Unter Jägern

14. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Aber natürlich kehrte der Wagen auf dem selben Weg wieder zurück, ich hörte das Krachen von Schotter unter den Reifen lange, bevor die helle Frontscheibe des Transporters zwischen den Bäumen erschien. Ich hatte mich bereits ausgezogen, lag schon im Schlafsack und war nach drei Stunden Wartens nur zu bereit zu glauben, nun sei es wohl vorbei, nun hätte ich meine Ruhe. Aber natürlich mußte er zurückkommen, hatte ich ernsthaft geglaubt, ein Wagen, der abends in den Wald hineinfährt, wo es laut Karte weit und breit keine Straße gibt, würde nicht auf demselben Weg auch wieder herausfahren? Zumal ich gehört hatte, wie das Fahrzeug nach etwa hundert Metern geparkt wurde. Gegen sieben war das gewesen. Da hatte mich noch niemand bemerkt, weil die Hecke mich nach Mürlenbach zu, woher der Wagen gekommen war, abschirmte, aber jetzt, jetzt war das anders, jetzt bot sich dem, der da in seinem wackelnden und rumpelnden Transporter in Richtung Dorf heranrollte, frontal ein freier Blick hinter die Hecke, auf die Wiese, auf den Fleck, wo klein und geduckt mein Zelt stand. Nicht klein, nicht geduckt genug. Zwar war es schon nach zehn, es dämmerte bereits, aber um unsichtbar zu sein, hätte um mich stockdunkle Nacht herrschen müssen; und auch dann hätten mich die Scheinwerfer des Wagens sicher gestreift. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, als würde diese lächerliche Bewegung, nicht mehr als eine rituelle Geste, eine Beschwörung, mein Zelt dem Zugriff ungewünschter Blicke entziehen. Am liebsten hätte ich mich mitsamt dem Zelt in die Hecke verkrochen. Aber das ging natürlich nicht. Das hätte ich mir vor einer halben Stunden überlegen müssen (und wohin dann?), nicht jetzt, wo der Wagen bereits aus dem Wald heraus war und direkt auf mich zusteuerte.
Und hoffentlich gleich hinter der Hecke verschwinden, keinesfalls anhalten, sondern einfach weiterfahren würde, fort von hier, fort von meinem verbotenen Tun, zurück ins Dorf, nach Gerolstein, nach Trier, egal, nur weg. Ich hielt den Atem an. Es war ein lange vergessenes Gefühl, das mich wieder in die Kindheit zurückkatapultierte, in ein Klassenzimmer, wo der scharfe Blick des Lehrers wie ein Radar über die Reihen der Schüler huscht. Schau woanders hin, betet man und bemüht sich, wie jemand auszusehen, der die Hausaufgaben auf jeden Fall gemacht hat, besser noch, als wäre man gar nicht anwesend. Und dann, na ja, dann spürt man, obwohl man nicht hochschaut, wie der Blick auf einem stehen bleibt, eine Hundertstelsekunde, bevor man den eigenen Namen hört.
Ich hätte gern ein Somebody-else’s-Problem-Shield gehabt.
Wie so viele andere schöne Dinge auch, ist nämlich wild Zelten in Deutschland, diesem Musterland der Gängelung und des Ordungsamts, verboten. Wenn ich es trotzdem mache, so fordert mir das, einem eher ängstlichen Menschen, der wenig mehr scheut als Ärger mit Institutionen und ihren verschiedenen Sendlingen und Vollstreckern, einen ungeheuren Mut ab. Meistens fehlt der, und ich bleibe zu Hause oder nehme mir ein Zimmer; wenn ich mich dann doch einmal überwinde und mit dem Zelt losziehe, fürchte ich nichts so sehr wie eine Begegnung, nein, nicht mit Wildschweinen, sondern mit Jägern, Förstern oder demjenigen Typ Mensch, der in vergangenen Zeitaltern gern und freiwillig den Blockwart machte. Solche Begegnungen wie eine solche, die jetzt droht, während der Wagen in den Schutz der Hecke eintaucht und kurz die Hoffnung aufflammt, daß der Fahrer mich wirklich nicht gesehen hat (oder es ihm egal ist, was ich da mache), solche Begegnungen machen ein Abenteuer aus, auf das ich mich nicht freiwillig einlasse. Es ist ein Risiko, das für mich nicht die Spannung erhöht oder gar den Reiz der Sache ausmacht, sondern mir das Vergnügen, eine Nacht in freier Natur zu verbringen, wenn nicht ganz verdirbt, so doch beträchtlich eintrübt. Das Verbotene hat für mich jedenfalls keinen Reiz, nur weil es verboten ist.
Wider alle Erwartung wurde an diesem Abend, Pfingstsonntag, gejagt. Naiv wie ich war, dachte ich, im Frühsommer sei Schonzeit. Aber keine halbe Stunde, nachdem der Wagen im Wald verschwunden war, hatte es schon gekracht. Und dann noch einmal. Und nach einer Weile, sehr nah, sehr laut, so daß es rings in allen Tälern zwei, drei Sekunden widerhallte, noch einmal. Es war nicht das erste Mal, daß ich an Jäger geriet, und obwohl ich prinzipiell nichts gegen das Jagen einzuwenden habe, regt sich in mir inzwischen ein gewisser Unmut. Weniger übers Jagen und über Jäger als wieder einmal darüber, daß die Welt einfach zu klein ist, um allen Interessen genug Raum zu geben: Den Mountainbikern zum Brettern, den Jägern zum Ballern, den Walkern zum Stöckeschwingen, den Wildcampern zum Wildcampen. So groß, daß sie alle behaupten könnten, die Welt für sich alleine zu haben.
Während der Wagen langsam vorbeirollte, dachte ich an das letzte Mal, wo jemand abends noch mein Zelt bemerkte. Wir hatten es neben einer Bank an einer Wegkreuzung aufgestellt, wo laut Karte einmal ein Naturdenkmal gestanden hatte, und saßen gerade bei Worscht und Brot in der Abenddämmerung auf der Bank, als ein Bauer, der wohl noch nach seinen Kühen geschaut hatte, auf einem Quad vorbeikam, uns sah – und so scharf bremste, daß die Hinterräder des Fahrzeugs einen kleinen Hüpfer machten. Ich hob die Hand zum Gruß, freundlich – der andere grüßte nicht minder freundlich zurück. Guten Appetit! Wir unterhielten uns eine Weile, es gab kein Problem. Das Wegeckchen war Niemandsland, der Bauer verriet und, er habe selbst schon einmal dort gezeltet. Stolz auf seine Kälbchen, machte er uns, für den Fall, daß sie uns entgangen seien, auf sie aufmerksam. Das Naturdenkmal sei ein alter Baum gewesen, der noch 2014 gestanden habe. – Also dann, gute Nacht! – Gute Nacht! Ein netter Mensch. Aber das weiß man ja vorher nicht, und der Schreck saß uns beiden noch in den Gliedern, als der Bauer auf seinem Quad heim zu seinem Abendessen knatterte.
Der Transporter war halb am Zelt vorbei und ein gutes Stück hinter der Hecke, rollte, rollte, fuhr noch ein Stück. Ich war schon überzeugt, er werde vorbeifahren, da bremste er ab. Hielt, verdammt. Fuhr ein Stück zurück, wie es Comichelden tun, wenn sie zuerst nicht glauben wollen, was sie sehen. Die Fahrertür öffnete sich. Jetzt gibt’s Ärger, dachte ich, als ich mit klopfendem Herzen den Reißverschluß des Innenzeltes öffnete.
„Guten Abend!“ rief ich in offensiver Freundlichkeit durch den Zelteingang dem Mann zu, der etwas zögernd über die Wiese herangestapft kam. Ein Jäger, natürlich. Graues Hemd, graue Flanellhose, Waffe am Gürtel. Offensichtlich wußte er nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Ich war ihm nicht recht, das spürte ich. Aber Ärger mit mir wollte er auch nicht haben.
„Schlafen Sie hier?“
Merkwürdiger Akzent, vielleicht ein Belgier. Ich hatte in dieser Gegend schon einmal in der Dämmerung ein Auto mit belgischem Kennzeichen im Wald herumfahren sehen. Was zum Teufel machten die hier? Gab es in den Ardennen keine Wildschweine?
„Das ist Jagdgebiet“, klärte mich der Mann auf. Woher ich das hätte vorher wissen sollen, sagte er nicht.
Ich hob nur die Schultern. Was war da zu machen? „Sind Sie denn fertig?“
„Ich schon, aber ob die anderen einverstanden sind …“ Er ließ den Satz unvollendet. Ich hob wieder die Schultern. So musterten wir einander eine Weile.
Da wandte sich der andere mit einer resignierten Geste ab, stapfte zurück zum Wagen, lenkte auf den Weg zurück und setzte seine Fahrt nach Mürlenbach hinunter fort. Ein paar Sekunden später war das Motorengeräusch verklungen. Es herrschte wieder die Stille von vorher, nur daß jetzt das Spotten der Drossel wie ein Kommentar zu den Narrheiten der Menschen klang. Ein bißchen beneidete ich die Raupe, die sich vor dem Zelt um einen Grashalm wickelte. Sie war so zu Hause in ihrer Welt, wie ich in der meinen nie sein würde. In der Stadt ebenso wenig wie hier draußen in meinem Zelt.

Analog

29. Mai 2017 § 6 Kommentare

(Ein Haus renoviert. Was im Rückblick äußerst erholsam war – ich merke es gerade an meiner bereits wieder einsetzenden Erschöpfung, kaum daß ich nach einer Woche Auszeit die erste Stunde am Rechner sitze –: So ein Hausumbau ist komplett analog. Es gibt keine digitalen Fliesen, und die halten auch nicht digital, sondern mit Fliesenkleber – und wenn nicht, fallen sie runter. Da hilft auch kein Neustart. Es gibt auch nur analogen Lehmputz, und der knirscht und bröckelt und hat Stroh drin, und es ist verdammt nochmal anstrengend, den mit Wasser zur richtigen Konsistenz zu verrühren, und es ist verflixt noch eins schwierig, die analoge Masse mit einer analogen Kelle auf einer analogen Wand zu verteilen. Das macht keine App, sondern Muskeln, Auge und Ohr. Und so eine Tapete läßt sich nicht mit drag & drop an die Wand ziehen, an eine krumme Wand, für die man eigentlich einen Doktorgrad in sphärischer Geometrie brauchte, schon gar nicht. Das geht nur mit analogen Flüchen, echtem Schweiß und Leim, am besten im gut eingespielten Team. Und wenn Farbe dorthin kleckst, wohin sie nicht soll, hilft auch kein Defragmentieren der Festplatte, sondern nur noch viel Wasser und ein Schrubber. Alles echt, ist es denn möglich! Das wiegt und riecht und ist scharf und fällt runter und macht Lärm, es ist nicht zu glauben. Und wenn der passende Bit plötzlich unauffindbar ist, dann gibt es keine Suchfunktion, sondern man muß selber schauen, wo man das Ding verräumt hat. Hier gibt es keine Farbcodes oder Pixel, hier gibt es nur echte Abmessungen, die gerne zu groß oder millimeterweise zu eng ausfallen, da hilft dann kein Mausklick, da muß man nachschneiden und nachhobeln und nachschleifen, bis es eben paßt; mit echtem Werkzeug, echten Geräten, die echten Staub und Dreck und Krach produzieren. Die Masken, unter denen man kaum Luft bekommt, so daß man röchelt wie Darth Vader persönlich, die sind auch echt, und sie riechen nicht gut; und die Schwielen und Schrammen und der krumme Rücken am Abend: auch die sind echt. Ebenso wie die Farbspritzer im Haar und der blaugeklopfte Daumen.

Ich sag’s ja nicht gerne, denn Handwerk ist nicht mein Ding, absolut nicht, ich möchte schreiend davonlaufen, wenn ich auch nur die Montageanleitung für einen Wasserhahn begreifen muß, aber trotzdem: Es kann eine Wohltat sein, die Dinge mal in echt zu machen und nicht in virtuell. Ich korrigiere: Es ist eine Wohltat, einmal dazu gezwungen zu werden, die Dinge in echt zu machen. Wäre es anders möglich: Man hinge ja doch wieder vorm Bildschirm und zöge die Tapeten mittels drag & drop an die Wand. Aber hätte ein solches Werk auch nur den Bruchteil der Befriedigung, die man verspürt, wenn man über und über mit Leim bekleistert vor der frischen Wand steht? Und sei’s auch nicht perfekt: So hat man’s doch selbst gemacht. Selbst: Und das ist der Punkt. Mit eigenen Händen. Es hat sich angefühlt, es hatte Gewicht, es hat geklebt, es hat sich widersetzt. Aber man es hingekriegt. Ohne Systemadministrator.

Vor allem aber: So eine Stichsäge belauscht dich nicht; so ein Hammer merkt sich dein Hämmerverhalten nicht; so ein Akkuschrauber meldet deine Über-achtzehn-Flüche nicht an FB oder sonst wen weiter. Und wenn etwas kaputt geht, gibt es immer eine Alternative, eine Improvisation, die vielleicht noch besser ist als der ursprüngliche Plan.
Digital gibt es nur ja oder nein. Digital gibt es keine Improvisation, keine Phantasie. Digital kann man nichts passend machen, was nicht schon passend wäre. Digital ist malen nach Zahlen. Es ist eine Erleichterung und Befreiung zu merken: Man kann die Dinge um einen her mit den Händen formen. Das tut manchmal weh; aber am Ende ist es wundervoll; und man wird es vermissen, wenn man wieder vor dem Rechner sitzt.)

15. März 2017 § 4 Kommentare

 
*Es muß etwas mit dem Gegensatz von Kratzigem und Glattem zu tun haben. Wolle, dem Augenschein nach weich, unter den Fingern rauh; und die warme Glätte von Haut, warm nicht zuletzt durch die rauhe Wolle; diese Dopplung der Empfindungen beim Schlupf unter einen fremden Wollärmel, den man vielleicht vorher außen gestreichelt hat; rauh und neutral gleitet die Wolle am Handrücken vorbei, während unter den Handflächen, verwirrend, weich und verbindlich, die fremde Haut glüht, und beide Empfindungen, in einer einzigen Bewegung zusammengebracht, die einem, vielleicht aufgrund des Mutes, den sie erforderte, erst gar nicht richtig einleuchten mag, so sehr ist das Tasten mit sich selbst beschäftigt und mit der Frage, wie weit es gehen darf, in welche Bezirke zwischen Wolle und Haut – diese beiden gegensätzlichen Taktilia prägen sich ein, rufen beim Anblick eines Wollpullovers an einer Frau unvermeidbar ein Assoziations- und Erinnerungsprogramm auf, in der der Stoff durch den bloßen Anblick erinnerungsweise beinahe spürbar wird. Als kratzte etwas auf der eigenen Netzhaut. So erwarten die Fingerspitzen die ersehnte, spannende Glätte der darunter warmgehaltenen Haut. Und je intensiver dieses Gefühl ausbleibt, desto stärker wird der Drang, hinzuschauen um die Finger mit dem Gesichtssinn für die verlorene Empfindung zu entschädigen, vielleicht.

Ferner: Wollstoff, der sich über Brüsten spannt, ist Haar über Stellen, wo keine Haare zu erwarten sind, ein weiterer Gegensatz, der ein bißchen schwindelerregend ist, wie für einen mittäglichen Faun vielleicht. Ein Verweis auf die Tiernatur des Menschen, insofern als Körperhaar, echtes wie nur aufgelegtes, immer ein Verweis auf die Tiernatur, und mithin auf die Geschlechtlichkeit des Menschen ist. Haar finden wir verwirrend, störend, peinlich, ja, abstoßend, wenn es, jede kulturelle Überformung ignorierend, die Grenzen der zivilisatorischen Zähmung ebenso überschreitet wie den vorgegebenen Bezirk des Bikinis, unkontrollierbar wächst, an den falschen Stellen auftritt, seine Form und Farbe, seine Textur und Länge selbst bestimmt, wuchert, klebt, strähnt, verfilzt und im falschen Moment grau wird – oder gar ganz ausgeht. Das urwüchsige, wild sprießende, unkontrollierbare Haar steht für das Irrationale, für das Triebhafte, für den niederen Instinkt, weswegen wir es nur dulden, wo es frisiert, gekämmt, pomadiert oder in Form gezupft ist. Wenn überhaupt: Dem schärfsten Zwang unterwirft das Haar, wer es rasiert oder ganz ausrupft. Zugleich wird dabei aber auch eine Machtlosigkeit demonstriert. Wer töten muß, der hat die Kontrolle verloren, dem ist die Zähmung nicht geglückt.

Ferner: Haar ist in mehr als einer Hinsicht eine peinliche Erinnerung daran, daß wir Tiere sind: Haardrüsen produzieren Fett und Duftstoffe, Haare halten Schweiß fest, Haare riechen entweder selbst, oder sie sorgen dafür, daß Gerüche sich gut ausbreiten können. Manche Biologen meinen gar, die Verbreitung von Duftstoffen sei die ursprüngliche Funktion des Haars gewesen; erst nachdem es sich für diesen Zweck entwickelt hätte, habe es dann sekundär die Aufgaben übernehmen können, an die man beim Haarkleid zuerst denkt, den Schutz vor Kälte und Nässe. Immerhin haben geschlechtsreife Menschen bis auf den heutigen Tag Reste eines primordialen Fells genau an den Stellen behalten, wo es immer noch riecht und wahrscheinlich auch riechen soll, denn der natürliche Körper- und Drüsengeruch ist nach wie vor, allen Anfeindungen und Kriegserklärungen der Kosmetikindustrie zum Trotz, das stärkste Stimulans, wenn es zur Paarung gehen soll. Scham- und Achselhaar sind Überbleibsel von Fell, da ändert kein Rasierer was dran. Und Wolle, dieses sublimierte Fell, dieser Tierpelz, verweist in seiner Haarigkeit eben genau darauf zurück, durch Gegensätzlichkeit auf das Kahle von Brust, Schultern und Bauch ebenso wie durch Verwandtschaft auf die Stellen knisternden Fells, die er bedeckt.

Ferner: Wolle riecht. Nasse Wolle zumal kann einen strengen, scharfen Geruch annehmen, nach Tier und Geschlechtlichkeit, einen Duft, den ich sehr mag, ebenso wie den Geruch der Tiere selbst, von denen die Wolle stammt.

Ferner: das gezähmte Tier. Gereinigt, entfettet, gekämmt, kardiert, in Farbe getaucht, gestrickt, gewalkt, gewebt, mit Parfum besprüht, mit Weichspüler gewaschen, in menschliche Form gebracht, künstlich um Arme, Schultern, Brüste drapiert. Und doch: ein Regenschauer, und das Tier macht sich sofort bemerkbar. Und in diesem Wollduft verborgen der persönliche Duft der Frau, die den Wollstoff trägt, eins aus dem andern herleitend, wenn beide Düfte tief im innersten Bezirk einander wieder ähnlich werden.

Noch einmal Neujahr

17. Januar 2017 § 2 Kommentare

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Ein Gang über winterliche Gefilde, wir zählen zwei und zwei die fünf Bäche zusammen.

Ehe sie sich vereinigen, unterirdisch, unbeobachtet in conspirativen Kanälen, aus denen die feuchte Kälte rauscht.

Gebäude stellen die Topologie voll. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten.

Wir behalten ihn. Wir krempeln dem Talgrund den Ärmel auf. Landschaft, an den Häusern vorbeigeschmuggelt. Ich mag es, deinen Augen zuzusehen, wenn wir vom Wandern sprechen.

Ein weggeworfenes Mühlrad neben der alten Mühle, mahlt Schnee mit schwarzen Schaufeln. Eine Fremde tritt auf den Weg zur Mühle, sieht sich um, stumm, wir grüßen auch nicht. So stehen wir jedes für sich vor der Vergangenheit, die für alle gleich ist.

Der Mühlteich verlandet; Wasserpflanzen stoßen ans Eis, wie Lippen von Kindern, die eine Fensterscheibe küssen.

Noch eine neue Schicht Weg übern Weg gelegt. Eine tröstliche, neue Schicht, noch einmal Feiertagskerzen in den Fenstern.

Der Schnee wie frische Farbe in den Zimmern eines neu zu beziehenden Hauses. Zu Hause in der Welt, wieder zu Hause da, das wär was.

Überall schon die Meisen, als hingen die Bäume voller Fahrradklingeln.

„Was hast du für kalte Hände!“, sagst du, und dann ist es wirklich Zeit, nach Hause zu gehen.

Die Dinge behaupten sich

12. Januar 2017 § 2 Kommentare

Ich schaue mir schräge Dinge an. Der Drehschalter am Elektroherd, damit fängt es an. Eine Bewegung, eine Haltung, die auf andere Dinge abstrahlt, von ihnen aufgenommen, weitergegeben, variiert wird. Ein paar Küchenhandschuhe, schräg an ihrem Haken, leer wie verschmähte Kollektebeutel. Ein abgeleckter Löffel, schräg neben der Tasse. Eine Möhre auf dem Schneidbrett. Eine sich neigende Hyazinthe, wie ein müdes Kind, die Stirn auf dem Tisch.

Alles, was ist, denke ich. Alles, was ist. Reflexe, Schattierungen, Schatten. Tiefen und Flächen, Oberflächen. Dinge, die sich in der Welt behaupten, einfach so, mühelos, so selbstverständlich, daß es mich vor ihnen in Frage stellt. Ich bin kein Ding, ich denke, ich denke zuviel. Ich bin Empfindung, Schmerz, Sorge, Einsamkeit. Ich bin Verschwinden. Weniger als ein Tier.

Wie die Dinge sich neigen, die aufgehängten Löffel, Kartoffelstampfer, Pfannenwender, war da nicht schon ein Rutschen im Gewürzregal, auf dem Tisch, die Teller, Tassen, als kränge das Zimmer wie ein Schiff, nicht nur das Zimmer, das Haus, und alles, als hörte jetzt jede bekannte Ordnung auf, um durch eine völlig neue, aberwitzige, unbegreifliche Unordnung ersetzt zu werden.

Zeit und Maß. Das Ticken der Uhr, das Grollen des Kühlschranks. Autos auf der Straße, An- und Abschwellen von Geräusch. Räume, ausgedehnt hinterm Fenster, so riesig und unabmeßbar, daß man sagen kann, das ist alles, das enthält alles, was es gibt. Nacht, aus der Tag wird, und wieder Nacht, ich bin Verschwinden und Haltlosigkeit, und alles, was gut und sicher wäre, jeder Halt, jeder Trost, ist unerreichbar, in mir nicht zu erreichen und außer mir auch nicht.

Lebensmaschine

13. Dezember 2016 § Ein Kommentar

Und so geht es immer weiter.
Als wäre nichts gewesen. Es ist erstaunlich. Es ist unheimlich. Es hat die Unerbittlichkeit einer Maschine, einer Lebensmaschine, die ich, der Teil von mir, der glaubt, zu denken, zu lenken und den Überblick zu haben, mühsam bewohne. Mühsam. Weil man ja nicht anders kann, als zu wohnen. Nicht mehr zu wohnen, gar nicht mehr … unvorstellbar. Keinen zweiten Gedanken wert.

Leben als eine Droge. Der Stoff macht keinen Spaß mehr, man braucht ihn. Man ist seiner überdrüssig, man saugt ihn ein. Gierig saugt man. Weil man nicht anders kann. Auf dem Leben hängengeblieben.

Morgens, vor dem Aufstehen. Der Radiowecker plärrt. Gleich stehe ich auf, denke ich, gleich, und bleibe liegen. Gleich, denke ich, wirst du aufgestanden sein, wirst die Bettdecke weggeschlagen haben, die Beine über die Bettkante geschwungen haben. nach den Hausschuhen getastet haben. Gleich wird, denke ich, dieser Gedanke Wirklichkeit sein. Wie kann es dazu kommen? Unbegreiflich. Warum bleibe ich nicht liegen? Unbegreiflich. Warum vergeht die Zeit? Warum wird gleich später sein, warum – – –

Habe ich wirklich eben die Bettdecke weggeschlagen, die Beine über die Bettkante geschwungen, nach den Hausschuhen getastet, setze ich gerade wirklich die Brille auf, gehe ich wirklich in die Küche, schließe ich wirklich das Fenster, fährt dort wirklich ein Mofa durch die Straße, bin ich das überhaupt? Wie ist es möglich, daß ich das bin?

Lebensmaschine. Zeitmaschine, ein Werk, das Zeit produziert und vernichtet, unaufhörlich, noch im Schlaf. In dieser Maschine feststecken und sich selbst beobachten, wie man sich selbst beobachtet, wie man vorausschaut auf den Moment, wo man, eine halbe Stunde später, auf einem Feldweg laufen wird. Die Furcht davor. Die Furcht, diesen Moment wirklich Wirklichkeit werden zu lassen, um dann auf den Moment zurückschauen zu müssen, an dem man zu dem, was jetzt (jetzt?? dann??) wirklich ist, vorausschaute, um den Moment, wo man zu dem Moment, wo man zu dem, was jetzt ist, vorausschaute, vorausschaute. Um dann den Moment … wo man …

Die Furcht davor, diesen Moment nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Vielleicht nie mehr. Niemals.

Tänzer

7. Dezember 2016 § 2 Kommentare

Sie tanzen.
Drüben tanzen sie.
Ich stehe am Fenster in der eiskalten Luft. Die Straßenlaterne überstrahlt alle Sterne, aber man riecht den freien, schwarzen Himmel, es riecht, wie nur eine eisige Winternacht ohne Schnee riechen kann. Noch keine acht Uhr, und die Scheiben der geparkten Autos belegen sich schon mir Reif, und beschlagen ist auch der ins Zimmer ragende Fensterflügel. Licht fällt zu meinen Füßen in den Vorgarten, auf welke Geranienklumpen, veredelt durch Rauhreif. Die Straßen sind leer, niemand geht bei dieser Witterung ohne Not raus.
Aber irgendwo ist doch Musik? Das kommt doch von draußen, es klingt, als spielte jemand einen Popsong vom Mobiltelephon ab und sänge dazu, hohe Stimmen, Jugendliche, Mädchen, drüben auf der Bank an der Kreuzung vielleicht? Oder kommt es näher? Nein. Es muß ganz nahe sein, irgendwo in der Straße, aber wo …?
Im Haus gegenüber sind mehrere Fenster erhellt. Da ist die Familie mit kleinen Kindern, man sieht durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Rechts ein Arbeitszimmer, scheint es. Und dann ist da dieses Fenster im ersten Stock. Schummeriges Licht herrscht in dem Raum. Die Wände sind kahl, die Lichtquelle nicht zu sehen. Das Fenster ist gekippt, und von dort kommt die Musik, kommt das gedämpfte Singen. Dann sehe ich jemanden hüpfen. Und noch einen. Der Leuchtfleck eines Smartphones zuckt durch den Raum.
Sie tanzen. Sie springen und tanzen. Es müssen fast noch Kinder sein, die Bewegungen sind voller Übermut, ohne das Gespreizte von Teenagern zu haben, ohne das Gefallenwollen, die da tanzen, gleichen eher tobenden Kindern als pubertären Feiernden. Und doch ist es kein Toben, diese jungen Leute tanzen wirklich. ausgelassen, hüpfend (immer wieder fliegt jemand aus der Tiefe des Raums ins Bild und verschwindet wieder, als spielten sie Fangen), voller Elastizität und Wildheit, Leute, denen niemand zuschaut, und die deshalb alles wagen. Deshalb das gekippte Fenster, wer so tanzt, wer so alles gibt, dem wird schnell warm.
Eine Party ist es auch nicht, denn dazu ist es zu früh, die Musik zu leise, die Tänzer zu wenige. Für eine Party, überhaupt für etwas Geplantes, ist das alles nicht ernst genug. Es scheint wirklich so zu sein, daß sich hier ein paar Freunde getroffen und spontan in Tanz gefallen sind. Einfach so, weil die Musik so schön ist, weil die Beine jung sind, und, klar, weil das Leben viel zu wundervoll ist, um mit trüben Gedanken am Fenster zu stehen und andern beim Tanzen zuzuschauen.

Devon

16. November 2016 § Ein Kommentar

Beim Wandern habe ich einmal am Ackerrand einen merkwürdigen Stein gefunden. Etwa honigmelonengroß, wog er gut seine zehn bis zwölf Pfund und hatte die Form einer riesigen Kartoffel. Er war von schmutzigroter bis graubrauner Farbe, wies keine Bruchkanten auf, war aber auch nicht glattgeschliffen, und zeigte auf der Oberfläche zahlreiche Narben und Grübchen, die sich bei näherm Besehen als Versteinerungen münzgroßer Muscheln und Schnecken herausstellten. Es war Winter, Wind tobte übers Feld, Schneegraupel fanden keinen Halt auf den frisch gebrochenen Schollen. Ich las den Stein mit vor Kälte fühllosen Fingern auf, reinigte ihn von Schneematsch und Erde und legte ihn in meinen Rucksack. Ich trug ihn noch fünfzehn Kilometer nach Hause, wo er seitdem die Badezimmerfliesen ziert.

Was ich noch weiß von dieser Wanderung: Einem nicht mehr gepflegten Weg folgen, an Viehweiden auskommen, unter einem Weidezaun durchkriechen, dabei die Hand auf einen Brennesselschößling stützen, eine Erinnerung, die noch tagelang schmerzt. Neue Wege durch abgelegene Landstriche, ein Landgraben, ein Wacholderschutzgebiet; mit steifen Fingern eine Brotrinde halten, da hat der Wind nachgelassen. Auf einem neuen Weg in eine alte Stadt. Worte, die ich wie einen Mantel über mich werfe. Beim Nachhausekommen das glückhafte Gefühl, etwas Schönem begegnet zu sein, eine Gnade des Landes selbst erfahren zu haben. Wie Wind, der noch im Innern weiterbraust. Der Stein machte ein hohles Geräusch, als ich ihn im Bad auf den Boden legte.

Koniferenzapfen; knospende Zweige; Pilze und Beeren; Häherfedern. Meistens ist aber das, was ich vom Wandern mitnehme, ein Stein. Ein kleines Schieferstückchen vielleicht, schwarz wie Gagat. Oder ein Stück Basalt, den eine Quarzspur durchzieht. Oder einen symmetrischen Kiesel, der mir in der Dämmerung als irgendwie leuchtend in die Augen fällt. Solche Funde trage ich Monate mit mir herum, in jeder Jacke habe ich mindestens einen. Wenn ich nichts zu tun habe, etwa auf eine Straßenbahn warte, spiele ich damit herum. Mit der Zeit werden die Steine ganz abgegriffen und glänzend. Dann sind sie irgendwann mehr als nur ein Stein. Stecke ich die Hand in die Tasche, ist mir der Stein sofort vertraut. Ich weiß immer genau, welchen ich wo gefunden habe.

Ein Gegenstand, der so langsam altert, daß er als Anker im Strom der Zeit dienen kann. Eine Fadenbindung der übereinander fallenden Augenblicke, die Stelle, die alles zusammenhält, über die eigene Existenz hinaus, aus dem Devon übers Erdmittelalter bis zur Erdneuzeit, mein eigenes Daseinsblinken ebenso verklammernd wie die unendliche Zukunft. So langsam, so sehr in sich selbst ruhend, so sehr sich selbst gleichend von Augenblick zu Augenblick, daß die Zeit ihn aus sich fallen läßt.

Ich starre auf ein Mosaik aus Herbstblättern. Gelb an Rot an Braun. Kältesteife Finger halten ein Würstchen, ein Stück Brot. Ich kaue, es schmeckt nicht. Ich müßte die Nase putzen, lasse den Rotz über die Lippe laufen. Und starre aufs Laub. Hier, und jetzt, und hier, und irgendeinmal. Ich saß hier mal mit einem Freund und beschwerte mich über das Geklingel aus fremden Kopfhörern. Es war ein froher Sommertag, und statt Jetztpunkten gab es Erleben. Ströme. Erinnerungen.
Elstern schimpfen in entlaubten Espen. Vom parallelen Pfad jenseits des Baches klingen Stimmen herüber. Die Strukturen des Laubs brennen sich auf der Netzhaut fest. Die Elstern schweigen wieder, sind bereits Vergangenheit, während sie im Kopf noch nachzuhallen scheinen, wie das Nachbild des Laubs, Vergangenheit genauso wie das Gespräch mit dem Freund, wie die Stimmen am Bach, die eben verstummt sind, wie alles, was nicht jetzt.
Jetzt.
Jetzt.
Ist.
Und nicht mehr ist.

Wenn ich wandere, versuche ich, zurückzukehren, in ein Haus aus Bildern und Luft. Ich sehne mich nach Orten, aber wenn ich dort bin, sind die Orte nicht mehr da. Ort und Zeit scheinen verschränkt, eins so unerreichbar wie das andere. Nur das Jetzt, da müßte man zu Hause sein, heimisch werden im Flug, im freien Fall. Oder in den Erinnerungen.

Als könnte man sich noch und noch in den Bildern der eigenen Geschichte aufhalten. Es gelingt nicht. Ich bin weder hier ganz, noch woanders. Ich fasse den Stein in meiner Jackentasche fester, und bin in einem seltsamen Raum, indem ich mir dabei zusehe, wie ich den Rotz hochziehe und auf ein Mosaik von Herbstblättern starre.

Selbstermächtigung

23. Juni 2016 § 3 Kommentare

Merkwürdige Assoziation, die sich an die Erinnerung an einen Schatten knüpft, der mittags über ein Schulpult wandert: Es muß dasselbe Klassenzimmer gewesen sein, in dem in einer Religionsstunde in der zehnten Klasse der damalige Lehrer eine ablehnende Bemerkung zur Selbstbefriedigung machte, nachdem er einen Mitschüler aus dem Religionsbuch einen entsprechenden Passus hatte ablesen lassen. Natürlich weiß ich nicht mehr, was für ein Buch das war, aber vielleicht weiß das Netz etwas. Ein Forum, über dessen sonstige Ausrichtung ich mir kein Urteil erlaube, führt mich in diesem Zusammenhang zu folgendem Auszug aus dem «Jugendkatechismus der Katholischen Kirche, Youcat» (Was es alles gibt!):

Die Kirche verteufelt Selbstbefriedigung nicht, aber sie warnt davor, sie zu verharmlosen. Tatsächlich sind viele Jugendliche und Erwachsene davon gefährdet, im Konsum von geilen Bilder, Filmen und Internetangeboten zu vereinsamen, statt in einer persönlichen Beziehung Liebe zu finden. Die Einsamkeit kann in eine Sackgasse führen, wo Selbstbefriedigung zur Sucht wird. Nach dem Motto «Für Sex brauche ich niemanden; den mache ich mir selbst, wie und wann ich ihn brauche» wird aber niemand glücklich.

Und siehe da! Genau das war die damals vertretene Auffassung. Wie der weiteren Lektüre in der Diskussion zu entnehmen ist, gibt es tatsächlich Menschen, die so etwas immer noch glauben:

Und kann da nur zustimmen! Es gibt Menschen, die werden durch Pornokonsum beziehungsunfähig und denken beim «realen» Sex nur mehr an ihre «heimlichen» Fantasien. Man braucht ja nur in irgendein Erotikforum zu schauen und bekommt alle Möglichen Fantasien geboten.

Beziehungsunfähigkeit durch Pornokonsum? Steht so ein Quark eigentlich heute immer noch in den Religionsbüchern? (Ich würde mein Kind sofort abmelden.) (Nicht daß mich das damals beeindruckt hätte. Aber verunsicherten Jugendlichen kann man leicht was vom Pferd erzählen.)
Du bist zu dick, du bist zu schlaff, mach mal Sport, du bist zu käsig, ernähr dich gesünder, geh früher zu Bett, iß mehr Obst und Gemüse, wasch dir die Haare, geh mal an die frische Luft, drück nicht an den Pickeln rum, halt dich gerade, popel nicht, nimm die Hand aus der Hose!
Als hätten Eltern, Lehrer, Geistliche, sonstiges Erziehungspersonal iregndein Anrecht auf den Körper von Jugendlichen. Irgendein Mitbestimmungsrecht. Eine Verfügung. Als hätten die heranwachsenden Söhne und Töchter ihren Körper nur von den Eltern geborgt. Als müßten sich jene bei diesen für jedes Vergnügen dieses Körpers noch eine Extraerlaubnis wegen Zweckentfremdung einholen.
Insofern könnte man die Selbstbefriedigung auch als einen Akt der emanzipatorischen Selbstbehauptung ansehen, der Ermächtigung über den eigenen Leib. Dazu müßte man Jugendliche eigentlich nur ermuntern, wenn darin nicht über den Akt des Gewährens wieder eine subtile Ermächtigung läge.

Warum ich Begegnungen mit Fremden anstrengend finde

17. Mai 2016 § 7 Kommentare

Später am Tag, als wir im Gespräch auf etwas zurückkommen, das unser selbsternannter Fremdenführer uns mittags erzählt hat, sagt meine Begleiterin lachend, du hast da gar nicht richtig zugehört, nicht?
Das stimmt, ich habe nicht richtig zugehört, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Damit hängt auch zusammen, warum ich so schwer mit Leuten ins Gespräch komme. Schon die schiere Präsenz eines Fremden, noch dazu eines, der sich uns förmlich aufgedrängt hat, muß ich erstmal in Ruhe verdauen, ehe ich das, was mir diese schier übermächtige Gegenwart sagt, erfassen kann. Ich kann vorerst nicht mehr, als diesen alten Mann mustern, der uns, wie wir unentschlossen auf dem Marktplatz standen, mit einem zugerufenen Entschuldigen Sie bitte! angesprochen hat, um uns unaufgefordert den Weg zur Touristeninformation zu erklären: Einen Kopf kleiner als ich, ist er mit einem dunkelblauen Anzug von feinem Stoff gekleidet, trägt Krawatte, keinen Hut, und, ein Stilbruch, über dem Jackett – es ist ein kühler Tag – eine Windjacke vom Grabbeltisch. Sein Blick ist klar, sein Gesichtsausdruck wach. Seine Sprache dialektal mit rollendem r, er artikuliert deutlich, spricht gepflegt und höflich. Sein Kopf ist voll von Fakten, und die Art, wie er diese Fakten erzählt (historische Begebenheiten, die mit dem Freiherrn vom Stein zu tun haben, ebenso wie jüngere örtliche Ereignisse, etwa die Schließung einer Realschule) die routinierte Leichtigkeit, mit der sie ihm einfallen, läßt darauf schließen, daß er sie nicht zum ersten Mal und wahrscheinlich oft wiedergibt. Sein Alter sicher jenseits der siebzig, aber wenn es ein Mensch ist, der viel an der frischen Luft war in seinem Leben, könnte er auch etwas jünger sein. Vom Kinn zum Hemdkragen zieht sich eine lockere Hautfalte, einer Stierwamme nicht unähnlich. Die Hände sind kräftig, kurze Finger, die leicht nach der Seite gekrümmt sind. (Später verrät er uns, daß er das achte Jahrzehnt schon überschritten hat.) Es ist ein schönes, ja, ein prachtvolles Greisenantlitz, und um diesem Menschen zuhören zu können, müßte ich ihn erstmal eine halbe Stunde ganz in Ruhe betrachten dürfen, einfach nur betrachten. Erst dann wäre ich so weit, zur nächsten Information überzugehen. So aber strömt alles auf einmal auf mich ein, und noch dazu völlig unerwartet. Dazu kommt noch, daß mich mehr die Situation der Begegnung selbst fordert, so daß ich mir Fragen stelle wie diese: Was will dieser Mensch? Sucht er jemanden zum Reden? Ist er einsam oder einfach nur ein geselliger Typ? Sind wir seine heutigen Opfer? Was sieht er in uns? Welchen Verlauf wird dieses Gespräch nehmen? Wie läßt es sich schonend wieder beenden? Was soll ich antworten, wenn überhaupt? Soll ich Interesse zeigen oder wenigestens welches heucheln? Müßte ich mich nicht interessieren, nur damit ich später darüber schreiben kann? Soll ich allem einfach zustimmen, falls der Mann beginnt, Unsinn zu erzählen, oder lieber hübsch akademisch widersprechen? Was würde Bill Bryson tun? Undsoweiter. Dies alles natürlich nicht wohlgeordnet, sondern in einem einzigen Strom verworrener, eher dem Unangenehmen zuneigender Empfindungen, was mich sofort nervös und verschlossen macht.
Ist es da ein Wunder, wenn ich so gut wie nichts von dem habe aufnehmen können, was uns der Greis erzählt hat? Und so ist es meistens.
Daher kommt es, daß ich, obwohl ich immer gerne von Begegnungen lese, die andere beim Wandern oder Reisen machen, sie doch recht ungern selbst erlebe. Dabei träume ich davon, interessante Menschen zu treffen. Ich male mir tiefe Gespräche, verblüffende Einsichten, überraschende Philosophien, kuriose Lokalhistörchen aus. Ich stelle mir vor, wie der Wanderer und der Einheimische einander mit Erfahrungen bereichern. Ich schwärme von einem Schatz an Geschichten, den ich von der Reise mit nach Hause bringe. Aber wie soll das passieren, wenn man die Begegnung nicht nur nicht sucht, sondern sogar scheut? So nehme ich mir vor, Begegnungen, wo sie passieren, wenigstens geschehen zu lassen, ja, sie zu ertragen; mache es mir zur Pflicht, auszuharren, nicht zu urteilen, mir Zeit zu nehmen. Überlege mir Fragen, die man stellen könnte. Denke an Bill Bryson.
Aber sobald ein Mensch aus Fleisch und Blut vor mir steht, will ich nur noch eins: weg.
Diesmal ist es meine Begleiterin, die uns loseist, indem sie geschickt nach einer Empfehlung für ein Café fragt. Wir lassen den schönen Greis stehen, und ich atme enttäuscht auf.

Wo bin ich?

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