Vom richtigen Strafmaß (Sallust, Catilina 51, 1-8)

15. Februar 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Allen Menschen, ihr Herren Senatoren, die über verworrene Dinge beratschlagen, ziemt es, frei von Haß, Liebe, Zorn und Mitleid zu sein. Nicht leicht sieht der Geist die Wahrheit, wenn solche Gefühle ihn behindern, und es hat noch keiner gleichzeitig seinen Leidenschaften und dem gemeinsamen Anliegen gedient. Sobald man den Geist anspannt, ist er stark; wenn ihn die Leidenschaft besitzt, vermag er nichts. Ich könnte jetzt eine Menge Fälle erwähnen, ihr Herren Senatoren, wo Könige und Völker sich von Zorn oder Mitleid haben schlecht beraten lassen. Aber ich will lieber davon sprechen, wie unsere Vorfahren gegen ihre Herzensgefühle richtig und in der Ordnung gehandelt haben. Im Makedonischen Krieg, den wir mit dem König Perses geführt haben, war das große und prächtige Rhodos, eine Stadt, die durch die Unterstützung des Römischen Volkes aufgeblüht war, uns gegenüber treulos und feindlich gesinnt. Als aber nach Beendigung des Krieges über die Rhodier beratschlagt wurde, entließen unsere Vorfahren sie unbestraft, damit man hinterher nicht würde sagen können, der Krieg sei mehr wegen Reichtümern als wegen Rechtsverletzungen angefangen worden. Genauso war es in allen Punischen Kriegen: Während die Karthager im Frieden und zu Zeiten von Waffenruhe viele Greueltaten verübt hatten, taten die Römer selbst niemals etwas ähnliches: Sie fragten mehr nach dem, was ihrer würdig sei, als danach, was den Karthagern von Rechts wegen hätte widerfahren dürfen. So müßt auch ihr Sorge dafür tragen, ihr Herren Senatoren, daß die Verbrechen des Publius Lentulus und der anderen bei euch nicht mehr Gewicht haben als eure Würde, und daß ihr nicht euern Zorn mehr pflegt als euern Ruf. Wenn sich nämlich eine angemessene Strafe für die Verbrechen dieser Leute finden läßt, dann befürworte ich einen neuen Beschluß; wenn aber die Schwere des Verbrechens den Einfallsreichtum aller übersteigt, muß man meiner Ansicht nach gebrauchen, was die Gesetze hergeben.

(Die Caesarrede aus Sallusts Catilina wird gern in der Schule gelesen, daher hier eine Warnung an Schüler: Die vorliegende Übersetzung ist sehr frei und als Lösung für Hausaufgaben nicht geeignet!)

Omnis homines, patres conscripti, qui de rebus dubiis consultant, ab odio, amicitia, ira atque misericordia vacuos esse decet. 2 Haud facile animus verum providet, ubi illa officiunt, neque quisquam omnium lubidini simul et usui paruit. 3 Ubi intenderis ingenium, valet; si lubido possidet, ea dominatur, animus nihil valet. 4 Magna mihi copia est memorandi, patres conscripti, quae reges atque populi ira aut misericordia inpulsi male consuluerint. Sed ea malo dicere, quae maiores nostri contra lubidinem animi sui recte atque ordine fecere. 5 Bello Macedonico, quod cum rege Perse gessimus, Rhodiorum civitas magna atque magnifica, quae populi Romani opibus creverat, infida et advorsa nobis fuit. Sed postquam bello confecto de Rhodiis consultum est, maiores nostri, ne quis divitiarum magis quam iniuriae causa bellum inceptum diceret, inpunitos eos dimisere. 6 Item bellis Punicis omnibus, cum saepe Carthaginienses et in pace et per indutias multa nefaria facinora fecissent, numquam ipsi per occasionem talia fecere: magis, quid se dignum foret, quam quid in illos iure fieri posset, quaerebant. 7 Hoc item vobis providendum est, patres conscripti, ne plus apud vos valeat P. Lentuli et ceterorum scelus quam vostra dignitas neu magis irae vostrae quam famae consulatis. 8 Nam si digna poena pro factis eorum reperitur, novum consilium adprobo; sin magnitudo sceleris omnium ingenia exsuperat, his utendum censeo, quae legibus conparata sunt.

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