De gustibus

13. November 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Wissen wir immer, warum wir etwas mögen oder ablehnen? Wurzelt unsere Ablehnung oder Präferenz allein in uns, und wenn ja, wo? Laune der Natur? Frühe Prägung? Positive Verstärkung durch gute Erfahrungen? Und welche Rolle spielt die Werbung und der öffentliche Konsens, wie er beispielsweise beim Schlankheitswahn zu beobachten ist?

Schönheitsideale hat es wohl schon immer gegeben. Interessant dabei ist, daß diese Ideale in Bewegung sind und sich am selben Ort in der Zeit und zur selben Zeit von Ort zu Ort unterscheiden, zu ihrer Zeit und an ihrem Ort dann aber eine beträchtliche Wirkung entfalten. Es kann sich bei ihnen mithin nicht um den Ausdruck überindividuell und überkulturell festgeschriebener (um nicht „biologischer“ sagen zu müssen) Vorlieben handeln. Rätselhaft ist dabei, wie diese Vorlieben dann zustande kommen, und auf welchen Wegen, unter welchen Bedingungen sich welche Vorliebe als gesamtgesellschaftliches Ideal verbreitet und schließlich durchsetzt.

Will ich überhaupt wissen, warum ich etwas schön finde? Gäbe es für meine Vorlieben und Abneigungen eine objektive Erklärung (also keine Erklärung des persönlichen Geschmacks, sondern der außerpersönlichen Ursache), dann hätte ab dem Moment meiner Erkenntnis dieser Erklärung mein Empfinden mit meiner Persönlichkeit, mit meinem unteilbaren Ich nichts mehr zu tun. Subsumierbar geworden unter ein allgemeines Gesetz, wäre es gar nicht mehr meine Vorliebe. Da ich aber meine Vorlieben und Abneigung bin, wäre ich selbst letztlich unter allgemeine Gesetze subsumierbar, und meine Persönlichkeit wäre zum Teufel.

Der Ausweg: Ein Sittengesetz des Geschmacks, das man sich selbst gibt und dem man sich unterwirft, um dem Gesetz der Kausalkette zu entkommen.

Sich eine eigene Meinung bilden, den eigenen Geschmack finden, das ist sehr schwer. So schwer, daß man sich fragen darf, gibt es den überhaupt, den eigenen Geschmack? Eine Meinung ist oberflächlich begründbar (hat aber, argwöhne ich, immer eine emotionale Wurzel, der die Ratio komplett schnuppe ist), ein Geschmack nicht (sonst wäre er eine Meinung). Der Geschmack aber ist diejenige Regel, nach der unsere ästhetischen Reaktionen organisiert sind. Ästhetische Reaktionen, die überhaupt keiner Regel folgen, sind kein Geschmack, sondern Wahllosigkeit. Die Regeln des ästhetischen Rezipierens zu kennen, nutzt dem Rezipienten nichts. Er nimmt sie als die Axiome seiner Persönlichkeit wahr, und muß das auch, andernfalls sein Geist und sein Empfinden nichts weiter wäre als eine formbare Masse. Es darf den Urteilenden gar nicht interessieren, warum er so und nicht anders urteilt. Wer sich indessen für dieses kausale (nicht ästhetische) Warum interessiert, und zwar brennend; wer unbedingt wissen will, wie sich bei wem unter welchen Voraussetzungen und Einflüssen der Geschmack bildet – das ist die Werbeindustrie.

Schon jetzt wird ja mit Fleiß daran gearbeitet, den Menschen maschinenlesbar zu machen, wozu auch die Ableitung seines Geschmacks (und das heißt heute doch immer: seiner zukünftigen Kaufentscheidungen) zählt. Warum aber wäre es schlimm, wenn uns eine Maschine auf den Kopf zusagen könnte, was wir mögen? Weil wir dann dort, wo wir es selbst nicht begründen können, von außen begründet werden. Es gäbe keine Überraschungen mehr. Es gäbe keine Faszination über eine neue Faszination mehr. Wir könnten uns selbst nicht mehr entdecken und nicht entwickeln. Wir wären nicht mehr der Urheber, nicht mehr der Träger unseres Geschmacks. Und das wäre so gut, wie gar keinen Geschmack zu haben.

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Erzähl er nicht weiter, Herr Urian!

2. Oktober 2017 § 10 Kommentare

Früher war es das Reisen.
Eine gebotene Narrheit, ein Traum, hatte das Reisen zur Hauptperson jemanden, der ich nicht war, der ich aber gerne gewesen wäre. Das Reisen erforderte Eigenschaften, die ich im höchsten Maß nicht besaß, aber besitzen wollte, Coolness, Anpassungsfähigkeit, Angstfreiheit, Extrovertiertheit, Neugier, Unerschrockenheit, Schläue, Abenteuerlust, und gerade deshalb war ich so oft auf Reisen, so mit verbissener Leidenschaft, Hartnäckigkeit, ja Trotz unterwegs, als könnte ich auf diese Weise die mangelnde Coolness erwerben oder einüben, bis sie saß. Je öfter gereist, je schwieriger die Umstände, desto cooler, auf Dauer. Dachte ich.
Großgeworden im Zeitalter des aufstrebenden Rucksacktourismus (Stichwort „Land und Leute kennenlernen“), neuentdeckter Authentizität von Balsamico-Essig und Single-Malt-Whisky, in einer Generation, die plötzlich genau zu wissen glaubte, wie das Originalrezept für Tiramisù gehe, und denen „Insalata caprese“ leichter über die Lippen kam als „Grünkohl mit Pinkel“, unter Menschen, die größere Vertrautheit mit dem Didgeridoo als mit der Zupfgeige bewiesen – in dieser plötzlich ganz dem Außen zugewandten, Weltoffenheit und -läufigkeit demonstrativ zur Schau stellenden Umwelt galt für mich nicht minder, was für alle Altersgenossen galt. Wer jung war, mußte reisen. Wer es nicht tat, galt als vorzeitig vergreister Toast-Hawaii-Esser. Das wollte ich natürlich nicht sein. Niemand wollte das, auch wenn der Toast Hawaii heimliche Lieblingsspeise blieb. Man war nicht ehrlich, man verschwieg das, und bildete sich ein, die „original italienische Salami“ vom Discounter sei besser. Wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre: Dann hätte ich lieber Ostfriesenmischung als Assam FTGFOP getrunken. Und wenn ich noch ehrlicher gewesen wäre: Dann wäre ich zu Hause geblieben.


Denn wohl habe ich mich nie gefühlt auf Reisen. Ich habe es immer schon gemütlich, vorhersagbar und bequem haben wollen. Zwar wäre ich gern ein Abenteurer gewesen, nur Abenteuer erleben, das war nun doch etwas viel. Ich wollte mutig sein, aber nicht in Situationen geraten, die Mut erfoderten. Sein, nicht machen: Ich wollte jemand sein, für den es keine Gefahren, sondern nur Herausforderungen gab, kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung (und schlechte Laune), einer, dem es gelingt, die ganze Welt zu seinem Wohnzimmer zu machen. Dabei haßte ich schon den unbedeutendsten Zwischenfall, einen verspäteten oder verpaßten Zug etwa, oder wenn ich mich in einer Altstadt verlief, mir die Landessprache trotz Intensivkurs verschlossen blieb oder eine Hoteladresse nicht zu finden war. Schmutzige Betten, kaltes Duschwasser, unlesbare Fahrpläne, überlaufene Sehenswürdigkeiten konnten mich ebenso ärgern wie nervtötende Eigenschaften Einheimischer, etwa, immer freundlich „ja“ zu sagen, wenn sie „nein“ meinten (Bolivien), mir das Blaue vom Himmel herunterzulügen über das hübsche Hotel des Schwagers (Griechenland), bei Regenwetter mit Sonnenbrille herumzulaufen (auch Griechenland), oder aus zehn Kilometern zehn Meter zu machen (überall auf der Welt).

Ich arbeitete hart an mir. Irgendwann mußte es mir doch gelingen, die albernen Sonnenbrillen exotisch zu finden und das Ramschgeschäft mit dem heruntergekommenen Hotel des Schwagers für unverfälschte autochthone Gastfreundlichkeit zu halten. Das machten die andern doch schließlich auch! Laß es einfach auf dich zukommen, sprach ich zu mir selbst mit zusammengebissenen Zähnen, alles ist Erfahrung, urteile nicht so viel, entspann dich einfach. Ich entspannte mich – und verpaßte den Bus, weil ich den Fahrplan nicht zu entziffern vermochte.

Wenn ich reiste, war ich nicht so sehr irgendwoher irgendwohin unterwegs; besuchte ich nicht andere Länder oder Gegenden; war ich nicht auf der Suche nach etwas, sondern nach meiner Rolle dabei. Spaß machte das nicht. Meistens nicht. Natürlich gab es Momente seltsamer Intensität, an die ich heute noch gerne zurückdenke. Die Fahrt um Mitternacht Ortszeit vom Flughafen El Alto hinunter in den Canyon, an dessen Hängen das Lichtermeer von La Paz, tief, tief unten, emporbrandete; ein fetter Vollmond, geschwollen wie eine leuchtende Made über Piräus, beim Auslaufen der Fähre hinüber nach Kreta; ein Tagesanbruch in einem Park in Hieraklio, griechische Erde und Sonne, das Blitzblanke eleganter Frauen beim Morgenspaziergang mit ihrem Hund. Aber diese Erinnerungen, eingebettet in den größeren Kontext der Widerwärtigkeiten, die solchen Momenten vorausgingen (Streit mit Taxifahrern) und folgten (stressige Hotelsuche im Zustand völlier Übernächtigung), sind heute stets begleitet von der Erleichterung, daß es vorbei ist – und dem Bedauern darüber, daß das Reisen insgesamt nicht schön gewesen ist, und ich an der Stelle meines Scheiterns an Widerständen, meiner Unfähigkeit, auch diese Widrigkeiten als positive Erfahrung abzuspeichern, gern eine andere Erinnerung über dieselben Ereignisse und Begegnungen besäße, eine angenehmere, anders gefärbte ebenso wie eine versöhnlichere, stolzere von mir selbst.

Das Reisen war insofern eine Probe, in der ich mich selbst zu spielen versuchte – und scheiterte. Ich mochte nicht das Reisen, ich mochte die Vorstellung vom Reisen, ebenso wie es mir mehr Freude und Erkenntnis bringt, bei einer Tasse Kaffee einen Ausstellungskatalog zu studieren, als selbst ins Museum zu gehen. Ich mochte über fremde Länder lesen; sie selbst zu bereisen, dazu fehlte mir jedes Talent, jedenfalls, wenn ich dabei einen Genuß haben wollte.
Nicht nur Mut, Anpassungsfähigkeit, Coolness fehlten. Es fehlten auch die Hartnäckigkeit und die Neugier des Entdeckers. Nicht, daß ich nichts hätte entdecken wollen. Nur wollte ich es um des Entdeckens, nicht des Entdeckten Willen. Ich wäre gern der erste gewesen, ein erfolgreicher Jäger von Kuriosem, Grandiosem, bis dato unentdeckt Spektakulärem, wäre gern auf das gestoßen, was man heute so paradox als Geheimtip weitergibt. Auch hier ging es nicht ums Reisen, auch nicht darum, etwas Aufregendes zu erleben oder etwas Neues zu sehen. Es ging einzig darum, später einem staunenden Publikum davon berichten zu können. Natürlich entdeckte ich auf diese Weise nichts, weil mir ja, was es vielleicht zu entdecken gegeben hätte, im Grunde egal war.

Einmal, auf Klassenfahrt in London, ging ich allein ins British Museum. Wir hatten einen Nachmittag zu unserer freien Gestaltung, und meine Wahl fiel auf das BM. Sicher wird mich das Museum interessiert haben, es gibt dort derart viel zu sehen, daß für jeden etwas dabei ist. Aber das war es nicht. Mir gefiel die Vorstellung von mir, wie ich ganz allein in London ins British Museum ginge. Wie ich einer wäre, dem eine solche Unternehmung Spaß machte und – gelänge. Ich ging also hin und sah – nichts. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung von den schier unermeßlichen Dimensionen dieser Institution, ich hatte mich nicht informiert, ich zog keine Pläne zu Rate, ich fragte nicht nach einer Führung. Ich sah mich in der allerersten Halle ein wenig um, wo es irgend etwas Altägyptisches zu sehen gab, versuchte vergeblich, etwas von dem griechischen Text auf dem Rosetta Stone zu entziffern, nickte dennoch fachmännisch mit dem Kopf (sieh da, Griechisch) – und ging wieder. Nach einer halben Stunde. Weil ich dachte, das sei alles. Ich war weder enttäuscht noch verwundert, weil ich nicht wußte, was ich hätte erwarten sollen. Ich war auch eigentlich nicht besonders neugierig. Ich war dagewesen, damit war es gut. Erst später ging mir auf, daß ich vielleicht ein Promill des Museums gesehen hatte, das erste Wort im ersten langen Satz eines tausendseitigen Romans. Es war so, wie stolz darauf zu sein, die erste Seite von Schuld und Sühne aufgeschlagen zu haben. Ein bißchen schämte ich mich später dafür, aber in dem Moment, wo ich das British Museum an jenem Nachmittag wieder verließ, im Glauben, es gesehen zu haben, zählte nur eins: Ich war ganz allein in London ins British Museum gegangen. Und außerdem war mir langweilig. Jahrzehnte später las ich Neil McGregors Geschichte der Menschheit in hundert Objekten, eine kulturhistorische Schwarte, die an hundert ausgewählten Exponaten des BM entlangerzählt ist; ich fand es großartig, zum Durchlesen, zum Stöbern, zum Immer-wieder-Nachblättern und Staunen. Damals, in London, hätte ich auch besser einen Katalog oder eine Geschichte der Pharaonen zur Hand genommen, als durch die sommerheiße, schmachtende City of London zu latschen, um sowohl einer Rolle zu entsprechen, wie auf der Suche nach etwas, von dem ich erzählen könnte.

Und so war es eben oft. Doch mochte ich mir nie eingestehen, daß ich die Landkarte spannender fand als die Landschaft, deren Abstraktion sie war, eine Landschaft, deren tatsächliche, sicht- und anstaunbare Merkmale, egal wie großartig diese auch sein mochten, immer hinter der Unendlichkeit der imaginierten Räume zurückbleiben mußte, die das bedruckte Papier in seiner abstrakten Repräsentation anbot. Ich mochte mir nicht eingestehen, daß Reiseberichte weit vergnüglicher waren, als sich selbst auf den Weg zu machen. Denn mein Wunschbild von mir selbst war nicht das eines gelehrten Stubenhockers, da hätte ich niemals hineinschlüpfen können; sondern das eines Unerschrockenen, der sich selbst ein Bild von der Welt macht. Ich mochte mir nicht eingestehen, daß ich, selbst wo ich versuchte, die Rolle dieses Draufgängers möglichst echt zu spielen (wozu immer auch gehörte, daß ich mich so zu fühlen bemühte, wie ich meinte, daß sich ein Draufgänger fühlen müsse), doch nichts weniger als ein Draufgänger war. Ich hoffte, meinem Rollen-Ich immer ähnlicher zu werden, bis wir zwei, der Schauspieler und seine Rollenfigur, dereinst ununterscheidbar geworden wären.

Was ich nicht begriff, oder jedenfalls erst viel später, war, daß das Reisen, weit entfernt davon, den Reisenden in eine mutigere Version seiner selbst zu verwandeln, im Gegenteil sein wahres feiges Selbst überhaupt erst richtig zum Vorschein brachte, quasi freipräpariert vom Skalpell der Fremdheit, die es umgibt. So wurde ich auf Reisen nicht der, der ich sein wollte, sondern unvermeidlich der, den ich in mir selbst am meisten verachtete.

Mitnotiert

29. August 2017 § 6 Kommentare

Sechs Uhr früh, noch dunkel jetzt. Nach Westen die Bäume, still unter den Laternen, darüber der Vorgebirgshang, der schieferblaue Himmel. Alles ist Schiefer zu dieser Stunde. Der Tau auf den Mülltonnen, die dunklen Fensterscheiben, der Straßenasphalt, selbst der Gingko hat Blätter aus Schiefer.

Im Osten über der Bahnlinie ein rostiger Balken Helligkeit, der sich später, beim Ersteigen des Hangs, zu einem rosaroten Wulst ausweitet, der bläulichen Dunst darunter von bläulichem Dunst darüber abtrennt. Der Sommer tauscht Amseln gegen Fledermäuse. Wie alte Damen im Theater haben sich die Bäume am Wegesrand niedergelassen. Fächer schwingen, Seide raschelt, Blüten erlöschen wie Lampen. Man läuft wie eine Sinnestäuschung an den Zäunen entlang. Die Sonne wird noch eine Stunde brauchen.

Ich denke über Sinn und Sinnlosigkeit nach, besonders über letztere. Warum quäle ich mich hier den Berg hoch, was fange ich mit meiner Fitneß, die ohnehin höchst relativ ist, an, dient sie mir zu etwas, wenn ja, zu was, zu Stolz? Zum Wohlfühlen in diesem Körper? Es ist sowieso alles nur Aufschub, der Stolz wird sich bald nur noch auf die Vergangenheit richten, und das Wohlfühlen wird seine Grenze in der Grenze nachlassender Leistungsfähigkeit noch kennenlernen. Es fühlt sich nicht falsch an, was ich hier tue, noch nicht, aber sinnlos. Es zielt nirgendwo hin, es hat nur präventiven Charakter. Aber was will ich verhüten? Das Alter? Kann man nicht. Muß ich mir Ziele suchen, um die Illusion aufrechtzuerhalten, es gehe vorwärts? Den 50-km-Lauf etwa? Oder den Two-Oceans-Run, oder ein Jahr lang jeden Sonntag Marathon? Tatsache ist, daß weder die Prävention mir zu Sinn und Motivation taugt, noch der überschießende Ehrgeiz der Mittlebenskrise für mich als Rollenmodell taugt. Dieses letzte Aufgebot, daß so viele Männer meines Alters praktizieren, habe ich schon immer lächerlich gefunden. Zwar verstehe ich jetzt, wie man darauf verfallen kann, aber es wird in meinen Augen dadurch nicht weniger lächerlich. Es ist so albern, daß ich mich fast schäme, wenn ich die Laufschuhe anziehe. Man könnte das mißverstehen, wie man mir schon vor Jahren mitteilte. Es gebe viele Männer, gerade meines Alters, die plötzlich anfingen, das Extreme zu suchen. Verdammt, ich selbst könnte das mißverstehen, wenn ich meine Laufschuhe schnüre. In solchen Momenten ekelt mich beinahe vor mir selbst.

Warum empfindet ein junger Mensch diese Sinnlosigkeit nicht? Auch er wird alt und klapprig werden, auch seine 100-Meter-in-9-Sekunden werden absolut nichts mehr wert sein, wenn es in die Grube geht. Und in die geht es mit ihm wie mit mir. Warum kommen ihm seine Strampeleien dann nicht auch schon sinnlos vor? Was sind ein paar Jahrzehnte mehr, bitteschön? Ist es die vermeintliche Offenheit seiner Zukunft? Während die meine sich zu schließen beginnt: aber das ist eine Illusion. Geschlossen ist die Zukunft für jeden Menschen, vom Moment seiner Zeugung an. Allein das Wort Lebenserwartung legt das nahe. Trotzdem leben wir fröhlich drauflos, mit unserer Erwartung, wenn wir sechzehn oder zwanzig sind, als wären 85 Jahre die Unendlichkeit.

Ich muß an Oscar Wildes Bonmot denken, daß es höchst ungerecht von der Natur sei, daß sie die Jugend an Kinder verschwende. Recht so! Wieviel mehr als die Jugendlichen von heute wüßte ich mit der Jugend anzufangen! Anders als Oscar Wilde meine ich das völlig ernst. Die Jugend sollte man sich erst mal verdienen müssen. Dieses Leben ist ungerecht, von Anfang bis Ende. Besonders am Ende.

Später die Sonne, scharf abgezeichnet, ein Auge ohne innere Struktur, böses Leuchten, unentrinnbarer Blick, wie die Ankündigung einer nahenden Katastrophe schwebt sie über der ahnungslos-geschäftigen Ebene.

Mitnotiert: Dämmerung

24. August 2017 § 9 Kommentare

Schon ist es jetzt um sechs noch dunkel, bald wird man wieder die Lampe brauchen. Die Luft hat eine glatte Konsistenz, kalt auf den bloßen Armen und Beinen, kalt und fest wie Wasser, eine Kälte, die angenehm ist, sachlich, höflich, und mir meine Körperwärme läßt. Der Sonnenaufgang ist noch mindestens eine Stunde entfernt, die Börde ist mit Lichtern gefüllt, um die Berge jenseits der Sieg liegt ein dämmriger Kranz fahlroten Lichts. Schieferblaue Schleierwolken hängen am Horizont. Der Morgen ist still wie am Tag der Abreise. Die Koffer stehen gepackt im Hausflur, die Zimmer sind leer, die Türen abgeschlossen, dahinter tritt der Staub sein Amt an. Man schweigt, weil es nichts mehr zu sagen gibt, jedes weitere Wort gehört schon der kommenden Welt an. Es kann losgehen. Nur das Taxi ist noch nicht da.

Es wird alles immer absurder, und dieses Gefühl wird umso deutlicher und klarer, je weiter ich mich von der Börde entferne, von diesem mit Lichtern und Signalen angefüllten, brausenden, heulenden Kessel, den Straßen, Schienen und Stromleitungen zerschneiden, von dieser vermeintlich ordentlichen Welt. Vorhin war vom Verladehof des Paketzustelldienstes so ein glucksendes Piepen zu hören gewesen – das Signal eines Laserscanners, der das Erlebnis einer Apperzeption gehabt hat – und sofort gehen bei mir wieder die Alarmgeräte los, stellt sich das System auf Abwehr ein. Es ist zuviel Typisches an diesen Dingen, immer mehr solcher Wahrnehmungen geraten mir zum Symbol für etwas, das ich nur als zunehmende Verdrängung des Menschlichen durch das Maschinelle wahrnehmen kann. Für Kafka war es vielleicht das Klappern einer Schreibmaschine in einer Amtsstube. Für mich ist es das Kollern eines lautgebenden Laserscanners. Das Geräusch einer wachsenden, ausufernden Unmenschlichkeit, das durch keine Behauptung des Menschlichen – der Blumenstrauß im Büro, der Kaffee in der Kantine, eine Kinderzeichnung auf dem Schreibtisch, oder einfach nur der Geruch warmgelaufener Socken oder eines alten T-Shirts – gemildert wird. Wir sind Überbleibsel, und über unsere Gerüche und Gelüste, kann man sich schon mal ausmalen, werden demnächst – bald – Sensoren wachen und sie in etwas zutiefst Unmenschliches verwandeln.

Kritik am sogenannten Fortschritt, wo sie selbst sich nicht noch fortschrittlicher gibt, hat immer etwas Wohlfeiles an sich. Es ist leicht, etwas zu kritisieren, von dem man noch nicht wissen kann, wie es sich auswirkt; und es ist leicht, auf die positiven Aspekte des Bestehenden zu verweisen, weil sie bekannt und sichtbar sind. Das Bekannte ist leicht gegen das Unbekannte auszuspielen. Nur allzu oft in der Geschichte hat Kritik am Fortschritt, von Platon bis Spengler, dann aber im Rückblick etwas Weltfremdes und Verschrobenes bekommen. Dann heißt es leicht, hätte man damals auf den maschinellen Webrahmen verzichtet, würden wir heute noch, etc. Das Neue zu verteufeln fällt zwar leicht, solange das Alte noch normal ist. Aber das bedeutet nicht, daß Plato oder Spengler oder die Kritiker des maschinellen Webens nicht recht gehabt hätten, es bedeutet nicht, daß ihre Kritik nicht wohlbegründet gewesen wäre. Am maschinellen Webrahmen sind schließlich Menschen regelrecht verhungert. Die Kritik ist nur, da niemand sich darum geschert hat, irgendwann irrelevant geworden. Insofern ist die Kritik an der Fortschrittskritik selbst wohlfeil. Aber man wird über uns lachen, das steht fest. Man wird uns ewiggestrig nennen oder schlimmeres. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das Gestern lieb, und vor dem Morgen, so wie es sich derzeit abzeichnet, graut es mir, zum ersten Mal in meinem Leben.

All das ist jetzt da unten, bleibt hinter mir zurück, während ich den Weg am Schützenhaus vorbei einschlage. Winters hört man hier immer ein Käuzchen. Oben die Pferde, zuckende Schweife im grasigen Frühlicht. Dahinter der Waldsaum mit den betenden Föhren. Sehnsuchtswelten, deren Sog für mich darin besteht, daß sie nicht gemacht, sondern geworden sind, daß sie nicht nur älter sind als Laserscanner, sondern älter noch als der Mensch selbst. Ich gehöre beiden Welten nicht an, weder der Welt der Laserscanner, noch der alten Welt des Gewordenen. Die einzige Welt, der ich angehöre, ist ein Ort aus Wörtern und Bedeutungen. So ein Lauf durch den Wald beschert die Illusion einer Daseinsalternative. Tatsächlich laufe ich durch diesen Wald wie ein Neanderthaler durch eine Automobilausstellung laufen würde. Ich verstehe nichts von den Dingen, die hier vor sich gehen, noch viel weniger – in High-Tech-Textilien gehüllt und mit GPS-Stopuhr am Handgelenk – kann ich mich als Teil dieser Vorgänge begreifen. Tatsache ist, daß ich mich überhaupt nicht begreife, nirgends, auf keine Weise, außer als ein Wesen, das Worte macht und Bedeutungen verknüpft. Aber ohne Welt, auf die ein Ausdruck verweisen kann, gibt es auch keine Zeichen, keine Bedeutungen. Es gibt keinen Ausweg aus der Welt, auch nicht im Wort.

Frühprotokoll: Wider das Interessieren

1. August 2017 § 6 Kommentare

Es ist dunkel jetzt um fünf, stockfinster, still, die Räume nachdenklich ins Weite gespannt, eine Weite, aus der vereinzelt Regentropfen fallen. Der Nachrichtensprecher verkündet Tode, Schwert und Verderben, ich lasse ihn reden. Es ist immer das gleiche. Es ödet mich an, es ist mir gleichgültig. Als hätte ich die Pflicht zur Entrüstung! Die Pflicht, depressiv zu werden.

Ich bemitleide alle Menschen, die sich von Berufs wegen für etwas interessieren müssen. Immobilienpreise, Software-Updates, Blasenkatheter, DIN-Normen, Sicherheitslücken, Darmzotten, kubisch-zentrierte Kristallgitter, kraftschlüssige Verbindungen, Fußballergebnisse, Brandschutzverordnungen, relationale Datenbanken, laktosefreie Ernährung, Fix-A-Glut Schnellbindezement mit extrasanft modulierter Siccationsphase, doppelte Buchführung, vierlagiges Toilettenpapier mit Minzgeschmack, einzeln aufgehängte und kreuzweise verspannte Federmuffen. Was für eine Freiheit liegt darin, sagen zu können, das interessiert mich nicht. Was für eine Erlösung, sich nicht zu interessieren. Vor Jahren einmal Marcel Reich-Ranicki in einem Interview: „Die angloamerrrikanische Literraturr interrethiert mich nicht.“ Herrlich. Ich glaube, das war letzten Endes das, was jedem meiner Berufswünsche zugrunde lag: die Freiheit, einmal das tun zu können, was mich interessiert, den Rest mit einem „Interessiert mich nicht“ ungestraft von der Tischplatte fegen zu dürfen. „Die Brandschutthverordnung interrethiert mich nicht“ – Wunderbar.

Ich stelle fest: Das meiste interessiert mich wirklich nicht. Ich beobachte das im Vergleich mit anderen. Da gibt es einen Freund, der alles ausprobieren muß, einzig um der Erfahrung willen. Neugierig wie eine Elster, findet er fast alles, das er noch nicht kennt, erst einmal spannend. Das ist mir völlig fremd. Ich bin leicht überfordert und ebenso leicht unterfordert. Einige wenige Erfahrungen, Vollzüge, Erlebnisse sind mir so wichtig, daß mir die Zeit für etwas anderes, das ich noch nicht kenne, zu schade ist. Was, wenn es mich enttäuscht? Und wahrscheinlich wird es das. Die meisten Erfahrungen langweilen mich nämlich innerhalb von Minuten. Bei anderen weiß ich zuversichtlich, daß sie mir nicht behagen werden. Ich werde nie freiwillig in den Wagen einer Achterbahn steigen. Oder mit einem Gleitschirm fliegen. Ich muß auch Island nie gesehen haben, oder mit Druckluft tauchen. Schnorcheln reicht völlig. Nach fünf Minuten wird mir ohnehin kalt. Ich dachte auch einmal, man müßte, man mußte doch. Was alle sagten und dachten: Gereist sein, Länder und Menschen kennengelernt haben, man mußte doch Drogen ausprobiert, Nächte durchgetanzt, ein Open-Air-Konzert besucht, Sex am Strand gehabt, in einer Kommune gehaust haben, mit dem Tretboot in Sandalen über den Atlantik gefahren oder auf Rollschuhen den Aletschgletscher hinuntergefahren sein. Man mußte, man mußte! Sonst? Ja, was eigentlich? Hatte man dann etwas verpaßt? Es waren die Jahre, in denen man den Film Dead Poet’s Society gut finden mußte. Ich fand ihn gut. Damals. Heute finde ich ihn verlogen, ideologisch, falsch in seiner unüberlegten Hau-Ruck-Philosophie. Vom Kitsch zu schweigen.

Vielleicht ist aber auch das ein Luxus. Man mußt erst einmal so viel erlebt haben wie ich, um sagen zu können, im Tretboot über den Atlantik interrethiert mich nicht. Ich habe den ganzen Quatsch (mit Ausnahmen) ja mitgemacht, den man angeblich mußte. Trotzdem ärgert mich das Gehabe von damals noch heute. Als wäre das Jungsein eine Verpflichtung gewesen. Mich ärgert, daß ich so beeinflußbar war.

Neuweg, Apfelmaar, die letzten Regentropfen, südwestlich blauer Himmel mit Schäfchenwolken. Wind- und Vogelstille. Wie ein Fingerschnippen des Laubs manchmal ein davonstiebender Flügelschlag. Kurze, scharfe Rufe. Träges Arbeiten eines Bussards, der vor mir flieht, über die Wiese strebt, sich hunderte Meter entfernt niederläßt. Ein Mann kommt zur stillen Andacht an ein Wegekreuz, wir grüßen uns. Der Wald ist still und brütet, das Unterholz leer, die Hallen haben Ferien. Himmel, Tropfen, Pfützen, Schuppen eines Lärchenzapfens, die Hundspetersilie am Wegrand, das grüne Gähnen der Straße, ein Pilz, den ich nicht kenne, das ist Raum und Erfahrung genug für mich. Zuhause das Radio, schweigt mich an, beleidigt, schmollend, und doch im Bewußtsein des längeren Atems der äußeren, größeren Welt.

(Erst bei den Pferdeweiden ist mir der Traum wieder eingefallen. Ein Pferd schubberte zärtlich mit der Schnauze an meinem Knie oder Oberarm entlang, eine Geste so voll von Freundlichkeit und Vertrauen, daß ich die beiden echten Pferde auf der Weide am liebsten umarmt hätte. Ich habe wiederkehrende Tierträume, angenehme wie unangenehme. In den unangenehmen muß ich mich immer größer werdender Spinnen erwehren. In den angenehmen begegnen mir meist Hunde, selten Mäuse, und jetzt ausnahmsweise ein Pferd. Das begleitende, die Stimmung des Traums dominierende Gefühl ist das der Herzenshingabe. Diese Tiere vertrauen mir, nähern sich mir oder sind eng bei mir in freundlichen Absichten. Manchmal berühren sie mich. Manchmal schauen sie mich nur an. Es sind unabhängige, freie Wesen, die mir zugeneigt sind, mich aber nicht brauchen. Trotzdem ist etwas Verletzliches an diesen Tieren, man muß gut zu ihnen sein, sie schützen. Eine Gefahr, vor der sie zu schützen wären, gibt es nicht in diesen Träumen, kein Bedarf, zu handeln. Die Tiere sind da, ruhig, gelassen, meine Nähe suchend. Das ist alles. Und es ist wunderschön.)

Da steckt doch mehr dahinter!

31. Juli 2017 § 5 Kommentare

Dieses Gefühl, daß mich jemand durchschaut, oder wenigstens zu durchschauen glaubt. Da werde ich sofort fuchsig. Mich kennen? Du ahnst nicht, was du alles nicht einmal ahnen kannst! Und dennoch, was man mir da beim Abendessen auf den Kopf zusagt, daß ich ein ängstlicher Mensch sei, das stimmt. Grund zu der Vermutung habe ich indes niemals gegeben, und so tröste ich mich damit, daß dieser Schluß von falschen Beobachtungen auf etwas zufällig Richtiges geht. Vielleicht mußte man auch einfach ein bißchen Vergeltung dafür üben, daß ich die Frage nach meinem Roman abgeblockt habe, und zwar mit klaren Worten. Doch noch ein bißchen was rausgekriegt haben über mich.

Es ist ein Muster, das sich oft wiederholt, und für einen ganz bestimmten Menschentypus charakteristisch ist. Wenn ich mich mal ausnahmsweise des gleichen Musters bediene, würde ich sagen, diesem Nachbohren liegt eine tiefe Unsicherheit zugrunde: Woran bin ich mit dem? Warum sagt der nix? Gehe ich ihm auf die Nerven? Der verbirgt mir doch was! – Und dann wird halt gestochert. Und im Nebensatz behauptet: Es ist ja nicht schlimm, wenn du Angst hast. – Wer hat hier Angst? Das sind dieselben Menschen, für die alles immer natürlich und locker sein muß. Mach dich doch mal locker! Und dabei sind sie selbst die verkrampftesten in ihrer Unfähigkeit, den andern so schweigsam, verkrampft und eingeigelt zu lassen, wie er halt ist: Da muß man doch was machen! Sei doch mal locker. Du kriegst es noch an der Nackenmuskulatur.

Nachbohren und Zuschreibungen: Klar hast du Schuldgefühle. Wir Frauen haben alle Schuldgefühle. – Das macht mich selbst stellvertretend wütend, vielleicht auch, weil die, um die es ging, es nicht wurde. Eine boshafte Vermutung wäre: Diese Menschen sind selbst so ängstlich und unlocker und voller Schuldgefühle und zugleich voller Neid auf die, die nicht ängstlich sind und keine Schuldgefühle haben, daß sie einen solchen Makel überall vermuten müssen. (Denn ein Makel ist es, sonst müßten sie nicht so sehr betonen, auch dies eine gängige Phrase aus dem Mund solcher Menschen, daß das doch nicht schlimm sei.) Und natürlich haben sie immer recht mit ihrer Vermutung! Denn wer hat nicht schon einmal Angst oder ein schlechtes Gewissen gehabt? Man muß nur laut und bestimmt genug drauflos vermuten, um Verunsicherung zu erzeugen. Und vielleicht geht es genau darum.

Dazu gehört auch, ins Licht zu zerren, was ich lieber auf dem Wege des Ausweichens oder der Diplomatie lösen würde. – Ich weiß ja, du läßt dich nicht gerne umarmen. (Gefolgt von einer dicken Umarmung.) Manche Leute sind ebenso taktlos wie dreist. Sie scheinen es darauf anzulegen, daß ich den Mund aufmache. Und loben mich dann noch dafür, daß ich unhöflich bin. – Endlich sprichst du mal Klartext! (Ich will aber keinen Klartext sprechen. Klartext ist unter Menschen, die sich nicht gut kennen, unangenehm, für beide Seiten.) Mir wäre es lieber, wir würden ganz im Stillen verstehen und unsere Schlüsse daraus ziehen. Das nennt man Rücksicht. Insbesondere, wenn es um Dinge geht, die mir peinlich sind. Nicht: die peinlich sind, sondern mir peinlich sind. Das Besprechen von Peinlichem ist etwas für engste Freunde. Aber vielleicht ist genau das das Problem: Solchen Menschen ist eben nichts peinlich, und darum akzeptieren sie nicht, daß mir etwas peinlich ist. Das muß dir doch nicht peinlich sein! Aus der Sicht solcher Leute ist das dann nur eine Frage der Lockerung, und also ein Fehler meinerseits, wenn ich eben nicht locker bin. Mir ist ja schon peinlich, daß mir überhaupt etwas peinlich ist. Und noch peinlicher, wenn das jemand merkt.

Selbst keine Geheimnisse haben, und dann dem andern die seinen nicht lassen, auch das gehört in das Muster. Alles von sich preisgeben, auch das, was ich gar nicht hören will. Neulich sagt mir jemand, Sie mögen nicht gern photographiert werden, stimmt’s? Ins Schwarze getroffen, und schon wieder werde ich ungehalten. Ich lasse mich nicht gerne beobachten, nein. Und daß jemand genau diese Scheu vor Beobachtung beobachtet hat, macht mich erst recht wütend. Wie aber verbarrikadiert man sich, ohne daß man die Barrikaden merkt?

Solche Menschen, die einem das eigene Innenleben aufzwingen und dann fast beleidigt sind, wenn man selbst von sich schweigt (Und du so? Erzähl doch mal was von dir!), haben, vermute ich, den Wunsch nach klarer Sortierung. Du bist so, ich bin so, ein Dritter ist so. Und fertig. Diese Menschen sind immer schon fertig mit ihrem Gegenüber. Dabei fängt man ja dort erst an, wo man eine Vermutung über einen fremden Menschen hat. Man wird ja mit sich selbst schon nicht fertig, wieviel weniger dann mit einem anderen.

Frühprotokoll: Freiheit und Sehnsucht

6. Juli 2017 § 3 Kommentare

Noch einmal laufen und immer wieder laufen, ich denke nicht darüber nach, wo andere erst lange von Motivation reden, reibe ich mir die Augen, stöhne leise und schlage dann die Bettdecke weg. Kaffee kochen, Mails lesen, Zähneputzen. Und los. Ich diskutiere nicht mit mir. Wenn es regnet, fluche ich, aber ich bleibe nicht zu Hause. Es ist wie Zähneputzen oder Duschen. Man tut es halt, mal lieber, mal weniger gern, auch gegen den Widerwillen. Weil man das halt so macht. Wer spricht von wollen? Tun ist alles. Ich aber genieße es, mein Tun in niemandes Dienst zu stellen. Was ich tue, hat mit Sehnsucht zu tun, nicht mit Nützlichkeit. Auch für die Sehnsucht ist Disziplin vonnöten.

Die Sehnsucht nach einem Ort und einem Weg ist stets größer als das Gefühl, angekommen zu sein, der erwartete Friede größer als der gefundene. Weniger eine Enttäuschung als eine Unruhe, die mich noch weitertreibt, der nächsten Sehnsucht nach. Du fändest Ruhe dort heißt es im Gedicht vom Lindenbaum, das mich, wann immer es mir in den Sinn kommt, zuverlässig zu Tränen rührt, aber ich weiß: Solch einen Ort unter der Linde oder wo auch immer gibt es nur im eigenen Innern, gibt es nicht in der äußeren Welt, gibt es nur als Sehnsucht. Man fände keine Ruhe dort, wo immer dort ist. Man fände dort gar nichts. Der innere Sehnsuchtsort dient höchstens der Ordnung und Orientierung, er sortiert die Erscheinungen des eigenen Lebens, richtet sie aus, schenkt ihnen Bedeutung, indem er sie auf sich als auf ein Zentrum hin bezieht. Schon allein das kann hilfreich sein, aber man sollte nicht mehr erwarten.

Räume, die uns Frieden schenken, sind keine Sehnsuchts-, sondern Gewohnheitsräume. Selten achte ich einmal auf die Kirchenglocken in meinem Ort; klängen sie aber eines Tages anders, würde ich das sofort bemerken.

Die Luft ist noch kühl, das Licht wie frisch abgebraust, die Bäume wie gebürstet. Die Segler schlafen noch, irgendwo hoch oben, außer Sicht- und Hörweite. Daß sie da sind, ist nur eine Vorstellung, aber es beruhigt und macht froh. Sechs Uhr, die Sonne schon weit überm Horizont. Warum entscheide ich mich für diesen und nicht für den anderen Weg? Ich kann es nicht sagen. Entspricht etwas in mir einem bestimmten Ort, so daß mir die Vorstellung davon eher entgegen kommt? Woher stammen unsere Wünsche, diejenigen, die wir uns so schnell erfüllen können, daß wir sie gar nicht als Wünsche wahrnehmen? Letzten Endes ist es egal, welche Strecke ich laufe. Trotzdem weiß ich, daß ich heute diese und keine andere laufen will. Was aber heißt das, ich will?

Keine Autos heute, das ist ungewöhnlich, diese Gegend schmaler Feldwege ist sonst der beste Beweis für die Behauptung: Wo man fahren darf, wird auch gefahren. Gerne nimmt man hier eine Abkürzung, damit man unten in den Dörfern nicht an den dämlichen Ampeln warten muß. Heute aber gibt es nur Rinder. Eines fällt auf, es trägt armlange, gabelförmiger Hörner, ausladend und rätselhaft, wie eine Sendeanlage, viel zu groß für das schmächtige Tier.

Flach streichendes Licht, Zäune mit der Hand an der Stirn, blinzelnde Wegweiser. Hier bin ich zu Hause, was immer das heißt. Irgendwo zu Hause zu sein, ist für mich ein unproblematisches Gefühl, wie das Verliebtsein. Es ist nicht bezweifelbar und einfach gegeben. Es muß nicht ausgelegt oder bewertet werden. Ich muß nicht ja sagen zu meiner Heimat, die Heimat sagt ja zu mir. Problematisch sind allenfalls die Konsequenzen dieses Gefühls. Wer sich an etwas bindet, wird verletzbar.

Vorurlaubszeit. Das meiste des Sommers hat bereits geblüht, das Unterholz ist geschwollen von Grün, die Kiefern duften. Hunderte Meter entfernt dröhnt die Straße. Laß sie doch alle dröhnen! Ich nehme mir die Freiheit, jede Form von Fleiß abzulehnen. Ein alter Mann mit Fahrrad steht an einem Gatter und ruft etwas, drei Pferde trotten über die Weide auf ihn zu. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, daß mein Leben nicht mehr umfaßt hätte als solche Dinge. Pferde, Rinder, Weiden, Zäune. Blicke, die sich nicht nach Straßenecken messen, sondern nach Quadratmeilen.

Jetzt sind die Mauersegler wach. Die Kirchturmuhr schlägt sieben. In den Straßen hat die Mobilmachung für wieder einen Arbeitstag begonnen. Ich zucke mit den Schultern. Ein halber Vers fällt mir ein, als ich die Haustür aufschließe, den kritzel ich schnell hin, bevor ich duschen gehe.

Turris eburnea

5. Juli 2017 § Ein Kommentar

Ich rege mich nicht mehr auf, nehme ich mir vor, ehe ich loslaufe, und dann rege ich mich doch wieder auf. Diskussionen mit imaginären Gegnern, auf deren Einwände ich antworte, bis mir der Atem wegbleibt. Es kommt vor, daß ich dabei mit den Armen fuchtele; manchmal spreche ich laut aus, was ich in Gedanken formuliere. Wer mich so sähe, vor mich hin murmelnd, mit den Armen wedelnd, in Laufklamotten, glaubte, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben, und vielleicht läge er mit dieser Vermutung gar nicht so falsch.

Anlässe für solche inneren Kämpfe gibt es viele. Der Grund aber ist eine innere Verteidigungsbereitschaft, die sich dem ständigen Gefühl einer Bedrohung verdankt. Meine Lebenswelt ist in Gefahr, so empfinde ich es seit Jahren, oder es wird bereits an ihrer Vernichtung gearbeitet, was mir teuer, ja, heilig ist, wird beschmutzt, der Lächerlichkeit preisgegeben, gering geschätzt, und droht, alsbald vielleicht ganz zu verschwinden. Das Wort Elfenbeinturm wird im allgemeinen nicht positiv verwendet. Mir aber ist der Elfenbeinturm heilig. Von der kulturellen Überformung des Gefühls der Angst in den Epen Homers über die Fermatsche Vermutung und das Modussystem des Lateinischen zur nichtlinearen Phonologie und über formale Semantik, Maya-Epigraphik und Modallogik wieder zurück: Diesen Dingen habe ich entweder mein Leben dargebracht oder würde es wieder tun, wenn ich nochmal die Wahl hätte. Mein ganzes Leben! Und dann kommt jemand, der von dieser Faszination so wenig begreift wie eine Ameise von doppelter Buchhaltung, und zückt den Rotstift. Ich könnte manchmal einfach ausrasten. Das fühlt sich an, als würde man selber ausradiert.

Als ich vor Jahren einmal mit Freunden am Mittagstisch über die Abwicklung des sprachwissenschaftlichen Instituts einer benachbarten Universität sprach – Bücher landeten der Einfachheit halber auf dem Müll –, schaute mich einer an, der mich gut kennt und schlug vor, wir sollten über was anderes reden, „Für dich ist das richtig schlimm, was?“

Hilflosigkeit, bis zu Tränen. Welcher Mächtige vertritt meine Sache? Wer streitet für den Geist und wider die tödliche Logik der Verwertbarkeit? Nützlichkeit ist banal und geistlos. Nützlich kann jeder. Wer aber verteidigt die Elfenbeintürme, die wilden Gärten, die dicken, schwierigen, unhandlichen Bücher, die selten gebrauchten Wörter, die selten gedachten Gedanken? Wem ist das Gute, Wahre, Schöne mehr als nur ein billig zu habendes Zitat? Und wer holt diesen Wert wieder in den Alltag zurück, ins Zentrum der Gesellschaft, einer Gesellschaft, die so reich ist, daß sie Geld kotzt, und sich allemal mehr leisten könnte als einen Flachbildschirm und die neueste Flatrate.

Wieviele Lehrstühle für Indogermanistik oder Altgriechische Philologie hätte man mit den Geldern finanzieren können, die zur Rettung notleidender Banken lockergemacht wurden? Stattdessen: die Indologie in Köln. Abgewickelt. Der einzige Lehrstuhl für dieses Fach weit und breit. Niemand hat je von notleidenden Indologen gesprochen.

Oder daß niemand sieht, daß wir uns selbst abschaffen, wenn wir nicht jetzt Halt! rufen. Macht euch doch nichts vor, fuchtele ich auf dem Feldweg, daß die Pferde zusammenzucken, ihr braucht ein Schicksal, ihr braucht das Scheitern, ihr braucht Widerstände, Sorgen und Nöte, sonst seid ihr keine Menschen mehr. Was wollt ihr denn den ganzen Tag beginnen, wenn es nichts gibt, wofür ihr unentbehrlich seid? Wenn der Mensch nicht mehr unentbehrlich ist, was ist er dann? Ganz genau. Aber die Liebe! ruft jemand. Die Kunst! Nee, Leute. Schon jetzt gibt es Algorithmen, die Bach-Choräle schreiben, vierstimmiger Satz, die ununterscheidbar von echten Chorälen sind. Über 5000 am Tag. Bald könnten Rechner unsere Romane schreiben. Bald könnten Maschinen und Avatare auch das Liebesbedürfnis besser (und harmonischer) befriedigen als jeder von einer Frau geborene Mensch. Fühlt sich gut an? Dann weiter so. Dann nur immer weiter. Vorwärts Marsch.

Und dann faselt schon wieder jemand was vom rapiden Wandel, an den man sich anzupassen habe. Fehlt noch, daß das Haßwort von der schnellebigen Welt (ja, das schreibt man mit nur zwei l) in den Mund genommen wird. Als bräche der Wandel über uns herein wie weiland der Asteroid über die Dinosaurier! Als wäre der Wandel nicht gewollt! Aber das sagt man nie dazu, nie. Denn wenn sich das mal in die Köpfen eindränge, dann stünde man ja plötzlich vor der Wahl, ob man den überhaupt will, den Wandel. Hilfe! Und dann? – Der Wandel, das waren für mich immer andere. Ich wollte den nicht. Ich wollte das Netz nicht. Ich wollte nicht einmal Computer. Ich war immer zufrieden mit dem, was vorhanden war. Nicht, daß nichts gefehlt hätte; aber was ich noch gern gehabt hätte, hätte kein technischer Fortschritt, hätte kein Computer, hätte kein Wandel mir zu verschaffen gewußt.

Auf der Wiese bei Sonnenaufgang die Rinder. Dreißig, vierzig Tiere, wie von einem Kind zerworfene Schachfiguren über die Weide verstreut. Blitzsaubere Tiere, kauend und blinzelnd, aufmerksame, doch lässig in sich ruhende Geschöpfe, das eigene Dasein so intensiv für selbstverständlich haltend wie den Sonnenaufgang, das Glänzen auf den Halmen, den Geschmack des Grases, den seltsamen Jogger, der fuchtelnd und rufend vorbeiläuft. Denen muß ich nichts erklären, die nehmen mich hin. Ich hätte mich gerne einfach dazugelegt, den Kopf auf der warmen Flanke einer Kuh abgelegt, ihren Kräuterduft in der Nase, stumm und wortlos, hätte mir die salzige Hand lecken lassen und keinen einzigen Gedanken gehabt, der größer wäre, als diese Wiese reicht.

Laren und Penaten

3. Juli 2017 § 5 Kommentare

Nachts taste ich nach der Brille, krabbele aus dem Bett, stolpere an den Resten von Gerümpel vorbei, die Tür geht von alleine auf, denn der Rahmen ist schief, ich schließe sie, damit der Lichtschein von der Kellertreppe nicht ins Zimmer fällt, dann Licht an, mit dem rechten Fuß auf die erste Stufe, Tritt, Tritt, Tritt, links oben am Türrahmen festhalten, mit rechts um den unteren Pfosten, Drehung im Gegenuhrzeigersinn und die letzten drei Stufen rückwärts, damit ich mir nicht den Schädel anstoße. Dann gebückt durch den Gang, Vorsicht, noch ein niedriger Durchgang, nachts ist der Modergeruch besonders stark, oder meine Nase besonders empfindlich. Noch ist es Sommer, der Keller ist nicht allzu kalt, ich muß nicht frieren, während ich Wasser lasse, aber wie das im Winter wird, will ich mir gar nicht ausmalen. Vielleicht ist dann aber wenigstens der Modergeruch geringer.
Und schon im Bad, blinzelnd an der Strippe ziehend, überkommt mich mit voller Wucht das Heimweh nach der alten Wohnung. Nach ihrer Sauberkeit, der Helligkeit, der Großzügigkeit der Räume, nach dem Ausblick vom Balkon übers Tal, nach dem Tisch in der Küche, nach einem Bad, das man blind im Dunkeln fand. Ich denke mir das Geräusch, das die Wohnzimmertür machte, an das wohlige Brummen der Therme, und daß die Türen der Küchenschränke nicht immer von alleine zuklappten. Am ersten Abend des Wochenendes auf das Schlüsselklappern warten, auf dem Bett liegen, Blick auf den Südhang des Tals, im Kopfhörer einen schönen Beethoven; oder Schreiben am Küchentisch, während die Gefährtin noch schlief, Heimkommen nach dem Lauf, die vertrauten Plätze für Mütze, Schuhe, Jacke, Rituale, die für ihre Zelebrierung diese Räume brauchten, wie antike Opfer einen bestimmten Tempel in einer bestimmten Stadt. Texte auch, die, auch wenn sie nicht diese Räume besprachen, doch von ihnen inspiriert waren und immer auch irgendwie von diesem Schrank, dieser Küchenzeile, diesem Fensterbrett handelten, Dinge und Dimensionen, so vertraut wie die eigenen Gliedmaßen. Jetzt sind diese Räume unausdenkbar leer, leblos, unbesprochen, und selbst das, was ich in ihnen und über sie schrieb und dachte, ist jetzt heimatlos geworden, ohne Anker in der Welt. Neulich nachgesehen: Im Fenster ein Schild, „zu Vermieten“. Es ist, als bandele eine Geliebte vor meinen Augen mit einem anderen an.
Ich war dort auch nur zu Gast, so wie ich in dem windschiefen neuen Haus nur zu Gast bin, aber ich war nicht zu Gast in den Geschichten. Ich war nicht zu Gast in den Verrichtungen, ich war in den Arbeiten zu Hause, in den Feiern und Ritualen, für die diese Räume sich mir geliehen haben, und die ohne diese Räume erst wieder Wurzeln schlagen müssen in einem neuen. Laren und Penaten, mögen sie sich wohlfühlen am neuen Ort. Ich ziehe mühsam hinterher und liege nachts wach vor Heimweh.
Oder vielleicht aus Angst vor Einschnitten, auch oberflächlichen, irrelevanten. Wie oft denkt man schon über die vertraute Umgebung nach? Erst wenn die fehlt, drängt sie sich ins Bewußtsein und schafft Brüche. So ein Umzug ist eine Zäsur, allein deshalb, weil er die eine Gleichförmigkeit des Erlebnishintergrundes beendet, eine neue Gleichförmigkeit aber erst eröffnet, und wer weiß, was jetzt kommt? Eine Veränderung färbt die Zeit ein, zerhackt das Kontinuum, ordnet die Erinnerung in vorher und nachher. Eine Veränderung macht die Zeit fühlbarer, indem sie wie ein Standort auf einer Karte einen unübersehbaren Punkt setzt: Da bist du jetzt. Am Rand der Zukunft. Die längste Zeit unseres gemeinsamen Lebens haben die Gefährtin und ich in den jetzt zurückgelassenen Räumen verlebt. Sieben magische Jahre. So viele müssen wir erst noch wieder schaffen.

Die Welt ist nicht so bescheuert

27. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Neulich habe ich angesichts des ZEIT-Artikels über Trans- und Bisexualität gedacht, daß viele Aufreger, die mich eine Menge Nerven kosten, nur scheinbar weit verbreitete Phänomene sind. Weit verbreitet sind sie vor allem an einem Ort: im Netz. Wäre ich nicht ständig dort (oder gar nicht mehr), dann wäre nicht einmal die gendergerechte Sprache mehr als ein diffuses Gerücht von sehr weit her. Die meisten Texte, die mir außerhalb des Netzes begegnen, von der Zeitung übers Radio bis zur Belletristik, sind noch von keiner Moralmode geknechtet und weithin ungegendert. Von anderen Möglichkeiten als entweder Mann oder Weib zu sein, hätte ich zwar gehört, der Streit um gemeinsame Toiletten für Frauen und Männer würde mich aber nicht weiter jucken. Vom Kampfbegriff der kulturellen Aneignung (cultural appropriation – wenn Sie’s nicht kennen, seien Sie froh, Sie haben nichts Wesentliches verpaßt) hätte ich vielleicht einmal kurz im Radio vernommen, dürfte aber ansonsten ohne schlechtes Gewissen (oder schlechte Laune) Jazz hören oder Dvořaks Symphonie aus der neuen Welt. Die neuesten Ernährungsverrücktheiten sieht man zwar leider im Supermarkt – kann sie dort aber einfacher ignorieren, als wenn sie mir der Feedreader auf den Bildschirm bläst. Das Netz tut mir nicht gut, auch in diesem Punkt nicht. Da argumentiert wieder einer für das große Binnen-i? Muß ich lesen! Da fällt wieder einmal jemand der Statistik des Durchschnittseinkommens von Frauen und Männern zum Opfer? Gleich mal anklicken! Da klagt wieder einer sexistische Werbung an? Will ich sehen! Da behauptet einer, wer sich die Replica eines Moai in den Vorgarten stelle, beweise nicht nur schlechten Geschmack, sondern mache sich des Kulturraubs schuldig? Muß ich mehr darüber wissen! Undsoweiter. Der Theorie von der Filterblase zum Trotz gibt es einen Drang im Menschen, der ihn unwiderstehlich zu gerade den Dingen zieht, die ihm befremdlich scheinen und ihm ein Ärger sind, gerade zu den Dingen, über die er sich am meisten aufzuregen geneigt ist. Als gäbe es dabei irgendeinen Genuß. Eine Bestätigung: Die Welt ist wirklich so bescheuert wie ich immer dachte, da habt ihr’s! Im Netz aber ergibt sich ein schiefes Bild. Da alles gleich schnell und gleich leicht verfügbar ist, scheint die Welt von ärgerlichen Erscheinungen nur so zu wimmeln, Erscheinungen, die bei näherem Betrachten, nämlich offline, so marginal sind, daß sie praktisch verschwinden. Ich muß lernen, besser auszuwählen, womit ich mich im Netz befassen will. Warum mußte ich jetzt beispielsweise diesem dämlichen vong auf die Spur gehen? Eine überflüssige Auskunft, nicht einmal amüsant war’s. Was hat das mir jetzt gebracht? Oder daß ich weiß, was lolcats sind? Ich wollte, ich könnte dieses Wissen einfach wieder aus meinem Kopf streichen. Weil es ärgerlich ist und überflüssig, und weil ich schlechte Laune bekomme, wenn ich nur daran denke. Aber der Mensch fühlt sich nicht nur zu Ärgerlichem hingezogen – er merkt es sich leider auch besser.

Wo bin ich?

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