20. November 2017 § 4 Kommentare

 
Das Geräusch, mit dem ein Reh sich ankündigt, ist ein kurzes, scharfes Rascheln. Ich wende den Kopf. Die Stirnlampe schlägt den Funken des Augenpaars aus der Finsternis überm aschfahlen Laub. Merkwürdig klein, verharrt es geduckt am Boden, dann aber hochschnellend, setzt es in Bögen davon. Wie lange mag es im Dunkeln verharrt und das herannahende Licht mit wachsender Furcht beäugt haben? Eine Spielfigur in der großen Aufstellung des Waldes, die ich ihm durcheinandergebracht habe.

Der Forst, wo ich laufe, ist kein Wald, sondern eine Fabrik, wo Bäume hergestellt werden, tagsüber; nachts werden sie dann in großen Mengen geklaut. Immer wieder sind die Wege aufgefurcht von Raupenfahrzeugen, fällt der Lichtkegel plötzlich ins Leere einer Rodung, findet meterweit keinen Halt, wo tags zuvor noch in dichter Reihe die Stämme standen. Plötzlich gedämpfte Spiegelungen, Reflexe auf Lack und Glas und blinden Scheinwerferschalen. Ein Harvester, selbst fast so hoch aufragend wie die kümmerlichen Buchenstämmchen ringsum, massiv, träge vor lauter Überlegenheit, gefährlich wie ein schlafender Drache. Geruch nach Schlamm, Dieselöl, Gefahr.

Manche Amseln fliegen nicht auf, wenn ich an ihnen dicht vorbeilaufe, sie flattern nur so ein bißchen mit den Flügeln, als wäre es der Mühe nicht wert; oder als seien sie zu schwer, zu schwarz zum Fliegen, in der Dunkelheit, die sie nicht trägt.

Vielleicht ist die Nacht voller fluglahmer Vögel, festgeheftet am Leim der Dunkelheit.

In völliger Finsternis den Akku der Stirnlampe wechseln. Nach ein paar Sekunden ist es, als hebe sich der Himmel von der schwarzen Erde ab, während die kahlen Baumkronen niederzuschweben scheinen, Aufwärts- und Abwärtsbewegung im Nachlicht auf der Netzhaut. In nicht allzu großer Ferne dröhnt der frühmorgendliche Verkehr; hinter dieser Lärmkulisse, scheint es, hält der Wald den Atem an. Ab und zu entfährt den Räumen ein Tropfen oder ein Rascheln. Sortieren von Spielfiguren.

Am nächsten Morgen im Postfach ein Katalog. „Der Motorsäger. Komfortabel, sicher & günstig durch die Motorsäger-Saison.“

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Frühprotokoll: Regen

25. Juli 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Schon eine halbe Stunde vor Weckerklingeln höre ich den Regen fallen. Kein Rauschen, nur vereinzelte Tropfen auf Mauerkronen, Autos, Regenrinnen. Dazwischen das laute, satte Klatschen, wenn ein Tropfen aufs Fensterbrett fällt. In einer Stunde werde ich laufen. Ich hasse dieses Wetter. Ich hasse überhaupt Wetter, wenn ich mit mir zum Laufen verabredet bin, jedes Wetter, das geringfügig von 15 °, Windstille, trocken abweicht. Ich hasse es so sehr, daß ich völlig verkrampft daliege und, statt wieder einzuschlafen, den Tropfen lausche, schwitzend vor Zorn. Ich weiß, das ist lächerlich. Und von dieser Einsicht werde noch wütender. Es regnet, denke ich, verdammt, es regnet schon wieder, es regn– Ich schlafe ein.

Wird man gelassener, wenn man viel draußen ist? Abgehärteter, gleichgültiger gegen die Unbilden der Witterung? Macht es einem irgendwann nichts mehr aus, durch den Regen zu laufen? Gelingt es irgendwann, das Wetter wahrzunehmen wie es ist, ganz ohne Bewertung? Mitnichten! Wer viel draußen ist, wer viel im Regen läuft, wandert oder arbeitet, explodiert schon bei zwei Tröpfchen. Man sensibilisiert sich. Es baut sich mit den Jahren ein Haß auf, keine Gleichgültigkeit. Man wird nicht immun, man bekommt eine allergische Reaktion.

Ich wache auf, Weckergesumm, irgendeine zu dieser Zeit unsäglich dynamische Sinfonie auf BR Classic (sic!). Nun, alles besser als das außerirdische Synthesizer-Gewabere, das sie neulich hatten (Sleep von Max Richter; mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, daß Max Richter die Filmmusik zu Waltz with Bashir geschrieben hat. Und da dachte ich, die sei von Chopin gewesen!)

Ich habe Glück, der Regen läßt auf den ersten drei Kilometern nach. Der Himmel bleibt aber bedeckt und erinnert an verschimmelten Grießbrei, ohne Brille betrachtet, die Luft ist dick und dämmrig und feucht. Blinde Pfützen, triefende Brombeerhecken, das Longhorn-Rind ist umgezogen, die Antennen seiner Hörner haben mich schon aus zweihundert Metern Entfernung registriert. Es liegt zusammen mit fünf normalgehörnten Tieren auf der nassen Wiese, still wie atmende Sofas.

Seit Tagen keine Vögel mehr. Der Wald ist stumm, die Vorhänge heruntergelassen, die Darbietung beendet, die Putzkräfte noch nicht dagewesen, die Kulissen stehen noch. Die Korridore sind blind, das Grün hängt herab wie Schmutzwäsche aus einem Wagen. Keine Sonne. Nur überlaufende Pferdetränken, die Tiere dazu weit weg, schwankend und zart am dünnen Ende von Pfaden, wie die Fähnchen von Unterhändlern.

Frühprotokoll: alter Planet

19. Juli 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Morgens jetzt schon nicht mehr ganz hell. Ich mache mir den Kaffee im Halbdunkeln, nackt bei geöffnetem Fenster, egal, fünf Uhr morgens ist die Straße sogar hier menschenleer. Die Luft riecht nach Nässe und Müdigkeit. Zwei Amseln singen gegeneinander an, während die Tasse sich füllt. Ein halbes Ohr für die Vögel, mit dem anderen halben nach den Nachrichten gelauscht.

Man merkt der Sonne die Anstrengung an. Sie hat sich beeilt, und es doch nur gerade über den Horizont geschafft. Wie ein müdes Augenlid hängen die Hügel des Siegerlandes über der Bucht. Fernsicht, ohne den Halt von Vögeln.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden. Heute früh ist es weich, geschmeidig, leicht gerötet vom Sonnenaufgang, härtet sich in der nächsten halben Stunde, hängt an Baumstämmen wie vorwitzige Tiere, die dem Schwarm vorausgelaufen sind. Früher habe ich auf diese Dinge nicht geachtet. Der Jahreslauf, das war das Wetter, nichts weiter. Seit ein paar Jahren verfolge ich die astronomischen Eckdaten, Tagundnachtgleiche, Sonnenwenden, prüfe im Kalender die Sonnenauf- und -untergänge. Es ist wie eine Unruhe, daß mir auch ja nichts entgeht, daß das Jahr, und mit dem Jahr die Zeit, nicht auch noch diesen Vertrag auflöst. Auch empfinde ich jetzt immer eine gewisse Trauer, wenn der längste Tag überschritten ist: Oh weh, so spät schon wieder.

Traurig auch der Gedanke, daß dieses Gestirn, auf dem wir leben, schon ein alter Planet ist. Es mag für menschliche Maßstäbe egal sein, ob die Zukunft des Lebens nun eine Million Jahre, hundert Millionen Jahre oder gar noch eine Milliarde Jahre zählt – dennoch macht mich die Tatsache, daß es eben nicht mehr um Milliarden geht, sondern nur noch um etwa hundert Millionen Jahre, traurig. Dem Menschen sind Zahlen egal, Geschichten nicht. Der Mensch kann sich unter hundert Millionen Jahren nichts vorstellen; aber ob eine Geschichte erst anfängt oder ihrem Ende entgegengeht, das versteht er sehr gut – da spielt es keine Rolle, nach welchen Maßstäben die Teile der Geschichte dauern. Es ist egal, wie schnell es zu Ende geht, es ist egal, daß wir das nicht mehr erleben. Ich sehe die Bäume ihre Früchte zur Reife bringen, die üppigen Brombeeren, die signalroten Vogelbeeren, die Äcker mit ihren gelben Ähren, einen Bussard, der sich träge von einem Pfahl abstößt. Ich denke daran, daß selbst dies alles nicht bleiben wird, und werde sehr traurig. Was ist schon der eigene Tod? Aber daß es keine Schnecken, keine Fliegen, keine Blauwale mehr geben wird, und nicht, weil wir sie ausgerottet hätten, sondern weil ihre Zeit auf diesem Gestirn vorbei sein wird – das ist wirklich schlimm.

Das Rind mit den Riesenhörnern wieder, womöglich sind sie noch ein Stück gewachsen, es sieht aus, als könnte das Tier den Kopf nicht wenden, ohne an irgendeinen Baum oder Zaunpfosten zu stoßen.

Und ich dacht’ schon, da läuft einer! Der Unmut, der mich angesichts dieses Irrtums anfällt, zeigt mir, wie sehr ich diese Gegend, zumindest zu dieser Stunde, als mein ureigenstes Revier betrachte. Aber dann blinkt in der Nähe eine Zentralverriegelung, und der Mann, den ich für einen Läufer hielt, setzt sich ans Steuer. Später begegne ich einem Walker. Es ist ein Mann irgendwo zwischen sechzig und siebzig, ich habe ihn schon oft gesehen. Fünf Kilometer und eine Runde weiter begegne ich ihm abermals. Und dann noch einmal. Merkwürdig. Würde er Laufen, wäre es ein Rivale, der in meinen Augen hier nichts zu suchen hat. Da er nur geht, ist er mir gleichgültig. Ich könnte jetzt ein bißchen über Konkurrenz und Wettbewerb nachdenken, lasse es aber. Der Morgen ist zu still für so laute Gedanken.

Still, und in sich gekehrt und alt, uralt, unermeßlich alt. Die vier milliardste Wiederholung des immer gleichen Vorgangs. Dieselbe Sonne, die schon über Palmfarnwäldern aufging, deren Überreste sie jetzt, wenige Kilometer von hier, aus der Erde kratzen. Dasselbe Licht, das sich in der Retina eines Velociraptors brach oder in den Facetten eines riesigen Eurypteriden regenbogenartig schimmerte. Und doch war es nie der gleiche Morgen, nie genau dasselbe Licht, nie exakt so, wie es jetzt den Staub in der Ebene in Schwingung versetzt, ins Rheintal einfällt, einen Schieferhauch übers Siebengebirge legt, sich wie kondensierender Dampf auf den Kiefernadeln absetzt, diese uralte, immer junge und doch sterbliche Sonne.

Man müßte ein völlig neues Vokabular für Licht erfinden.

Frühprotokoll unter Wolken

26. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

20. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Überstehn ist alles

26. April 2017 § 7 Kommentare

Ich weiß nicht, was für ein Motiv die anderen haben.
Der große Schwarzhaarige, lang wie ein Präriehengst, was verspricht er sich davon? Die Pummelige mit dem Pagenschnitt und dem anziehenden Lachen, warum tut sie das? Die ältere Frau mit dem langen grauen Haar, was erhofft sie sich? Der Hüne mit dem Eierkopf, wo will der so schnell hin?

Es ist Sonntag morgen, und in der Stadt herrscht Partystimmung. Der Fluß glänzt, die Büsche blühen, der Frühling bricht aus allen Poren. Und an diesem Morgen ist der Frühling recht laut. Die Luft zittert von Trommeln und Bässen. Die Festwiese wimmelt von Menschen, Sportschuhe blitzen, Zelte leuchten, Absperrbänder flimmern.
Es ist Marathontag in der Stadt, und in den nächsten Stunden werden ungefähr tausend Läufer die Distanz von 42,195 km hinter sich bringen. Oder es wenigstens versuchen. Und ich weiß nicht, warum sie das tun.
Ich bin einer von ihnen.

Nanga Parbat
Menschen schnallen sich Bretter unter die Stiefel und gleiten darauf in einem Affenzahn Schneehänge hinunter; Menschen schnallen sich Rollen unter die Stiefel und gleiten damit im Sauseschritt über Asphalt. Oder sie schlagen mit drahtbespannten Holzrahmen Bälle über ein Netz, oder sie jagen auf einem Stück Rasen einem einzigen Ball hinterher. Man sagt, das macht Spaß. Was aber treibt Menschen, 42 km laufend zu überwinden, je nach Form drei, vier, gar fünf Stunden am Stück zu laufen? Weil die 42 km da sind? Befragt man berühmte Selbstquäler, etwa Extrembergsteiger, warum sie tun, was sie tun, bekommt man meist keine bessere als diese an ein Zen-Koan erinnernde Antwort. Aber gut, das sind Extrembergsteiger, das sind erstens Spinner, zweitens sind sie’s aus Profession. Wenn sie die Nanga-Parbat-Nordwand oder eine Staublawine am Dhaulagiri überlebt haben, schreiben sie tolle Bücher und werden reich und berühmt. Aber von den Tausend, die hier an diesem herrlichen Frühlingsmorgen, den man so viel schöner nutzen könnte in Feld oder Flur oder Garten, tun es die allermeisten nicht aus Profession, und so viele Spinner, das glaube ich nicht. Bücher schreiben die sicher auch nicht, wer sollte das alles lesen? Die Dame im roten Trikot in der Startaufstellung neben mir, die sieht aus wie eine Fachverkäuferin für Damenoberbekleidung. Und den etwas korpulenten Herrn neben ihr treffe ich vielleicht morgen schon wieder – an einem Bahnschalter der DB. Es sind wirklich ganz gewöhnliche Menschen, die sich hier zusammengefunden haben und nun, leicht bekleidet und im Schatten etwas fröstelnd, auf den Startschuß warten. Oder es wären ganz normale Menschen, wäre da nicht die allen gemeinsame Verrücktheit, 42 km laufen zu wollen. Heute. Jetzt.
Ich ahne die Gründe, aus denen es die meisten der hier Wartenden tun. Natürlich könnte auch ich es aus denselben Gründen tun. Vielleicht tue ich es sogar aus denselben Gründen.
Aber das ist zu wenig.

Festgeläute
Allmählich wird es eng in der Startaufstellung. Einige dehnen noch ihre Beinmuskulatur, andere hüpfen ein wenig auf der Stelle, manche zucken im Rhythmus der Musik. Die hat in den letzten paar Minuten an Lautstärke zugenommen, die Bässe bilden Schwingungsknoten im Magen. Rhythmus peitscht an, drängt nach vorne, mobilisiert Kräfte. Ich denke daran, wie die Alten ihre Schlachten geschlagen haben. Wie bringt man ansonsten ganz vernünftige, friedliche Männer dazu, mit dem Schwert aufeinander loszugehen? Man treibt sie mit anstachelnden Rhythmen an. Es ist schwer, sich zu entziehen, auch ich bekomme Gänsehaut, Schauer von Erregung laufen durch den gespannten Körper. Man will nur noch los, laufen und laufen und laufen. Sich anpeitschen lassen. Getragen werden von Anfeuerrufen, Getrommel und Gejohle.
Aber wofür? Wofür über den Moment hinaus, da wildfremde Menschen mich bei meinem Namen nennen, „Du schaffst es, Solminore! Weiter so!“, wenn sie mich wie einen Freund oder Verwandten anfeuern? Man könnte es einfach dabei belassen und sagen, ich tue es für eben diese Momente. Momente wie diese: Einmal begannen bei einem Großstadtlauf die Glocken zu läuten. Es war Frühling, die Sonne schien, die Strecke führte über einen breiten, festlichen Platz. Erste Zeichen von Erschöpfung waren schon spürbar geworden, es mag ungefähr auf der Hälfte der Strecke gewesen sein. Und da plötzlich erklang vom Kirchturm Festgeläute, rollten die Glockenschläge in machtvollen Quinten und Quarten über den Platz, und es war, als gälten sie uns, die wir hier so mühsam liefen. Als meinten nicht nur die Glocken uns, mich, sondern als meinten uns auch das Licht, der Himmel, die harten Schatten. Alles ging mich an, ich war die Mitte von allem. Selten bin ich so sehr am richtigen Ort gewesen wie auf den paar hundert Metern über diesen Platz, durch die wie Meereswogen heranbrandenden Glockenklänge. Es war überirdisch. Ich war in einer Menge Menschen, wie in einem Traum mit allen und allem verbunden. Und gleichzeitig war ich völlig allein, so köstlich, so jubelnd alleine wie nie. Alle Eindrücke, die in diesem einsamen Selbst zusammentrafen, die Härte der Straße, der Schweiß, die ziependen Muskeln, die Rufe der Zuschauer, das schwere Rollen der Glocken, waren extrem scharf und klar. Als könnte man in die Mechanismen hinter der Bühne der Zeit blicken. Ich werde das niemals vergessen.

Und dann geht es endlich los. In Blöcken, gestaffelt nach Bestzeiten, damit schnellere Läufer sich nicht erst durch die Menge an Plebejern durchwursteln müssen. Zwei Gruppen starten vor mir, dann sind endlich auch wir dran. Die Startmatte fiept, wir laufen. Wir laufen tatsächlich, und rings um mich tönt das Getrappel von hunderten von Laufschuhen. Es ist wirklich ein grandios schöner Frühlingstag. Der Fluß glitzert, die fernen Hügel sind dunstverschleiert, die Schindeln auf den Kirchtürmen glitzern im Morgenlicht. Träge schiebt sich der Rhein an den Molen vorbei, strebt auf das neue Hochhaus am Südrand der Stadt zu, zwängt sich endlich zwischen die Hügel und verschwindet in einer verschleierten, leuchtenden Krümmung. Meine Stadt ist das, meine selbstgewählte Heimat. Gerührt sehe ich einem der Schiffe nach, die langsam gegen die Strömung stampfen. Indessen werden voraus, bei Kilometer 1 („Noch 41 km!“) die ersten Trommeln durch das Getrappel hörbar.
Trommeln, Trommeln. So kunstvoll, als könnten sie der Zeit selbst einen neuen Takt eingeben. Nach außen verlagerter Herzschlag. Der Sinn des Zeitstrahls selbst. Später, bei Kilometer 26 oder 27, werden mich diese Rhythmen für ein zwei Kilometer zurück in die Mühelosigkeit befördern. Tue ich es hierfür? Für ein paar Sekunden der Ekstase? Ist es das, was leidenschaftliche Tänzer fühlen, wenn sie ihren Körper der Musik überantworten und sich selbst dabei verlieren? Im Moment verliere ich mich nicht, im Moment bin ich noch voller Startadrenalin, habe meinen eigenen Rhythmus noch nicht gefunden. Ich beschließe, Gas zu geben, solange ich eben Gas geben kann, und zu schauen, wie weit mich das trägt.

Nur der Mensch ist stolz
Nirgends sonst wird das Dilemma des Menschen so eklatant deutlich wie am Nützlichen. Über den Ärmelkanal schwimmen, den Everest besteigen, zu Fuß den Antarktischen Kontinent / die Wüste Gobi / Australien durchqueren, mit einer Jolle über den Atlantik fahren. Oder eben: 42 km laufen. Oder, wenn das nicht genug ist, 63. Oder 84. Oder 100. Das Wort „genug“ ist hier wichtig. Wäre irgend etwas je genug, davon bin ich überzeugt, dann wären wir jetzt nicht hier, vor uns drei bis vier Stunden Quälerei. Aber der Mensch ist ein Wachstumswesen, das ist seine hervorstechende Eigenschaft: Daß es ihm eben nicht genug ist, nichts, nie. Nur der Mensch ist stolz. Nur der Mensch hat eine Lebensgeschichte, eine Biographie. Nur der Mensch sammelt Siege und Erfolge. Das ist manchmal sein Fluch. Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles dichtete Rilke, und er meinte es aufs Insgesamt des Lebens bezogen. Das ist natürlich miesepetriger Unsinn. Krankheiten übersteht man, Hungersnöte, mündliche Prüfungen, Zahnbehandlungen. Das Leben überstehen wir sowieso nicht. Wir halten es höchstens eine Weile aus, der eine länger, der andere kürzer. Und bis dahin geht es sehr wohl um den Sieg, oder besser, ums Siegen. Oder wenigstens um den ehrenvollen Versuch. Und ums Spiel, wo der Ernstfall nicht verfügbar ist oder aus dem Leben ausgemerzt wurde, aber die Abstraktion des Spiels, sein Imitationscharakter, sein Als-ob bedeutet eben auch, daß es, vom Ernstfall her kommend, sinnlos erscheinen muß. Was wir hier tun, ist ein Spiel. Es ist die Simulation eines wie auch immer gelagerten Ernstfalles. Der fehlende Ernstfall will aber möglichst lebensecht gespielt werden. Lebensecht ohne Schmerz oder Angst oder beides, das ist nicht zu haben. Aller Sport ist im Grunde Simulation eines Ernstfalls. Seine Probe, könnte man sagen, oder sein Ersatz. Imitat einer echten Jagd, einer Schlacht, eines Kampfes. Ein Bild, in dem wir uns als Helden in Positur werfen können, ohne gleich alles riskieren zu müssen.

Ich finde mein Tempo, 5:05 bis 5:11, ich bemühe mich, nicht langsamer zu werden. Im Training laufe ich nie schneller als 5:30, aber hier ist alles anders, hier gilt’s. Kein schau’n wir mal, sondern jetzt. Die Streckenführung ist allerdings ziemlich dämlich. Offensichtlich wird es immer schwieriger, eine Innenstadt abzusperren, immer mehr Stadtläufe beschränken sich auf einen 21-km-Rundkurs, der zweimal zu absolvieren ist. Nicht allein das, die Strecke führt erst einmal durch eine Vorortsiedlung aus lauter Einfamilienhäusern hinaus, zu einem Wendepunkt und wieder zurück zur Brücke. Interessant wird es erst ab Kilometer 8, dann führt die Strecke bis zum Posthochhaus und ehemaligen Regierungsviertel am Fluß entlang. Und das ist heute, mit der jungen Sonne im Gesicht, besonders schön.

Spaß
Man könnte sich natürlich darauf zurückziehen, daß Laufen Spaß macht, und Spaß keine Begründung braucht. Es geht aber nicht darum, ob das hier Spaß macht. Spaß ist relativ. Nachlassender Schmerz macht Spaß, Schmerzlosigkeit ist eher gleichgültig. Befriedigung von Bedürfnissen macht mehr Spaß, wenn das Bedürfnis durch Entbehrung gesteigert wird. Kontraste machen Spaß. Leistung macht Spaß. Stolz macht Spaß. Erinnerungen machen Spaß. Wenn ich als Kind etwas sehr wollte, zum Beispiel ein ausgefallenes Faschingskostüm, sagte meine Mutter, wenn man dich zwingen würde, etwas so Unbequemes zu tragen, würdest du dich weigern. Das eigene Bett ist wunderbar bequem, trotzdem zieht es manche Menschen von Zeit zu Zeit in ein unbequemes Zelt. Irgendein Gewinn muß in jedem Fall dabei sein, sonst würde man es nicht tun. Alles, was wir freiwillig tun, hat einen Zweck, sonst käme uns unser Tun völlig zufällig vor, es hätte keine Absichten, es geschähe uns nur. Niemand quält sich freiwillig nur um des Quälens Willen. Auch Masochisten nicht. Der Masochist würde sich nicht quälen lassen, wenn er davon außer Schmerz keinen Gewinn hätte. Der Gewinn liegt hinter der Quälerei, die Quälerei ist nur Zweck. Sprechen wir also nicht von Spaß. Oder vielleicht gerade doch?

Optidingsbums
Von Spaß ist ja außerhalb der Werbung eher selten die Rede, von Genuß ganz zu schweigen. Allenthalben wird ja nur noch nach Nützlichkeit gefragt, nach Performance und Effizienz, wird evaluiert und optimiert und jeder Lebensbereich Zwecken untergeordnet, die seltsam außerhalb liegen. Lesen fördert alle möglichen als wünschenswert erachteten Fähigkeiten beim Schulkind, nur ob es Spaß macht oder ob die Lektüre dem Leser bereichernd vorkommt, danach fragt keiner. Ein Musikinstrument zu erlernen ist sinnvoll, nicht, weil Musik eine Bereicherung ist und Freude schenkt, sondern weil Musizieren die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit sowie die Teamfähigkeit fördert. Aus ähnlichen Gründen, heißt es, sei es wichtig für Kinder, Fußball zu spielen. Es ist naheliegend, auch für das Laufen eine Liste positiver Effekte aufzuzählen, vornehmlich gesundheitlicher Art, und Gesundheit ist bekanntlich das allerallerwichtigste, der Körper immer optimierungsbedürftig, ja eigentlich optimierungspflichtig. Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihnen Ihr Körper gehört? Sie haben ihn sich nur von den Versicherungen und ihrem Arbeitgeber geliehen, merken Sie sich das. Also, eine Liste. Von Gelenken, die weniger anfällig für Arthritis werden, über Stoffwechsel und Gewicht, Immunsystem und Blutdruck bis zu den notorisch angeführten Herz- und Gefäßerkrankungen, die es mittels sportlicher Aktivität zu vermeiden gelte. Alles schön und gut, aber wenn die Vermeidung von Herzerkrankungen schon kein Grund ist, das Rauchen bleiben zu lassen. wieso sollte es dann ein Grund sein, mit dem Laufen anzufangen?

Es ist auch klar, daß sich in einer Gesellschaft, die einerseits jede menschliche Betätigung der Nützlichkeitsprüfung unterwirft, wo man selbst im Bett nicht in Ruhe gelassen wird, indem der medizinische Nutzen von Sex oder Masturbation herausgearbeitet werden, andererseits aber die Antwort nach dem letzten Grund all der Nützlichkeit, nämlich so etwas wie einem Sinn, schuldig bleibt, daß sich in einer solchen Gesellschaft gegens Nützliche ein Widerstand regt, der sich in leidenschaftlicher Hingabe an vermeintlich Sinnloses, an Schabernack, an Spiel, an Kunst, an absurdes Theater ausdrücken kann – oder eben in Betätigungen wie Bergsteigen, Marathonlaufen, Bungeespringen auslebt. Karneval ist auch so etwas. Subversives Ausbrechen aus der Nützlichkeit und Zweckgebundenheit. Und ist es ein Zufall, daß die Dada-Bewegung ausgerechnet dann aufkam, als die europäischen Gesellschaften dazu aufbrachen, sich endgültig und allumfassend durchzumilitarisieren und -industrialisieren? Das Sinnlose ist ein wichtiges Gegengewicht zum Totalitären der Nützlichkeit und neigt dazu, sich überall dort Bahn zu brechen, wo das Nützliche sich anschickt, zum Selbstzweck zu werden. Wie heute überall in den westlichen Gesellschaften, wo es sich durchaus als Unterdrückungs- und Gefügigmachungsinstrument eignet.

Aber dafür laufe ich nicht. Nicht aus Protest, nicht um mich der Nützlichkeit zu entziehen. Schon allein deswegen, weil das sinnlose Laufen dann einen politischen Zweck hätte, also wieder nützlich wäre. (Die Frage ist, wozu. Die Frage ist auch, ob es echt Sinnloses überhaupt gibt.) Ich laufe nicht, weil Laufen subversiv wäre, ich laufe aber auch nicht, weil Laufen nützlich wäre. Ich laufe nicht, weil Laufen gut wäre. Ich laufe, weil Laufen weniger schlimmer ist, als es nicht zu tun. Was aber genau vermeide ich, wenn ich laufe? Ich weiß es nicht.

„Ach was, ein Spaziergang“
Vom Ufer weg, am Regierungsviertel mit den Hochhäusern vorbei, weiter auf einer abgeriegelten Ausfallstraße. Guter Belag, schnelle Piste, aber malerisch ist anders: Ein breites Asphaltband liegt zwischen Grünstreifen. Autobahnzubringer queren mit dröhnendem Schattenwurf. Dahinter verwalten Ampelanlagen blinkend die leeren Kreuzungen. Zuschauer sind hier draußen aus naheliegenden Gründen nur spärlich vertreten. Dafür kommen die ersten schon wieder zurück. Noch ein Wendepunkt, aber bis dahin zieht es sich. Der Rhein ist nicht mehr zu sehen, eine Autobahn dröhnt, in den Rabatten lagern träge Frühlingsanbeter. Wie recht sie haben! Kilometer 15. Da fangen die ersten an zu stöhnen, zu spucken und zu schnaufen. Erfahrungsgemäß ziehen sich die Kilometer zwischen km 15 und der Hälfte am meisten, und heute ist keine Ausnahme. Museumsmeile, Bundesstraße 9, in der Tiefe der Straße ist das Schloß und der Startbereich zu sehen. Da noch hin, und dann den ganzen Bogen noch einmal.

Aber so darf man nicht denken. Man muß denken: „Es sind ja nun nur noch gute zwanzig Kilometer, das läufst du doch unter der Woche vorm Frühstück zum Wachwerden. Und eigentlich sind es ja nur noch neunzehn komma. Eigentlich nur noch achtzehn. Das ist ja nur unwesentlich mehr als fünfzehn. Also ein längerer Spaziergang.“ Tatsächlich sind das noch anderthalb Stunden, wenn das Tempo weiter so runtergeht, aber solche Gedanken muß man sich verbieten. Schlechte Gedanken machen langsam, rauben Kraft, ermüden, verstärken den Schmerz, dehnen die Zeit. Für die zweite Hälfte ist meine Strategie: Gedichte rezitieren. Die Kraniche des Ibykos, die ich mal in der Schule auswendig lernen mußte, dreiundzwanzig Strophen zu je acht Versen, ich kann sie noch immer. Fast. Denn plötzlich fällt mir auf, da fehlen vier Verse. Ich sage mir den Rest der Ballade auf, fange noch einmal von vorne an, Zum Kampf der Wagen und Gesänge / der auf Korinthus’ Landesenge … , aber nach des Sängers Schläfe zu umwinden / umstrahlt von seines Ruhmes Glanz fallen mir die ersten vier Paarreimverse der nächsten Strophe nicht mehr ein. Doch über solchen Grübeleien sind zum Glück die nächsten drei Kilometer vorbeigeflogen, ohne daß ich es gemerkt hätte. Also nur noch zwölf Kilometer? Leider nicht, fünfzehn, jetzt erst, die hatte ich mir vorhin ja nur schöngerechnet, als es tatsächlich noch achtzehn waren. Solche leidvollen Erkenntnisse machen den Läufer gleich mal zehn Sekunden pro Kilometer langsamer.

Noch einmal trinken. Ich schnappe mir einen Pappbecher mit Wasser, einen zweiten mit Cola, trinke abwechselnd aus beiden, schütte zuletzt einen Rest Wasser in einen Rest Cola. Runter damit, ich hab Durst. Verdammt, hab ich einen Durst. Gehpause, aber selbst im Gehschritt gelangt ein Viertel der Flüssigkeit nicht in den Mund, sondern auf Säuglingsart großzügig auf den gesamten Oberkörper. Egal. Zuviel Flüssigkeit im Bauch verursacht, vor allem, da gerade kein Blut für Verdauungstätigkeit zur Verfügung steht, Bauchschmerzen und Übelkeit. Mancher Lauf ist nach dreißig Kilometer zu Ende, wenn der Läufer vornübergebeugt am Streckenrand steht und eine Cola-Wasser-Maltodextrin-Mischung in den Straßengraben spuckt.

Immer wieder hört man, die Strecke sei eigentlich zu lang. Dreißig, fünfunddreißig Kilometer sind die natürliche Grenze, so weit kommt ein normalgewichtiger Mensch bei gemäßigtem Tempo mit den körpereigenen Glykogenreserven in Leber und Muskulatur. Glykogen ist ein Speicherstoff für die schnelle Energiebereitstellung in Form von Glucose. Muskelzellen können mit Glucose als Energieträger arbeiten, oder mit Fett. Glucose braucht aber weniger Sauerstoff, die Energiebereitstellung ist schneller. Dafür sind die Reserven begrenzt, und die Energiedichte ist geringer. Fett steht für praktische Belange unbegrenzt zur Verfügung und hat eine enorme Energiedichte. Aber die Bereitstellung ist mühsam und der Sauerstoffbedarf hoch, was sich im Laufe anhaltender Belastung dadurch bemerkbar macht, daß die Leistung rapide abnimmt, wenn der Körper von einer Mischverbrennung aus Glucose und Fett zur reinen Fettverbrennung übergehen muß. Man nennt diesen Punkt im Lauf den „Mann mit dem Hammer“ oder auf Englisch auch „the wall“. Will man dieses Phänomen vermeiden, muß man während des Laufs Kohlenhydrate zu sich nehmen, eine Mischung aus kurz- bis mittellangkettigen Polysachariden, die einerseits den Blutzuckerspiegel nicht allzu stark emporschnellen lassen (was durch den anschließenden rapiden Abfall katastrophal wäre), deren Energie andererseits aber nicht erst am Abend nach dem Lauf zur Verfügung steht. „Nahrung zu sich nehmen“ klingt leichter als es getan ist. Ein Lauf von 42 Kilometern in vier Stunden verbraucht bei einem Körpergewicht von 75 kg etwa 4000 Kalorien. Ein Stück Würfelzucker hat 12. Haben Sie schon mal hundert Gramm reinen Zucker zu sich genommen? Dann hätten Sie ein Zehntel des Bedarfs eines Marathonlaufs gedeckt. Zum Glück ist das Problem dadurch abgemildert, daß bei leichter bis mittelschwerer Belastung die Muskulatur Fett und Zucker in gleichen Teilen verbrennt. Trotzdem ist es unmöglich, mehr als nur einen kleinen Teil der verbrauchten Kohlenhydrate während des Laufs aufzustocken. Denn man setzt sich ja nicht gemütlich hin, um einen Teller Pasta zu verspeisen. Man läuft. Man ißt und läuft dabei. Der Oberkörper wackelt. Der Sauerstoffbedarf ist höher als am Mittagstisch. Man muß Atmen und Schlucken irgendwie koordinieren. Kurz, Essen während des Laufs ist unbequem, anstrengend und nervtötend. Vom Geschmack eines Energiegels zu schweigen. Weshalb ich es normalerweise lasse. Bei meinem Körpergewicht reichen meine Glykogenreserven für die volle Strecke – knapp.

„Und wozu soll das gut sein?“
Indessen fühlt es sich aber nicht danach an. Ich werde langsamer, die Zeit überholt mich. Unter zehn Kilometer noch, normalerweise befällt mich an diesem Punkt ein vorauseilendes Hochgefühl. Heute nicht. Heute muß ich mich von dem Traum verabschieden, unter 3:40 zu bleiben. Ich versuche zu berechnen, wie schnell ich den Rest laufen müßte, um es noch zu schaffen, aber mein Gehirn ist zu umnebelt, ich kann mich auf einfachste Aufgaben nicht mehr konzentrieren. Ich kann nur noch eins: weiterlaufen. Und auch das nicht mehr besonders flink. Ich weiß aber auch so: 3:39:59 ist nicht zu schaffen.

Es fällt schwer, etwas so Zeitraubendes, Anstrengendes, Schmerzhaftes vor anderen zu rechtfertigen, wenn man damit nicht einmal Erfolg hat. Und Erfolg, daß heißt natürlich: Sieg. Am besten, man verdient sein Geld damit, dann braucht man gar nichts weiter zu begründen. Geld ist die Begründung für alles, die beste Erklärung für vieles, und für manches die einzige, die verstanden wird. Außer der Gesundheit natürlich. Ich muß ja laufen, ich lebe davon. Ich muß laufen, der Arzt hat es angeordnet. Ach so, ja dann! Dafür müßte man dann nicht einmal Erfolg haben. Ja, man dürfte sogar jammern und würde noch bemitleidet. Also wieder eine dieser Tätigkeiten, vom Klavierspielen übers Schreiben bis zum Malkurs an der Volkshochschule: Ich tu’s ja nur für mich, einfach so, ohne Anspruch. Ich finde das, ehrlich gesagt, lächerlich. Warum sollte ich etwas ohne Anspruch tun? Warum sollte ich beim Mittelmäßigen stehenbleiben?

Und so blicke ich auf von mir so genannte Spaß- oder Freizeitläufer verächtlich herab. Auf Schönwetterläufer, auf Einfach-nur-so-Sportler. Auf stöckeschwingende Spaziergänger, die eine ganz normale Hunderunde zum Walking veredeln. Bluthochdruck kriege ich auch angesichts von Schönwetterschwimmern, die bei Sonnenschein in eitlem Zeitvertreib vor sich hin dümpelnd das Becken bevölkern, während ich, verdammt, Sport machen will. Freie Bahn gefälligst, für Leute, die es ernst meinen. Und da sind wir schon wieder beim Ernst.
Ich spiele nicht. Nie. Was immer ich anfange, tue ich in vollem Ernst. Das ist, wenn Erfolge ausbleiben, schwierig zu vermitteln. Man gerät in Rechtfertigungszwänge, wenn man der Freundin absagt, weil man lieber laufen will. Oder wenn mehrere Stunden des gemeinsamen Wochenendes mit Laufen belegt sind. Wie vermittelt man den erfolglosen Ernst, mit dem man sich dem Laufen widmet? Wie erklärt man ihn Menschen, für die diese Tätigkeit allenfalls unter der Aussicht echten Erfolges, unter der Aussicht des Sieges also, Sinn hätte?
Genauso ist es mit dem Schreiben. Ich schreibe nicht „nur für mich“ oder „einfach nur so“, das Schreiben ist mir bitterer Ernst, Lebensernst. Auch ohne Erfolg ist es mir ernst. Ich ziehe mich nicht, wie die Volkshochschulbesucher, darauf zurück, gar keinen Erfolg anzustreben, im Gegenteil. Keinen Erfolg haben zu wollen, würde bedeuten, es nicht ernst zu meinen. Von außen betrachtet, aus der Sicht derer, die seit Jahren darauf warten, daß da mal was herauskommt bei meiner Schreiberei, ist dieser Ernst völlig unangebracht, die Mühe verschwendet. Ich verrenne mich. Ich jage einem Phantom hinterher. Es gehört nicht mehr zu den allgemein gebilligten Lebenshaltungen, sich für etwas Unerreichbares aufzureiben. Man sucht sich nicht etwas, womit man Erfolg haben will, sondern das, womit man wahrscheinlich Erfolg haben wird. Ein gelingendes Leben bemißt sich heute nur am meßbaren Erfolg. An Studienabschlüssen, an sogenannten Jobs, an Publikationen. Am Einkommen, natürlich, an der Quadratmeterzahl der Doppelhaushälfte. Ich finde das lächerlich, aber für die meisten dürfte ich der Fuchs sein, dem die Trauben zu sauer sind. Mein Lebenserfolg bemißt sich ausschließlich an dem Ernst, mit dem ich dranbleibe. Am Schreiben, am Laufen. Man darf, nein, man muß fragen, warum gerade diese? Erfolglos könntest du mit so vielem anderen auch sein. Warum spielst du nicht Schach? Oder studierst im hunderddrölfzigsten Semester Mathematik, ohne jede Aussicht, jemals den Abschluß zu schaffen? Du könntest auch ein erfolgloser Eiskunstläufer sein, scheitere doch dort mal, das ist mal was anderes.

Ernst also. Alles mit Ernst. Ernst wird es jetzt auch auf der Piste, und zwar ziemlich. Alles hüftabwärts tut weh und schreit nach Ruhe. Muskeln, die sonst nie bis zur Ermüdung beansprucht werden, zeigen mir ihre Existenz an, und sie tun es wehleidig: Bauch- und Rückenmuskulatur, die zwar nicht selber rennen, aber immerhin knapp vier Stunden Halte- und Koordinierungsarbeit leisten müssen. Einzelheiten vom Wegesrand blitzen im Tunnelblick auf. Jugendliche grillen an der Straßenböschung. Absperrkegel, dahinter der Verkehr. Ein merkwürdiger Bau, über den ich mal mit einer Freundin auf einem Spaziergang gestaunt habe. Das war hier, an dieser Kreuzung, vor zwei Monaten, und in diesem Augenblick scheint es ein anderes Zeitalter zu sein. Ich kann nicht mehr denken, ich schaffe es nicht mehr, mich auf Gedichte zu konzentrieren, ich laufe, als ob ich darüber staunen müßte, daß ich es noch kann. Noch einmal trinken, klapper, klapper, klapper fallen die ausgetrunkenen Plastikbecher über den Asphalt.

Ein Anspruch also. Wem will man damit genügen, daß man sich hier quält? An welcher Meßlatte mißt man hier? Jeder halbwegs gesunde Mensch kann 42 km ohne Zeitvorgabe laufen. Die Kunst besteht darin, es in einer gegebenen Zeit zu schaffen. Nach dieser Meßlatte gehöre ich zum besseren Durchschnitt, mehr nicht. Gute Läufer schaffen die Strecke in drei Stunden, sehr gute auch in weniger, in diesem Bereich geht es in den Profisport, der Weltrekord liegt bei knapp über zwei Stunden. Das schaffen viele Menschen nicht einmal mit dem Fahrrad. Ich mit meinen läppischen 3:42 hingegen habe keinerlei Grund, auf irgendeine besondere Leistung zu pochen. Nur unter meinesgleichen darf ich auf Verständnis hoffen, also in Gesellschaft all der Freizeitläufer, die die Distanz in vier, viereinhalb oder gar in fünf Stunden schaffen, und es trotzdem immer wieder tun. Sie wissen, genau wie ich, daß sie niemals erster sein werden (außer vielleicht dereinst mal beim Rollatorlauf, veranstaltet vom Personal der Villa Regenbogen), und trotzdem tun sie es. Warum?

Grenzen
Es könnte mit der Erfahrung von Grenzen zusammenhängen. Wann erleben wir in der heutigen Zeit je die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit? Elementarer noch als das Messen an der Leistung anderer scheint mir das Ausloten dessen zu sein, was der eigene Körper kann. Es versteht sich, daß diese Lotung mit Schmerz verbunden ist. Grenzen sind Gefahr, ihre Überschreitung hätte Schäden zur Folge. Daher warnt der Organismus rechtzeitig: Durch Schmerz und Erschöpfung legt er uns eine Pause nahe. Das Schwierige ist nun, diese Signale zu ignorieren, weiterzulaufen, obwohl jede Körperzelle danach schreit, endlich stehenzubleiben. Grenzen sind eine Frage des Willens, und, ist der Wille stark genug, eine Frage des Schadens, den man bereit ist, zu riskieren. Wer nie auch nur in die Nähe seiner Grenzen gelangt, könnte man sagen, kennt sich nicht selbst. Ein Gang an die Grenzen ist ein Akt der Selbsterkenntnis und damit auch der Selbstbehauptung, der Selbstvergewisserung, der Selbständigkeit, eine Steigerung des Bewußtseins des eigenen Körpers, und, über dessen Grenzen, der eigenen Kraft, aber auch des eigenen Willens. Wieviel ist mein Wille wert angesichts von Schmerz und Erschöpfung? Die eigenen Grenzen auszuforschen ist eine Erkundung von Räumen, die die meisten Menschen ja nie betreten. Man kann sich natürlich fragen: Warum sollten sie auch?

Vielleicht darum: Zum Erkunden von Grenzen gehört auch der Reiz, sie auszudehnen. Erfolg muß nicht immer heißen, Sieger zu sein. Erfolg kann sein, sich aus einem japsenden Fleischkloß, der nach fünf Kilometern aufgeben muß, innerhalb von zwei Monaten in ein gestähltes Bündel aus Nerven, Knochen, Muskeln zu verwandeln, das nach zwanzig Kilometern immer noch weiterlaufen kann. Manchmal höre ich mir geduldig die Klagen von Leuten an, die sich für unsportlich halten. Wie gern, höre ich dann, würde man auch fit sein! Aber nach zwanzig Minuten Laufen habe man keinen Atem mehr. Zwanzig Minuten! Erstlich gehört schnellere Atmung zum Laufen dazu, ebenso wie das Schwitzen. Man nennt das Sport, und wer nicht gern schwitzt, sollte Angeln gehen oder Schach spielen. Außerdem steigt die Atemfrequenz nicht, wenn die Belastung einförmig bleibt. Es geht ja nicht darum, zwanzig Minuten zu sprinten. Aber davon ganz abgesehen, zweitens: Nach zwanzig Minuten ist man ja überhaupt erst warm. Der eigentliche Lauf beginnt erst nach ungefähr einer halben Stunde. Würden diese Leute einfach weiterlaufen, würden sie merken, wie es immer leichter geht. Aber diesen Punkt erreichen die meisten 20-min-Läufer niemals, weil sie weit vorher aufgeben, bevor es interessant wird, vor allem die, die nur auf ärztliche Verordnung laufen, oder weil Januar ist und die Zeitschriften voller Abnehmtips sind. Oh, keine Frage, man kann prima abnehmen, indem man läuft. Es aber nur aus diesem Grund zu tun, obwohl man ansonsten keine Freude daran hat, na ja, das ist ein bißchen so, wie Sex zu haben, um das Risiko für Herzerkrankungen zu senken, das stelle ich mir auch etwas freudlos vor. Ich selbst gehe ja auch nicht Gewichte stemmen. Oder fahre Rad. Oder mache Yoga. Auch nicht, wenn es mir ein Arzt verordnen würde. Selbst nicht, wenn eine Zeitschrift behauptete, damit könne man Haarausfall heilen. Nicht, weil ich nicht daran glauben würde – sondern weil es mir nicht den geringsten Spaß machen würde. Also doch wieder Spaß? Aber verdammt, macht das hier Spaß? Das kann doch nicht sein!

Quintus Horatius Flaccus
Und dann: Sollte man nicht jederzeit an sich arbeiten? Künstlerisch, moralisch, spirituell, somatisch? Sollten wir uns nicht jederzeit bemühen, bessere, tüchtigere, nützlichere und über die Nützlichkeit und Tüchtigkeit glücklichere Menschen zu werden? Ist Gebrauchtwerden nicht eine Form von Glück und wird der Brauchbare Mensch nicht dringlicher gebraucht als der unbrauchbare? Ist es nicht eine Form von Glück, etwas zu können? Und sei es auch etwas so Sinnloses wie die Marathonstrecke zu laufen! Und ist schließlich dieses Bemühen nicht von dem, was wir allenfalls erreichen können, ganz unabhängig zu bewerten? Auch wenn wir keine Mutter Teresa und kein Albert Schweitzer sind – sollten wir dann nicht trotzdem ständig daran arbeiten, na ja, gute Menschen zu sein? Oder tüchtige Menschen? Sollten wir uns nicht bilden und unseren Verstand schärfen, auch wenn wir nicht darauf hoffen dürfen, ein zweiter Albert Einstein oder Sherlock Holmes zu werden? Sollten wir nicht so stark, so schlau, so gut werden, wie es unsere Anlagen hergeben: das Beste von uns fordern, alles, was wir geben können? Auch wenn wir keine perfekten Pädagogen sind, werden wir unsere Kinder so gut erziehen, wie wir nur können. Soll ich also nicht laufen, so gut ich kann, auch wenn ich nie ein zweiter Haile Gebrselassie werde? Schreiben, so gut ich kann, auch wenn die Leistung eines Mann oder Faulkner nicht in mir ist? „Auch wenn du nie die Sehschärfe eines Lynceus erreichen kannst“, schreibt der römische Dichter Horaz, „so wirst du doch dein Auge salben, wenn du eine Bindehautentzündung hast“. Horaz war einer der ersten Selbstoptimierer, könnte man sagen. Um es mit einem anderen Dichter auszudrücken: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“

Aber die Forderung, besser zu scheitern, gehört zu einer Geisteshaltung, die zu Recht von dem etwas genervten Spruch: Alles wird besser, nichts wird gut kritisiert wird. Oder auch: Das Bessere ist der Feind des Guten. Wer aber Verbesserung fordert, sollte gleich dazusagen, mit welchem Ziel er das tut, andernfalls man bis zum Sankt Nimmerleynstag verbessern, neudeutsch: optimieren kann und auch muß, eine unendliche Forderung, eine unendliche Anstrengung, quasimoralisch, quasireligiös. Du bist schlecht und sündig, du mußt ständig gegen dich selbst und deine verdorbene Natur kämpfen, unablässig an dir arbeiten, aber glaube ja nicht, daß du es je schaffen wirst! Schaffen, was soll denn das heißen? Daß du ein guter Mensch wirst, endlich? Vergiß es! Schon die Freude über einen winzigen Teilerfolg gegen die Sünde ist bereits eine neue. – Das ist Totalitarismus. Der Erfolg liegt in einer unbestimmten Zukunft. Unsere Ur-Enkel werden den Erfolg der absurden Fünf-Jahres-Pläne ernten. Im Jenseits wirst du die ewige Glückseligkeit erlangen, wenn du nur genug bereust, daß du gegen die Sünde nicht angekommen bist. Denn natürlich hast du dich nicht genug angestrengt, niemals. (Und bis dahin, bis zum transzendenten Erfolg, schufte gefälligst für uns, das System.)
Der Sieg, mein unerreichbarer Sieg gegen tausend weitere Läufer, ist er die Sündenfreiheit, die ich niemals erlangen werde. Ist die Ziellinie eine Art von Absolution?

Zen
Ich stemme keine Gewichte, ich spiele kein Klavier. Ich könnte so vieles, vielleicht, aber ich behalte mir einstweilen vor, zu tun, was mir Spaß macht. Also doch Spaß? Macht das Spaß, gegen die Zeit anlaufen und wissen, man wird verlieren? Oder gibt es doch so etwas wie selbstbelohnendes Tun, auch ohne Spaß? In Axel Brauns Buch Buntschatten und Fledermäuse gibt es eine schöne Episode, wo es um die von außen betrachtet erbärmlichen Fortschritte des (an Autismus erkrankten) Erzählers im Flötenspiel geht. Als endlich auffliegt, daß der Schüler in zwei Jahren Unterricht praktisch nichts gelernt hat, wollen ihn die Eltern aus dem Unterricht nehmen. Für den kleinen Axel eine Katastrophe. Seine Eltern, schreibt er, hätten nicht verstanden, worum es bei dem Flötenunterricht eigentlich gegangen sei. Nämlich um die gleichbleibende Struktur des ganzen Ablaufs, vom Hinweg über die eigentliche Unterrichtsstunde bis zum Abgeholtwerden und zum Rückweg, eine Struktur, die Halt gibt, Periodizität aufweist, vertraut ist; und in der das Kind sich wohlfühlt. Das Zuhausesein in Strukturen, Abläufen, Prozessen. Das Tun als etwas, das sich Minute für Minute selbst belohnt.

Belohnt sich diese Schinderei aus heißem Atem, Schweiß, wundgeriebenen Hautstellen, schmerzenden Muskeln und Gelenken, belohnt sich diese Tortur, die aufrechtzuerhalten man alle Willensstärke braucht, wirklich selbst? Aber wenn es hier nichts zu gewinnen gibt, was bleibt sonst, als die Belohnung im Tun selbst zu suchen? In der Belohnung, es geschafft zu haben? Ich werde langsamer und langsamer. Am Straßenrand Narzissen, ich sehe sie kaum. Zwei Mädchen schlendern vorbei, unbeteiligte Spaziergängerinnen. Die Mädchen sind hübsch, in ihrem Haar fängt sich Sonnenlicht, ich habe keine Kraft, es zu bewundern, obwohl ich die Schönheit registriere. Wie gerne wäre ich jetzt auch unbeteiligt. Würde mich zu den hübschen Mädchen ins Böschungsgras setzen. Wie würden sie mich wohl wahrnehmen, einen wundgelaufenen, naßgeschwitzten Mann, nicht mehr ganz jung und in diesem Moment ganz gewiß nicht wohlriechend. Warum macht der das, was will sich dieser Halbgreis noch beweisen? Ist das einer von diesen Midlife-Crisis-Patienten, die es noch einmal krachen lassen wollen? So sehe ich mich plötzlich mit den fremden, schönen Augen, und komme mir unendlich peinlich vor.

Laß die doch denken, was sie wollen. Ich werde jedenfalls nicht aufgeben, niemals, Midlife hin oder her. So kurz vor dem Ziel, das wäre ja lächerlich. Aufgeben bedeutet: Ich kann nicht mehr. Davon kann keine Rede sein. Ich hätte es jetzt nur gern hinter mir. Zum zweiten Mal taucht in der Tiefe der Adenauerallee das Schloß auf. Museum König. Auswärtiges Amt. Gleich um die Ecke wohnt eine ehemalige Nachhilfeschülerin von mir. Ich forciere das Tempo, und erstaunlich: es geht. Es geht, weil ich die Entfernung unterschätze. Es sind noch zwei Kilometer. Das Ziel ist nicht, wo ich es vermutet habe, sondern eine weitere Runde durch die Innenstadt entfernt. Dichter jetzt die Zuschauer, lauter das Rufen und Klatschen. „Das sieht noch gut aus!“ ruft mir jemand zu, und ich denke, du hast keine Ahnung.

In diesen Momenten, gegen Ende der Strecke, vergleiche ich oft Entfernungen. Bei Kilometer 30 etwa denke ich, noch zwölf Kilometer, Moment, das ist von zu Hause hoch zur ehemaligen Kiesgrube, über die Roisdorfer Hufebahn in den Wald zur breiten Allee, eine Abzweigung weiter und über den Kamelleboom zurück. Ich versetze mich in eine völlig andere Laufsituation und versuche, aus dieser oft geübten Situation Kraft und Zuversicht zu ziehen. Denn allermeistens, wenn ich laufe, geht es nicht um die Marathonstrecke, nicht um den Wettkampf, nicht um Training, nicht um Sport, sondern: ums Laufen.

Etwas ganz anderes, anderswo
Laufen. Um sechs Uhr früh durch den erwachenden Wald. Es wird eben hell, das junge Grün der Bäume quillt aus der Fläche des Dunkels, marmoriert vom Weiß der blühenden Schlehen und Weißdornsträucher. Auf der Schulter balanciert man noch einen Viertelmond, während hinter den Hecken das erste Rebhuhn knarrt. Die Wege sind wie verebbendes Kielwasser sehr langsamer Schiffe, die längst heimgekehrt sind in ihren Tageshafen. Ein Gewebe von Stimmen durchwirkt die Räume des Waldes, Amsel, Singdrossel, Meisen, Rotkehlchen, Grasmücken. Die Luft ist kühl und transparent wie gespannte Haut, in den Pfützen liegen satte Schatten, überall riecht es nach Frieden. Laufen, ohne zu denken, laufen, und dabei intensiv denken, laufen, und dabei nichts, aber gar nichts wollen. Eine halbe Stunde später geht die Sonne auf, ein gestelztes Flimmern zwischen nachdenklichen Stämmen. Mäuse rascheln. Rehe bellen verhalten in der Tiefe des Unterholzes. Ich bin allein, der Morgen gehört sich selbst, so begegnen wir uns, der Tag und ich. Meine Stoppuhr ist mir egal. Die Geschwindigkeit ist mir egal. Die Kilometer sind mir egal, Hauptsache, ich muß noch lange nicht wieder nach Hause. Freude, Freude ist das. Kein Spaß, Freude. Die Freude, in der Welt zu sein und laufen zu können und nichts anderes zu wollen als das, was jetzt ist: Diesen Wald, diesen Weg, diesen Nebelstreif, diesen Tau auf den geschlossenen Köpfen der Buschwindröschen, diese Sonne, diesen Himmel, die wechselnden Geographien der Luft, und dieses Ich, in dem sich das alles trifft.

Jetzt aber hier
Aber weder Spaß noch Freude sind Begriffe, die das hier, am Ende der Zweiundvierzig Kilometer, an ihrem harten, unverhandelbaren, brutalen Ende, erfassen können. Es geht hier nicht mehr um Spaß. Es geht ganz allgemein nicht mehr um so etwas wie gute oder schlechte Empfindungen. Sondern nur noch ums Empfinden. Es geht um Dinge, die weit jenseits von Freude oder Verdruß oder Jubel oder Schmerz liegen. Jammer, Ekstase, Tränen. Himmlisches Entzücken. Das Extreme in der Nähe des Selbst. Durch den Schmerz hindurchgehen, neu geboren werden. Eine Hülle abwerfen, ein abgelebtes, schmutziges, schwaches früheres Ich. Sengende Berührung von Engeln. Reinigung durch Feuer, Flammen, Eisen. Hitze, Fieber, Durst, Glut und Schweiß. Ausbrennen von allem, was unrein ist in dir. Schwitze alles Dunkle aus, allen Dreck, allen Eiter, alle Fäulnis, atme dich von allem leer, was klebrig ist und stinkend, laß allen Kot hinter dir, alle üblen Gedanken, alle Ängste, allen Ärger, alle Mißgunst, jeden Haß, laufe, laufe durch alles, was Böse ist in dir, einfach hindurch, laufe, laufe zum Licht, zur Erlösung, zur Reinheit, zur Liebe, stirb.

Und werde.

Und dann, ich weiß nicht wie, ist es vorbei. Um mich her wogt der Lärm des Sieges. Jeder, heißt es in einer Art Trostpflaster für die Plebejer des Laufens, jeder, der seinen Körper dazu gebracht hat, die Marathonstrecke zu laufen, ist ein Sieger. Und so wimmelt es hier im Zielbereich halt von Siegern, von schwitzenden, humpelnden, das Gesicht verziehenden Siegern. Von athletischen, pummeligen, jugendlichen, greisen, von strahlenden, grinsenden, zähnefletschenden, hohlwangigen Gewinnern, der DB-Schalterbeamte, die Fachverkäuferin für Damenwäsche und der ganze Rest, wir haben es geschafft, und genau so sehen wir aus. Würstchen zischen, Leute plaudern, vom Zielbereich her dringen unverständliche Lautsprecherworte und Musikgestampf herüber. Volksfest. Die Tulpen und Narzissen leuchten. Es riecht nach Grillkohle, nach Schweineschwarte, Bier, Butter und Waffelfett. Ich sitze im für Teilnehmer vorbehaltenen Bezirk auf einer Bordsteinkante und trinke mein alkoholfreies Weizen. Alles an mir schmerzt. In den Zehen pocht es. Es ist zwei Uhr, die Mittagssonne wärmt mir den verschwitzten Leib. Hinter den ergrünenden Kastanien hängt eine feuergesäumte Wolkenwand. Mein Gesicht fühlt sich steif an. Stimmen fliegen hin und her, Gesprächsfetzen: „Bei km 38 hab ich tatsächlich gedacht, ich schaff’s diesmal nicht …“. „Die zweite Runde kam mir härter vor, aber dann …“. „Das Wetter war ja schon fast zu warm, aber …“. So wird überall der Lauf bereits Geschichte, Erzählung, Anekdote, abgehakt, verklärt, verdichtet, verflucht. Wenige Bilder werden bleiben, Bilder, und das, was man sich jetzt hier erzählt, und was, richtig oder falsch, sich zu den jeweiligen persönlichen Legenden über diesen Lauf, als seine unverrückbaren Wahrheiten verfestigen wird. „Hast du solminore gesehen, der ist ja abgegangen wie eine Rakete!“ Ich horche auf, sehe mich um, aber dann hat es wohl doch niemand gesagt. Ich blinzle ins Frühlingslicht.
Es ist vorbei.
Vorbei.

Glücklich
Die Frage bleibt offen: Warum habe ich das gemacht? Warum mache ich das?
Ich erinnere mich an einen Moment, bei Kilometer 27 oder 28, beim Einbiegen zum Flußufer, wo ich dachte: Und wieder. Und wieder und wieder und wieder. Du wirst es wieder schaffen, wieder einmal. Du wirst wieder einmal nicht Sieger gewesen sein, und selbst wenn. Das würde dir auch nicht helfen. Du wirst nicht einmal besonders stolz sein, auf nichts. Du wirst erleichtert sein, daß du es geschafft hast, du wirst erleichtert sein, daß du es noch kannst, daß Krankheit, Alter und Verfall noch keine Macht über dich haben. Noch nicht. Und so wirst du eben weiterlaufen, weiterhumpeln, weiterkriechen. So gut du es eben kannst. So lange es noch geht. Vielleicht wirst du später mal für kurze Zeit bewundert werden, wenn du davon erzählst, vielleicht wird man dich dafür anstaunen, daß du ein paar Jahre lang regelmäßig Marathon gelaufen bist. Aber niemand, der es nicht selbst getan hat, wird wissen, wie es war; oder dich verstehen. Vielleicht wirst du bis dahin noch viele, viele Male über die Ziellinie laufen, durch die Gasse klatschender, pfeifender, jubelnder Menschen, die dir zurufen, daß du noch gut aussiehst, und für einen Moment wirst du dich der Illusion hingeben dürfen, daß ihr Jubel dich meint, dich. Vielleicht wirst du die 3:30 noch schaffen, bevor das Alter, die Kreuzschmerzen, die Arthrose, der geschrottete Meniskus, der Herzklappenfehler dich ein für allemal aus der Bahn kegeln. Und vielleicht wirst du sogar so etwas wie einen kurzen Triumph fühlen, wenn die RFID-Matte mit einem schrillen Pfeifen dein Transpondersignal abliest, deine Zeit abnimmt, und es wieder mal geschafft ist, zweiundvierzig Kilometer hinter dir liegen, einen kurzen Triumph, Sieger gewesen zu sein wenigstens über dich selbst, einen Triumph, den du vor Erschöpfung gar nicht richtig genießt. Vielleicht wirst du einmal mit Wehmut auf diese Zeit blicken, auf diesen Lauf, wo du dir nichts sehnlicher gewünscht hast, als daß es vorbei sein möge. Und dann wirst du genau diese Sehnsucht, diese Erschöpfung, dieses Ich-kann-nicht-mehr vermissen.
Nur eins wirst du niemals sein, weder beim Laufen noch danach.

Glücklich.

Und so sitze ich im Gras zwischen den lustigen Stimmen, bis in die Seele hinein erschöpft, entleert, Sieger über mich selbst, bis zur Niederlage besiegt.

Eine Anmutung von Fremdheit

23. März 2017 § 3 Kommentare

Als wäre das Laufen nicht mehr dieselbe Tätigkeit, als hätte sich, was ich als Laufen bezeichnete, wenn ich es tat, klammheimlich aus der Hülle des so Bezeichneten entfernt. Zu sagen, es ist nicht mehr dasselbe, trifft diese Verwandlung nicht, denn ich weiß nicht mehr, wie es vorher war. Es ist, als sei ein Schleier zwischen mein Laufen heute und mein Laufen vor, sagen wir, zehn Jahren getreten.

Es geht mir noch mit anderen Tätigkeiten so. Sie fühlen sich auf unheimliche Weise fremd an, oder ich selbst als Erlebender und Handelnder fühle mich in ihnen fremd an, als sei meiner Aufmerksamkeit ein weiterer Zuschauer gewachsen, unter dessen Augen und im Bewußtsein seines Zuschauens mir das Vertraute zu etwas sanftmütig Fremdem gerät. Selbst Küsse. Selbst das Liebesspiel. Selbst das Vertrauteste bekommt in diesem Argwohn die Anmutung von etwas Fremdartigem. Bin ich sicher, daß ich immer schon so umarmt, so geküßt habe? Ich weiß, was ich tue, ich fühle, was ich vermeintlich immer gefühlt habe. Aber plötzlich schiebt sich der zarte Schleier einer Unsicherheit zwischen mich und das Erleben. Es ist, als probierte ich den Geschmack von Dingen, die ich seit sehr langer Zeit entbehrt habe. Das merkwürdige aber ist, ich habe nichts entbehrt, es gibt ein Kontinuum ohne Brüche. Ich habe nie mit dem Laufen aufgehört, und auch mit der Liebe nicht, zum Glück.

Es ist etwas ungeheuer Plausibles in den Dingen, die wiederkehren. Plausibel und überraschend zugleich. Wenn überhaupt etwas, dann sind es die Gerüche und Geräusche der Jahreszeiten, die Textur eines bestimmten Frühlings- oder Herbstmorgens, die Dichte der Luft, die Transparenz des Raums, der Glocken, die darin schlagen, das geringste Gewicht des Lichts auf einer Anemone, die jenseits jeden Zweifels wahr sind, uralt und unveränderlich jung in ihrem Wiederauftreten. Spürt man, wie man alt wird, an ihrem Jungbleiben? Die Jahreszeiten werden nicht mit uns alt, mit niemandem.

Insofern ist jedes Erlebnis eines Frühlings, diese plötzliche Haupterhebung, daß man in der Frühe aus dem Haus tritt und sich wie gesalbt fühlen darf von der über Nacht geheiligten Luft, der Verweis auf alle Frühlinge, die man zuvor erlebt hat, und dadurch, daß so ein Morgen als etwas Bekanntes, als etwas, das man schon einmal erlebt hat, in Erscheinung tritt, und zwar als ganz genau dieselbe Erscheinung, gibt sie mir das Bewußtsein meines Alterns ein. Ich erinnere mich ja. Der Frühling ist neu und unverändert. Aber indem ich mich erinnere, daß genau der gleiche Frühling schon einmal war, ja, indem er mir überhaupt als etwas Bekanntes begegnen kann, fühle ich meine eigene Bewegung durch die Zeit.

Vielleicht ist es ein verändertes Bewußtsein von den Dingen, für die Dinge, für mein selbst in der Begegnung mit den Dingen. Eine Schärfung, nicht der Wahrnehmung selbst, sondern der Selbstwahrnehmung. Ein Argwohn gegenüber dem allzu Selbstverständlichen. Noch ist mein Laufen selbstverständlich, das Musikhören, das Betrachten einer Waldlandschaft, der Geruch geschlagenen Holzes, Stuhlgang, das Gefühl von feuchter Kiefernborke, Fieber, ein Weinrausch; aber es ist nicht mehr selbstverständlich, daß es selbstverständlich ist; daß es selbstverständlich so ist. Plötzlich könnte es auch anders sein. Plötzlich könnte es früher ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich; aber die Erinnerung enthält nur Bilder, die zu allem passen, was ich jetzt erlebe. Die Erinnerung enthält ja nur Dinge, die man nicht mehr erleben kann, man kann nur die Erinnerung erleben. Nie kann ich in einen Lauf von vor fünfzehn Jahren zurückkehren, oder in eine vergangene Liebesnacht. Das Schöne an einem Frühlingsmorgen aber ist vielleicht, daß er selbst keinerlei Erinnerung hat an all die anderen Frühlinge vor ihm, die nur wir in ihm wiederfinden.

… nicht halten, wollen wir …

20. März 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Zwei Runden zu je 21 km durch den Königsforst gedreht. Zweimal der Tunnel, zweimal der Weiher, zweimal das Weglein mit den verrottenden Baumstämmen, zweimal die Kreuzung mit dem Pferdeweg, zweimal die tote Kröte. Und ich weiß jetzt, im Königsforst gibt es Feuersalamander. Nun ja, es gibt dort mindestens einen Feuersalamander. Um ganz genau zu sein, es gibt dort mindestens einen zertretenen Feuersalamander. Aber an dem bin ich nur einmal vorbeigekommen.

Bei der Beschreibung großer Erschöpfung ist oft von einem Tunnelblick die Rede. Was in diesen Tunnel gerät, stelle ich mir vor, wird eigentümlich fokussiert, unwillkürlich, drängt sich als Sekundenerscheinung auf, verschwindet gleich wieder, bleibt aber haltbar und in der Detailschärfe überreich im Gedächtnis haften. Etwa die tote, silbriggrau schimmernde Kröte auf dem Waldweg. Der dicke Hals, die vergleichsweise grazilen Beinchen mit den noch viel grazileren Schwimmfüßchen, die gelbliche Haut unterm Maul, der Eindruck von kalter Starre. Das Tier lag auf dem Rücken, die Glieder flach ausgestreckt am Grund. Bei der zweiten Runde war es etwas von der Stelle, wo ich es zuerst gesehen hatte, entfernt und lag etwas zur Seite gedreht, als walte in dem toten Leib noch ein unheimlicher, störrischer Wille.

Man könnte denken, es ist eine noch größere Herausforderung an die psychische Moral, wenn man schon 42 km laufen muß, dies auch noch in zwei gleichen Runden zu tun, so daß man nach 21 km genau weiß, jetzt exakt der gleiche Rundkurs nochmal, nochmal der Tunnel, nochmal der Weiher, die Bäume, die Kröte. Tatsächlich aber ist das gar nicht so verkehrt, denn die zweite Runde taktet sich dadurch, daß man sie schon kennt, in Abschnitte, die das Vorankommen belegen, durchgestandene Strecke wegstreichen und zum Weitermachen motivieren. Wenn man das Gelände nicht schon sehr gut kennt, sieht man, zumal bei einem Waldlauf, auf der zweiten Runde Dinge, die man bei der ersten nicht bemerkt hat. Anderes wiederum entgeht einem beim zweiten Mal: in Wirklichkeit nämlich kann ich mich nicht daran erinnern, am Weiher zweimal vorbeigekommen zu sein. Ein weiteres Merkmal der Erschöpfung und der Konzentration aufs Weitermachen: Man kann etwas so Auffälliges wie einen kleinen See tatsächlich übersehen. Erstaunlicherweise ist mir die zweite Runde zeitlich kürzer vorgekommen, obwohl ich bestimmt langsamer gelaufen bin.

Gedanken und Bilder. Die Schokolade, die gleich im Rucksack wartet. Das Bier zu Hause. Die Kraniche des Ibycus, woraus vier Verse fehlen, an die man sich einfach nicht mehr erinnert. Schluchzer in der Brust über ein Lieblingsgedicht, Drum, will schon unsrer Sonne Wagen / nicht halten, wollen wir ihn jagen, und zuletzt nur noch, nachhallend im Kopf, jagen, jagen, jagen, während aus drei Kilometern (komm schon, das ist bei dir zu Hause einmal auf den Berg und wieder runter) zweikomma Kilometer und irgendwann siebenhundert schier unüberwindliche Meter werden. Der Gedanke, wehr dich nicht. So ist es jetzt. Du läufst. So ist es jetzt. Du läufst. Es ist, wie es ist.

Oder auch: Wolkenschraffuren. Das Gitterwerk der Zweige als Schatten in einem plötzlich aufscheinenden Sonnenstrahl auf dem Weg. Oder auch: der wippende Pferdeschwanz einer Läuferin ein paar Schritte vor mir; ihr orangrotes Trikot mit dunklen Schweißflecken darauf; eine Pfütze im Tunnel, die das Gegenlicht des Ausgangs spiegelt; eine in den Schlamm getretene Gelpackung, mit ihrem gelben Schimmern der Kröte nicht unähnlich, als bestehe da eine geheime Verbindung; der Lärm unsichtbarer Riesenflugzeuge, wo der Weg die Einflugschneise unterquert. Ein geheimes Leben durchwirkt den Wald, an dem man keinen Anteil hat, ein Leben, das einen kaum beachtet, während man seine Ränder kreuzt, beschäftigt mit sich selbst wie mit einem sehr seltsamen Ding.

Laufen, nicht denken

27. Januar 2017 § 2 Kommentare

 
Endlich wieder großer Revierablauf. Hufebahn, Golfplatz, am großen Zehnt links, Eiserner Mann, durch den Wald durch richtung Hausertshausen, vor der Motte in Sichtweite des Schlosses links, dann gegen den rosigen Ostwind ankämpfend (am Hochsitz klapperts) am Waldrand entlang bis kurz vor Sümpfikon, an der Wasserleitung abgebogen, durch den inzwischen sonnigen Wald in Gegenrichtung der ersten Joggertrupps und vor einem Traktor fliehend über die Tennisanlagen zurück nach Quellstätten. Siebenundzwanzig Kilometer. Durchatmen, Eis von der Mütze klopfen, Tee trinken. Vorsichtiger Optimismus. Nicht zuviel nachdenken! Vielleicht geht es jetzt mal aufwärts hier.

Frühprotokoll: Träume

24. Oktober 2016 § Ein Kommentar

Die Zeit der dunklen Läufe ist wieder angebrochen.
In Dunkelheit aufbrechen, in Dunkelheit zurückkommen. Bei der Nacht zu Gast sein und ihr eine Stunde klauen. Die Stirnlampe leuchtet von außen in meine schwarze Wohnung.

Ein Stadtbus. Die Packer im DHL-Lager. Ein Schwerlaster, der in den Hof des Getränkehandels rollt. Ein Mofafahrer, der mich überholt. Eine Straßenbahn. Der Ökoladen am Waldrand. Ein Postwurfsendungsverteiler. Dazwischen nasser Asphalt, leere Briefkästen, ausgedünnte obere Zeilen von Fahrplänen unter Quecksilberdampflampen. Der Glanz von Straßenlaternen auf der Straße. Das Rumpeln ferner Güterzüge. Ein Duft von Gemüsesuppe: im Altenheim wird bereits fürs Mittagessen gekocht.

Der Postwurfsendungsmann kommt mit dem Auto: Alle paar Meter hält er an, kuppelt und steigt aus, springt zum nächsten Briefkasten, steigt wieder ein, kuppelt, fährt mit geöffneter Fahrertür drei Meter, steigt wieder aus. Arme Socke, denke ich, von dem, was du für die Arbeit kriegst, kannst du dir im Leben das Auto nicht leisten, das du für ebendieselbe Arbeit einsetzt.

Der Mond fast noch voll. Zerteilt die Wolken in schmale Streifen. Büsche werfen blaue Schatten: Mond und Stirnlampe ringen eine Weile, dann ist die Stirnlampe stärker, und der Schatten kehrt sich nach der anderen Seite des Gehölzes.

Wie Heilige, die man unterm Firnis kaum erkennt, der Umriß von Pferden.

Im Wald wird es noch dunkler als dunkel. Stadtmenschen können sich das nicht vorstellen. Die nennen einen Himmel schwarz, der in Wirklichkeit immer noch hell ist. Unter den Bäumen aber gibt es nicht einmal hellen Himmel, nur Schichten und Schichten von Schwärze, deren Tiefe und Verästelung nicht sicht- aber hörbar ist, anhand von Tropfen, näherem oder fernerem Rascheln, anhand des stärkern oder schwächern Widerhalls meiner Schritte. Die Stirnlampe wirft eine Kugel um mich; mache ich sie aus, bin ich vollkommen blind. Jenseits des Kegels beginnt der Wald, weit, offen, bereit, wie luzides Träumen, das jederzeit in ein Alpträumen umschlagen kann. Es ist einer seltsamen Gnade zu verdanken, wenn es mich wieder und wieder verschont, oder einer Art Gleichgültigkeit.

Von ferne Glockenklang aus dem Dorf. Dort ist es jetzt halb sieben. Hier, im Wald, ruft ein Käuzchen, ist es irgendwann, nachts.

Wo bin ich?

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