Keine Begegnung

23. Mai 2015 § 3 Kommentare

Auf einer Wanderung haben die Gefährtin und ich einmal am Wegesrand ein Wildschwein gefunden, einen Frischling, kaum größer als ein Dackel. Er lag in der Böschung, so grau und tot, daß man ihn zuerst für ein Büschel graues Heu hätte halten können, wenn nicht die kleinen Hauer gewesen wären, hell wie Kiesel, und die schmalen Hufe, so sehr am Rand des Bezirks aus zerfallendem Fell, als wären sie noch einen Schritt gegangen, ehe auch sie ereilte, was den Rest niederstreckte im Graben. Die Augenhöhlen, ausgefressen und so leer, daß sie voller Außen waren, sahen wir erst einen Moment später, und mit ihrer Wahrnehmung kam das Erkennen, was da vor unseren Füßen lag. Ein totes Tier. Mehr tot als Tier. Selbst das Fell war gestorben, sah stumpf aus, die Borsten wie eingetrocknet, brüchig, als genüge ein Windhauch, sie zu Staub zu zerblasen. Hinter den Hauern leuchteten Mahlzähne, winzig, kaum mehr als ein Streif Sand. Die Umrisse des Leibes hatten sich ins Gras verbreitet, waren unförmig geworden wie zerlaufene Knetmasse. Und wie auf einem Gemälde von Bosch oder Breughel war die Bauchhöhle offen, konnte man das Innere sehen, ein Nichts, um das sich die Haut so eben noch spannte. Der Körper war leer, war hohl, man konnte mit einem Stock darin tasten, man konnte sich die Haut ansehen, die Hülle, von innen; und sah doch nur wieder eine Front. Dieser Leichnam bestand nur noch aus Vorderseiten, es gab keine Rück- keine andere Seite, auf der der Tod vielleicht doch noch wäre zu finden gewesen.

(Beitrag zum Projekt *.txt, „Fassade“)

Advertisements

Falter (ein Versuch)

19. März 2015 § Ein Kommentar

Verwandelt in eine schwebende
Glyphe aus Papier kreuzt der Falter
die hektischen Gänge der Vögel.

Die Flügel ausgebreitet, schließt er
den Riß zwischen Wasser und Luft.
Er weiß, was die Vögel nicht wissen,
die den Himmel nur
von der Kopfseite kennen.

Zahl aber ist eine dünne Membran
zwischen Horizont und Tod,
wo es leuchtet aus der Schwindel
erregenden Tiefe wie aus Frau Holles Brunnen.

Schwimmend am Sonnenrand
wie ein Drache ohne Leine
klebt er am Ereignishorizont,
fällt und fällt immer weiter,

durch das Loch in der Erde,
dem Licht auf der anderen Seite
zu, fällt und

kann höher nicht fallen.

(Beitrag für das Projekt *.txt)

Frettchen

28. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

An diesem Morgen läuteten die Glocken Sturm. Sturm war in der Welt, Feuer, Mord, Brand, Tod und Verderben. Blut, Blut, Blut, schrien die Glocken, Mord schrieben die Felder ins Licht, Tod bezeugte der Weg, Blut, jammerte der Wind, der das Fell aufzittern ließ, als sei das Leben darunter noch warm und sträube, wehre, plustere sich noch trotzig gegen die Kälte. Denn es hatte aufgehört zu regnen, und anstelle des milden, nassen Wetters war trockener Frost übers Land gefallen, der die Pfützen zu nadelscharfen Mustern zusammenzog, hellen Staub über die Bäume hängte und die Sonne auf den entsetzten Schollen festfrieren ließ.

Das Fell sah ich zuerst, Flausch und Bausch eines in der Brise sanft wedelnden graubraunen Pelzes; dann eine Kralle, die aus dem Bausch herausragte und zu einem Vorderlauf gehörte; und dann, noch bevor sich in einem nächsten, schon panischen Blick der Fellhügel aus weiteren drei Läufen und einem ängtslich schmalen, viel zu mageren Rumpf zu einem ausgestreckten Tierkörper vervollständigte, sah ich das Blut, und die spitze Schnauze mit den scharfen Zähnchen im halboffenen Maul, wo das Blut ausgetreten war und das Fell zu dunklen Strähnen verklumpt hatte. Maul, Zahn und Blut: Als habe das Tier kräftig zugebissen und sich mit dem Blut der gerrissenen Beute besudelt. Doch war es kein Beutetier, sondern der eigene Tod gewesen, dem das Wiesel auf dem Feldweg begegnet war, und das Blut, das ihm noch frisch und von leuchtendem Rot die Schnauze verschmierte, war sein eigenes, aus seinem Inneren hervorgeqollen, aus einer Verletzung, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. So lag es, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Rücken, steif und kalt unter dem flatternden Pelz, der nicht mehr wärmte, die Augen abgewandt, zur Erde, den Blick festgefroren im Asphalt der Straße.

Die Glocken verstummten, ein Echo der letzten Schläge verschwebte überm Feld. Ich löste den Blick von dem Kadaver. Ein gelber Müllwagen kroch in einer Falte des Geländes unter mir herauf. Ich beachtete ihn nicht, ging weiter, eine Pfütze knirschte, ich taumelte ein wenig, ging, reckte mich und ging, und drehte mich auch nicht um, als das Fahrzeug hinter mir herannahte und in einiger Entfernung zum Halten kam, und auch, als ich erst die Tür aufgehen hörte, dann den Sprung aus der Kabine, Klappern von Metall, ging ich stracks weiter, während es hinter mir ratschte von Schaufel und Eimer, und ein dumpfes Plumpsen zu hören war. Erst auf dem Hügelkamm schaute ich zurück, da grinste die Kurve, als wäre nichts geschehen. Die Felder bleckten Eis. Die Glocken schwiegen.

14. Februar 2013 § 2 Kommentare

Es sprang mir in den Blick, kaum daß ich den Weg hinauf um die Mauer bog. Weil ich es erst sehen konnte, als ich unmittelbar davor anlangte, erschrak ich bis ins Mark.
Der ganze Umkreis hatte sich abgewendet von diesem Tod, so allein lag es da, massiv, riesig, im Tode größer als lebendig je ein Reh gewesen ist. Ein Aufschrei aus Fleisch und Fell. Die Straße schien sich wegzukrümmen, die Mauer zurückzuweichen. Selbst die Schatten hielten es nicht aus in seiner Nähe, waren alle geflohen, hockten schnatternd in den Büschen überm Weg. Gleichmütig nur der Schnee, auf dem das Tier lag, wie zur Ruhe hingebreitet, die Beine ausgestreckt, kein sichtbares Zeichen von Gewalt am Leib. Die Zunge war seitwärts aus dem offenen Maul geglitten; grau und gewunden, schien sie viel zu groß für die schmale Schnauze. Es sah aus, als lecke das Tier am Eis, als wolle es sich
nur eben erfrischen, ehe es aufspränge, sich schüttelte, davonliefe und wieder lebendig wäre.
Es war noch nicht lange tot. Die Augen glänzten noch, die Hornhaut war noch nicht eingetrocknet, Winterlicht spiegelte sich darin, eine Welt in schwarzem Glas. Als ich vorbeilief, verdunkelte mein Schatten einen Moment diesen leblosen Blick, und da war es kurz, als wolle das Tier überrascht den Kopf heben. Vielleicht hätte es das auch getan; nur zwang es meine Gegenwart, still liegenzubleiben. Doch jeden Moment würde es aufspringen, gleich, sobald ich vorüber wäre, ich, dessen Blick es verdammte zum Totsein.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan Beiträge mit dem Schlagwort Tiertode auf VOCES INTIMAE.