Frühprotokoll: alte Heimat

10. Juli 2017 § Ein Kommentar

Durch den Wald laufen wie durch einen schweißfeuchten Pelz. Dem Ilex in den blutigen Rachen geschaut. Fieberheiße Stirn Horizont. Am Grund wirres Frösteln von Ameisen. In Worten suche ich die Rehe, aber sie schauen nicht her.

Die Sonne brennt die Schatten von den Uhren. Es ist früh, und doch so hell, der Himmel so gleißend und so müde, als hätte der Tag gestern durchgemacht. Man sucht umsonst nach Spuren, nur Steine, Äste, Kies, zu anorganischen Rillen geformt, laufen über den Asphalt. Der Hochsitz ist im Stehen eingeschlafen.

Ein Hase nippt an einer Pfütze, sieht mich, flieht ins Feld. Als ich die Stelle erreiche, sehe ich, die vermeintliche Pfütze ist nur ein Loch voller Schlick.

Später die Karte des Laufreviers, so viele Heimaten, daß es für viele Kindheiten reichen würde. Zwar war es nur eine, doch im Nachforschen unerschöpflich. Namen, Weiler, Ortschaften, Kleinstgewässer, alles weist über sich hinaus und an mir vorbei, als bedeute es mir einen dritten Ort, den ich erst noch finden muß. Ich muß mich beeilen, bevor er endgültig verschwindet und alle Zeiger ins Nichts deuten. So befinde ich mich im Gespräch mit der Karte und ihren Namen, meiner Erinnerung und der Vorstellung des nächsten Laufs durch das abgebildete Territorium.

Schon damals wollte ich nicht in die Zukunft. Schon als Kind war ich der Archivar meines eigenen, kleinen Lebens. Nun sind die Zeitschriften aus dieser Zeit fortgeworfen. Man hat mich nicht gefragt, als man Platz schaffen wollte im Regal.

Einverleibungen

28. März 2017 § Ein Kommentar

 
[…]
Die Räume waren offen, die Zukunft war eine Bibliothek. Man würde nicht alle Bücher lesen können, aber man hatte unendlich Auswahl. Und alle Bücher, die hier versammelt waren, wären der Lektüre wert. Nichts, was man begönne, wäre je vergebens. Es gab keine Zeit zu verlieren. Es gab aber auch keine zu vergeuden. Man konnte nur gewinnen.
So war damals die Zukunft.

Frühprotokoll: Satie

30. Juni 2016 § 2 Kommentare

Bei Eric Satie muß ich an ein Kölner Zimmer denken, in dem ich, täglicher, nächtlicher Gast, für eine Weile fast zu Hause war, und nie ganz. Die Unordnung in dem asymmetrisch, unneunziggradwinklig geschnittenen, hellen Raum spiegelte mit ihrer Farbigkeit aus Büchern, Heften, Ordnern und bunt bekritzelten Zetteln, Papierstapeln, Kopien und Hand-outs, benutzten Kaffeetassen, Löffeln und Schüsseln meine eigene Unordnung wieder, die ich überall verbreite, wo ich mich länger als eine Nacht niederlasse. Es gab ein altes, gemütliches Klavier aus dunklem, spiegelnden Holz, und zwischen Klavier und der nächsten Wand einen Futon für zwei Schläfer, an dessen Fußende ein Bücherregal, so daß man zwischen Klavier und Büchern ruhte. An der dem Bett zugewandten Seite des Klaviers hingen Familienphotos ohne Rahmen, die sich im Sommer, wenn die Luft feucht war, aufwärts bogen und im Winter wieder glätteten. Gegenüber eine Fensterfront, draußen ein Fußbreit Balkon. Links davon ein gläserner Schreibtisch, von Papieren und Büchern bis auf den Raum, den die Tastatur des Rechners einnahm, bedeckt. Abends schräg einfallende Sonne. Zwei Stockwerke tiefer ein weiter, verkehrsfreier, mit rotem Backstein gepflasterter Platz, den Verwaltungs- und Gerichtsgebäude aus triefendem Beton und schwarzem Glas umstellten; in der Mitte ein winziges Ahornbäumchen, ein Laubengang mit Blauregen. Der Himmel hatte es schwer über den Dächern der Hochhäuser, auf denen sich abends Tauben niederließen. Nachts wehte das Qietschen und Rumpeln von Zügen vom nahen Rangierbahnhof durch die Dunkelheit heran.
In diesem Zimmer spielte E., die das Quietschen gemütlich fand, Satie. Ich lag auf dem Bett und lauschte dem melancholisch-meditativen, bald verträumten, bald kindlich-ernsten Voranschreiten der simplen Akkorde, schaute an die Decke oder studierte die Buchtitel im Regal und war zufrieden, in diesem Zimmer zu Gast zu sein. E. hatte eine Art, mitten im Spiel abzubrechen, sich mit Schwung auf dem Hocker nach mir umzudrehen, die Lippen zu schürzen und mir eine Frage zu stellen. Manchmal lachte sie beim Spiel leise oder sang mit. Sie war vernarrt in die Gymnopédies, und wenn sie nicht gerade Satie spielte, summte sie die einfachen Motive vor sich hin oder sang sie auf einen Text aus Phantasiesilben, es klang wie schmöö-dem-schmöö. Unvermittelt konnte sie in einer Gesprächspause den Mund öffnen, die Lippen vorstülpen und eine kurze Melodie aufsingen, als wollte sie ihren Gesprächspartner an etwas erinnern, das immer auch noch berücksichtigt werden müsse. Oder an etwas, das schon jetzt, während es geschah, lange her war: Weißt du noch? Einmal saßen wir nachts von Freunden heimkehrend im Zug, wir hatten geschwiegen, waren müde, es war der heißeste Sommer aller Zeiten, da läßt E. den Kopf auf dem Sitzpolster zu mir herfallen, als wolle sie mich küssen, öffnet den Mund, wölbt die Lippen: schmöö-dem-schmööö. So ist das nämlich. Denk dran!
Satie klingt seither immer so, als wolle er mir immer wieder etwas ins Gedächtnis holen, das ich sonst wohl schon lange vergessen hätte.

Selbstermächtigung

23. Juni 2016 § 3 Kommentare

Merkwürdige Assoziation, die sich an die Erinnerung an einen Schatten knüpft, der mittags über ein Schulpult wandert: Es muß dasselbe Klassenzimmer gewesen sein, in dem in einer Religionsstunde in der zehnten Klasse der damalige Lehrer eine ablehnende Bemerkung zur Selbstbefriedigung machte, nachdem er einen Mitschüler aus dem Religionsbuch einen entsprechenden Passus hatte ablesen lassen. Natürlich weiß ich nicht mehr, was für ein Buch das war, aber vielleicht weiß das Netz etwas. Ein Forum, über dessen sonstige Ausrichtung ich mir kein Urteil erlaube, führt mich in diesem Zusammenhang zu folgendem Auszug aus dem «Jugendkatechismus der Katholischen Kirche, Youcat» (Was es alles gibt!):

Die Kirche verteufelt Selbstbefriedigung nicht, aber sie warnt davor, sie zu verharmlosen. Tatsächlich sind viele Jugendliche und Erwachsene davon gefährdet, im Konsum von geilen Bilder, Filmen und Internetangeboten zu vereinsamen, statt in einer persönlichen Beziehung Liebe zu finden. Die Einsamkeit kann in eine Sackgasse führen, wo Selbstbefriedigung zur Sucht wird. Nach dem Motto «Für Sex brauche ich niemanden; den mache ich mir selbst, wie und wann ich ihn brauche» wird aber niemand glücklich.

Und siehe da! Genau das war die damals vertretene Auffassung. Wie der weiteren Lektüre in der Diskussion zu entnehmen ist, gibt es tatsächlich Menschen, die so etwas immer noch glauben:

Und kann da nur zustimmen! Es gibt Menschen, die werden durch Pornokonsum beziehungsunfähig und denken beim «realen» Sex nur mehr an ihre «heimlichen» Fantasien. Man braucht ja nur in irgendein Erotikforum zu schauen und bekommt alle Möglichen Fantasien geboten.

Beziehungsunfähigkeit durch Pornokonsum? Steht so ein Quark eigentlich heute immer noch in den Religionsbüchern? (Ich würde mein Kind sofort abmelden.) (Nicht daß mich das damals beeindruckt hätte. Aber verunsicherten Jugendlichen kann man leicht was vom Pferd erzählen.)
Du bist zu dick, du bist zu schlaff, mach mal Sport, du bist zu käsig, ernähr dich gesünder, geh früher zu Bett, iß mehr Obst und Gemüse, wasch dir die Haare, geh mal an die frische Luft, drück nicht an den Pickeln rum, halt dich gerade, popel nicht, nimm die Hand aus der Hose!
Als hätten Eltern, Lehrer, Geistliche, sonstiges Erziehungspersonal iregndein Anrecht auf den Körper von Jugendlichen. Irgendein Mitbestimmungsrecht. Eine Verfügung. Als hätten die heranwachsenden Söhne und Töchter ihren Körper nur von den Eltern geborgt. Als müßten sich jene bei diesen für jedes Vergnügen dieses Körpers noch eine Extraerlaubnis wegen Zweckentfremdung einholen.
Insofern könnte man die Selbstbefriedigung auch als einen Akt der emanzipatorischen Selbstbehauptung ansehen, der Ermächtigung über den eigenen Leib. Dazu müßte man Jugendliche eigentlich nur ermuntern, wenn darin nicht über den Akt des Gewährens wieder eine subtile Ermächtigung läge.

Traum und Wachen

10. Oktober 2013 § 2 Kommentare

Traum und Wachen: Beides sind geschlossene Welten. Beide sind vollständig und gelten absolut. Im Traum wie im Wachbewußtsein ist das Erlebte jeweils ohne Nebenerleben oder Alternative. Es ist alles, was es gibt. Man kann die jeweilige Welt nicht anders verlassen als zu jener anderen Vollständigkeit. Traum, Wachen, Traum. Es gibt nicht noch weitere Alternativen. Der Traum läßt sich nicht anders als mit dem Wachen, das Wachen nicht anders als mit dem Traum ersetzen; und für die Dauer der Ersetzung bin ich nur dort, wo ich bin. Alles, was es gibt.
Dennoch besteht eine bedauernswerte Asymmetrie: Im Wachen erinnere ich mich vielleicht an Träume; aber in den Träumen nicht an die Wachwelt. Jedenfalls nicht als eine bloße, der anderen Bilderwelt im Sinne einer wahreren, ursprünglichen, bildgebenden entgegengesetzte Ausgangswelt. Der Traum, könnte man sagen, verschlingt die Wachwelt, ohne daß es jener in ähnlicher Weise gelingen könnte, auch die Traumwelt zu verschlingen und ihre Gegebenheiten in sich einzugliedern.

Aequinoctium

22. September 2013 § 2 Kommentare


Wo wir einst gingen, weben die Spinnen das Ufer, der Spiegel
    Schenkt uns, verwandelt ins Jahr, freundlich die Tage zurück.
Küsse schmecken die Zeit, unter Blättern schlummern die Tage;
    tief in der Tasche die Nuß träumt vom vergangenen Jahr.
Wo wir einst gingen, bevor wir uns kannten, vor Jahren und Tagen:
    Dort, im ewigen Herbst, wandeln die Flüsse im Schlaf.

Sommersemester 1992

9. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Es war Sommer, und das Semester, mein erstes, neigte sich seinem Ende. Prüfungen hatten wir keine, noch keine ernsteren jedenfalls, und der Stundenplan wies viele weiße Blöcke auf. Die Sonne schien, der Hofgarten lockte, die Welt war wiesentauglich, wir hatten Zeit und eine Thermoskanne Kaffee, den ich von zu Hause mitgebracht hatte. Was uns fehlte, waren Tassen. Also sind wir in ein billiges Kaufhaus in der Innenstatdt gegangen (damals könnte man noch preiswert in der Innenstadt einkaufen), und haben je eine schlichte, Tasse für zwei Mark gekauft, eine solche Tasse, die der Engländer Mug nennt, wofür es auf Deutsch kein eigenes Wort gibt. Zylindrisch, mit Henkel, dickwandig, etwa einen Viertelliter fassend, aus weinrot glasierter Keramik. Wir hatten ein äußerst schmales Budget damals und ich schätze, es wird die billigste Tasse gewesen sein, die es in diesem billigen Kaufhaus gab. Ich habe sie sehr oft gebraucht, und vom vielen Einschenken heißer Flüssigkeit hat die Farbe der Glasur auf der Innenseite ein Netzmuster feiner dunkler Risse bekommen. Sie wuchs mir ans Herz, diese Tasse, dieser Mug. In der WG bewahrte ich sie in meinem Zimmer auf, ich mochte es nicht, wenn jemand anderes daraus trank, oder, schlimmer, wenn sie für Tage (oder Wochen) in einem andern Zimmer verschwand. Jahrelang habe ich aus keiner anderen Tasse getrunken.
Mit den frischgekauften Tassen bewaffnet sind R. und ich dann in den Hofgarten gezogen, haben uns mitten auf die fröhliche Wiese gesetzt, recht allein an einem Werktag vormittag, und Kaffee getrunken. Ich war verliebt, die Wiese lag leuchtend wie eine geöffnete Schale in der Morgensonne, der Himmel streckte sich behaglich, in den Platanen schnurrte wie geölt das Licht. Alles Hasten war fern von uns. Nicht nur das Studium, mein Leben hatte begonnen. Ich war berauscht von Licht und Kaffee und Zukunft. In den Tassen schwankte die Sonne auf der schwarzen Haut des Kaffees. Nebenan spielte ein Paar Frisbee. Die Sonne wurde warm, wir wurden träge. Ich küßte R. in die feuchten Armbeugen, und sie murmelte, wie schön das sei. Eine Ameise krabbelte ihr über die Schulter, sie ließ sie krabbeln. Sie sagte, sie möge das Gefühl, wenn etwas Kleines auf ihr herumkrabbele. Über den Vormittag füllte sich die Wiese. Schulkinder spielten Fußball. Studenten ließen sich mit Skripten vor der Nase auf den Bänken nieder. Die Schatten wurden kürzer, glitten von uns weg, bis wir in der Sonne saßen. Am Hauptgebäude der Universität schlug ein Glöckchen.
Plötzlich wurde ich traurig. Ich küßte R. noch einmal, und dann noch einmal. Das Semester neigte sich seinem Ende, der Sommer knisterte schon trocken, im Rhein stockte dick von Hitze das Wasser. Noch eine Woche Uni, dann vorlesungsfreie Zeit. R.-freie Zeit. Und obwohl ich anderes hoffte, ahnte ich bereits, daß unsere Geschichte diesen Sommer nicht überdauern, daß sie in diesen Tagen enden würde. Mitten in der Zukunft hatte die Vergangenheit begonnen. Ich weiß nicht mehr, was ich R. in diesem Moment gefragt habe, nur, daß ihre Antwort nicht das war, was ich hören wollte. Irgendwann war die Thermoskanne leer, und die Zwillingstassen lagen wie ermattet nach ihrem ersten Gebrauch neben uns im Gras. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir küßten uns ein letztes Mal, schüttelten die Tropfen aus den Tassen und packten sie in unsere Rucksäcke. Dann gingen wir in unseren Sommer hinaus.
Diese Tasse steht immer noch auf meinem Regal. Ganz hinten, hinter allen anderen Tassen steht sie verborgen an der Wand. Der Henkel ist schon vor Jahren abgebrochen, ich habe ihn in die Tasse hineingelegt, um ihn nicht zu verlieren. Beide Tassen, meine und ihr Gegenstück bei R., veränderten über die Semester und später über die Jahre ihre Farbe, bekamen jeweils ihre Risse und Netzmuster. R.s Tasse dunkelte nach, meine wurde heller, bis sie fast rosa geworden ist.
Wenn ich heute manchmal bei R. zum Kaffeetrinken bin, kann es passieren, daß sie mir ihren Tassenzwilling hinstellt.
Und, was machen die Kinder? frage ich sie und lächle ihr über den weinroten Rand hinweg zu.

Über einem Roggenfeld

21. März 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Du hast es gesagt, das Wort, hinter dem ich vermutlich die ganze Zeit her war, du hast es gesagt, es ausgesprochen, und es ist gut. Ich durfte es ja damals nicht sagen, in Ahrensburg oder wo immer es gewesen ist, daß wir auf unseren Fahrer warteten, du wolltest nicht, daß ich es sagte, und ich habe geschwiegen, obwohl nie ein Wort wahrer gewesen wäre als dieses, in jenem Augenblick. Du konntest ja nicht ahnen, ebenso wenig wie ich, obwohl alles meine Schuld war, es geahnt hätte damals, wie wenige Gelegenheiten wir noch haben würden, dieses große kleine Wort einander zu sagen. Nie wieder so wahr: Seitdem habe ich es oft gesagt, zu anderen, aber immer hat es sich dabei ein bißchen wie eine Lüge angefühlt.

Manchmal vom Zugfenster aus ein Roggenfeld, fast reif die graugrünen Halme, überall so ein silbriges Geflimmer, Wogen, die hin und her über die Ähren fahren, und dann, in einem seltenen Augenblick, läßt der Wind eine Welle einmal quer übers Feld laufen, ohne abzusetzen oder die Richtung zu ändern, von einer Ecke zur anderen, fernen; konzentriertes beharrliches Voranschreiten, und dann denke ich, Einmal, und ich denke: Einmal war es doch gut, einmal, in einem einzigen Augenblick, war alles, war wirklich alles richtig, und ich denke, Dieser Augenblick bleibt wahr, was immer geschieht, und dann ist die Welle fast ans andere Ende des Feldes gelangt, so ein Wirbel aus nichts als Licht und Luft, ohne abzusetzen, und dann will man, dann könnte man beinahe, glücklich sein.

Die Lieben, die wir schreiben

29. Januar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Den Stunden nachfühlen, ihrem schleppenden Gang. Eselsohren in den Minuten, daß man sie leichter wiederfindet. Die Gleichnisse zerbröckeln, den bedruckten Rest vergestern. Am Fluß, wo du ein Paar warst und ich nicht. In der Bahn, wo der Mut nicht reichte zum Knaben und der Ägypterin, und der Sommer zu groß war für die Zeitungen, die Zukunft zu groß für uns. Schleppender Zunge in den Tag hineingehechelt. So getan, als wäre alles Alles. Dabei war’s schon fast aufgebraucht. Was sollte auch danach noch kommen. Nachschriften. Kommentare zu dem Tag, in dem wir einmal zu Hause waren. Ein verhaltenes Lächeln über einen Tisch, das war schon an der Grenze zu einem ganz anderen Tag. Der nichts mehr davon enthielt. Den wir zu vergestern vergaßen. Erst später, nachdem Jahre geseufzt hatten, erinnerte sich eine Notiz an jenes Gesicht, und es war, als spräche ein verlorengegangenes Ich zu mir selbst. Ach, die Amseln am Abend. Die nie genug bekommen konnten. Die alles hatten.
Neue Namen, alte Wünsche. Spitzen wir die Bleistifte, ziehen wir die Uhren auf, lassen wir die Dämmerung ins Haus. Kehren wir noch einmal zurück zur Zukunft, die uns aus den Augen verlor. Am schönsten sind die Lieben, die wir selbst schreiben.

Ein Tag wie ein…

29. November 2011 § 2 Kommentare

Ein Tag wie ein zerknülltes, dann wieder glattgestrichenes Papier: Nur allzu sichtbar die feinen Bruchlinien, die Verwerfungen, die rissig unterbrochenen Tintenverläufe. Ausgelesen, weggeworfen, sich wiedererinnert. Da war noch etwas. Eine Tür, die zu früh ins Schloß fiel und so den Schlaf beendete. Ein Band, das sich aus einem Haarschopf löste. Eine Tasse mit einem Kaffeerest, nicht mehr warm, nicht mehr lau, nicht mehr irgendeinem Menschen und seinen Absichten verschuldet, so wenig, wie das Telephon etwas aufhebt von dem, dessen Zeuge und Vermittler es war. Oder die Spiegel, natürlich die Spiegel. Brüche auch hier, im Glas, überall, der Kristall vergilbt von zuviel Sonne, die sich ins Wohnzimmer stahl. Man kennt es und holt es noch einmal hervor, streicht es glatt, fügt die Wundränder einer zerrissenen Photographie wieder zusammen. Zieht das gesprungene Glas aus dem Müll, hält es so, daß im Rahmen nichts spiegelt und das Gesicht, verhärmt von Staub und Kratzern, dahinter schwach aufleuchten kann.

Wege durchs Laub: Hier auch. Hier warst du auch. Fast vergessen, liegt auf den Abmessungen der Wiese eine Patina des unerwartet Wiederentdeckten, das Wehen einer vor Jahren so, genau so schon einmal aus den Dingen sprechenden Glücksverheißung. Dieser Weg, mit dem Laub, mit dem krümeligen Licht, das sich an den Blatträndern bricht, dieser Weg, der so schön an seiner eigenen Tiefe ermüdet: Du weißt, du bist das schon einmal abgeschritten, damals schon in Gedanken versunken. Es hat das alles diesen Film aus Zeit und Ermattung, das Fundstücken in der Tiefe leergeräumter Schubladen anhaftet. Den Rest eines ehemals starken Dufts aus einem eingetrockneten Flacon. Etwas von diesen Zeugnissen vergessener Notizen, halbentzifferbarer Weisungen und Gedächtnishilfen, Gefaltetes und Zerknülltes, das es irgendwie, vergessen von dem Braus der Jahre, in einer Schublade, der Ecke eines Schränkchens, einem unentdeckten Winkel geschafft hat, zu bleiben. Und so spricht es nun ins Leere, zu uns und doch nicht zu uns, eine blinde Schrift: Triff mich heute im Park. Dein M. Bitte noch besorgen: Brot, Butter und eine Abendzeitung. Deine S. Und das Verrückte ist doch, daß es damals auch schon eine Zukunft gab. Und daß du jetzt, in diesem ehemals leeren Raum, in dem jemand auf Brot, Butter, die Abendzeitung und die große Liebe wartete, daß du da jetzt herumspazierst, in diesem Raum, der noch voller Hoffnungen, Erwartungen, Ängste war, da trampelst du jetzt über alte Wege und hast die große Liebe gefunden und wieder verloren, für jene nicht sagbar, nicht einmal denkbar: Und das wirst dann wohl du gewesen sein.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan Beiträge mit dem Schlagwort Erinnerungen auf VOCES INTIMAE.