Goethes Palmyra

10. September 2015 § 2 Kommentare

In der Italienischen Reise gelesen, zweiter Romaufenthalt. Darin die Erwähnung einer Zeichnung, auf der die Ruinen der Stadt Palmyra abgebildet sind. Merkwürdiges Gefühl, sich zu vergegenwärtigen, daß diese Ruinen im September des Jahres 1787 noch existierten, so daß Goethe vom Gegenstand der Zeichnung im Präsens sprechen konnte; daß sie aus dem Blickwinkel von 1787 schon uralt waren, zwei Jahrtausende auf ihrem Platz; und daß sie, immer vom Standpunkt 1787 aus, noch 228 Jahre stehen würden; und daß Goethe diese Zahl, 228, nicht bekannt war; aus seiner Sicht gab es jedenfalls keinen Grund, warum zwei Jahrhunderte nach seiner Begutachtung jener Zeichnung die Ruinen nicht mehr existieren sollten. Als Goethe davon schrieb, sollten sie noch sehr lange bestehen. Aber nicht ewig lange. Inzwischen sind sie Geschichte, und damit auch Goethes Text. Damit ist Posthum die Erwähnung des Dichters obsolet geworden. Traurig.
Die Welt ist nicht nur durch den Verlust dieser Tempelruinen ärmer geworden; man hat auch für immer das Gemeinsame mit allen Generationen vor uns verloren, für die das Bauwerk noch existierte; wir werden ihnen an dieser Stelle ab jetzt für immer etwas voraushaben, das sie nicht mehr einholen können.

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Meßdorf

7. April 2014 § 2 Kommentare

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus.

Wie sich da etwas verschob, auseinandergeriet, abermals zur Deckung kam: Als wäre plötzlich ganz leicht zu erreichen, was „jetzt“ heißt. ein für allemal. Wasser gluckerte, ein Vogel schlug klatschend die Schwingen. Stille strömte zurück. Ging dort nicht jemand? Unter den Pappeln, am Bach?

Von der Durchgangsstraße dröhnte der Feierabendverkehr, aber es war, als habe sich plötzlich ein Raum geöffnet, den das Brausen der Fahrzeuge nicht mehr erreichte. Fast drang das Licht aus den Fenstern des Gemeindezentrums bis hierher. Eine Kreuzung verschlammter Feldwege, Krümel von Abend, lotrechter Rauch. Überm Meßdorfer Feld hing ein Film transparenten Leuchtens, dessen Hall bis zu den Pappeln, dem Wegekreuz und dem Brückchen reichte und reihum auf Metall und Stein, auf Pfützen und Grasbüscheln liegenblieb. In der sinkenden Nacht geriet Nahes und Fernes in Verwirrung. Ein silbriger Steg in der Ferne des Dorfrands entpuppte sich als Wasserstreif vor den eigenen Füßen. Eine Fahrradlampe schwebte lange Minuten in nächster Nähe, ehe der Raum es sich plötzlich anderst überlegte und das Licht in einer angestauten Ferne verschwinden ließ.

Und dann, als alles still geworden und die Wege in Verwirrung gerieten, ging jemand dort unter den Pappeln. Ein Schleier hob sich, zwischen Büschen schimmerte ein Pfad, ein Schritt fiel, ein Kiesel sprang weg. Aus der Dämmerung glitt das schimmernde Geländer einer Brücke.

Plötzlich konzentriert sich der Abend auf diese Bewegung an seinem Rand, an seinen Augenwinkeln; wird sich des Haarschopfs bewußt, achtet auf die Rundung der Schultern, blickt auf die Silhouette, die da unter dem Firnis der aufziehenden Nacht erschienen ist, um sogleich wieder in den Wirrnissen der Uferböschung, zwischen den Pappeln, den Sträuchern, der Faltung des Wegs, zu verschwinden.

Aber noch nicht, nicht sofort: Noch könnte sie stehenbleiben, sich nach einem Hund umdrehen, im Erstarren der Bewegung mit den Spiegelungen des Bachs verschmelzen, mit dem Rest vom Restlicht, das auf den Pappelblättern liegt. Noch könnte sie diesem Abend einen geheimnisvollen Sinn verleihen.

Ich war schon vorüber, als mir das wieder einfiel. Der Abend war kalt bis in die Fingerspitzen. Die Kreuzung der Wege, die Säulen der Pappeln, die Brücke, das alles lag in einem ruhenden Zentrum von Bewegung, die nur knapp außerhalb der transparenten Begrenzungen dieses Raums stattfand. Lichter flackerten. Motoren brummten und verklangen. Reifenrauschen flutete an und ab. Hörbare Dinge; und doch reichte nichts davon in den Raum jenes Augenblicks, in dem ich einen Schritt machte oder viele, in der die Amsel zeterte (deren andere Lebendigkeit mit dem Leben auf der Kreuzung nicht in Berührung kam, niemals in Berührung würde kommen können), jenes Augenblicks, da drüben jemand ging und den Weg zum Bach einschlug; sich anschickte (während von der Kreuzung vor dem Gemeindehaus ein Wagen am Zebrastreifen bremste; vier Mobiltelephone ihre Nachricht versandten; eine Kirchturmglocke einmal schlug; eine Straßenbahn bremste), im dunklen Kanal zwischen Sträuchern und Pappeln zu verschwinden; nicht anhielt, nicht langsamer wurde, sondern selbstvergessen und ruhig, seiner selbst gewiß wie eine Figur, die seit Jahrhunderten sich auf einem Ölgemälde am rechten Platz weiß, die Schritte bachaufwärts lenkte, einmal hinter den Sträuchern flackerte, verschwand, wie sie es seit Jahrunderten zu tun pflegt.

Und plötzlich wimmelte es in diesem Abend von anderen Dingen. In den Pfützen war eben der Kirchturm zitternd zur Ruhe gekommen. Die Kiesel zogen eine Richtung aus dem Weg. Lichter waren, fern, punktförmig, als seien sie sich eben selbst wieder eingefallen. Kaum zu hören, hinter Schleiern und Schleiern aus Frost: der Bach. Der Bach und ein Schritt. Eine zeternde Amsel, die Stille, der Bach. Und dann dieser eine, leichte, fallende Schritt, dieser Irrtum von Schritt, eine Schuhspitze, die einen Kiesel wegstößt, eine Handvoll Erde, die nachgibt, ein Blatt. Die Erinnerung an ein Geräusch. Sonst nichts.

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus. Aber gerade hatte hinter mir eine Amsel gezetert; eine Glocke geschlagen; hatten sich zwei oder drei Zeiten gekreuzt und waren wieder auseinandergegangen, lautlos. Und einer dieser Stränge strahlte aus und wurde Zeit und Vergangenheit, und floß als Geschichte zurück in jenen Moment, da die Amsel gezetert hatte und dort am Bach jemand gegangen und als weicher Schatten unter den Pappeln verschwunden war.

Arboricidium

23. Februar 2014 § 8 Kommentare

Der Waldsaum jenseits der Pferdeweiden ist noch eine schmale Linie, da ist es schon hörbar, dringt das Jaulen und Heulen daraus hervor wie Warnrufe kampfbereiter Tiere. Eine ganze Herde davon scheint in diesem Waldstück zu kauern.
Das Geflimmer von Warnwesten zwischen den Baumstämmen ist mittlerweile ein ebenso verhaßter Anblick geworden wie die am Waldweg aufgereihten geländegängigen Fahrzeuge mit Anhänger. Überall sieht man sie jetzt, die orange- und gelbbejackten Männer mit den Visieren und den Motorsägen, wie archaische Krieger auf Beutezug stapfen sie durch Untergehölz, die Waffe im Anschlag. Die Verheerungen, die sie anrichten, sind überall sichtbar. Kronenskelette, Stammrümpfe, Aststücke, Kleinholz liegen herum, wo noch ein paar Wochen zuvor lichte Hallen von Buchen standen, von denen im Sommer angenehmer Schatten auf den Weg fiel; der führt jetzt durch eine Wüste; der Grund zwischen den herumliegenden, auf ihre weitere Zergliederung wartenden Baumteilen ist zertreten von den Stiefeln der Sägekrieger; das Unterholz, die Krautschicht sind beseitigt und niedergetrampelt; Striemen von Raupenfahrzeugen haben sich in den Grund zwischen den noch stehenden Stämmen gewälzt, und auch die Wege sind beschädigt von Raupenketten, zermalmt, zerschlammt, unbrauchbar. Zwischen Radfurchen sammelt sich öliges Wasser. Aus den Schlammassen ragen noch grüne, abgerissene Pflanzenteile. Es ist eine Schneise der Verheerung, in der eine lange Reihe von Fahrzeugen, Anhängern, Schleppmaschinen sich aufreiht wie Fliegen über einer schwärenden Wunde. Schleifspuren. Sägemehl. Überall liegt das Rostrot von abgeschürftem Bast und abgeplatzter Borke herum.
Der bittere Geruch von frischem Holz mischt sich mit dem öligen Dunst aus Zweitaktermotoren, Das Geheul der Maschinen pflanzt sich fort in verebbende Räume des Waldes, aus denen immer neues Gekreisch wieder anschwellend zurückflutet. Die Krieger müssen einander zubrüllen, sonst verstehen sie ihr eigenes Wort nicht. Die Sägen hinterlassen klaffende Lichtungen, in die der Blick hineinstürzt wie in eine Grube. Darüber zuckt der Himmel zusammen, als schäme er sich seiner Nacktheit. Die Bäume am Rand der neuen Lichtungen scheinen frierend auf einem Bein zu balancieren, seit Jahren im Bestand stehend, fehlt ihnen das niedere Laub, das den Waldsaum natürlicherweise nach außen abschließt. Alle halbe Stunde prasselt ein Baum nieder. Was stehenbleibt am Rand des Schlachtfelds erledigt der nächste Frühjahrssturm, schon liegen die ersten Fichten quer überm Weg. Wir gut, nehmen wir die auch noch mit. Es hat etwas von Raserei.
Und es beschränkt sich nicht auf den Wald. Am Bahnhof unweit meines Zuhauses hat bis vor kurzem eine Pappel gestanden, dreißig, vierzig Meter Baum, eine Pyramidenpappel, im Sommer ein rauschendes, rieselndes, flimmerndes Fest, im Winter ein faszinierendes, fraktales Gebilde aus scheinbar wirren, eine höhere Ordnung bildenden Ästen. Alles ringsum lag unter ihrem Schatten und im Bannkreis ihres Rauschens wie unter einem gütigen Zelt. Nach jedem Sturm war der Bahnsteig von kleinen Zweigen übersät; im Frühsommer unter dem Schnee der fluffigen Samen. Im Herbst leuchtete das heruntergewehte Laub. Im Sommer fiel das dunkelgrüne Rauschen in der Säule der schlanken Krone herab und stieg als silbrige Walze wieder daran empor, ein Träumen von Klang, ein Flimmern von Licht. Wer je an einem heißen Sommertag Erholung und Schatten unter einer Pappel gesucht und gefunden hat; wer je an einem winterlichen Fluß unter den filigranen Skeletten entlaubter Pappeln spazierengegangen ist, in deren Geäst der finstere Himmel festhing; wer je an einem Badesee schläfrig ins Laub der Pappeln am Ufer geblickt hat, verzaubert vom nimmergleichen Spiel des Flimmerns (wie Sonnenglitzern auf einem Fluß) – der weiß, wovon ich rede.
Wo diese Pappel letzte Woche noch stand, ist jetzt nur noch kahler Himmel. Wie zum Ersatz erhebt sich an der Stelle ein Händie-Sendemast. Der ist früher, von der Pappel buchstäblich in den Schatten gestellt, gar nicht aufgefallen. Häuserreihen, freiliegende Vorgärten. Es wimmelt plötzlich von allen möglichen Horizontalen. Am Himmel eine klaffende Leere, Gewölk, fliehende Vögel. Der Sendemast ragt hämisch in die Lücke hinein.
Ich weiß nicht, was es damit auf sich hat. Auf meinem Weg zur Straßenbahnhaltestelle haben sie eine Hecke herausgerissen. Stumpf und Stiel, die Erde eine einzige Schürfung. An meiner Laufstrecke liegt plötzlich ein gestern noch gebüschbestandener Wall kahl da. Überall Erde, Stümpfe, Wunden. Ich verstehe es nicht.
Und dann dieser verbissene Kahlschlag im Wald. Wald? Ein Sägewerk ist das. Ich kann mich nicht erinnern, daß das früher auch schon so praktiziert wurde. Nicht so. Nicht in dieser methodischen, generalstabsmäßigen Weise. Damit es eine handvoll Menschen ein paar Wochen im Jahr gemütlich warm haben, ist für hunderte von Wanderern, Läufern, Spaziergängern, Dendrophilen, Pilzsuchern der Wald auf Jahrzehnte verschandelt.
Gibt’s dafür eine Prämie? Wird demnächst der Vogelschutz verschärft, so daß vorher noch mal ordentlich gefällt werden muß? Ist 2014 das Jahr der Motorsäge? Ich verstehe es nicht.
Mag sein, daß die Pappel alt war und wegmußte. Pappeln leben nicht lange, ihr Holz ist nicht stabil, man möchte nicht eine plötzlich umgefallene Pappel von den Schienen räumen. Das verstehe ich. Aber alt oder nicht, wenn so ein Baum wegkommt, möchte ich weinen.
Pappeln mögen schnellwüchsig sein. Trotzdem: In meiner Lebenszeit wird dort kein solcher Baum mehr zu so einer Pracht heranwachsen wie diese schöne Pappel einer gewesen ist.

Am Fenster

16. Februar 2014 § 6 Kommentare

Es wimmelt von kleinen Toden im Garten.
Schillern von Insektenflügeln. Blindheit von Kröten. Spalten im Kalk, darin Schicht um Jahresschicht von Schatten. Auf dem Mäuerchen über den geöffneten Klingen einer Gartenschere ein gelbes Blatt. Kirsche oder Pflaume. Seine Adern in der Sonne leuchtend. Drüben die Terrasse, ein Menschenalter entfernt. Eine Jugend wurde woanders zu Stein. Wolken betrachten sich in den Fensterscheiben. Das Tal fällt vom Garten hinab zu den Straßen, den Kreuzungen, den flackernden Ampeln.
Auf der Fensterbank reifen Bläschen im Brunnenwasser. Das nach unten aufgeschlagene Buch nickt, als sei es seiner eigenen Geschichte müde.
Im Fenster ein Baum, die kahlen Äste hinausgestreckt in eine stets anwachsende Helligkeit, deren Diesseits, fühlt man, plötzlich nichts als papierener Schatten ist. Der Baum weiß, wie hell der Raum ist, in dem seine Zweige verschwinden, hinter der Mauer. Hinter dem Rahmen, der Uhr, dem allerneuesten, allerbuntesten Kalender.
Als wäre die Zeit genau das. Je neuer, desto bunter.
Jenseits der kleinen Tode, im Garten, auf der Mauer, erhebt sich auf leisen Sohlen das Licht. Eine kaum merkliche Regung und Richtung. Im Gras ein Paar Handschuhe mit Halmen zwischen den Fingern, eine weggeworfene Harke, ein Gummistiefel, aufrecht, im Schritt verlorengegangen. Zeichen eines lang verschwundenen Nachmittags, als hier jemand ging und den Stiefel stehenließ. Die Sonne wendet sich ab, zittrig, von blassen Vögeln durcheilt. Ein Strauch hält eine Jacke in den Wind.
Im Garten bleiben die Rosen zurück, der Stein, eine Sichel, die Schere, der Maulwurfshügel. In den Regentonnen hat sich vor Jahren einmal ein Herbst gespiegelt. Nun sind sie stumpf. Dunkelheit steigt daraus empor. Ein Falter findet den Tod in einer Pfütze voller Wolken. Plötzlich kann man das Raspeln hören, mit dem die Ränderchen des Kirschblatts ins Licht sägen. Die Farben schlagen die Augen auf. Am Fenster der Blick, lichtauf, zur Mauer, woher alles strömt, lichtauf, und noch, und noch. Was wäre das für ein Blick, der dieser Richtung folgen könnte, hinauf und weiter bis zum Ende des Leuchtens.
Einen Ast noch hoch, gerichtetes Strahlen, und weiter, und heller. Die Mauer zerfällt, durch die Jacke bläst der Wind, der Gummistiefel füllt sich mit Wasser. Das Licht aber steigt darüber hinweg, schwebt, stößt sich ab von der leeren, leichten, federnden Krone des Ahorns. Wo das, was sich im Tag versammelt, zum Greifen fern ist. Hinter der Wand, jenseits des Kalenders. Die Tapete stürzt ins Dunkel, während draußen der Hasel leuchtet. Ein Wasserhahn tropft. Eine Diele knarrt. Der Raum pflanzt sich fort und zeigt auf sein eigenes Jetzt. Irgendwo zwischen Wand und Baum und Ast, losgelöst von Schere, Kirschblatt, Harke. Losgelöst von Stein, Mauer, Schatten, aufwärts. Weiter. Ein unerreichbar nahes Anderssein im Licht. Die Wolken sind schon immer von hier. Und der Wind. Dahinter aber schweigt alles. Vögel kommen nicht von dort. Keine Stimmen. Kein Ton.

14. März 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Über einen Briefblock wandern. Noch einmal die Dimensionen des leeren Blatts vermessen. Ein Stück der wortlosen Unendlichkeit einholen mit dem abnehmenden Bleistift. Sich Sprachen ausdenken und die dreizehntönige Oktave. Die Dinge noch einmal frisch aus der Taufe heben. Alte Steine umdrehen. Dem Regenbogen neue Farben zuerfinden.

Der Zeit beizukommen versuchen.

Diesen Morgen in den Griff kriegen, bevor er einen in den Griff kriegt. Endlich die Schuhe geschnürt und ins Feld hinaus, wie in ein leeres Blatt da hineinspaziert, unter dem Himmel voller Frostblumen und den am Horizont festgeeisten Wegen.

Wo die Drähte am Firmament summen, erschauern die Hügel. Die verdorrten Alphabete abgelegter Jahreszeiten bleiben hängen im Haar. Tritte und Furchen und Schnittflächen, losgelöst von Sinn und Zeit, wie alte Kreidespuren vom letzten am ersten Tag des neuen Schuljahrs. Nicht ganz wirklich, ein Salto der Erinnerung. Frostbeeren, klatschrot, die letzten Vorräte leuchtender Farbe. Unpassend fast, wie die Vögel singen. Dreist, sich jetzt wieder zu Wort zu melden, als wäre nichts gewesen. Riesenschatten liegen quer überm Acker. Hagebutten kratzen an den Schollen. Diesen Ort hat es schon gegeben, als wir uns noch gar nicht kannten. Auch Vögel gab es da schon. Verrückt.

Die klammen Füße auf die Matte gestampft. Wieder allein in der Küche gehockt, das Kinn auf die Hand gestützt, den Abendsaum schwer an den Lidern. Der Briefblock liegt noch von gestern so da, der abgekaute Bleistift im selben Winkel, die Tasse mit ihren vielen Schichten Tannin löst sich in ihrem Schatten auf. Als wäre es schon immer so gewesen, das Jetzt ist nur ein Beispiel für Alles. Wie wäre es, dich nach so langer Zeit wiederzusehen. Den Bleistift berühren und es dann doch nicht tun. Die Unmöglichkeit der Unmöglichkeit der Liebe einsehen. Wieviele Steine noch umwenden. Der größte Irrtum. Der größte im Leben. Nie wieder wird man sich so irren, so irren können, ist das jetzt tröstlich. Kein Licht machen. Endlich nach dem Stift greifen.

Dir beizukommen versuchen mit dem weißen Blatt.

Oder dem weißen Blatt mit Dir.

Die Lieben, die wir schreiben

29. Januar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Den Stunden nachfühlen, ihrem schleppenden Gang. Eselsohren in den Minuten, daß man sie leichter wiederfindet. Die Gleichnisse zerbröckeln, den bedruckten Rest vergestern. Am Fluß, wo du ein Paar warst und ich nicht. In der Bahn, wo der Mut nicht reichte zum Knaben und der Ägypterin, und der Sommer zu groß war für die Zeitungen, die Zukunft zu groß für uns. Schleppender Zunge in den Tag hineingehechelt. So getan, als wäre alles Alles. Dabei war’s schon fast aufgebraucht. Was sollte auch danach noch kommen. Nachschriften. Kommentare zu dem Tag, in dem wir einmal zu Hause waren. Ein verhaltenes Lächeln über einen Tisch, das war schon an der Grenze zu einem ganz anderen Tag. Der nichts mehr davon enthielt. Den wir zu vergestern vergaßen. Erst später, nachdem Jahre geseufzt hatten, erinnerte sich eine Notiz an jenes Gesicht, und es war, als spräche ein verlorengegangenes Ich zu mir selbst. Ach, die Amseln am Abend. Die nie genug bekommen konnten. Die alles hatten.
Neue Namen, alte Wünsche. Spitzen wir die Bleistifte, ziehen wir die Uhren auf, lassen wir die Dämmerung ins Haus. Kehren wir noch einmal zurück zur Zukunft, die uns aus den Augen verlor. Am schönsten sind die Lieben, die wir selbst schreiben.

Nach Hause

30. August 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Nachhausekommen gelingt nicht mehr. Du steigst aus dem Zug, gehst die stillen Straßen hinunter, schließt die Tür auf. Zuhause bist du nicht, lange nicht, lange nicht mehr gewesen. Trauer, wieder Trauer. Worüber? Über einen unnennbaren Verlust. Ohne Wortweiser. Die Gedichte rühren zu Tränen, aber du betrachtest sie von einer anderen Welt aus, von deiner Warte des Verlorenseins, und drüben, die Worte, die von je du kennst, sie haben sich aus dem Wirklichen gelöst, in das du auch eingebettet sein durftest, einmal, jetzt aber nicht mehr. Jahre und Jahre und Licht, den Duft der Tannen in der Nase, die Krähen, die Felder, an deren Stoppeln sich das Licht bricht, in die Ferne hinein, die dich immer auch enthielt, ein Stück weit, deine Ferne war, aber erst jetzt, wo du das kennst, bedeutet es etwas. Und auch dieses hast du verloren, wie die Heimat der Gedichte, an irgend einer Wegkreuzung hast du dich aufgemacht, aber wann das war, das bekommst du einfach nicht mehr zusammen, oder wo, fassungslos blätterst du die Tagebücher auf, da steht sie, die Jahreszahl, das Datum, aber wann das war? Nicht einmal deine eigene Schrift ist das doch noch, so krakelig, so steil und stolz, das sollst du geschrieben haben? Woher denn dieser Stolz? Nein. Das ist weg. Weg wie die Pfade, wie die Abenddämmerung, die Heimkehr, ja, die Heimkehr, dieser langsame Schritt in ein warmes Licht von Stube und Sorglosigkeit, Duft und Lernendürfen und Ruhe, dieses Nachhausekommen, das dir, egal, wo du wohnst, gleich wie die Laternen, die Fenster, die Eulen oder die Bahnen der Fledermäuse beschaffen sind, gleichwie, nicht mehr gelingen will, einfach nicht mehr gelingt.

Auf dem Kalender, du warst

2. Juni 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Auf dem Kalender du warst
voller Farben man mußte umzukringeln
gehabt haben, anzuworten sich und einander
der Abend brach sich an den Gladiolen, einst war
jetzt auf dem Kalender.
Du verschwandest als
die Straßenbahn noch zum alten Bahnhof fuhr,
man das Brötchen nach Pfennigen maß.
Vorwärts, rückwärts die Zahl ergab
Sinne zuviel. Woran es fehlte, war Sinnloses,
so ein Gekritzel mit Stiften, Zehen
oder Fühlern, waren Buchstaben auf Stein wie
von der Wimper gemalt, waren
Spuren, in Borke gebrannt, Fleckzeichen aus
Spucke so leicht nachzulesen wenn
man den Blick der Libelle einnahm,
eh es die Sonne wegbrannte. Und Singen im Dunkeln.
Wann sie die Straßenbahn umgeleitet, die neuen
Münzen geprägt, die Fabrik abgerissen, den
Pflaumenbaum gefällt haben, der Kalender weiß es nicht mehr.
Was aber plötzlich fehlte:
Schnecken über Warzen laufenlassen,
Weidenflöten schnitzen, Limoblubbern.
Sandgeriesel, Förmchenformen. Strand der aufbricht, wo
du den Bauch vorwölbst, so was, ein Erdbeben, riefst du,
und deine Zehen kamen herausgewackelt
und hast später dann gesungen im Dunkel, Fuß an Fuß
Krümeliges zwischen zwanzig Zehen, und die Haut
satt vom Himmel, den hatte sie ausgetrunken,
der Abend brach sich in deinem Nabel
und da hat das Dunkel gesungen
mit deinen Lippen, gezwitschert vielleicht
war’s auch die Amsel, hielt mich
der ferne Mond mit deinen erkühlten Händen
und was die Tausendfüßler mir mit deinen Fingern,
kein Kringel sagt’s dem Kalender, kein Käferblick hebt sowas auf.

Bad Suderode

6. August 2007 § 2 Kommentare

Von einer Reise zu berichten. Wenn ich die Augen schließe, ein Bahnhof. Kopfsteinpflaster im Regen, Backstein, Weidenröschen zwischen aufgeplatzen Steinen. Wasser pladdert aus einem Rohr auf die Straße. Ein Fenster, das jünger ist als alles außenrum, eine weiße Gardine hinter den Scheiben, rein wie eine Kapitulationsflagge. Am Fuß des Gemäuers ein Absatz aus Beton, eine Art flacher Rampe, darin eingelassen zwei Klappen aus Eisen. In der Verlängerung des Gebäudes leere Flächen, leerer Himmel, mehr Weidensröschen, eine Reihe stilettartiger Pappeln. Ich denke mir einen Güterwaggon dazu, auf einem Abstellgleis, einen rostroten Güterwaggon mit schweren ölschwarzen Puffern. Einen Kohleberg dazu. Schuttberge. Züge fahren hier schon lange nicht mehr. Die Schrift über dem Eingang abgeblättert, der Ortsname unleserlich. Aber: ein knallrotes, frisches „DB“. Die Glastür des Eingangs führt in staubige Blindheit, die schrägen Holzgriffe der Schwingtür sind angenehm abgegriffen, warm fast, als hätten sie die Hast so vieler Hände gespeichert. Man möchte hier bleiben, es sich gemütlich machen irgendwo und dem Regen zuhören, wie er von den Stromleitungen tropft, gegen die Scheiben mit der weißen Gardine schlägt, durch die Regenrinne rieselt. In der ferne rauchen die Hügel. Die Gleise schimmern in ihrem Bett aus Porphyr. Die Leitungen schwingen. Man kann von hier nirgendwohin, also bleibt man. Gegenüber im Garten leuchtet buntes Kinderspielzeug.

ansonsten:

18. April 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

ein labiles gleichgewicht. meine melancholie ist längst so eine mit spinnweben dran. das bestimmt allerdings nur die art, nicht das leuchten, der melancholie
ansonsten: melancholisch, je sommerer desto -ischer. nun ja. alles lange her. ebenso lange her wie die zeit währte, da wir zusammen waren.
und das alles auch noch in den armen einer neuen beziehung, die daran nichts ändern kann. eine imaginäre untreue: ich betrüge meine frau mit einer erinnerung.

Wo bin ich?

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