das einzige, was zählt, alles, was es gibt und, aus ihrer Sicht noch, überhaupt je geben wird. Noch keine Erinnerung gibt sich her für einen Vergleich. Und diese Wehmut, die dich von diesen Kacheln, den Hecken, den Rasenflächen, dem Vogelgezwitscher und dem Lichtgespiegel, den Brüsten der Mädchen und braunen Schultern der Jungs, dem Gejohle und dem Plonk! der Arschbomben, von diesem prallen, fröhlichen Leben her anspringt, die ist ganz deine, und nur deine, diese Unfähigkeit, in diesem Ort etwas anderes zu sehen als eine Kulisse vergangenen Lebens, einen Raum für deine Erinnerungen. Man kann ja den Erinnerungen nicht entkommen, ihrer schieren Menge und Anhäufung. Ein Spiegel, ganz wörtlich. In der Umkleidekabine schaut dir einer entgegen, den du kaum als dich selbst erkennen magst. Die Muskeln, die Schultern, der Mund scheinen dieselben zu sein, und doch, und doch. Da ist dieser stärkere Bart, da sind die Fältchen, da ist die kahle Stirn, vor allem aber dieser Schatten von gelebter Zeit in den Augen, die etwas kummervoll blicken und sich gleichzeitig der Lächerlichkeit eben dieses Blicks, seines kindischen Jammers, nur zu bewußt sind; aber für ironische Brechung, gar Sarkasmus, fehlt ihnen – der Mut? Die Kraft. Ja, die Kraft. Die Sicherheit, gewonnen zu haben, Sieger geblieben zu sein, bei allem, trotz allem, die fehlt ganz entschieden. Auf dem Gelände die Bäume, alter, dunkler Ahorn und schöne, schlanke Pappeln, stehen noch immer. Sie haben es leichter.

Du kannst diesen Ort so wenig erneuern wie diesen Leib, wie dieser trägt jener die Spuren von Leben und Erinnerung. Du kannst nicht so tun, als ließe sich hier oder mit diesem alternden Bündel aus Muskeln, Knochen, Organen und Blutgefäßen noch einmal ein neues Leben, etwas Frisches beginnen, etwas, das nicht schon vom eigenen Scheitern und Vergehen spricht, noch ehe es begonnen hat, nein: Es ist vorbei. Du kannst auch mit dieser Erinnerung nicht weiter kommen als nur zu noch einer weiteren Erinnerung, die über die erste hinwegsieht, und jede nächste Erinnerung wird von ihren Vorläuferinnen gesättigter sein. Schon das Erinnern ist ja ein anderes. Die Erfahrung färbt die Wahrnehmung, diese wird wiederum Erfahrung, eine Rekursion bis zur allerallerletzten Wahrnehmung, derjenigen, die keine Erinnerung mehr werden wird. Was jetzt aber noch kommt, ist mit dem Brot der Wehmut aufgebrockt, geschieht und vollzieht sich im Gefühl eines Rests, ist wie ein Besuch in eben diesem Freibad, ein Blick auf die ewig anders jungen Mädchenkörper. Die tausend Meter in kaltem Wasser sind anstrengend gewesen, sind fast zuviel gewesen, jetzt zitterst du am ganzen Körper, in den Ohren klingelt es. Das wäre dir früher nichts als Ansporn gewesen. Heute mußt du dich fragen, ob diese an Übelkeit grenzende Erschöpfung nicht schon ein Zeichen des Alters und des Abbaus ist. Und so geht es mit allem. Nicht: Wohin jetzt? Sondern: Wie lange noch. Der Ort sagt: Früher, als du noch oft hierher kamst, hattest du gar keinen Ehrgeiz. Den brauchtest du ja auch gar nicht zu haben. Heute, sagt der Ort, bist du in einem Alter, wo du dir etwas beweisen mußt. Also finde dich ab, daß du schwindest – oder beweise halt.

Beides aber, das weißt du, ist gleich schlimm. Das Wenigerwerden wegen des Wenigerwerdens; und das Beweisen, weil es lächerlich ist, und weil du so einer nie hast sein wollen. So einer. Einer von denen. Einer von den Mittvierzigern, die plötzlich die Krise kriegen und mit dem Bungeespringen anfangen oder mit dem Marathonlauf. Die „es noch einmal wissen wollen“. Warum haben manche Jugendliche eine Todessehnsucht in sich? Weil sie „so einer“ nie werden, weil sie genau an diesen Punkt niemals kommen wollen (im Gegensatz zu dir ist es ihnen aber tödlich ernst damit), an den Punkt, wo sie ihr altes Freibad nach Jahren ephemeren Lebens noch einmal aufsuchen und sich an den tausend Metern abkämpfen in der Illusion, den jungen Leuten vielleicht noch was vormachen zu können. Noch, noch, noch. Und irgendwann nicht mehr. Die innere Sicherheit, nur wollen zu müssen, dann ließe sich alles erreichen, jederzeit: vorbei, längst vorbei. Die Pappeln rauschen, Füße klatschen über Beton und Gras, die Jungen stoßen einander ins Wasser, Gekreisch und Gejohle. Sie werden es auch in zwanzig, dreißig, fünfzig Jahren noch tun, immer dieselben jungen Körper. Was du aber jetzt noch erreichen kannst, ist weniger ein Ergebnis deines Wollens, als vielmehr ein gänzlich zufälliges Zustandekommen, ein Geschenk, das schwindende, jederzeit aufkündbare Almosen der Zeit.

Frühprotokoll: alte Heimat

10. Juli 2017 § Ein Kommentar

Durch den Wald laufen wie durch einen schweißfeuchten Pelz. Dem Ilex in den blutigen Rachen geschaut. Fieberheiße Stirn Horizont. Am Grund wirres Frösteln von Ameisen. In Worten suche ich die Rehe, aber sie schauen nicht her.

Die Sonne brennt die Schatten von den Uhren. Es ist früh, und doch so hell, der Himmel so gleißend und so müde, als hätte der Tag gestern durchgemacht. Man sucht umsonst nach Spuren, nur Steine, Äste, Kies, zu anorganischen Rillen geformt, laufen über den Asphalt. Der Hochsitz ist im Stehen eingeschlafen.

Ein Hase nippt an einer Pfütze, sieht mich, flieht ins Feld. Als ich die Stelle erreiche, sehe ich, die vermeintliche Pfütze ist nur ein Loch voller Schlick.

Später die Karte des Laufreviers, so viele Heimaten, daß es für viele Kindheiten reichen würde. Zwar war es nur eine, doch im Nachforschen unerschöpflich. Namen, Weiler, Ortschaften, Kleinstgewässer, alles weist über sich hinaus und an mir vorbei, als bedeute es mir einen dritten Ort, den ich erst noch finden muß. Ich muß mich beeilen, bevor er endgültig verschwindet und alle Zeiger ins Nichts deuten. So befinde ich mich im Gespräch mit der Karte und ihren Namen, meiner Erinnerung und der Vorstellung des nächsten Laufs durch das abgebildete Territorium.

Schon damals wollte ich nicht in die Zukunft. Schon als Kind war ich der Archivar meines eigenen, kleinen Lebens. Nun sind die Zeitschriften aus dieser Zeit fortgeworfen. Man hat mich nicht gefragt, als man Platz schaffen wollte im Regal.

Einverleibungen

28. März 2017 § Ein Kommentar

 
[…]
Die Räume waren offen, die Zukunft war eine Bibliothek. Man würde nicht alle Bücher lesen können, aber man hatte unendlich Auswahl. Und alle Bücher, die hier versammelt waren, wären der Lektüre wert. Nichts, was man begönne, wäre je vergebens. Es gab keine Zeit zu verlieren. Es gab aber auch keine zu vergeuden. Man konnte nur gewinnen.
So war damals die Zukunft.

Frühprotokoll: Satie

30. Juni 2016 § 2 Kommentare

Bei Eric Satie muß ich an ein Kölner Zimmer denken, in dem ich, täglicher, nächtlicher Gast, für eine Weile fast zu Hause war, und nie ganz. Die Unordnung in dem asymmetrisch, unneunziggradwinklig geschnittenen, hellen Raum spiegelte mit ihrer Farbigkeit aus Büchern, Heften, Ordnern und bunt bekritzelten Zetteln, Papierstapeln, Kopien und Hand-outs, benutzten Kaffeetassen, Löffeln und Schüsseln meine eigene Unordnung wieder, die ich überall verbreite, wo ich mich länger als eine Nacht niederlasse. Es gab ein altes, gemütliches Klavier aus dunklem, spiegelnden Holz, und zwischen Klavier und der nächsten Wand einen Futon für zwei Schläfer, an dessen Fußende ein Bücherregal, so daß man zwischen Klavier und Büchern ruhte. An der dem Bett zugewandten Seite des Klaviers hingen Familienphotos ohne Rahmen, die sich im Sommer, wenn die Luft feucht war, aufwärts bogen und im Winter wieder glätteten. Gegenüber eine Fensterfront, draußen ein Fußbreit Balkon. Links davon ein gläserner Schreibtisch, von Papieren und Büchern bis auf den Raum, den die Tastatur des Rechners einnahm, bedeckt. Abends schräg einfallende Sonne. Zwei Stockwerke tiefer ein weiter, verkehrsfreier, mit rotem Backstein gepflasterter Platz, den Verwaltungs- und Gerichtsgebäude aus triefendem Beton und schwarzem Glas umstellten; in der Mitte ein winziges Ahornbäumchen, ein Laubengang mit Blauregen. Der Himmel hatte es schwer über den Dächern der Hochhäuser, auf denen sich abends Tauben niederließen. Nachts wehte das Qietschen und Rumpeln von Zügen vom nahen Rangierbahnhof durch die Dunkelheit heran.
In diesem Zimmer spielte E., die das Quietschen gemütlich fand, Satie. Ich lag auf dem Bett und lauschte dem melancholisch-meditativen, bald verträumten, bald kindlich-ernsten Voranschreiten der simplen Akkorde, schaute an die Decke oder studierte die Buchtitel im Regal und war zufrieden, in diesem Zimmer zu Gast zu sein. E. hatte eine Art, mitten im Spiel abzubrechen, sich mit Schwung auf dem Hocker nach mir umzudrehen, die Lippen zu schürzen und mir eine Frage zu stellen. Manchmal lachte sie beim Spiel leise oder sang mit. Sie war vernarrt in die Gymnopédies, und wenn sie nicht gerade Satie spielte, summte sie die einfachen Motive vor sich hin oder sang sie auf einen Text aus Phantasiesilben, es klang wie schmöö-dem-schmöö. Unvermittelt konnte sie in einer Gesprächspause den Mund öffnen, die Lippen vorstülpen und eine kurze Melodie aufsingen, als wollte sie ihren Gesprächspartner an etwas erinnern, das immer auch noch berücksichtigt werden müsse. Oder an etwas, das schon jetzt, während es geschah, lange her war: Weißt du noch? Einmal saßen wir nachts von Freunden heimkehrend im Zug, wir hatten geschwiegen, waren müde, es war der heißeste Sommer aller Zeiten, da läßt E. den Kopf auf dem Sitzpolster zu mir herfallen, als wolle sie mich küssen, öffnet den Mund, wölbt die Lippen: schmöö-dem-schmööö. So ist das nämlich. Denk dran!
Satie klingt seither immer so, als wolle er mir immer wieder etwas ins Gedächtnis holen, das ich sonst wohl schon lange vergessen hätte.

Selbstermächtigung

23. Juni 2016 § 3 Kommentare

Merkwürdige Assoziation, die sich an die Erinnerung an einen Schatten knüpft, der mittags über ein Schulpult wandert: Es muß dasselbe Klassenzimmer gewesen sein, in dem in einer Religionsstunde in der zehnten Klasse der damalige Lehrer eine ablehnende Bemerkung zur Selbstbefriedigung machte, nachdem er einen Mitschüler aus dem Religionsbuch einen entsprechenden Passus hatte ablesen lassen. Natürlich weiß ich nicht mehr, was für ein Buch das war, aber vielleicht weiß das Netz etwas. Ein Forum, über dessen sonstige Ausrichtung ich mir kein Urteil erlaube, führt mich in diesem Zusammenhang zu folgendem Auszug aus dem «Jugendkatechismus der Katholischen Kirche, Youcat» (Was es alles gibt!):

Die Kirche verteufelt Selbstbefriedigung nicht, aber sie warnt davor, sie zu verharmlosen. Tatsächlich sind viele Jugendliche und Erwachsene davon gefährdet, im Konsum von geilen Bilder, Filmen und Internetangeboten zu vereinsamen, statt in einer persönlichen Beziehung Liebe zu finden. Die Einsamkeit kann in eine Sackgasse führen, wo Selbstbefriedigung zur Sucht wird. Nach dem Motto «Für Sex brauche ich niemanden; den mache ich mir selbst, wie und wann ich ihn brauche» wird aber niemand glücklich.

Und siehe da! Genau das war die damals vertretene Auffassung. Wie der weiteren Lektüre in der Diskussion zu entnehmen ist, gibt es tatsächlich Menschen, die so etwas immer noch glauben:

Und kann da nur zustimmen! Es gibt Menschen, die werden durch Pornokonsum beziehungsunfähig und denken beim «realen» Sex nur mehr an ihre «heimlichen» Fantasien. Man braucht ja nur in irgendein Erotikforum zu schauen und bekommt alle Möglichen Fantasien geboten.

Beziehungsunfähigkeit durch Pornokonsum? Steht so ein Quark eigentlich heute immer noch in den Religionsbüchern? (Ich würde mein Kind sofort abmelden.) (Nicht daß mich das damals beeindruckt hätte. Aber verunsicherten Jugendlichen kann man leicht was vom Pferd erzählen.)
Du bist zu dick, du bist zu schlaff, mach mal Sport, du bist zu käsig, ernähr dich gesünder, geh früher zu Bett, iß mehr Obst und Gemüse, wasch dir die Haare, geh mal an die frische Luft, drück nicht an den Pickeln rum, halt dich gerade, popel nicht, nimm die Hand aus der Hose!
Als hätten Eltern, Lehrer, Geistliche, sonstiges Erziehungspersonal iregndein Anrecht auf den Körper von Jugendlichen. Irgendein Mitbestimmungsrecht. Eine Verfügung. Als hätten die heranwachsenden Söhne und Töchter ihren Körper nur von den Eltern geborgt. Als müßten sich jene bei diesen für jedes Vergnügen dieses Körpers noch eine Extraerlaubnis wegen Zweckentfremdung einholen.
Insofern könnte man die Selbstbefriedigung auch als einen Akt der emanzipatorischen Selbstbehauptung ansehen, der Ermächtigung über den eigenen Leib. Dazu müßte man Jugendliche eigentlich nur ermuntern, wenn darin nicht über den Akt des Gewährens wieder eine subtile Ermächtigung läge.

Traum und Wachen

10. Oktober 2013 § 2 Kommentare

Traum und Wachen: Beides sind geschlossene Welten. Beide sind vollständig und gelten absolut. Im Traum wie im Wachbewußtsein ist das Erlebte jeweils ohne Nebenerleben oder Alternative. Es ist alles, was es gibt. Man kann die jeweilige Welt nicht anders verlassen als zu jener anderen Vollständigkeit. Traum, Wachen, Traum. Es gibt nicht noch weitere Alternativen. Der Traum läßt sich nicht anders als mit dem Wachen, das Wachen nicht anders als mit dem Traum ersetzen; und für die Dauer der Ersetzung bin ich nur dort, wo ich bin. Alles, was es gibt.
Dennoch besteht eine bedauernswerte Asymmetrie: Im Wachen erinnere ich mich vielleicht an Träume; aber in den Träumen nicht an die Wachwelt. Jedenfalls nicht als eine bloße, der anderen Bilderwelt im Sinne einer wahreren, ursprünglichen, bildgebenden entgegengesetzte Ausgangswelt. Der Traum, könnte man sagen, verschlingt die Wachwelt, ohne daß es jener in ähnlicher Weise gelingen könnte, auch die Traumwelt zu verschlingen und ihre Gegebenheiten in sich einzugliedern.

Aequinoctium

22. September 2013 § 2 Kommentare


Wo wir einst gingen, weben die Spinnen das Ufer, der Spiegel
    Schenkt uns, verwandelt ins Jahr, freundlich die Tage zurück.
Küsse schmecken die Zeit, unter Blättern schlummern die Tage;
    tief in der Tasche die Nuß träumt vom vergangenen Jahr.
Wo wir einst gingen, bevor wir uns kannten, vor Jahren und Tagen:
    Dort, im ewigen Herbst, wandeln die Flüsse im Schlaf.

Sommersemester 1992

9. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Es war Sommer, und das Semester, mein erstes, neigte sich seinem Ende. Prüfungen hatten wir keine, noch keine ernsteren jedenfalls, und der Stundenplan wies viele weiße Blöcke auf. Die Sonne schien, der Hofgarten lockte, die Welt war wiesentauglich, wir hatten Zeit und eine Thermoskanne Kaffee, den ich von zu Hause mitgebracht hatte. Was uns fehlte, waren Tassen. Also sind wir in ein billiges Kaufhaus in der Innenstatdt gegangen (damals könnte man noch preiswert in der Innenstadt einkaufen), und haben je eine schlichte, Tasse für zwei Mark gekauft, eine solche Tasse, die der Engländer Mug nennt, wofür es auf Deutsch kein eigenes Wort gibt. Zylindrisch, mit Henkel, dickwandig, etwa einen Viertelliter fassend, aus weinrot glasierter Keramik. Wir hatten ein äußerst schmales Budget damals und ich schätze, es wird die billigste Tasse gewesen sein, die es in diesem billigen Kaufhaus gab. Ich habe sie sehr oft gebraucht, und vom vielen Einschenken heißer Flüssigkeit hat die Farbe der Glasur auf der Innenseite ein Netzmuster feiner dunkler Risse bekommen. Sie wuchs mir ans Herz, diese Tasse, dieser Mug. In der WG bewahrte ich sie in meinem Zimmer auf, ich mochte es nicht, wenn jemand anderes daraus trank, oder, schlimmer, wenn sie für Tage (oder Wochen) in einem andern Zimmer verschwand. Jahrelang habe ich aus keiner anderen Tasse getrunken.
Mit den frischgekauften Tassen bewaffnet sind R. und ich dann in den Hofgarten gezogen, haben uns mitten auf die fröhliche Wiese gesetzt, recht allein an einem Werktag vormittag, und Kaffee getrunken. Ich war verliebt, die Wiese lag leuchtend wie eine geöffnete Schale in der Morgensonne, der Himmel streckte sich behaglich, in den Platanen schnurrte wie geölt das Licht. Alles Hasten war fern von uns. Nicht nur das Studium, mein Leben hatte begonnen. Ich war berauscht von Licht und Kaffee und Zukunft. In den Tassen schwankte die Sonne auf der schwarzen Haut des Kaffees. Nebenan spielte ein Paar Frisbee. Die Sonne wurde warm, wir wurden träge. Ich küßte R. in die feuchten Armbeugen, und sie murmelte, wie schön das sei. Eine Ameise krabbelte ihr über die Schulter, sie ließ sie krabbeln. Sie sagte, sie möge das Gefühl, wenn etwas Kleines auf ihr herumkrabbele. Über den Vormittag füllte sich die Wiese. Schulkinder spielten Fußball. Studenten ließen sich mit Skripten vor der Nase auf den Bänken nieder. Die Schatten wurden kürzer, glitten von uns weg, bis wir in der Sonne saßen. Am Hauptgebäude der Universität schlug ein Glöckchen.
Plötzlich wurde ich traurig. Ich küßte R. noch einmal, und dann noch einmal. Das Semester neigte sich seinem Ende, der Sommer knisterte schon trocken, im Rhein stockte dick von Hitze das Wasser. Noch eine Woche Uni, dann vorlesungsfreie Zeit. R.-freie Zeit. Und obwohl ich anderes hoffte, ahnte ich bereits, daß unsere Geschichte diesen Sommer nicht überdauern, daß sie in diesen Tagen enden würde. Mitten in der Zukunft hatte die Vergangenheit begonnen. Ich weiß nicht mehr, was ich R. in diesem Moment gefragt habe, nur, daß ihre Antwort nicht das war, was ich hören wollte. Irgendwann war die Thermoskanne leer, und die Zwillingstassen lagen wie ermattet nach ihrem ersten Gebrauch neben uns im Gras. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir küßten uns ein letztes Mal, schüttelten die Tropfen aus den Tassen und packten sie in unsere Rucksäcke. Dann gingen wir in unseren Sommer hinaus.
Diese Tasse steht immer noch auf meinem Regal. Ganz hinten, hinter allen anderen Tassen steht sie verborgen an der Wand. Der Henkel ist schon vor Jahren abgebrochen, ich habe ihn in die Tasse hineingelegt, um ihn nicht zu verlieren. Beide Tassen, meine und ihr Gegenstück bei R., veränderten über die Semester und später über die Jahre ihre Farbe, bekamen jeweils ihre Risse und Netzmuster. R.s Tasse dunkelte nach, meine wurde heller, bis sie fast rosa geworden ist.
Wenn ich heute manchmal bei R. zum Kaffeetrinken bin, kann es passieren, daß sie mir ihren Tassenzwilling hinstellt.
Und, was machen die Kinder? frage ich sie und lächle ihr über den weinroten Rand hinweg zu.

Über einem Roggenfeld

21. März 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Du hast es gesagt, das Wort, hinter dem ich vermutlich die ganze Zeit her war, du hast es gesagt, es ausgesprochen, und es ist gut. Ich durfte es ja damals nicht sagen, in Ahrensburg oder wo immer es gewesen ist, daß wir auf unseren Fahrer warteten, du wolltest nicht, daß ich es sagte, und ich habe geschwiegen, obwohl nie ein Wort wahrer gewesen wäre als dieses, in jenem Augenblick. Du konntest ja nicht ahnen, ebenso wenig wie ich, obwohl alles meine Schuld war, es geahnt hätte damals, wie wenige Gelegenheiten wir noch haben würden, dieses große kleine Wort einander zu sagen. Nie wieder so wahr: Seitdem habe ich es oft gesagt, zu anderen, aber immer hat es sich dabei ein bißchen wie eine Lüge angefühlt.

Manchmal vom Zugfenster aus ein Roggenfeld, fast reif die graugrünen Halme, überall so ein silbriges Geflimmer, Wogen, die hin und her über die Ähren fahren, und dann, in einem seltenen Augenblick, läßt der Wind eine Welle einmal quer übers Feld laufen, ohne abzusetzen oder die Richtung zu ändern, von einer Ecke zur anderen, fernen; konzentriertes beharrliches Voranschreiten, und dann denke ich, Einmal, und ich denke: Einmal war es doch gut, einmal, in einem einzigen Augenblick, war alles, war wirklich alles richtig, und ich denke, Dieser Augenblick bleibt wahr, was immer geschieht, und dann ist die Welle fast ans andere Ende des Feldes gelangt, so ein Wirbel aus nichts als Licht und Luft, ohne abzusetzen, und dann will man, dann könnte man beinahe, glücklich sein.

Wo bin ich?

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