Scholae, non vitae

28. April 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Einmal quer über den Campus, und schon völlig fertig. Autos, Straßenbahnen, flitzende Fahrradfahrer, rechts das mehrspurige Brausen der Universitätsstraße, und, im Gegenlicht, flackernde Schemen, in Trauben und Scharen sich vorwärtsschiebend, im Entgegenkommen ausweichend, an Bushaltestellen sich sammelnd, vor allem aber: Hastend, eilend, drückend.
Wo wollen die nur alle hin?
War das vor zwanzig Jahren auch so? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich kann mich auch nicht an vollgestopfte Züge erinnern. Erst recht nicht an Horden von Studenten, die zwischen den Straßenbahnhaltestellen und den Hörsaalgebäuden in langen Reihen unterwegs sind. Und wenn das zu meiner eigenen Studienzeit nicht so war: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und wie mag es wohl im Innern der Hörsäle aussehen, in die all diese Horden hineindrängen?
Die Schlange vor dem Bäckerkiosk macht mir endlich klar, warum ich mich so unbehaglich fühle, ja, warum ich Ärger verspüre angesichts dieses Massenandrangs: Ich empfinde diese Hochschule immer noch, nach all den Jahren, als meine.
Und diese Horden, die da über sie hereinbrechen, sie erobern diesen meinen persönlichen Besitz, schlimmer noch, sie eignen sich ihn an, schlimmer noch, sie mißbrauchen ihn wie Barbaren, die die Paläste Roms mit Büchern beheizen.
Was wissen die denn schon, was das Studieren einmal war?

De Senectute (1)

25. April 2016 § 4 Kommentare

Noch einmal laufen. Noch einmal. Und schon seit Jahren manchmal der Gedanke: Irgendeine Runde wird deine letzte sein. Das wirst du nur dann nicht wissen, während du sie läufst. Sie wird sich erst im Nachhinein als diese letzte Runde zu erkennen geben. So ist es ja immer. Das letzte Gespräch mit A. Der letzte Besuch bei K. Der letzte Kuß mit C., an den ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Wir tun, solange wir jung sind, so, als sei alles unendlich, als sei für alles auch später noch Zeit.

Letztes Jahr bin ich meine Bestzeit gelaufen; es ist unwahrscheinlich, daß ich das noch einmal unterbieten kann. So werden dann also die 3:41 meine Lebensbestzeit auf der Marathonstrecke sein. Besser wird es nicht geworden sein, mehr werde ich dann nicht geschafft haben. Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, ob es dabei bleibt oder ich doch noch einmal zwei Minuten schneller bin: Irgendein Erfolg, irgendein Triumph wird der größte sein, definitiv und für immer. Das Leben ist nicht unendlich steigerbar. Nein, auch später nicht.

Damals auf der Lesung mit der bereits über achtzigjährigen Astrid Lindgren in der Stadtbibliothek Heidelberg, die Frage eines Kindes, Werden Sie noch ein Buch schreiben? (Ich weiß nicht mehr, was sie geantwortet hat; aber wir wissen heute: Nein. Ronja Räubertochter war ihr letztes Buch.)

Warum ist uns Wachstum so wichtig? Weil es uns über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Wenn wir uns mit weniger zufriedengeben, ist der Gipfel erreicht. Danach geht es nur noch abwärts. Wir wissen, wie furchtbar es für Thomas Mann war, daß er im Alter nichts mehr schrieb. Und man täusche sich hier nicht: Jeder Trost, der einem hier einfallen mag, basiert doch wieder auf einer neuen Art Wachstum, auf einer Verlagerung des Wachstumsgedankens auf einen anderen, noch nicht von Verfall angefressenen Bereich: Innere Größe. Erfahrung. Spiritualität, künstlerischer Ausdruck, man nehme, was man will. Allem liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, das Gute des Wachsens. Gewachsen muß werden. Wer nicht wächst, schrumpft. Wer schrumpft, stirbt.

«Michael kann sich die Schuhe selbst binden!» Derselbe Satz, nicht über den dreijährigen Michael, sondern über den dreiundneunzigjährigen Michael geäußert, löst kein Gefühl des Stolzes, sondern des Mitleids aus. Warum? Weil das Schuhebinden beim Dreijährigen der Anfang in einer langen Reihe weiterer Bemeisterungen ist. Der nächste Erfolg wird eine noch größere Bemeisterung sein. Im stolzen Lob, das man dem Dreijährigen zollt, liegt die Aussicht auf Größeres. Bald wird er schreiben und lesen können, bald das kleine Einmaleins beherrschen, undsoweiter. Beim Greis dagegen ist das Schuhebinden eine Station in einer Entwicklung des Schwindens. Etwas noch zu können ist kein Grund zur Freude, wenn der Verlust dieser Fähigkeit unausweichlich ist. Da kommt nichts mehr, da wird nichts mehr draus: Insofern ist jede Bescheinigung einer Fähigkeit für den Greis bitter. Für die Tatsache, daß da nichts mehr kommt, ist es egal, ob es sich ums Schuhebinden, ums Stuhlverhalten oder um den Marathonlauf handelt.
Das schlimme ist: Es ist nicht nur für den Greis bitter. Denn der Verlust von Fähigkeiten, der Verlust aller Fähigkeiten, bis hinunter zu Nierenfunktion und Herztätigkeit am Ende, ist unausweichlich. Auch schon für den Dreijährigen. Wir täuschen uns da nur, solange Fähigkeiten noch erworben und nicht verloren werden.

Und es gehört eben auch zu den Bitterkeiten des Alters, daß man Mißerfolge nicht mehr unter Verweis auf eine nebulöse Zukunft, in der letztlich alle Rückschläge einmal überwindbar sind und, wenn man es nur richtig will, auch überwunden werden, beiseite schieben kann. Zum einen als der Mißerfolg selbst, zum andern als Makel, den man nicht mehr tilgen kann, beginnt ab einem gewissen Alter jeder Mißerfolg doppelt zu wiegen.
Aber auch jeder Erfolg: Denn jeder eben errungene könnte ja bereits der größte gewesen sein. Und das wird immer wahrscheinlicher, je älter man wird. Furchtbar aber ist nicht der Gedanke ans Ende, sondern die langsam einsickernde Erkenntnis, daß das eigene Wachsen eine Grenze hat. Das man nicht alles, was man nur will, wird erreichen können. Wird erreicht haben.

Noch einmal laufen. Und noch einmal. Nicht im freudigen Bewußtsein, was man schon alles kann. Sondern mit dem bitteren Gedanken daran, was man noch alles kann. Und daß man sich dafür schon jetzt loben lassen muß.

(Nachtrag: Da hat doch tatsächlich einer auf „Gefällt mir“ geklickt!)

112 Meilen (4)

10. November 2015 § 6 Kommentare

Ich muß nichts mehr besitzen, denke ich versonnen, während ich mein Brot kaue und in die Morgensonne blinzle.
Es hat merklich abgekühlt, dafür ist der Himmel klar. Man merkt, es wird ein warmer, milder Helbsttag werden; noch aber spendet die Sonne nur gerade so viel Wärme, daß es fürs Auge reicht. Der Rest friert, ja zittert. Schnell noch ein Stück Schokolade, und weiter.
Am Morgen nicht aus dem Bett gekommen, schwerer Kopf, noch schwerere Glieder. Selbst nach dem Kaffee liegt eine Art Dunkelheit hinter den Augen, als hätte die Nacht einen Schlupfwinkel in meinem Kopf gefunden. Einmal habe ich eine Wanderung wegen einer Erkältung, die mich am Abend der zweiten Etappe heimsuchte, abbrechen müssen; seitdem fürchte ich ein solches Pech wie der Teufel das Weihwasser. Blöd genug, daß noch vier Pensionswirte auf uns warten, denen wir dann kurzfristig absagen müßten; noch dümmer, daß, wenn man nur Pech genug hat, die nächste Bahnstation einen halben Tagesmarsch entfernt ist, eine Strecke, die ich dann mit Fieber zurücklegen müßte. Am dümmsten aber, daß K. und ich jedes Jahr nur eine Chance haben, so eine Wanderung zu machen. Das will man nicht durch einen Virus vergeigt sehen.
Mit solchen Gedanken und einem matten Druck auf der Brust gehen ich los. Du bist jemand, der sich Sorgen macht, hat mir vor kurzem mal jemand gesagt. Stimmt genau. So einer bin ich. Ich sehe die Dinge genau vor mir, die schiefgehen können, alle. Das ist manchmal beschwerlich.
Die Straße ist taunaß und beginnt zu glänzen, wo die frühe Sonne den Asphalt berührt; Ahorn leuchtet; Nebel schaut verschlafen aus den Tälern; es ist ein Morgen wie aus dem Bilderbuch, aber ich gehe bedrückt und sehne mich nach Kaffee nach dem Kaffee. Eine Wegbiegung durch klammen Schatten, dann strahlt uns Blankenheims Burg aus der Höhe an.
Es ist Sonntag. Die Stadt schläft noch. Ein Schwarm Mountainbiker ist früh aufgestanden, überholt uns an der Straße, die steil aufwärts aus dem Ort fortführt. Mountainbiker bergauf sind ein seltsamer Anblick; wie sie sich mit irre schnellen Kurbelbewegungen in höchst zähem Tempo hinaufkämpfen, zentimeterweise, als zögen sie sich selbst an einem Flaschenzug in die Höhe, hat es etwas Sisyphoshaftes, Mitleiderregendes. Eine etwas schnellere Gangart, und wir würden sie zu Fuß wieder einholen. Ich habe schon Mountainbiker bergauf beim Lauftraining überholt. Zu Fuß Gehen, denke ich wieder einmal, ist für uns Menschen wohl die effizienteste Art, sich fortzubewegen. Langsam, aber fast endlos durchzuhalten.
Vor uns entrollen sich Fernen, strecken sich und gähnen wie Urlauber auf der Terrasse. Schlehen hocken versteckt hinter Dornen. Weißdorn lodert wie Ampeln aus dem Gebüsch. Der Sommer war lang, der Herbst spät und mild, Färbung hat noch kaum richtig eingesetzt. Nach dem Regen der letzten Tage ist die Luft wie gespült, die Weiden und Äcker liegen wie auf einer Anrichte drapiert. Der Druck in der Brust läßt nach, die Nacht strömt aus den Augen davon. Das Gehen geht von selbst. Man möchte dreimal mehr Atem schöpfen als man braucht und wünscht sich einen Geschmackssinn für Licht.
Die letzten bekannten Wegmarken: ein Holzstoß ohne Holz, nur noch aus Schleifspuren und Erinnerungen bestehend; Wegnamen: ein Brotpfad. Abzweigungen, an denen wir vorbeilaufen, deren Ziel ich kenne. An dieser Hütte bin ich vor Jahren an einem Neujahrstag vorbeigekommen, übermüdet nach einer schlaflosen Nacht, in welcher Nachbarn Brauchtumspflege betrieben. Damals hätte ich gleich hier übernachten sollen. Irgendwann mache ich das vielleicht. Alles scheint greifbar an einem solchen Morgen, das nächste wie das Entlegene, Vergangenheit, Zukunft und der unbegrenzte Augenblick, in dem ein Pilzhut aufblitzt, K. sich die Nase putzt, der Stiefel einen Kiesel anstößt und damit einen winzigen Beitrag zur langsamen Arbeit der Gebirgsabtragung leistet. Fast glaubt man, Schmetterlinge zu sehen, aber es sind nur die leuchtenden Körper von Spinnennetzen. Manchmal flackert ein Gebüsch von Vogelflug. Ein Rascheln, ein Warnpfiff, dann setzten sich Farbe, Schatten und Tiefen wieder zusammen.

Es ist so einfach, sich vorzustellen: Ab jetzt wird alles anders. Das eigene Leben scheint machbar, formbar, gestaltbar. Plötzlich hat man wieder die Wahl. Man könnte einfach so weitermachen, einfach weiterlaufen, der schwerste Augenblick, das Schließen der Tür, ist drei Tage her, wann wenn nicht jetzt, schon Verblassen die Erinnerungen an überfüllte Pendlerzüge, verstopfte Straßen, Bürovormittage, Lichtzeichenanlagen. Was für eine Absurdität, überhaupt, nicht einfach gehen zu dürfen, nur weil irgendwo ein Ampelhampelmännchen rot leuchtet. Irrsinn. Gehen ist das einfachste von der Welt, so elementar wie Atmen. Dafür gibt es ja auch keine Ampel.
Das Gefühl während jeder Wanderung: Jetzt muß, jetzt kann alles ganz anders werden.

Das Elementare wieder an seinen Platz rücken, denke ich mir. Das Leben absolut setzen. Seine Grandiosität endlich ernst nehmen. Schon genug Jahre an einem albernen Schreibtisch verbumfidelt. Was braucht es mehr zum guten Leben als einen Rucksack und ein Paar Wanderschuhe? Augen zum Sehen, Gedanken zum Denken und einen Bleistift für die Geschichten? Was wäre das für ein Leben? Nicht immer ein bequemes; sicher ein menschengemäßeres.
In solchen Augenblicken, auf einem steilen Anstieg kurz vor dem Frühstück, zu Füßen in Bronze gegossenes Laub, die Ferne wie ein Sog vor den Schritten, Pantomimen des Morgenlichts in den rotgewürzten Buchenwipfeln, mit Magenknurren und dem klaren Bewußtsein einer kräftigen Wurst im Rucksack – in solchen Augenblicken scheinen die Bilder von den Alltagsquälereien nicht einmal mehr bitter. Sie lassen sich einfach auflösen wie Nebel. Sie wiegen nichts mehr. Sie sind so irrelevant wie die Sorgen eines abgelegten Jahrhunderts.

Später, Meilen von hier, aber noch Meilen von Gerolstein entfernt, kommt alles zum Schweigen. Das Land streckt sich voller Winkel und Spalten; Kiefern und Wacholder duften; ein namenloser Käfer kämpft sich unter der Bank durchs Gras. Der Blick lernt fliegen, und die Sonne tastet alles ab, nimmt die Dinge in Augenschein, krümmt hier einen Fluß zurecht, schiebt noch einen Forst etwas malerischer auf einen Hügel hoch, sieht mild zu, wie ein Traktor eine Staubfahne über einen Weg wirft, bis alles, alles perfekt ist, und da ist es plötzlich ein Glück, ohne Worte zu sein, leer und frei wie Luft über Steinen, ahnungslos und vorbehaltlos offen.

Wir frühstücken, genauer gesagt, wir frühstücken zum zweiten Mal, das erste Frühstück war ausgezeichnet, neben reichlich Brotsorten und Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade hat der Wirt uns einzigen Frühstücksgästen ein frisches Omelette zubereitet. Passend zum Namen des Wegs, Brotpfad, machen wir an der Hütte Rast. Brot, Wurst, Äpfel von Huberts Wiese. Die Geschichte zu dieser Hütte war: In der Silvesternacht 2008 so furchtbar über die Hofnachbarn geärgert, die zum ersten Mal, seit ich dort eingezogen war, den Jahreswechsel feierten, so laut, als wollten sie die versäumten Silvesternächte alle auf einmal nachholen, daß ich mich erblödete, bei den Ordnungshütern anzurufen. Dort beschied man mir, sie könnten nichts unternehmen, das sei Pflege des Brauchtums, da dürfe man auch die ganze Nacht durchfeiern. Kaum vorstellbar, daß ich damals keine Ohrstöpsel im Haus hatte (heute vergeht keine Nacht, da ich die Dinger nicht brauche), aber es waren wohl insgesamt leisere Zeiten, wie ich die Nacht rumgekriegt habe, weiß ich nicht mehr, will ich auch nicht wissen. Jedenfalls bin ich nach Plan um sechs aufgestanden und war gegen acht in der Eifel. Am späten Nachmittag des ersten Januar kam ich aus der anderen Richtung an diese Hütte, hatte mir die Müdigkeit und den frustrierten Zorn aus den Gliedern gelaufen, freute mich über die liebevolle Sorgfalt, mit der die Hütte eingerichtet worden war (es fehlte nicht einmal Klopapier), und schrieb sogar ein paar Zeilen ins Gästebuch, etwas in der Richtung, wie froh ich über die Stille sei. Denn still war es, endlich, an diesem verkaterten Feiertag. Ich bin den ganzen Tag keinem Menschen begegnet.
Es ist ein schöner Ort, eine Wegkreuzung im kurzen Schatten von Eichen, der Gipfel eines Hügelkamms, das Licht überall nah, wie Glockenklang aus einem gemütlichen Dorf. Wir kriegen Besuch: zwei Mountainbiker in voller Montur, ein Mann und ein Mädchen, dem Alter nach Großvater und Enkelin. Sie steigen ab und sehen sich um, spähen durchs die Fenster der Hütte, können sich nicht entschließen, sich zu uns zu setzen. Der Mann schiebt ein Bäuchlein vor sich her. Das Mädchen, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, ist ausgesprochen hübsch. Blondes, halblanges, glattes Haar, großer Mund, helle Augen, die die Farbtemperatur von allem, was sie anschauen, zu heben scheinen; geschmeidiger Körperbau, Beine, die sicher und federnd tragen, nicht mehr Kind, noch nicht Frau, ich staune dieses Wesen an, die Brüste nehmen eine Reife vorweg, die der Stimme, den Händen noch fehlt. Und wie ich ihre selbstvergessene, noch durch keinen Selbstzweifel angekränkelte Anmut bewundere, überkommt mich ein seltsamer Hunger. eine nagende Wehmut, als hätte ich irgendetwas verpaßt, und nun wäre es zu spät. Ich spüre eine bekannte Unruhe sich regen; der Fahradhelm blitzt am Ellenbogen; das blonde Haar ist stellenweise von Schweiß und Helm an den Kopf geklebt, was das Entzücken nur steigert. Und dann löst sich alles in einer Art befreiter Heiterkeit auf. Du mußt das nicht mehr, denke ich. Du stehst dem Großvater an Jahren näher als dem Mädel. Laß gut sein. Du mußt dir nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie du das Interesse der hübschen Kommilitonin aus dem Hegelseminar auf dich ziehst. Du brauchst nicht mehr cool und attraktiv zu sein. Du hast das alles hinter dir. Du mußt nichts mehr haben, du mußt nichts mehr kriegen, du mußt nichts mehr besitzen.
Es reicht, wenn du in der Sonne sitzt, dein Brot mit einer Gefährtin teilst; es reicht, daß es Worte gibt und einen Platz, sie niederzuschreiben; es reicht, daß der Weg schmal ist und das Ziel noch sehr, sehr fern.

27. Oktober 2014 § Ein Kommentar

Einem Fünfzehnjährigen auf Betreiben der Mutter aus Anlaß seines ersten Empfangs von Damenbesuch mit ein paar freundschaftlich-mahnenden Worten ein Päckchen Condome zugesteckt. Auch eine Erfahrung. Ich bin nicht sicher, wer von uns beiden in größerer Verlegenheit war. Schon lange denke ich ja, daß das mit dem Erwachsensein eine Illusion ist. Locker sind immer nur die anderen.

Sirene

21. Oktober 2014 § 8 Kommentare

Jedes Jahr einmal, immer an einem Mittwoch vormittag, kamen die Bomber.
Sie kreisten über den Dächern der Kleinstadt, drehten wieder ab, kehrten ein paarmal zurück, ohne die tödliche Fracht loszuwerden, bis sie endlich am Horizont verschwanden, und eine letzte Entwarnung verkündete, daß man wieder einmal für ein Jahr davongekommen war.
Falls in der Zwischenzeit nicht der Ernstfall einträte.
Man nannte das „Probealarm“, und es war einer der größeren Schrecken meiner Kinderzeit.
Auf einem der Gebäude meiner Schule, auf der anderen Seite des Hofs, genau gegenüber von meinem Klassenzimmer, erhob sich, groß, gräßlich, weithin sichtbar, eine Sirene. Dieses Ding auf dem Dach schien mir in seiner Eigenschaft, einen fürchterlichen Lärm zu produzieren, an sich schon gefährlich Bereits dieser Lärm war die Gefahr, war Schmerz, Krampf und heillose Konfusion. Schon ihre unheilvolle Silhouette, die an genau jenen anderen Pilz zu erinnern schien, vor dem jede Warnung ja doch vergeben gewesen wäre, verbreitete in meinen Augen Angst und Schrecken, weniger vor der oder als Sinnbild für die erwartete Katastrophe als vor der Angst selbst – der Angst vor der Angst.
Vor dem Erschrecken.
Schon als Säugling war ich, so versichern es die Eltern, geräuschempfindlich bis zur Nahrungsverweigerung. Wenn irgendwo was knisterte, zischte, prasselte, stellte ich das Trinken ein, und war ich auch noch so hungrig. Alle Arten von plötzlich einsetzendem Tuten, Schlagen, Heulen waren (und sind mir bis auf den heutigen Tag) ein Greuel. „Wird es laut?“ war meine erste Frage, wenn meine Eltern mich auf irgendeine Unternehmung mitnehmen wollten. Auf ein Ausflugsschiff übern Vierwaldstättersee rannte ich mit den Händen auf den Ohren über die Gangway, panisch, das Schiffshorn könne lostuten, bevor ich das gedämpfte Innere erreicht hätte. Ich wußte, daß ich mich lächerlich machte, aber die Furcht vor dem Krach war ärger als die Scham. Die Schilderung eines Schulkameraden, der schon einmal eine Flugreise gemacht hatte, so ein Jet sei lauter als die Sirene (dabei zeigte er auf die dräuende Silhouette überm Schulhaus), flößte mir Mitleid mit dem armen Jungen ein. Eine Hafenrundfahrt wurde zum Martyrium, weil ich jederzeit erwartete, die Erfahrung vom Vierwaldstättersee könne sich wiederholen. Und auf dem Sportfest lief ich eine schrecklich schlechte Zeit über die hundert Meter, weil ich vom zuerst erwarteten, dann tatsächlich empfundenen Schrecken des Startschusses (aus einer echten Pistole) weiche Knie hatte. Und in der Eisenbahn hatte ich beim Übergang von einem Waggon in den nächsten nicht etwa Angst, die Verbindung könne mir unter den Füßen wegbrechen; nur der entsetzliche, ungedämpfte Krach von Gleis, Wind, Fahrwerk schreckte mich. Tröten, Knallen, Tuten, Jaulen. Überall lauerte er, der Krach. Im Zirkus, auf dem Feuerwehrfest, bei der Flugschau, beim Karnevalszug.
Und in der Schule. Wo auf dem Nachbardach die Sirene hockte, schlimmer als jede imaginierte oder wirkliche, leicht zu verdrängende Bombengefahr. Eine stets latente Angst war, wir könnten vielleicht umziehen, und in einem Haus mit Sirene auf dem Dach mit dem allezeit drohenden Schrecken überm eigenen Kopf leben müssen. Kaum besser war die Vorstellung, ich könnte vielleicht eines Probealarmmittwochs ausgerechnet in jenem Gebäude Unterricht haben, das die Sirene trug. Und als ich später umgeschult wurde, spähte ich überall umher, ob auf dem Dach der neuen Schule nicht etwa eine Sirene installiert sei. Zu meiner übergroßen Erleichterung waren alle Dächer des Komplexes sirenenfrei.
Noch heute ist mir dieses Grauen, dieser durchaus panische Schrecken gegenwärtig, rieselt es mir eiskalt durch die Glieder, wenn ich irgendwo eine Feuerwehrsirene höre. Egal, wie weit weg ich bin, egal, wie niedrig der Schallpegel tatsächlich ist, die Art des Geräuschs, dieses unerbittliche Warnen, dieses Geheul, das geradewegs aus der Hölle selbst emporzufahren scheint, seelenlos, kalt, mörderisch, flößt mir immer noch Angst ein. Und genau das soll es ja auch.
Meine Eltern versprachen mir, sie würden mir beim nächsten Probealarm, dessen Datum in der Zeitung angekündigt werde, bescheid sagen, dann wüßte ich, was mich erwarte. Die Folge war, daß ich einen halben Vormittag im Angstschweiß badete, während ringsum die Mitschüler sich ihres Lebens freuten. Natürlich erschraken sie dann genau wie ich, wer würde nicht erschrecken, wenn keine fünfzig Meter entfernt eine Sirene losgeht? Aber im Unterschied zu mir machte es ihnen eben nichts aus.
(Eins der Dinge, die ich an Musik schätze, ist, vermute ich, daß sie den Lärm bändigt, indem sie ihn in eine Form zwingt, verwandelt und nutzbar macht. Natürlich ist Musik mehr als nur domestizierter Lärm, aber sie ist es auch, ein bißchen. Vielleicht deswegen mag ich es auch nicht leiden, wenn undomestiziertes Geräusch durch die Hintertür wieder hereingelassen werden. Schlagwerk mag ich, wenn überhaupt, nur in feinster Dosierung, und niemals nur darum, wie etwa in der populären Musik allegegenwärtig exemplifiziert, weil man es halt so macht. Beethovens Gewitter in der sechsten Symphonie mochte ich immer schon, an die entsprechende Klangmalerei bei Strauss, der eine Windmaschine benötigt, mußte ich mich erst, sie lange rigoros ablehnend, gewöhnen.
Ein bißchen klingt sie nämlich wie eine Sirene.)

Werden, wer man ist

26. Juni 2014 § Ein Kommentar

Für Schüchternheit hat mir immer der Mut gefehlt.

Heimat an Flüssen

29. November 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Später gab es die Schleuse, gab es die Bahnbrücke, gab es Wege allein. Raben zogen im Wasser über die Spiegelungen der Tiefe. Einen Abend gab es, der am Gitterwerk der Eisenbahnbrücke festwuchs. Züge machten die Ferne hörbar. Irgendwann muß die Ferne zum erstenmal ein Geräusch gemacht und gelockt haben. An einem Abend überm Fluß vielleicht, auf einer Fahrt über die Brücke, im Herbst. Die Räder ratterten und verbanden das Hier mit dem Dort. Das muß die Zeit gewesen sein, da die Welt klein wurde, und indem sie schrumpfte, wurde begreifbar, wie groß sie war. Die Dinge wurden unvollständig und verlangten nach etwas, das sie wieder heil machte, sie wieder einfügte in den Zusammenhang der Welt. Was es war, das ihnen fehlte, das hast du erst Jahre und Jahre später verstanden.
Erwachsensein hieß, alleine zu sein an Flüssen. Erwachsensein war, kommen und wieder gehen, von einer Brücke herab auf den Kanal blicken. Einmal löste sich ein Totenvogel aus dem Nebel in den Uferpappeln, das hast du nie mehr vergessen. Die Schreie der Krähe hallten über dem weißgeseiften Wasser. Darüber wolltest du schreiben, aber es gelang dir nicht. Störrisch und mächtig waren die Dinge, Krähe, Nebel, Pappel, aber einzeln waren sie, und wehrten sich gegen Worte. Geschichten hockten an den Wurzeln der Dinge, aber wenn man ihr erstes Wort sprach, um sie zu erzählen, da verflüchtigten sie sich und wurden unerzählbar, wie die Rabenschreie, die der Nebel wegnahm, wenn er sich auflöste überm glitzernden Strom.

*****

Sommer, der erste Rausch, du hattest eine Flasche Mâcon gekauft, du brietest dir Fleisch und leertest die Flasche allein auf dem Balkon, die Eltern waren in Urlaub, zum ersten Mal warst du nicht mitgefahren. Du warst allein. Erhitzt und begeistert vom Wein, deiner Kühnheit und der Nacht, in der du ganz allein warst, bist du gegen Mitternacht zur Kanalbrücke gegangen, wild verlangend nach Bewegung, Strömung und Bildern. Du fandest einen stillen Strom, die Kette der Laternen ein zittriges Band unter Holunder und Weiden. Ein Fluß im Sommer, zur Nacht, und das Gefühl, am Anfang einer jeglichen Nacht zu stehen. Das Wasser sehr still, nur das Schwanken der Schatten darauf deutete auf sein langsames Strömen; das Dorf wie verlassen; kein Verkehr auf den Straßen, weder nah noch fern. Die Bäume auf dem Schulhof deiner alten Schule vollgesogen mit Laternenlicht.
Die Luft war warm, feucht, voller Gerüche. Du hattest Nacht und Fluß, du hattest Brücke und Lichter, du hattest die Welt und dich selbst für dich allein, und alles in dir drängte danach, Nacht, Fluß, Rausch, ja, dich selbst: zu teilen. Daß da niemand war, der die Welt, der dich mit dir teilen mochte, das machte dir damals Schmerz, einen Schmerz, den die Nacht, die schwimmenden Lichter, die einsame Brücke, den dir diese Stunde nicht erklären konnte, nicht verwandeln, nicht mildern. Statt daß du ruhig werden konntest an einem Augenblick, da Zeit mit Zeiten zu einem ruhenden Spiegel verschmolz, wuchs dir in dieser stillen Stunde nur ein umso größerer Schmerz, eine umso wildere Sehnsucht zu. Die Stunde genügte sich selbst. Sie brauchte dich nicht. Du aber genügtest dir nicht. Oder war es die Stunde mit allem, was sie enthielt, der du nicht genügtest?
Was blieb dir damals, als zu Hause schon halb im betrunkenen Schlaf die Nacht mit dir selbst zu teilen. Jahre später aber ist diese Stunde auf der Kanalbrücke dann noch einmal zu dir zurückgekommen, als du über sie schreiben wolltest. Heil war sie da geworden an der Zeit und am gelebten Leben, heil an der Erzählung, und du begannst zu ahnen, daß dir bei aller Sehnsucht in diesen Jahren das Alleinsein zutiefst gemäß gewesen sein muß, als ordentliche Verfaßtheit deines jungen Lebens.

Sommersemester 1992

9. Juli 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Es war Sommer, und das Semester, mein erstes, neigte sich seinem Ende. Prüfungen hatten wir keine, noch keine ernsteren jedenfalls, und der Stundenplan wies viele weiße Blöcke auf. Die Sonne schien, der Hofgarten lockte, die Welt war wiesentauglich, wir hatten Zeit und eine Thermoskanne Kaffee, den ich von zu Hause mitgebracht hatte. Was uns fehlte, waren Tassen. Also sind wir in ein billiges Kaufhaus in der Innenstatdt gegangen (damals könnte man noch preiswert in der Innenstadt einkaufen), und haben je eine schlichte, Tasse für zwei Mark gekauft, eine solche Tasse, die der Engländer Mug nennt, wofür es auf Deutsch kein eigenes Wort gibt. Zylindrisch, mit Henkel, dickwandig, etwa einen Viertelliter fassend, aus weinrot glasierter Keramik. Wir hatten ein äußerst schmales Budget damals und ich schätze, es wird die billigste Tasse gewesen sein, die es in diesem billigen Kaufhaus gab. Ich habe sie sehr oft gebraucht, und vom vielen Einschenken heißer Flüssigkeit hat die Farbe der Glasur auf der Innenseite ein Netzmuster feiner dunkler Risse bekommen. Sie wuchs mir ans Herz, diese Tasse, dieser Mug. In der WG bewahrte ich sie in meinem Zimmer auf, ich mochte es nicht, wenn jemand anderes daraus trank, oder, schlimmer, wenn sie für Tage (oder Wochen) in einem andern Zimmer verschwand. Jahrelang habe ich aus keiner anderen Tasse getrunken.
Mit den frischgekauften Tassen bewaffnet sind R. und ich dann in den Hofgarten gezogen, haben uns mitten auf die fröhliche Wiese gesetzt, recht allein an einem Werktag vormittag, und Kaffee getrunken. Ich war verliebt, die Wiese lag leuchtend wie eine geöffnete Schale in der Morgensonne, der Himmel streckte sich behaglich, in den Platanen schnurrte wie geölt das Licht. Alles Hasten war fern von uns. Nicht nur das Studium, mein Leben hatte begonnen. Ich war berauscht von Licht und Kaffee und Zukunft. In den Tassen schwankte die Sonne auf der schwarzen Haut des Kaffees. Nebenan spielte ein Paar Frisbee. Die Sonne wurde warm, wir wurden träge. Ich küßte R. in die feuchten Armbeugen, und sie murmelte, wie schön das sei. Eine Ameise krabbelte ihr über die Schulter, sie ließ sie krabbeln. Sie sagte, sie möge das Gefühl, wenn etwas Kleines auf ihr herumkrabbele. Über den Vormittag füllte sich die Wiese. Schulkinder spielten Fußball. Studenten ließen sich mit Skripten vor der Nase auf den Bänken nieder. Die Schatten wurden kürzer, glitten von uns weg, bis wir in der Sonne saßen. Am Hauptgebäude der Universität schlug ein Glöckchen.
Plötzlich wurde ich traurig. Ich küßte R. noch einmal, und dann noch einmal. Das Semester neigte sich seinem Ende, der Sommer knisterte schon trocken, im Rhein stockte dick von Hitze das Wasser. Noch eine Woche Uni, dann vorlesungsfreie Zeit. R.-freie Zeit. Und obwohl ich anderes hoffte, ahnte ich bereits, daß unsere Geschichte diesen Sommer nicht überdauern, daß sie in diesen Tagen enden würde. Mitten in der Zukunft hatte die Vergangenheit begonnen. Ich weiß nicht mehr, was ich R. in diesem Moment gefragt habe, nur, daß ihre Antwort nicht das war, was ich hören wollte. Irgendwann war die Thermoskanne leer, und die Zwillingstassen lagen wie ermattet nach ihrem ersten Gebrauch neben uns im Gras. Es war Zeit, aufzubrechen. Wir küßten uns ein letztes Mal, schüttelten die Tropfen aus den Tassen und packten sie in unsere Rucksäcke. Dann gingen wir in unseren Sommer hinaus.
Diese Tasse steht immer noch auf meinem Regal. Ganz hinten, hinter allen anderen Tassen steht sie verborgen an der Wand. Der Henkel ist schon vor Jahren abgebrochen, ich habe ihn in die Tasse hineingelegt, um ihn nicht zu verlieren. Beide Tassen, meine und ihr Gegenstück bei R., veränderten über die Semester und später über die Jahre ihre Farbe, bekamen jeweils ihre Risse und Netzmuster. R.s Tasse dunkelte nach, meine wurde heller, bis sie fast rosa geworden ist.
Wenn ich heute manchmal bei R. zum Kaffeetrinken bin, kann es passieren, daß sie mir ihren Tassenzwilling hinstellt.
Und, was machen die Kinder? frage ich sie und lächle ihr über den weinroten Rand hinweg zu.

39.4.13

30. April 2013 § 3 Kommentare

Zeile für Zeile dagegen anschreiben. Gegen die Pflicht, einen Morgen zu haben, gegen die Vögel, gegen die Zahl der Stunden; noch das Licht abzuschaffen suchen mit Rede und Schrift. Worauf treten und stehen, was würde sonst halten, wenn nicht die Worte, über die man geht wie über brüchiges Eis. Überall sind die Haarrisse zu sehen. Der Abgrund schaut durch, die Finsternis. Die Straßen wissen alle viel zu genau, wohin. Sie summen, sie laufen. Laufen. Ich wende mich ab, ins Dunkle der Hinterhöfe dieses Morgens, zu Flaschengeklirr und dem Tasten von Spinnen. Kellerasseln sind meine lustige Gesellschaft, mit ihren Augen voll Vergessen. Zeile um Zeile etwas gegen diesen Morgen setzen, der mir meine Erinnerungen aufzählt. Diese Stunden und Tage. der Versuch scheitert, tagtäglich, ihnen etwas von ihrer Selbstverständlichkeit zu nehmen, dieser Augenblicke, die sich ständig selbst behaupten und in denen ich, ohne daß ich es will, mich festkralle, während das Licht, dieses glatte und schlüpfrige Licht, mich immer wieder abschütteln will.

Zum Abend

29. April 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wieder und wieder die Traurigkeit des Abends, wie die Stimmen sich verlieren, die Farben zerbrechen und absterben, wie die Blüten an sich selbst krank werden, die Straßen an die Häuser branden, in Unfrieden auseinandergehen. Da ist wieder der Drang, vor dir selbst wegzulaufen. Ein umgekehrter Horizont, ein nach außen gerichteter Sog, zentripetal aus der Mitte weg. Wohin? Weg. Nichts, was du schauen könntest, könntest du schauen ohne einer zu sein, der schaut. Wer immer das wäre, du würdest ich zu ihm sagen. Du kannst dir nicht entkommen, lauf, wie du willst. Es gibt kein Meer für dich, keine Insel, keinen Strom. Es wird nur immer und immer wieder einen Abend geben, der dich enthält und doch nein zu dir sagt.

Wo bin ich?

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