Eine Anmutung von Fremdheit

23. März 2017 § 3 Kommentare

Als wäre das Laufen nicht mehr dieselbe Tätigkeit, als hätte sich, was ich als Laufen bezeichnete, wenn ich es tat, klammheimlich aus der Hülle des so Bezeichneten entfernt. Zu sagen, es ist nicht mehr dasselbe, trifft diese Verwandlung nicht, denn ich weiß nicht mehr, wie es vorher war. Es ist, als sei ein Schleier zwischen mein Laufen heute und mein Laufen vor, sagen wir, zehn Jahren getreten.

Es geht mir noch mit anderen Tätigkeiten so. Sie fühlen sich auf unheimliche Weise fremd an, oder ich selbst als Erlebender und Handelnder fühle mich in ihnen fremd an, als sei meiner Aufmerksamkeit ein weiterer Zuschauer gewachsen, unter dessen Augen und im Bewußtsein seines Zuschauens mir das Vertraute zu etwas sanftmütig Fremdem gerät. Selbst Küsse. Selbst das Liebesspiel. Selbst das Vertrauteste bekommt in diesem Argwohn die Anmutung von etwas Fremdartigem. Bin ich sicher, daß ich immer schon so umarmt, so geküßt habe? Ich weiß, was ich tue, ich fühle, was ich vermeintlich immer gefühlt habe. Aber plötzlich schiebt sich der zarte Schleier einer Unsicherheit zwischen mich und das Erleben. Es ist, als probierte ich den Geschmack von Dingen, die ich seit sehr langer Zeit entbehrt habe. Das merkwürdige aber ist, ich habe nichts entbehrt, es gibt ein Kontinuum ohne Brüche. Ich habe nie mit dem Laufen aufgehört, und auch mit der Liebe nicht, zum Glück.

Es ist etwas ungeheuer Plausibles in den Dingen, die wiederkehren. Plausibel und überraschend zugleich. Wenn überhaupt etwas, dann sind es die Gerüche und Geräusche der Jahreszeiten, die Textur eines bestimmten Frühlings- oder Herbstmorgens, die Dichte der Luft, die Transparenz des Raums, der Glocken, die darin schlagen, das geringste Gewicht des Lichts auf einer Anemone, die jenseits jeden Zweifels wahr sind, uralt und unveränderlich jung in ihrem Wiederauftreten. Spürt man, wie man alt wird, an ihrem Jungbleiben? Die Jahreszeiten werden nicht mit uns alt, mit niemandem.

Insofern ist jedes Erlebnis eines Frühlings, diese plötzliche Haupterhebung, daß man in der Frühe aus dem Haus tritt und sich wie gesalbt fühlen darf von der über Nacht geheiligten Luft, der Verweis auf alle Frühlinge, die man zuvor erlebt hat, und dadurch, daß so ein Morgen als etwas Bekanntes, als etwas, das man schon einmal erlebt hat, in Erscheinung tritt, und zwar als ganz genau dieselbe Erscheinung, gibt sie mir das Bewußtsein meines Alterns ein. Ich erinnere mich ja. Der Frühling ist neu und unverändert. Aber indem ich mich erinnere, daß genau der gleiche Frühling schon einmal war, ja, indem er mir überhaupt als etwas Bekanntes begegnen kann, fühle ich meine eigene Bewegung durch die Zeit.

Vielleicht ist es ein verändertes Bewußtsein von den Dingen, für die Dinge, für mein selbst in der Begegnung mit den Dingen. Eine Schärfung, nicht der Wahrnehmung selbst, sondern der Selbstwahrnehmung. Ein Argwohn gegenüber dem allzu Selbstverständlichen. Noch ist mein Laufen selbstverständlich, das Musikhören, das Betrachten einer Waldlandschaft, der Geruch geschlagenen Holzes, Stuhlgang, das Gefühl von feuchter Kiefernborke, Fieber, ein Weinrausch; aber es ist nicht mehr selbstverständlich, daß es selbstverständlich ist; daß es selbstverständlich so ist. Plötzlich könnte es auch anders sein. Plötzlich könnte es früher ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich; aber die Erinnerung enthält nur Bilder, die zu allem passen, was ich jetzt erlebe. Die Erinnerung enthält ja nur Dinge, die man nicht mehr erleben kann, man kann nur die Erinnerung erleben. Nie kann ich in einen Lauf von vor fünfzehn Jahren zurückkehren, oder in eine vergangene Liebesnacht. Das Schöne an einem Frühlingsmorgen aber ist vielleicht, daß er selbst keinerlei Erinnerung hat an all die anderen Frühlinge vor ihm, die nur wir in ihm wiederfinden.

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1. Februar 2017 § 3 Kommentare

 
(Als begönne Deine Seele gleich unter der Haut, fühl- und kostbar.)

Frühprotokoll: Satie

30. Juni 2016 § 2 Kommentare

Bei Eric Satie muß ich an ein Kölner Zimmer denken, in dem ich, täglicher, nächtlicher Gast, für eine Weile fast zu Hause war, und nie ganz. Die Unordnung in dem asymmetrisch, unneunziggradwinklig geschnittenen, hellen Raum spiegelte mit ihrer Farbigkeit aus Büchern, Heften, Ordnern und bunt bekritzelten Zetteln, Papierstapeln, Kopien und Hand-outs, benutzten Kaffeetassen, Löffeln und Schüsseln meine eigene Unordnung wieder, die ich überall verbreite, wo ich mich länger als eine Nacht niederlasse. Es gab ein altes, gemütliches Klavier aus dunklem, spiegelnden Holz, und zwischen Klavier und der nächsten Wand einen Futon für zwei Schläfer, an dessen Fußende ein Bücherregal, so daß man zwischen Klavier und Büchern ruhte. An der dem Bett zugewandten Seite des Klaviers hingen Familienphotos ohne Rahmen, die sich im Sommer, wenn die Luft feucht war, aufwärts bogen und im Winter wieder glätteten. Gegenüber eine Fensterfront, draußen ein Fußbreit Balkon. Links davon ein gläserner Schreibtisch, von Papieren und Büchern bis auf den Raum, den die Tastatur des Rechners einnahm, bedeckt. Abends schräg einfallende Sonne. Zwei Stockwerke tiefer ein weiter, verkehrsfreier, mit rotem Backstein gepflasterter Platz, den Verwaltungs- und Gerichtsgebäude aus triefendem Beton und schwarzem Glas umstellten; in der Mitte ein winziges Ahornbäumchen, ein Laubengang mit Blauregen. Der Himmel hatte es schwer über den Dächern der Hochhäuser, auf denen sich abends Tauben niederließen. Nachts wehte das Qietschen und Rumpeln von Zügen vom nahen Rangierbahnhof durch die Dunkelheit heran.
In diesem Zimmer spielte E., die das Quietschen gemütlich fand, Satie. Ich lag auf dem Bett und lauschte dem melancholisch-meditativen, bald verträumten, bald kindlich-ernsten Voranschreiten der simplen Akkorde, schaute an die Decke oder studierte die Buchtitel im Regal und war zufrieden, in diesem Zimmer zu Gast zu sein. E. hatte eine Art, mitten im Spiel abzubrechen, sich mit Schwung auf dem Hocker nach mir umzudrehen, die Lippen zu schürzen und mir eine Frage zu stellen. Manchmal lachte sie beim Spiel leise oder sang mit. Sie war vernarrt in die Gymnopédies, und wenn sie nicht gerade Satie spielte, summte sie die einfachen Motive vor sich hin oder sang sie auf einen Text aus Phantasiesilben, es klang wie schmöö-dem-schmöö. Unvermittelt konnte sie in einer Gesprächspause den Mund öffnen, die Lippen vorstülpen und eine kurze Melodie aufsingen, als wollte sie ihren Gesprächspartner an etwas erinnern, das immer auch noch berücksichtigt werden müsse. Oder an etwas, das schon jetzt, während es geschah, lange her war: Weißt du noch? Einmal saßen wir nachts von Freunden heimkehrend im Zug, wir hatten geschwiegen, waren müde, es war der heißeste Sommer aller Zeiten, da läßt E. den Kopf auf dem Sitzpolster zu mir herfallen, als wolle sie mich küssen, öffnet den Mund, wölbt die Lippen: schmöö-dem-schmööö. So ist das nämlich. Denk dran!
Satie klingt seither immer so, als wolle er mir immer wieder etwas ins Gedächtnis holen, das ich sonst wohl schon lange vergessen hätte.

Pension Arnulfini

3. Juni 2015 § 3 Kommentare

Du glaubst, dich für deinen Geruch entschuldigen zu müssen, ich aber mag dich am liebsten so verschwitzt, wie wir beide von der Wanderung kommen. Den ganzen Tag über bin ich dieser deiner Spur gefolgt, süß und herb zugleich und voller Versprechungen, und jetzt, Können wir uns ausziehen?, im Hotelzimmer, bist du einverstanden, ist die Rede erst gar nicht von Dusche und duftlosem Wasser, fallen die klebrigen Kleider, und alles, was sich Dreck nennt, bleibt in dem feuchten Haufen am Boden zurück, aus dem wir frisch und blitzsauber wie die ersten Menschen heraussteigen, aus Lehm geboren. Die Schuhe poltern in die Ecke. Aus dem Hosenumschlag fällt eine Bucheckerhülse.

Es ist das erste Mal für uns in einem fremden Bett, und es scheint fremder als die Wälder, als die Laublager, auf denen wir uns schon geliebt haben. Eine weiche Matratze, ein Gestell, das später ein bißchen rumpeln wird. Wir achten es nicht, und auch nicht, daß man uns, wenn man nur wollte, durchs Fenster sehen könnte, wir sind so vollkommen allein auf der Welt, wie man es nur gemeinsam sein kann. Wir sind die einzigen Augen, die einander in die Blicke geschraubt sind, die einzige Haut, die je an einer andern mehr gefühlt hat als sich selbst. Wir sind beide ein einziger Mund voller Salz, das aus dem Akt der Schöpfung übrig blieb. Dein Hals voll warmer Adern. Deine Hände voller Geschenke. Mein Körper fließt in deinen wie Milch. Ich sage dir, wie sehr ich dich will, und sage es doch nicht, denn die Worte hören Meilen vor dem auf, was ich fühle. Ich liege im Moos deiner Achseln, ich blinzle ins Laub deines Blicks, ich schenke dir mein Fell voller Heu.

Ich löse mich halb von dir, und um dich besser zu betrachten, kehre ich zu mir zurück, und wie ich, durch zitternde Tempelbrücken mit dir verbunden, über dir schwebe, da sind wir wie zwei junge Birken, die aus einem einzigen Stamm sich teilen, weiß, schimmernd, glatt, eins sind und zwei zugleich.

Und ich greife unter deinen schwebenden Kniekehlen durch und schaue auf dich, wie dein Antlitz sich immer schöner verzieht vor fassungslosem Staunen, und wie dein Blick, zwei starre Kiesel inmitten von fließendem Sand, mir meine eigene Fassungslosigkeit wiederschenkt, und bevor ich dir sage, daß ich gleich ein bißchen unbeherrscht sein muß, sage ich dir, will ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe, aber die Wörter lachen nur und geben glücklich auf. Oh, sei unbeherrscht, bitte, stammelst du, und ich schließe die Augen, um besser zu fühlen, mich, dich, mich durch dich, uns in uns, unsere Kehlen rufen ohne uns, das Bett rumpelt, aber wir hören es nicht.

Wunsch

31. Dezember 2014 § 3 Kommentare

Daß wir über dem großen Jahr nie die kleine Stunde vergessen, aber über der Stunde auch nie das Jahr.

Keiner da

8. Oktober 2014 § 5 Kommentare

Liebe, ich habe dich zur Bahn gebracht. Jetzt bin ich zurück in meinem, unserem, wieder meinem Zimmer. Eben habe ich einen Augenblick gezögert, den Schlüssel ins Schloß zu stecken; ich wollte nicht, daß die Tür aufginge; ich wollte nicht zurück in das Zimmer, das mir doch nur dein Fehlen zur Schau stellen würde, alle Arten davon: Wie du nicht am Tisch sitzt; wie du nicht mitten im Raum stehst und mir zulächelst; wie du nicht im Bett liegst; wie du auch nicht im Bad wärst, wenn ich die Tür dorthin öffnen würde. Alle möglichen Arten deines Fehlens, eine einfallsreicher als die andere: lächelnde, ernste, verträumte, nachdenkliche, lachende Weisen zu fehlen. Noch viel mehr Möglichkeiten für dich, nicht da zu sein, als es Möglichkeiten gäbe, da zu sein, weil du ja nur einmal da sein kannst, aber viele, viele Male gleichzeitig fehlen. Auf dem Stuhl. Im Bett. Unter der Dusche. Am Herd. Mit Buch, ohne Buch. Wach oder schlafend. Du schaffst es sogar, gleichzeitig angezogen und nackt nicht hier zu sein, und auch auf alle erfindungsreichen Arten zwischen dem einen und dem andern zu fehlen. Lauter Beispiele für wie du nicht da bist. Lauter Beispiele, für wie sich kein Kuß von dir anfühlt. Sehr anschaulich, wie du mich nicht umarmst. Ich wollte sie gar nicht sehen und noch weniger fühlen, diese gleichzeitigen, übereinander gelagerten Abwesenheiten von dir, eine trauriger als die andere.
Am liebsten wäre ich gleich wieder fortgegangen, um erst mit dir in vierzehn Tagen wieder hierher zurückzukommen.
Zurückkommen, mit dir. Wie das klingt. Wie fremd und schön. Nach Hause, mit dir, zu uns. Zu uns.
Einen Moment schoß mir das so durch den Kopf, und ich fühlte den Impuls, einfach wieder wegzugehen von der Tür, hinter der du nicht warst. Dann aber habe ich den Schlüssel ins Schloß gesteckt und geöffnet und bin hineingegangen, nicht zu uns, sondern wieder nur zu mir.

Apollinarishütte

8. September 2014 § 4 Kommentare

Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Premium-Wanderweg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben, und was oben am Weg, was auf der Landstraße sich nähert, vor sich geht, sich wieder entfernt, geht uns nichts an. Wir sitzen umschlossen von Holz und vor uns hängt Wildwuchs vorm Tal.
Wir sind an dem Ort, der uns schon von zwei früheren Malen kennt. Keine Umschweife, kein Essen und Trinken, nicht einmal der Form halber, unser Hunger, er ist ein ganz anderer, unser Durst ein lange, allzu lange nicht gestillter. Die Rucksäcke legen wir ab, wenden uns einander zu. Wir fassen uns bei den Händen, wir küssen uns und nehmen den Faden, der uns den ganzen Weg hierher zitternd verbunden hat, wieder auf wie ein unterbrochenes Gespräch – aus Küssen. Wozu die Lippen und die Zungen nicht alles gut sind, wir entdecken es wieder und wieder neu. In diesem Moment gibt es nichts zu sagen, was mit Sprache besser oder schöner oder poetischer zu sagen wäre, als mit der stummen Phonetik des Speichels.
Ab und zu lassen wir ab voneinander, schauen uns in die Augen, Stirn an Stirn. Schon haben wir die Brillen abgelegt, ist der Umkreis in wolkige Unschärfe gesunken. Ein Knacken, ein Rascheln: Wir lauschen. Waren da nicht Stimmen? Nein. Wir sind allein, allein in einem Kreis Unschärfe, der uns schützt wie eine Zeltplan. Wir wenden uns einander wieder zu.
Es gibt ein Wort von dir, das mich immer in verlegenes Entzücken versetzt. Du schöner Mensch, sagst du dann, und weil ich weiß, du meinst es so, macht es mich noch mehr verlegen. Jetzt zupfst du mir das Hemd aus der Hose, schiebst es mir hoch bis über die Brust und murmelst etwas davon, was du die ganze Zeit schon gewollt habest. Deine Finger sind warm vom Gehen. Im hölzernen, trockenen Schatten der Hütte leuchtet weiß mein Bauch hervor, rund und weich wie der Bauch eines ruhenden Kindes. Die ganze Zeit klingen Hammerschläge aus dem Tal herauf; Hunde bellen, als hätten sie uns gewittert; im Gebüsch zetern Vögel. Wir halten inne, lauschen. Einmal sind wir zwar nicht erwischt, aber heikel überrascht worden. Auch dieses Mal werden wir so eben noch Glück haben.
„Du schöner Mensch!“ sagst du und beugst dein Gesicht über meinen weißen, weichen Kinderbauch. Dein Mund ist noch wärmer als deine Finger.
Und während wir die Zeit vergessen, vergißt uns die Zeit nicht. Sie drängelt nicht, sie bummelt, wartet, läßt die Momente genau ineinanderfallen. Höflich und diskret teilt sie aus von sich, so daß uns genug von ihr bleibt, um aufzuknöpfen, was aufzuknöpfen, um abzustreifen, niederzureißen, was abzustreifen und niederzureißen ist, und während oben gerade der Wagen in den Parkplatz abbiegt, haben wir genug Zeit, um zueinander zu finden, und während oben der Wagen mit knirschenden Kieseln zum Stehen kommt, haben wir uns aneinandergedrängelt, an die Wand der Hütte gelehnt mit Faust und heiserem Atem, und die Zeit schaut genau hin, daß sich nichts überschneide und peinlich überlappe, die Zeit ist schamhaft und meint es gut mit uns, sie ist unsere Verbündete, unsere Komplizin, die wohlmeinende Amme an der Tür, ich habe dich umfaßt und drücke dir Küsse in den Nacken, während oben eine Wagentür zuschlägt, ein Jubellaut sammelt sich in deiner Kehle, während Schritte über den Waldweg herbeikommen, und bis wir zusammenzucken und die Beine unter uns nachgeben, sind sie schon auf den Pfad zur Hütte eingebogen; aber nichts stört uns auf, die Zeit verlangsamt dort den Gang, beschleunigt ihn hier, läßt unserer Lust die Dauer, hemmt drüben die Schritte, die sich erst nähern, dämpft die Stimmen, die erst dann aufklingen dürfen, wenn wir ermattet auf die Bank zurückgesunken und zu Atem gekommen sein werden; erst wenn wir die Augen zueinander aufgeschlagen, erst wenn wir uns geräuspert, Haar und Hemd in Ordnung gebracht haben; erst, wenn wir uns träge, der Wonne nachschmeckend, geküßt haben, erst, wenn niemand uns mehr etwas ansehen würde (es sei denn, er schaute sehr, sehr genau hin): Erst dann hören wir beide die Stimmen, deutlich jetzt und unbezweifelbar, und wie sich die Familie, zwei Erwachsene, ein Kind, vom Wege her im Rücken der Hütte, wie sie sich unserem Versteck nähern und endlich ins Blickfeld stürzen.
Später, da sitzen wir an der Bank im Freien, wird uns das alles wie ein Traum vorkommen. Die Straße ist still. Die Besucher haben sich umgesehen und sind wieder verschwunden. Niemand kommt mehr vorbei, so lange wir noch hier verweilen. Ein Traum. War da überhaupt jemand? Wir blinzeln einander zu, erwachend. Wir küssen uns beklommen, fast scheu. Nachdenklich kosten wir von den Mirabellen.
Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Weg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben. Wir küssen uns. Ein Vogel zetert. Im Tal bellen wieder die Hunde.

In nemore

30. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag immer noch ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden, ja?“

Ein Plätzchen: flimmernde Sonne in der grünen Tiefe, ein helles Polster abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, sich umdrehen, und dann ist der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald hat uns aufgenommen in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder, eine Corona leuchtender Häute in all dem dampfenden Grünbraun ringsum; die Luft, die mir von Kopf bis Fuß um den Körper streicht, diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns tatsächlich nackig gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das hellwache Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Und mit Herzklopfen vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.

Zwischen unseren Zehen krümeln Vorjahrsblätter. Trockenes mündet in Feuchtes. Haarfäden glänzen. Rings leuchtet und wedelt der Farn. Wir strecken uns aus, zwei Bündel zarter Glieder. Wie schön du bist. Dein Leib ein Loblied der Sonne. Deine Blicke sind voller Sterne. In der Farbe deines Schoßes findet sich die Farbe des Lebermooses wieder. Deine Haut riecht nach Heu und Thymian. Warm bist du und brennend, als ich zu dir komme. Unsere Blicke stürzen ineinander. Plötzlich haben wir es eilig, der Buchfink schmettert, Laub rutscht unter uns, der Wald nimmt uns auf wie eine offene Hand; ich flüstere deinen Namen, und das letzte, was ich sehe, ehe ich die Augen schließe und verschwinde, in einer Falte zwischen Himmel und Erde, zwischen Sphagnum und Aquilegia verschwinde, das letzte, was ich sehe, ist der überblaue Himmel, der sich in deinen weit aufgerissenen Augen spiegelt.

In prato

23. Juni 2013 § Ein Kommentar

Die Blicke sind da. Überall sind sie, sie stehen auf Stielen am Ende von Schritten, hocken in den Hecken, stecken verborgen hinter der brillenlosen Brandung des Waldsaums. Wo der letzte Fußfall endet und die Stimmen verstummen, da sammelt das Dunkel im Holunder sie, dort blinzeln sie hinter Gras. Manchmal raschelt es. Ein Kiesel springt. Jemand lacht. Dann ist es wieder minutenlang still, bis aufs Summen von Insekten und das Zwitschern der Vögel. Blicke. Blicke auf uns. Blicke zucken, Blicke wispern, Blicke drehen sich im letzten Moment aus dem Augenwinkel weg. Kommt jemand?
Niemand. Wir sind allein mit uns und den Blicken ringsum. Und dann fällt das Hemd, gleitet die Hose ins Gras, ein umgedrehter Hut nimmt die Brillen auf, wir sind nackt und kurzsichtig, und plötzlich ist es gleich, ob jemand kommt.
Wir ducken uns unter allem weg, was Blick heißt. Wir ziehen die Wiese um uns wie ein Tuch und machen uns klein darin, schrumpfen allen Augen davon, werden winzig hinter Mauern aus Gras, hinter Zäunen aus Sonne, und fallen, wir küssen uns, wir trauen uns.
Und dann gibt es nur noch zwei Augenpaare in der Welt, zwei Blicke, die ineinander stürzen. Wir atmen, wir fliegen, wir umhüllen uns miteinander und verkriechen uns ineinander, und die Lust trägt uns an einen anderen Ort, einen unerreichbaren Ort inmitten der erreichbaren Wiese, darin sind wir allein, allein zu zweit, zu zweit unsichtbar und und unsichtbar geborgen inmitten des riesigen Sommers der Welt.

Ein Traum

2. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Liebe, in der ersten unserer drei hellen Nächte habe ich von dir geträumt.
Du hattest empfangen von mir. Und nun ging es um die Entscheidung, solltest Du diese Schwangerschaft abbrechen oder nicht; und so fragtest du mich, ob ich dieses Kind, unser Kind, annehmen und mit Dir haben wolle. Von meiner Antwort würde alles weitere abhängen.
Und da wußte ich: jetzt. Jetzt werde ich den Kopf heben und dir lange in die Augen sehen und dir dann ruhig und bestimmt ja sagen; und noch bevor ich es aussprechen konnte, ganz in der Erwartung dessen, was ich dir gleich sagen würde, in der Erwartung dieses Ja zu unserem Kind durchströmte mich ein überwältigendes Glücksgefühl.
Dann bin ich aufgewacht. Zu deinen ruhigen Atemzügen neben mir bin ich aufgewacht und zu einem Dunkel, das sanft war und gut, und aller Geschöpfe Träume schützend in sich barg.

Wo bin ich?

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