Beim Blick auf die Terrasse gegenüber

28. April 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Auf der Terrasse gegenüber, umzingelt von Rosen: Eine junge Frau im grasgrünen Bikini, so knapp, daß es einer vollständigen Nacktheit gleichkommt, einer Nacktheit, die insofern ungewohnt und atemberaubend ist, schockierend fast, da sie in schüchternem und zugleich selbstverständlichen Gegensatz steht zu der gewöhnlichen, ubuquitären Nacktheit als Institution, eine Korrektur all der stumpfsinnig perfekten und puppenhaft-einförmigen Nackten oder Bikininackten, denen man ständig im öffentlichen Raum begegnet, auf Plakaten, in Zeitschriften, in der Werbung, ein Widerpsurch gegen diese gebräunten, einheitsschlanken Reiseprospekthotelstrandnackten, deren Makellosigkeit etwas ernüchternd Unwirkliches hat und daher auch keinerlei Assoziationsräume aufreißt, nichts Bezauberndes an sich hat, etwas Verlockendes schon gar nicht. Wie anders dagegen diese Bikininackte auf der Terrasse, in einem gnadenlos ehrlichen Licht stehend, das jeden Quadratzentimeter Haut preisgibt, wie sie, eben noch mit dem Zusammenlegen einer Decke beschäftigt, sich umdreht, ihre Rückseite zeigt, und, für einen Augenblick, während die offene Tür ihre Frontseite schräg einspiegelt, doppelt sichtbar, unter den Schatten der Terrassentür verschwindet. Atemberaubend ist diese Nacktheit, weil sie in ihrer Hinfälligkeit, Verletzbarkeit und ihren kleinen Fehlern so viel echter ist als jede photographisch inszenierte Haut es auf Hochglanz je sein könnte, ja, überhaupt erst echt durch das schwellende Fleisch, die leisen Einschnürungen von Höschen und Oberteil, das Wackeln der Muskulatur beim Ausschütteln der Decke, das Ausladende von Hüfte und Po und die feinen Faltungen und Striche der zarten Orangenhaut, das alles sind Zeichen der Echtheit, und erst darum ist diese Frau schön, im Sinne von: begehrenswert schön, erst durch diese Fehler (aber wieso sollte man Orangenhaut und Speck Fehler nennen, wodurch sind das Fehler, und wäre es nicht richtiger, sie Perfektionen, Perfektionierungen zu nennen?) löst ihr Anblick eine Lawine von Assoziationen, einen Strauß sehr konkreter, lebendiger und, in ihrem Verweis auf ein Nicht-Statthaben von Realität, schmerzlicher, verlustaufzeigender Phantasien aus:

Ich finde diese Verdichtung und Schwere des Leiblichen wieder in bestimmten Photographien, die, quasi absichtslos geschossen, etwas von der faszinierenden Alltäglichkeit eines normalen Körpers einfangen; wo die dort Abgebildeten so sehr und so deutlich Körper sind wie jene Hochglanzfigurinen bloße Abbilder, bloße Symbole-von und Verweise-auf sind, die Abstraktion nur von etwas Körperlichem, eine Idee; Gestalt, aber ohne echten Leib, ohne Fußabdruck im Sand, über den sie so sportlich dahinjagen (so abstrakt, daß auch der Sand und das Meer nicht ganz echt sein wollen unter dieser bloßen Idee von Füßen). Echte Pornographie wird denn in meinen Augen auch erst dort möglich, wo ein Anhauch des Echten gelingt, wo das wie zufällig gefundene Dargestellte den Eindruck von Ausdünstung, von Gewicht und taktilem Reiz zu vermitteln, nahezulegen, zu beschwören vermag; beim Amateur; bei der zufälligen, unprofessionellen Nacktheit, bei der nicht zur Schau gestellten, absichtslosen und ihrer selbst womöglich gar nicht bewußten Nacktheit, so wie sie nur der Voyeur je zu sehen bekommt. Solcherart aufgezeichnete und betrachtete Frauen sind aus Fleisch und Blut, müssen duschen und ihre Wäsche wechseln, sie sind müde, fühlen sich stark, waren heute morgen auf der Toilette, haben Stuhlgang, Gänsehaut und Hunger: Sie sind echt. Sie stehen, wie alles Lebendige, immer auf der Kippe zum Verfall, zum Gestank, zum Tod. Sie sind empfindliche Wesen, leicht verderblich, in metastabilen Gleichgewichten geborgen. Sie sind sterblich und voller Leben, sterblich und kostbar; und schön.

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Achselhaar

27. Juni 2009 § 12 Kommentare

Die Revolution fand still und leise statt. Niemand sprach darüber. Niemand protestierte. Die Nachrichtensender wußten von nichts. Keine Talksendung nahm sich des Themas an, keine Zeitung berichtete. Die Menschen schwiegen und schauten weg, wenn sie denn überhaupt bemerkten, was los war. In aller Heimlichkeit vollzog sich die Wende.
Wann genau es passierte, weiß man nicht. Aber es muß sehr schnell gegangen sein. Im Sommer 1997 war noch nichts zu bemerken gewesen, doch als ich im Herbst 1998 von einem längeren Auslandsaufenthalt wiederkam, da war schon alles vorbei und überall stillschweigend beschlossene Sache. Niemand hatte widersprochen. Alle fügten sich.
Fügten sich wem?
Es gehört zu den ungeklärten Fragen der Massenpsychologie, wieso plötzlich Millionen Menschen, die einander nicht kennen, sich nicht absprechen, ihre Meinung nicht austauschen, quasi unabhängig voneinander den selben Gedanken haben können. Wie plötzlich Millionen Frauen im Verlauf eines einzigen Jahres gemeinsam aber jede für sich beschließen: Ab sofort rasiere ich mich unter den Armen. Ab sofort sind Achselhaare bäh. Ab sofort waren Achselhaare eigentlich schon immer bäh.
Staunte man vor diesem entscheidenden Jahr über eine rasierte Achsel, während selbst der üppigste Unterarmbusch niemandes Aufmerksamkeit erregt hätte, so war es jetzt umgekehrt. Achselhaar sah man nicht mehr, und wer es dennoch trug, war eine Ausnahme und fiel auf. Nur ich hinkte meiner Zeit hinterher, weil ich nicht in Deutschland gewesen war, als sich die Verhältnisse änderten. So sprang mir umgekehrt, gleich einem Zeitreisenden, nicht das selten gewordene, für mich noch normale Haar, sondern das plötzliche Fehlen desselben sogleich ins Auge. Es war Winter, und der Anblick entblößter Achseln eher selten. Aber nachdem ich im Frühjahr die dritte, die vierte blanke Axilla erblickt hatte, wunderte ich mich; und mit steigenden Außentemperaturen begriff ich allmählich: Entscheidendes mußte sich während meiner Abwesenheit getan haben.
Gab es eine prominente Vorreiterin? Waren die deutschen Frauen sich plötzlich bewußt geworden, daß in anderen Ländern andere Sitten herrschten? War es ein Komplott der Kosmetikindustrie, die rasanten Absatz an Wachs, Klinge und Depilator erwartete? War es ein fixe Idee gelangweilter Frauenzeitschriftredakteurinnen? Hatte das Gesundheitsamt Bedenken angemeldet? Schwappte wieder mal eine Welle aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu uns über den Atlantik? Oder war es das alles zusammen?
Ich war erschrocken. Ich kann nicht sagen, was mir besser gefällt, Glätte oder Busch, beides hat etwas. Ich kann es wirklich nicht sagen. Irgendwie finde ich aber, daß Natürlichkeit die Regel, Künstlichkeit die Ausnahme sein sollte. Da ist es mit dem Rasieren weiblicher Haare, wo auch immer sie wachsen wollen, ebenso wie mit Schminken, Färben, Lackieren, oder dem Auftürmen rätselhaft-komplexer Frisuren. Doch meinetwegen: Das Unveränderte ist zwar immer noch am schönsten, aber der Abwechslung zuliebe kann auch geschmeidige Glätte an der einen oder anderen Körperstelle gefallen. Oder praktikabler sein.
Doch störte mich weniger die Tatsache der Achselhaartilgung an sich, sondern was mich so erzürnte, das war die stillschweigende Übereinkunft, mit der so plötzlich auf breitester Front gegen dieses Naturreservat vorgegangen wurde. Denn eine Vorliebe wie jene plötzlich Aufgekommene ist ja nicht voraussetzungslos, und da sie mir in engem Zusammenhang einer allgemeineren Künstlichkeitsanbetung zu stehen schien, und auch, weil so etwas kaum umkehrbar ist, machte mich diese Übereinkunft rasend. Von wem ging das jetzt wieder aus? Reichte es nicht aus, daß diese armen Geschöpfe sich förmlich zu Tode hungerten, nur weil ein paar nekrophile Modehengste das hip fanden? Da schien sich doch wieder einmal die eine Hälfte der Menschheit einem absurden, nicht lokalisier- oder auch nur benennbaren Zwang zu beugen – und glaubte auch noch, sich in Freiheit dafür entschieden zu haben! „Mir gefällt das Haar nicht“. „Nö, finde ich häßlich“. „Blank gefällt mir einfach besser“. „Man schwitzt nicht so“. „Ich brauche weniger Deo“. „Ich würde mich auch enthaaren, wenn es sonst keine täte“. „Aber … das haben wir doch schon immer so gemacht!“
Ja, Pustekuchen.
Wie sehr kann einem die Erinnerung einen Streich spielen? Kann man einen Zwang so sehr verinnerlichen, daß es unvorstellbar scheint, daß er nicht schon immer geherrscht hat? Und wenn es so vernünftige Argumente wie vermindertes Schwitzen und größere Deo-Effektivität gibt: Warum hatten die Frauen dann nicht schon von je zur Zuckerlösung gegriffen?
Aber es ist wohl zwecklos zu jammern. Ja, wenn man genau hinschaut, dann ahnt man: es kommen noch härtere Zeiten. Schon hüpfen die ersten Jungmänner blankachselig im Freibad umher. Demnächst zupfen die sich auch noch die Augenbrauen.
Und am Ende kommt es noch so weit, daß ich mir ein Deo anschaffen muß.

Noch einmal Haariges

29. Mai 2009 § 4 Kommentare

Vor einigen Tagen wieder ein Gespräch über das Achselhaarproblem, und wie schon bei früheren Gesprächen fand O., und hier gebrauchte sie die STANDARDFORMULIERUNG, nein, das hätte sie immer schon so gemacht. Seit der erste Flaum in ihrer Axilla sichtbar und kenntlich geworden sei, habe sie ihn sofort entfernt. Ich entgegnete, daß vielleicht ihre Generation die erste gewesen sei, die mit der Ausmerzung haariger Stellen angefangen hätte; die Älteren (Frauen meiner eigenen Generation und Ältere) hätten sich dann angesichts der jugendlich glänzenden Achsel der viel Jüngeren sich plötzlich barbarisch und unschön empfunden und unter Attraktivitätsdruck, der immer von den Jüngeren ausgeht, zum Nachahmen aufgefordert gefühlt, so daß sich die Unsitte von den gerade pubertierenden Mädchen allmählich über die jungen Erwaschsenen schließlich auf alle Frauen durchgesetzt habe. Die Jüngsten seien, so meine Idee, Vorbild für die Älteren gewesen. Nein, widersprach O. vehement, umgekehrt sei es gewesen, sie selbst habe es ja auch nur den anderen abgeschaut, beispielsweise bei ihrer eigenen Mutter (eine Generation vor mir), die es ihrerseits auch schon immer so gemacht habe.

Jetzt frage ich mich, ob meine Wahrnehmung oder ihre schräg ist. Ich glaube ja, daß es einen allgemeinen Künstlichkeitstrend gegeben hat, irgendwann auf dem Weg von den 90ern zur Jahrtausendwende. Es gehen ja auch heute Frauen nicht mehr ohne Büstenhalter aus dem Haus, derweil es noch nicht so lange her ist, daß manch eine ihn auch mal nicht trug, wenn sie ihn störend oder unbequem fand oder sie zu faul war, ihn anzuziehen. Oder bin ich einfach nur merkwürdigen Frauen begegnet? Das mit der Behaarung indes konnte man ja auch an wildfremden Frauen beobachten, ohne entschuldigen Sie … darf ich mal … zumindest im Sommer.

Merkwürdig, das alles. Andererseits auch nur eins von vielen Phänomenen derselben Gruppe. Das verweist auf das Modephänomen, auf das Phänomen der Stilgemeinschaft, der Kunstepoche. Warum finden auf einmal Scharen von Menschen Plateauschuhe geil? Oder weiße Slipper? (bäh) Wie konstituiert sich das gemeinsame Empfinden, daß nun Albertibässe schick seien, oder doppelpunktierte Rhythmen? Es kann ja keine Eigenschaft der Dinge selbst sein, weil ein und derselbe Gegenstand, je nachdem, in welcher Zeit man ihn betrachtet, schick oder schnöde sein kann.

Bleibt noch das Phänomen des Vorbilds. Aber das bringt neue Erklärungsschwierigkeiten mit sich.

Wo bin ich?

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