Eine Stunde

17. November 2012 § 2 Kommentare

einmal bin ich nachts wachgeworden und konnte nicht wieder einschlafen. ich habe licht gemacht, eine rolle kekse geöffnet und gelesen. es war weder tag noch nacht, obwohl es stockfinster war hinter den scheiben, in denen ich mich verschwommen spiegelte: als gäbs gar kein draußen mehr. die uhr zeigte irgend eine zeit an, das radio hätte mir sicher ein datum verraten, doch war es noch nicht heute und nicht mehr gestern. ich saß im kreis der lampe, gekuschelt in decken, und außer mir, meinem zimmer, den süßen keksen und der verschlungenen geschichte im buch gab es nichts, gar nichts mehr. die finsternis war nicht mehr das dunkel der nacht; es war das fehlen von allem. ich saß in einer zeitkapsel und schwebte der unendlichkeit davon. stahl ihr, während sie nicht aufpaßte, eine stunde. das war schön da und ganz still, in meinem kokon aus geklauter zeit.

doch beim erwachen anderntags blieb diese stunde in ihrer bestimmung unklar, wie es mit gestohlenen dingen eben geht, sie haben ihre eigene geschichte. losgelöst aus dem strom und den übrigen stunden abhanden gekommen, der wachen wie der schlafenden, lebt diese herausgenommene zeit zwischen schlaf und schlaf nur für sich, hat keinen anker und keinen halt. ich weiß nicht, wann das war. es gab diese stunde; und doch hat es sie nie gegeben. irgendwann war die kekspackung leer; ich bin dann zähneputzen gegangen, habe das licht ausgemacht und bin sofort eingeschlafen. später, am andern tag, nach dem wirklichen erwachen, kamen die zweifel. war nicht alles ein traum gewesen? ich schlug das buch auf: das lesezeichen hatte sich nicht weiterbewegt. und doch wußte ich genau, wieviele seiten ich gelesen hatte, konnte sogar den letzten satz angeben. und die kekse waren verschwunden, die leere packung unauffindbar. war ich das gewesen? hatte ich überhaupt kekse im hause gehabt? oder hat ein anderer diese wache stunde an meiner statt erlebt? woher kommt dann aber meine erinnerung, und an welche zeit ist die eigentlich?

ich habe dann die entsprechenden seiten noch einmal gelesen. um sicherzugehen.

Im Taktverkehr aus dem Takt

30. Oktober 2012 § 3 Kommentare

Irritierende Feststellung: Die durchschnittliche Phasendauer zwischen zwei Sprecherwechseln bei mobil Telephonierenden deckt sich ziemlich genau mit der Zeitspanne, die ich beim Lesen brauche, um nach einer Störung wieder in den Fluß des zuletzt abgebrochenen Satzes zu kommen. Im Klartext: Kaum habe ich mich konzentriert, plappert der Idiot da drüben weiter und bringt mich wieder raus:

… des jeder individuellen Existenz baren Protozoons, das ich war, abmalte, darin aufblitzen sah: die Herzogin, die Göttin, die damit zur Frau wurde, und mir mit einem Male noch tausendmal schöner erschien, hob die weißbehandschuhte Hand, die sie auf die Logenbrüstung gestützt hatte, und winkte mir zum Zeichen der Bekanntschaft damit zu; meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer …

Ja, Hallööööchen, wie geht’s dir denn, ich dachte ich melde mich mal wieder bei dir.

…. meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer aus den Au– …

Ich bin gezz im Bus. Bin inner halben Stunde da. Na, weißt ja wie dat is …

… meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer aus den Augen der Pr— …

Neee, die Natalie is nich mehr mitm Leon zusammen. Wie dat weißte nicht? Hasse nix von gehört?

… meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Leon aus den Augen Natalies …

Also paß auf, dat muß ich dir gezz ganz ausföhrlich erzähln, also paß man auf: ….

… meine Blicke wurden trübe und …

Etc. ad nauseam.  Es ist dabei keineswegs mildernd, wenn die Quasselstrippe eine Stimme hat wie Herr von Bödefeld. Ein weiteres merkwürdiges Zusammentreffen läßt mich immer in der Näher solcher Telephonierer sitzen, die mindestens so weit zu fahren haben wie ich. Das nervt bereits nach einer Minute. Fünfundvierzig Minuten neben Herrn von Bödefeld, und man bemerkt in sich ein leise aufkeimendes Verständnis für Amokläufer.

Wenn ihr’s nicht fühlt … (verspätet zum Welttag des Buchs)

26. April 2012 § 4 Kommentare

Daß wir in einer Welt leben, die der Nützlichkeitsgedanke in jeden Winkel hinein beherrscht, wird wieder einmal am Welttag des Buches auf traurige Weise deutlich. Traurig dabei ist nicht, daß viele Menschen gar nicht, oder jedenfalls keine Bücher, lesen. Traurig ist auch nicht, daß viele Menschen lieber Shoppen gehen oder ihr Auto putzen, als es sich mit einem Schmöker auf der Sofaecke gemütlich zu machen. Traurig ist auch nicht, daß viele Menschen sich von einer spannenden Geschichte nicht locken lassen wollen, kalt sind gegen den Zauber der Sprache, der Verführung durch ganze Welten (der Phantasie) nichts abgewinnen können. Wenn ich selbst ein glücklich Verführter bin – was kümmert mich die Sprödigkeit der anderen?

Nein, traurig ist etwas anderes, nämlich wie das Lesen von seinen selbsternannten Rettern auf seine Zweckdienlichkeit reduziert wird. Das Plädoyer von Maura Kelly im Atlantic (zitiert hier) für das Lesen von Belletristik ist typisch für diese Reduktion. „Forscher“, schreibt sie, „haben herausgefunden, daß Testpersonen, die Kafkas ‚Ein Landarzt’ gelesen hatten, […] in einem anschließenden Lerntest besser abschnitten als eine Kontrollgruppe, die nur eine Zusammenfassung des Textes zu lesen bekommen hatte.“ Und deshalb sollen wir also Lesen? Das ist ein bedauerlicher Irrtum, dem Maura Kelly hier aufsitzt. Nicht weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse falsch wären, mit denen hier und andernorts vielstimmig das Lesen propagiert wird; sondern weil eine solche Betrachtung des Lesens an der Sache vorbeigeht, den Kern dessen, was Lesen ist verkennt, und den Grund, warum die, die lesen, es überhaupt tun, ignoriert.

Der Verweis, wieviele wertvolle Spurenelemente, sekundäre Pflanzenstoffe und krebshemmende Antioxidantien in der Nudel zu finden sind, liefert allenfalls eine amüsante Nebeninformation für den, der gerade die köstliche Erfahrung von Penne alla boscaiola machen darf. Oder nehmen wir Fußball. Fußballspielen fördert die Beweglichkeit, stärkt die Kondition, ist gut für Koordination und wirkt sich als Mannschaftssportart positiv auf die Teamfähigkeit junger Leute aus. Aber niemand, der gerne Fußball spielt, geht doch aus diesen Gründen auf den Platz! Neuerdings untersucht man ja sogar die gesundheitsfördernden Auswirkungen von Sex. Aber wer ins Bett steigt, um etwas für das Herz-Kreislauf-System zu tun, dem ist, tut mir leid, echt nicht mehr zu helfen.

Und genauso verhält es sich mit dem Buch. Der Genuß der Lektüre, das Glück der langen Stunden beim Lesen, das Abtauchen in eine spannende, merkwürdige oder lustige oder gänzlich verrückte Geschichte, die Erfahrung einer Alternative zur Welt, hat überhaupt nichts mit dem Training von Empathie und Kognition, nichts mit der Förderung der sprachlichen Kompetenzen, nichts mit der Ausbildung sozialer Fähigkeiten zu tun. Aussagen über die Förderung von Kernkompetenzen berühren den Erfahrungsraum des Buches nicht einmal. Man hat den Verdacht, den Leseprogagisten gehe es eigentlich gar nicht ums Buch. Hätte den gleichen Effekt irgendeine andere Tätigkeit, würden sie halt die propagieren. Aber sich durch eine Lektüre zu quälen, weil Pädagogen und Psychologen es empfehlen, ist wie Sex haben, um die Blutgefäße jung zu halten, oder Wein trinken wegen der Antioxidantien. Das Entscheidende wird übersehen. Wer vor der Lektüre fragt, wozu das gut sein soll, braucht gar nicht erst anzufangen.

Worum geht es eigentlich? Um Bastian Balthasar Bux. Dieser leidenschaftliche Leser entwendet am Beginn des Romans Die unendliche Geschichte ein Buch mit eben diesem Titel aus einem Antiquariat. Der Grund: Bastian sehnt sich nach einer Geschichte, die niemals endet, weil am Ende des Buchs der Abschied von der Geschichte und ihren Helden immer so herzzereißend ist. Und hier ist nun eine Geschichte, die verspricht, ihm den Genuß zu bescheren und den Schmerz zu ersparen. Jeder echte Leser weiß, wie es Bastian in diesem Augenblick ums Herz ist. Was fühlt Bastian, während er, sonst alles andere als mutig, nach dem Buch greift um es zu entwenden? Ist er vom Verlangen bewegt, seine kognitiven Fähigkeiten aufzupolieren? Oder geht es ihm um etwas, wovon Maura Kelly und die Mitglieder der Stiftung Lesen nicht zu träumen wagen würden?

Mag sein, es stimmt, Lesen fördert dies und das, macht uns schlau und empathiefähig (und läßt uns, darum geht es doch wohl? im Bewerbungsgespräch besser aussehen), aber das ist nicht der Punkt. Kein begeisterter Leser, niemand, der einmal (wie Bastian) bis zum Morgengrauen aufblieb, weil es so spannend war, wird Bücher aus diesem Grund lesen. Ok, lesen ist nützlich. Aber wir lesen nicht, weil es nützlich ist. Wir würden auch lesen, wenn es nicht nützlich wäre. Vielleicht lesen wir sogar, weil es nicht nützlich ist. Und jetzt kommt’s: Wir würden sogar lesen, wenn es schädlich wäre. Denn wir sind süchtig. Lesen hat etwas mit Nicht-anders-Können, mit Begeisterung zu tun. Mit Hingabe. Mit Faszination. Kurzum, mit Leidenschaft. Und die läßt sich keinesfalls durch Hinweise auf etwaige Verwertbarkeiten wecken. Wem Wein und Rausch nicht behagen, kann sich die Antioxidantien sparen. Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen. Die Leser brauchen keinen Welttag des Buchs. Die Nichtleser auch nicht. Wozu gibt es ihn dann?

Denn warum sollte man die Leidenschaft bei Nichtlesern überhaupt wecken? Für den leidenschaftlichen Briefmarkensammler hält das Sammeln von Postwertzeichen sicher ein ebensolches Entzücken bereit wie für den Leser ein gutes Buch. Trotzdem macht sich niemand Gedanken darum, mehr Menschen fürs Sammeln zu begeistern, obwohl es wahrscheinlich die Wahrnehmung schärft und das optische Gedächtnis schult. Warum sollte man also Nichtleser ans Lesen heranführen und das frustrierende Unternehmen angehen, einen Nichtleser zum Leser zu konvertieren? Wer, außer dem Buchhandel, hat etwas davon? Die Kognitionsfähigkeit läßt sich sicher auch Schachspielen fördern. Es ist wie der verrückte Plan, mehr Hörer für die Klassische Musik zu gewinnen. (Wahrscheinlich fördert Beethoven die Empathiefähigkeit.) Als litte der Konzertbetrieb unter mangelnder Zuhörerschaft. Es gibt genug Mozartfans. Und es gibt genug Leser. Vielleicht gibt es nicht genug Käufer, die die Bücher subventionieren für diejenigen, die sie auch lesen. Aber das ist eine andere Frage. Man darf jedenfalls vermuten, daß Nichtleser aus guten Gründen nicht lesen. Wenn sie dem Lesen etwas abgewönnen, hätten sie längst damit angefangen. Bücher sind ubiquitär, sie liegen überall rum. Es gibt Leihbibliotheken und öffentliche Bücherschränke, es gibt Bookcrossing und das Projekt Gutenberg. Jeder hat heutzutage Zugang zur Literatur, und die Existenz von Büchern ist wahrlich kein Geheimnis. Wer ein Leser ist, der liest. Der braucht keine Aufforderung. Und wer nicht liest? Liest halt nicht. Und wenn schon, laßt sie. Philatelie oder Schach ist auch nicht jedermann Sache. Greif zu, schlag auf, tolle lege. Wenn du willst. Und wenn du nicht willst, spiel lieber Fußball. Das ist gut für die Kondition und die Teamfähigkeit. Warum aber sollte ich jemandem etwas Gutes angedeihen lassen wollen, das der gar nicht haben will?  Der Eifer, mit dem Nichtleser zum Buche bekehrt werden sollen, hat etwas Missionarisches. Es wird das Buch gepriesen als ginge es um nichts weniger als um das Seelenheil derer, die (noch) nicht lesen. Nichtleser scheinen ein Dorn im bibliophilen Fleisch der Literaturmissionare zu sein. Es läßt ihnen keine Ruhe.

Kinder, klar. Natürlich muß man Kindern Bücher anbieten. Dringend. Wie soll jemand herausfinden, ob Lesen etwas für ihn ist, wenn die Bücher außer Reichweite sind, in einem Alter, in dem man sie sich nicht selbst beschaffen, ja, noch nicht einmal wissen kann, daß es etwas so Wundervolles überhaupt gibt. Wer Bücher nicht früh kennenlernt, kommt dann später vielleicht auch nicht mehr auf den Trichter. Also die Bücher herangeschafft! Und den Kindern vorgelesen, solange sie es noch nicht selbst können! Aber nicht, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu stimulieren. Sondern, um ihnen nichts weniger als die Erfahrung eines Wunders anzubieten. Ob sie diese Erfahrung dann machen, ist eine andere Frage. Vielleicht läßt sie das Wunder kalt. Und halten Sie sich fest: Das wäre gar nicht schlimm. Nur die Möglichkeit, die darf niemandem vorenthalten werden. Und wer das Wunder einmal erfahren hat, wird nie wieder von den Büchern lassen.

Anmerkungen zum Welttag des Buches

23. April 2009 § 5 Kommentare

Die Bücher haben uns überholt.
Mehr Bücher zu produzieren, als man zu lesen vermag, kann dreierlei bedeuten. Erstens, schnell war es vorbei damit, daß ein einzelner Mensch, wenn er lange genug lebte und die Schwierigkeiten in der Beschaffung und Information meisterte, die gesamte literarische Produktion der bekannten (bzw. der Latein oder Griechisch sprechenden) Welt nicht nur überblicken, sondern auch lesen und begreifen konnte. Die aktuelle Produktion, sowie alles, was bislang überhaupt geschrieben worden war. Der Punkt, wo dem Leser die Menger der insgesamt vorhandenen Bücher über den Kopf wuchs, dürfte schon in der Antike selbst erreicht worden sein. Da wurde zum ersten Mal der Einzelne von den Büchern überholt, unaufholbar: Die Bücherzahl im Wachsen, die Lebenszeit im Schwinden begriffen, libri multi, vita brevis.
Heute, zweieinhalb tausend Jahre später, haben wir uns mit so vielen Büchern umgeben, daß, selbst wenn ab sofort kein weiteres Buch mehr erschiene, die Menschheit für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, Lesestoff hätte. Und, da ja, die uns nachfolgen, den ganzen Stapel frisch nachzuarbeiten haben, müßte man eigentlich gar keine Bücher mehr schreiben. Ja, womöglich haben wir mit der Produktion von Büchern schon einen Punkt erreicht, wo sie uns zum zweiten Mal ein- und überholen, wenn es nämlich stimmt, daß wir nicht einmal mehr gemeinsam die Menge an entstehenden Büchern stemmen könnten.
Das bedeutet etwas Trauriges und Beunruhigendes: Einige bleiben ungelesen. Und zwar, weil ja ständig noch weitere Bücher nachwachsen, für immer.
Die dritte Welle der Überholung wäre dann erreicht, wenn die Menge der für immer ungelesenen Bücher die Menge der gelesenen oder noch lesbaren übersteigt. Man stelle sich mal die stumme Flut an Personen, Welten, Landschaften, Ereignissen vor, wie sie, unentdeckt, ungeschaut, verborgen hinter haus- und turmhoch gestapelten Buchdeckeln, ja, was? existieren? Latent sind? Abrufbereit warten? Liebesaffären, Verrat, Intrige, Freundschaft, verrückte Erfindungen, traurige Entdeckungen, glitzernde Waghalsigkeiten. Reisen zum Andromedanebel, sprechende Austern, Barackensiedlungen in den Slums von Köln, die Reisebeschreibungen des Pseudo-Apollodor. Wälder, Städte, Straßen. Sprechende Pudel, denkende Gartenpfosten, Zauberer, tiefste Vergangenheit und unsere eigne Zukunft. Wahres, Falsches, Geträumtes. Nacht der drei Monde, die Veilchen des letzten Sztumbanen … Verschlossen hinter Buchdeckeln, vom banalsten Liebesgestöhn bis zum Stein der Weisen, absichtlich oder unabsichtlich zu entdecken.
Angesichts einer solchen ins Unermeßliche wachsenden Geschichten- und Weltenflut darf man wohl sagen, daß sich unsere eigene, sogenannte wirkliche Welt immer kleiner ausnimmt und bedeutungsloser, marginal im Wortsinne, eine Randnotiz zu einem gigantischen Roman der Romane, eine Fußnote im 135.811.374.374ten Erzählband, eine in Parenthese geäußerte Vermutung in irgendeiner Essaysammlung, wo war sie noch gleich …? Ein Geschmier, das man zuerst für Pennälergekrakel hält, ein Anhang zum ersten Prolog des Inhaltsverzeichnisses, immer kleiner und winziger wird die sogenannte wahre Geschichte, entpuppt sich als Nebensache, gerät zwischen fremde Seiten, rutscht nach unten, bis sie irgendwo in der Flut der Publikationen verschwindet, drei Punkte, ein Auslassungszeichen …
„Hast du das gelesen?“ – „Was?“ – „Na, dieses Büchlein hier …“ –„Nee, keine Zeit, du weißt schon.“ – „libri multi …?“ – „… vita brevis…“

Frühlingsfieber

17. März 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Sich fühlen, als hätte man einen Fieberanfall hinter sich, nicht nur unendlich müde, sondern auch wackelig auf den Beinen, Watte im Kopf und die Augen geblendet von eigentlich keinem Licht, oder als käme es aus dem Inneren, aus dem eigenen Schädel. Vorhin durch den Wald gezittert und eine Stunde später immer noch einen Puls von 80. Die Vogelstimmen hallen leicht nach wie aus einem Traum. Oder eine Illusion, ein Imitat ihrer selbst.

Endlich The Time Traveller’s Wife durch und froh, daß dieser Albtraum zu Ende ist. Zuletzt fürchterlich überreizt. Statt es in einem hinter mich zu bringen, hab ich den Schrecken nur verlängert, weil ich mehr als ein paar Seiten täglich nicht ertragen habe – und auch die nur morgens und mittags im Zug, weil man da mehr Abstand hat.

Seite 440

14. März 2009 § Ein Kommentar

Ich weiß nicht, ob ich den Mut aufbringe, The Time Traveller’s Wife weiterzulesen. Das passiert mir immer öfter, daß ich es nicht schaffe, weil mich eine geradezu animistische Angst befällt, als erschüfe ich das Schicksal der Figuren der Geschichte, indem ich sie lese. Schrecklich. Gleichzeitig schiebe ich ihr Schicksal, das ja feststeht (– oder?) nur auf, indem ich das Buch nicht mehr anrühre. Ihr Schicksal erscheint mir umso trauriger, weil es ja wahr ist; auf jene entsetzliche, unausweichliche Weise wahr, wie es nur Geschichten sein können.

Konzentrationsschwäche

9. Februar 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich drifte.
Schweben. Kreiseln. Auf-der-Stelle-treiben. Klangfetzen. Die Glieder von einem müden Pochen durchwalkt. Kaffee, der wirkungslos in den Adern verplätschert. Draußen summen die Fahrzeuge. Drinnen summt es im Irrgarten der start- und ziellosen Gedanken und Gedänkchen.

Keine zwei Wörter reicht meine Konzentration, ehe sich die Gedanken verselbständigen. Ein Satz, ein Text gar, ist nur unter Aufbietung aller Kräfte ins Verständnis zu hämmern. Finger auf der Zeile. Wort-für-Wort-Methode. Ich beginne zu driften, kaum daß ich das Buch aufgeschlagen habe. Zwei Wörter oder eine halben Zeile, und ich schalte bereits ab. Es ist eigentlich kein Denken, ein Träumen ist es, ein inneres Schweifen, das aber unangenehm ist, weil es von der ständigen, erfolglosen Bemühung um Konzentration begleitet wird. Da war doch noch was? Ich wollte doch? Einen neuen Kaffee aufsetzen?

Ich bin versucht, es dem Text in die Schuhe zu schieben. Aber es geht mir mit allen Texten so, ausgenommen die allereinfachsten, die Einworttexte, die Plakate, die Broschüren. Und es wird schlimmer. Belletristik, ein Kraftakt. Wissenschaftliche Texte, eine Qual seit langem, sind kaum mehr zu handhaben. Schwierige wissenschaftliche Texte völlig jenseits meiner Reichweite. Daß ich dieses Driften rasch bemerke, nützt nichts. Sich zur Ordnung rufen, den Satz in seine Einzelteile zerlegen, die Wörter mit Synonymen austauschen, die Syntax variieren, Umformulieren – nichts hilft. Vor mir ist leeres Geplapper, und ich merke, wie sich die Gähnmuskulatur zusammenzuziehen beginnt. Ich weiß im Prinzip, was die Wörter bedeuten, weiß auch im Prinzip, was ihre Zusammenfügung bedeutet, aber, was da steht, ergibt überhaupt keinen Sinn. Geplapper. Klangfetzen. Auf-der-Stelle-treiben. Müdes Pochen in den Gliedern.

So vergehen lange Viertelstunden, bis ich so erschöpft bin, daß ich augenblicks einschlafen könnte. Was wollte ich? Ach ja, Kaffee …

Wo bin ich?

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