Dem Rektor der Universität zu Köln

16. Dezember 2011 § 17 Kommentare

Sehr geehrter Herr Rektor,

vielen Dank für den freundlichen Weihnachtsgruß – oder sollte ich sagen: für den Jahreszeitengruß? Ich muß gestehen, daß mich die Wortwahl befremdet. In der dem Bekenntnis nach atheistischen DDR blühten einst recht einfallsreiche Neologismen für zur Sphäre der Religion gehörende Gegenstände und Erscheinungen. Da nun mal Ostern oder Weihnachten nicht aus der Welt zu schaffen waren, wollte man zumindest die Bezeichnungen jeglichen religiösen An- und Beiklangs entkleiden. Gerüchten zufolge soll beispielsweise eine Engelspuppe als „Jahresendzeitflügelfigur“ tituliert worden sein.

Ihre Grußkarte und die Entscheidung, sich um das Wort “Weihnachten“ zu drücken, läßt ein bißchen daran denken.

Meines Erachtens begingen die damaligen Machthaber und begehen nun auch Sie, verehrter Herr Rektor, einen Denkfehler. Nicht „Weihnachten“ zu sagen, ist ein Bekenntnis (das Sie, und dafür habe ich vollstes Verständnis, nicht aussprechen wollen), sondern die Vermeidung des Begriffs ist eines. Warum? Weil auf dem Wege des Verschweigens bzw. durch das Absichtsvolle Ihres Ausweichens die Bedeutung ersichtlich wird, die für Sie das Fest als religiöse Einrichtung hat.

Wem glauben Sie denn, es auf diese Weise recht zu machen? Bekennenden Christen? Die werden sich ärgern, weil für sie die Festtage eben nicht einfach nur Festtage sind und Jahreszeitentage schon gar nicht. Die Bekennenden anderer Religionen? Denen kann ein Gruß, der auf ein Fest Bezug nimmt, das sie nichts angeht, herzlich egal sein. Sie würden also mit echten Weihnachtsgrüßen die einen erfreuen, die anderen aber auch nicht ärgern. Sehen Sie mal, Weihnachten ist ja schließlich kein Allergen, vor dem man warnen muß. Niemand bekommt Pickel von einem Weihnachtsgruß, auch nicht, wer ans Christkind nicht glaubt oder an etwas anderes oder an gar nichts. Weihnachten ist vor allem eins: Ein Wort, das zwei Tage im modernen Kalender bezeichnet.

Aber anders gefragt: Muß man es denn jedem recht machen? Dann dürfte es Weihnachtsansprachen im Fernsehen ebensowenig geben wie Weihnachtsmärkte oder Werbung im öffentlichen Raum, die sich auf den Brauch des weihnachtlichen Geschenkemachens bezieht. Weihnachtsliedbeschallung im Kaufhaus, geschmückte Fußgängerzonen, Christbäume in Ämtern und Bahnhofshallen – all das müßte mit dem gleichen vorauseilenden Gehorsam vermieden werden wie die Bezeichnung „Christmas“ auf Ihrer Karte. Schließlich könnte der Klang von Oh Kinderlein kommet, wenn er vom Karussell durch die Glühweinschwaden dringt, Andersgläubige in ihren religiösen Gefühlen verletzen! Und auch Sie haben es sich ja nicht nehmen lassen, auf der Karte einen geschmückten Baum vor die Kulisse des Hauptgebäudes zu placieren. Wäre da das Wort „Christmas“ statt „Season’s“ oder „Weihnachten“ anstelle von „Festtage“ wirklich so schlimm gewesen?

Da unser Kulturkreis nun mal, ob es uns nun gefällt oder nicht, christlich geprägt ist, feiert man in Köln und anderswo in Europa Ende Dezember Weihnachten. Als nicht mehr wegzudenkender Teil der Populär- und Familienkultur, aber auch mit seinem festen Platz im öffentlichen Leben, in Medien und Kommerz, hat es sich von seinen religiösen Wurzeln emanzipiert und führt schon längst ein derart profanes Eigenleben, daß sich mit dem Wunsch „Frohe Weihnachten“ alle, von Juden über Muslime und Zoroastrier bis zu den Shintoisten und Atheisten und wieder zurück, angesprochen fühlen dürfen. Von den christlichen Ursprüngen ist ja außer Ochs und Esel unterm geschmückten Baum meist nicht viel übrig geblieben. Das ist weder gut noch schlecht. Was auf jeden Fall blieb, ist aber eben die bloße Bezeichnung „Weihnachten“. Das Fest heißt so, ob man nun an den Weihnachtsmann oder an Russels Teekanne glaubt oder an den Messias oder eben an gar nichts: Es ist sein Name.

Ich weiß nicht woran Sie, sehr geehrter Herr Rektor, glauben, und es ist mir auch ganz gleichgültig. Aber ich finde, man darf sich auf das fragliche Fest durchaus mit dem Wort „Weihnachten“ beziehen (auch der gesetzliche Feiertag heißt ja so), ohne sich deshalb schon dem Vorwurf religiöser Parteinahme, mangelnder Feinfühligkeit oder gar Intoleranz ausgesetzt zu sehen. Auch Sie dürfen das. Nennen Sie doch die Dinge einfach beim Namen. Es kann dann immer noch jeder für sich entscheiden, was er darunter verstehen will.

Hochachtungsvoll,

Solminore

Season's Greetings

Greinstraße

2. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie sanfte Akkorde ragen die Bäume auf und strecken die Äste in den Himmel, als träumten sie dem Beginn einer mächtigen Symphonie entgegen. Der Tag dauert und läßt sich Zeit beim dauern. Am späten Nachmittag die Sonne, selbst der Dunst beginnt jetzt zu leuchtet, das Astwerk verraucht in die Stille im Schatten des Uni-Centers.

Schläge von Baustellen erschüttern den Raum, klirren gedämpft durch die Scheiben. Zieht ein Bautrupp ab, trifft morgen ein neuer ein. Immer wird irgendwo Erde aufgebrochen, Leitungen versenkt, Absperrbänder entrollt. Gelbe Helme verschwinden in der Erde, von meinem Beobachtungspunkt aus betrachtet schweben und schwanken sie auf Augenhöhe. Es ist unklar, was da soviel gegraben wird. Aber sie graben. Überall. Mit Ameisenfleiß.

In der Dämmerung Leuchtspuren von Autos. In die Netzhaut gezeichnet, wo sie lange liegenbleiben. Ich denke mir, daß dies einmal die Zukunft war. Ich habe stapelweise alte Briefe durchgesehen, gestaunt über die fremde Hand, die einmal meine gewesen ist. Meine gewesen sein soll. Läßt es sich abstreifen, wie eine müdgewordene Haut. Sie ist müde geworden, diese Haut. Es ist einfach zuviel passiert. Zuviel, um noch einmal naiv zu sein. Zuviel gelebt, um in den Tag zu leben. Zuviel, um noch einmal lieben zu können.

Die Arbeiter graben und graben. Mittags leuchtet Butterbrotpapier in ihren schwarzen Händen. Ein Flachmann wird aufgeschraubt, macht die Runde. Der letzte schüttelt sich den übriggebliebenen Tropfen in den Mund. Jetzt graben sie wieder, die Helme auf Augenhöhe, ihre Schläge zerhacken den Abend. Ein Erdhaufen wächst daneben. Steine, verklumptes Erdreich, Stücke von Rohr, Blechsplitter, zerbrochenes Geschirr. Das Absperrband flattert rotweiß, wie ein Reigen spielender Tierkinder.

Hunde schlendern vorbei und lächeln voller Ernst mit ihren langen leuchtenden Zungen. Es gab sie schon immer. Sie waren da, als ich hier meinen ersten Tag hatte. Sie waren schon vorher da. Sie haben mich gleich erkannt, von früher. Viel früher. Vielleicht haben sie auf mich gewartet. Ich habe ihren schlanken Nacken damals bewundert mit dem schimmernden Fell, das seitwärts Schlenkernde ihres Schritts. Die Unbekümmertheit in ihrem Schnauben. Ich bewundere sie wieder. Ich hatte sie längst vergessen. Es ist unglaublich: Ich bin hier. Und wo soll ich auch sonst sein. Aber es ist unglaublich.

Dann kommt die Dämmerung. Die Nacht saugt das Gebäude leer. Oft habe ich an Fenstern leerer Gebäude gestanden wie ein Nachtwächer. Stimmen auf der Straße, die sich entfernten, nach Alaska, nach Boston, nach Hannover, nach sonstwo. Timbuktu, ich habe sie aufbewahrt, die Stimmen, die herrenlosen Worte, Bemerkungen, Rufe, Gekicher, ihr brauchtet sie ja nicht mehr.

Dies ist sie also, die erwartete, die herbeigeträumte, manchmal gefürchtete. Die spätere Zeit. So fühlt es sich also an, in einem Ausblick eingetroffen zu sein.

Kletterbäume

9. Dezember 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Was wir unseren Kindern an Lieblosigkeit, Zeitmangel, Angst und Druck zumuten, das wird, denke ich, später mal auf uns zurückfallen, das kommt wieder, mittles jener Welt nämlich, die die von uns so Behandelten dann über uns verhängt haben werden, weil sie so geworden sind, wie wir sie in unserem marktrelevanten Denken geformt haben. Und wehe uns, wenn dann die Kriterien der Marktrelevanz auf uns angewendet werden – von denen, denen wir diese Denke eingetrichtern haben, als sie klein waren.

Ich empfinde eine tiefe Trauer darüber, was heutigen Kindern im Vergleich mit unserer eigenen Kindheit fehlt und stattdessen zugemutet wird; eine Trauer darüber, daß eine Kindheit, wie wir sie hatten, heute nicht mehr möglich ist. Was haben heutige Kinder, was uns fehlte? Das Internet, na ja.

Die Trauer über solchen Verlust paart sich mit einer heißen Wut auf jene, die mit allen möglichen Überlegungen, Maßnahmen, Entscheidungen, vorgeblich ganz im Dienst ihrer Kinder, genau diesen Verlust herbeigeführt haben. Entweder wollen diese Leute in Wahrheit gar nicht das Beste für ihre Kinder, oder unsere Vorstellungen darüber, was für Kinder das Beste ist, decken sich nicht ganz, um es vorsichtig zu formulieren. Man meint es vielleicht gut, aber was für eine Haltung zum Leben, welche Auffassung von Erziehung, ja was für eine Art von Beziehung zum eigenen Kind spricht aus einer Phrase wie „Kinder fit für den Markt machen“? So sportlich hat sich allen Ernstes mein Bruder in seiner Diplomarbeit ausgedrückt (und sich von mir einen dicken Rotstriftstrich dafür eingehandelt!). Ich weiß nicht, ob ihm klar war, was er da geschrieben hat. Mir bleibt bei so etwas die Spucke weg. Ich bin ein Idealist. Ich habe ganz bestimmte Vorstellung davon, wie ein gutes Leben aussieht und welche Rahmenbedingungen dafür nötig sind. Ob das realistisch ist oder auch nur von irgend einem anderen Menschen geteilt wird, ob es andere Menschen und ihre Bedürfnisse überhaupt einbezieht, spielt für meine Ansichten gar keine Rolle. Ich halte eine Kindheit, die zum größten Teil draußen stattfindet, im Wald, auf Wiesen, in Gärten, ohne Verkehr, ohne technisches Spielzeug, am besten ohne Fernseher, für das beste. Und werde fürchterlich kiebig, wenn mir jemand mit Realismus kommt. Realismus ist was für Leute, die aufgegeben haben.

Wir leben paradoxerweise in einer Gesellschaft, die sich zwar ständig Gedanken um ihre Kinder und ihr Wohlergehen macht – dabei aber zutiefst kinderfeindlich ist. Über Kindererziehung gibt es stapelweise Literatur. In Talkshows wird über sie gesprochen. In Zeitungsartikeln wird sie problemastisiert. An Universitäten diskutiert. Eltern belegen darin Kurse. Und im Fernsehen treten Supernannys auf und verbreiten die frohe Botschaft sachkundiger Padagogik. Über Erziehung wird gestritten und debattiert wie über kaum ein andres Thema. An Ideen und Gedanken herrscht kein Mangel. Woran Mangel herrscht: Kletterbäume, Wiesenränder, Bachläufe, Gärten. Worauf es ankäme: ein Iglu bauen, Himmel-und-Hölle-spielen, einen Bach aufstauen, sich auf eine Wiese legen, Tiere sehen. Macht sich eigentlich irgend jemand Gedanken, was Kinder wollen? Nicht, was gut für ihre Zukunft und die Gesellschaft ist, sondern was Kinder sich wünschen? Zum Beispiel Fußball spielen. Nicht in einem Verein, nicht beaufsichtigt von Trainern und Leistungsdiagnostikern und Sportpädagogen, nicht zur Föderung der Motorik und des Teamgeistes, nein. Nein, wild: einfach so, spontan, ungeplant, ausgelassen und auf der Straße.

Man sieht überhaupt keine spielenden Kinder mehr auf der Straße. Als ich jung war, hallte unsere Straße nachmittagelang wieder von Stimmen, Rollschuhen, Hockeyschlägern oder Holzschwertern. Das gibt es nicht mehr. Entweder es ist viel zu gefährlich. Oder die Kinder sind dabei zu laut. Oder es gibt zu viel Verkehr. Oder es gibt zuwenig – andere Kinder … Statt dessen sind Kinder heute in drei Sportvereinen gleichzeitig, nehmen am Malkurs teil und lernen Klavier und Fagott und Buchhaltung und Blindtippen, und müssen schon mit acht Jahren einen kleinen Terminkalender mit sich herumtragen. Oder besser gleich einen PDA. Wenn man mich fragt, gibt es zuviel Literatur über Kindererziehung, zuviel pädagogisch wertvolle Spielplätze und viel zu wenig echte Kletterbäume.

Und oft denke ich: Eine Welt nach den Bedürfnissen und Wünschen von Kindern wäre für uns alle eine bessere Welt. Wir brauchen alle weniger Autos und mehr Kletterbäume.

Den Becher zum Grund

7. Dezember 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Daß der Becher immer bis zur Neige geleert werden muß, ich halte das für eins der größeren Hemnisse eines besseren Lebens. Der Verlust an Spielräumen umfaßt weit mehr als nur die Plünderung von endlichen Ressourcen, hat nicht allein ökologische Relevanz. Es ist ein Verhaltensmuster, das überall begegnet und neben materiellen Ausbeutungsverlusten auch einen inneren Verlust bedeutet: Den Verlust der Gelassenheit.

Jede neue Technologie stößt einen Handlungsraum auf, der stets bis in den letzten Winkel besetzt werden muß. Es genügt nicht, das Mobiltelephon bei Panne, Unfall und Gefahr zu benutzen, sondern die Möglichkeiten der allverfügbaren Kommunikation werden sämtlich geprüft und realisiert, von der Last-Minute-Verabredung bis zum Bussi vom Gipfel des Everest.

Wenn es doch schonmal da ist.

Und genau darum geht es. Es ist die ausbeuterische, versäumnispanische Mentalität des Wenn-es-doch-schonmal-da-Ist, die Spielräume, Reserven, Freistunden vernichtet und damit genau das unmöglich macht, was uns doch scheinbar so sehr am Herzen liegt: Das selbstbestimmte Handeln.

Oder ist es ein Zeichen von Eigenverfaßtheit, wenn ich ausnahmslos jede Möglichkeit einer Technologie nutze? Handele ich selbstbestimmt, wenn ich, statt alles einmal ruhen zu lassen, immer an die Grenzen gehe und mir selbst keine anderen auferlege, als die Technik sie mir zieht? Handele ich selbstbestimmt, wenn ich die Technik die Grenzen meiner Möglichkeiten bestimmen lasse? Handele ich selbstbestimmt, wenn ich auf einer Wanderung im schottischen Hochland nachts im Zelt liegend mobil nach Hause telephoniere? Oder unterwerfe ich mich da einem Zwang zum Tellerleeressen, zum Ausschöpfen aller Möglichkeiten?

Es mag harmlos sein, aber man darf vermuten, daß die Folgen solchen Ausschöpfens weiter reichen, als die Stille des schottischen Hochlands zu stören. Es gibt beispielsweise keine Straßen mehr, die ein lediglich latenten Bedürfnis, zwei Orte miteinander zu verbinden, befriedigt: Wo heute eine Straße ist, wird auch gefahren, und zwar ständig, als gäbe es den Zwang, dieses Streifchen Asphalt schon allein deshalb zu benutzen, weil es da ist. Das bedeutet nicht nur unmittelbar Lärm, Gestank und Aufmerksamkeitsforderung (durch die Gefahr, die von jedem rollenden Fahrzeug ausgeht); es bedeutet auch, daß die Straße als Lebensraum und Öffentlichkeit nicht mehr genutzt werden kann, weil ständig Verkehr herrscht. Es bedeutet, daß keine Kinder auf der Straße spielen. Und weil die Benutzung von Straßen den Bau weiterer Straßen nach sich zieht, bedeutet es eine allmähliche Verstraßung von Landschaft mit allen nervtötenden Folgen. Der Zwang zum Ausschöpfen beginnt im Kleinen und setzt sich im Großen fort. Gewinne zu machen ist schön. Aber es reicht nicht. Es muß nicht nur gewonnen werden, es muß so viel wie möglich gewonnen werden. Man nennt das Gewinnmaximierung. Die ihr zugrunde liegende Mentalität beginnt mit der Ruftaste des Mobiltelephons. Eine ausgefallene Verabredung muß sofort durch etwas anderes ersetzt werden. Und da das Mobiltelephon schnmal da ist, da könnte man doch …

Der Säufer muß den letzten Schluck aus der Flasche nehmen, auch wenn’s längst nicht mehr schmeckt. Und so ist es mit allem. Das Mobiltelephon ist immer mit dabei, es könnte ja was dazwischenkommen. Mit dem Auto erreicht man nicht schneller und bequemer zu Fuß erreichbarer Ziele, sondern der Radius des Erreichbaren wächst. Mit dem Auto kommt man schneller an Ziele, an die man vorher gar nicht gedacht hätte. Das Vorhandene wird nicht vereinfacht, sondern es nimmt zu, bis die Grenzen abermals erreicht sind. Brauchte ich eine Stunde mit dem Fahrrad, brauche ich jetzt immer noch eine Stunde, das Ziel ist aber dreimal so weit weg.

Immer an den Grenzen des Machbaren, ob es wünschenswert ist oder nicht: Wenn die Verfertigung eines Geschäftsbriefes statt früher eine halbe Stunde heute dank EDV-Anlage nur noch fünf Minuten benötigt, dann würde ein wahrer Zugewinn für Leben und Wohlbefinden darin liegen, die eingesparten fünfundzwanzig Minuten für die Lektüre eines guten Buches zu verwenden, oder sie bei einem gemütlichen Kaffee ganz gelassen zu verschwenden. Nicht zur Erhaltung der Arbeitskraft, nicht zum chillen oder networken, sondern einfach nur, um einen Kaffee zu trinken und sich zu freuen, daß das Leben schön ist. Das ist überhaupt etwas, das wir verlernt haben: Zeit zu verschwenden. Stattdessen schreiben wir in den gesparten fünfundzwanzig Minuten lieber sechs Briefe, haben nichts gespart und glauben auch noch, wir hätten einen gewaltigen Fortschritt gemacht. Umgekehrt bedeutet das zwanghafte Ausschöpfen des Möglichen eine Vervielfachung von Arbeitszeit. Weil es die Möglichkeiten gibt, müssen sie auch genutzt werden: Da ist es dann nicht mehr genug, einfach einen Brief zu schreiben, wie man ihn früher mit der Maschine geschrieben hat. Neue Technologie will eben ausgeschöpft sein, also müssen Fragen wie Schriftgröße, Schriftschnitt, Zeilenabstand, Einrückungen und weiß der Setzer nicht alles berücksichtigt werden, ehe man den ersten Buchstaben schreibt. Wer heute einen Geschäftsbrief schreiben will, braucht eine halbe Typographenausbildung. Nicht weil es komplizierter geworden wäre, einen Brief zu schreiben, das gerade nicht: Es ist einfacher geworden. Aber man man es sich nicht so einfach, wie es geworden ist. Sondern so kompliziert, wie es ein Ausreizen aller Möglichkeiten erfordert. Die Flasche will gelehrt sein, auch wenn’s nicht schmeckt.

Die besten Energiesparkonzepte bringen leider gar nichts, wenn man den Verbrauch anschließend so weit erhöht, wie er vor Einführung der Sparmaßnahme lag. Man läßt die Lampe länger brennen, weil man es sich leisten zu können glaubt. Es ist ja schließlich eine Energiesparlampe. Man fährt mehr und schneller Auto seit man einen geregelten Drei-Wege-Kat im 3-Liter-Wagen hat. Und dank Wärmedämmung hat man es jetzt bei 23 Grad Raumtemeperatur viel behaglicher als bei den gewohnten 20 Grad im unsanierten Altbau. Der Kühlschrank ist ein Energiespargerät, da drehe ich ihn doch gleich mal höher. Und mit der modernen Waschmaschine leiste ich mir vier Wäschen pro Woche, statt zu warten, bis die Trommel voll ist. Dummerweise funktioniert Energiesparen so nicht.

Ein Auto oder einen Computer für viel Geld erstanden zu haben, scheint für manche Leute absurde Folgen zu haben. Zur Mentalität des Wenn-es-schonmal-da-Ist kommt noch eine Logik hinzu, nach der ein teures Gerät möglichst oft benutzt werden muß, damit sich seine Anschaffung auch gelohnt habe. In einer schrecklichen Verdrehung von Ursache und Wirkung schafft so der Gegenstand seine eigenen Bedürfnisse, statt daß die Bedürfnisse zuvor nach dem Gegenstand verlangt hätten. Man geht täglich ins Schwimmbad, nicht, weil man es möchte, sondern damit sich die Jahreskarte lohne. Nicht, ob sich das Auto bei den bestehenden Bedürfnissen und Gewohnheiten lohnt, fragt man sich, sondern man schafft es an und fährt danach herum, als gelte es das Leben.

Was wäre selbstbestimmt? Das Auto stehenlassen, einmal schweigen statt reden, Zeit verschwenden, zu Fuß gehen, einen Termin versäumen. Kaffee trinken, ein Schwätzchen halten und sich freuen, daß man auf einem Planeten lebt, auf dem es Schokolade gibt. Verzichten; und dabei gewinnen. Gewinnen an Ruhe, an Gelassenheit, an Selbstbestimmung. Selbstbestimmt die Technik nutzen, das wäre: Mindestens die Prüfung der eigenen Bedürfnisse. Dann, das Erworbene in den Dienst dieser Bedürfnisse zu stellen. Und alles weitere gelassen zu ignorieren.

Im Zug

27. Oktober 2010 § 4 Kommentare

„Setzen Sie sich doch woandershin, wenn Sie mein Telephonieren stört.“
Schon in der bloßen Tatsache seines Geäußertwerdens Entrüstung hervorrufend, ist dieser Satz erst recht dann eine Unverschämtheit, wenn man vermuten muß, daß der, der ihn äußert, in totaler Verkennung sowohl der Regeln gepflegten Miteinanders als auch der Bedürfnisse und Empfindlichkeiten der Mitmenschen ihn tatsächlich auch so meint – und sich darüber im Recht wähnt, einem absonderlichen Recht, stören zu dürfen, wen und wann immer man will.
„Setzen Sie sich doch woanders hin.“ Das dreht alles auf den Kopf, was man über das subtile Arrangement, das Menschen miteinander treffen, um die aufgezwungene Nähe zueinander im öffentlichen Raum einigermaßen erträglich zu halten, aufzuzählen nur imstande wäre: Nämlich jenes Arrangement, das man Rücksichtnahme nennt, und zu dessen Grundsätzen eben auch zählt, was man als das Verursacherprinzip bezeichnen könnte: Nicht, wer sich gestört fühlt, trägt die Verantwortung für die Spannung einer Situation, sondern derjenige, der bereit ist, andere zu stören, und sei es auch nur unwissentlich.
„Setzen Sie sich doch woanders hin“ bedeutet: Es ist mir egal, daß Sie sich gestört fühlen. Sehen Sie zu, wie Sie damit fertig werden, daß ich Sie störe. Wenn es Sie stört, dann deshalb, weil Sie sich gestört fühlen. Folglich ist das Ihr Problem, nicht meines.
Möglicherweise fällt dann auch noch der im Zuge der Nichtraucherdebatte bekannt gewordene zynische Satz: „Es stört mich ja auch nicht, wenn Sie schweigen“. Und das ist dann die endgültige Absage an jede Form zivilisierten Umgangs. Es ist zynisch, falsch und unverschämt und mißachtet wissentlich und in vollem Bewußtsein der eigenen Frechheit, daß eine Ursache und das Fehlen einer Ursache keinesfalls äquivalent sind. Man kann sich nicht von einem Nichtsein gestört fühlen. Es sind viel mehr Dinge nicht, als daß Dinge sind. Darunter müßte es, der frechen Logik der unbeirrten Störer zufolge, ja unzählige Dinge geben, die durch ihre Abwesenheit stören. Welche mögen dies sein? Wer so auftritt, so in völliger Überzeugung der eigenen Unangreifbarkeit, hat jede Einsicht in Argument und Arrangement abgelegt. Schlimm genug, wenn einer in solcher Situation sich noch auf irgend ein Recht glaubt berufen zu können (als ginge es hier um Recht! Oder als bedürfe auch noch der letzte zwischenmenschliche Umgang einer behördlichen oder richterlichen Regelung) und sogleich lautstark anfängt zu krähen, er dürfe aber hier stören. Wer solcherart kräht, der verkennt, daß nicht alles, was man darf, auch jederzeit eine gute Idee ist. Auch der, der gestört wird, kann sich ja auf kein Recht berufen. Wenn er überhaupt wagt, den Mund aufzumachen, dann nur in Form eines Appells: Nämlich an die rücksichtnehmende Einsicht seiner Zeitgenossen, die ihrerseits vielleicht auch einmal auf ein solches Gewähren und Nachgeben angewiesen sein werden.
Nun läßt sich natürlich die Situation auch von der Warte des Telephonierers deuten und sein Beharren als Appell auffassen, nämlich an die wohlmeindende Rücksicht der anderen Fahrgäste, die ihrerseits vielleicht auch einmal in die Lage geraten werden, ein Gespräch führen (und damit andere stören) zu müssen oder zu wollen. Es ist wie beim Autofahren: Lärm, Gestank, Behinderung, Gefahr, Zupflasterung und Zerschneidung der Landschaft – alles das wird stillschweigend toleriert, weil (aber nur solange!) eine große Mehrheit der Menschen selbst Auto fahren will, und damit die Nachteile, weil sie sie selbst mit verursacht, in Kauf zu nehmen bereit ist. Schwierig wird es nur für diejenigen, die den Vorteil (Autofahren, Telephonieren) nicht nutzen – denn ihnen wird trotzdem ihr voller Anteil an den Nachteilen (Lärm, Gestank, die Unruhe fremder Gespräche) zugemutet.
Dies war nun schon das zweite Mal innerhalb von vierzehn Tagen, daß mir dieses Erwiderungsmuster („Gehen Sie doch woanders hin!“) begegnet. Wer dann woanders hingegangen ist, war weder die Telephoniererin noch die Beschwerdeführerin, sondern ich. Auseinandersetzungen dieser Art ertrage ich nicht einmal als Zeuge.

Hello Wihn

14. Oktober 2010 § 5 Kommentare

In der Folge eines Eintrags bei Schreibman habe ich mich gefragt, ob es wohl auch irgendwo einen Aufkleber für halloweenfreie Zonen gibt. Ich finde, der Zirkus hat beängstigende Ausmaße angenommen. Habe neulich einem Schulkind eine Geschichte vorgelesen, in der Halloween in der Schule für eine Themenwoche taugte. Das ganze war so dargestellt, als wär’s von je ein deutsches Volksfest und müßte nicht erst erklärt werden, was es damit eigentlich auf sich hat.
Für die Kleinen bedeutet das ja, daß es nie anders war. Erschreckend. Kurz fragte mich, ob sie nicht wenigstens die Schreibung seltsam finden. Dann fiel mir ein, daß heute Englisch ja schon in der Grundschule unterrichtet wird (nichts gegen frühes Fremdsprachenlernen; aber man könnte auch gut Französisch oder Polnisch nehmen, schließlich sind das unsere Nachbarn, oder Türkisch, das wäre pragmatisch sinnvoller), und daß da ein weiteres merkwürdig geschriebenes Wort nicht weiter auffällt. Was aber denken sich Autoren, Lektoren und Verlage dabei, wenn sie so einen Mist schreiben? Womöglich, könnte man denken, soll hier der künftige Bürger schon einmal auf die kulturelle Hegemonie der USA eingestimmt werden. Wenn Kindern Halloween schon als völlig normal dargestellt und nicht im mindesten hinterfragt wird, glauben die noch tatsächlich, daß das hier schon immer so üblich war, sich das Gesicht anzuschwärzen und mit allerlei Pseudogrusel angetan um Süßigkeiten (oder, schlimmer, gleich um Geld) zu betteln.
Am Ende feiern wir alle noch Thanksgiving. Oder warum begehen wir nicht gleich den Unabhängigkeitstag? Ist doch egal, wer da von wem unabhängig wurde, Hauptsache, es gibt was zum saufen.
Bei uns gibt es das Märtensingen und die Sternsinger, und die gehören in Kindergeschichten, nicht irgendeine importierte, absurde Möchtegernfolklore.

Keine Stille, nirgends

13. Oktober 2010 § Ein Kommentar

Selbst wenn man sie einmal gefunden hätte, die Oase der Stille: Es wäre nichts gewonnen außer einer tagfürtäglichen Ruhe, einer Ruhe, die nur vorläufig ist, nicht einmal von Tag zu Tag, sondern sogar von Stunde zu Stunde, ja von Augenblick zu Augenblick, eine Ruhe ohne Be-ruhig-ung, denn Sicherheit gibt’s keine. Selbst nach Jahren kann das Geräuschgrauen wieder zuschlagen, nichts bleibt ja in dieser Welt, die sich blindlings allem neuen, und sei es noch so bescheuert, in die Arme wirft, nichts bleibt ja, wie’s einmal gewesen ist, nicht einmal das Treffliche, nicht einmal das, womit man hatte leidlich leben können.
Abgelegene Orte geraten in den Sog der sogenannten Zivilisation, strukturschwache Gegenden wollen leider nichts lieber als strukturstark werden, was im allgemeinen nicht ohne Geräusche abgeht; öde Landstriche werden plötzlich von Ökotouristen entdeckt und von Outdoorsportlern heimgesucht, die meinen, draußen zu Hause zu sein. Findige Billigfluganbieter greifen auf Flughäfen auf der grünen Wiese zurück, weil billiger, was den Fluglärm auf der grünen Wiese nicht unbedingt mindert. Umgehungsstraßen machen ihrem Namen Ehr’ und umgehen, leider nicht die Wildnis, sondern die Ballungsgebiete, die man hinsichtlich von Lärm und Krach sowieso nicht retten kann: Warum also, bitteschön, auch noch die Wildnis beschallen? Da baust du dir dein Haus weitab jeder motorisierter Zumutung, nur um nach zwei paradiesischen Jahren herauszufinden, daß eine neue Autobahn geplant ist, deren Trasse zweihundert Meter hinter deinen Apfelbäumchen verlaufen wird. Stille hört sich anders an.
Oder auch: Ruhige Mieter ziehen aus, weniger ruhige Mieter ziehen nach; nebenan wohnt plötzlich jemand, der Schlagzeug übt, während unter dir die stille Handarbeitslehrerin eines Tages beschließt, sich das Violoncellospiel anzueignen. Selbst für einen Liebhaber des Cellospiels sind die ersten Gehversuche eines Anfängers auf einem Streichinstrument meist kein reiner Hörgenuß.
Und noch weniger zu vermeiden: Die Natur des Lebens selbst. Irgendwann sind aus den liebreizenden Nachbarskindern nicht mehr ganz so liebreizende Teenagergören geworden, die ihrerseits den Liebreiz von Geräuschen entdecken, die du nie im Leben als Musik bezeichnet hättest. „Zimmerlautstärke ist, wenn ich drüben nichts mehr höre“, denkst du dir, fassungslos, daß das andere anders sehen.
Von Wohnung zu Wohnung, von Haus zu Haus: Schlagzeuger gegen Heavy-Metal-Fan eingetauscht. Von der Stadt aufs Dorf, Autoverkehr gegen Schützenvereinrumtata gehandelt. Vom Dorf aufs Land, Traktoren und Kreissägen statt Schützenvereinrumtata. Wohnwagen im Wald: Sonntags die Ausflügler. Nein, es gibt kein Entkommen. Und jeder Raum der Stille ist nur von Augenblick zu Augenblick still. Jederzeit kann der Krach losschlagen, überall. Es gibt keine Anti-Lärm-Lobby. Es gibt Nichtrauchergesetze, aber keine Anti-Lärm-Gesetze. Würde man über die schalldichte Isolierung von Wohnraum genauso intensiv nachdenken wie über Wärmedämmung oder neue Straßen für noch mehr Autos, könnten wir wenigstens auf eine bessere Zukunft hoffen. Aber wo kein Problem ist, da wird auch nicht über Lösungen diskutiert. „Sie stören mich mit Ihrem Schweigen ja auch nicht.“ Und so sind wir, die Lärmkranken, die Geräusch-kann-tödlich-sein-Fraktion, überall heimatlos, Vertriebene, Nomaden auf der Flucht vor dem Lärm der Zeitgenossen wie vor unserem eigenen Gehör.

Sub omni canone

30. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Manchmal kann man den Eindruck bekommen, daß die Spannweite des Niveaus kultureller Aktivität (kulturell im allerweitestmöglichen Sinne) in diesem Lande sich vergrößert hat. Freilich nicht, weil das Niveau am oberen Ende der Skala gestiegen wäre.
Unwillkürlich frage ich mich, ob kultureller Ausstoß beliebig schlecht oder beliebig exzellent werden kann; ob sich also eine untere Grenze, eine Art Nullniveau (sinnfreies Geplapper, Gestammel oder Gewinsel, ich verweise hier auf Texte wie „Wadde hadde dudde“ und ähnliche Höhenflüge menschlichen Geistes) definieren läßt, darunter keine Leistung je sinken kann, um noch als menschlicher Absicht verschuldet zu erscheinen; bezeihungsweise ob es in anderer Richtung, ungeachtet des Begriffs, der auf das Überragen und Übersteigen (ex-cello) abzielt, eine höchste erreichbare Exzellenz gibt. Oder vielleicht so etwas wie eine obere künstlerisch-kognitive Schranke, bis zu der sich weitere Steigerungen der Qualität und Komplexität nur noch infinitesimal annähern können, oberhalb derer aber Bereiche liegen, die dem menschlichen Geist nicht mehr erschließbar sind – und also auch gar nicht von Menschen gedacht und geschaffen werden können.
Vielleicht ist eine untere Grenze leichter denkbar; denn gänzliches Fehlen von Sinn scheint leicht vorstellbar, wenn nicht als konstatierbarer Zustand mancherorts bereits erreicht. Was aber wäre das genaue Gegenteil oder der Gegenpol von Sinnlosigkeit?

Archaeum aus dem Genus Sulfolobus: Vielleicht geht es nicht einfacher

Man sollte in diesem Zusammenhang auf ein Buch von Stephen J. Gould verweisen, das eine interessante statistische Überlegung zu Erklärung der Komplexität lebender Systeme bietet. Komplexität ist unter dieser Betrachtung nur ein statistischer „Ausreißer“. Da Organismen nicht beliebig einfach sein können, weil sie sonst eins oder mehrere der Kriterien für Leben nicht erfüllen könnten; es mithin ein Untergrenze für die Komplexität gibt, kann es in der Evolution von Organismen immer nur die Bewegung hin zu mehr Komplexität geben. Nach Stoffwechselart, Lebensraum, Genetik aber auch nach Anzahl von Arten und Individuen ist der Grundtyp des Lebens auf diesem Planeten immer noch das einzellige Bakterium oder Archaeum. Komplexität in Gestalt mehrzelliger Organismen, vom Schleimpilz bis zum Homo sapiens, ist eine eher merkwürdige und seltene Abweichung. Zu erwarten ist diese Abweichung, weil nur für den Aufbau von Komplexität evolutionäre Wege offenstehen; nach unten gibt es eine Schranke, unterhalb derer man nicht mehr von Leben sprechen kann.
Man mag sich nun trefflich fragen, was das kulturelle Äquivalent eines Bakteriums sein könnte.


Songtext: Vielleicht geht es nicht einfacher

Fortschrittslärm

3. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Als lärmempfindlicher Mensch, der von modernen Formen der Lärmheimsuchung gequält wird, wie sie in Gestalt von Autoradios, tragbaren Audiogeräten jeder Art, von Telephongeklingel und -gequatsche auftreten, aber auch von nicht mehr so neuartigen Geräuschquellen wie automobilen Fahrzeugen und Fluggeräten aller Art ausgehen, muß man sich früher oder später die Frage stellen: Wie war es früher? War es früher leiser? War die Lärmbelästigung vor der Erfindung des MP3-Spielers und des Automobils geringer – oder sind diese neuartigen Lärmquellen nur an die Stelle früherer, mittlerweile vergessener Geräuschursachen getreten?

Leicht fallen einem da zahlreiche, glücklicherweise verschwundenen Ärgernisse ein. Noch in den frühen achtziger Jahren gehörten junge Männer, die mit einem auf volle Lautstärke gedrehten Tonbandgerät auf der Schulter durch die Einkaufszone stolzierten, zum alltäglichen Bild deutscher Innenstädte. Sie sind ebenso verschwunden wie die Skateboarder, die, wo man nur fahren konnte (und oft auch, wo man es nicht konnte), auf ihren Brettern alle möglichen und unmöglichen Fahrkunststückchen ausprobierten (da man dazu mehr als nur manchmal abspringen muß, macht das, wie jeder jenseits eines bestimmten Alters weiß, ein gewisses Geräusch). Zweimal im Jahr Probealarm, mehrmals wöchentlich militärische Tiefflieger, auch das gibt es gottlob nicht mehr.

Steigt man weiter zurück in die Vergangenheit, verschwinden immer mehr Geräusche – und neue kommen hinzu. Die Pferdekutschen wurden durch Automobile abgelöst, waren aber sicher ebenso laut, wenn nicht lauter. Ältere Automobile machten viel mehr Lärm als moderne, deren Motoren kaum mehr als leise brummen. Dafür gibt es ihrer aber auch hundertmal so viele. Dampfeisenbahnen dürften auch eine höhere Lautstärke erzielt haben als moderne Züge; auch sie fuhren aber seltener. Von dampfbetriebenem ÖPNV im Viertelstundentakt konnte jedenfalls damals keine Rede sein. Dafür war die elektrische Straßenbahn, mehr noch die Untergrundbahn dort, wo sie eingeführt wurde, in Termini der Lärmbelästigung eine enorme Erleichterung. Je nachdem, wo man wohnte, dürften empfindliche Ohren also in früheren Zeiten kaum weniger unter Lärm gelitten haben als heute. Das Lärmbewußtsein war darüber hinaus ein anderes; was noch als zumutbar oder gar als normal galt, dürfte nach heutigem Maßstab vielleicht nicht mehr durchgehen. Regeln wie die Mittagsruhe sind eine moderne Errungenschaft (die de facto leider als wieder abgeschafft gelten muß). Dafür war aber die Qualität des Lärms von heutigen Geräuschen deutlich verschieden. Mag sein, daß Pferdefuhrwerke es auf den gleichen Dezibelwert schaffen wie Autos; dennoch ist das Geräusch natürlicher und, möchte man vermuten, leichter zu ertragen. Wellengebraus oder Wasserfälle, obgleich ziemlich laut, zählen auch nicht zu den Geräuschen, an denen die Menschheit leidet, im Gegenteil. Naturgeräusche, auch durchaus kräftige, werden im Allgemeinen als weniger störend empfunden als technische. Angeblich haben Regengeräusche, Wellenschlagen und Meeresbrandung sogar eine heilsame Wirkung. Dessenungeachtet soll Immanuel Kant, von ständigem Krähen genervt, den Hahn eines Nachbarn kurzerhand in den Suppentopf befördert haben. Und manch einer empfindet es vielleicht als Fortschritt, Autolärm statt das Geschrei spielender Kinder ertragen zu müssen. Die Geschmäcker sind wohl nicht nur bei Musik verschieden. Auch dort gilt ja bekanntlich, daß „sie oft nicht schön empfunden/wenn sie mit Geräusch verbunden.“

Asymmetrien, Zirkelschlüsse und der Bechdel-Test

26. August 2010 § 3 Kommentare

Vor einigen Jahren war ich mal in eine unschöne Diskussion verstrickt. Es ging dabei um die Frage, ob die Aussagen:

„Hinter jedem mächtigen Mann steht eine noch mächtigere Frau“

und

„Hinter jeder mächtigen Frau steht ein noch mächtigerer Mann“

nach Aussage und Bewertung symmetrisch seien oder nicht. Meine Ansicht war, natürlich sind sie symmetrisch. Die Ansicht des Diskussionsgegners: Beide Aussagen sind frauenfeindlich!

Es verhält sich mit dieser Behauptung ebenso wie mit zahllosen anderen Fällen, wo einer Handlung, einem Gegenstand, einer Aussage Frauenfeindlichkeit unterstellt wird. Da räkelt sich ein sechsjähriges Mädchen auf einem Werbeplakat für (Kinder-)Herbstmode: Das ist natürlich Sexistisch und obendrein auch noch Kinderpornographie. Da macht jemand einen Witz, in dem eine Fellatio erwähnt wird: Frauenfeindlich! Jemand spricht nur von Professoren, nicht aber von Professorinnen: Diskriminierend! Allen diesen und ähnlichen Fällen ist gemeinsam, daß sie durch Verweis auf eventuell bestehende Symmetrien oder Balancen nicht widerlegt werden können. Räkelt sich auf einem anderen Plakat anstelle des Mädchens ein Junge, ist es erstens immer noch Kinderpornographie (wahrscheinlich muß man Erwachsene in Kinderklamotten stecken, wenn man Werbung für Kindermode machen will), zweitens aber bleibt der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit bei der Abbildung des Mädchens bestehen. Warum? Weil Frauen nunmal diskriminiert werden, Männer nicht. Der Hinweis, es gebe auch Witze über den Cunnilingus verfängt ebensowenig. Beides, Witze über Fellatio wie solche über Cunnilingus, sind, man ahnt es, frauendfeindlich. Warum? Weil Frauen diskriminiert werden, Männer nicht. Und schließlich ist der Einspruch, man müßte, wenn man schon Gleichberechtigung wolle, dann ja außer den Professorinnen und Richterinnen und Politikerinnen auch immer Pennerinnen, Mörderinnen und Alkoholikerinnen explizit nennen, nicht gerechtfertigt, weil, wir wissen es schon, Frauen benachteiligt werden. Zu dem Einwand, es heiße ja auch invariabel die Kraft, etwa in Führungskraft, Fachkraft, Spitzenkraft, ganz zu schweigen von der Person, die immer weiblich sei, kommen wir schon gar nicht mehr. Nein: Es ist ausgemacht: Frauen werden benachteiligt, Männer nicht. Und deswegen ist der vorliegende Fall, äußerliche Symmetrie hin oder her, doch wieder eine Instanz der Diskriminierung, Benachteiligung, Falschdarstellung etc von Frauen. Dann nützt auch der Hinweis nichts mehr, es gebe ja nicht nur Blondinenwitze, sondern auch Mantafahrerwitze. Es ist zu vermuten, daß selbst Fußballerwitze frauenfeindlich sind.

Das Problem ist: All die oben angeführten Fälle können nicht mehr zum Nachweis der Benachteiligung dienen – und damit auch nicht zu dessen Widerlegung. Aus dem allgemeinen Diktum der Benachteiligung kann auf jeden beliebigen Spezialfall geschlossen werden. Da die Benachteiligung, Diskriminierung, Verachtung etc von Frauen schon immer besteht, läßt sich jeder Einzelfall, und sei er auch symmetrisch zu Lasten von Männern ausbalanciert, als Bestätigung dieses Diktums auffassen. Am Ende wird man noch die Lohnangleichung für weibliche Mitarbeiter als herablassende Geste des Patriarchats diskreditieren.
Damit wird aber die „Frauenunterdrückung“, die „feindliche Haltung gegenüber Frauen“ von konkreten Beispielen und Instanzen abgelöst und bekommt eine diffuse, nicht mehr wirklich greifbare Wolkigkeit. Es ist dann nicht mehr die konkrete Ungerechtigkeit bei den Löhnen oder Versicherungen, nicht mehr die vorzeigbare Begünstigung von Männern bei Einstellungen, sondern es ist nur noch die Diskriminierung der Frauen, auf die, wenn man sie mal in dieser diffusen Weise etabliert hat, interpretierend rekurriert werden kann: Da ja Frauen allenthalben und überhaupt unterdrückt werden, ist dieses und jenes nach Inhalt und Struktur symmetrische Verhältnis in Wahrheit (in der Wahrheit der Feministinnen wenigstens) asymmetrisch zuungunsten der Frauen. Das Kind auf dem Plakat, der Fellatio-Witz, sie sind Instanzen der Frauenfeindlichkeit nicht deshalb, weil in ihnen eine tatsächliche Darstellung von Macht- und Unterdrückungsverhältnissen aufschiene und ein fragwürdiges Machtgefälle damit semantisch einzementiert und bestätigt würde. Nein: für sich selbst neutral und symmetrisch, beziehen diese Fälle ihre vermeintlich diskriminierende Kraft lediglich aus dem Hintergrund einer Folie, wo schon die allgegenwärtige Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft behauptet wird.
Also kann die Frage, warum oder worin die eingangs angeführten Aussagen nicht symmetrisch, mithin beide frauenfeinlich sind, nur unter Rekurs auf eben die Frauenfeindlichkeit selbst beantwortet werden, und damit wird die Aussage zirkulär.
Das wirklich perfide an dieser Zirkularität ist daher ihre Immunität: Gilt erst einmal das Diktum von der Frauenfeindlichkeit, kann es mit Beispielen, die eine Gleichheit oder eine Symmetrie aufzeigen, nicht mehr widerlegt werden: Denn jede vermeintliche Symmetrie entpuppt sich hopplahopp doch nur wieder als Bestätigung der zugrundeliegenden, durch die allenthalbe Unterdrückung zustande gekommenen Asymmetrie. Das erinnert an jene scherzhaften Bürogesetze, die oft die Schreibstuben mancher Verwaltungskraft zieren: § 1: Der Chef hat immer Recht. § 2: Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Ich habe mich in diesem Zusammenhang vor kurzem einmal mit einer Frau über die (vermeintlich oder echt) einseitige Darstellung von Frauen in Filmen gestritten. Es ging dabei im Zusammenhang mit dem sogenannten Bechdel-Test um die Frage, ob Frauen in Filmen überwiegend männerbezogen dargestellt würden oder nicht. Darüber gibt der Bechdel-Test vermeintlich Auskunft. Die Testkriterien sind: 1. Es müssen zwei Frauen, die einen Namen tragen, mitspielen. 2. Diese Frauen müssen miteinander reden und zwar 3. über etwas anderes als Männer. Die Frage, die sich sofort stellt, zielt wieder auf die Symmetrie ab: Warum werden Frauen, die sich im Film über Männer unterhalten, männerbezogen dargestellt („über Männer definiert“), während Männer, die sich im Film über Frauen unterhalten, keinesfalls über Frauen definiert werden? Und weiter: Warum werden Frauen, die sich über die Beschleunigungswerte der Formel-1-Rennwagen unterhalten, nicht über Autos definiert, während sie, unterhalten sie sich über Männer, über Männer definiert werden? Antwort der Diskussionsgegnerin: Weil es furchtbar viele Filme gibt, in denen Frauen über Männer definiert werden und furchtbar wenige, in denen sie über ihre Hobbys definiert werden. Die Ergebnisse des Bechdel-Tests sind, wie alle anderen absurden Nachweise der Geschlechterasymmetrie zuungunsten der Frauen, unwiderlegbar. Frauen werden über Männr definiert, weil Frauen über Männer definiert werden. X ist frauenfeindlich, weil die Gesellschaft frauenfeindlich ist, Punkt. Dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit läßt sich dort mit keinem Verweis auf eine Symmetrie mehr begegnen, wo Symmetrie a priori für ungültig erklärt wird.

Eine Freude allerdings bleibt: Selbst in einem Film über, sagen wir, die Suffragetten oder über Ethel Smythe, und sei der Streifen noch so ausgewogen und unbiased, müßten die Protagonistinnen, und seien sie auch in der Wolle gefärbte Feministinnen, über Männer sprechen.

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