Mit ins Boot

10. Mai 2015 § 4 Kommentare

Streiktag, Berufsverkehr, von drei Zügen in der Stunde fährt nur einer, das sogenannte Fahrgastaufkommen ist enorm. Der Bahnsteig gepackt voll Menschen, und plötzlich ist da diese alte bucklige Frau mit ihrem Handkarren. Sie trägt einen langen, graubraunen Mantel, einen Pferdeschwanz langer, weißer, glatter Haare und einen herrischen Blick. Woher sie so plötzlich gekommen ist, und ob sie schon die ganze Zeit am Bahnsteig gewartet hat, wird ein Geheimnis bleiben, ebenso, wie sie ihr Gepäck überhaupt aufs Gleis geschafft hat. Jedenfalls ist sie da nun, sie und ihr Handkarren, ein etwa anderthalb Meter langes Gestell mit einer Radachse am Ende und einem Aufbockbogen vorne, beladen mit etwa einem Dutzend prall gefüllter schwarzer, mit Leinen verschnürter Plastikmüllsäcke. Und dieses Gefährt schickt sich die Frau nun an, unter gewaltigem Protest der übrigen Kundschaft, darunter mehr als ein Fahrgast mit Fahrrad, in den Zug zu zerren. Das gehe doch nicht! Das könne sie nicht machen! Die Bahner streikten! Die Bahn sei doch dreimal so voll wie sonst!
Doch die Frau keift nur zurück, man solle doch die Klappe halten und ihr gefälligst mal helfen. Eine Frau mit Fahrrad versucht, sich gewaltsam an den Müllsäcken vorbeizudrängeln und wird gleich angegiftet, sie solle Platz machen. Der Wagen ist halb drin, da rutschen die Räder in die Lücke zwischen Trittstufe und Bahnsteigkante und verkeilen dort. Es geht weder vor noch zurück. „Stehen Sie hier nicht rum, helfen Sie mir doch mal gefälligst!“ Fahrgäste treten zögerlich näher. Schüchternes Zupacken, eher guter Wille als hilfreich. Die Räder sitzen fest. Die Stimme der Frau ist schneidend und hart, gewohnt, zu befehlen, frei von jeder Angst. „Unten anheben! Anheben!! Nein, nicht ziehen, verdammt noch mal!“ Einige Fahrgäste schütteln den Kopf, andere lachen, dritte zucken die Achseln. Vereinzelte tadelnde Hinweise auf Überfüllung und Streik fallen in taube Ohren. Die Frau will mit und ist fest entschlossen, ihren Willen zu kriegen, läßt sich auf keine Diskussionen ein, spart stattdessen nicht an Zurechtweisungen, Gezeter und Kommandos. Drei Männer stehen schließlich um den verkeilten Karren, lassen die Schimpfkanonade gelassen über sich ergehen, einer macht den glücklichen Vorschlag, den Aufbockbogen als Hebel zu verwenden, ein Ruck, die Räder kommen frei. In diesem Augenblick erst fällt der zweite, mit nicht weniger Säcken beladene Karren ins Blickfeld, der noch auf dem Bahnsteig steht. Wenn jetzt die Türen schließen … Aber die Türen schließen nicht, hilfreiche Hände packen zu, die Erfahrung mit dem ersten Wagen zahlt sich aus, und ruckzuck ist auch der zweite Karren im Fahrradabteil, wo ein murrendes Rutschen und Schieben und Umsortieren begonnen hat. Wieder Lachen, Proteste, Flüche, Achselzucken. „Die Holzplatten noch, heda! Bringen Sie mir noch die Holzplatten!“ Tatsächlich, da liegen noch zwei Sperrholzbretter, die müssen auch noch mit. Jemand vom Bahnsteig reicht sie herein. Dann kann die Tür schließen, man hat sich sortiert, der Zug fährt ab. —

Es war das reinste Soziorama, und alle, alle Rollen waren besetzt: Da gab es die mit den guten Ratschlägen und die, die wirklich zu helfen wußten; es gab die Neider, die Widerständler und die, die zuerst um ihren eigenen Platz bangten. Es gab die tatenlos zusehenden Spötter und Besserwisser. Es gab die Solidarischen, die Selbstlosen, die Zupacker. Es gab diejenigen, die die Systemfrage stellten, und es gab die, die am liebsten erst einmal alles ausdiskutiert hätten. Und es gab vor allem die, die das ganze überhaupt nichts anging.
Und noch etwas. Alle, die geholfen haben, waren Männer. Alle, die die Frau am liebsten an der Mitfahrt gehindert hätten, waren Frauen. Wahrscheinlich hat das nichts zu bedeuten. Vielleicht aber doch.
Die Hauptsache aber ist wohl: Schlußendlich sind alle mitgekommen.

guideline daily amount

12. November 2012 § Ein Kommentar

Es gibt Tage, da ist die täglich maximal erlaubte Anzahl fremder Menschen in meinem Gesichts- und Gehörkreis schon um zehn Uhr morgens erreicht. Wenn dann der Tag lang ist, und die zu überbrückenden Räume nicht anders als mittels ÖPNV überbrückbar sind, dann wird es schwierig.

Manchmal wünsche ich mir ein Schneckenhaus. Ein kleines feines, stabiles praktisches, leicht zu reinigendes, schnirkelig-gemütliches Überalldabeiheim. Innen größer als außen. Gerne faltbar. Zum Überwintern und Überlärmen. Tritt-, Stoß- und Rempelfest. Blick- und Fremdhautabweisend. Schalldicht. Das wär ganz toll.

Im Taktverkehr aus dem Takt

30. Oktober 2012 § 3 Kommentare

Irritierende Feststellung: Die durchschnittliche Phasendauer zwischen zwei Sprecherwechseln bei mobil Telephonierenden deckt sich ziemlich genau mit der Zeitspanne, die ich beim Lesen brauche, um nach einer Störung wieder in den Fluß des zuletzt abgebrochenen Satzes zu kommen. Im Klartext: Kaum habe ich mich konzentriert, plappert der Idiot da drüben weiter und bringt mich wieder raus:

… des jeder individuellen Existenz baren Protozoons, das ich war, abmalte, darin aufblitzen sah: die Herzogin, die Göttin, die damit zur Frau wurde, und mir mit einem Male noch tausendmal schöner erschien, hob die weißbehandschuhte Hand, die sie auf die Logenbrüstung gestützt hatte, und winkte mir zum Zeichen der Bekanntschaft damit zu; meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer …

Ja, Hallööööchen, wie geht’s dir denn, ich dachte ich melde mich mal wieder bei dir.

…. meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer aus den Au– …

Ich bin gezz im Bus. Bin inner halben Stunde da. Na, weißt ja wie dat is …

… meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer aus den Augen der Pr— …

Neee, die Natalie is nich mehr mitm Leon zusammen. Wie dat weißte nicht? Hasse nix von gehört?

… meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Leon aus den Augen Natalies …

Also paß auf, dat muß ich dir gezz ganz ausföhrlich erzähln, also paß man auf: ….

… meine Blicke wurden trübe und …

Etc. ad nauseam.  Es ist dabei keineswegs mildernd, wenn die Quasselstrippe eine Stimme hat wie Herr von Bödefeld. Ein weiteres merkwürdiges Zusammentreffen läßt mich immer in der Näher solcher Telephonierer sitzen, die mindestens so weit zu fahren haben wie ich. Das nervt bereits nach einer Minute. Fünfundvierzig Minuten neben Herrn von Bödefeld, und man bemerkt in sich ein leise aufkeimendes Verständnis für Amokläufer.

Wir brauchen mehr Verbote

8. September 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

In der Ausgabe 36, 2011 der Wochenzeitung <i>Die Zeit</i> ging es im zweiten Leitartikel über die Zunahme von Verboten im öffentlichen Raum. Der Ruf nach Verboten wie dem Rauchverbot oder dem jüngst diskutierten Alkoholverbot im ÖPNV und in Stadtgärten komme, so der Autor Jens Jessen von Leuten, die anderen nicht gönnen, was sie sich selbst verbieten.

Eine solche Ansicht ist nicht viel besser als der sture Zynismus, mit dem Raucher verkünden, es störe sie ja auch nicht, wenn andere Leute nicht rauchen. Sie ist verwandt mit dem Selbstbewußtsein von Leuten, die erst Lärm machen und einen dann auch auffordern, woanders hinzugehen, wenn man seinem Unmut über den Lärm Ausdruck verleiht.

Worum geht es nämlich? Um nichts anderes als den Primat der Störung. Wer den um Ruhe bittenden mit dem Hinweis entläßt, er könne ja woanders hingehen, dreht das Verursacherprinzip um: Nicht derjenige ist jetzt für die Störung verantwortlich, der die Welt verändert (durch Rauch, durch Schall, durch Kotze), sondern der, der sich davon gestört und beeinträchtigt fühlt. Selbst schuld. Braucht sich ja keiner Gestört fühlen.

Als ob man sich dazu entschlösse! Wenn Jessen allen Ernstes behauptet, Nichtraucher mißgönnten Rauchern die Freiheit, die sie sich selbst nicht nehmen, so ist das ein Schlag ins Gesicht all derer, die freiwillig und ohne von einem Verbot gegängelt zu werden, Rücksicht nehmen und Zurückhaltung in ihren Lebensäußerungen üben. Diesen friedlichen und angenehmen Zeitgenossen zu unterstellen, sie treibe doch bloß der Neid der Gehemmten um, wenn sie nach Verboten riefen, ist eine Frechheit. Wer so schreibt, übersieht, daß es eine Not ist, die Verbote fordert, wo Rücksicht nicht mehr walten will. Man fragt sich, ob Herr Jessen jemals unter einem Geräusch oder einem unangenehmen Geruch gelitten hat. Vielleicht fährt er Auto und geht nie in ein Restaurant, man weiß es nicht. Der öffentliche Raum ist für alle da, eben darum, weil er öffentlich ist. Da ihn alle sich teilen müssen und ein Mensch dem anderen ohnehin schon eine Zumutung ist, ist es wichtig, daß man einander so wenig Reibeflächen wie möglich zukehrt und für ein Minimum an Exposition bietet. Dazu gehört nun einmal auch, niemandem Gerüche und Klänge aufzuzwingen, und also, nicht zu rauchen, regelmäßig Körperpflege zu betreiben und die Musik zu Hause zu hören. Das ständige Geklingel aus den ungezählten Kopfhörern, das mittlerweile schon zur normalen Klanglandschaft im ÖPNV gehört, ist für empfindliche Menschen so schwer zu ertragen wie für andere eine quietschende Tafelkreide. Der Verzicht auf eine halbe Stunde Musik ist dagegen schadlos und darf gefordert werden.

Einen Lebensstil zu leben ist in Ordnung. Andere, die den selben öffentlichen Raum mit einem teilen, zu unfreiwilligen Zeugen dieses Stils zu machen, ist rücksichtslos, unverschämt und dreist.

Wir brauchen nicht weniger Verbote, im Gegenteil. Wir brauchen noch viel mehr davon, im Maße nämlich die freiwillige Rücksichtnahme für altmodisch erachtet wird und ihre Rolle bei der Gestaltung eines friedlichen Miteinanders nicht mehr wahrnehmen kann.

Nostos kai algos

24. August 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wäre man erst gar nicht weggefahren, hätte man es nicht bemerkt, nicht in solch gräßlicher Schärfe. So aber kommt dem aus der Stille der abgelegenen Insel Heimgekehrten angesichts der brausenden Fahrzeugströme, der überfüllten Pendlerzüge, des polyglotten Elends allenthalben überscharf zu Bewußtsein, in was für einer mühseligen, stampfenden, lärmenden und banalen Tretmühle er sein tagtägliches Dasein fristet.

Fern von hier kann man, wenn man den Kopf dem Sand nähert, so daß das Meeresrauschen hinter die Dünen zum Gemurmel zurückfällt, die Sandkörner hören, wie sie sich an den Halmen des Strandhafers reiben. Am morgen war das. Da hatte man noch Schlick an den Füßen und die Sonne im Haar, und nichts stand dem Auge im Weg. Es gibt wenige Dinge, die so elementar sind, so unprätentiös machtvoll, wie die See. Und es gibt weniges, was so trivial ist wie eine Millionenstadt.

Langeoog

Ich habe mir einmal geschworen, es nie so zu machen wie meine Eltern. Vergebens, ich stecke schon mittendrin im Mist.

Besser, man fährt erst gar nicht weg. Wenn der einzige Effekt einer Urlaubsreise der ist, einem die Trübsal des Alltags durch Gegensätze zu Bewußtsein zu bringen, bleibt man besser zu Hause. Dann bleibt einem auch der Schmerz des Heimkehrens, die Nostalgie in ihrer Schattenbedeutung erspart.

Irrtum

28. Juli 2011 § Ein Kommentar

Lieber Mitreisender und Nebensitzer, Sie glauben, ich rücke von Ihnen ab, damit Sie in die Lücke nachrutschen und das bißchen Raum zwischen uns abermals mit Ihrem Körper füllen können. Vielleicht freuen Sie sich sogar, daß Sie nun mehr Platz für diesen Körper haben, mit dem Sie mir, ich sage es ungern, auf die Pelle rücken. Sie befinden sich in einem beklagenswerten Irrtum. Ich rücke nicht von Ihnen ab, damit Sie mehr Platz haben, sondern damit mehr Platz zwischen uns sei.

Mal wieder ÖPNV

14. April 2011 § 2 Kommentare

Ich mache das jetzt seit 18 Jahren.
Man könnte meinen, man würde sich daran gewöhnen. Wenn die Zustände unverändert blieben, schwer zu ertragen, wie sie sind, wäre das vielleicht so. Aber sie bleiben nicht unverändert. Sie waren unerträglich genug. Und sie werden schlimmer. Die Rede ist vom öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Als ich begann, ihn in dieser Gegend zu nutzen, gab es jede Stunde zwischen Bonn und Köln genau zwei (mit Verbundfahrkarten nutzbare) Nahverkehrszüge. Das waren quietschende, schaffnerpflichtige, mit allerlei Treppen und anderen Hindernissen („Barrieren“) bewehrte, von einer schnaufenden und ächzenden Lok mühsam gezogene Dinger, die nach Bremsgummi rochen, „Silberlinge“ hießen und aussahen wie aus Gußeisen gefertigt. Darin gab es eine Menge Sitzplätze, in die man sich hineinfallen lassen konnte wie in Großmutters Lieblingssessel, man konnte die Fenster öffnen, wenn es heiß war, und die Toiletten waren zwar nicht behindertengerecht, dafür aber nie außer Betrieb. Zwischen den Wagons mußte man über eine Brücke aus zwei aufeinander liegenden Stahlplatten steigen. In den Ritzen an der Seite flitzten Striche von Landschaft und Gleisschotter vorbei. Der Lärm war enorm. Man darf sagen, in der Hauptverkehrszeit waren diese Züge ziemlich ausgelastet, aber ich kann mich an keinen menschenmasseninduzierten Streß damals erinnern. Es ging halt. Stehen mußte ich fast nie, und wenn, dann war auch das Stehen noch bequem. Man konnte gelassen bleiben.

Seitdem sind viele Jahre ins Land gegangen. Mittlerweile gibt es überall moderne Niederflurbahnen mit „automatischer Türabfertigung“, die nicht nur den ehrwürdigen Arbeitsplatz eines Schaffners überflüssig machen, sondern außerdem behindertengerechte Toiletten haben, die nie funktionieren. Die automatische Abfertigung bedeutet, daß die Türen zu sind, wenn sie mal zu sind. Tritt ein ernsterer Schaden auf, müssen sie, statt wie früher den betroffenen Wagon, gleich einen halben Wagen abhängen, was häufig vorkommt und des Teufels ist. Dafür kann man jetzt mit dem Rollstuhl/Kinderwagen/Rollator direkt vom Gleis stufenfrei in den Wagen rollen, vorausgesetzt, man erwischt eine Tür, deren Elektronik nicht gerade wieder defekt ist. Statt Schaffner gibt es jetzt übrigens so eine Art Berggorillas1 in Uniform, die auf Provisionsbasis Schwarzfahrer abkassieren sollen, und deren Wortschatz aus drei Wörtern besteht: „Fahrkarte!“, „Ausweis dazu!“ und „Vierzsch Euro!“. Ich übertreibe natürlich. Die Uniform fehlt meistens.

Als die Dinger (die Niederflurzüge, nicht die Berggorillas) zuerst aufkamen, sahen sie so geräumig und gemütlich aus, daß man sich wunderte, warum plötzlich viel weniger Menschen Platz hatten als in den alten Zügen. Denn es war voll. Ein weiterer Zug pro Stunde wurde eingeführt. Und es wurde noch voller. Und noch voller. So voll, daß man nicht einmal mehr bequem stehen konnte. Man mußte froh sein, überhaupt ins Innere gelangt zu sein, aber richtig froh wurde man dann trotzdem nicht.
In der Zwischenzeit hatte ich meine Arbeitszeiten um eine Stunde nach hinten verschoben, um der rush hour auszuweichen. Das ging eine Weile gut. Der 9:01-Zug von Bonn Hauptbahnhof war so wenig besetzt, daß man immer einen Sitzplatz bekam, und zwar einen guten Sitzplatz, also einen ohne störende Nachbarn, ohne Zeitungsgeraschel, Laptop-Rumgeklapper oder Kopfhörerblech.

Doch nach ein paar Monaten war es damit vorbei. Sei es, daß die Arbeitszeiten flexibler wurden, sei es, daß die Bahn idiotischerweise ein besonders günstiges Ticket für die Zeit nach 9 Uhr wiedereingeführt hatte (so einen Unsinn gab es tatsächlich mal), oder vielleicht hatte das Schulministerium NRW eine Ausflugspflicht für Schulen beschlossen: Der Zug wurde jedenfalls voller und voller, bis das Niveau des 7:01- und des 8:01-Zuges erreicht war und seine Benutzung nicht mehr empfehlenswert schien. Wie die Verhältnisse inzwischen bei letztgenannten Zügen aussehen, wage ich mir nicht auszumalen.
Also wieder ausweichen, diesmal auf den 8:53er. Der hält an jeder Pißkanne und braucht 7 Minuten länger, aber lieber 7 Minuten länger fahren als 7 Minuten schneller viehtransportiert werden. Das ging bis vor einem halben Jahr gut, als plötzlich, eines schönen Frühherbsttages des Jahres ’10 die Fahrgastzahlen über Nacht in die Höhe gingen. Ich glaubte an etwas Vorübergehendes, eine jener unsäglichen, als „Messe“ bezeichneten, vom epidemieartigen Auftreten namensschildbewehrter Asiaten in Nadelstreifenanzügen begleiteten Massenveranstaltungen in Deutz, ein gastierendes Ensemble in der Köln-Arena, Monsterwochen® im Phantasialand (besonders für Schulklassen geeignet!) oder so etwas. Ich knirschte mit den Zähnen, übte mich in Geduld und hoffte, daß die Zahlen wieder zurückgingen. Aber die Zahlen gingen nicht zurück. Sie stiegen. Auch waren weit und breit keine Grüppchen schwarzgekleideter Asiaten mit Namensschildchen zu sehen (Schulklassen schon, gehäuft in den letzten drei Monaten vor den Sommerferien). Messe kam als – vorübergehende – Ursache also nicht in Betracht. Irgendwann war es mit dem Zähneknirschen so schlimm, daß mich eine Mitreisende anherrschte, was ich denn „für’n Problem hätte“. „Sie“, hätte ich zurückfauchen sollen, „Sie sind mein Problem. Daß Sie hier rumstehen und den Raum mit mir teilen wollen. Ihre Nähe. Ihre bloße Anwesenheit. Ihre Visage. Daß Sie den Bannkreis meines Territoriums berührt haben. Was haben Sie iegentlich vor 15 Jahren gemacht, als das Bahnfahren noch kein Massenphänomen war?“ Aber ich schwieg, knirschte mit dem, was an Zahnstümpfen noch übrig war und stieg bei der nächsten Station aus, um auf den Folgezug zu warten. (Der genauso voll war.)
Da die Lage mit den Wochen immer angespannter und schließlich unhaltbar geworden war, mußte eine andere Lösung her. Also wieder ausweichen, diesmal auf die Stadtbahnlinie 18. Die braucht zwar doppelt so lange wie der Zug, aber lieber, und so weiter.
Das ging jetzt zwei Monate gut.
Also: Entweder ich ziehe diese Dinge teleprotreptisch an, oder ich entdecke neue Verkehrswege immer just in dem Augenblick, in dem sie von allen anderen auch entdeckt werden. So wir der Fahrradständer vor dem Edeka, aber das ist eine andere Geschichte.
Weitere Ausweichmöglichkeiten sehe ich keine. Ein Auto kommt aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt ökologischen, nicht in Frage. Bleibt nur noch das Fahrrad. Dann bräuchte ich zwar bei gutem Wetter und Rückenwind doppelt solange wie mit der Stadtbahn und viermal so lange wie mit dem Zug, aber ich wäre an der frischen Luft, ich säße bequem und teilen müßte ich meinen Fahrradsattel auch mit keinem.

1 Ich entschuldige mich bei allen Berggorillas für den Vergleich.

Im Zug

27. Oktober 2010 § 4 Kommentare

„Setzen Sie sich doch woandershin, wenn Sie mein Telephonieren stört.“
Schon in der bloßen Tatsache seines Geäußertwerdens Entrüstung hervorrufend, ist dieser Satz erst recht dann eine Unverschämtheit, wenn man vermuten muß, daß der, der ihn äußert, in totaler Verkennung sowohl der Regeln gepflegten Miteinanders als auch der Bedürfnisse und Empfindlichkeiten der Mitmenschen ihn tatsächlich auch so meint – und sich darüber im Recht wähnt, einem absonderlichen Recht, stören zu dürfen, wen und wann immer man will.
„Setzen Sie sich doch woanders hin.“ Das dreht alles auf den Kopf, was man über das subtile Arrangement, das Menschen miteinander treffen, um die aufgezwungene Nähe zueinander im öffentlichen Raum einigermaßen erträglich zu halten, aufzuzählen nur imstande wäre: Nämlich jenes Arrangement, das man Rücksichtnahme nennt, und zu dessen Grundsätzen eben auch zählt, was man als das Verursacherprinzip bezeichnen könnte: Nicht, wer sich gestört fühlt, trägt die Verantwortung für die Spannung einer Situation, sondern derjenige, der bereit ist, andere zu stören, und sei es auch nur unwissentlich.
„Setzen Sie sich doch woanders hin“ bedeutet: Es ist mir egal, daß Sie sich gestört fühlen. Sehen Sie zu, wie Sie damit fertig werden, daß ich Sie störe. Wenn es Sie stört, dann deshalb, weil Sie sich gestört fühlen. Folglich ist das Ihr Problem, nicht meines.
Möglicherweise fällt dann auch noch der im Zuge der Nichtraucherdebatte bekannt gewordene zynische Satz: „Es stört mich ja auch nicht, wenn Sie schweigen“. Und das ist dann die endgültige Absage an jede Form zivilisierten Umgangs. Es ist zynisch, falsch und unverschämt und mißachtet wissentlich und in vollem Bewußtsein der eigenen Frechheit, daß eine Ursache und das Fehlen einer Ursache keinesfalls äquivalent sind. Man kann sich nicht von einem Nichtsein gestört fühlen. Es sind viel mehr Dinge nicht, als daß Dinge sind. Darunter müßte es, der frechen Logik der unbeirrten Störer zufolge, ja unzählige Dinge geben, die durch ihre Abwesenheit stören. Welche mögen dies sein? Wer so auftritt, so in völliger Überzeugung der eigenen Unangreifbarkeit, hat jede Einsicht in Argument und Arrangement abgelegt. Schlimm genug, wenn einer in solcher Situation sich noch auf irgend ein Recht glaubt berufen zu können (als ginge es hier um Recht! Oder als bedürfe auch noch der letzte zwischenmenschliche Umgang einer behördlichen oder richterlichen Regelung) und sogleich lautstark anfängt zu krähen, er dürfe aber hier stören. Wer solcherart kräht, der verkennt, daß nicht alles, was man darf, auch jederzeit eine gute Idee ist. Auch der, der gestört wird, kann sich ja auf kein Recht berufen. Wenn er überhaupt wagt, den Mund aufzumachen, dann nur in Form eines Appells: Nämlich an die rücksichtnehmende Einsicht seiner Zeitgenossen, die ihrerseits vielleicht auch einmal auf ein solches Gewähren und Nachgeben angewiesen sein werden.
Nun läßt sich natürlich die Situation auch von der Warte des Telephonierers deuten und sein Beharren als Appell auffassen, nämlich an die wohlmeindende Rücksicht der anderen Fahrgäste, die ihrerseits vielleicht auch einmal in die Lage geraten werden, ein Gespräch führen (und damit andere stören) zu müssen oder zu wollen. Es ist wie beim Autofahren: Lärm, Gestank, Behinderung, Gefahr, Zupflasterung und Zerschneidung der Landschaft – alles das wird stillschweigend toleriert, weil (aber nur solange!) eine große Mehrheit der Menschen selbst Auto fahren will, und damit die Nachteile, weil sie sie selbst mit verursacht, in Kauf zu nehmen bereit ist. Schwierig wird es nur für diejenigen, die den Vorteil (Autofahren, Telephonieren) nicht nutzen – denn ihnen wird trotzdem ihr voller Anteil an den Nachteilen (Lärm, Gestank, die Unruhe fremder Gespräche) zugemutet.
Dies war nun schon das zweite Mal innerhalb von vierzehn Tagen, daß mir dieses Erwiderungsmuster („Gehen Sie doch woanders hin!“) begegnet. Wer dann woanders hingegangen ist, war weder die Telephoniererin noch die Beschwerdeführerin, sondern ich. Auseinandersetzungen dieser Art ertrage ich nicht einmal als Zeuge.

Anwesenheiten

21. Juli 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Wohnung vorzeitig verlassen, geflohen! einen Zug früher genommen, nur um nicht länger: Ich Er. Tra. Ge. dieses Geräusch nicht, ums verrecken nicht. Die Toilettenlüftung der Nachbarn. Da haben sie schon zwei Bäder, eines davon mit Fenster, aber nein, dieses müssen sie benutzen und mir mit der idiotischen Lüftung die Ohren vollheulen. Es gibt Geräusche, die sind einfach im schlimmsten Sinne des Wortes un-: Un. Er. Träg. Lich. Ich mache das Radio an, drehe am Lautstärkeregler herum, konzentriere mich auf die beruhigenden Stimmen. Zwecklos. Das Heulen ist überall, draußen, drinnen, unter dem Sofa, in allen Ecken, in den Ohren, im Schädel, im Knochenmark, eine unausweichliche, quälende Anwesenheit, daß die Nervenfasern nur so knistern. Also raus. Aus der eigenen Wohnung gejagt. Hatten wir das nicht schon einmal?
Auch verwirrend: Seit ein paar Tagen diese merkwürdigen Flecken, fettiges Dunkel mit einer weißen Stippe darin, man sieht das überall jetzt auf dem Boden, auf der Straße, auf dem Bürgersteig, was ist das? Fliegendreck? Vogelschiß? Runtergetropftes Vanilleeis? Und was hat das mit dem Toilettenlüfter …? Ist ja auch egal.
Im Zug jedenfalls wieder sehr voll, das heißt, gar nicht mal so, aber man bemißt solcherlei Ärgernisse ja immer am Erwarteten, und da jetzt Schulferien sind, mithin die Züge sich angenehmst leeren sollten, wie in vergangenen Jahren auch schon, um die sechs angenehmsten Wochen des Jahres einzuleiten – erwarte ich nunmal leere Räume, Stille, ungeatmete Luft. Vergiß es. Der beste Urlaub wäre dann, wenn vier fünftel der hiesigen Bevölkerung einfach im Urlaub verschwänden, verschollen gingen, ausstiegen, auswanderten, was weiß ich, um nie wieder hier unangenehmst, auch sie nämlich eine quälende, nervenmarternde Anwesenheit, aufzufallen.

Störer

12. Juni 2008 § 3 Kommentare

„Entschuldigung, darf ich mich hierhin setzen?“ spricht mich der Anzugsfritze an und deutet auf den Nebensitz, wo ich meinen Rucksack abgestellt habe.
Nein, denke ich, nein, dürfen Sie nicht. Sie stören. Sie rücken mir auf die Pelle. Deswegen habe ich ja gerade meinen Rucksack genau dort abgestellt, daß Sie eben nicht auf den Gedanken kommen, sich hier hinzusetzen. Im übrigen ist ein Sitz weiter auch noch ein Platz frei.
Statt es zu sagen, nehme ich wortlos den Rucksack, erhebe mich und suche mir eine Stelle, wo ich den Rest der Fahrt wenigstens bequem stehen kann. Der andere wundert sich nicht einmal, und zu meiner Wut über die Störung tritt nun noch der Zorn auf die Selbstverständlichkeit, mit der er den Umstand hinnimmt, daß er mich vertrieben hat aus meinem Territorium, ein Gewinner, denke ich, ein Störer. Ich koche innerlich. Er sieht mich nicht einmal an, vielleicht hat er nicht einmal bemerkt, daß ich aufgestanden bin, und es läßt mir keine Ruhe, daß er nicht gesagt hat, bleiben Sie doch sitzen, bleiben Sie doch … „Es ist mir zu nah“, hätte ich dann erwidern können.
Aber wahrscheinlich hätte er das nicht verstanden. Hätte er die dafür nötige Empfindlichkeit, er hätte sich von vornherein nicht neben mich setzen wollen.
Ich schweige und köchle. Und komme zu dem Schluß: Die Welt gehört den Störern, die sich selbst an nichts stören. Den Autofahrern, den Rauchern, den Lärmern und Schulterreibern.

Wo bin ich?

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