Sonntagsausflug

25. September 2014 § 3 Kommentare

Farben, Licht, das bunte Durcheinander, alles scheint plötzlich wie schlecht abgemalt. Der Hafen, die Mole, der Wein am andern Ufer, die Gesichter, der Sonntagsstaat der Flaneure, die billigen Regenjacken vom Discounter, der Eiswagen, die Infotafeln, alles nur eine Kulisse, hinter der nicht einmal ein Grauen lauert, nur eine schreckliche, unauflösbare, allherrschende Ödnis. Keine Schönheit gibt es, die hier irgendeine Form von Echtheit noch bewirken könnte, bevor es für immer für alles zu spät ist, zu spät auch für eine Flucht. Wohin denn entkommen? Und da ist das alles schon alles, das bunte Treiben, der Wind, die Tauben, die sich vor sich selbst ekeln, ist dies das Echte und Eigentliche des ganzen Lebens, diese entsetzliche, trostlose Traurigkeit dieser billigen, nicht einmal häßlichen Melodien, die sich ins Herz schleichen wie süß schmeckendes Gift. Ich wehre mich, balle die Hände zur Faust. Aber eine Unkraft befällt mich, die Schritte werden müde, das Pflaster ist plötzlich so hart, Llorando se fue, und der Weg so weit, wäre es nicht besser, sich hier auf die Bank zu setzen und der Greis zu werden, der man bereits ist seit der Geburt? Ich sehe die Kinder eine Münze gegen ein Eis tauschen, Faria, faria ho! Wie gespannt sie sind. Wie fraglos überzeugt von allem. Ich bin allein, ich bin ganz und gar allein, faria ho! Niemand deutet mir das, die Blicke sind leer, das Lachen wie aus dem Schlund von Automaten. Ich sitze auf der Bank, das Wasser kräuselt sich schwarz unter den Füßen, nicht einmal der Strom ist noch echt, ich gehe in einer kolorierten Kitschpostkarte herum, und es gibt nichts Schönes mehr auf der Welt, die Welt geht im Kreis wie die Melodie, wie der Arm des Leierkastenmannes, ach, du lieber Augustin, alles ist hin.
Wer erklärt mir diese Traurigkeit? Eine wimmernde Folge nicht einmal trauriger Akkorde, und da ist plötzlich diese Vergeblichkeit in allem und allem. Die Farben erbleichen, die Schatten sperren das Maul auf, die Fahnen drohen, es ist, als fröstele es die Zeit selbst unter einer kalten Brise. Wind treibt die Klänge eines Akkordeons oder Leierkastens über den Platz heran. Dazu wandeln fröhliche Menschen allenthalben, Reiterstandbilder starren vor Stolz, Kinder scharen sich um einen Eiswagen, die eifrige Münze in der warmen Hand. Niemand bemerkt es. Alle sind hohl. Puppen. Marionetten an unsichtbaren Fäden. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß niemand das Schreckliche dieser Weisen bemerkt? , Quetschkommode, Leierkasten, Schifferklavier: Wäre die Melodie, die diesem Kasten entströmt, häßlich, verstimmt, falsch, ich würde lachen. Aber die Melodien sind nicht häßlich, das Schlimme ist, sie sind nicht einmal das. Ohne selbst traurig sein zu wollen, verströmen sie unter der Absicht einer billigen guten Laune eine Traurigkeit, für die es keinen Trost gibt. Selbst nicht schön, negieren sie auch alles Schöne, negieren sie alles, was Musik sein kann, daß selbst die Erinnerung an alles, was nur je schön und echt und wahr gewesen ist, im Herzen getötet wird.
Eine Münze klimpert, der Leierkastenmann macht eine Verbeugung, mechanisch auch sie, mechanisch wie der zur Maschine gewordene Kurbelarm, der Münzwerfer bleibt einen Moment stehen, in künstlerischem Entzücken, aus schierer Langeweile, aus Mitleid oder weil er ja schließlich bezahlt hat, er bleibt stehen, hält den Kopf ein wenig schief, nicht den Leierkasten schaut er an, sondern auf das Kind, den kleinen Jungen an seiner Seite. Der steht halb abgewandt, in einer Haltung starrer Abwehr, die Ärmchen erhoben, die Hände so kräftig, so entschieden auf die Ohren gepreßt, daß man die Knöchel weiß hervorschimmern sieht. Eine steile Falte der Mißbilligung und Ungeduld steht ihm auf der Stirne. Der Vater zeigt auf den Leierkasten, spricht, deutet, hält dem Kind eine Münze hin, wirbt und schmeichelt, zeigt wieder auf den Leierkastenmann, schnippst dem Jungen noch den Takt vor. Der aber preßt die Hände noch stärker auf die Ohren und schüttelt energisch den Kopf, ignoriert die Münze, will weg, hat genug, leidet mit jeder Faser seines Körpers.
Hör doch mal hin, ruft da der Vater aus. Mit einer herrischen Geste reißt er dem Jungen beide Hände vom Kopf; und für einen Moment, in dem der ganze Platz zusammenzuzucken scheint, in dem der Kaiser sich mit einem Ruck auf dem Gaul aufrecht setzt, die Tauben aufflattern und die Silberköpfe der Seniorengruppe sich umwenden nach so viel echtem Geräusch; für diesen Moment übertönt der Klagelaut des Knaben selbst noch die Diskantpfeifen des Leierkastens, zerschlägt sein Gebrüll all die Trostlosigkeit entzwei. Erschrocken läßt der Vater das Kind los, wirft schnell noch die Münze in den Hut, bevor er dem Sohn nachläuft und beide im Menschengewimmel verschwinden. Das Wasser gurgelt, die Tauben lassen sich auf dem Haupt des Kaisers nieder, der Arm des Leierkastenmannes kurbelt, hollahi, hollaho, die Melodie ist nicht aus dem Takt.

Zeppelinstraße

28. Juni 2014 § 12 Kommentare

Es ist Sonntag, es ist Trödel, und es ist zu heiß. Der Stadtpark riecht nach Hundekot, die Zeppelinstraße nach Würstchen und gebrannten Mandeln. In der drückenden Hitze flaniert alles schweigend und in äußerster Konzentration an den Ständen hinauf und hinunter, nur keine Bewegung zuviel. Während in den Seitenstraßen Sonntag herrscht und die Sonne schweigende Schatten wirft, schiebt man sich diesseits der Woche im Gedränge vorwärts. Neben tatsächlichen Flohmarktgütern, alten Kinderbüchern, ausrangierten Schuhen, mehr oder weniger gepflegt, Spielzeug, Porzellan, Plunder aller Art, gibt es auch professionelle Anbieter, die billige und billigste Mode, hundert Arten Batterien, Wecker, Wischblätter feilhalten. In einem Karton stapeln sich Videokassetten, in einem anderen Was-ist-Was-Bände mit Titeln in drolligen Typen. Abenteuerbücher vergessener Autoren, verblassende Umschlagbilder, ein Kaleidoskop des Vergessenen und Vergeblichen, das Stand um Stand die ausrangierten Telephone, Flachbildschirme und Laptops fortsetzen, zu alt um noch einen Zweck zu haben, zu jung, zu häßlich, zu lieblos gefertigt, um das Kostbare des Vergangenen zu besitzen, man möchte es so schnell wie möglich vergessen wie eigene Jugendsünden. Zeitlos, weil ausgereift seit Jahrzehnten: Wasserhähne, Schraubgewinde, Werkzeuge. Eine alte Waage mit Gewichten, alt genug, um schön zu sein; beliebige Vasen, Tassen, Modellbauteile, die vielleicht noch einen Sammler interessieren, und kurz bevor ich sie erblicke, die ich dann doch nicht kaufe, eine alte Olympia-Reiseschreibmaschine, wahrscheinlich das einzige Stück, das den Besuch gelohnt hätte, spüre ich etwas Feuchtkühles an der Hand. Ich drehe mich um und sehe geradewegs in das Flehende eines hechelnden Hundegesichts, kurz bevor die Leine das Tier wegreißt.

Rauchschwaden vom türkischen Grill, Lammfleisch und Knoblauch, auf der anderen Seite selbstgebackener Kuchen. Die Gerüche lassen sich ertragen, es könnte schlimmer sein. Schlimm ist nicht, wie es riecht, schlimm ist, wie es klingt: Links ein echter Indianer mit falschem Federschmuck, aus einer Lautsprecherbox quillt süßlicher Panflötendunst; rings um eine Art von Bühne eine Art von Galerie mit so etwas wie Bildern, Paradiesvögel, Heilige, Gebirgslandschaften in Bonbonfarben, ein Condor, natürlich, selbst dem Indianer ist es unter dem Federschmuck zu heiß in der Zeppelinstraße, er setzt sich, Erschöpfung in den Zügen, später wird er wahrscheinlich singen müssen oder wenigstens Panflöten pfeifen.

Zuerst singt aber jemand anders. Eine Bühne, Lifemusik, die Sängerin hat den Kniff mit dem knarrenden Stimmeinsatz schon ganz gut raus, ein Liebeslied, das vom Glück irgendwo, irgendwie, irgendwann handelt, tröstlich in der Unbestimmtheit, mach dir nichts draus, kommt alles noch, auch du, auch wir werden es schaffen. Dreiklänge rauf und runter, ein trauriges Dur, klebrig, gelb, süß, ekelhaft. Ich wehre mich gegen dieses Gefühl in Flaschen, gegen den rauhen Stimmeinsatz, gegen das Akkordgewaber, gegen die Herzenszumutung. Ich verziehe das Gesicht gegen diesen aspartamsauren, geschmacksverstärkten Seim, gehe schneller und wische mir den Schauer von den Armen. Ich will das nicht, dieses Gefühlsimitat, es ist aufdringlich und anbiedernd, irgendwo, irgendwann, irgendwie falsch, nein, nicht falsch, nicht einmal das.

Später der Marktplatz. Rathaus links, Einkaufszentrum rechts, die meterhohe Löwenstatue auf ihrem rechteckigen Sockel, ein gigantischer Petzispender mittig auf dem Platz, ringsum ziemlich viel Raum für sengende Sonne auf Pflastersteinen, menschenleer, alle Schaufenster dunkel, nicht einmal Tauben trauen sich, die Schaufensterpuppen starren hinter Sonnenbrillen über die blankgewischte Fläche, einzig echt ist das Gold auf der Rathauskuppel; es sieht aus, als sei es bei der letzten Plünderung übersehen worden.
Der süße Seim, das billige Gefühl, man entkommt ihm nicht. Hier ist es eine Saxophonmelodie, die aus der einzigen geöffneten Kneipe über den Platz schallt. Zwei Tische im Schatten der Arkade, halbvolle Weizenbiergläser und davor, halb in der Sonne, halb unter einer Markise, ein Paar, das sich umschlungen hält und tanzt, nach Art älterer Menschen, die das Tanzen seit vielen Jahren verlernt haben, ein Sich-Wiegen und Schunkeln, unbeholfen, Hüfte an Hüfte, je ein rechter und linker Arm mehr in der Absicht als in der Verwirklichung eines Tanzes verschränkt und ausgestreckt, sie schwanken, als hielten sie sich gegenseitig fest und hinderten so einander am Umfallen. Das Saxophon hallt von den erhitzten Fassaden wieder, die Schlagermelodie wabert in mehrfachen Schichten über den Platz und dringt bis in die Gänge des verödeten Einkaufszentrums vor, runtergelassene Läden, erloschene Beleuchtung, man glaubt, das Schlüsselklappern eines Wachmanns zu hören, die Tür vielleicht nur aus Versehen nicht abgeschlossen. Aus Versehen, wie das alles hier nur ein Versehen ist, das Saxophon, das tanzende Paar, die Tränen, halt mich fest, wer, du, ich bin auch nur hier, weil es kein anderswo gibt. Kein irgendwann, irgendwie, irgendwo.

Laß uns gehen. Bitte. Wohin? Irgendwohin. Die Cafés haben geschlossen, kein Eis, keine Erfrischung, kein Platz zum Sitzen. Wir gehen und schauen, aber zu sehen gibt es nichts. Doch noch zurück und die Schreibmaschine kaufen? Es kommt mir sinnlos vor, ein elendes Aufbegehren gegen die Zeit, morgen wird alles anders. Größer, schöner, jedenfalls besser. Die Fußgängerzone von Sonne und Sonntag verwüstet, an einer Leuchtreklame fehlt ein Buchstabe, Alles für einen Euro, das läßt sich nur noch mit Geschäftsaufgabe unterbieten, und daran, an mit Pappkarton zugeklebten Fassaden, an ausgebleichten Zu-Vermieten-Schildern, herrscht kein Mangel. Drüben, in weiter Ferne über der Stadt, schwebt unerreichbar ein Waldsaum, es wäre schön, wenn die Wolken darüber ein Gewitter bedeuteten. Wir gehen, das Pflaster brennt, die Füße schmerzen. Der Brunnen plätschert im Todeskampf.

Ein älterer Mann mit grauem Schnauzer und schlohweißem Haar, am Stock, sehr gepflegt angezogen, Lederschuhe, dunkle Hose, hellblaues Hemd, kommt uns die Fußgängerzone herauf entgegen, schwankend, aber so gut zu Fuß wie alte Männer manchmal gut zu Fuß sind, beharrlich, ausdauernd, nicht aus der Ruhe und dem Tritt zu bringen. Auf unserer Höhe zwinkert er, bleibt stehen, stützt sich auf seinen Stock, wendet sich halb nach uns um. Er öffnet den Mund, vielleicht nur, um Atem zu schöpfen, ich weiß nicht, ob er uns ansprechen wollte, ob wir zu unaufmerksam waren oder zu hastig für seine Ruhe. Vielleicht hat er uns nach dem Weg fragen wollen und es sich im letzten Moment noch anders überlegt, als er unsere Gesichter sah. Vielleicht haben wir ihn erschreckt, womöglich sehen wir bereits genauso hoffnungslos aus wie die ganze Stadt um uns herum, nicht irgendwann, sondern jetzt.

Rodestraße (Noch ein Morgen)

10. Mai 2014 § 5 Kommentare

Am Tisch, des Morgens. Die Schattenspiele betrachten. Den Rücken zum Licht und zur Frühe. Mit halbem Ohr auf die Vögel achten. Der blankgewischte Tisch. Die erloschene Kerze vom Abend. Die verblühte Akelei. Die Schlafende im Nebenzimmer. Ein Wind weht durch die Schatten, kräuselt den Schimmer auf der Tapete. Die Küche schrumpft zu einem Ensemble stumpfer Flächen. Die Uhr nimmt ihr Ticken wieder auf, die Zeit schreitet fort und von etwas weg, das du wieder nicht erfaßt hast. Die Flächen stellen sich dicht an dicht. Die Reflexe auf den Gläsern sind starr, die Blütenblätter liegen in derselben Ordnung um die Vase, nur im Schließen des Augenblicks, in seinem Vorbeisein, merkst du es und hast es schon wieder verloren. Wie dieser Schimmer vielleicht in den Strom der Zeit hineinfiel, ein Wehen vorbeistrich, ein Wort beinahe hörbar wurde. Die Fläche des Glases, die mehr trennt als Drinnen und Draußen. Das Licht schwindet, kommt wieder, erlischt endgültig, die Vögel verstummen einer nach dem anderen, als gäben sie ihn schon auf, diesen Morgen, diesen kaum begonnenen Tag.
Sich zusammenreißen, noch einen Absatz schreiben; Kaffee machen, ins Nebenzimmer und wecken gehen und los, und weitermachen, als wäre das schon alles, als wäre wieder nichts geschehen.

Nie wach genug

8. April 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Und ich habe ihn schon gefürchtet, diesen Moment, als wir vorgestern noch am Planen und am Freuen waren. Den Moment, da alles wieder vorbei und Erzählung sein würde. Die mühsamen Stunden danach. Ganz gleich, wie sehr ich mich konzentriere („jetzt bist du da, jetzt und jetzt und jetzt; du hältst meine Hand, deine Stirn leuchtet, ich küsse deine Stirn, du lächelst, ich sage etwas, du küßt mich“), ganz gleich, wie sehr ich mich vollzusaugen bemühe mit deiner Gegenwart, der Tatsache, daß du da bist, ich dich sehe, rieche, küsse, auf die Spur zu kommen mich anstrenge; ganz gleich, wie genau ich versuche, mir alles ganz, ganz genau einzuprägen („schau dir die Fingerkuppen an, diese Brauen, merk dir, wie sich das anfühlt, wenn unsere Hände sich verschränken, präg dir ein wie es ist, wenn ich diese Hände an meiner Brust halte, wie feingliedrig sie sind, wie kühl, wie fühlend, wie sehr ihre Finger. Sei wach!“), ganz gleich, wieviel ich von dir mitzunehmen mich anstrenge, mit Augen, Nase, Geist, mit allem, was Wachheit ist – wenn unsere Hände sich endgültig voneinander gelöst haben; wenn du einsteigst; wenn du nur noch ein Schemen hinter Glas bist, schon einen ganz anderen Raum bewohnst als ich: Dann bricht ein Sinn nach dem anderen von dir weg und verwandelt sich im selben Augenblick in Erinnerung; der Druck deiner Hand ist schon Erinnerung, wenn du dich in die Schlange stellst; dein Duft ist schon Erinnerung, während du einsteigst, deine Stimme, dein Lachen ist schon Erinnerung, während ich beobachte, wo du dich hinsetzt; dann ist nur noch dein Lächeln mit meiner eigenen Spiegelung darüber bei mir, und wie du die Hand an die Scheibe legst; wie du lächelst, während der Zug sich und dich darin in Bewegung setzt; weniger und weniger von dir, und zuletzt nur noch deine winkende Hand, und da weiß ich schon nicht mehr, siehst du mich noch, kannst du mich noch erkennen, meine winkende, erhobene, verzweifelte Hand. Ich winke und winke, ich winke, vielleicht siehst du mich noch; ich bin bereits alleine, ich winke immer noch, bis der Zug aus dem Bahnhof geglitten ist, aber schon Momente zuvor, als ich noch deine Hand verschwinden sah hinter der Spiegelung des Himmels im Glas, in die hinein sich dein Winken auflöste, um schließlich als letztes Erinnerung zu werden, wußte ich schon, daß ich wieder einmal nicht wach genug war für dich.

18.5.13

18. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

An den Rändern des Morgens blüht Lärm auf. Unerreichbar für die Schärfen des Außen, singt die Stille im Innern. Es ist ein Schweigen, das in sich selbst eingesunken ist. Dann: Einen Morgen lang schlugen die Glocken. Ich aber wünschte mir Laternen, die Dunkelheit verbreiten. Alle Wege führen zurück zum Ich. Daß ich ich bin und nicht du, das scheint mir die Quelle allen Schmerzes. Ich will mein Ich wegschreiben, bis es mir nicht mehr im Weg ist, bis es mich nicht mehr hindert zum Du. Die Ströme tragen Silber und Laub. Kein Weg führt je ganz zu dir. Wir gehen im Wir niemals auf.

5.5.13

5. Mai 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Mauersegler ritzen ihre Stimmen ins Blaue des Schlafs, wickeln Träume aus Wasserpapier, rufen nach steinigem Licht. Später begibt sich der Buchfink an die Arbeit. Die Stunden tanzen nach seinen Strophen. Der Morgen ist für niemanden prachtvoll außer für sich selbst, ist für niemanden da, enthält sich selbst. Die Straßen: entleert. Die Häuser: in blindem Schlaf. In den Bäumen hocken Geheimnisse der Nacht. Die Welt ist bei sich. Darin erheben die Vögel ihre Stimmen. Sie kennen den Sinn von allem. Aber sie verraten ihn niemandem, singen ihn nur einander zu.

*****

Ich wünsche mir, daß es eine Seele gibt.

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Die schlechten Gedanken auslösen mit den guten. Nicht: sie verdrängen. Sondern, was du allzuoft gedacht und durchdrungen hast, bis es dir so weh tat, daß du dir selbst fremd wurdest, eintauschen und einlösen gegen die, in denen du dich wiederfinden und wohnen kannst. Nicht du bist der Gefangene deiner Gedanken; die Gedanken sind deine Gefangenen. Du hast lange genug unter ihnen gelitten; mach die Tür auf, schick sie fort, laß sie frei.

Kein Nostos

18. Oktober 2012 § Ein Kommentar

Jedes Jahr aufs neue haben wir uns selbst verloren. Die Heimkehr war eine Heimkehr an einen unbekannten Ort und eine Vertreibung unserer selbst aus uns. Das Ende der Urlaubsfahrt bedeutete nicht allein, daß uns die Fremde nicht mehr besaß, sondern daß wir die Heimat, die wir selbst in uns fanden, wieder verloren hatten. So kam uns denn gar nicht wie Heimat vor, was uns an diesem sogenannten Daheim erwartete, die wir braungebrannt heim- und doch nicht heimkehrten: sondern wie Fremde an einen fremden Ort. Einen Ort der Verbannung.

Noch ein paar Tage schulfrei, noch ein paar heiße Sommernachmittage, ein Eis am Baggersee: Es taugt alles nichts. Denn es gibt nichts zu erwarten, alles es ist schon gewesen; der Duft von Sonnenöl ist keine Verheißung sondern eine Erinnerung. Die Tage, wie warm sie auch noch seien, sind nur noch ein Rest, der früh dunkelt. Morgens, beim Erwachen, heulen die Schwerlaster über die kilometerweit entfernte Autobahn, die in Fernen führt, die dich nicht mehr enthalten. Die Wände hallen, der Lichtschalter klingt hohl. Die Vögel haben sich versteckt, statt Aprikosen gibt es wieder Äpfel, und die Monate enden auf -r. Das Meer ist ein Jahr weit entfernt. Gräßlich.

Mit den Eltern im Wohnanhänger vier Wochen durch Süd- und Westeuropa gegondelt, die Alpen, das Mittelmeer, unendliche Sonnenblumenfelder, die leuchtenden Reihen laufen alle auf eine finstere Burg zu. Sonne, Wasser, Steine, Flechten, Gewürze, alte Mauern, die das Brennen der Sonne abhielten und gluckernde Kühlung schufen. Berge, echte Berge, eiskalt und so hoch, daß sie Schatten warfen. Von allem die Essenz, das Konzentrat der Empfindungen, bis ich mich selbst darin beheimatet und daraus schöpfend als Konzentrat meines Jungseins fühlen durfte.

Doch dann kam man wieder nach Hause und nicht nur in einen anderen Raum, sondern auch in eine andere Zeit, in eine fremde, nach allen Richtungen unpassende Jahreszeit, die weder Sommer war noch schon Herbst, eine Jahreszeit der Öde, wo die Berge runde Kuppen hatten, die Bäche kanalisiert waren, und alles in unendlicher Verdünnung bestand, bis man selbst sich daran erschöpfte und alle Essenz des Lebens zum Teufel war. Selbst die Nummernschilder der Autos, dieses blöde Weiß, die Farben der vertrauten Geldwährung, die Ortseingangsschilder, dieses dümmliche, gewöhnliche Gelb, wie trist war das. Nicht zu reden von der Sprache! Reichte es nicht, daß es kein Französisch mehr war, mußte es auch noch dieser zähneziehende Dialekt sein?

Mit Erstaunen haben wir damals immer festgestellt, daß es auch hier, in der fremden Heimat, so etwas wie Wetter gegeben hatte; daß die Zeit nicht stehengeblieben war, daß jemand Post ausgetragen, den Rasen gemäht, einen Baum gefällt hatte. Aber die hier geblieben waren, wußten nichts von der Sonne und den Alpengipfeln: Mit denen war zu reden. Selbst wenn sie Hochdeutsch gesprochen hätten. Fremd waren sie. Verständnislos glotzten sie über den Gartenzaun. Fremd war selbst noch die Luft, weil sie so schal schmeckte, und komische Fransen hingen am Himmel, strähnig und wie von Fett glänzend. Wir Heimkehrer und Asylanten, die wir ganz andere Himmel erprobt hatten, waren uns einig: die Farbe Blau hatte einen solchen Himmel nicht verdient.

Nach vier Wochen im Campingwagen befiel uns in Erwartung der hallenden Riesenzimmer der Wohnung eine agoraphobe Beklemmung. Wir verspürten das starke Bedürfnis nach Aufschub und Flucht: noch eine Nacht im Wohnwagen schlafen, auf dem Parkplatz in unserer Straße, und die Fremde noch ein letztes Mal, und seis als Illusion, in den vier so vertraut gewordenen Kunststoffwänden des mobilen Heims festhalten, ein Stück konservierter, hingehaltener, noch ein letztes Mal auszukostender Fremd- und Freiheit. Die Eltern, längst schlauer und desillusioniert, winkten ab.

Und wie wir uns dann in den Tagen, die der Nicht-Heimkehr folgten, zu trösten versuchten, mit guten Vorsätzen, die darauf abzielten, etwas von den erfahrenen Reichtümern der Ferientage in die Welt der Alltage hinüberzuretten und sich der neu gewonnenen Erkenntnis stets aufs Neue zu vergewissern, daß das Leben so perfekt sein kann wie ein Eis auf der Hafenmole von Menton oder der Biß des Gletscherwassers an den wundgewanderten Füßen; verzweifelte Versuche, es nicht auf sich beruhen zu lassen, und nach Möglichkeit der Umstände, so gut es eben ging, ein solches Leben wie das eben gekostete nicht nur als Pause zu führen, sondern als Alltag. Und so faßten wir dann unsere erbärmlichen Vorsätze, mehr rausgehen, öfter wandern, ausschöpfen, was das bißchen Natur im Rhein-Neckar-Kreis zu bieten hatte.

Schnell aber ermüdeten wir. Und es stellte sich heraus Der Baggersee war schon in Ordnung, Aber er war halt nicht die Côte d‘Azur, sein Wasser war schlammig, man konnte den Grund nicht sehen, es roch nicht nach Meer, und wenn mans genau nahm, roch es nicht nur nicht nach Meer, sondern brackig. Abgestanden. Und so abgestanden begannen wir uns dann auch selbst zu fühlen. Abgestanden wie der Hausflur, die Winterklamotten und der ortsübliche Dialekt. Bis es schien, daß aus unseren Poren dieselbe Brackigkeit, dieser unfrische, laue Hauch des Alltags herausquoll. Mehr rausgehen, das hieß vor allem: Straßen. Und das Gefährlichste an den Flanken des Eichelbergs waren die Bremsen und die Pferdeäpfel.

Und so setzte denn auch, über die Wochen, während aus der falschen Jahreszeit endlich Herbst geworden war, der Verdünnungsprozeß nicht nur den Vorsätzen, sondern unserem Ekelgefühlt selbst zu, bis wir, selbst Verdünnte, unseren Mangel nicht mehr bemerkten und es eines neuen Sommers bedurfte, um uns uns selber wiederzuerfinden.

2. Oktober 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Dunkeln sitzen und Schubert hören und weinen, weinen, weinen, und nicht mehr ein wissen noch aus vor Sehnsucht. Und vor lauter Worten das richtige nicht. Würgen an den Worten. Zuletzt wirr ins Dunkel geflüstert, was ich laut nicht sagen darf, nicht einmal stammeln.

Eine lang vermißte Verzweiflung willkommen heißen und sich am Schmerz lebendig scheuern.

20. Februar 2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Ce Pe geträumt. Ein Zimmer mit Gerümpel, hohe Decke, draußen winterliche Höfe, ein ganz schmales Bett, darin räkelt sich Ce Pe und strahlt mich an, es gehe ihr so gut, beginnt sie, und ich weiß, was sie mir gleich erzählen wird, aber zuerst spricht sie von Erfolgen in Arbeit oder Ausbildung, etwas, das ihr endlich gelinge, eine Erleichterung, doch dann holt sie Luft und macht eine Ankündigung, es gebe da noch etwas anderes. Ich weiß. Ich nicke, klaube verstreute Münzen von dem ganz ganz schmalen Bett, von dieser Pritsche, sammle und stapele die Münzen zu Säulen, ich weiß, was du mir jetzt erzählen wirst, sage ich und sie nickt und erzählt von ihm, den sie vor kurzem kennengelernt hat, mit dem sie glücklich ist, und zu dem sie jetzt fahren wird, während ich noch ein bißchen auf ihrer Pritsche liegen darf, und ich freue mich für sie und spüre zur gleichen Zeit den Stich einer Enttäuschung, die erst später, beim Erwachen, schmerzen wird.

später

20. August 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

und plötzlich erwacht man und alles ist ein danach, ein später.

wohin man geht, ist garten, ist umgrenzung, rand. hof oder schatten, alles verweist selbst noch in der sonne und auf dem hügelkamm auf ein draußen, das hier nicht zu finden ist. aber auch nicht dort oder drüben, nirgends. draußen. damaliges außen. jetzt säuselt noch etwas hallendes, wie aus weiter ferne oder ferner zeit, oder einsam in einem großen, weiten und klingenden raum. und später, die zeit überreif verfärbt wie liegengelassenes obst, läuft von einem punkt weg, auf den sie, früher, davor, eben noch, wann? zugeeilt ist.

da wird der sommer zum abbild seiner selbst, zu einer geste, dahinter die jahreszeit und überhaupt jede zeit, verschwindet.

eingesperrt in den höfen die stille, die sich an einem augenblick im dunstigen mittag zu erkennen gibt. im verborgenen gewirkt, reif geworden, hat sie sich das alter früherer sommer, vergangener, zu eigen gemacht. so spricht sie mit den offenen schnäbeln der vögel, die zu schweigen verstehen. ein flattern im gesträuch, wippende äste. anwesenheiten. geschöpfe (oder geister?) die sich nicht preisgeben wollen. die beeren, ein leuchten von gestern. die amseln: als warteten sie auf ein signal. ein zeichen wofür?
wie aus papier stehen die straßen, ihre sprödigkeiten erzählen sich farben, die schon verblaßt sind. alles ist erzählung dieser tage. erinnerung an erinnerungen. das licht, wie es staubig von den fassaden zurückfällt, ist ein zitat, das glitzern auf dem ententeich ruft sich selbst in erinnerung, alles, was jetzt grün ist, verdankt sich einem vergessen. liegengeblieben das gelb des greiskrauts und des rainfarns an den knisternden wegrändern, die vergessen haben, wohin ging es noch gleich? unsichtbar an den kehren ein rascheln von schritten, das nie näherkommt und sich nicht entfernt. ein augenblick des wegsehens und die violetten tüten des riesenspringkrauts dürfen noch bleiben und bleiben übrig. vermutlich sind sie morgen auch noch da.
zwischen dem anhaltenden sonnenlicht und den gegenständen, die es zurückwerfen, verspinnt sich die erinnerung einer farbe, einer schwierigen farbe, der farbe nicht eines gegenstands, einer zeit selbst nicht, sondern die einer mischung, einer summe: die aller spät- und nachsommer, die schon gewesen sind, und die in jedem weiteren sommernachhall wieder zur sprache kommen müssen.

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