Eine Bahn später

24. Januar 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Als zöge die Sonne das Gebirge aus der Schlucht herauf. Ein Vorgang voll großartigen Lärms, doch in der weiten Entfernung lautlos. Gräben füllen sich mit Licht, Eis kracht unter dem Druck des Himmels, über der Ebene steht der Rauch still, als trüge er all das Blau auf seinen abgeflachten Spitzen.

Die Rückseite vom Dunst sind Waldränder. Wie wenn man einer Photographie die Folie abzieht, die Farben frisch und noch nicht ausgehärtet, das Feuchte von Kiefern und Moos.

Fahrende Lieblingsorte. Besondere Plätze in der Straßenbahn oder im Bus, meist irgendwo am Rand, ganz hinten im Bus, vorne (gegen Fahrtrichtung), hinten (in Fahrtrichtung) in der Straßenbahn. Plätze, von denen sich alles im Blick halten läßt, selbst wenn man übers Buch gebeugt ist, wie ich meistens. Der leise Unwille, wenn so ein Platz schon besetzt ist; als hätte einem einer was weggenommen, das einem eigentlich selbst zugestanden hätte.

Der besondere Ort des Waldrands. Überblick auch hier. Anschnitt des Lichts, Schichtung der Luft, eine Art höhere Ordnung, ins Sichtbare gerückt. Einer meiner Lieblingsorte: ein Waldrand mit Kiefern, der Grund zwischen den Stümpfen vor langer Zeit gefällter, wie in silbrigen Fels verwandelter Bäume nadelbedeckt, trocken wie Bürsten, eine Lichtung zum Schauen, ein umgehauener Stamm zum Sitzen. Diesen Ort gibt es nicht mehr, der Wald hat ihn sich einverleibt, das Licht durch eine Ordnung von Schatten ersetzt. Farn wächst hüfthoch, wo ich einmal einen Nachmittag verträumt habe. Das ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, wann das war. Was einmal jener Ort war, Farne jetzt, merkwürdige Bodenschwellen wie Gräber, mannshohe Doldenblütler, frisch aufgeschossene art- und gattungslose Bäume, liefert keinen Anhaltspunkt. Selten habe ich mich so sehr von der Zeit im Stich gelassen gefühlt wie an dem Tag, als ich nach langem Suchen begriff, daß ich die Stelle längst wiedergefunden hatte. Ich hatte sie nicht erkannt. Die Wege hatten mich immer daran vorbeibugsiert, geh weiter, gibt hier nichts zu sehen, das ist nicht mehr deine Zeit, das ist nicht mehr dein Leben.

Ganz woanders, aus dem Fenster der Bahn zu betrachten, liegen jetzt die Waldränder oben an einem Hügelscheitel in der Sonne wie Gesichter, die sich der Wärme zuwenden. Die Schatten gehen nach hinten raus. Alle Wege sind kurz da hinauf, leicht zu beschreiten, mit Baumreihen als Stütze für den Blick, Alleen, entlang von steifgefrorenen Zehen.

Und natürlich Straßen. Ich wohne in einem Nest von Straßen, die mich eigentlich nur widerwillig dulden, was habe ich schon mit ihnen zu schaffen? Straßen, Kreuzungen, Verkehrsschilder, Warnhinweise. Werbetafeln, die ich als Fußgänger nur von der Rückseite sehen muß. Die Straßen und ich: Ich werde es sein, der als erster nachgibt, davongeht oder verschwindet, eines Tages nicht mehr da sein wird, die Straßen, sie werden mich überleben. Aber die Waldränder werden die Straßen überleben, denke ich, und schaue da hinauf, Wiese, Ackerrand, Weg, dann die roten, säulenartigen Stangen der Kiefern, wie der Tempel eines urwüchsigen, längst verschwundenen Volks, man könnte dort schön wandern und wäre vor allem Unheil sicher, in der Hand vergessener Götter, die aber ein besseres Gedächtnis haben als die Menschen. Man wäre ein winziges Körnchen, geborgen in Schichten und Schichten aus Zeit.

Mir schräg gegenüber sitzt eine elegant gekleidete Frau. Hohe, braune Schaftstiefel, Strumpfhose, Rock. Sie liest in einem E-Book-Reader. Sie lächelt still vor sich hin. Vielleicht sitzt sie auf ihrem Lieblingsplatz. Das Lächeln ist glücklich, amüsiert, gelassen. Unerreichbar für jede Beobachtung. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die schwebende Stiefelspitze wippt rhythmisch. Ein beringter Finger tippt auf den Schirm, blättert vor und zurück, das Lächeln verändert sich nicht, bleibt heiter und gelöst, wie von einer etruskischen Statue, die, ganz im Irdischen verwurzelt, dennoch von nichts Irdischem mehr überrascht werden kann.

Die Orte von der Rückseite erreichen, vom Bühnen- und Lieferanteneingang, wo die Beleuchtung schlecht ist und die Rohre verlaufen. Durch einen niedrigen Gang gehen, eine Tür aufstoßen, sagen, ich bin da.

Die Ebene löst sich vom Rauch.

Drüben sinken die Berge zurück in den Mittag.

112 Meilen (9)

25. Februar 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie sich Bilder wiederholen, zu Landmarken werden, zu Zeichen, zu Verweisen. Eine Feder, die mit dem Kiel im Grund steckt; am nächsten Tag noch eine. Und noch eine. Es ist schier unmöglich, nicht an eine Spur zu denken. Wir folgen ihr zufällig oder vielleicht auch nicht. Am nächsten Tag keine Feder, und schon taumeln wir unter den Fichten einher, als hätten wir die Richtung verloren. Eine von den vielen, mindestens.

Schon einmal gesehen: Fichtenorgeln, Emporen grauer Stämme, wie Pfeifen aus Zinn. Die Schraffur eines aufgerissenen Forstes, wie der Schnitt durch eine Zellstruktur, Blick in die sonst verborgenen senkrechten Mechanismen des Waldes, undeutbar, stumm, fremd. Die Lücken zwischen den Pfeilern von Dunkelheit versiegelt. Vor Jahr und Tag, hundert Meilen von hier: ein Loch im Wald, hoch oben auf einem Hügelkamm, daß man durch den Berg hindurchsehen kann auf eine ganz andere Art zweiten Himmels. Es ist derselbe Tunnel wie damals, und er führt an denselben unerreichbaren Ort, kein Zweifel.

Der lange Rostnagel im Holzpfosten: Als hielte nur er noch das Holz in der Luft.

Später der gleiche Nagel, nur gelb lackiert, in einem in die Wegböschung eingeschachteten Aufschluß. Da steckt er, ragt gelb und lang und fremd aus dem Erdreich, voller Absichten, wie ein Meßfühler. Weiter unten hängt eine blaßrote Schleife aus der Wand. Der aufschluß selbst schwach stratifiziert, hellere Lehmbänder weiter unten, oben dunkelrote Verwitterungsprodukte von Sandstein. Pilze wachsen daraus hervor, als habe der Nagel sie angestiftet.

Nagel, Feder, Fichte. Steine, die in ihrer Formung aufeinander Antwort geben. Eine Lichtung, die aussieht, als fehlte etwas; als sei hier in letzter Minute etwas entfernt worden. Spuren einer Greueltat ohne Täter. Oder etwas, das zu köstlich war, als daß wir es hätten sehen dürfen.

Eine Schwinge, die sich aus dem Augenwinkel entfernt, und dann, in der Drehung, hängt nur der Himmel machtvoll vor Leere, überm Waldsaum. Wolkenbilder, die aus Pfützen quellen. Vernähte Schatten. Wesen. Weiser. Stummes Wollen.

Irrlichter

11. März 2015 § Ein Kommentar

Plötzlich, beim Queren des Hauptwegs, blitzt rechts von mir das Doppelauge eines Autoscheinwerfers in der Tiefe des morgendunklen Waldes auf. Ein Ärgernis, das keine Seltenheit ist. Ich laufe weiter, vielleicht hundert Meter, das Licht verschwindet hinter den gestaffelten Hindernissen der Bäume, bis zur nächsten Kreuzung, wo es, großzügig aufgeblendet, man ist hier ja alleine, abermals von rechts über meine Wange flammt, aus der Linie des speichenartig vom ersten fortstrebenden zweiten Hauptwegs heraus mich zielsicher trifft: der Fahrer ist dort vorne abgebogen, sein Licht meiner Laufrichtung gefolgt, wie ein Radarstrahl nach mir tastend; die Scheinwerfer halten voll auf mich drauf. Ich bleibe stehen und blende einen Moment mit der Stirnlampe frech zurück, ehe ich meinen Lauf, taumelnd und steifbeinig, fröstelnd, im Wissen, daß ich beobachtet werde, fortsetze. Auf einem für normale PKW unzugänglichen Pfad laufe ich halbparallel zum Forstweg, auf dem der Wagen sich langsam nähert. Auf die Entfernung und mit der geringen Geschwindigkeit machen Motor und Reifen kaum Geräusch. Laub flammt auf, Schatten graben sich in den Raum wie fliehende Tiere, die Lichtkegel raufen Baumstämme wie Pfahlbündel aus dem Dunkel und lassen sie hinter sich wieder fallen. Der Wagen wird langsamer, die Bäume im Lichtkegel scheinen sich aufzurichten. Ich stehe und leuchte zurück, gut sichtbar für den anderen als einzelner Lichtpunkt in der Schwärze des Waldes. Der Wagen hält. Zwei Lichter, meins und das fremde, starren einander entgegen. Die Bäume stehen still im Lichtkeil. Dann höre ich den Motor im Rückwärtsgang aufheulen, der Kegel schwenkt herum, streift mich, windet einen Schatten um mich, wandert weiter. Bleibt liegen. Im veränderten Winkel sehe ich die Rücklichter im Dunkel glühen; zwischen ihnen und der ausgestrahlten Kulisse des Waldes ist der Wagen selbst ein dunkler Fleck. Lichtspaten pflügen den Wald um, als sich das Fahrzeug langsam wieder in Bewegung setzt. Nur ein paar Meter, ehe es abermals zum Stehen kommt, als ließe dieses andere Licht, dieser freche fremde Schein querab in der Finsternis, keine Ruhe. Eine dunkle Angst kriecht in mir hoch. Und wenn das jetzt kein Förster ist? Kein Jäger, kein Holzfäller? Keiner von den üblichen Forstverwaltern und -verwertern? Wie spät mag es sein, keine sieben Uhr. Ich denke daran, wie ich besorgten Angehörigen, wenn die mir was von Überfällen redeten, von Gefahr, und wer soll mich finden, wenn mir was zustößt, und wäre es nicht besser, ein Händie …?, wenn ich jenen Bedenkenträgern die Bedenken über meine nächtlichen Streifzüge ausgeredet habe: Wer soll denn bitteschön, so meine im Tageslicht stolze Vernunft, sich morgens zwischen fünf und sieben im Wald herumtreiben? Und wenn jemand Böses im Schilde führt – warum sollte er das um diese Zeit auf völlig vereinsamten Waldwegen tun? Ja, denke ich, wer soll denn bitteschön morgens vor sieben Uhr … Und bevor da drüben jemand aussteigen und nachsehen kann, habe ich mich schon abgewandt und laufe in den Wald hinein, weg von den Lichtern, soll ich sagen, ich fliehe? Ich fliehe.

Noch einmal Rehe

21. Oktober 2014 § Ein Kommentar

Ein „Rudel“ Rehe heißt Sprung und besteht im Winter aus bis zu zwanzig Tieren. Charakterisiert wird der Sprung, ein eher loser Verband nicht zwangsläufig miteinander verwandter Tiere, durch die gemeinsame Fluchtrichtung und den räumlichen Abstand der Einzeltiere zueinander, der fünfzig Meter selten überschreitet. Geführt wird ein Sprung von einer Ricke.
     Einem solchen Sprung bin ich heute morgen beim Laufen in der Dunkelheit begegnet. Aufmerksam wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört hatte, das aber sofort als Tierlaut erkennbar war. Kein Ast würde so im Wind knarren, keine Eichel beim Herunterfallen so rasseln, es klang wie Knörk, knörk.
     Rehe knörken aber nicht. Was Rehe machen, heißt bellen, und sie tun es, um dem Freßfeind klarzumachen, daß man ihn entdeckt habe, eine weitere Fortsetzung der Jagd mithin sinnlos sei.
     Bellende Rehe also, vor Schreck oder Empörung, daß ich trotz der Warnung weiter heranpirschte, wieder verstummt, mindestens ein Dutzend, kleine und größere, deren Augen, als ich die Stirnlampe ins Gebüsch richtete, auf unterschiedlicher Höhe zu mir hersahen, eine ganze Galerie Augenpaare, blink, blink, wie in einem Zeichentrickfilm. Die Körper wurden erst sichtbar, als ich die Leistung der Stirnlampe hochsetzte: fahle, graue Körper, die eigentlich gar keine Körper waren, eher Geister, schattenhaft, Gewölk von Leibern, deren Umrisse miteinander verschmolzen. So wie neulich schon blieben sie stehen, starr, gebannt, während in ihren Köpfen Unbegreifliches ablief, oder vielleicht auch gar nichts, weil sie vermittels des Lichts in einen Zustand völliger Leere eingetreten waren. Ich besah mir das eine Weile, dann machte ich die Lampe aus.
     Wie eine Glocke stürzte die Dunkelheit über mir zusammen. Kaum war der Himmel vom Blattwerk der Kronen zu unterscheiden. Ich stand ganz still und lauschte. Nichts war zu hören außer dem Rascheln meiner Windjacke und meinem eigenen Atmen. Irgendwo da drüben standen die Rehe in der undurchdringlichen Finsternis und regten sich ihrerseits nicht. Wie ich so atmete und raschelte, kam ich mir sehr laut vor. Andererseits trugen die Rehe ja auch keine Windjacke. Außerdem hatten sie ja zuerst gebellt. Ich ging ein paar Schritte, dann, als immer noch keine Fluchtgeräusche zu hören waren, schaltete ich die Lampe wieder ein. Blink, blink, blink, gingen drüben die Lichter an, als hätten die Tiere nur darauf gewartet. Dann aber schien ihnen etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht hatten sie’s satt, vielleicht nervte ich sie mit dem Licht. Wer kann es wissen? Vielleicht gefiel ihnen meine Windjacke nicht. Jedenfalls setzten sie sich langsam, durchaus nicht in Flucht, eher gleichgültig in Bewegung, wandten sich, eins nach dem andern, von mir ab, wie Blätter, die der Wind umdreht. Die Körper schoben sich vor die Augen, die Leuchtpünktchen erloschen. Die Vorstellung war beendet, und ich schob mich und die seltsame Glocke aus Tag um mich her weiter durch den stillen Wald.

Und hier die Antwort

13. März 2014 § 7 Kommentare

Sehr geehrter Herr Solminore,
das von Ihnen bezeichnete Waldgebiet befindet sich weitestgehend im Eigentum privater Waldeigentümer; einige kleinere Areale sind Kommunalwald. Die Waldeigentümer sind berechtigt, ihren Wald zu bewirtschaften und dementsprechend Holz zu ernten. Dies ist in der Tat mit Belästigungen für den Waldbesucher verbunden, die leider nicht zu vermeiden sind. Das Regionalforstamt hat nur zum kleinere Teil Einfluss auf die Holzernte selbst. Diese liegt in der Organisation der privaten Waldeigentümer und der Forstbetriebsgemeinschaften.
Wir achten darauf, dass die forstgesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Rodungen, d. h. Umwandlungen von Wald in andere Nutzungsarten werden nicht durchgeführt. Die flächig genutzten Waldstücke müssen innerhalb von zwei Jahren wieder aufgeforstet werden.
Weiterhin wirken wir durch unsere beratenden Förster darauf hin, Kahlschläge zu vermeiden und die Holzernte möglichst schonend durchzuführen. Leider sind einige Fichtenwälder bereits durch Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer soweit geschädigt, das sie in den nächsten Jahren immer weiter verschwinden werden.
Die Durchforstungen sind ansonsten günstig für die Stabilität, Mischung und Wertentwicklung der Wälder.

Der nachwachsende Rohstoff Holz wird von uns allen in Form von Papier, Möbeln, Hausdächern etc. benötigt. Jeder Bundesbürger verbraucht ca. 1,5 m³/Jahr. Wenn dieser benötigte Rohstoff Holz nicht nachhaltig in den heimischen Wäldern produziert wird, dann wird er auf den Weltmärkten eingekauft und zum Teil aus Ländern importiert, in denen eine nachhaltige Waldnutzung nicht garantiert werden kann.

Die Bewirtschaftung des Waldes ist auch hinsichtlich des Klimawandels von Bedeutung. Die Bäume entnehmen bei ihrem Wachstum der Umgebungsluft CO2 und wandeln dieses klimaschädliche Gas im Zuge der Photosynthese in Holz um. Jährlich wachsen in unseren Wäldern Millionen von Festmetern Holz zu (ein Kubikmeter Holz speichert ca. eine Tonne CO2). Ein positiver Effekt lässt sich über eine Kaskadennutzung erzielen. Vom Rohprodukt Holz über eine Verarbeitung zu Bauholz, einem Recycling dieses Bauholzes zu Spanplatten bis hin zu einer energetischen Nutzung können mehrere Jahrzehnte vergehen. Je langlebiger Produkte aus Holz oder Zellstoff sind (z.B. Bauholz, Möbeln oder Papier), desto länger wird der Kohlenstoff der Atmosphäre entzogen. Hinzu kommen Substitutionseffekte, da alternativ zu Beton, Stahl oder fossiler Energieträger der nachwachsende Rohstoff Holz verwendet wird. Das von den Bäumen aufgenommene und im Holz gespeicherte CO2 wird der Atmosphäre und damit dem Kohlenstoffkreislauf über einen längeren Zeitraum entzogen und im Nutzholz fixiert.

Die Waldbewirtschaftung in Deutschland folgt dem Modell der multifunktionalen Waldwirtschaft, d. h. die drei Hauptfunktionen Erholung, Naturschutz und Rohstoffproduktion erfolgen auf der gleichen Fläche. Dies erfordert Kompromisse, die sich in ihrem Fall durch eine zeitlich befristete Belästigung der Waldbesucher auswirken.
Ich bitte um Verständnis für die Maßnahmen. Spätestens mit Laubausbruch werden die Hiebsmaßnahmen in den Laubwäldern für diese Saison beendet sein.

mit freundlichen Grüßen
FD Hugo Schelmenhorst

Anfrage ans Forstamt

12. März 2014 § 7 Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Frühjahr beobachte ich mit Besorgnis, daß in deutlich höherem Maß als sonst im nördlichen Vimbelwald zwischen Quellstetten, Lafter und Hemmelshain Holz eingeschlagen wird. Da dies mit beträchtlicher Verschlammung der Wege einhergeht, der Freizeitwert des Waldes auch in anderer Hinsicht durch Lärm, Gestank, hohes Aufkommen von Fahrzeugen, schließlich durch häßliche Rodungen erheblich gemindert wird, möchte ich mich an Sie wenden mit der Frage, wie lange das noch so weitergeht, und in welchem Ausmaß noch mehr Holzarbeiten zu erwarten sind. Betrachten Sie bitte diese Nachricht auch als freundliche Aufforderung, den Einschlag auf ein Mindestmaß zu reduzieren, bzw. günstigenfalls ganz einzustellen. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,

Solminore

In nemore

30. Juni 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Unter Flaggen schlafen, ruhen im Wind über Berg und Tal und Burg, in luftiger Höhe, und beim Erwachen liegt der Tag immer noch ruhig in unserer Hand. Küsse, Küsse voll Wind und Sonne. Deine Finger liegen auf meiner Brust, erst auf dem Hemd, dann unter dem Hemd, und ich sage dir, daß ich dich will, abermals will ich dich, will dich mein Leib, ich küsse dich und sage es dir, und du: „Laß uns noch einmal ein Plätzchen finden, ja?“

Ein Plätzchen: flimmernde Sonne in der grünen Tiefe, ein helles Polster abseits des Weges. Stapfen durchs Unterholz, über Wiesen aus Springkraut, ausgerechnet, sich umdrehen, und dann ist der Weg, kein Weg mehr zu sehen, und der Wald hat uns aufgenommen in seine eigene Zeit. Eine Decke im Vorjahreslaub; nesteln am Schuhwerk, und wie du dann deine Unterhemden abgestreift hast, deine Brüste, wie sie in diesem weichen Baumlicht aufleuchteten, hellweiß abgesetzt deine Glieder, eine Corona leuchtender Häute in all dem dampfenden Grünbraun ringsum; die Luft, die mir von Kopf bis Fuß um den Körper streicht, diese ans Erschrecken grenzenden Verblüffung, daß wir uns tatsächlich nackig gemacht hatten, mitten in der großen, freien Welt, der kleine Schreck dabei, und das Entzücken, der Jubel und das hellwache Bewußtsein dieser Nacktheit: Wie mir meine eigene Blöße an deinem weißen Körper aufging: Und mit Herzklopfen vor Begehren habe ich mich neben dich gelegt, deinen andersnackten Leib in meine Arme genommen. Nie, noch nie, sind wir hinter Türen so nackt gewesen wie da in den weiten Hallen der Buchen, unter Rotkehlchen, Zaunkönig und Amsel, und brauchten uns nicht zu schämen.

Zwischen unseren Zehen krümeln Vorjahrsblätter. Trockenes mündet in Feuchtes. Haarfäden glänzen. Rings leuchtet und wedelt der Farn. Wir strecken uns aus, zwei Bündel zarter Glieder. Wie schön du bist. Dein Leib ein Loblied der Sonne. Deine Blicke sind voller Sterne. In der Farbe deines Schoßes findet sich die Farbe des Lebermooses wieder. Deine Haut riecht nach Heu und Thymian. Warm bist du und brennend, als ich zu dir komme. Unsere Blicke stürzen ineinander. Plötzlich haben wir es eilig, der Buchfink schmettert, Laub rutscht unter uns, der Wald nimmt uns auf wie eine offene Hand; ich flüstere deinen Namen, und das letzte, was ich sehe, ehe ich die Augen schließe und verschwinde, in einer Falte zwischen Himmel und Erde, zwischen Sphagnum und Aquilegia verschwinde, das letzte, was ich sehe, ist der überblaue Himmel, der sich in deinen weit aufgerissenen Augen spiegelt.

Locus amoenus

2. Februar 2012 § 6 Kommentare

Einen Ort im Wald suchen, der dich aufnehmen wird, der dich durch die Nacht tragen wird, der dich am Leben läßt. Einen Platz für Zelt und Kocherflämmchen, und wo die Bäume nachts stehenbleiben und nicht zusammenrücken, um Tuch, Gestänge und Knochen zu zermalmen, ein Ort, wo du als Fremder fremd bleiben darfst und an dieser Fremdheit nicht zugrunde gehen mußt. Ein Ort, der in der Nacht zu Hause ist, wo das Flämmchen nicht ausgeht. Du mußt ihn alleine bestehen können, den Ort. Es muß ein Ort sein, der das Alleinsein nicht gegen dich richtet, es dir nicht widerspiegelt und zurückwirft, bis du dich selbst nicht mehr kennst. So ein Ort ist auf den Karten nicht verzeichnet.
Es gibt eine Einsamkeit, die mehr ist als die bloße Abwesenheit von Artgenossen, eine Verlassenheit, tiefer und leerer als das bloße Fehlen von Anzeichen, die zumindest auf vorübergehend hausendes Leben weisen. Ein Ort kann so einsam sein, so öde, daß dieses Leere durch nichts zu füllen ist, nicht durch Töne, nicht durch Farben, nicht durch den Duft von Suppe und Wein. Es gibt Winkel im Wald, da erstirbt jedes bis dahin noch lebhafte Gespräch, und aus Flöte oder Fiedel bekommt man keinen Ton mehr heraus. Im Radio nicht einmal Rauschen. Das Mobiltelephon geht quietschend aus. Selbst das Fingrschnippen hört sich kraftlos an. Eine solche Ödnis saugt das Leben aus jeder Anwesenheit. Es höhlt dich aus, und läßt alle Kräfte, jeden Widerstand, jeden der Einsamkeit entgegengestemmten Willen ins Leere laufen und ermüden, bis Trübsal und Vergeblichkeit in jeden Gedanken kriechen und den Geist vergiften und du nichts mehr vermagst als hinzusinken und dich deiner schieren Verzweiflung zu überlassen.
Oder ein Ort, wo andere schon wohnen. Das findest du dann zu spät heraus. Eine Lichtklinge, ein Gurgeln plötzlich aufschießenden Wassers, schwingendes Schilf, Laubwirbel, und der Knall harter Hufe dringt in dein wegflatterndes Bewußtsein nur noch als der Lärm einer windumtosten Ferne vor, ehe alles erlischt und der Mond allein im Wasser kreiselt. Das Bittere einer fremden Erinnerung. Sie wird deine eigene, dein Gedächtnis, deine eigene Bitternis, ekelhaft wie ein faules Blatt, das sich dir an den Gaumen schmiegt. Gift, das ein Sonnenstrahl aufzeigt, der auf den Purpur einer Beere fällt, und wie das Bittere Klang wird in den Schnäbeln der Amseln.
Schicht um Schicht zerfällt der Umriß dessen, was bei Einbruch der Dämmerung Vegetation war, und löst sich, Ilexgestammel, das Gewürz welker Anemonen, Krüppelungen toten Holzes, die Bögen verstümmelter Buchen, löst sich voneinander und gerät in eine wimmelnde, exstatische Bewegung, die langsam, wie eiskalte Flammen, in denen das Dunkel selbst in Brand steht, Nahrung im Fernen und bald auch im Nahen findet, bis auch der Grund vor deinen müden Schuhen davon erfaßt wird und das Laub, zunächst wie von Wind und Strömung, bald von Rücken und Flossen und Tastern erfaßt, zu kochen beginnt.
Manche Orte laden dich ein, aber sie sind selten, weit verstreut liegen sie im Wald, unzugänglich, umstellt von Widerstand, man stolpert dran vorbei, man findet sie schwer. Der Blick gleitet vexiert dran ab. Ein Ort zum Bleiben darf nicht zu viele Erinnerungen besitzen. Orte mit einem großen Gedächtnis dulden kein zweites lange bei sich. Eine Nacht an einem solchen Ort, und du wirst wahnsinnig von seinen Einflüsterungen, als hättest du all das selbst erlebt, bis du nicht mehr weißt, wer du bist. Dann ist es nur ein kleiner Weg, bis du nicht mehr bist, was du warst, und an die Stelle deines Verstandes etwas ganz Neues treten muß, nur ein Rucken des Kopfes entfernt, ein Rauschen über den Wipfeln, einen Flügelstoß weit; ein unbedachtes Augenauftun steht zwischen Verlust und Verwandlung, nur ein angstvoller Herzschlag ist es dann von dir zum Baum, von dir zum Häher, von dir zum Salamander, der du wirst, der du schon bist im Augenblick, da ein Tropfen Tau deinen schutzlosen Nacken netzt.

Sus scrofa

6. Oktober 2010 § 2 Kommentare

Schon seit Einbruch der Dunkelheit hatte ich sie gehört. Eingenistet in eine zunächst als ungefährlich empfundene Ferne (die gleichwohl die Art dieser Anwesenheit wenn nicht erkennen, so doch erraten ließ), wurden die Geräusche langsam lauter, ein Schnaufen und Scharren und Knacken und Rülpsen, dessen Urheber sich im Laufe der Nachtstunden langsam, mit mancherlei Vor und Zurück, aber im Ganzen doch immer mehr näherte, sich manchmal ins Halbbewußtsein des Schläfers schob, wieder daraus zurückwich und sich noch mehrmals in Erinnerung rief, jedesmal lauter, jedesmal ein bißchen näher, bis es ihn gänzlich weckte, und ihn, der anfangs, kurz nach Sonnenuntergang, sich vielleicht über die Natur des Geräuschs noch selbst hatte täuschen können, jedes Zweifels darüber, was da draußen rülpste und schmatzte und wühlte, behob.
Und dann ging’s los, sehr schnell, wie auf ein verabredetes Zeichen, wie, daß man nun lange genug vorsichtig gewesen, lange genug nur gespielt hatte, und nun entschlossen war, ernst zu machen. Galopp zahlreicher Hufe krachte auf einmal aus sehr naher Distanz durch den Wald, Zweige knackten, Laub raschelte, Steinchen schienen wegzuspringen, während es sich anhörte, als wälze sich da ein einziger schwerer Koloß durchs Unterholz, der sich zudem rasch, sehr rasch, als wollte er es niederwalzen, dem Zelt näherte.
Mit einem Satz aufrecht, zitternden Fingers den Zeltreißverschluß aufgerissen, mit der freien Hand schon nach dem eiskalten Hammer getastet. Der Reißverschluß klemmte, das Zelt wackelte, die Walze walzte. Stockend glitt der Reißverschluß nieder und ein Schlitz aus hellem Licht öffnete sich in der Zeltwand. Mondlicht ergoß sich über die Wiese. Schemenhaft standen davor die nächsten Bäume. Ohne Brille war alles nur ein schimmerndes Durcheinander, und während ich nach meinen Augengläsern suchte, zerfiel das Geräusch wieder in einzelne Laute, gliederten sich Trippeln und Scharren und Grunzen daraus ab, langsamer jetzt, zögerlicher. Ich setzte die Brille auf, der Mond schrumpfte zum Kreis, es war fast Vollmond, wolkenloser Himmel, und die Wiese lag jenseits der schmalen Baumreihe in einer Klarheit da, daß einzelne Halme im Licht schimmerten. Und noch etwas sah ich sofort, ich mußte nicht lange suchen und das Zelt nicht verlassen, weil sich der Eingang genau dorthin öffnete: Da waren sie. Jetzt passierte es mir auch einmal. Sie standen in unmittelbarer Nähe, am Rand der Wiese und vereinzelt zwischen den Bäumen, die Borsten im Mondlicht gesträubt, die Leiber glänzend und massig, aus der Perspektive des zu ebener Erde liegenden Zeltschläfers riesige Tiere, vier, fünf, acht, zehn, eine ganze Rotte: Wildschweine.
Es war, als beachteten sie mich nicht, als käme ich, ungeachtet des früheren Eindrucks, in ihren Plänen und Absichten, falls Wildschweine so etwas haben, gar nicht vor; als ignorierten sie mich, oder, wenn das überhaupt möglich war, als hätten sie mich in ihrem unergründlichen, auf anderes gerichteten Schweineeifer noch gar nicht bemerkt.
Daß letzteres wahrscheinlich zutraf, merkte ich ein paar Augenblicke später. Ratlos, was zu tun sei, ob überhaupt etwas zu tun sei, betrachtete ich die müßig herumstehende Rotte. Unter ihnen war ein Tier, das alle anderen weit überragte, furchterregend anzuschauen, dunkel, borstig, schemenhaft-muskulös und aus der Froschperspektive, am Boden liegend, groß wie ein Pferd.
Geschichten von Wanderern oder Spaziergängern, die sich unverhofft Wildschweinen gegenübergesehen und von ihnen attackiert worden seien, Meldungen von Gärtnern, die am hellichten Tag in ihrem lauschigen Schrebergärtlein ohne ersichtlichen Grund angefallen und verletzt worden seien, schossen mir durch den Kopf. Einem arglosen Wanderer hatte ein Keiler den ganzen Oberschenkel aufgeschlitzt. Von einem anderen hieß es, er habe sich in einen Müllcontainer retten können. Keine schönen Aussichten, selbst wenn es hier einen Müllcontainer gegeben hätte. Es war indes in diesen durchaus furchterregenden Geschichten immer nur die Rede von der Gefahr gewesen, die von einem Wildschwein ausgehen könne. Ich aber hatte ungefähr zwanzig Tiere vor mir, noch dazu eines, das groß wie ein Pferd war. Später las ich, Gruppen von mehr als zwanzig Tieren seien in Mitteleuropa sehr selten. Vielleicht doch nicht so selten, wie man bislang vermutet hatte. Der Umstand, daß ich mich nicht bei hellem Sonnenschein und in der Nähe menschlicher Siedlungen in einem Schrebergarten aufhielt, sondern nachts mutterseelenallein im Wald am Boden lag, mit nichts als einem Hammer und einer Packung Bio-Vollkornkekse bewaffnet, machte die Sache nicht besser.
Ich weiß nicht, was sie schließlich vertrieb, aber ihre Flucht war genauso unheimlich, wie ihr Herannahen. Ich hatte mein Feuerzeug herausgeholt, in der irrwitzigen Annahme, daß Tiere vor Feuer Angst haben müßten, hielt es ins Freie, zündete es und fragte mich, wie sich wohl der Eckzahn eines Keilers im Oberschenkel anfühlen mochte.
Es machte klick.
Und das war schon das Erschreckendste daran. Mag ja sein, daß Tiere, sogar Wildschweine, Angst vor dem Feuer haben. Vor dem Feuer, ja. Aber dieses fahle Flämmchen als Feuer zu bezeichnen, war bestenfalls leichtsinnig. Das Lichtlein war auf die Entfernung für die Schwarzkittel wahrscheinlich nicht einmal zu sehen, waren nicht Wildsauen sogar kurzsichtig? Und Furcht hätte es allenfalls einem Glühwürmchen einjagen können, und auch nur einem besonders furchtsamen. Natürlich hatte ich meine Stirnlampe vergessen. Klar. Die lag zu Hause in der Schreibtischschublade und war dort in diesem Moment nicht unbedingt von Nutzen.
Aber besser ein Feuerzeug in der Hand als eine Lampe in der Schublade, und wer weiß? Vielleicht hatten sie das Klicken der Feuerzeugmechanik doch gehört und sich von diesem ungewohnten, wenngleich sehr leisen Geräusch verwirren lassen, wer kann sagen, was in der empfindsamen Seele einer Wildsau vor sich geht? Vielleicht hatten sie auch die Bio-Vollkornkekse gewittert und Angst bekommen. Jedenfalls gab es plötzlich eine Bewegung, ausgehend von dem pferdegroßen Keiler, die im Nu auf die ganze Rotte übergriff: Die Leiber wirbelten herum und preschten im, naja, Schweinsgalopp ist hier wohl das beste Wort, davon, zurück in den Wald, panisch, ins Dickicht, wo alle zwanzig oder mehr Tiere innerhalb von Sekunden verschwunden waren.
Und ebenso schnell verstummte jedes Geräusch. Kein ersterbendes Galoppieren, kein Hufgetrappel aus den Weiten des Waldes, kein nachhallendes Grunzen irgendwo in der Ferne, kein Knacken von Zweigen, nichts. Von einem Atemzug zum nächsten war alles vorbei. Nicht einmal ein Blatt raschelte noch. Es herrschte Totenstille. Es war, als hockten sie nur wenige Schritte entfernt und warteten ab. Lauschten ihrerseits. Lauerten.
Vielleicht hockten sie da auch wirklich, aber sie haben sich die ganze spätere Nacht weder blicken lassen, noch auch nur einen kleinen Rülpser von sich gegeben. Es war, als hätten sie nie existiert. Am Morgen erstreckte sich der Wald licht und geräumig ums Zelt, Sonne spielte im Herbstlaub, der Grund schien unberührt, keine Tiere waren zu sehen, bis auf ein paar Pferde, die auf einer benachbarten Weide grasten.
„Und, hast du was Schönes erlebt?“ fragte mich K. anderntags.
„Ja“, sagte ich, „ich habe eine Rotte Wildschweine mit Bio-Vollkornkeksen in die Flucht geschlagen.“

Saeby

21. September 2010 § 3 Kommentare

Da waren also diese Leute draußen im Wald und sangen dieses etwas alberne und doch irgendwie traurige Lied, Alouette, gentille alouette, aber für mich damals war es, konnte es gar nicht albern sein, man hat als Fünfjähriger kein Gefühl dafür, was albern oder ernst, süß oder verkitscht, aufrichtig oder hohl ist. Und im Grunde ist es ja nur ein ganz einfaches Liedchen, das sich in seiner Schlichtheit nicht verstecken muß. Schon gar nicht nachts um spät, der Fünfjährige ist erwacht, und aus seiner Sicht ist es mitten in der Nacht, sei es elf oder zwölf oder halb vier. Es war Sommer, Hochsommer, und im Norden heißt das Tageslicht bis um zehn, elf Uhr. Es war aber zu jener Stunde schon dunkel, stockfinster, bis auf, ja, vielleicht bis auf ein Licht, das, nicht nah, nicht weit, aber ungeheuer draußen, zwischen den Föhrenstämmen aufblitzte, erlosch, wieder aufblitzte, der Nacht, den Baumriesen, dem Waldraum angehörend, einem Raum, der verzaubert war, und wo in diesem Augenblick etwas Wunderbares geschah, und dieses Wunderbare war: Musik.
Es sangen da Stimmen, zwei oder drei oder vier, sangen, und vielleicht unterbrachen sie sich manchmal, um laut herauszulachen; Strophe, Gegenstrophe, Lachen, es war etwas unendlich Gelöstes, Frohes und Lustiges an diesen Stimmen, überirdisch und entrückt und doch ganz hier; und zugleich haftete ihnen ein unergründlicher Zauber an, ein heiterer Ernst, wenn es so etwas gibt: Es war etwas, die Melodie, das Heitere, das Nur-sich-selbst-Genügende, das zum Atemanhalten schön war (wahrscheinlich drückte ich mir die Nase an der Fensterschiebe platt), das nicht mir galt, das einfach passiert war, da draußen zwischen den Bäumen, und das sich, während ich lauschte und rätselte, schon wieder langsam entfernte, leiser und leiser wurde.
Es werden junge Leute gewesen sein, die angetrunken, ausgelassen und veralbert von einer Feier nach Hause gingen, und die in ihrer Ausgelassenheit beschlossen hatten, gemeinsam dieses Liedchen mit seinen anwachsenden Repetitionen (Et la tête! – Et la tête!) durch den Wald zu schmettern.
Ich weiß nicht wie lange es dauerte. Ich weiß aber, wie es mich, während ich am Fenster stand und lauschte und lauschte, in eine qualvolle Unruhe versetzte, weil ich es nicht verstand. Ich fühlte damals, daß es mir auf immer entglitte, daß ich es verlieren würde, wenn ich nicht begriff, was das war. Ich hatte die Sehnsucht, es für immer zu besitzen; ich glaubte, daß ich nur verstehen müsse, was es war, um in diesen ersehnten Besitz zu gelangen, für immer teilhaftig des wundersüßen Geheimnisses.
Was ich noch nicht wissen konnte, war natürlich, daß solche Augenblicke unwiederholbar sind, und daß man nichts daran besitzen kann, daß man schon dabei ist, sie zu verlieren, noch während sie dauern. Selbst, wenn man irgendwann weiß, wie das Lied heißt. Die Stimmen werden sich entfernen, die Laterne wird noch einmal aufblitzen, dann wird die Melodie, Et la tête! – Et la tête! Alouette! – Alouette!, in der Tiefe zwischen des Stämmen verklingen, Silbe für Silbe, vielleicht hört man noch ein Lachen, und dann auch das nicht mehr, nur noch den Wind, wie er in den Föhrenwipfeln rauscht.

Wo bin ich?

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