Eine Begegnung

2. Oktober 2014 § 2 Kommentare

Die grünen Punkte schwebten einen Moment in nicht bestimmbarer Größe, Höhe und Entfernung links von mir in der Dunkelheit des Waldsaums. Zweimal zwei horizontal angeordnete, schimmernde Pünktchen, deren Farbe zwischen gelb und grün irisierte, Glühwürmchen nicht unähnlich, nur um vieles heller. Dem ersten Anschein nach bewegten sie sich; dann aber sah ich, daß sie stillstanden und warteten, während ich mich ihnen näherte. Als ich auf ihrer Höhe des Wegs angekommen war, richtete ich den Strahl der Lampe geradewegs auf die Erscheinung. Und blieb verblüfft stehen.
Längst erschrecke ich nicht mehr, wenn mir in frühmorgendlicher Dunkelheit jene scharfen Paare von Glühpünktchen ins Streulicht der Stirnlampe geraten, die, ohne daß der Körper selbst sichtbar würde, die Anwesenheit eines Tiers verraten. Als aber an jenem Morgen diese beiden Körper sich im Lampenstrahl hinter niedrigem Buschwerk aus der Dunkelheit schälten, zuckte ich doch zusammen. Zwar kannte ich schon, was sich da darbot, aber aus so großer Nähe hatte ich noch nie welche gesehen, schon gar nicht im Dunkeln. Ich staunte nicht schlecht. Katzen bin ich schon oft beim Laufen in der Dunkelheit begegnet, Pferde, Rinder sieht man oft, wenn man an Weiden vorbeiläuft, manchmal sind um diese Zeit sogar schon Hundehalter mit ihren Tieren unterwegs. Das hier aber, das war neu.
Da schau her, oder, na, wen haben wir denn da, oder sieh mal einer an, muß ich gemurmelt haben, teils um meinen eigenen Schreck zu besänftigen, teils aber auch, weil ich das Gefühl hatte, wie ein Entdecker eines fremden Erdteils, der unverhofft auf Eingeborene stößt, irgend etwas sagen, eine Geste machen zu sollen der Gutwilligkeit, Harmlosigkeit, des Respekts. Oder einfach: um sich zu erkennen zu geben: Schaut her, ich bin auch da. Es verblüfft mich, wie sehr wir Menschen Sprachwesen sind. Kaum sind wir nicht mehr allein, plappern wir los, und seien es auch nur zwei Rehe, die unversehens den gleichen Raum mit uns teilen.
Erstaunlich kleine Körper, kniehoch und schmal, sehr schmal, wie hungrige Kinder standen sie regungslos vor mir, keine drei Meter entfernt, und in den fast flachen, von einer schimmernden Linie eingefaßten Köpfen leuchteten die grünen Augen, die ich als erstes gesehen hatte, schwebten weiterhin im Raum, als glühe durch sie dieselbe Energie, von der auch das Fell wie von elektrischer Entladung schimmerte. Stocksteif standen sie da, die Lauscher auf mich gerichtet. Bäume traten dahinter in den Lichtkreis und bildeten mit ihren silberhellen Stämme eine Grenze, eine Bühne, dahinter der weite Raum des Waldes in vollkommene Schwärze zurückfiel.
Trotz ihrer folienhaften Transparenz, trotz dem Geisterhaften der Erscheinung waren die Tiere von einer geradezu erschreckenden Körperhaftigkeit. Vielleicht, weil sie so überraschend klein waren, weil ihr Körperbau Anmut und zugleich grazile Zerbrechlichkeit ausdrückte, aber auch, weil ich sie noch nie aus so großer, wenn auch durch die Dunkelheit deutlich von mir abgeschirmter Nähe betrachtet habe, erschienen sie mir umso stärker lebendig, begegneten sie mir als etwas mir zwar Fremdes aber im Fremdsein doch auch Gleichartiges, jedenfalls als etwas, das sich von dem pflanzlichen und mineralischen Reich ringsum ebenso scharf unterschied wie ich selbst; und darin, in dieser Form wacher und blutwarmer Lebendigkeit, waren wir Bewohner desselben Bezirks. Nicht mehr allein.
Klein waren sie, aber sie hätten auch riesig sein können, der Eindruck wäre derselbe gewesen: ein Eindruck vollkommener Realität, ein plötzliches In-die-Welt treten, das jede Vorstellung, die ich mir von ihnen jemals gemacht hatte oder hätte nur machen können, nach allen Richtungen überstieg; eine Wirklichkeit, die sich selbst verstärkte, indem sie überhaupt eine schätzbare Größe zeigte; indem sie stillhielt und sich betrachten ließ, länger als nur einen Augenblick; indem sie stillhielt, sich anschauen ließ, und – zurückschaute, mich als etwas Gleichartig-Verschiedenes ins Auge faßte über den Abgrund aus Andersartigkeit hinweg. Geworfen in denselben Wald, ich als Besucher, sie in ihrem Zuhause, starrten wir uns an und versuchten, einander zu verstehen, einen Sinn in dieser Begegnung zu finden; und in der völligen Andersartigkeit des Gleichen etwas auszumachen, das zur Entspannung führen, die Situation auflösen und uns einander zu erkennen geben könnte, sei es als Freund, dem man sich nähern, sei es als Feind, vor dem man fliehen müsse.
Was empfanden sie wohl in diesem Moment? Furcht? Aber hätten sie dann nicht die Flucht ergreifen müssen, was ihnen jeder andere Schrecken zweifellos empfohlen hätte? Neugier? Oder war das, was sie fühlten, eine Empfindung querab von Neugier und Angst – eine Art Bann, ein Faszinosum, eine exstatische Erfahrung, weder gut noch schlecht, nur … anders? War es möglich, daß diese zwei Tiere, die zu jeder anderen Tageszeit sofort Deckung gesucht hätten, ja, es zu einer so nahen Begegnung gar nicht hätten kommen lassen, jetzt mit Hilfe des Lichts irgendeinen inneren Mechanismus überwunden und Zugang zu einem Gefühls- und Erlebensraum jenseits des Schreckens und der Angst gefunden hatten? Daß sie eine Art von mystischem Entzücken empfanden?
Ich weiß nicht, was passiert wäre oder wie lange wir in diesem gegenseitigen Anstarren wohl noch verblieben wären, wenn ich nicht den Lampenstrahl wieder auf den Weg gerichtet hätte. Mich fröstelte, ich wollte weiter. Kaum war die Dunkelheit über die Stelle gefallen, da hörte ich es auch schon rascheln und knacken. Der Bann, oder was immer es war, das uns einen Moment verbunden hatte, war gebrochen, wir hatten uns aus der Begegnung gelöst, ohne daß wir einander Freund oder Feind geworden wären. Als ich die Lampe nach ein paar Schritten noch einmal dorthin richtete, hatten sich alle Augen wieder abgewandt. Ich sah nichts als ein leuchtendes Gewirr fahler Blätter vor der Schwärze des Waldes. Kurze Zeit später drehte der Wind, und es fing an zu regnen.

30. November 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Frivol: Schmerztabletten, Kaffee & Mozartkugeln zum Frühstück.

Mozartkugeln

Mozartkugeln

Anderswohin

28. November 2012 § Ein Kommentar

Dem Tag beim Zu-sich-Kommen zusehen und wie
die Bäume sich
aus der Dämmerung schütteln
und dann noch einmal still werden bereit
den Stürmen des Tags

und wie der Weg mich
abwerfen will wie einen übermüdeten
Reiter: Als es ihm nicht gelingt wirft er
schon nicht mehr ernst
mit Pfützen nach mir

später entläßt mich
ein Fichtenhain
nach ein paar Stolperschritten da weiß der Himmel
was von Zweigen
zu berichten und von Wipfeln

gehüllt in die schnaubenden
Gründe ihres Daseins
stehen die Pferde auf der grauen Weide

frühes Licht an versunkenen Höfen fern
gehen Straßen und Ströme
an den Rändern
von allem das reicht
nicht bis hierher das muß
für immer anderswohin.

12. Januar 2012 § 2 Kommentare

Anschreiben auch gegen sich selbst. Gegens Inwendige, und was nach außen gestülpt von all der Wirrnis. Sich selbst widerlegen mit sich selbst. Gegen die Einsicht mit der Einsicht schreiben. Endlich so traurig werden, wie man immer schon war.

11. Januar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Anschreiben gegen das Gewicht des Morgens. Gegen das Gewicht der Träume. Der geträumten. Und der nichtgeträumten. Gegen das Licht schreiben, gegen die Flut, gegen das Diktat der Zukunft. Ungleichzeitiges gleichzeitig machen.
Mittagslos, der Tag kein Tag. Etwas erfinden, das eine Morgendämmerung zu dieser Morgendämmerung werden ließe, das Beliebige einfriert, zu einer Stunde, in der man sich selbst enhalten wiederfindet.
Egal, daß der Tag sich selbst halluziniert. Wirklich sind doch nur die Gestimmtheit und die Stimmen.

Nerium

21. September 2011 § Ein Kommentar

Unsichtbar im Dunkeln blüht der Oleander. Seine Kelche schwimmen in den Strömungen der Nacht. Durstig schlagen sich die Wurzeln in die Kübel der Träume. Von den Staubfäden weiß man nur, was tags sichtbar ist, Perspektive ist alles, die Nacht aber hat man weiß nicht wieviele Dimensionen. An den Überscheidungen schimmern die Petalen. Nyx, die schlafwandelnde Göttin, zerwürfelt die Wege mit links.

14. September 2011 § 6 Kommentare

Noch einmal Nacht. Abgerungen den Glocken des Schlafs. Träume von Hunden und elegischen Distichen fallen dem Wachbewußtsein später wieder ein, da ist die Nacht ohne Halt von den Scheiben gerutscht. Vögel halten sich versteckt, die Kamine haben die Fäuste in den Taschen vergraben. Ein seltener Gott heißt Vergnügen. Die Sprache baumelt von einem buntbemalten Apfelbaum.
Zeit, Feuer zu machen und einen Topf mit Kieseln zum kochen aufzusetzen.

VIA NOVAESIANA 13.9.2011

13. September 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Schreiben in den Spinnfäden des frühen Morgens. Schreiben gegen diese Spinnfäden. Schreiben und warten. Warten und denken. Das Haus ist still wie ein Tier. Wie nur schlafende Löwen still sein können, alle Kraft und Gefahr in die Träume aufgespult. Die Nacht hockt vor dem Fenster, ihre Klauen am Glas. Und die Worte wagen sich heraus wie schüchterne Mäuse. Wenn man nicht aufpaßt, sind sie gleich wieder futsch. Verhuscht in den Spalten der Müdigkeit.

Stille

15. September 2010 § 2 Kommentare

Im Wald, beim Laufen, vor Tagesanbruch: Die Stille ist dann so ungewohnt und unausgelotet, so riesig der Raum, den sie ausfüllen kann und auch ausfüllt, daß die eigenen Schritte überlaut und polternd ins Gewölbe dieser Stille hineinhallen, so laut und fehl am Ort, daß man ständig vermeint, jemand hinter sich zu haben. Die Stille wirft einem das selbstverursachte Geräusch wieder nach, einen Laut, den der gewöhnliche Lärmhintergrund von Menschen bewohnter Orte sofort vernichtet. Man hat ja in Städten gar keine Möglichkeit, sich selbst zu hören, beim Gehen, beim Atmen, beim Arbeiten, man versteht sein eigenes Geräusch nicht mehr. Man begreift erst, wie laut man eigentlich ist, wenn das, was man unvermeidbar an Geräusch verrursacht, von einem tiefen Schweigen entgegengenommen wird. In dieser Weise bringt einem die Stille das Alleinsein zu Bewußtsein, daß man sich, für sich, in einem Raum bewegt, in dem man kaum mehr als eine Koordinate ist. Alles, was man tut, es fällt sofort in Geräuschen auf einen selbst zurück und bringt einen blitzartig zum eigenen Dasein, führt einem das eigene In-der-Welt-Sein vor Augen. Ein polterndes, lautes, ungestaltes Dasein ist das, das gleichwohl, mag es poltern und krachen wie es will, die unendliche und unausfüllbare Eleganz der Stille nicht zu verletzen vermag. Die Stille rächt sich, indem sie dem Läufer nachjagt und Schritte zu hören gibt, die nur seine eigenen sind, und ihn daran erinnern, daß er nicht entkommen kann: Dem Raum nicht, der Stille nicht, nicht einmal sich selbst.

Morgen, vogellos

22. Juli 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

An diesem Tag würden wieder die Hubschrauber knattern, nebenan, zur Unzeit, rauschte schon die Klospülung des Nachbarn, aus den Augen rieselten Schäben, der Schlaf hatte wie Erde geschmeckt. Später die Beeren schon dunkel. Kein Regen, die Wiesen Gefäße voll Himmel. Die Wege hatten fleißig Schatten gesammelt, den spuckten sie jetzt wieder aus. Brennesseln fraßen sich über die Brachflächen. Unterm Stacheldraht Schnauzen, Hörner und Felle von Vieh. Grüfte schliefen ihren Rausch aus, verbissen nüchtern werdend. Weggedreht zuckten die Bäume die Achseln. Ein Später war über die Welt hereingebrochen, war heimlich eingetroffen, über Nacht, von keinem bemerkt außer den wachsamen Vögeln, die sich nicht hatten ergreifen lassen von der dunkleren Zukunft, die sie uns überließen.

Wo bin ich?

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