Kaffee

23. Januar 2017 § 9 Kommentare

Der erste Kaffee am Morgen, seit Jahren geliebtes Ritual. Der geschützte Raum am Saum zwischen Tag und Nacht, wo beides noch gleich möglich ist, Dunkelheit und Licht, alle Wege offen, Schlaf oder Wachsein, Traum oder Wirklichkeit ununterscheidbar. Das Schweigen von der Straße her. Die leisen Stimmen aus dem Radio. Das in sanftes Lampenlicht getauchte Zimmer, tröstlich in seiner Vertrautheit, als habe es mit seinen Möbeln und Büchern und Zetteln und Krims und Krams auf mein Wachwerden gewartet. Und der bittere, je nach Lage der Dinge verheißungsvolle oder beruhigende oder lockende oder anfeuernde Duft aus der Tasse, der schwarze Geschmack mit dem irden-warmen Abgang, bald: dieses innere Leuchten, das nur eine gute Dosis Methyltheobromins hervorrufen kann, die gute Laune, Göttergedanken: Was wäre ich ohne Kaffee? Ein Normalsterblicher, der morgens aufstehen muß.

Die erste Tasse Kaffee, die beste des Tages. So heiß, so dampfend, so schwarz gelingt keine zu einer anderen Tageszeit, ausgenommen höchstens spät nachts. Aber wer, der seines Verstandes mächtig, würde nachts Kaffee trinken? Die Nacht ist zum Schlafen da, der Morgen, na ja, zum Kaffee. Der Kaffee ist ja überhaupt der Grund für den Morgen. Irgendwo habe ich gelesen, dem Trinker schmeckt das letzte Bier der Nacht am besten. Das stimmt doch nicht! Es ist das erste Bier, das am besten schmeckt, und es ist der erste Kaffee des Tages, der unvergleichlich besser ist als jeder andere.

Das Klemmlämpchen am Bett taucht das Zimmer in mildes Licht. Ich stelle die dampfende Tasse (gestrichener Löffel Zucker, keine Milch) auf den Nachttisch, schlüpfe zurück in die noch warmen Decken, lege mir den Rechner auf die Knie. Es ist fünf oder sechs, ich bin als erster wach, ich bin allein in meiner Kapsel, die beiden Straßen, vorne und hinten ums Eck, schlafen noch. Stille ist manchmal nur zu erreichen, indem ich wach bin, wenn es kein andrer ist. Nur von fern, überbracht von freundlichen Stimmen, dringt die Welt durchs Nadelöhr des Radios an mein Ohr, jederzeit auf Abstand zu halten, filterbar, ausblendbar, beherrschbar. Ich nehme den ersten, brühheißen Schluck und beginne zu arbeiten.

Nicht beherrschbar: die Zeit. Aber in dieser Hülle aus Licht, in dieser Kapsel aus Schweigen, in der man wie unter einer tiefen See am Meeresgrund ruht, in dieser vom Kaffee, vom Ritual herausgehobenen Stunde, in der solche Gedanken möglich sind, die mir zu keiner andern Stunde einfielen: läßt sich die Zeit umgehen, indem man ihr durch die Wiederholung ein Schnippchen schlägt und diese Stunde oder zwei herauslöst aus dem verbundenen Strom, so daß sie jeden Morgen als die gleiche Abmessung, die gleiche Aussparung von Ewigkeit wiederkehrt. Wiederkehrt, sich, erneuert und erfrischt, wiederschenkt, dieselbe, die nicht vergeht. Ich fange das Gestern, das Vorgestern an genau demselben Punkt heute wieder an, knüpfe wieder an den Faden an, kehre heim auf eine Insel, in der, so lange ich will, immer dieselbe Stunde bleibt, fünf oder sechs, am Saum zwischen Tag und Nacht.

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Stillen (1)

8. Mai 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie ein Gestrüpp fühlt sich an, was sich in all den Jahren, seit mir das Schreiben zur Gewohnheit geworden, an Worten angesammelt hat. Nichts davon verschwindet ja wieder, jedes einzelne Wort, jedes Syntagma, jede Kongruenz, jede flektivische Konstruktion bleibt bewahrt. Und nicht nur bleibt sie bewahrt, bleibt sie als Gedächtnis auf Festplatten, CDs, Flashspeichern oder Servern, auf Briefpapier, in Kladden und unzähligen Notizzetteln: Ich kann den Rechner ausschalten, die Kladden schließen, die Zettel wegsperren, jedes Stück Papier in Schubladen verschwinden lassen: Die Worte bleiben da. Sie bleiben in mir. Schlimmer noch: Sie enthalten immer schon weitere Wörter als projizierte Möglichkeiten, junge Triebe am äußersten Rand des Wurzelfilzes. Warum überhaupt schreiben? Sollte ich nicht lieber etwas anderes tun? Ich habe das Gefühl, zu ersticken an all den Wörtern. Und mit jedem Wort, das ich schreibe, wird alles noch schlimmer. Ich fühle mich überwuchert, umwachsen von Gestrüpp, das mich lähmt, und mit jedem Wort verheddere ich mich noch heilloser. Ich gehe spazieren und formuliere. Ich sitze auf der Kloschüssel und wende Worte. Noch beim Einschlafen kann ich es nicht lassen, gibt es keine Stille, keine Freiheit von Wörtern. Keine Freiheit von Zeichen.
Es wird immer so weitergehen. Noch mehr und noch mehr Wörter. Manchmal verspüre ich den Impuls, das Gestrüpp mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Ich sehne mich nach einem weißen Blatt.
Nach einem weichen, schwarzen Bleistift.
Ich sehne mich danach, Blatt und Bleistift zu betrachten: Wie der Schatten der Maisonne vom Stift schräg einen Schatten aufs Papier zieht; wie das Papier im flachen Licht rauh erscheint, wie mit feinem Salz besprenkelt; wie der Schatten um den Stift herumgleitet, während die geschärfte Graphitspitze aufschimmert, wieder erlischt. Die winzigen Holzsplitter. Der leuchtende Lack. Die scharfen Ränder des Papierbogens.
Im Nacken ein Buchfink, der nicht weiß, was er tut, wenn er singt, so daß ich es hören kann.
Ich sehne mich danach, zu schauen und zu hören und keinerlei Worte zu haben für diesen Augenblick.

Kritzel

16. Januar 2014 § 3 Kommentare

Ein Morgen wie ein Buch, in das man nicht hineinfinden will. Schon die ersten Minuten verwirren. Figuren tauchen auf um zwei Augenblicke später wieder verschwunden zu sein. Wenn sie sprechen, tun sie das nicht miteinander. Andere wechseln den Namen. Wieder andere das Gesicht. Die Architektur eines Wohnzimmers erschließt sich nicht, die Landschaft eines Flußtales ergibt keinen Sinn, so vermischt aus Nahem und Fernem sind ihre Merkmale. Ereignisse bewirken ihre eigene Ursache. Stunden werfen mir Namen zu, die sich an keinem Gesicht festmachen. Zurückgebogen in sich selbst, verknäuelt in Schleifen, an den Rändern ins Ungangbare flimmernd, führen die Wege nicht hinaus, nicht hinein, nicht her, nicht hin. Der Blick kann ihnen nicht folgen, fällt aus der Spur, während sie die Dimensionen wechseln.
Mühsam lege ich Wörter aus, klopfe Silben fest, schnüre Sätze zusammen, braue brüchige Stege, die mir diesen fremden Morgen mit Eigenem gangbar machen. Ein Buch, das ich in ein fremdes Buch hineinschreibe. Atemzüge aus Papier. Blicke aus Tinte. Meine Herzschlag: Ein Palimpsest.

Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

12. Oktober 2012 § 12 Kommentare

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt.

Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

Binnenwandern

14. Juni 2012 § 7 Kommentare

Man wandert. Man geht, und schaut. Man trägt seine Blicke irgendwo hin, und, wenn man aufmerksam genug war, Landschaften wieder zurück. Striche Bögen, Wolkenbrauen können festwachsen im Inneren, Wurzeln schlagen im Geist und im Träumen, sich verwandeln, bis davon in der Weltgegend, im Außen, das man erkundete, nur mehr eine Art nüchternen Erkennungsrasters bleibt. Wo man war, mit Füßen, Blasen, Schweiß und zusammengekniffenen Augen, das ist ein Ort, an den man nicht zurückkehren kann. Denn man hat ihn mitgenommen. Nur mehr bei einem selbst existiert er und nur dort hat er Dauer.
Und entwickelt sich. Lebt: So wird es unmöglich, sie wiederzufinden, diese Landschaften, vergebens, sie als das wiederfinden zu wollen, wofür in der Erinnerung zwar eine Art Suchanweisung existiert, die wohl wirklich ein Ergebnis liefert: Nur wäre es stets, wohin es auch geht, das falsche. Denn nicht die Erinnerung bleibt immer ein Stück hinter der wirklichen Landschaft zurück, sondern gerade umgekehrt verhält es sich: Die Landschaft bleibt hinter ihrer Imagination zurück, das Bild, von den die Bögen und den Horizonten bis vors Dickicht, die Brombeeren, das Sternkraut, der Baumstoß vor den eigenen Schuhen, das alles kann die einmal eingewurzelte Vorstellung davon nicht wieder erreichen, und umso weniger, je öfter der Wanderer sich betrachtend durch sie bewegt und den inneren Räumen Nahrung davon gegeben hat.
Wir möchten so weit gehen zu sagen: Die Landschaft existiert ausschließlich in der Erinnerung. Und dort existiert sie auf ihre verträumte, nicht ver- sondern geklärte und doch unklare, wandelbare Weise, voller Bezüge, reich an Verweisen, in sich selbst verschlungen, in fortlaufenden Verschachtelungen fortstrebend, in Kammern gegliedert, die einander enthalten und entäußern und dabei mehr sind als sie selbst, summend von Bedeutungen … So daß man, wenn man einen Ort wieder aufsucht, der einmal jene innere Landschaft ausgelöst und ausgetrieben hat, fassungslos ist darüber, daß da ja gar nichts stimmt.
Eine Landschaft ist im Kopf entstanden, die man in der Welt wiederzufinden sich anschickte; eine Landschaft, die gleichermaßen aus Büchern wie aus Hügeln und Tälern, ebenso aus Geschichten, Gedanken, Hoffnungen, Projekten besteht wie aus Fels, Stein, Weg, Aussichten und Panoramen. Doch die Schwünge und Bögen, die Winkel und die Quellen, die Wege und Strecken der inneren Landschaft sind in der Welt nicht auffindbar, ihnen entspricht dort nichts; sie sind eine Geschichte, während das, wohin man reisen, wodurch man schreiten kann, nur Raum, Fläche und Ausdehnung ist. Und vielleicht begründet sich darauf der Drang zum Schreiben: als eine Sehnsucht nämlich, das Innere ins Außen zu tragen und dort Landschaft werden zu lassen, eine solche Landschaft, die wir schon immer mit uns herumtragen und die wenn überhaupt nur auf dem Papier (und im Geist des Lesers) Wirklichkeit werden kann.

verworren

5. April 2012 § 8 Kommentare

Ich glaube, für eine wirklich schön verworrene Geschichte ist mein Geist einfach nicht verworren genug. Und verworren sollen sie sein, die Geschichten, heißt es nicht Seemansgarn spinnen? Und verheddern sich die Nornen nicht in ihrem eigenen Faden? Überhaupt, der Faden. Text bedeutet auch nichts andres als „Gewebe“. Dieses mag seine Ordnung haben, in der umfassenden Draufsicht. Aus Sicht eines einzelnen Fadens aber und seiner Umgebung herrscht ein schönes Durcheinander, in dem dennoch alles einander zusammenhält.

Das Unübersichtliche als Aufgabe. Die Kunst, sich selbst zu überraschen. Die Ordnung so gestalten, daß sie unordentlich aussieht. Dafür braucht es nicht einen verworrenen Geist, sondern mindestens zwei.

Die Lieben, die wir schreiben

29. Januar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Den Stunden nachfühlen, ihrem schleppenden Gang. Eselsohren in den Minuten, daß man sie leichter wiederfindet. Die Gleichnisse zerbröckeln, den bedruckten Rest vergestern. Am Fluß, wo du ein Paar warst und ich nicht. In der Bahn, wo der Mut nicht reichte zum Knaben und der Ägypterin, und der Sommer zu groß war für die Zeitungen, die Zukunft zu groß für uns. Schleppender Zunge in den Tag hineingehechelt. So getan, als wäre alles Alles. Dabei war’s schon fast aufgebraucht. Was sollte auch danach noch kommen. Nachschriften. Kommentare zu dem Tag, in dem wir einmal zu Hause waren. Ein verhaltenes Lächeln über einen Tisch, das war schon an der Grenze zu einem ganz anderen Tag. Der nichts mehr davon enthielt. Den wir zu vergestern vergaßen. Erst später, nachdem Jahre geseufzt hatten, erinnerte sich eine Notiz an jenes Gesicht, und es war, als spräche ein verlorengegangenes Ich zu mir selbst. Ach, die Amseln am Abend. Die nie genug bekommen konnten. Die alles hatten.
Neue Namen, alte Wünsche. Spitzen wir die Bleistifte, ziehen wir die Uhren auf, lassen wir die Dämmerung ins Haus. Kehren wir noch einmal zurück zur Zukunft, die uns aus den Augen verlor. Am schönsten sind die Lieben, die wir selbst schreiben.

12. Januar 2012 § 2 Kommentare

Anschreiben auch gegen sich selbst. Gegens Inwendige, und was nach außen gestülpt von all der Wirrnis. Sich selbst widerlegen mit sich selbst. Gegen die Einsicht mit der Einsicht schreiben. Endlich so traurig werden, wie man immer schon war.

14. September 2011 § 6 Kommentare

Noch einmal Nacht. Abgerungen den Glocken des Schlafs. Träume von Hunden und elegischen Distichen fallen dem Wachbewußtsein später wieder ein, da ist die Nacht ohne Halt von den Scheiben gerutscht. Vögel halten sich versteckt, die Kamine haben die Fäuste in den Taschen vergraben. Ein seltener Gott heißt Vergnügen. Die Sprache baumelt von einem buntbemalten Apfelbaum.
Zeit, Feuer zu machen und einen Topf mit Kieseln zum kochen aufzusetzen.

VIA NOVAESIANA 13.9.2011

13. September 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Schreiben in den Spinnfäden des frühen Morgens. Schreiben gegen diese Spinnfäden. Schreiben und warten. Warten und denken. Das Haus ist still wie ein Tier. Wie nur schlafende Löwen still sein können, alle Kraft und Gefahr in die Träume aufgespult. Die Nacht hockt vor dem Fenster, ihre Klauen am Glas. Und die Worte wagen sich heraus wie schüchterne Mäuse. Wenn man nicht aufpaßt, sind sie gleich wieder futsch. Verhuscht in den Spalten der Müdigkeit.

Wo bin ich?

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