Traum, Choral, Buchfink

12. April 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor einigen Tagen wieder ein klingender Traum. Es spielte in einem Kammermusikensemble, das man von der Straße her durch ein offenes Fenster erspähte, eine Fagottistin ein langsames Solo. Die Melodie ist einfach, in Dur, schmucklos, beginnt mit einer lang ausgehaltenen Note, welche die Solistin aus dem Mezzopiano wie aus einem gedämpften Hintergrund langsam crescendierend in den Vordergrund des musikalischen Geschehens einschwingen läßt. Ihr Ton ist sehr weich und näselnd, das allmählich vortretende Vibrato unaufdringlich und schmeichelnd. Die Melodie ist eine fallende Figur, gleitet aus dem ersten Ton hinab, fängt sich, schwebt wieder empor und erreicht eine vorläufige Kadenz; dann beginnt es noch einmal von vorn. Bei der Wiederholung bin ich schon ein paar Schritte weitergegangen, die Weise erklingt noch einmal neben oder hinter mir, indes ich das Fagott vor mir sehe, ein frühes Instrument aus merkwürdig hellem Holz.
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Später im Radio den Bachchoral „Jesus bleibet meine Freude“ in einer Klavierbearbeitung von Busoni.
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Indessen, draußen, vor dem Fenster ein Buchfink, weder nah noch fern, und ebenso an den Dingen beteiligt wie unbeteiligt, ahnungslos, freundlich, ein vergnügter Teil der Welt, der bei allem, was diesen Augenblick ausmacht, unersetzlich ist.
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Der Traum, der Choral, der Buchfink: Die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelehnt und etwas zu Seite geneigt, nur noch im Ohr beheimatet sein. Gestern und morgen, das Jahr und der Tag, Nächte und Morgen, Stimmen und Blicke, das Nahe wie das Ferne kommen in einem einzigen einfachen Ort zusammen, in dem alles, was man nur denken kann, die Bedeutung reiner Freude hat und sich ganz leicht auflöst in den Kullertränen eines unaussprechlichen Glücks.

Turdus merula

19. Februar 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Und wie die jubelnde Erlösung, die endlich blitzartig die Spannung einer monatelang aufgefluteten, unerträglich gewordenen Stille und Starre löst und in Klang verwandelt, der, in der Dämmerstunde süß aus der Dunkelheit hervorquellend, den letzten, mürbe gewordenen Schlaf durchströmt, die Fensterferne heranholt, nah und näher, innig, ein Fordern, farbig und schalmeienklar, und wie aus dem feuchten Inneren einer hartschaligen Frucht ins Erwachen hinein: die erste Amsel.

VIA NOVAESIANA

22. Januar 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Beim Verlassen der Wohnung fiel es sofort auf. Die Luft.
Sie war grün.
Grün mit einem lebendigen Hauch Gelb darin, aderweise. Sie roch nach Weiden und nach Wald, nach Chlorophyll und ein bißchen nach Fels, nach staubigem, trockenem Fels.
Nicht nur die Farbe und der Geruch der Luft waren anders; der Raum selbst, der sie enthielt, hatte sich verändert, seine innere Struktur und mit ihr die Geräusche, die er trug: Sie hatten eine weitere Strecke hinter sich als sonst, wie ein Ruf aus klarer Ferne, zugleich waren sie schärfer, heller und deutlicher geworden. Der Raum hatte sich von Verwerfungen freigemacht, sämtliche tauben Knoten geglättet und noch ein paar Richtungen hinzugewonnen, in denen jetzt die Klänge hockten: Klopfen einer Fußmatte gegen einen Laternenpfahl; eine Autotür, die ins Schloß fiel; Hundegebell, Schlüsselgeklapper. Alles von weit weg und zugleich klirrend, nah, es war, als habe sich die Luft aus einer staubigen Verpackung herausgeschält.
Die Haustür lachte ein quietschendes Lachen, und während sie wie von selbst aufsprang, schmeckte auch sie die Farbe; und zum ersten Mal seit langer, wirklich sehr langer Zeit ließ sie das Draußen wieder herein, mit offenen Angeln, bis es sich im Flur ausgebreitet hatte, grün, natürlich und mit soviel Raum, daß die Wände es kaum hielten.
Die Haustür, satt und glücklich von soviel Draußen, fiel mit einem hellen Klirren ins Schloß.
Selbst die Klänge schienen heute eine andere Farbe zu haben.
Grün. Der Morgen war grün, grasgrün, mit einer Spur lebendigen Gelbs darin.

Köln

2. Dezember 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Verwirrung, kaum daß man die Grünanlagen zwischen Südbahnhof und den Chemischen Instituten betritt, etwas stimmt nicht, da ist so ein Fremdes, Beunruhigendes, da ist so ein … ein Geruch: Woher kennt man das, diese fahle Ausdünstung, die ebenso leicht und schwebend zwischen den Büschen hängt, wie sie sich hartnäckig in der Nase festsetzt, als wolle sie sich einschleichen und Teil des Körpers werden, ein olfaktorischer Parasit. Oder ein Pesthauch? Nein, nicht an Krankheit, aber an Verfall läßt jeder Atemzug denken, den man voller Neugier tut, wonach ist das, was soll das, wo kommt das … und zugleich sträubt sich nicht nur die Nasenschleimhaut dagegen, sondern alle anderen Sinne erfahren eine Trübung, als hätte sich wirklich ein gelblichfeines Gas überall ausgebreitet, das man sehen und schmecken und fühlen kann, das sich zäh über die Haut spannt, auf den Brauen klebt, die Fingerspitzen taub macht und die Füße schlurfen läßt, man weiß es nicht. Vielleicht die Büsche, diese mit Unrat gespickten Laubhaufen, deren verfaulende Schichten Arten ganz anderer Fäulnis gnädig bedecken, vielleicht, weil hier Stadtgärtner zugange sind, die aufwühlen, was besser liegen bliebe, und dabei Stoffe freisetzen, die für gewöhnlich schnell wieder zerfallen, jetzt aber, zur Unzeit losgelassen, diesen dumpfen Kothauch über die Wege breiten. Motorsensen sind unbeirrt am heulen, aber wer weiß, wohinein die Drahtmesser fahren, was sie hochpeitschen und emporschleudern, einen modrigen Morast aus Hundekot, Samstagnachterbrochenem, Bananenschleim, und die grünseifigen Körper toter Amseln und Ratten, die zu Gummi aufgeweichten Hüllen von Heuschrecken, Käfern, Fliegen und Schaben sind vielleicht das Erwartungsgemäße, aber noch nicht das Schlimmste. Wer weiß es, wer sähe denn freiwillig nach, was sich sonst noch so ansammelt unter Büschen, die Jahrelang nicht geschnitten werden. Oder kommt dieser Pesthauch gar nicht daher, sondern von den Rändern der Stadt, Augenblicke lang riecht es, als habe man Berge um Berge Jauche und Mist rings um den Grüngürtel aufgehäuft, ein Protest wer weiß welcher Bauern, ein Attentat, ein Spaß, eine Demonstration, oder etwas völlig Sinnloses, eins von den Dingen, die sich einfach ereignen, ohne gefragt worden zu sein … oder bläst einfach nur ein seltener Wind aus seltener Richtung, der diesen süßen Ekel heranträgt, aber woher mag das kommen, denkt man mit Schaudern, aus welchem Höllenwinkel, dieser klebrige Fäulnishauch, dem man heute morgen, wohin man sich auch wendet, nicht entkommt, und womöglich ist es ja der eigene Leib, riecht man selber so.

Greinstraße

26. November 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn das Licht so wie heute Nachmittag aus einer weiten Lichttiefe heraus senkrecht in die Scheiben fällt, bleibt jede Bewegung, die da draußen die Strahlen verwirbelt, aufgezeichnet, huscht als Schatten über die Schrankwand, zieht eine Spur über den Boden, hinterläßt ein seismographischen Beben an den Augenlidern. Vogelschwärme lassen ihren Schatten durch den Raum fallen, Radfahrer mit ihrem Sprühkranz der Speichen wälzen sich träge über den Teppich, während die Äste von Silberahorn und Pappel hinter allem ein leicht bewegtes Muster bilden. In die andere Richtung blickend verglühen ihre Zweige im Sonnenfeuer. Die Ferne teilt sich in Schichten auf. Zuerst die Folie zwischen drinnen und draußen, die Wand, an der sich die Geräusche dieser Stunde, Autolärm, Schritte, später vielleicht abermals Kirchenglocken, brechen und zu einem beständigen, an- und abschwellenden Rauschen ermüden, das manchmal vom Wind unterbrochen wird. Feine Ringe, Schleifen, kreise, Ovale zeigen diese Grenze an, Striche, Läufe und Flecken, die sich zu Zeichen verdichten, einander widersprechen, in Rätselhaftigkeit schweigen und wieder zu Bedeutungslosen Klecksern zerfallen. In einem Streifen weder diesseits noch jenseits, eingespiegelt in eine Zwischenfläche, sammelt sich ein erster, transparenter Schatten, der dem dichten Abriß, wie er über Schrank und Wände huscht, entlang der Fensterscheibe vorausgleitet. Dahinter, schon im Kreis des Lichts, liegt der Raum der Bewegungen, spannt sich die Baumschicht, der Astzaun, von wo die bewegten Dinge mit ihrem Abbild ins Innere hineingreifen. Und noch weiter die Linie der dritten Schicht, vorerst ein dunkler, unregelmäßiger Wall, dessen Ränder später aber, in einer halben Stunde vielleicht, zu glühen beginnen wird, wenn die Sonne beim Untergang darüber hinstreift. Diese helle Nachmittagsstunde ist eine Welt in der Welt, in die der Klang und die Bewegung dessen, was draußen sein mag, unkenntlich und verzerrt wie in einen Traum hineingreifen.

Liegen, wo man

20. März 2009 § 2 Kommentare

Liegen, wo man der Sonne
beim Geschichtenerzählen zusehen
kann und wie
sie Zeile für Blütenzeile in
die Bäume schreibt.
Blüten am Himmel einsammeln, wo der Wind
Knospen treibt aus dem Zenith und
Adern senkt ins Wasserblau, indes die Vögel,
entlassene Gedankenkörper,
dahinschweben im Strom der Blicke.

Amseln

26. Februar 2009 § Ein Kommentar

Sie sind früher als alles, was ist.
Sie waren schon immer vorher, ganz gleich, was als erstes kam. Sie waren.
Leuchtspuren in einem Sinnenraum, der weder dem Auge noch dem Ohr, noch irgendeinem Organ, das aus der schlafenden Mitte ins Dunkel hinauswächst, gehören. Sie waren vor allen Organen, vor jedem Blut. Tönernes Leuchten. Leuchtende Töne. Ertastbare Stimmen. Klang wie eine Zeichnung in Sand, Gesänge in Braille-Schrift.
Sie gehören zu einer anderen Zeit, die jedem Beginn vorausläuft. Langsam dem Anfang überlagert, werden sie irgendwann eins mit dem Hier, dem Jetzt, jedem denkbaren Später, wenn es erst denkbar ist. Unterm Fokus werden zwei Wege einer, ein Traum fällt in sich zusammen, ein Tuch zerreißt im Spiegel, und indem sich die Zeit entscheidet und in Vorher und Nachher zerfällt, erinnerst du dich, und die Stimmen nehmen sich selbst einen Namen.
Sie sind vor jedem Denken. Sie sind Erinnerung, die im Früheren von Späterem handelt, ihre eigene Zukunft. Wenn du sie hörst, zum erstenmal hörst, hast du sie schön gehört. Du hast sie gehört, bevor du sie hörtest. Wie lange? Seit du denken kannst.
Ein Klangbaum. Wie eine Eigenschaft des Dunkels selbst, Faltungen im Raum, ein knisternder Schleier, den eine Brise zu immer neuen, doch einander ähnlichen Klangkaskaden verreibt, bis jäher Augenaufschlag das Dunkel dem Dunkel zuschlägt und den Klang dem Klang, und die Stimmen sich aus der Weite der Straße heranschwingen müssen, nun fern und an ihrem Platz, wie alles.
Liegenbleiben, denkst du, liegenbleiben, bis der Eifer des Tages sie an sich nimmt und sie in den Bäumen verstummen.

Ceterum censeo …

30. Januar 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Im übrigen bin ich der Meinung, daß man die Ladenschlußzeiten wieder auf 18:30 festlegen sollte. Damit wäre das seit einigen Jahren immer mehr anwachsende abendliche Hin und Her, die Hektik und der zur Unzeit produzierte Lärm aus der Welt, die sich allein dem Umstand verdanken dürften, daß bis in die Nacht hinein eingekauft werden kann. Beschränkte man dies auf den frühen Abend, so bestünde wieder Hoffnung auf einen friedlichen und ruhigen Tagesausklang. Man hat ja schon alles vor halb sieben erledigt und wenn nicht, ist es jetzt zu spät. Also kann man langsam machen, oder, noch besser, gleich zu Hause bleiben. Eine leere, allenfalls von vereinzelt sanfter und langsamer Bewegung durchflossene, gelassen schweigende Straße läßt den Betrachter oder Flaneur selbst ruhig werden, stimmt Geist und Körper ein auf Entspannung und Schlaf. Durch nichts unterbrochene Lichtbahnen der Laternen; Amselstimmen; Glockenläuten; Regengetröpfel; und vor allem das Schweigen der Fassaden, die anmutige Weite geleerter Straßen, eine solche Abendrast und Aufhebung der Geschäftigkeit senkt sich in den Betrachter und Zuhörer, so daß nach einem lauten Tage auch im innern der Lärm ausschwingen und es endlich still werden kann. Die stets abwertend gemeinten, sprichwörtlichen „hochgeklappten Bürgersteige“ sehe ich, wo sich diese Rarität einer gepflegten Abendkultur noch hat halten können, als etwas durchaus Angenehmes.

Sommerepigramme II, 9

5. September 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Morgen für Morgen dasselbe Licht, als wär es ein Echo

frühster Geburt, die aufs neu Klang aus sich selber erschuf.

Sommerepigramme (11)

22. August 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Nacht ist Mutter und kronenweise hinab in die Ströme

drängt sie zur Böschung das Licht, zärtlich, mit seidigem Schlag.

Wo bin ich?

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