Mitnotiert: Lob der Dunkelheit

13. September 2017 § 3 Kommentare

Und heute das erste Mal mit Stirnlampe unterwegs. Kein Zusammenhang damit: gegenüber ist die gräßliche Straßenlaterne, ein anderthalb Meter langes Leuchtstoffungetüm, das außer Wurfweite (mit gutem Grund, nehme ich an), an einem Ausleger am Giebel des gegenüberliegenden Hauses festgeschraubt ist, so daß mir das durchaus übertrieben helle Licht nachts aufs Kissen scheint, dieses scheußliche Ding ist also kaputt, und wunderbare, schlaffördernde Dunkelheit liegt über der Straße. Hätte Gott gewollt, daß es nachts hell ist, hätte er unseren Planeten in ein Doppelsternsystem gesetzt. Hat er aber nicht. Wo hell ausgeleuchtet wird, wird auch hart durchgegriffen, wird überwacht und drangsaliert. Wer über das Licht gebietet, hat die Macht. Wer leuchten will, will meist auch wissen, unter Umständen etwas, das ihn gar nichts angeht. Licht kann einschüchtern. Ermittler strahlen einem Festgenommenen eine Lampe ins Gesicht. Gefangenen entzieht man, um sie zu quälen, die für den Schlaf nötige Dunkelheit. Aber nicht nur für den Schlaf ist das Dunkel nötig oder zumindest hilfreich, nicht allein beim Schlafen ist Licht störend. Im Dunkeln ist gut munkeln, weiß der Volksmund. Die Dunkelheit ist der Schutz fürs Geheime, fürs Private, fürs Intime. In der Dunkelheit mag man sich trauen, zu sagen, was man bei Licht verschweigt: Liebesgeständnisse, sexuelle Vorlieben, Taten, deren man sich schämt: Im Beichtstuhl ist es ebenso dunkel wie ums Liebeslager. Licht dagegen macht nackt und wehrlos.

In dem Roman Archipel Gulag von Alexander Solschenizyn wird eine Gefängniszelle beschrieben, in der Tag und Nacht Licht brennt. Durch einen Türspion werden die Insassen rund um die Uhr überwacht. Eine Anordnung schreibt vor, daß die Gefangenen auf dem Rücken zu liegen haben, Hände sichtbar über der Bettdecke. Wer es wagt, eine andere Haltung einzunehmen, riskiert einen Brüller oder Schlimmeres. Wozu diese Anordnung, insbesondere das Gebot, die Hände auf der Bettdecke zu lassen, dienen soll, ist nicht schwer zu erraten. Nicht einmal mehr der eigene Körper darf als geheimer Raum dienen. Indem die Intimität mit sich selbst unterbunden wird, wird der Körper dem Selbst entfremdet, die Verbindung des Opfers zu sich selbst gekappt, eine besonders subtile Form der Leibeigenschaft. Ein Sklave im römischen Reich, könnte man sich vorstellen, war freier. Der nächste Schritt liegt auch schon nahe. Nach der Aneignung des Körpers kommt die Aneignung der Gedanken und Gefühle. Wer jetzt an Gehirnwäsche denkt, ist in primitiven Vorstellungen verhaftet. Das ist Schnee von Gestern. Schon jetzt kann ebenso mühelos wie zuverlässig aus meinem Internet-Verhalten mein Buchgeschmack, meine sexuelle Orientierung, die Wahrscheinlichkeit, daß ich ein schweres Verbrechen plane und manches mehr errechnet werden. Und Ingenieure und Softwareentwickler arbeiten bereits an automatisierter Erkennung der Gefühlslage anhand etwa von Stimmdaten. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, daß eines Tages ein Gerät wie Siri schon beim Aufstehen prognostizieren kann, was für Laune ich habe, noch bevor ich es selber weiß. Hier wirft der Algorithmus ein grelles Licht in mein tiefstes Inneres. Er durchleuchtet mich bis in meine Gefühle hinein – und errechnet mein wahrscheinliches Verhalten, zum Beispiel, ob ich dazu neigen werde, eine Ordnungswidrigkeit zu begehen oder unfreundlich zu sein und Wirtschaftsabläufe zu stören.

Von unserer Abstammung her sind wir Fluchttiere, wir haben nie am oberen Ende der Nahrungskette gestanden, wo uns keiner was konnte. Die Dunkelheit empfinden wir sowohl als Gefahr (weil wir nichts sehen) wie als Schutz (weil wir nicht gesehen werden). Nicht gesehen zu werden, ist eine Beruhigung. Fällt Licht auf uns, ein Suchscheinwerfer, das Rampenlicht, das automatische Licht eines Bewegungsmelders, das Licht der Eltern, die unverhofft ins Kinderzimmer traten, werden wir nervös. Freilich werden andere Leute umgekehrt nervös, wenn sie nicht genau sehen können, was im Dunkeln vor sich geht. Wie war das? „Wenn sie etwas vorhaben, wozu sie den Schutz der Dunkelheit benötigen, sollten Sie das vielleicht lieber nicht tun.“ Oder so ähnlich. Es sind Pläne bekannt geworden, beide Aspekte, Licht und Überwachung, in sinnreicher Erfindung zusammenzubringen in Gestalt einer Straßenlampe, die beides kann, leuchten, lauschen und lauern. Eine grauenhafte Vorstellung, wenn man mir nicht nur aufs Kopfkissen strahlen, sondern mich dort auch noch filmen kann.

Von mir aus brauchte es gar keine Straßenbeleuchtung. (Stirnlampe!). Im ländlichen Raum etwa gibt es in kleinen Ortschaften oft keine, oder sie schalten sich am späten Abend aus. Wie sehr man sich daran gewöhnt hat, daß es auch nachts hell ist, zeigt sich aber darin, daß solche Laternen mit einer roten Farbmarkierung versehen sind: Daran sollen Autobesitzer erkennen können, daß ihr Fahrzeug, wenn sie die Absicht haben sollten, es unter dieser trügerischen Lichtquelle abzustellen, möglicherweise am nächsten Morgen im Dunkeln steht. (Nicht auszudenken!)

Gegen nächtliches Lichtspektakel habe ich seit jeher eine starke Abneigung. Ich mag echtes Licht, Sonne, Mond, zu ihren jeweiligen Zyklen, Auf- und Untergängen. Ich habe nie die Läden unten, keine Gardinen, keine Vorhänge. Verhängte Fenster beklemmen mich. In Kranken- und Sterbezimmern sind die Vorhänge zu, Vorhänge haben was von Migräne und bettlägerigem Leiden. Ich mag es, im Sommer schlafen zu gehen, wenn es noch hell ist, und mit der Morgendämmerung wach zu werden. Künstliches Licht außerhalb der eigenen vier Wände ist mir ein Greuel und läßt mich an das schöne Wort Immission denken. Nach störendem Privatlicht – etwa durchgängig in Betrieb befindliche Außenanlagen vor Haustüren oder in Höfen mit Zugangsverkehr – ist mir der rücksichtslose Einsatz des Aufblendlichts auf Landstraßen oder – leider motorisiert befahrbaren – Wirtschaftswegen ein ganz besonderes Ärgernis. Als Radfahrer zählt man nämlich für solche Leute nicht als ernstzunehmender Gegenverkehr. Als Fußgänger ist man quasi stehendes Gut, auf das nicht mehr Rücksicht genommen werden muß als auf die Rindviecher und Pferde auf der Weide nebenan.

Im Wald gibt es – noch – keine Laternen, und um kurz nach sechs ist es mittlerweile stockfinster unter den Fichten. Das nächste halbe Jahr werde ich wieder den Lichtkegel der Lampe wie einen Fächer über den Weg schieben. Eine Welt der Dunkelheit, in die ich eindringe wie ein Taucher, die ich kurz zwinge, sich zu Farben und Gestalten aufzuraffen, ehe sie wieder ins geflüsterte, formlose Dunkel zurückfallen darf. Wassertropfen glänzen, ein Streifen Verpackungsmüll strahlt wie ein Maschinenbauteil, glitzernde Wegschnecken scheinen sich von dem Kegel wegzukrümmen. Laub liegt wie verwitterte Münzen auf dem Waldweg. Bewegliche Schemen erstarren bei ihrem Eintritt in den Lampenkreis zu Ästen, Fichtenzapfen oder Baumstümpfen. Manchmal zeigt mir ein merkwürdiges Geräusch die Anwesenheit von Tieren im Unterholz, kurzer Schwenk der Lampe, ein Augenhintergrund strahlt hellgelb zurück. Diese Anwesenheiten erschrecken mich nicht mehr, sie erscheinen bei fast jedem Lauf. Um die Tierkörper in der Dunkelheit sichtbar zu machen, ist die Lampe zu schwach, aber die Augen nachtaktiver Tiere schicken einen Strahl zurück, der ihre Augen in der Finsternis schweben läßt, als hätte der Wald selbst Augen bekommen. Er mustert mich, der Wald. Im Gegensatz zu Behörden ist das ist sein gutes Recht.

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