Touristen

28. Juni 2017 § 4 Kommentare

„Dir ist aber schon klar, daß wir hier Katastrophentourismus betreiben, oder?“ sagt meine Wandergefährtin, als wir von unserem Weg abbiegen, um, von hier aus nur ein Abstecher durch den Wald, das Grauen, das wir tags zuvor aus respektvoller Ferne betrachtet haben, jetzt noch einmal aus der nächsten Nähe anzuschauen, als wüßten wir nicht, wie schlimm es ist; als müßten wir uns erst noch überzeugen. Warum tun wir uns das an?
Natürlich hat das etwas Ungehöriges an sich, etwas Pietätloses, als schlüge man am Tag nach einem Unglück ein Boulevardblatt auf oder folgte dem Einsatzwagen zum Unglücksort. Laut Karte beträgt die Distanz etwa zweihundertfünfzig bis dreihundert Meter. Auf die Entfernung ist noch nichts zu sehen, der Weg scheint ein wenig zu steigen, das Dach der Baumkronen sieht bis in die Tiefe des Wegs geschlossen aus. Nur etwas Braunes ist zunächst sichtbar, ein heller Streifen, es könnte verbranntes Gras sein oder Sand, oder auch nur der verbreiterte Grund einer Kreuzung.
Wie viele Katastrophen, so ist auch diese still. Ein Rotkehlchen schmettert, im Unterholz gluckst eine Gartengrasmücke. Schmetterlinge taumeln durch den hellen Schatten. Die friedliche Atmosphäre bekommt angesichts dessen, was wir wissen, etwas Beklemmendes. Die Stiefel knirschen, wir gehen stumm. Der braune Strich am Ende des Wegs wird größer, ohne dabei deutlicher zu werden, nicht einmal die Entfernung läßt sich schätzen. Es könnte auch etwas viel weiter Entferntes, sich hinter den Baumreihen Erstreckendes sein. Nach ein paar Minuten beginnt der Weg zu fallen. Der braune Streifen verbreitert sich, etwas Flaches an seinem Grund wird sichtbar, und die Baumreihe tritt ganz leicht auseinander, wie zu einer Kreuzung oder …
Plötzlich klärt sich das Bild. Der Streifen weicht stark zurück, macht einem asphaltierten Weg Platz, der aus der Perspektive des Waldwegs gar nicht zu erkennen gewesen ist. Das braune Gras verschwindet, oder besser, es verwandelt sich in eine Erhebung, einen Hügel, und dann in eine Halde aus Aushub. Wir treten aus dem Wald und stehen vor einem zwei Meter hohen, flachen Wall, der sich rechts in einer Kurve fortkrümmt, deren Ende nicht zu sehen ist, links aber sanft zu Tal gleitet, wo in der Ferne etwas erscheint, das wir schon aus der anderen Richtung kennen. Dort ragt der Hilfspylon der im Bau befindlichen Brücke auf, streng, riesig, unmenschlich, ein Unglück verheißend wie ein Meßturm vor dem Atomtest. Die ausgeworfene Erde ist rötlich-gelb, sandig, von metallisch schimmernden Gesteinsbrocken durchsetzt, trocken. Wir klettern auf den Wall, ins Erdreich getretene Stufen früherer Katastrophentouristen führen hinauf, und da ist sie, die neue Autobahntrasse, riesig und starrend und furchtbar, noch ohne Asphalt, aber schon planiert, mit mathematischer Akkuratesse durch den Wald geschnitten, in regelmäßigen Abständen ragen Drainagesäulen aus dem Grund. Eine Schneise. Hier Wald, drüben Felder. Ein Trekker fährt, eine silbrige Rauchwolke ausstoßend, auf der anderen Seite längs der zukünftigen Trasse vorbei. Obstbäume lassen freundliche Schatten auf eine Wiese fallen.
Es ist warm, die Sonne brennt auf den Boden wie auf eine Schürfwunde. Schon aber haben Pflanzen begonnen, das Fehlen der Bäume auszunutzen. Mohn leuchtet in kräftigem Rot. Disteln ducken sich an den Grund, als fürchteten sie den Bagger. Es ist ein schöner Anblick: Wie schnell die Natur zurückerobern würde, was ihr der Mensch geraubt hat. Als nächstes kämen Wegerich, Sauerampfer, Brennesseln. Dann Birken, Pappeln, Ahorn. In zwanzig Jahren wüchse ein junger Wald. Aber hier wird der Mensch nicht locker lassen, und der Aufmerksamkeit der Autobahnmeisterei wird kein Kräutlein ausweichen können.
Der Trekker ist fort. Meine Wandergefährtin macht ein paar Bilder. Es ist gespenstisch ruhig. Man könnte an eine Katastrophe denken, der alle Menschen zum Opfer gefallen sind: Hier verfiele gerade eines ihrer jüngsten Artefakte, zu dessen Fertigstellung es nicht mehr gekommen ist.
Aber so ist es ja nicht, denke ich bitter, als wir durch den Wald wieder zurück zu unserem schönen Weg gehen, nur fort von hier, zurück dahin, wo alles noch schön und heiter ist. Ein Blick zurück, und die Halde hat sich wieder in einen Grasstreifen verwandelt, und dann in einen braunen Fleck. Die Bäume haben sich geschlossen, die Grasmücke jubelt leise. Die Katastrophe, denke ich, ist noch gar nicht passiert.
Sie wird erst noch kommen.

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Selbstwirksamkeit

5. August 2015 § 8 Kommentare

Natürlich will niemand zurück zur Steinzeit. Es mag reizvoll sein, uralte Überlebenstechniken wieder zu lernen, wie das große Interesse an dem, was man neuerdings Survival nennt, bezeugt. Aber gewiß will niemand in vollem Ernst ein Steinzeitleben führen, nicht in aller Konsequenz, spätestens, wenn man Zahnschmerzen hat oder sich ein Bein bricht, werden sich Zweifel melden. Aber eines ist es, auf die grundlegendste Form der Selbstwirksamkeit – das Überleben mit dem, was die Natur unmittelbar anbietet – zu verzichten und sich das Leben hier und da durch Maschinen und Werkzeuge zu erleichtern; ein anderes ist, sich mit Haut und Haar der Technik zu überantworten und gänzlich auszuliefern. Man muß nicht die Technik in Bausch und Bogen verwerfen, um sich kleine Bereiche der Selbstwirksamkeit und damit der Kontrolle über die Umwelt zu erhalten oder, wo sie schon verloren sind, zurückzugewinnen. Wobei diese Umwelt selbst wieder technischer Natur sein kann.
Es geht um kleine Bereiche der Freiheit.
Denn der Bezirk, in der der moderne Mensch noch selbstwirksam handeln kann, schwindet. Unangefochten ist er so gut wie nirgends mehr Herr über sein Handeln.
Die elementarste Form menschlicher Fortbewegung ist die auf zwei Beinen. Meine Entscheidung, mich in Bewegung zu setzen, führt unmittelbar zur Bewegung; nichts vermittelt zwischen meinem Willen und seinem Effekt, nichts ist dafür vonnöten außer einer brauchbaren Anatomie. Nicht einmal Schuhe sind zwingend notwendig, allen Aussagen der Outdoorindustrie zum Trotz.
Das Fahrrad bedeutet größere Geschwindigkeit und Reichweite bei geringerer Ermüdung, aber diese Vorteile sind erkauft mit einer Reihe von Abhängigkeiten, wiewohl immer noch ich selbst es bin, der handelt: Ich selbst muß in die Pedale treten, und mein Kraftaufwand steht in direkter, proportionaler Beziehung zum Ergebnis. Trete ich schneller, fahre ich schneller, trete ich langsamer, fahre ich langsamer. Ich kann nicht sagen, daß das Fahrrad für mich fährt oder mir einen Teil der Mühen abnimmt. Wenn das Rad einmal existiert, kommt alles, was ich mit ihm tue, direkt zu mir zurück: als Widerstand, als Beschleunigung, als Geschwindigkeit. Der Punkt ist aber: Das Fahrrad muß erst einmal existieren; jemand muß es gebaut haben, was, wenn man nur die rohe Natur zur Grundlage hat, ein extrem diffiziler Vorgang ist. Ferner braucht es eine Straße, um ordentlich fahren zu können, und wenn der Reifen platzt, nutzt auch die schönste Straße nichts mehr. Und so wie mit dem Fahrrad ist es mit jedem mechanischen Werkzeug. Schere, Schneebesen, Handfeger und Kehrblech; Zange, Schraubenzieher, Mörser. Sense, Spaten, Grabgabel, Gießkanne. Mit all diesen Geräten kann der Mensch unmittelbar in seiner Umwelt wirksam werden. Mein Einwirken auf das Werkzeug hat unmittelbar und in einer Ein-zu-Eins-Beziehung eine Wirkung in der Umwelt, der Hecke, dem Blatt Papier, dem Gras zur Folge. Viele solcher Geräte erfordern ein beträchtliches Geschick, um damit das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Man denke an Stricknadeln oder an ein Spinnrad. Auch das Fahrradfahren ist nicht nur anstrengend, es will auch gelernt sein.
Herr der Lage sein, wem gefällt das nicht? Vielleicht hat keine andere technische Errungenschaft so sehr diesen Wunsch bedient wie das Auto. Wer Auto fährt, hat die Macht eines Halbgottes. Wer Auto fährt, dem sind Raum und Zeit untertan. Mühelos schweben wir mit unglaublicher Geschwindigkeit dahin und hören dabei auch noch Musik. Nur Fliegen wäre noch schöner, noch mehr Macht, noch mehr Gotthaftigkeit. Warum nervt der Stau so sehr? Weil die anderen bösen Autofahrer sich erfrechen, uns in unserem Gottsein zu behindern. Sie stehen zwischen uns und der Allmacht. Wir empfinden ja gar nicht das Auto als Maschine – wir fühlen uns selbst vergrößert, ermächtigt, mit unglaublichen Fähigkeiten ausgestattet … vergöttlicht durch die Maschine. Wir sind es ja selbst, die handeln, und so glauben wir unseren Körper nur verlängert und verbessert. Wir fahren, nicht das Auto. Wir sind Herr über die Kilometer, nicht die Maschine. Wir befehlen der Maschine nicht, wie wir einem Diener befehlen. Wir sind die Maschine in dem Moment, wo wir aufs Gaspedal drücken, und der Wagen wie ein Arm oder Bein von uns reagiert. Wir fühlen unseren Willen direkt mit der Maschine verbunden. Die Maschine tut nichts für uns, wir tun es selbst, verlängert, ermächtigt durch die Maschine.
Das glauben wir zumindest. Aber ist schon diese Empfindung Illusion, so wird seit einigen Jahren selbst diese Illusion noch von einer größeren Illusion getragen. Wer früher aufs Bremspedal trat, der konnte sich einbilden, noch selbst zu bremsen: Der Druck aufs Pedal überträgt sich auf eine hydraulische Flüssigkeit, die den Druck zu den Bremsbacken weiterleitet. Das war ursprünglich nicht viel anders als bei einer Heckenschere. Aber schon so etwas wie ein Bremskraftverstärker zerstört diese direkte Wirksamkeit, ist es doch nicht mehr meine Kraft, die sich auf die Bremsbacken überträgt, sondern die Kraft eines Motors, den ich einschalte, wenn ich das Bremspedal trete.
Ist die Geschichte hier schon zu Ende? Mitnichten. Denn jetzt kommt die Elektronik ins Spiel. Wer heute noch glaubt, er fahre sein Auto, täuscht sich gewaltig. Niemand fährt mehr Auto – das Auto fährt uns. Nach unseren Befehlen zwar – aber vielleicht auch das nicht mehr lange. Denn moderne Autos sind längst Smartphones auf Rädern – Computer, die das Fahren erledigen und nebenbei die Illusion aufrecht erhalten, der Mensch am Steuer tue so etwas wie … fahren. Wer tatsächlich fährt, das ist die Bordelektronik. Ein Tritt aufs Bremspedal löst einen Bremsbefehl aus, der am Ende einer Signalverarbeitungskette in eine Bewegung der Bremsbacken umgesetzt wird. Dabei mißt das Bremspedal den Druck des Fußes und leitet diese Information weiter, so daß für den Fahrer der Eindruck entsteht, sein Handeln stehe in unmittelbarer und proportionaler Beziehung zu den Auswirkungen der Umwelt, so wie wir glauben, den Mauspfeil zu bewegen. Tatsächlich gibt der Fahrer aber nur eine Datenkette in einen Computer ein, der dann für den Fahrer bremst. Man könnte diese Unterscheidung für akademisch halten, sie hat meiner Ansicht nach aber zwei wichtige Folgen. Erstens: Indem der Computer das Optimum an Bremskraft aus den Werten für Reifendruck, Geschwindigkeit, Gelände, Straßenbelag, Nässe, Abstand zum vorfahrenden und zum folgenden Fahrzeug etc. berechnet, ist der Bremsvorgang keine Frage des Könnens, der Geschicklichkeit, der Erfahrung des Fahrers. Der Fahrer könnte, statt in die Eisen zu steigen, auch einfach „ich möchte bremsen“ sagen, oder, dramatischer, „Stop!“ Der Schritt, merkt man hier schon, zum vollkommen autonom fahrenden Fahrzeug, dem man nur noch das Ziel eingibt, ist hier nicht mehr weit. Wenn der Computer es doch viel besser kann?
Die zweite Folge ist: Da die Bordelektronik auch Komponenten enthält, die nach außen kommunizieren, beispielsweise Radio, Telephon und Navigationsgerät; ferner Teile, die innerhalb des Fahrzeugsystems per Funk kommunizieren müssen (Messung des Reifendrucks); kann ein solches Fahrzeug prinzipiell gehackt werden, schlimmstenfalls mit tödlichen Folgen.
Doch selbst wenn man dies zu verhindern weiß, bleibt immer noch der Eingriff in die Selbstwirksamkeit des Menschen bestehen, seine Selbstkastration. Denn Autofahren ist ja, bei allen Nachteilen und Gefahren dieser Maschinen für Mensch und Umwelt, dennoch etwas, das gelernt, geübt werden will und zu persönlicher Meisterschaft aufruft. Das Auto war bislang nicht nur eine Maschine, die uns allerlei abnimmt; es ist auch ein Werkzeug, dessen Bedienung Können erfordert und dessen Bemeisterung stolz macht. Sonst gäbe es keine Autorennen. Weil die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, egal wie eingeschränkt der Rahmen ist, in dem sie sich zeigen kann, eine beglückende Erfahrung ist. Doch so wie dem Auto wird es vielen Werkzeugen gehen, zu deren Handhabung bislang ein Mindestmaß an Geschick erforderlich war. Schon steuert Elektronik den E-Herd. Gegen eine Energiesparplatte jedoch, die sich im falschen Moment abschaltet, sind alle Kochkünste vergeblich eingesetzt. Nicht besser wäre aber ein Elektroherd mit dem Programm „Steak, medium“, bei dem ich nur noch die Pfanne mit Öl und Fleisch bestücken muß („bitte-jetzt-Steak-wenden-und-eine-Minute-weiterbraten“). Wen sollen dann die Gäste loben, und was ist das Können eines Kochs noch wert, wenn das Computerprogramm ununterscheidbar gute Ergebnisse liefert? Es gäbe keine Meisterköche mehr. Es gäbe überhaupt keine Köche mehr. Und selbsternannte Kenner und Liebhaber würden sich damit brüsten, sie könnten den Unterschied herausschmecken, so wie Musikliebhaber vermeintlich den Unterschied zwischen einer CD und einer analogen Wiedergabe hören können. Offensichtlich will der Mensch aber nicht nur ein perfektes Steak und eine perfekte Klangwiedergabe; der Mensch will Meisterschaft, der Mensch ist verliebt in das Können. Meister können aber nur selbst Menschen sein, nicht Maschinen.
Ja, was ist das Können wert, außer, daß man es bei einem Stromausfall dann doch braucht (vorausgesetzt, man hat einen Gaskocher zur Hand)?
Oder was ist mit Wissen? Neulich im dichtgepackten Zug überlegten zwei Mitreisende, deren Anschluß gefährdet war, die günstigste Strategie, um weiterzukommen. Aussteigen, sitzenbleiben, umsteigen? Da ich auf dieser Strecke die Fahrpläne fast auswendig weiß, war ich drauf und dran, die beiden anzusprechen, um ihnen weiterzuhelfen. Aber ich hatte den Mund noch nicht geöffnet, da wußten sie schon alles.
Von ihrem Smartphone.
Was ist Wissen noch wert?
Abphotographieren und mehr erfahren! Wo kleben sie nicht, die kleinen Quadrate mit den Punktmustern? Ich muß nichts mehr wissen, ein Smartphone genügt. Neulich photographierte ein Bekannter auf einer Feier in meiner Wohnung; plötzlich gibt das Gerät ein Signal: Es hatte im Hintergrund den Druck eines Gemäldes erkannt.
Was ist Wissen noch wert? Früher war Pilzesuchen etwas, das Meisterschaft verlangte, ein Spezialwissen, schwierig zu erwerben und im Falle des Scheiterns mit hohem Risiko verbunden. Man durfte stolz darauf sein, zwei zum Verwechseln ähnliche Fruchtkörper auseinanderhalten zu können. „Der Fruchtkörper ist jung komplett von einem Velum umhüllt. Hut zeigt im Allgemeinen keine Velumreste. Am Stielgrund bleibt das Velum universale als häutig-lappige Volva zurück. Das Velum partiale bleibt als deutlich geriefter, weißlicher, hängender Ring am Stiel zurück. Der Stiel 5 bis 15 Zentimeter hoch, auf weißem Grund olivgrün genattert, Basis knollig verdickt, häutige Scheide. Stiel 2 Zentimeter stark, jung voll, im Alter markig bis hohl. Lamellen weiß. Sporenpulver weiß.“ Schon die Beschreibungssprache ist ein Gedicht. Wie lange wird es aber dauern, bis diese Kenntnisse überflüssig sind, bis mir mein Smartphone sagt, ob der Fruchtkörper, den ich vor mir habe, eßbar ist? Niemand muß dann mehr in die Lehre gehen; man muß nicht einmal genau hinschauen. Unterschiede gehen verloren, Sichtweisen, Dimensionen nicht nur der Kenntnis, sondern auch der Wahrnehmung. Was ich da vor mir habe, ist nur noch ein unscheinbarer Blobb. Meine Fertigkeiten in der Erkennung werden sich auf die Bedienung des Smartphones beschränken.
Möglicherweise ist das Programm weit weniger fehleranfällig als der Mensch und entscheidet im Zweifel richtig. Aber dann bin nicht mehr ich es, der seine Umwelt beherrscht. Nicht ich habe die Kontrolle über die Situation. Nicht ich weiß bescheid, sondern ein Gerät. Man könnte nun sagen, die Meisterschaft ist davon unabhängig. Es sind ja auch Menschen auf den Everest gestapft und haben bewußt das Sauerstoffgerät im Tal gelassen. Aber der Arm des Geräts ist lang. Denn: Ist es nicht besser, ein kleines Sauerstoffgerät mitzunehmen, nur für den Fall der Fälle? Ich muß es ja nicht benutzen. Aber es könnte mein Leben retten, wenn ich mich verkalkuliere oder das Wetter umschlägt. Und sollte ich nicht lieber diesen Maronenröhrling doch noch abphotographieren und von der MycoApp testen lassen? Nur zu Sicherheit. Und Zack! hat mich das Gerät voll im Griff. Denn wer will allen Ernstes auf Sicherheit verzichten? Einen Pilz einfach so bestimmen? Freiäugig? Das ist die Steinzeit!
Und so geht sie dahin, die Selbstwirksamkeit. Wir brauchen keine Orientierung mehr, wir müssen keine Karten mehr lesen können, wir haben den Navi. Wir haben die Strickmaschine und die Nähmaschine, wir haben den Brotbackautomat, der selbsttätig Volumen, Gewicht und Feuchtigkeit des Teiges mißt; wir werden Kühlschränke haben, die uns auf abgelaufene MHDs aufmerksam machen; wir haben Maschinen, die Gesichter erkennen, wir lassen uns von Computern unterrichten; wir haben Melkmaschinen und Schachcomputer, und die Zeit wird kommen, da wir Pflegemaschinen und vollautomatische Duschmaschinen haben werden.
Ich habe kein Smartphone, aber ich rühre Sahne und Kuchen nicht von Hand. Auto fahre ich nicht, aber für meine Wäsche hab ich eine Maschine, und es fiele mir nicht im Traum ein, sie wieder in der Badewanne zu waschen (die Wäsche, nicht die Maschine), obwohl ich weiß, daß ich es kann. Meine Texte schreibe ich nicht mehr von Hand, weil ich es verlernt habe, und meine Bahnverbindung hole ich mir aus dem Netz. Ich besitze sogar eine elektrische Zahnbürste, einen Staubsauger und einen Joghurtbereiter. Ich bin ein Kind des Fortschritts, und Maschinen, die mir das Leben erleichtern und mich für wichtigere Dinge als Wäschewaschen und Besuche am Fahrkartenschalter befreien, begrüße ich rückhaltlos.
Ich will nur diese Dinge bittschön selbst bedienen, und mir von meinem Staubsauger nicht sagen lassen, daß mal wieder ein Hausputz nötig wäre.
Wenn es Schachcomputer gibt, warum läßt man die nicht gegeneinander antreten, wäre das nicht billiger als Turniere mit Menschen? Oder wie wäre es mit Fußballrobotern, die statt Menschen auf den Rasen gehen. Das kriegen die sicher besser hin als jeder Mensch, die ermüden nicht, sie foulen nicht, sie kriegen keinen Kreuzbandriß, und hohe Ablösesummen wollen sie auch nicht haben. Warum also nicht?
Sehen Sie?
Ich meine, daß Selbstwirksamkeit ein unhinterfragbares Gut ist, eine lebenswichtige Erfahrung, deren Notwendigkeit sich nicht an ihren Ergebnissen messen lassen darf. Fußball ist sinnlos, wenn nicht Menschen gegeneinander spielen. Kunst ist sinnlos, wenn sie von einem Algorithmus erzeugt wird. Selbstwirksamkeit hat etwas mit Orientierung, Zurechtfinden und – Kontrolle zu tun. Die Befriedigung aber, die es bedeutet, seine Umwelt zu kontrollieren, sei es, einen Wagen zu steuern, sei es, ein Steak zu braten, oder zu wissen, welchen Pilz man vor sich hat: diese Befriedigung ist tief und elementar.
Durch keine andere Erfahrung zu ersetzen. Wir sollten sie uns nicht nehmen lassen.

Heimat an Flüssen (2)

20. Januar 2015 § 4 Kommentare

Die Ströme in der Heimat waren vergiftet, schwimmen konnte man dort nicht. Am Ufer roch es komisch, wir schauten in die trübe Brühe und widersprachen nicht, wenn unsere Eltern mahnten: In Flüssen schwimmt man nicht.
Flüsse waren für Lastkähne und für Chemieabfälle, für Mensch oder Tier waren sie nicht. Selbst auf den Kiesbänken war es nicht geheuer. Wo in Buchten Strudel auftraten, bildete sich Schaum, und von den Weiden hingen, wenn ein Hochwasser gewesen war, Strähnen eines grauen Schlamms. Es roch komisch, und die Kiesel waren alle von einem gelblichen Staub ummantelt. Wenn ich einen davon aufhob, hatte ich hinterher das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen. Nicht einmal die Füße wollte man ins Wasser halten, ja, nicht einmal Schuhe und Socken ausziehen, wenn man über den Ufersand ging. Mitleidig schauten wir auf die mickrigen Muschelschalen im getrockneten Schlick. Was waren das für arme Tiere gewesen, die in diesem Gift ihr Dasein gefristet und ihr Leben ausgehaucht hatten. Dick, viskos, stockend schien uns die Flüssigkeit, in deren Tiefe der Grund nach wenigen Zentimetern trüb wurde und versank. Braun war die Farbe dieses Elements, das mit Wasser nicht mehr viel gemein hatte. Wer in diese Brühe hineinfiele, würde, selbst wenn er nicht gleich sterben müßte, sich in ein Ungeheuer mit Schuppen verwandeln. Er bekäme eine Rückenflosse oder wenigstens Schwimmhäute zwischen den Zehen.
In diese Brühe fiel eines Tages während eines Kindergeburtstages ein Junge. Es war Sommer und warm, und ohne, daß jemand bemerkt hätte, wie es passiert war, lag der Junge auf einmal bäuchlings und mit allen Klamotten am Körper im seichten Uferwasser, lachte und planschte vergnügt mit den Beinen. Ich dachte, nun müsse er ganz gewiß sterben, so wie die Muscheln gestorben waren. Später fände man seine bleichen Knöchelchen aus den Kieseln herausstaken wie Schwemmholz. Die Bestürzung der Erwachsenen hielt sich in Grenzen und galt insbesondere den durchnäßten Kleidern. Du bist vielleicht einer, sagten sie kopfschüttelnd. Begriffen sie nicht, daß der arme Junge sterben mußte? Vielleicht taten sie nur harmlos, um ihn zu schonen und ihm die letzten Stunden leichter zu machen.
Auf dem Rückweg hielt ich Abstand von ihm und wich selbst noch den feuchten Platschern aus, die seine Füße auf dem staubigheißen Asphalt hinterließen. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen, und bedauerte den Jungen wie man einen Gezeichneten bedauert, der noch nichts ahnt von seinem Unglück: Noch lachte er, noch spritzte er mit Tropfen nach den andern; noch war er sogar stolz auf seinen Schabernack; und doch war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn das Gift kriegen, seine Haut schrumpeln würde, Blasen bekäme und es aus wäre mit dem Lachen.
Anderntags aber saß der Junge wieder in seiner Schulbank, als ob nichts vorgefallen wäre. Er trug frische Kleider, und seine Haut war heil. Ein paar Tage noch beobachtete ich ihn scharf, ob er vielleicht Schuppen bekäme oder ihm eine schöne Rückenflosse zwischen den Schulterblättern wachse. Aber nichts dergleichen geschah, und ob er Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen hat, habe ich nicht gesehen.

Und hier die Antwort

13. März 2014 § 7 Kommentare

Sehr geehrter Herr Solminore,
das von Ihnen bezeichnete Waldgebiet befindet sich weitestgehend im Eigentum privater Waldeigentümer; einige kleinere Areale sind Kommunalwald. Die Waldeigentümer sind berechtigt, ihren Wald zu bewirtschaften und dementsprechend Holz zu ernten. Dies ist in der Tat mit Belästigungen für den Waldbesucher verbunden, die leider nicht zu vermeiden sind. Das Regionalforstamt hat nur zum kleinere Teil Einfluss auf die Holzernte selbst. Diese liegt in der Organisation der privaten Waldeigentümer und der Forstbetriebsgemeinschaften.
Wir achten darauf, dass die forstgesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Rodungen, d. h. Umwandlungen von Wald in andere Nutzungsarten werden nicht durchgeführt. Die flächig genutzten Waldstücke müssen innerhalb von zwei Jahren wieder aufgeforstet werden.
Weiterhin wirken wir durch unsere beratenden Förster darauf hin, Kahlschläge zu vermeiden und die Holzernte möglichst schonend durchzuführen. Leider sind einige Fichtenwälder bereits durch Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer soweit geschädigt, das sie in den nächsten Jahren immer weiter verschwinden werden.
Die Durchforstungen sind ansonsten günstig für die Stabilität, Mischung und Wertentwicklung der Wälder.

Der nachwachsende Rohstoff Holz wird von uns allen in Form von Papier, Möbeln, Hausdächern etc. benötigt. Jeder Bundesbürger verbraucht ca. 1,5 m³/Jahr. Wenn dieser benötigte Rohstoff Holz nicht nachhaltig in den heimischen Wäldern produziert wird, dann wird er auf den Weltmärkten eingekauft und zum Teil aus Ländern importiert, in denen eine nachhaltige Waldnutzung nicht garantiert werden kann.

Die Bewirtschaftung des Waldes ist auch hinsichtlich des Klimawandels von Bedeutung. Die Bäume entnehmen bei ihrem Wachstum der Umgebungsluft CO2 und wandeln dieses klimaschädliche Gas im Zuge der Photosynthese in Holz um. Jährlich wachsen in unseren Wäldern Millionen von Festmetern Holz zu (ein Kubikmeter Holz speichert ca. eine Tonne CO2). Ein positiver Effekt lässt sich über eine Kaskadennutzung erzielen. Vom Rohprodukt Holz über eine Verarbeitung zu Bauholz, einem Recycling dieses Bauholzes zu Spanplatten bis hin zu einer energetischen Nutzung können mehrere Jahrzehnte vergehen. Je langlebiger Produkte aus Holz oder Zellstoff sind (z.B. Bauholz, Möbeln oder Papier), desto länger wird der Kohlenstoff der Atmosphäre entzogen. Hinzu kommen Substitutionseffekte, da alternativ zu Beton, Stahl oder fossiler Energieträger der nachwachsende Rohstoff Holz verwendet wird. Das von den Bäumen aufgenommene und im Holz gespeicherte CO2 wird der Atmosphäre und damit dem Kohlenstoffkreislauf über einen längeren Zeitraum entzogen und im Nutzholz fixiert.

Die Waldbewirtschaftung in Deutschland folgt dem Modell der multifunktionalen Waldwirtschaft, d. h. die drei Hauptfunktionen Erholung, Naturschutz und Rohstoffproduktion erfolgen auf der gleichen Fläche. Dies erfordert Kompromisse, die sich in ihrem Fall durch eine zeitlich befristete Belästigung der Waldbesucher auswirken.
Ich bitte um Verständnis für die Maßnahmen. Spätestens mit Laubausbruch werden die Hiebsmaßnahmen in den Laubwäldern für diese Saison beendet sein.

mit freundlichen Grüßen
FD Hugo Schelmenhorst

Anfrage ans Forstamt

12. März 2014 § 7 Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Frühjahr beobachte ich mit Besorgnis, daß in deutlich höherem Maß als sonst im nördlichen Vimbelwald zwischen Quellstetten, Lafter und Hemmelshain Holz eingeschlagen wird. Da dies mit beträchtlicher Verschlammung der Wege einhergeht, der Freizeitwert des Waldes auch in anderer Hinsicht durch Lärm, Gestank, hohes Aufkommen von Fahrzeugen, schließlich durch häßliche Rodungen erheblich gemindert wird, möchte ich mich an Sie wenden mit der Frage, wie lange das noch so weitergeht, und in welchem Ausmaß noch mehr Holzarbeiten zu erwarten sind. Betrachten Sie bitte diese Nachricht auch als freundliche Aufforderung, den Einschlag auf ein Mindestmaß zu reduzieren, bzw. günstigenfalls ganz einzustellen. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,

Solminore

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