Greinstraße

19. November 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

In der Sonne laufen die Passanten ihren Schatten hinterher: Jemand mit der Krücke, die er aber nicht benutzt, sondern wie eine Wünschelrute vor sich über den Weg hält; eine junge Frau in schwarz und blond überholt ihn, später werden Arbeiter mit blauen Werkanzügen in die andere Richtung vorbeischlendern, Stulle in der Hand, und der Stoff der Anzüge wird in der Sonne leuchten.
Das Laub des Silberahorns ist schütter geworden, während die Pappeln schon alle Blätter verloren haben. Blickauf ist der Himmel von Gezweig gemasert. Einmal die Woche kommt ein Mann mit einem kleinen Fahrzeug, dreht Kreise über den Rasen und bläst mit erheblichem Lärm das Laub zusammen. Ich sehe ihm dabei zu und überlege, daß das Wort „Rechen“ wahrscheinlich bald aussterben wird, zusammen mit dem Gegenstand, den es bezeichnet. Einmal im Monat wird gemäht. Dem Wort „Sense“ wird es ähnlich ergehen wie dem Wort „Rechen“.
Hinter den Häuserreihen jenseits des Parkplatzes schimmert so fern der Himmel, als spiegele er den Ozean, und auch die Luft, Salz und Ozon, kommt frischweg von der See. Vögel auch, Möwen vom Rhein, zerschlitzen Licht und Himmel in pfeilschnelle Striemen.
Wichtige Herren in Krawatte lassen manchmal ihre Aktentasche mit einer lässigen Drehung des Handgelenks aufblitzen, während sie dem Kollegen etwas Wichtiges – daß es wichtig ist, sieht man an ihrem geneigten Nacken, an den hackenden Kiefermuskeln – mitteilen. Dahinter weht ein Fahrradfahrer auf einer unsichtbaren Strömung dahin.
Die Fenster dieses halben Souterrains beginnen auf dem Bodenniveau, das dem, der sich im Inneren aufhält, bis zur Brust reicht. Bis zum Kinn, wenn man am Schreibtisch sitzt. Ab und zu kommt ein Ball samt einem Knäuel Hund angerollt, und der Kies vor der Scheibe zerspritzt. Das gefällt mir. Ich zucke zusammen, ein Erschrecken, ein Blick ins lachende Hundemaul mit Ball, und man fühlt sich aufs Angenehmste daran erinnert, daß man noch lebendig ist.

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wind

13. August 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

beim gang durch die grünanlage fiel wieder der wind auf.
durchsetzt mit möwenschreien, die eigentlich sittichschreie sind, kam er heran aus einer rufweiten ferne jenseits der häuserzeilen, ließ pappellaub silberhell umschlagen, rappelte in den zäunen, scheuchte vögel aus dem weißdorn, hieb schluchten in die wolkenberge und brachte von ganz nah das meer mit: so sturmklar und frisch, daß man in ihn hineinrufen, ihm einen abzählreim vorsagen, ein rätsel aufgeben mochte, ihn einen augenblick verhalten in der hohlen hand, daß es wie orgelpfeifen darin brausen würde, ehe man ihn wieder zum blankgefegten himmel entließ.

Greinstraße (und weiter …)

7. November 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

das himmelsgrau nistet in den baumkronen, vertreibt die vögel, läuft stämme, treppen, schächte hinauf, lärmt, pocht, heult, drückt sich durch die poren des glases, legt sich als finger und flossen über den tisch, wo es das papier zu klebriger hieroglyphenasche zerstäubt. silbern stellen sich die unterseiten der ahornblätter auf, verwandeln sich in finger, klauen, ohrringe, sturmlinien, zähne, deren licht aus dem inneren kommt und als flackern über wand und boden läuft. ein erloschener laternenpfahl neigt sich den ganzen morgen lang gegen den wolkenzug. man erinnert sich, leicht, wie im schwebtraum, irgendwo steht in einem hof ein bäumchen, das jetzt kahl sein müßte, ein naßdunkles, tropfenschüttelndes gerippe, wie es beglänzt von lampen sichtbar ist aus dem fenster oben, aus dem stummen raum heraus, der einmal ein zuhause war, ein raum voller licht und photographien und bücher und zärtlicher unordnungen, allenthalben. ein heller ton klingt auf, wenn der regen gegen das geländerrohr schlägt, ein müdes ostinato, wie von einem gelangweilten kind, das seine finger auf immer dieselbe taste des klaviers drückt, wieder und wieder.

Wo bin ich?

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