Mitnotiert: Dämmerung

24. August 2017 § 9 Kommentare

Schon ist es jetzt um sechs noch dunkel, bald wird man wieder die Lampe brauchen. Die Luft hat eine glatte Konsistenz, kalt auf den bloßen Armen und Beinen, kalt und fest wie Wasser, eine Kälte, die angenehm ist, sachlich, höflich, und mir meine Körperwärme läßt. Der Sonnenaufgang ist noch mindestens eine Stunde entfernt, die Börde ist mit Lichtern gefüllt, um die Berge jenseits der Sieg liegt ein dämmriger Kranz fahlroten Lichts. Schieferblaue Schleierwolken hängen am Horizont. Der Morgen ist still wie am Tag der Abreise. Die Koffer stehen gepackt im Hausflur, die Zimmer sind leer, die Türen abgeschlossen, dahinter tritt der Staub sein Amt an. Man schweigt, weil es nichts mehr zu sagen gibt, jedes weitere Wort gehört schon der kommenden Welt an. Es kann losgehen. Nur das Taxi ist noch nicht da.

Es wird alles immer absurder, und dieses Gefühl wird umso deutlicher und klarer, je weiter ich mich von der Börde entferne, von diesem mit Lichtern und Signalen angefüllten, brausenden, heulenden Kessel, den Straßen, Schienen und Stromleitungen zerschneiden, von dieser vermeintlich ordentlichen Welt. Vorhin war vom Verladehof des Paketzustelldienstes so ein glucksendes Piepen zu hören gewesen – das Signal eines Laserscanners, der das Erlebnis einer Apperzeption gehabt hat – und sofort gehen bei mir wieder die Alarmgeräte los, stellt sich das System auf Abwehr ein. Es ist zuviel Typisches an diesen Dingen, immer mehr solcher Wahrnehmungen geraten mir zum Symbol für etwas, das ich nur als zunehmende Verdrängung des Menschlichen durch das Maschinelle wahrnehmen kann. Für Kafka war es vielleicht das Klappern einer Schreibmaschine in einer Amtsstube. Für mich ist es das Kollern eines lautgebenden Laserscanners. Das Geräusch einer wachsenden, ausufernden Unmenschlichkeit, das durch keine Behauptung des Menschlichen – der Blumenstrauß im Büro, der Kaffee in der Kantine, eine Kinderzeichnung auf dem Schreibtisch, oder einfach nur der Geruch warmgelaufener Socken oder eines alten T-Shirts – gemildert wird. Wir sind Überbleibsel, und über unsere Gerüche und Gelüste, kann man sich schon mal ausmalen, werden demnächst – bald – Sensoren wachen und sie in etwas zutiefst Unmenschliches verwandeln.

Kritik am sogenannten Fortschritt, wo sie selbst sich nicht noch fortschrittlicher gibt, hat immer etwas Wohlfeiles an sich. Es ist leicht, etwas zu kritisieren, von dem man noch nicht wissen kann, wie es sich auswirkt; und es ist leicht, auf die positiven Aspekte des Bestehenden zu verweisen, weil sie bekannt und sichtbar sind. Das Bekannte ist leicht gegen das Unbekannte auszuspielen. Nur allzu oft in der Geschichte hat Kritik am Fortschritt, von Platon bis Spengler, dann aber im Rückblick etwas Weltfremdes und Verschrobenes bekommen. Dann heißt es leicht, hätte man damals auf den maschinellen Webrahmen verzichtet, würden wir heute noch, etc. Das Neue zu verteufeln fällt zwar leicht, solange das Alte noch normal ist. Aber das bedeutet nicht, daß Plato oder Spengler oder die Kritiker des maschinellen Webens nicht recht gehabt hätten, es bedeutet nicht, daß ihre Kritik nicht wohlbegründet gewesen wäre. Am maschinellen Webrahmen sind schließlich Menschen regelrecht verhungert. Die Kritik ist nur, da niemand sich darum geschert hat, irgendwann irrelevant geworden. Insofern ist die Kritik an der Fortschrittskritik selbst wohlfeil. Aber man wird über uns lachen, das steht fest. Man wird uns ewiggestrig nennen oder schlimmeres. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das Gestern lieb, und vor dem Morgen, so wie es sich derzeit abzeichnet, graut es mir, zum ersten Mal in meinem Leben.

All das ist jetzt da unten, bleibt hinter mir zurück, während ich den Weg am Schützenhaus vorbei einschlage. Winters hört man hier immer ein Käuzchen. Oben die Pferde, zuckende Schweife im grasigen Frühlicht. Dahinter der Waldsaum mit den betenden Föhren. Sehnsuchtswelten, deren Sog für mich darin besteht, daß sie nicht gemacht, sondern geworden sind, daß sie nicht nur älter sind als Laserscanner, sondern älter noch als der Mensch selbst. Ich gehöre beiden Welten nicht an, weder der Welt der Laserscanner, noch der alten Welt des Gewordenen. Die einzige Welt, der ich angehöre, ist ein Ort aus Wörtern und Bedeutungen. So ein Lauf durch den Wald beschert die Illusion einer Daseinsalternative. Tatsächlich laufe ich durch diesen Wald wie ein Neanderthaler durch eine Automobilausstellung laufen würde. Ich verstehe nichts von den Dingen, die hier vor sich gehen, noch viel weniger – in High-Tech-Textilien gehüllt und mit GPS-Stopuhr am Handgelenk – kann ich mich als Teil dieser Vorgänge begreifen. Tatsache ist, daß ich mich überhaupt nicht begreife, nirgends, auf keine Weise, außer als ein Wesen, das Worte macht und Bedeutungen verknüpft. Aber ohne Welt, auf die ein Ausdruck verweisen kann, gibt es auch keine Zeichen, keine Bedeutungen. Es gibt keinen Ausweg aus der Welt, auch nicht im Wort.

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15. März 2017 § 4 Kommentare

 
*Es muß etwas mit dem Gegensatz von Kratzigem und Glattem zu tun haben. Wolle, dem Augenschein nach weich, unter den Fingern rauh; und die warme Glätte von Haut, warm nicht zuletzt durch die rauhe Wolle; diese Dopplung der Empfindungen beim Schlupf unter einen fremden Wollärmel, den man vielleicht vorher außen gestreichelt hat; rauh und neutral gleitet die Wolle am Handrücken vorbei, während unter den Handflächen, verwirrend, weich und verbindlich, die fremde Haut glüht, und beide Empfindungen, in einer einzigen Bewegung zusammengebracht, die einem, vielleicht aufgrund des Mutes, den sie erforderte, erst gar nicht richtig einleuchten mag, so sehr ist das Tasten mit sich selbst beschäftigt und mit der Frage, wie weit es gehen darf, in welche Bezirke zwischen Wolle und Haut – diese beiden gegensätzlichen Taktilia prägen sich ein, rufen beim Anblick eines Wollpullovers an einer Frau unvermeidbar ein Assoziations- und Erinnerungsprogramm auf, in der der Stoff durch den bloßen Anblick erinnerungsweise beinahe spürbar wird. Als kratzte etwas auf der eigenen Netzhaut. So erwarten die Fingerspitzen die ersehnte, spannende Glätte der darunter warmgehaltenen Haut. Und je intensiver dieses Gefühl ausbleibt, desto stärker wird der Drang, hinzuschauen um die Finger mit dem Gesichtssinn für die verlorene Empfindung zu entschädigen, vielleicht.

Ferner: Wollstoff, der sich über Brüsten spannt, ist Haar über Stellen, wo keine Haare zu erwarten sind, ein weiterer Gegensatz, der ein bißchen schwindelerregend ist, wie für einen mittäglichen Faun vielleicht. Ein Verweis auf die Tiernatur des Menschen, insofern als Körperhaar, echtes wie nur aufgelegtes, immer ein Verweis auf die Tiernatur, und mithin auf die Geschlechtlichkeit des Menschen ist. Haar finden wir verwirrend, störend, peinlich, ja, abstoßend, wenn es, jede kulturelle Überformung ignorierend, die Grenzen der zivilisatorischen Zähmung ebenso überschreitet wie den vorgegebenen Bezirk des Bikinis, unkontrollierbar wächst, an den falschen Stellen auftritt, seine Form und Farbe, seine Textur und Länge selbst bestimmt, wuchert, klebt, strähnt, verfilzt und im falschen Moment grau wird – oder gar ganz ausgeht. Das urwüchsige, wild sprießende, unkontrollierbare Haar steht für das Irrationale, für das Triebhafte, für den niederen Instinkt, weswegen wir es nur dulden, wo es frisiert, gekämmt, pomadiert oder in Form gezupft ist. Wenn überhaupt: Dem schärfsten Zwang unterwirft das Haar, wer es rasiert oder ganz ausrupft. Zugleich wird dabei aber auch eine Machtlosigkeit demonstriert. Wer töten muß, der hat die Kontrolle verloren, dem ist die Zähmung nicht geglückt.

Ferner: Haar ist in mehr als einer Hinsicht eine peinliche Erinnerung daran, daß wir Tiere sind: Haardrüsen produzieren Fett und Duftstoffe, Haare halten Schweiß fest, Haare riechen entweder selbst, oder sie sorgen dafür, daß Gerüche sich gut ausbreiten können. Manche Biologen meinen gar, die Verbreitung von Duftstoffen sei die ursprüngliche Funktion des Haars gewesen; erst nachdem es sich für diesen Zweck entwickelt hätte, habe es dann sekundär die Aufgaben übernehmen können, an die man beim Haarkleid zuerst denkt, den Schutz vor Kälte und Nässe. Immerhin haben geschlechtsreife Menschen bis auf den heutigen Tag Reste eines primordialen Fells genau an den Stellen behalten, wo es immer noch riecht und wahrscheinlich auch riechen soll, denn der natürliche Körper- und Drüsengeruch ist nach wie vor, allen Anfeindungen und Kriegserklärungen der Kosmetikindustrie zum Trotz, das stärkste Stimulans, wenn es zur Paarung gehen soll. Scham- und Achselhaar sind Überbleibsel von Fell, da ändert kein Rasierer was dran. Und Wolle, dieses sublimierte Fell, dieser Tierpelz, verweist in seiner Haarigkeit eben genau darauf zurück, durch Gegensätzlichkeit auf das Kahle von Brust, Schultern und Bauch ebenso wie durch Verwandtschaft auf die Stellen knisternden Fells, die er bedeckt.

Ferner: Wolle riecht. Nasse Wolle zumal kann einen strengen, scharfen Geruch annehmen, nach Tier und Geschlechtlichkeit, einen Duft, den ich sehr mag, ebenso wie den Geruch der Tiere selbst, von denen die Wolle stammt.

Ferner: das gezähmte Tier. Gereinigt, entfettet, gekämmt, kardiert, in Farbe getaucht, gestrickt, gewalkt, gewebt, mit Parfum besprüht, mit Weichspüler gewaschen, in menschliche Form gebracht, künstlich um Arme, Schultern, Brüste drapiert. Und doch: ein Regenschauer, und das Tier macht sich sofort bemerkbar. Und in diesem Wollduft verborgen der persönliche Duft der Frau, die den Wollstoff trägt, eins aus dem andern herleitend, wenn beide Düfte tief im innersten Bezirk einander wieder ähnlich werden.

Frühprotokoll: Einparken

26. Oktober 2016 § 4 Kommentare

Immer häufiger kommt es vor, daß in unserer Straße einer seinen Wagen laufen läßt. Der Wagen steht, eingeschalteten Lichts, und läuft. Und läuft. Neulich um halb elf nachts, lange Minuten, bis ich dem Krach mittels Ohrstöpseln ein Ende gemacht habe. (Morgens lief er nicht mehr, vielleicht war der Kraftstoff ausgegeangen.) Dann, einen Tag später, im Morgengrauen dasselbe. Minutenlang. In meiner Kindheit war es üblich, im Winter einige Zeit vorm Losfahren den Motor anzuwerfen, um die Fahrgastzelle damit zu heizen, während man noch mit Eiskratzen beschäftigt war. Ich erinnere mich an die dicke blauen Wolken vor gelblichem Scheinwerferlicht in der Dämmerung eisiger Dezembermorgen. Später hieß es, diese Praxis sei verboten worden. Ich habe den Verdacht, daß dieses Verbot, falls es das je gegeben hat, kürzlich wieder aufgehoben worden ist. Gewandelt hat sich jedenfalls allem Anscheine nach die Vorliebe für bestimmte Motortypen. Früher waren das in der Mehrzahl Benziner; heute höre ich zumeist das entsetzlich nervtötende Baßgerassel von Dieselmotoren – auch bei Kleinwagen. Da ich selbst nicht Auto fahre und auch nie eines besessen habe, stehe ich dem Phänomen des Motorlaufenlassens mit bassem Unverständnis gegenüber. Kraftstoff kostet anscheinend doch nicht so viel, wie alle immer behaupten. Noch schlimmer sind allerdings solche Geräusche, die – An- und Abschwellen der Drehzahl, Knirschen im Stand einschlagender Reifen, das abwechselnde Klacken beim Wechsel vom Vorwärts- zum Rückwärtsgang – beim Einparken (oder dem Versuche desselben) entstehen. Auch hierfür habe ich nicht das geringste Verständnis. Wenn ihr’s nicht könnt, so laßt es halt bleiben. Ich laß es ja auch bleiben. Wenn ihr aber unbedingt eine Karre haben müßt, dann seht eben zu, wie und wo ihr sie abstellt, und zwar geräuschlos. Euer Problem. Aber behelligt mich nicht mit Lärm und Abgasen, weil ihr kurzsichtig seid oder kein räumliches Vorstellungsvermögen habt. Ich habe auch keins – aber ich habe auch kein Auto, bitteschön.

Beobachtung vom Kassenband

6. Juni 2016 § 5 Kommentare

Bio*-Mineralwasser. Im Tetrapack.

Man staunt, daß der Öko-Gedanke jetzt auch in die minralische Welt lebloser Dinge vorgedrungen ist, und erwartet mit Ungeduld Bio-Salz (mit gentechnikfreiem Jod), Bio-Backpulver (mit veganem Natriumbicarbonat) und natürlich das rost- und antibiotikumfreie Bio-Edelstahlbesteck: aus nachwachsendem Stahl geschmiedet.

In der Falle

3. März 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Vielleicht ist gar nicht Unwille, Bequemlichkeit, Gier oder das Gefühl, im Recht zu sein, Grund dafür, warum es reichen Menschen so schwer fällt, abzugeben. Ich vermute etwas anderes: Verpflichtung; Bindung; und der unausrottbare Hang des Menschen, Überschüsse bis zum letzten auszuschöpfen.

Wenn ich 10.000 im Monat verdiene, richte ich mein Leben danach ein: Haus kaufen, Auto anschaffen, tägliche Pendelstrecken, BahnCard 100, teure Reisen etc. – da bleibt am Ende des Monats nicht viel mehr übrig als beim armen Schlucker. Das Problem ist aber, das Haus kauft man nicht mit Geld, das man hat, sondern das man hofft, später zu haben – mit Erwartungen an die Zukunft. Die Schulden aber, die hat man sofort. Und die müssen getilgt werden. Ich kann nicht sagen, na, verzichte ich halt, dann dauert’s halt länger; oder, ach, keine Lust mehr, zu teuer, dann gehört eben der Bank das Haus. Die Bank will das Haus nicht. Die Bank will mein Geld. Die Bank wird mich pfänden lassen, wenn ich nicht brav in der Tretmühle weitertrete, in die ich freiwillig gestiegen bin, als ich – in Erwartung von monatlich 10.000 – den Kaufvertrag unterzeichnet habe. Wehe, die 10.000 bleiben auf einmal aus, weil ich arbeitslos oder berufsunfähig werde. Und selbst, ein Haus (oder ein Boot; ein Auto) wieder zu verkaufen, kostet noch teures Geld. Von dem, was da an Steuern fällig wird, könnte unsereiner drei Monate leben, und zwar bequem. So wird aus dem Gewinn von 120.000 per annum, einem Reichtum, den ich haben darf, die Not von 120.000, dann nämlich, wenn ich sie aufgrund von Verpflichtungen, etwa in Form einer Hypothek, haben muß.

Dazu kommen Verpflichtungen anderen gegenüber. Für mich alleine kann ich entscheiden, ok, die Gesangsstunden, die Golfpartie, die Jagdpacht waren wohl etwas teuer, streiche ich das eben. Ginge es nur darum, auf Gesang, Golf und Jagd zu verzichten, wär’s ein Kinderspiel. Aber ein solcher Verzicht schlägt weitere Kreise. Denn vielleicht treffe ich beim Golf wichtige Geschäftspartner, die mich fallen lassen, wenn ruchbar wird, daß ich in so großer finanzieller Not bin, daß ich mir nicht einmal Golf mehr leisten kann; und vielleicht habe ich drei Kinder, die Reit-, Musik-, Chinesisch- und Ballettunterricht nehmen – und das für selbstverständlich halten. Und vielleicht verläßt mich mein Partner, wenn sich abzeichnet, daß ich für das Haus nicht mehr aufkommen kann … Das heißt, es geht, vermute ich, um weit mehr als nur ums Haben von Annehmlichkeiten; es geht ums Sein: um ein ganzes Leben, und nicht einmal nur um das eigene, sondern um das der Menschen, für die ich verantwortlich bin, und die Erwartungen an mich haben, die ich zuerst bei ihnen geweckt habe. So betrachtet ist Reichtum kein Privileg, sondern eine höchst mißliche Lage, eine Falle.

Über die Sucht, alle Lücken auszufüllen, nichts ungenutzt zu lassen, Überschüsse immer bis zur Neige abzuschöpfen, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. In kleinem Maßstab gleicht jemand, der eine Hypothek auf eine Immobilie aufnimmt, dem Steinzeitmenschen, der beschließt, seßhaft zu werden und Ackerbau zu betreiben. Weder der Reiche noch der Ackerbauer können zurück zu ihrer früheren Lebensweise, weil sie von den Reichtümern (10.000 Thaler hier, Getreidevorräte und Nahrungsmittelüberschuß dort) abhängig geworden sind. Der reiche muß reich sein, weil er reich ist.

Einseitige Ernährung, Zivilisationskrankheiten, kaputte Rücken, Knochenarbeit: Selbst wenn die ersten Ackerbauern vor 9.000 Jahren gemerkt hätten, um wieviel schlimmer sie dran waren als tausend Jahre zuvor ihre Jäger-und-Sammler-Vorfahren, hätten sie aus zwei Gründen nicht zurückgekonnt: Erstens besaßen sie nicht mehr das Wissen, die Erfahrung und die Fertigkeiten, die für die frühere Lebensweise gebraucht wurden; und zweitens hätte das Land, auf dem sie lebten, sie nicht mehr ernährt, denn aufgrund des größeren (wenn auch nicht besseren) Nahrungsangebots war die Bevölkerung gewachsen – jede Nahrungskalorie, die die neue Lebensweise zusätzlich hervorbrachte, wurde sofort von der größeren Fortpflanzungsrate geschluckt. Statt sich auf den Extrakalorien auszuruhen, setzte man in fester Erwartung auch zukünftigen Reichtums mehr Kinder in die Welt. Und das war der Anfang. Zehntausende von Jahren hatte Homo sapiens im Gleichgewicht mit seiner Umwelt gelebt, in einer Lebensweise, die mehr oder weniger gleichförmig, über tausende von Generationen unverändert geblieben war. Seit der Seßhaftwerdung aber; seit dem Augenblick, da eine erhöhte Produktivität mehr Menschen satt machen konnte, so daß innerhalb kürzester Zeit die Produktivität auch mehr Menschen satt machen mußte: Seit dieser Zeit lebt der Mensch in einer Tretmühle, die ihm umso mehr abverlangt, je schneller er darin tritt.

Ein Geschäftsbrief 1970 brauchte eine halbe Stunde; heute benötigt er, wenn der Angestellte seine Vorlagen auf Vordermann hat, zehn Minuten. Aber statt jetzt zwanzig Minuten Freizeit gewonnen zu haben, setzt er zwar kein Kind in die Welt, schreibt aber immerhin heute drei Briefe in derselben Zeit. Und jubelt auch noch über den Fortschritt, die gesteigerte Produktivität. Jede gewonnene Zeitersparnis wird auf diese Weise vom Produktivitätsanspruch aufgefressen. Auch so ein Angestellter (oder seine Vorgesetzten) kann nicht zurück, denn die drei Briefe pro Stunde werden hopplahopp zum neuen Standard. Und dann kommen die Prediger des Wachstums und versprechen uns den Himmel auf Erden, wenn wir nur immer fleißig arbeiten. Dereinst, heißt es dann, werden wir in Ruhe, Frieden und Sorglosigkeit leben.

Dabei könnten wir das längst schon haben.

Und hätten dabei noch was abzugeben.

Selbstwirksamkeit

5. August 2015 § 8 Kommentare

Natürlich will niemand zurück zur Steinzeit. Es mag reizvoll sein, uralte Überlebenstechniken wieder zu lernen, wie das große Interesse an dem, was man neuerdings Survival nennt, bezeugt. Aber gewiß will niemand in vollem Ernst ein Steinzeitleben führen, nicht in aller Konsequenz, spätestens, wenn man Zahnschmerzen hat oder sich ein Bein bricht, werden sich Zweifel melden. Aber eines ist es, auf die grundlegendste Form der Selbstwirksamkeit – das Überleben mit dem, was die Natur unmittelbar anbietet – zu verzichten und sich das Leben hier und da durch Maschinen und Werkzeuge zu erleichtern; ein anderes ist, sich mit Haut und Haar der Technik zu überantworten und gänzlich auszuliefern. Man muß nicht die Technik in Bausch und Bogen verwerfen, um sich kleine Bereiche der Selbstwirksamkeit und damit der Kontrolle über die Umwelt zu erhalten oder, wo sie schon verloren sind, zurückzugewinnen. Wobei diese Umwelt selbst wieder technischer Natur sein kann.
Es geht um kleine Bereiche der Freiheit.
Denn der Bezirk, in der der moderne Mensch noch selbstwirksam handeln kann, schwindet. Unangefochten ist er so gut wie nirgends mehr Herr über sein Handeln.
Die elementarste Form menschlicher Fortbewegung ist die auf zwei Beinen. Meine Entscheidung, mich in Bewegung zu setzen, führt unmittelbar zur Bewegung; nichts vermittelt zwischen meinem Willen und seinem Effekt, nichts ist dafür vonnöten außer einer brauchbaren Anatomie. Nicht einmal Schuhe sind zwingend notwendig, allen Aussagen der Outdoorindustrie zum Trotz.
Das Fahrrad bedeutet größere Geschwindigkeit und Reichweite bei geringerer Ermüdung, aber diese Vorteile sind erkauft mit einer Reihe von Abhängigkeiten, wiewohl immer noch ich selbst es bin, der handelt: Ich selbst muß in die Pedale treten, und mein Kraftaufwand steht in direkter, proportionaler Beziehung zum Ergebnis. Trete ich schneller, fahre ich schneller, trete ich langsamer, fahre ich langsamer. Ich kann nicht sagen, daß das Fahrrad für mich fährt oder mir einen Teil der Mühen abnimmt. Wenn das Rad einmal existiert, kommt alles, was ich mit ihm tue, direkt zu mir zurück: als Widerstand, als Beschleunigung, als Geschwindigkeit. Der Punkt ist aber: Das Fahrrad muß erst einmal existieren; jemand muß es gebaut haben, was, wenn man nur die rohe Natur zur Grundlage hat, ein extrem diffiziler Vorgang ist. Ferner braucht es eine Straße, um ordentlich fahren zu können, und wenn der Reifen platzt, nutzt auch die schönste Straße nichts mehr. Und so wie mit dem Fahrrad ist es mit jedem mechanischen Werkzeug. Schere, Schneebesen, Handfeger und Kehrblech; Zange, Schraubenzieher, Mörser. Sense, Spaten, Grabgabel, Gießkanne. Mit all diesen Geräten kann der Mensch unmittelbar in seiner Umwelt wirksam werden. Mein Einwirken auf das Werkzeug hat unmittelbar und in einer Ein-zu-Eins-Beziehung eine Wirkung in der Umwelt, der Hecke, dem Blatt Papier, dem Gras zur Folge. Viele solcher Geräte erfordern ein beträchtliches Geschick, um damit das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Man denke an Stricknadeln oder an ein Spinnrad. Auch das Fahrradfahren ist nicht nur anstrengend, es will auch gelernt sein.
Herr der Lage sein, wem gefällt das nicht? Vielleicht hat keine andere technische Errungenschaft so sehr diesen Wunsch bedient wie das Auto. Wer Auto fährt, hat die Macht eines Halbgottes. Wer Auto fährt, dem sind Raum und Zeit untertan. Mühelos schweben wir mit unglaublicher Geschwindigkeit dahin und hören dabei auch noch Musik. Nur Fliegen wäre noch schöner, noch mehr Macht, noch mehr Gotthaftigkeit. Warum nervt der Stau so sehr? Weil die anderen bösen Autofahrer sich erfrechen, uns in unserem Gottsein zu behindern. Sie stehen zwischen uns und der Allmacht. Wir empfinden ja gar nicht das Auto als Maschine – wir fühlen uns selbst vergrößert, ermächtigt, mit unglaublichen Fähigkeiten ausgestattet … vergöttlicht durch die Maschine. Wir sind es ja selbst, die handeln, und so glauben wir unseren Körper nur verlängert und verbessert. Wir fahren, nicht das Auto. Wir sind Herr über die Kilometer, nicht die Maschine. Wir befehlen der Maschine nicht, wie wir einem Diener befehlen. Wir sind die Maschine in dem Moment, wo wir aufs Gaspedal drücken, und der Wagen wie ein Arm oder Bein von uns reagiert. Wir fühlen unseren Willen direkt mit der Maschine verbunden. Die Maschine tut nichts für uns, wir tun es selbst, verlängert, ermächtigt durch die Maschine.
Das glauben wir zumindest. Aber ist schon diese Empfindung Illusion, so wird seit einigen Jahren selbst diese Illusion noch von einer größeren Illusion getragen. Wer früher aufs Bremspedal trat, der konnte sich einbilden, noch selbst zu bremsen: Der Druck aufs Pedal überträgt sich auf eine hydraulische Flüssigkeit, die den Druck zu den Bremsbacken weiterleitet. Das war ursprünglich nicht viel anders als bei einer Heckenschere. Aber schon so etwas wie ein Bremskraftverstärker zerstört diese direkte Wirksamkeit, ist es doch nicht mehr meine Kraft, die sich auf die Bremsbacken überträgt, sondern die Kraft eines Motors, den ich einschalte, wenn ich das Bremspedal trete.
Ist die Geschichte hier schon zu Ende? Mitnichten. Denn jetzt kommt die Elektronik ins Spiel. Wer heute noch glaubt, er fahre sein Auto, täuscht sich gewaltig. Niemand fährt mehr Auto – das Auto fährt uns. Nach unseren Befehlen zwar – aber vielleicht auch das nicht mehr lange. Denn moderne Autos sind längst Smartphones auf Rädern – Computer, die das Fahren erledigen und nebenbei die Illusion aufrecht erhalten, der Mensch am Steuer tue so etwas wie … fahren. Wer tatsächlich fährt, das ist die Bordelektronik. Ein Tritt aufs Bremspedal löst einen Bremsbefehl aus, der am Ende einer Signalverarbeitungskette in eine Bewegung der Bremsbacken umgesetzt wird. Dabei mißt das Bremspedal den Druck des Fußes und leitet diese Information weiter, so daß für den Fahrer der Eindruck entsteht, sein Handeln stehe in unmittelbarer und proportionaler Beziehung zu den Auswirkungen der Umwelt, so wie wir glauben, den Mauspfeil zu bewegen. Tatsächlich gibt der Fahrer aber nur eine Datenkette in einen Computer ein, der dann für den Fahrer bremst. Man könnte diese Unterscheidung für akademisch halten, sie hat meiner Ansicht nach aber zwei wichtige Folgen. Erstens: Indem der Computer das Optimum an Bremskraft aus den Werten für Reifendruck, Geschwindigkeit, Gelände, Straßenbelag, Nässe, Abstand zum vorfahrenden und zum folgenden Fahrzeug etc. berechnet, ist der Bremsvorgang keine Frage des Könnens, der Geschicklichkeit, der Erfahrung des Fahrers. Der Fahrer könnte, statt in die Eisen zu steigen, auch einfach „ich möchte bremsen“ sagen, oder, dramatischer, „Stop!“ Der Schritt, merkt man hier schon, zum vollkommen autonom fahrenden Fahrzeug, dem man nur noch das Ziel eingibt, ist hier nicht mehr weit. Wenn der Computer es doch viel besser kann?
Die zweite Folge ist: Da die Bordelektronik auch Komponenten enthält, die nach außen kommunizieren, beispielsweise Radio, Telephon und Navigationsgerät; ferner Teile, die innerhalb des Fahrzeugsystems per Funk kommunizieren müssen (Messung des Reifendrucks); kann ein solches Fahrzeug prinzipiell gehackt werden, schlimmstenfalls mit tödlichen Folgen.
Doch selbst wenn man dies zu verhindern weiß, bleibt immer noch der Eingriff in die Selbstwirksamkeit des Menschen bestehen, seine Selbstkastration. Denn Autofahren ist ja, bei allen Nachteilen und Gefahren dieser Maschinen für Mensch und Umwelt, dennoch etwas, das gelernt, geübt werden will und zu persönlicher Meisterschaft aufruft. Das Auto war bislang nicht nur eine Maschine, die uns allerlei abnimmt; es ist auch ein Werkzeug, dessen Bedienung Können erfordert und dessen Bemeisterung stolz macht. Sonst gäbe es keine Autorennen. Weil die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, egal wie eingeschränkt der Rahmen ist, in dem sie sich zeigen kann, eine beglückende Erfahrung ist. Doch so wie dem Auto wird es vielen Werkzeugen gehen, zu deren Handhabung bislang ein Mindestmaß an Geschick erforderlich war. Schon steuert Elektronik den E-Herd. Gegen eine Energiesparplatte jedoch, die sich im falschen Moment abschaltet, sind alle Kochkünste vergeblich eingesetzt. Nicht besser wäre aber ein Elektroherd mit dem Programm „Steak, medium“, bei dem ich nur noch die Pfanne mit Öl und Fleisch bestücken muß („bitte-jetzt-Steak-wenden-und-eine-Minute-weiterbraten“). Wen sollen dann die Gäste loben, und was ist das Können eines Kochs noch wert, wenn das Computerprogramm ununterscheidbar gute Ergebnisse liefert? Es gäbe keine Meisterköche mehr. Es gäbe überhaupt keine Köche mehr. Und selbsternannte Kenner und Liebhaber würden sich damit brüsten, sie könnten den Unterschied herausschmecken, so wie Musikliebhaber vermeintlich den Unterschied zwischen einer CD und einer analogen Wiedergabe hören können. Offensichtlich will der Mensch aber nicht nur ein perfektes Steak und eine perfekte Klangwiedergabe; der Mensch will Meisterschaft, der Mensch ist verliebt in das Können. Meister können aber nur selbst Menschen sein, nicht Maschinen.
Ja, was ist das Können wert, außer, daß man es bei einem Stromausfall dann doch braucht (vorausgesetzt, man hat einen Gaskocher zur Hand)?
Oder was ist mit Wissen? Neulich im dichtgepackten Zug überlegten zwei Mitreisende, deren Anschluß gefährdet war, die günstigste Strategie, um weiterzukommen. Aussteigen, sitzenbleiben, umsteigen? Da ich auf dieser Strecke die Fahrpläne fast auswendig weiß, war ich drauf und dran, die beiden anzusprechen, um ihnen weiterzuhelfen. Aber ich hatte den Mund noch nicht geöffnet, da wußten sie schon alles.
Von ihrem Smartphone.
Was ist Wissen noch wert?
Abphotographieren und mehr erfahren! Wo kleben sie nicht, die kleinen Quadrate mit den Punktmustern? Ich muß nichts mehr wissen, ein Smartphone genügt. Neulich photographierte ein Bekannter auf einer Feier in meiner Wohnung; plötzlich gibt das Gerät ein Signal: Es hatte im Hintergrund den Druck eines Gemäldes erkannt.
Was ist Wissen noch wert? Früher war Pilzesuchen etwas, das Meisterschaft verlangte, ein Spezialwissen, schwierig zu erwerben und im Falle des Scheiterns mit hohem Risiko verbunden. Man durfte stolz darauf sein, zwei zum Verwechseln ähnliche Fruchtkörper auseinanderhalten zu können. „Der Fruchtkörper ist jung komplett von einem Velum umhüllt. Hut zeigt im Allgemeinen keine Velumreste. Am Stielgrund bleibt das Velum universale als häutig-lappige Volva zurück. Das Velum partiale bleibt als deutlich geriefter, weißlicher, hängender Ring am Stiel zurück. Der Stiel 5 bis 15 Zentimeter hoch, auf weißem Grund olivgrün genattert, Basis knollig verdickt, häutige Scheide. Stiel 2 Zentimeter stark, jung voll, im Alter markig bis hohl. Lamellen weiß. Sporenpulver weiß.“ Schon die Beschreibungssprache ist ein Gedicht. Wie lange wird es aber dauern, bis diese Kenntnisse überflüssig sind, bis mir mein Smartphone sagt, ob der Fruchtkörper, den ich vor mir habe, eßbar ist? Niemand muß dann mehr in die Lehre gehen; man muß nicht einmal genau hinschauen. Unterschiede gehen verloren, Sichtweisen, Dimensionen nicht nur der Kenntnis, sondern auch der Wahrnehmung. Was ich da vor mir habe, ist nur noch ein unscheinbarer Blobb. Meine Fertigkeiten in der Erkennung werden sich auf die Bedienung des Smartphones beschränken.
Möglicherweise ist das Programm weit weniger fehleranfällig als der Mensch und entscheidet im Zweifel richtig. Aber dann bin nicht mehr ich es, der seine Umwelt beherrscht. Nicht ich habe die Kontrolle über die Situation. Nicht ich weiß bescheid, sondern ein Gerät. Man könnte nun sagen, die Meisterschaft ist davon unabhängig. Es sind ja auch Menschen auf den Everest gestapft und haben bewußt das Sauerstoffgerät im Tal gelassen. Aber der Arm des Geräts ist lang. Denn: Ist es nicht besser, ein kleines Sauerstoffgerät mitzunehmen, nur für den Fall der Fälle? Ich muß es ja nicht benutzen. Aber es könnte mein Leben retten, wenn ich mich verkalkuliere oder das Wetter umschlägt. Und sollte ich nicht lieber diesen Maronenröhrling doch noch abphotographieren und von der MycoApp testen lassen? Nur zu Sicherheit. Und Zack! hat mich das Gerät voll im Griff. Denn wer will allen Ernstes auf Sicherheit verzichten? Einen Pilz einfach so bestimmen? Freiäugig? Das ist die Steinzeit!
Und so geht sie dahin, die Selbstwirksamkeit. Wir brauchen keine Orientierung mehr, wir müssen keine Karten mehr lesen können, wir haben den Navi. Wir haben die Strickmaschine und die Nähmaschine, wir haben den Brotbackautomat, der selbsttätig Volumen, Gewicht und Feuchtigkeit des Teiges mißt; wir werden Kühlschränke haben, die uns auf abgelaufene MHDs aufmerksam machen; wir haben Maschinen, die Gesichter erkennen, wir lassen uns von Computern unterrichten; wir haben Melkmaschinen und Schachcomputer, und die Zeit wird kommen, da wir Pflegemaschinen und vollautomatische Duschmaschinen haben werden.
Ich habe kein Smartphone, aber ich rühre Sahne und Kuchen nicht von Hand. Auto fahre ich nicht, aber für meine Wäsche hab ich eine Maschine, und es fiele mir nicht im Traum ein, sie wieder in der Badewanne zu waschen (die Wäsche, nicht die Maschine), obwohl ich weiß, daß ich es kann. Meine Texte schreibe ich nicht mehr von Hand, weil ich es verlernt habe, und meine Bahnverbindung hole ich mir aus dem Netz. Ich besitze sogar eine elektrische Zahnbürste, einen Staubsauger und einen Joghurtbereiter. Ich bin ein Kind des Fortschritts, und Maschinen, die mir das Leben erleichtern und mich für wichtigere Dinge als Wäschewaschen und Besuche am Fahrkartenschalter befreien, begrüße ich rückhaltlos.
Ich will nur diese Dinge bittschön selbst bedienen, und mir von meinem Staubsauger nicht sagen lassen, daß mal wieder ein Hausputz nötig wäre.
Wenn es Schachcomputer gibt, warum läßt man die nicht gegeneinander antreten, wäre das nicht billiger als Turniere mit Menschen? Oder wie wäre es mit Fußballrobotern, die statt Menschen auf den Rasen gehen. Das kriegen die sicher besser hin als jeder Mensch, die ermüden nicht, sie foulen nicht, sie kriegen keinen Kreuzbandriß, und hohe Ablösesummen wollen sie auch nicht haben. Warum also nicht?
Sehen Sie?
Ich meine, daß Selbstwirksamkeit ein unhinterfragbares Gut ist, eine lebenswichtige Erfahrung, deren Notwendigkeit sich nicht an ihren Ergebnissen messen lassen darf. Fußball ist sinnlos, wenn nicht Menschen gegeneinander spielen. Kunst ist sinnlos, wenn sie von einem Algorithmus erzeugt wird. Selbstwirksamkeit hat etwas mit Orientierung, Zurechtfinden und – Kontrolle zu tun. Die Befriedigung aber, die es bedeutet, seine Umwelt zu kontrollieren, sei es, einen Wagen zu steuern, sei es, ein Steak zu braten, oder zu wissen, welchen Pilz man vor sich hat: diese Befriedigung ist tief und elementar.
Durch keine andere Erfahrung zu ersetzen. Wir sollten sie uns nicht nehmen lassen.

27. Oktober 2014 § 3 Kommentare

Bei jedem Gespräch übers Für und Wider des mobilen Telephonierens bekommt man die gleichen Entgegnungen. Man mag es nicht mehr hören! Es geht nicht darum, ob das Mobiltelephon praktisch ist. Es steht ja außer Frage, daß es das ist. Wer die Nützlichkeit des sogenannten Händies als Argument ins Feld führt, preist das Essen als Mittel gegen den Hunger. Eine Kritik indes, die das Gegenteil behauptet, scheitert an den Tatsachen. Nein, es geht darum, wie man eine Haltung begründen kann, die das Mobiltelephon ablehnt, obwohl es praktisch ist. Also um Gründe, die für den Ablehnenden mehr Gewicht haben als alle Nützlichkeit. Das können nur moralische oder ästhetische sein.

Im Taktverkehr aus dem Takt

30. Oktober 2012 § 3 Kommentare

Irritierende Feststellung: Die durchschnittliche Phasendauer zwischen zwei Sprecherwechseln bei mobil Telephonierenden deckt sich ziemlich genau mit der Zeitspanne, die ich beim Lesen brauche, um nach einer Störung wieder in den Fluß des zuletzt abgebrochenen Satzes zu kommen. Im Klartext: Kaum habe ich mich konzentriert, plappert der Idiot da drüben weiter und bringt mich wieder raus:

… des jeder individuellen Existenz baren Protozoons, das ich war, abmalte, darin aufblitzen sah: die Herzogin, die Göttin, die damit zur Frau wurde, und mir mit einem Male noch tausendmal schöner erschien, hob die weißbehandschuhte Hand, die sie auf die Logenbrüstung gestützt hatte, und winkte mir zum Zeichen der Bekanntschaft damit zu; meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer …

Ja, Hallööööchen, wie geht’s dir denn, ich dachte ich melde mich mal wieder bei dir.

…. meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer aus den Au– …

Ich bin gezz im Bus. Bin inner halben Stunde da. Na, weißt ja wie dat is …

… meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Feuer aus den Augen der Pr— …

Neee, die Natalie is nich mehr mitm Leon zusammen. Wie dat weißte nicht? Hasse nix von gehört?

… meine Blicke wurden von einem gedankenlos strahlenden Leon aus den Augen Natalies …

Also paß auf, dat muß ich dir gezz ganz ausföhrlich erzähln, also paß man auf: ….

… meine Blicke wurden trübe und …

Etc. ad nauseam.  Es ist dabei keineswegs mildernd, wenn die Quasselstrippe eine Stimme hat wie Herr von Bödefeld. Ein weiteres merkwürdiges Zusammentreffen läßt mich immer in der Näher solcher Telephonierer sitzen, die mindestens so weit zu fahren haben wie ich. Das nervt bereits nach einer Minute. Fünfundvierzig Minuten neben Herrn von Bödefeld, und man bemerkt in sich ein leise aufkeimendes Verständnis für Amokläufer.

Dem Rektor der Universität zu Köln

16. Dezember 2011 § 17 Kommentare

Sehr geehrter Herr Rektor,

vielen Dank für den freundlichen Weihnachtsgruß – oder sollte ich sagen: für den Jahreszeitengruß? Ich muß gestehen, daß mich die Wortwahl befremdet. In der dem Bekenntnis nach atheistischen DDR blühten einst recht einfallsreiche Neologismen für zur Sphäre der Religion gehörende Gegenstände und Erscheinungen. Da nun mal Ostern oder Weihnachten nicht aus der Welt zu schaffen waren, wollte man zumindest die Bezeichnungen jeglichen religiösen An- und Beiklangs entkleiden. Gerüchten zufolge soll beispielsweise eine Engelspuppe als „Jahresendzeitflügelfigur“ tituliert worden sein.

Ihre Grußkarte und die Entscheidung, sich um das Wort “Weihnachten“ zu drücken, läßt ein bißchen daran denken.

Meines Erachtens begingen die damaligen Machthaber und begehen nun auch Sie, verehrter Herr Rektor, einen Denkfehler. Nicht „Weihnachten“ zu sagen, ist ein Bekenntnis (das Sie, und dafür habe ich vollstes Verständnis, nicht aussprechen wollen), sondern die Vermeidung des Begriffs ist eines. Warum? Weil auf dem Wege des Verschweigens bzw. durch das Absichtsvolle Ihres Ausweichens die Bedeutung ersichtlich wird, die für Sie das Fest als religiöse Einrichtung hat.

Wem glauben Sie denn, es auf diese Weise recht zu machen? Bekennenden Christen? Die werden sich ärgern, weil für sie die Festtage eben nicht einfach nur Festtage sind und Jahreszeitentage schon gar nicht. Die Bekennenden anderer Religionen? Denen kann ein Gruß, der auf ein Fest Bezug nimmt, das sie nichts angeht, herzlich egal sein. Sie würden also mit echten Weihnachtsgrüßen die einen erfreuen, die anderen aber auch nicht ärgern. Sehen Sie mal, Weihnachten ist ja schließlich kein Allergen, vor dem man warnen muß. Niemand bekommt Pickel von einem Weihnachtsgruß, auch nicht, wer ans Christkind nicht glaubt oder an etwas anderes oder an gar nichts. Weihnachten ist vor allem eins: Ein Wort, das zwei Tage im modernen Kalender bezeichnet.

Aber anders gefragt: Muß man es denn jedem recht machen? Dann dürfte es Weihnachtsansprachen im Fernsehen ebensowenig geben wie Weihnachtsmärkte oder Werbung im öffentlichen Raum, die sich auf den Brauch des weihnachtlichen Geschenkemachens bezieht. Weihnachtsliedbeschallung im Kaufhaus, geschmückte Fußgängerzonen, Christbäume in Ämtern und Bahnhofshallen – all das müßte mit dem gleichen vorauseilenden Gehorsam vermieden werden wie die Bezeichnung „Christmas“ auf Ihrer Karte. Schließlich könnte der Klang von Oh Kinderlein kommet, wenn er vom Karussell durch die Glühweinschwaden dringt, Andersgläubige in ihren religiösen Gefühlen verletzen! Und auch Sie haben es sich ja nicht nehmen lassen, auf der Karte einen geschmückten Baum vor die Kulisse des Hauptgebäudes zu placieren. Wäre da das Wort „Christmas“ statt „Season’s“ oder „Weihnachten“ anstelle von „Festtage“ wirklich so schlimm gewesen?

Da unser Kulturkreis nun mal, ob es uns nun gefällt oder nicht, christlich geprägt ist, feiert man in Köln und anderswo in Europa Ende Dezember Weihnachten. Als nicht mehr wegzudenkender Teil der Populär- und Familienkultur, aber auch mit seinem festen Platz im öffentlichen Leben, in Medien und Kommerz, hat es sich von seinen religiösen Wurzeln emanzipiert und führt schon längst ein derart profanes Eigenleben, daß sich mit dem Wunsch „Frohe Weihnachten“ alle, von Juden über Muslime und Zoroastrier bis zu den Shintoisten und Atheisten und wieder zurück, angesprochen fühlen dürfen. Von den christlichen Ursprüngen ist ja außer Ochs und Esel unterm geschmückten Baum meist nicht viel übrig geblieben. Das ist weder gut noch schlecht. Was auf jeden Fall blieb, ist aber eben die bloße Bezeichnung „Weihnachten“. Das Fest heißt so, ob man nun an den Weihnachtsmann oder an Russels Teekanne glaubt oder an den Messias oder eben an gar nichts: Es ist sein Name.

Ich weiß nicht woran Sie, sehr geehrter Herr Rektor, glauben, und es ist mir auch ganz gleichgültig. Aber ich finde, man darf sich auf das fragliche Fest durchaus mit dem Wort „Weihnachten“ beziehen (auch der gesetzliche Feiertag heißt ja so), ohne sich deshalb schon dem Vorwurf religiöser Parteinahme, mangelnder Feinfühligkeit oder gar Intoleranz ausgesetzt zu sehen. Auch Sie dürfen das. Nennen Sie doch die Dinge einfach beim Namen. Es kann dann immer noch jeder für sich entscheiden, was er darunter verstehen will.

Hochachtungsvoll,

Solminore

Season's Greetings

Greinstraße

2. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie sanfte Akkorde ragen die Bäume auf und strecken die Äste in den Himmel, als träumten sie dem Beginn einer mächtigen Symphonie entgegen. Der Tag dauert und läßt sich Zeit beim dauern. Am späten Nachmittag die Sonne, selbst der Dunst beginnt jetzt zu leuchtet, das Astwerk verraucht in die Stille im Schatten des Uni-Centers.

Schläge von Baustellen erschüttern den Raum, klirren gedämpft durch die Scheiben. Zieht ein Bautrupp ab, trifft morgen ein neuer ein. Immer wird irgendwo Erde aufgebrochen, Leitungen versenkt, Absperrbänder entrollt. Gelbe Helme verschwinden in der Erde, von meinem Beobachtungspunkt aus betrachtet schweben und schwanken sie auf Augenhöhe. Es ist unklar, was da soviel gegraben wird. Aber sie graben. Überall. Mit Ameisenfleiß.

In der Dämmerung Leuchtspuren von Autos. In die Netzhaut gezeichnet, wo sie lange liegenbleiben. Ich denke mir, daß dies einmal die Zukunft war. Ich habe stapelweise alte Briefe durchgesehen, gestaunt über die fremde Hand, die einmal meine gewesen ist. Meine gewesen sein soll. Läßt es sich abstreifen, wie eine müdgewordene Haut. Sie ist müde geworden, diese Haut. Es ist einfach zuviel passiert. Zuviel, um noch einmal naiv zu sein. Zuviel gelebt, um in den Tag zu leben. Zuviel, um noch einmal lieben zu können.

Die Arbeiter graben und graben. Mittags leuchtet Butterbrotpapier in ihren schwarzen Händen. Ein Flachmann wird aufgeschraubt, macht die Runde. Der letzte schüttelt sich den übriggebliebenen Tropfen in den Mund. Jetzt graben sie wieder, die Helme auf Augenhöhe, ihre Schläge zerhacken den Abend. Ein Erdhaufen wächst daneben. Steine, verklumptes Erdreich, Stücke von Rohr, Blechsplitter, zerbrochenes Geschirr. Das Absperrband flattert rotweiß, wie ein Reigen spielender Tierkinder.

Hunde schlendern vorbei und lächeln voller Ernst mit ihren langen leuchtenden Zungen. Es gab sie schon immer. Sie waren da, als ich hier meinen ersten Tag hatte. Sie waren schon vorher da. Sie haben mich gleich erkannt, von früher. Viel früher. Vielleicht haben sie auf mich gewartet. Ich habe ihren schlanken Nacken damals bewundert mit dem schimmernden Fell, das seitwärts Schlenkernde ihres Schritts. Die Unbekümmertheit in ihrem Schnauben. Ich bewundere sie wieder. Ich hatte sie längst vergessen. Es ist unglaublich: Ich bin hier. Und wo soll ich auch sonst sein. Aber es ist unglaublich.

Dann kommt die Dämmerung. Die Nacht saugt das Gebäude leer. Oft habe ich an Fenstern leerer Gebäude gestanden wie ein Nachtwächer. Stimmen auf der Straße, die sich entfernten, nach Alaska, nach Boston, nach Hannover, nach sonstwo. Timbuktu, ich habe sie aufbewahrt, die Stimmen, die herrenlosen Worte, Bemerkungen, Rufe, Gekicher, ihr brauchtet sie ja nicht mehr.

Dies ist sie also, die erwartete, die herbeigeträumte, manchmal gefürchtete. Die spätere Zeit. So fühlt es sich also an, in einem Ausblick eingetroffen zu sein.

Wo bin ich?

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