Frühprotokoll unter Wolken

26. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

20. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Frühprotokoll mit Streichern

6. April 2017 § 3 Kommentare

Im Radio einer meiner Lieblingsmoderatoren. Daniel Finkernagel erklärt, warum er neulich im Konzert fast gebuht habe. Es sei ein gemischter Abend gewesen, ein bißchen Komik, ein bißchen klassische Musik, ein bißchen Varieté, und das ganze zusammengehalten von einem Conférencier, der natürlich, das gehört sich ja so, die Mitglieder des auftretenden Streichquartetts folgendermaßen vorgestellt habe: „Erste Geige: … Zweite Geige: … Dritte Geige: … Cello: …

Gebuht hätte ich wohl auch nicht, aber gekichert hätte ich sicher. Weniger entrüstet als zufrieden darüber, daß es genügend Analphabeten auf der Welt gibt, von denen man sich großherzoglich unterscheiden kann.

Ich habe auch nie verstanden, warum man bitte Jugendliche oder bildungsferne Schichten oder sonstwen für klassische Musik erwärmen sollte. Gute Musik ist überall wohlfeil zu haben, es gibt keine anderen Hindernisse als den eigenen Anspruch an Kunst. Der Weg zu Streichquartett und Sinfonie ist frei, wer das nicht will, bitte schön. Die Konzertsäle und Opernhäuser sind auch ohne Krethi und Plethi voll. Allen Bemühungen aber, neue Hörerkreise für klassische Musik zu erschließen, haftet in meinen Augen etwas zutiefst Anbiederndes inne. Klassische Musik wurde an Fürstenhöfen ersonnen. Es ist Musik für Fürstenohren. Also bitte!

*****

Seltsam, wie man eine starke Abneigung oder Zuneigung gegen bestimmte Radiostimmen entwickeln kann. Es gibt einen Moderator meiner Lieblingssendung, den ich absolut nicht ausstehen kann, ich kriege Pickel im Ohr, wenn ich den höre. Es ist nicht einmal, weil er den Namen Poulenc wie Poulonc ausspricht, aber das macht es natürlich nicht besser.

Was mir ebenfalls Ohrenschmerzen bereitet, ist eine bestimmte Tonlage und Intonation, die vom WDR in letzter Zeit gern für Ankündigungen benutzt wird. Konzerte in NRW – die große Sommerreihe! Oder: WDR-Konzerte live erleben! Oder einfach nur: WDR3-Aktuell! (WDR-Sprech für „Nachrichten“). Es klingt immer so, als wolle die Sprecherin gleich noch ein jetzt nur einen Euro neunundneunzig! folgen lassen. (Falls hier jemand mitliest vom WDR: Ich bitte Sie inständig, ändern Sie das. Kultur ist kein Kräuterquark! Und verzichten Sie in der Kulturwerbung bitte auf die Vokabeln erleben, genießen und Event. Danke!)

Demselben so oft geschmähten Kultursender verdanke ich indes eine Empfehlung, die ich an Sie weitergeben möchte. Dorothee Mields und die Lautten Compagney spielen Liebeslieder von Henry Purcell. Unbedingt anhören!

Frühprotokolle. Muskelkater

1. April 2017 § 3 Kommentare

 
Der Morgen aufgestuhlt, ausgefegt, hallend von einem einsam tropfenden Wasserhahn. Aufgewacht mit einem fremden Socken am Fuß.

Vogelnamen aufzählen. Zungen archivieren. Wälder imaginieren, Hügel ins Flimmern bringen hinter den Wimpern des Forstes.

Wie ein müder Athlet streckt der Stiefel die Schnürsenkel von sich. Im Baum zählen die Raben ihr Beutegeld.

Das Wetter ein verrückter Einfall von gestern, der am Morgen absurd erscheint. Jetzt hängen wieder die Wolken über den leeren Bahnsteigen. Abgeknickte Schirme stecken den Kopf in Abfallbehälter. Die Forsythie hat einen schmutzigen Schuh aufgespießt.

Wie geht es weiter? Der Himmel riecht nach Flugzeugen. Die Braunelle zwitschert eine Endlosschleife aus Pausen.

Frühprotokoll. Sommerzeit

30. März 2017 § 2 Kommentare

 
Mit den Vögeln wach werden. Hausrotschwanz, Singdrossel, Amsel. Im Traum fliegen den Dingen wieder die Namen zu, Wolke, Weißdorn, Rauch, Kiesel, Weide, Gras. Der Tag ist wie ein kühler Ärmel, in den man fröstelnd schlüpft.

Hellere Wege. Was auch immer unter dem Winterlaub lauerte, ist jetzt fort. Die Sonne dreht eine Rose ins Schloß. Die Räume häuten sich und kehren die Fleischseite nach außen.

Als schwebten Fledermäuse langsam zu Boden, so kehren nach der nächtlichen Jagd die Bücherstapel zurück zum Tag. Der Fenstergriff, eine schwirrende Libelle, schwebt über den Schatten des Glases. Unter den Wolken indes breitet bequemer das Land sich aus.

Blinzeln des Rolladens. Die Kirschzweige im Fenster sind wie ein gekritzelter Gruß, den man am Frühstückstisch findet, wenn man zu spät erwacht.

Eine Bahn später

24. Januar 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Als zöge die Sonne das Gebirge aus der Schlucht herauf. Ein Vorgang voll großartigen Lärms, doch in der weiten Entfernung lautlos. Gräben füllen sich mit Licht, Eis kracht unter dem Druck des Himmels, über der Ebene steht der Rauch still, als trüge er all das Blau auf seinen abgeflachten Spitzen.

Die Rückseite vom Dunst sind Waldränder. Wie wenn man einer Photographie die Folie abzieht, die Farben frisch und noch nicht ausgehärtet, das Feuchte von Kiefern und Moos.

Fahrende Lieblingsorte. Besondere Plätze in der Straßenbahn oder im Bus, meist irgendwo am Rand, ganz hinten im Bus, vorne (gegen Fahrtrichtung), hinten (in Fahrtrichtung) in der Straßenbahn. Plätze, von denen sich alles im Blick halten läßt, selbst wenn man übers Buch gebeugt ist, wie ich meistens. Der leise Unwille, wenn so ein Platz schon besetzt ist; als hätte einem einer was weggenommen, das einem eigentlich selbst zugestanden hätte.

Der besondere Ort des Waldrands. Überblick auch hier. Anschnitt des Lichts, Schichtung der Luft, eine Art höhere Ordnung, ins Sichtbare gerückt. Einer meiner Lieblingsorte: ein Waldrand mit Kiefern, der Grund zwischen den Stümpfen vor langer Zeit gefällter, wie in silbrigen Fels verwandelter Bäume nadelbedeckt, trocken wie Bürsten, eine Lichtung zum Schauen, ein umgehauener Stamm zum Sitzen. Diesen Ort gibt es nicht mehr, der Wald hat ihn sich einverleibt, das Licht durch eine Ordnung von Schatten ersetzt. Farn wächst hüfthoch, wo ich einmal einen Nachmittag verträumt habe. Das ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, wann das war. Was einmal jener Ort war, Farne jetzt, merkwürdige Bodenschwellen wie Gräber, mannshohe Doldenblütler, frisch aufgeschossene art- und gattungslose Bäume, liefert keinen Anhaltspunkt. Selten habe ich mich so sehr von der Zeit im Stich gelassen gefühlt wie an dem Tag, als ich nach langem Suchen begriff, daß ich die Stelle längst wiedergefunden hatte. Ich hatte sie nicht erkannt. Die Wege hatten mich immer daran vorbeibugsiert, geh weiter, gibt hier nichts zu sehen, das ist nicht mehr deine Zeit, das ist nicht mehr dein Leben.

Ganz woanders, aus dem Fenster der Bahn zu betrachten, liegen jetzt die Waldränder oben an einem Hügelscheitel in der Sonne wie Gesichter, die sich der Wärme zuwenden. Die Schatten gehen nach hinten raus. Alle Wege sind kurz da hinauf, leicht zu beschreiten, mit Baumreihen als Stütze für den Blick, Alleen, entlang von steifgefrorenen Zehen.

Und natürlich Straßen. Ich wohne in einem Nest von Straßen, die mich eigentlich nur widerwillig dulden, was habe ich schon mit ihnen zu schaffen? Straßen, Kreuzungen, Verkehrsschilder, Warnhinweise. Werbetafeln, die ich als Fußgänger nur von der Rückseite sehen muß. Die Straßen und ich: Ich werde es sein, der als erster nachgibt, davongeht oder verschwindet, eines Tages nicht mehr da sein wird, die Straßen, sie werden mich überleben. Aber die Waldränder werden die Straßen überleben, denke ich, und schaue da hinauf, Wiese, Ackerrand, Weg, dann die roten, säulenartigen Stangen der Kiefern, wie der Tempel eines urwüchsigen, längst verschwundenen Volks, man könnte dort schön wandern und wäre vor allem Unheil sicher, in der Hand vergessener Götter, die aber ein besseres Gedächtnis haben als die Menschen. Man wäre ein winziges Körnchen, geborgen in Schichten und Schichten aus Zeit.

Mir schräg gegenüber sitzt eine elegant gekleidete Frau. Hohe, braune Schaftstiefel, Strumpfhose, Rock. Sie liest in einem E-Book-Reader. Sie lächelt still vor sich hin. Vielleicht sitzt sie auf ihrem Lieblingsplatz. Das Lächeln ist glücklich, amüsiert, gelassen. Unerreichbar für jede Beobachtung. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die schwebende Stiefelspitze wippt rhythmisch. Ein beringter Finger tippt auf den Schirm, blättert vor und zurück, das Lächeln verändert sich nicht, bleibt heiter und gelöst, wie von einer etruskischen Statue, die, ganz im Irdischen verwurzelt, dennoch von nichts Irdischem mehr überrascht werden kann.

Die Orte von der Rückseite erreichen, vom Bühnen- und Lieferanteneingang, wo die Beleuchtung schlecht ist und die Rohre verlaufen. Durch einen niedrigen Gang gehen, eine Tür aufstoßen, sagen, ich bin da.

Die Ebene löst sich vom Rauch.

Drüben sinken die Berge zurück in den Mittag.

Kaffee

23. Januar 2017 § 9 Kommentare

Der erste Kaffee am Morgen, seit Jahren geliebtes Ritual. Der geschützte Raum am Saum zwischen Tag und Nacht, wo beides noch gleich möglich ist, Dunkelheit und Licht, alle Wege offen, Schlaf oder Wachsein, Traum oder Wirklichkeit ununterscheidbar. Das Schweigen von der Straße her. Die leisen Stimmen aus dem Radio. Das in sanftes Lampenlicht getauchte Zimmer, tröstlich in seiner Vertrautheit, als habe es mit seinen Möbeln und Büchern und Zetteln und Krims und Krams auf mein Wachwerden gewartet. Und der bittere, je nach Lage der Dinge verheißungsvolle oder beruhigende oder lockende oder anfeuernde Duft aus der Tasse, der schwarze Geschmack mit dem irden-warmen Abgang, bald: dieses innere Leuchten, das nur eine gute Dosis Methyltheobromins hervorrufen kann, die gute Laune, Göttergedanken: Was wäre ich ohne Kaffee? Ein Normalsterblicher, der morgens aufstehen muß.

Die erste Tasse Kaffee, die beste des Tages. So heiß, so dampfend, so schwarz gelingt keine zu einer anderen Tageszeit, ausgenommen höchstens spät nachts. Aber wer, der seines Verstandes mächtig, würde nachts Kaffee trinken? Die Nacht ist zum Schlafen da, der Morgen, na ja, zum Kaffee. Der Kaffee ist ja überhaupt der Grund für den Morgen. Irgendwo habe ich gelesen, dem Trinker schmeckt das letzte Bier der Nacht am besten. Das stimmt doch nicht! Es ist das erste Bier, das am besten schmeckt, und es ist der erste Kaffee des Tages, der unvergleichlich besser ist als jeder andere.

Das Klemmlämpchen am Bett taucht das Zimmer in mildes Licht. Ich stelle die dampfende Tasse (gestrichener Löffel Zucker, keine Milch) auf den Nachttisch, schlüpfe zurück in die noch warmen Decken, lege mir den Rechner auf die Knie. Es ist fünf oder sechs, ich bin als erster wach, ich bin allein in meiner Kapsel, die beiden Straßen, vorne und hinten ums Eck, schlafen noch. Stille ist manchmal nur zu erreichen, indem ich wach bin, wenn es kein andrer ist. Nur von fern, überbracht von freundlichen Stimmen, dringt die Welt durchs Nadelöhr des Radios an mein Ohr, jederzeit auf Abstand zu halten, filterbar, ausblendbar, beherrschbar. Ich nehme den ersten, brühheißen Schluck und beginne zu arbeiten.

Nicht beherrschbar: die Zeit. Aber in dieser Hülle aus Licht, in dieser Kapsel aus Schweigen, in der man wie unter einer tiefen See am Meeresgrund ruht, in dieser vom Kaffee, vom Ritual herausgehobenen Stunde, in der solche Gedanken möglich sind, die mir zu keiner andern Stunde einfielen: läßt sich die Zeit umgehen, indem man ihr durch die Wiederholung ein Schnippchen schlägt und diese Stunde oder zwei herauslöst aus dem verbundenen Strom, so daß sie jeden Morgen als die gleiche Abmessung, die gleiche Aussparung von Ewigkeit wiederkehrt. Wiederkehrt, sich, erneuert und erfrischt, wiederschenkt, dieselbe, die nicht vergeht. Ich fange das Gestern, das Vorgestern an genau demselben Punkt heute wieder an, knüpfe wieder an den Faden an, kehre heim auf eine Insel, in der, so lange ich will, immer dieselbe Stunde bleibt, fünf oder sechs, am Saum zwischen Tag und Nacht.

Frühprotokoll: Träume

24. Oktober 2016 § Ein Kommentar

Die Zeit der dunklen Läufe ist wieder angebrochen.
In Dunkelheit aufbrechen, in Dunkelheit zurückkommen. Bei der Nacht zu Gast sein und ihr eine Stunde klauen. Die Stirnlampe leuchtet von außen in meine schwarze Wohnung.

Ein Stadtbus. Die Packer im DHL-Lager. Ein Schwerlaster, der in den Hof des Getränkehandels rollt. Ein Mofafahrer, der mich überholt. Eine Straßenbahn. Der Ökoladen am Waldrand. Ein Postwurfsendungsverteiler. Dazwischen nasser Asphalt, leere Briefkästen, ausgedünnte obere Zeilen von Fahrplänen unter Quecksilberdampflampen. Der Glanz von Straßenlaternen auf der Straße. Das Rumpeln ferner Güterzüge. Ein Duft von Gemüsesuppe: im Altenheim wird bereits fürs Mittagessen gekocht.

Der Postwurfsendungsmann kommt mit dem Auto: Alle paar Meter hält er an, kuppelt und steigt aus, springt zum nächsten Briefkasten, steigt wieder ein, kuppelt, fährt mit geöffneter Fahrertür drei Meter, steigt wieder aus. Arme Socke, denke ich, von dem, was du für die Arbeit kriegst, kannst du dir im Leben das Auto nicht leisten, das du für ebendieselbe Arbeit einsetzt.

Der Mond fast noch voll. Zerteilt die Wolken in schmale Streifen. Büsche werfen blaue Schatten: Mond und Stirnlampe ringen eine Weile, dann ist die Stirnlampe stärker, und der Schatten kehrt sich nach der anderen Seite des Gehölzes.

Wie Heilige, die man unterm Firnis kaum erkennt, der Umriß von Pferden.

Im Wald wird es noch dunkler als dunkel. Stadtmenschen können sich das nicht vorstellen. Die nennen einen Himmel schwarz, der in Wirklichkeit immer noch hell ist. Unter den Bäumen aber gibt es nicht einmal hellen Himmel, nur Schichten und Schichten von Schwärze, deren Tiefe und Verästelung nicht sicht- aber hörbar ist, anhand von Tropfen, näherem oder fernerem Rascheln, anhand des stärkern oder schwächern Widerhalls meiner Schritte. Die Stirnlampe wirft eine Kugel um mich; mache ich sie aus, bin ich vollkommen blind. Jenseits des Kegels beginnt der Wald, weit, offen, bereit, wie luzides Träumen, das jederzeit in ein Alpträumen umschlagen kann. Es ist einer seltsamen Gnade zu verdanken, wenn es mich wieder und wieder verschont, oder einer Art Gleichgültigkeit.

Von ferne Glockenklang aus dem Dorf. Dort ist es jetzt halb sieben. Hier, im Wald, ruft ein Käuzchen, ist es irgendwann, nachts.

Frühprotokoll (Rauch)

15. September 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Am besten geht es in der Frühe, fünf Uhr, Dunkelheit, so müde, daß man die Zeit nicht merkt, weil man schneller scheint als der Augenblick.

Rauchgeruch über den Pferdekoppeln, es riecht vertraut nach Mittelmeer, nach Müllverbrennung, ein Hahn kräht, irgendwo muß das Meer sein, ganz nahe, jenseits der dunklen Pinien. Die Ahnung des Wasserkörpers ist fast schöner als das Wasser selbst.

Aber woher kommt dieser Rauch? Würde es im Wald brennen, müßte da nicht ein flackernder Widerschein weithin zu sehen sein? Zu dunkel, um Wolken zu sehen. Keine Fahrzeuge, keine Sirenen, es ist so still, als wäre ich der letzte, der hier noch herumirrt, ahnungslos, noch unberührt von der Katastrophe.

Ein Rebhuhn schreit. Rostige Uhrfeder im Weißdorn. Versenkung in einen Ameisenhügel. Präzision des Chaos. Eine flache Welt.

Hinter drei Baumreihen ruht schweres Gerät. Eine Baggerschaufel liegt eingeknickt in einem Tümpel, wie ein abgebrauchtes Sexualorgan. In den Scheiben des Fahrzeugs setzt sich die Baumreihe als Widerschein ins Unendliche fort. Maschinenschlaf, zeitfrei. Dieser Bagger stand vielleicht letztes Jahr schon hier, oder vor zehn Jahren, man könnte meinen: Auch der Mückenschwarm über dem Tümpel ist ganz genau derselbe wie damals.

Irgendwo ein Trampeln von Schwarzwild. Dann Stille, in der die Sonne den Weg findet und ihn sanft, wie zum Lüften, anhebt. Wieder eine Runde. Kein Schlaf im Schlaf.

Das schreckliche Wort Echtzeit.

Bald werde ich aufwachen, und dann geht alles von vorne los.

Ahornschößling

19. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor ein paar Jahren ist mir bei einem Festplattenschaden ein umfangreiches Bilderalbum abhanden gekommen. An manche dieser Bilder erinnere ich mich – oder glaube es zumindest. Denn das menschliche Gedächtnis funktioniert bekanntlich anders als das Festplattengedächtnis. Ein Computer kann sich nur richtig erinnern oder gar nicht. Menschen können sich ungefähr erinnern; Menschen haben Geschichten zu Bildern; Menschen können ausschmücken, Lücken rekonstruieren, Fehlendes mit Erfundenem überdrücken – und manchmal ist die Erinnerung am Ende viel schöner als das, woran man doch nur glaubt, sich zu erinnern. Oder wenn nicht schöner, dann phantasievoller.

Das Blatt eines Bergahornschößlings. Es ist früher Morgen, Hochsommer, die Sonne fällt flach durchs Blätterdach eines lichten Bergwalds. Nahaufnahme, der Bildausschnitt ist so gewählt, daß man nicht erkennen kann, woher das Licht kommt. Wie aus eigener Kraft leuchtend, scheint dieses eine Blatt, dessen Lappen gleich einer Hand, die sich wärmen will, ausgestreckt sind, vor dem in verschwommener Dunkelheit liegenden Waldboden zu schweben.
Der dunkle Hintergrund, die unscharfen, tiefen Schatten am Grund eines von Licht durchströmten Raums, vermitteln eine Ahnung von Feuchtigkeit, aber falls in der Nacht Tau gefallen ist, hat ihn die Morgensonne schon von den Blättern des Ahornschößlings weggebrannt.
Es ist ein Morgen der Erneuerung. Der Wald atmet auf, öffnet Augen und Ohren. Sonntagslicht, frühe Stille. Der Lärm des vorangegangen Abends, der Jubel, das Feiern, sie sind lange verstummt, die Feiernden liegen alle noch im Bett, in stickiger Luft hinter geschlossenen Rolläden.
Tags zuvor hatten mich stampfende Discorhythmen aus dem Tal den halben Weg hier herauf begleitet. Deutschland hatte gewonnen, Deutschland war der perfekte Gastgeber, Deutschland durfte für einen Moment stolz auf sich sein. Jetzt feierte es, dieses Deutschland, und noch ein wenig früher, im Zug, da hatte ein junger Fahrgast bei Bekanntwerden des Spielergebnisses seinen Jubel laut herausgebrüllt, wohl in Erwartung, die andern Passagieren würden einstimmen in seine Freude, und als das ausblieb, als alle weiterhin stumpf vor sich hinstierten, denn sie hatten kein Interesse an Fußball, da rief er verächtlich aus, das sei ein Scheißland, niemand freue sich, alle so bräsig und steif, typisch deutsch, und da war sie wieder, die alte Verachtung, der alte Selbsthaß, der vertraute Wunsch, bloß zu einer anderen Nation zu gehören. Wie um die Passivität wieder gutzumachen, stampften eine Stunde später dann die Bässe wie die gewaltige Maschine eines Ozeandampfers aus dem Bauch des Tales herauf, während die Abendfarben, rot und gold und lange, durchsichtige Schatten, mit allen Vögeln den Atem anhielten.
Und jetzt, als ich mich bücke, um den Schößling aufzunehmen, ist endlich alles, alles still, Fingerhut säumt die Wege, und die frisch aufgespannten Blätter sehen aus wie eine schon im Morgengrauen gehißte Fahne vor Beginn der Prozession, wartend, schon voller Farbe, schon feierlich in der noch leeren, friedevollen Straße.

Wo bin ich?

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