Supernova

5. Oktober 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Heute morgen zieren blattauf und blattab Photographien einer ehemaligen Supernova die Titelseiten der Zeitungen. Aus dem Augenwinkel noch eine Überschrift erhascht („Kosmologisches Rätsel“), im Vorbeigehen ein Wort aufgeschnappt („das Universum dehnt sich schneller aus“), und auf einen wissenschaftlichen Durchbruch gehofft. Dunkle Materie endlich dingfest gemacht? Dunkle Energie bald schon zum Heizen verwendbar? Weit gefehlt.

Der Nobelpreis für Physik ist verliehen worden, und zwar einer Forschertrias für eine Leistung, die mehr als zehn Jahre zurückliegt. Bereits Ende der 90er Jahre nämlich schlossen Saul Perlmutter, Brian P. Schmidt und Adam Riess aus Beobachtungen entfernter Supernovae auf eine beschleunigte Ausdehnung des Universums. Natürlich wird der Nobelpreis nicht für die Forschungsleistungen von letzter Woche verliehen, schon allein deswegen nicht, weil sich wissenschfatliche Ergebnisse der Überprüfung standhalten und sich erst noch bewähren müssen. So dauert es oft Jahre, bis die Tragweite einer Erkenntnis und damit die Bedeutung der Forschungsarbeit in der Fachwelt anerkannt wird. Aber.

Aber der Zinnober, der dann über die Preisverleihung gemacht wird, nervt gewaltig. Wieder einmal ist es ein Ärgernis, wie gedankenlos und hektisch bestimmte Ereignisse als der Aufnahme durch die Medien würdig befunden werden – während anderes, was sicher ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger wäre, getrost unter den Tisch fallen darf. Reflex statt Reflektion. Es geht nicht um die wahre Bedeutung von Ereignissen oder auch nur um den Versuch oder die Anstrengung, einer Bedeutungszuweisung, die sich aus der Tragweite der Ereignisse selbst heraus begründen ließe. Zumeist steht in den Medien sowieso immer nur das, wovon ohnehin alle Welt redet. Daß dieses aber immer das ist, worüber sich zu schreiben, nachzudenken und zu debattieren lohnt, darf bezweifelt werden. Und so gab es eben ein Mozartjahr, aber kein Petrarcajahr. Es wurde über den Wohnungsbrand in Ludwigshafen tagelang bis zur Erschöpfung berichtet, aber die Zahl der Verkehrstoten auf deutschen Autobahnen regt niemanden mehr auf. Gestorben wird immer und überall, aber nur wenige schaffen es, bei einem Spektakel ums Leben und in die Medien zu kommen. Ist der Tod der anderen weniger schlimm?

Und jetzt prangt in schöner Uniformität überall das gleiche Photo eines Supernovarests auf den Zeitschriften, als sei mit der Bekanntgabe der Preisträger auch unsere Position im Universum neu bestimmt worden. Dabei hat man das alles seit Jahren nachlesen können. Und offensichtlich haben alle bei der gleichen Bildagentur eingekauft.

Rummel statt Rationalität: Mich ekelt es, zu sehen, wie die Verleihung eines Preises wichtiger genommen wird als die Leistung, die er ehren soll.

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Wohnungsbrand

8. Februar 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Haus steht in Flammen, neun Menschen sterben. Na, und? möchte man mit der Schulter zucken. Zum Vergleich: im Jahr 2006 starben auf Deutschlands Straßen 5316 Menschen bei Unfällen. Das sind 14 Menschen täglich. Jeden Tag ein zweites Ludwigshafen. Wen kümmert’s? Es ist in den letzten Tagen so viel vom Mittrauern die Rede gewesen. Warum trauert keiner mit den 14 Verkehrstoten täglich mit? Die Wahrheit ist doch: Gestorben wird landauf landab, haufenweise in jeder Stunde, und wer da überall eine Betroffenheitsmiene ziehen und mittrauern wollte, ach herr je!, der käme aus dem Trauern und Mieneziehen gar nicht mehr heraus.
Der Verdacht liegt nahe, daß man sich daher lieber bescheiden gibt und realistisch bleibt und das Mittrauern auf einige besonders schöne Fälle des Sterbens beschränkt. Natürlich die, von denen man überhaupt Kunde hat, weil die Kamera dabei war. Hilfreich ist da wohl auch, wenn gleich mehrfach auf einmal gestorben wird, erstens, weil sich die Mittrauer besser konzentrieren kann, zweitens, weil es einfach mehr hermacht, als so kleckerlesweise hier und da über die Autobahnen der Republik verstreut. Und drittens ist so ein Autounfall doch ziemlich banal, das kennen wir schon, wir haben uns ans Sterben auf der Autobahn gewöhnt, wie langweilig. Aber ein Wohnungsbrand, zudem, wenn die Zeitungen bei einem kleinen Feuerchen schon das Wort „Katastrophe“ bemühen – uiuiui, das ist schon was anderes als ein bißchen Reifenquietschen.
Zudem weiß man ja, daß alle anderen auch davon gehört haben und mittrauern. Und in der Gemeinschaft trauert’s sich einfach schöner. Das hat etwas geradezu Anheimelndes. Man kann auch eine Kerze solidarisch ins Fenster stellen. Hach!
Aber wie sehr ich auch in mich hineinhorche: So recht will mir bei solchen Anlässen das Trauern nicht gelingen. Die Verstorbenen sind mir fremd und bleiben mir fremd, und hätte ich von ihrem Tod nicht in der Zeitung gelesen: Ich würde den Unterschied gar nicht bemerken! Dieses kollektive Getrauere – manchmal kommt es mir gar ein bißchen verordnet vor.
Aber ob die Mittrauer nun echt ist oder nicht: Jedenfalls scheint mir das alles doch den Verdacht des Unverhältnismäßigen nicht so einfach abstreifen zu können. Daß etwa kein geringerer als der türkische Ministerpräsident eigens angereist kommt, um in Ludwigshafen nach dem rechten zu sehen, mag man als ein Musterbeispiel der fürsorglichen Anteilnahme eines Staatschefs für seine Bürger loben – verhältnismäßig ist es nicht.
Der Gipfel des Unverhältnismäßigen aber ist das Brimborium, das über die Herkunft der Bewohner fraglichen Mietshauses gemacht wird. Es ist ganz einfach egal, ob sich in dem fraglichen Gebäude nun Maori, Schwaben oder Eskimos aufgehalten haben. Tot ist tot. Wenn es ein Verbrechen war, wird man das herausfinden, es wird eine Untersuchung geben, der oder die Täter werden gefaßt werden. Punkt. Alles weitere ist einfach nur belanglos.
Und muß auch belanglos sein. Eine aufgeklärte Gesellschaft würde die üblichen Mittel der Strafverfolgung einsetzen, ohne Ansehen der Herkunft der Opfer; eine aufgeklärte Gesellschaft würde über politische Konsequenzen erst dann zu sprechen beginnen, wenn sich die Tat tatsächlich als fremdenfeindlich erwiesen hat, vorher nicht; eine aufgeklärte Gesellschaft käme zuallerletzt auf den Gedanken, es könne sich um einen fremdenfeindlich motivierten Anschlag handeln. Ganz einfach, weil ihr ein solcher Gedanke fernläge. Offenbar liegt ihr ein solcher Gedanke aber nicht fern, so wie der Sünder die eigene Sünde bei den anderen immer zuerst vermutet. So leistet jedes weitere Wort dem Verdacht Vorschub. Möge jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Und trauern.

(Editorische Notiz: Für die Diskussion über diesen Eintrag, die aus unerfindlichen Gründen nicht importierbar ist, sehen Sie bitte hier nach.

10. An O.

9. Juli 2004 § Hinterlasse einen Kommentar

Liebe Freundin,

Da ich mich bekanntlich für das Maß aller Dinge halte, sind Schokolade und Mozart (bzw. seine Musik) nur deswegen gut, weil ich selbst sie für gut halte. Umgekehrt ist es nicht wichtig, dabeizusein, weil ich es nicht für wichtig halte. So einfach ist das. Daß andere nicht mich sondern sich selbst für das Maß aller Dinge halten, ist nicht mein Problem.
Zum Maß aller Dinge: Ich schrieb doch, wenn die anderen nicht mich sondern sich selbst für das Maß aller Dinge halten, dann ist das nicht mein Problem. Will heißen, es interessiert mich einen Scheiß, ob anderen ihr Automobil oder ihr Tote-Hosen-Konzert oder ihr Mobiltelephon am Herz liegt, und werde immer so handeln (und entsprechend verständnislos reagieren), als könne ihnen das Automobil oder das Tote-Hosen-Konzert oder das Mobiltelephon gar nicht am Herzen liegen. Und ich muß sagen, ich kenne wenige Menschen, die die Toleranz aufbringen, den Wichtigkeiten anderer nachfühlend zu begegnen, wenn es nicht ihre eigenen Wichtigkeiten (sondern sogar ihre Widrigkeiten) sind.
Übrigens war ich nicht dabei. Weder beim Fall der Mauer, noch bei jenem vielbeschworenen Anschlag. Manchmal ist man auch froh drum, nicht so sehr, weil man mit heiler Haut davongekommen ist, sondern weil einem schon nach allerkürzester Zeit die Bedeutungszumessungen, die von allen ausnahmslos an ein Ereignis herangetragen werden, auf den Nerv gehen. Ich kann so etwas schon nach wenigen Tagen nicht mehr hören. Und im Falle der USA ärgert mich schon jede noch so kleine Zurkenntnisnahme, die man jenen Verrückten zukommen läßt. Die Bedeutung eines Kolosses wie es die USA geworden sind liegt meines Erachtens immer noch darin, daß die übrige Welt an diese Bedeutung glaubt.

Mißgestimmt,

Dein T. Th.

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