Solstitium

22. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Mädchen, ihr tauchtet ins Wasser die Lippen der durstigen Krüge.
      Bebend von keuschem Naß stiegen die Küsse ans Licht.

Straße, nachts

21. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Nacht ist alterslos und hell ohne hell zu sein. eine Stille herrscht, die das Drinnen mit dem Draußen verbindet, als gäbe es keine Mauer, kein Fenster, als wäre das Zimmer eingebildet. Ein Traum, eingeschachtelt in einen weiteren Traum, eingeschachtelt in Nacht, zurückgeschachtelt in den imaginären Raum des Zimmers. Alles ist ausgekleidet mit klebriger Wärme, Laken, Matraze, die Luft über der Haut, die Innenwände des Atmens.
Ich komme von der Toilette zurück, da höre ich einen Knall, kurz und trocken wie ein Pistolenschuß, und mir scheint, es hat auf der Straße etwas geblitzt. Nur diesen einen Knall, dann herrscht wieder Stille, eine Stille, die sofort in das präzise Loch zurückströmt, das der Schall gerissen hat. Ich lausche. Der Knall setzt sich ins Ohr hinein fort, als energetisches Negativ wird die Stille punktförmig tiefer als sie selbst. Es ist kein Traum, aber es hat alle Qualitäten eines Traums: Jemand ist da draußen. Jemand schleicht da herum, hat vielleicht das Ohr an die Außenwand gelegt. Jemand, der Knallgeräusche macht, und der jetzt mucksmäuschenstill ist, als lauere er darauf, daß jemand reagiert. Ich trete ans Fenster, aber da ist nichts, nicht einmal ein Mond, nicht einmal Himmel. Die Straße ist wie ein weiteres Innen, aus dem kein Entkommen ist, sie wartet auf Schritte, darauf, daß jemand schreit, vielleicht.

Solstitium

21. Juni 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Abzählbar ruhen die Stunden in Palimpsesten der Amsel.
     Rückwärts strömendes Licht bringt alle Spiegel nach Haus.
Noch einmal sieht der Tag nach dem Rechten ringsum in den stillen
     Räumen. Wächter des Jahrs reichen die Schlüssel der Nacht.

Rodestraße

19. Juli 2014 § 7 Kommentare

Der Tag ist schon da, ehe die Augen richtig wach sind. Die Luft ist ein heißes Tuch, brennend liegt sie auf Stirn und Schultern. Hammerschläge zerbrechen in der Tiefe des Tals, die Glockenklänge lösen sich in Wölkchen auf. Wie ein Panzer schließt sich das Licht um die Stämme. In den Ladenritzen ficht die Sonne mit sich selbst. Abends hingestellt, ist das Wasser dicklich eingedampft. Ein Glühen liegt um den Saum des Glases. Eine Tasche, ein Paar Schuhe auf dem lodernden Parkett, der Schlüssel brennt sich in die Handfläche ein. Wie eine schwarze Zunge liegt die Brotrinde gekrümmt auf dem Tellerchen. Im Mus kleben tote Wespen. Die Gedanken gerinnen, die Stunden sind sauer geworden. Die Bilder wenden sich ab von der Wand, alle Wörter sind zurück in die Bücher geflohen. Bis in die Träume hinein schnarrt der Grünfink, wie ein aufgezogenes Spielzeug. Wo soll man bleiben, wohin soll man gehen. Wie ein zweifelnder Münchhausen ziehe ich mich am rechten Ohr aus dem Sumpf der Matratze.

Morgen mit Vogelmangel

23. Juni 2014 § 2 Kommentare

Die Vögel schwinden. Wo
ihre Laute ausbleiben, kartieren
Libellen das Schweigen.
In den riesigen Hallen des Morgens
verlieren die Stunden den Halt
untereinander. Zwischen zwei
Seiten im Buch findet sich
ein Hahnenfuß des vorletzten
Jahres. Jahrhunderte dauerte
ein Fraktur-A. Im blauen Dunkel der
Kommode zappelt ein Junikäfer
den trockenen Leib auf die Krone
eingewanderter Tage gespießt.
Zwischen Umblättern und
Umblättern zerfallen die
letzten Klänge auf der Strecke
eines schartigen Alphabets.

Solstitium (21.6.2014)

21. Juni 2014 § 3 Kommentare

Mußt du nicht gehen? Noch einmal bietest du dar mir die Lippen.
    Kommst oder gehst du? Ineins fallen die Zeiten im Kuß.
Nicht kann die Schildkröte je der schnelle Achilles erreichen,
    Ewig müht sich der Pfeil ab an der Länge des Wegs.
Eh er die Hälfte erreicht, muß die Hälfte er davon erst schaffen,
    Undsoweiter: Er steht, ewig gehalten im Jetzt.
Wolltest du daher den Zug noch erreichen, so hättest du müssen
    Schon vor unendlicher Zeit lösen dich aus unsrem Kuß.
So viel Zeit war nie: Laß Hälften von Hälften nur fahren,
    Unmöglich ist’s wie du siehst. Küß mich noch einmal. Und bleib.

In nemore

30. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag immer noch ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden, ja?“

Ein Plätzchen: flimmernde Sonne in der grünen Tiefe, ein helles Polster abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, sich umdrehen, und dann ist der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald hat uns aufgenommen in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder, eine Corona leuchtender Häute in all dem dampfenden Grünbraun ringsum; die Luft, die mir von Kopf bis Fuß um den Körper streicht, diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns tatsächlich nackig gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das hellwache Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Und mit Herzklopfen vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.

Zwischen unseren Zehen krümeln Vorjahrsblätter. Trockenes mündet in Feuchtes. Haarfäden glänzen. Rings leuchtet und wedelt der Farn. Wir strecken uns aus, zwei Bündel zarter Glieder. Wie schön du bist. Dein Leib ein Loblied der Sonne. Deine Blicke sind voller Sterne. In der Farbe deines Schoßes findet sich die Farbe des Lebermooses wieder. Deine Haut riecht nach Heu und Thymian. Warm bist du und brennend, als ich zu dir komme. Unsere Blicke stürzen ineinander. Plötzlich haben wir es eilig, der Buchfink schmettert, Laub rutscht unter uns, der Wald nimmt uns auf wie eine offene Hand; ich flüstere deinen Namen, und das letzte, was ich sehe, ehe ich die Augen schließe und verschwinde, in einer Falte zwischen Himmel und Erde, zwischen Sphagnum und Aquilegia verschwinde, das letzte, was ich sehe, ist der überblaue Himmel, der sich in deinen weit aufgerissenen Augen spiegelt.

Solstitium

21. Juni 2013 § 2 Kommentare

Oft in den dunkelsten Tagen bist du zum Traum mir geworden,
        daß hinterm Blendwerk der Zeit schien mir dein liebes Gesicht.
Täuschen kann uns die Zeit, doch nimmer kann es die Liebe:
        Heut in der hellsten Nacht, wurde der Traum mir zum Du.

Kein Nostos

18. Oktober 2012 § Ein Kommentar

Jedes Jahr aufs neue haben wir uns selbst verloren. Die Heimkehr war eine Heimkehr an einen unbekannten Ort und eine Vertreibung unserer selbst aus uns. Das Ende der Urlaubsfahrt bedeutete nicht allein, daß uns die Fremde nicht mehr besaß, sondern daß wir die Heimat, die wir selbst in uns fanden, wieder verloren hatten. So kam uns denn gar nicht wie Heimat vor, was uns an diesem sogenannten Daheim erwartete, die wir braungebrannt heim- und doch nicht heimkehrten: sondern wie Fremde an einen fremden Ort. Einen Ort der Verbannung.

Noch ein paar Tage schulfrei, noch ein paar heiße Sommernachmittage, ein Eis am Baggersee: Es taugt alles nichts. Denn es gibt nichts zu erwarten, alles es ist schon gewesen; der Duft von Sonnenöl ist keine Verheißung sondern eine Erinnerung. Die Tage, wie warm sie auch noch seien, sind nur noch ein Rest, der früh dunkelt. Morgens, beim Erwachen, heulen die Schwerlaster über die kilometerweit entfernte Autobahn, die in Fernen führt, die dich nicht mehr enthalten. Die Wände hallen, der Lichtschalter klingt hohl. Die Vögel haben sich versteckt, statt Aprikosen gibt es wieder Äpfel, und die Monate enden auf -r. Das Meer ist ein Jahr weit entfernt. Gräßlich.

Mit den Eltern im Wohnanhänger vier Wochen durch Süd- und Westeuropa gegondelt, die Alpen, das Mittelmeer, unendliche Sonnenblumenfelder, die leuchtenden Reihen laufen alle auf eine finstere Burg zu. Sonne, Wasser, Steine, Flechten, Gewürze, alte Mauern, die das Brennen der Sonne abhielten und gluckernde Kühlung schufen. Berge, echte Berge, eiskalt und so hoch, daß sie Schatten warfen. Von allem die Essenz, das Konzentrat der Empfindungen, bis ich mich selbst darin beheimatet und daraus schöpfend als Konzentrat meines Jungseins fühlen durfte.

Doch dann kam man wieder nach Hause und nicht nur in einen anderen Raum, sondern auch in eine andere Zeit, in eine fremde, nach allen Richtungen unpassende Jahreszeit, die weder Sommer war noch schon Herbst, eine Jahreszeit der Öde, wo die Berge runde Kuppen hatten, die Bäche kanalisiert waren, und alles in unendlicher Verdünnung bestand, bis man selbst sich daran erschöpfte und alle Essenz des Lebens zum Teufel war. Selbst die Nummernschilder der Autos, dieses blöde Weiß, die Farben der vertrauten Geldwährung, die Ortseingangsschilder, dieses dümmliche, gewöhnliche Gelb, wie trist war das. Nicht zu reden von der Sprache! Reichte es nicht, daß es kein Französisch mehr war, mußte es auch noch dieser zähneziehende Dialekt sein?

Mit Erstaunen haben wir damals immer festgestellt, daß es auch hier, in der fremden Heimat, so etwas wie Wetter gegeben hatte; daß die Zeit nicht stehengeblieben war, daß jemand Post ausgetragen, den Rasen gemäht, einen Baum gefällt hatte. Aber die hier geblieben waren, wußten nichts von der Sonne und den Alpengipfeln: Mit denen war zu reden. Selbst wenn sie Hochdeutsch gesprochen hätten. Fremd waren sie. Verständnislos glotzten sie über den Gartenzaun. Fremd war selbst noch die Luft, weil sie so schal schmeckte, und komische Fransen hingen am Himmel, strähnig und wie von Fett glänzend. Wir Heimkehrer und Asylanten, die wir ganz andere Himmel erprobt hatten, waren uns einig: die Farbe Blau hatte einen solchen Himmel nicht verdient.

Nach vier Wochen im Campingwagen befiel uns in Erwartung der hallenden Riesenzimmer der Wohnung eine agoraphobe Beklemmung. Wir verspürten das starke Bedürfnis nach Aufschub und Flucht: noch eine Nacht im Wohnwagen schlafen, auf dem Parkplatz in unserer Straße, und die Fremde noch ein letztes Mal, und seis als Illusion, in den vier so vertraut gewordenen Kunststoffwänden des mobilen Heims festhalten, ein Stück konservierter, hingehaltener, noch ein letztes Mal auszukostender Fremd- und Freiheit. Die Eltern, längst schlauer und desillusioniert, winkten ab.

Und wie wir uns dann in den Tagen, die der Nicht-Heimkehr folgten, zu trösten versuchten, mit guten Vorsätzen, die darauf abzielten, etwas von den erfahrenen Reichtümern der Ferientage in die Welt der Alltage hinüberzuretten und sich der neu gewonnenen Erkenntnis stets aufs Neue zu vergewissern, daß das Leben so perfekt sein kann wie ein Eis auf der Hafenmole von Menton oder der Biß des Gletscherwassers an den wundgewanderten Füßen; verzweifelte Versuche, es nicht auf sich beruhen zu lassen, und nach Möglichkeit der Umstände, so gut es eben ging, ein solches Leben wie das eben gekostete nicht nur als Pause zu führen, sondern als Alltag. Und so faßten wir dann unsere erbärmlichen Vorsätze, mehr rausgehen, öfter wandern, ausschöpfen, was das bißchen Natur im Rhein-Neckar-Kreis zu bieten hatte.

Schnell aber ermüdeten wir. Und es stellte sich heraus Der Baggersee war schon in Ordnung, Aber er war halt nicht die Côte d‘Azur, sein Wasser war schlammig, man konnte den Grund nicht sehen, es roch nicht nach Meer, und wenn mans genau nahm, roch es nicht nur nicht nach Meer, sondern brackig. Abgestanden. Und so abgestanden begannen wir uns dann auch selbst zu fühlen. Abgestanden wie der Hausflur, die Winterklamotten und der ortsübliche Dialekt. Bis es schien, daß aus unseren Poren dieselbe Brackigkeit, dieser unfrische, laue Hauch des Alltags herausquoll. Mehr rausgehen, das hieß vor allem: Straßen. Und das Gefährlichste an den Flanken des Eichelbergs waren die Bremsen und die Pferdeäpfel.

Und so setzte denn auch, über die Wochen, während aus der falschen Jahreszeit endlich Herbst geworden war, der Verdünnungsprozeß nicht nur den Vorsätzen, sondern unserem Ekelgefühlt selbst zu, bis wir, selbst Verdünnte, unseren Mangel nicht mehr bemerkten und es eines neuen Sommers bedurfte, um uns uns selber wiederzuerfinden.

Fringilla coelebs

14. Juli 2012 § 2 Kommentare

Wie von Weitem tönen eines morgens die Stimmen. Über Nacht haben Wetter und Wolken gewechselt. Die Schatten sind ernst geworden, die Wege reif von Fernen, am Horizont wälzen sich die Wälder. Die Stimmen haben ihre liebgewonnen Singstände aufgegeben, aus anderen Richtungen tönen sie, und leiser jetzt, gefiltert, gedämpft. Unentschlossen gegen die Entschlossenheit des grimmigen Jahres. Noch ein Versuch, zu retten, was verloren ist, schwebend zwischen Noch-hier und Schon-weg. Über Nacht sind die Zimmer des Sommers zu groß für sie geworden, In den Räumen verheddern sich die Stimmen, die Luft ist voller Winkel, wo immer man sie vernimmt entfernen sie sich, noch einmal und noch einmal, und dann werden sie verstummen. Eine dieser zaghaften, widerstrebend entäußerten, von ferne herangewehten Phrasen wird die letzte sein, mit einer jeden könnte der Sommer enden, und so klingen sie auch.

Wo bin ich?

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