Privatsphäre (Sen. Ep. III, 25)

22. Mai 2014 § 9 Kommentare

„Handle stets so, sagt [Epikur], als ob Epikur dir dabei zusähe.“ Ohne Zweifel ist es nützlich, sich selbst einen Aufpasser zur Seite zu stellen und jemandem zu haben, mit dem man rechnen muß, den man sich als Mitberater bei den eigenen Entschlüssen vorstellen kann. Am besten wäre es freilich, so zu leben wie unter den wachsamen Augen eines stets anwesenden vortrefflichen Menschen; doch bin ich schon damit zufrieden, wenn du in allem so handelst, als sähe jemand Beliebiges zu. Alles Schlechte empfiehlt uns das Alleinsein. Wenn du schon so große Fortschritte gemacht hast, daß du dir eine gewisse Ehrerbietung zollen magst, kannst du den Lehrmeister wegschicken: Bis es so weit ist, begib dich in die Obhut von Leuten, deren Vortrefflichkeit unbestritten ist – Catos oder Scipios oder Laelius’ oder irgendeines anderen, durch dessen Einschreiten selbst verwahrloste Menschen ihre Fehler unterdrücken würden. Das tu, bis du selbst einer geworden bist, in dessen Gegenwart du keinen Fehler zu machen wagst. Wenn du das geschafft hast und bei dir eine ehrfurchtsvolle Haltung dir selbst gegenüber eingetreten ist, will ich dir zugestehen, was auch Epikur nahelegt: „Besonders dann ziehe dich in dich selbst zurück, wenn du gezwungen bist, dich in einer Menge aufzuhalten.“ Du mußt dich von den Vielen unterscheiden, solange es noch nicht gut für dich ist, dich zu dir selbst zurückzuziehen. Schau dir die Leute an: Es gibt keinen, für den es nicht vorteilhafter wäre, bei irgendeinem beliebigen anderen zu sein, als bei sich selbst. „Besonders dann ziehe dich in dich selbst zurück, wenn du gezwungen bist, dich in einer Menge aufzuhalten.“ – ja, wenn du ein guter Mensch bist, wenn du ruhig bist und besonnen! Andernfalls solltest du dich vor dir selbst in die Menge zurückziehen: Denn bei dir selbst bist du dann einem schlechten Menschen allzu nahe. Lebe wohl.

„Sic fac“ inquit „omnia tamquam spectet Epicurus.“ Prodest sine dubio custodem sibi imposuisse et habere quem respicias, quem interesse cogitationibus tuis iudices. Hoc quidem longe magnificentius est, sic vivere tamquam sub alicuius boni viri ac semper praesentis oculis, sed ego etiam hoc contentus sum, ut sic facias quaecumque facies tamquam spectet aliquis: omnia nobis mala solitudo persuadet. [6] Cum iam profeceris tantum ut sit tibi etiam tui reverentia, licebit dimittas paedagogum: interim aliquorum te auctoritate custodi – aut Cato ille sit aut Scipio aut Laelius aut alius cuius interventu perditi quoque homines vitia supprimerent, dum te efficis eum cum quo peccare non audeas. Cum hoc effeceris et aliqua coeperit apud te tui esse dignatio, incipiam tibi permittere quod idem suadet Epicurus: „tunc praecipue in te ipse secede cum esse cogeris in turba“. [7] Dissimilem te fieri multis oportet, dum tibi tutum [non] sit ad te recedere. Circumspice singulos: nemo est cui non satius sit cum quolibet esse quam secum. „Tunc praecipue in te ipse secede cum esse cogeris in turba“ – si bonus vir , si quietus, si temperans. Alioquin in turbam tibi a te recedendum est: istic malo viro propius es. Vale.

„Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, daß es irgend jemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.“ (Eric Emerson Schmidt, Vorsitzender von Google Inc.)

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§ 9 Antworten auf Privatsphäre (Sen. Ep. III, 25)

  • Lakritze sagt:

    Spannend! Sie haben mir das Wort aus … naja, also, ich denke gerade genau darüber nach. Ich danke herzlich für den Hintergrund.
    Die Vorstellung, nur in Anwesenheit (moralisch unanfechtbarer) anderer könne man gut und richtig handeln — nun ja, der Mensch ist ein soziales Wesen, lernt am Beispiel und hat, was in der Psychoanalyse als Über-Ich auftritt.
    Beobachtbar sein müssen und sich beobachtet fühlen: die Stoiker haben das alles noch in die Vorstellung verlagert; das ist eine ordentliche Aufgabe, und es setzt einen Menschen mit freiem Willen und gewissen Fähigkeiten voraus. Mündige Menschen, die sich entwickeln wollen.

    Achje.

    (Ich werde mein Textchen trotzdem weiterschreiben, auch wenn es sich eigentlich erledigt hat.)

  • […] (Hier ein Text dazu; hier ein Bild.) […]

  • Trippmadam aka (Tía) Paulina sagt:

    Manchmal kommt ein Text gerade recht. In Zeiten, in denen man sich Einflüssen nicht entziehen kann, von denen man eigentlich weiß, dass sie schädlich sind, tut es gut, jemanden zum Maßstab zu nehmen, von dessen Integrität man überzeugt ist. (Schachtelsatz am frühen Morgen!)

    • Solminore sagt:

      Integrität sicherlich, Aufrichtigkeit des Anliegens auch. Seneca haben sicher keine wirtschaftlichen Interessen zu seinen philosphischen Haltungen geführt (Epikur auch nicht). Natürlich konnte Seneca sich nicht einmal vorstellen, welche Konsequenzen sich aus der Ablehnung des „Alleinseins“ für eine Welt ergeben, in der dieses Alleinsein allmählich abgeschafft wird. Er brauchte sich nicht zu fragen, was für einen Wert das Alleinsein hat. Man muß sich aber fragen, ob Seneca nicht Eric Schmidt, Zuckerberg & Cie. in ihrer Behauptung, der Verlust der Privatsphäre halte die Menschen zu größerer Moral an und mache die Welt daher besser, zugestimmt hätte: „Das Alleinsein empfiehlt alle möglichen Übel.“

      • Lakritze sagt:

        Ich widerspreche! Seneca hat sicher keine permanente Überwachung propagiert. Er überläßt es der Geisteskraft des Menschen, sich diese wertende Anwesenheit vorzustellen. Und wer selbst eine gewisse Integrität erreicht hat, braucht nicht einmal mehr diese Vorstellung.
        Im Überwachungsstaat hingegen herrscht Generalverdacht. Wenn du nichts zu verbergen hast, ist alles gut, aber wir gucken trotzdem mal. Da gibt es keine Entwicklungsmöglichkeit, und es gibt keine Entscheidungsfreiheit. Seneca hätte das gar nicht gefallen.
        Hier eine hübsche Polemik zum dräuenden Menschenbild.

        • Solminore sagt:

          Seneca konnte die Überwachung nicht propagieren, weil er sich nicht einmal vorstellen konnte, zu was wir Heutigen in der Lage sind. Aber die Sache ist subtiler, es geht meines Erachtens nicht um Überwachung, sondern um die bloße Vorstellung, das Bewußtsein, nicht überwacht, sondern gelesen, betrachtet und gedeutet zu werden, und zwar überall und immer. Die Ansicht von Eric Schmidt ist ja, daß eine Welt ohne Privatsphäre eine bessere wäre, weil die Menschen sich stets so verhalten, als sähe jemand zu, egal, ob das tatsächlich der Fall ist oder nicht. Insofern ist es nur ein kleiner Schritt von Senecas vorgestellter Beobachtung zu Eric Schmidts Welt, in der die Beobachtung tatsächlich stattfindet, aber niemand weiß, wann und wo. Der bloße Verdacht, beobachtet zu werden, leistet genau das, was Seneca Lucilius empfiehlt.

          • Lakritze sagt:

            Gab es nicht kürzlich eine Untersuchung, daß die bloße Information, man werde überwacht, zu einer Verhaltensänderung in Richtung Sozialer Erwünschtheit führte? Es ging um Stromsparen. Also ja, der Verdacht, jemand schaue zu, ändert Verhalten.
            Aber, und das ist anders, als Seneca sich das vorstellt: sobald die vermutete Überwachung wegfällt, fällt man auch in das alte Verhalten zurück. Dem „erwartungsgemäßen“ Betragen liegt kein Sinneswandel, keine Entwicklung, keine Einsicht zugrunde. Das beobachtete Objekt maskiert sich nur für eine Zeit.

            • Solminore sagt:

              Und hier knüpft doch Seneca an, an genau dieser Stelle: Existiert keine Kontrolle, muß man sich selbst eine verschaffen, durch die Menge oder durch Autosuggestion. Im Alleinsein, im Privaten kommt man nur allzu leicht auf dumme Gedanken.

              Der Vorschlag von True Love Waits für unverheiratete Paare, sie sollten, wenn sie zusammen alleine sind, nichts tun, was sie nicht auch täten, wenn Jesus persönlich mit im Zimmer sei; die fehlenden Gardinen in holländischen Häusern; Eric Schmidts Rat; und schließlich Senecas, vor sich selbst in die Menge zu flüchten — dem allen scheint mir der gleiche Gedanke zugrunde zu liegen.

  • Sofasophia sagt:

    danke für diesen text!!

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