Die unerträgliche Leichtigkeit des Schauens

6. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Einmal stand ich in der Eifel auf dem Sattel eines Bergsporns und sah nach Westen zu in ein weites, flaches Tal hinunter. Von Osten, aus einem Engpaß kommend, teilt sich die Straße in einen nach Westen fortführenden und einen nach Norden auf einen Paß steigenden Schenkel, und in der Öffnung der beiden auseinanderstrebenden Zweige gibt es einen kleinen Parkplatz. Es ist nicht klar, zu welchem Zweck man an dieser Abzweigung parken sollte, aber es ist mehr als nur eine Haltebucht, das blaue Zeichen war an diesem Morgen, gleichwohl bei diesigem Wetter und schwachem Licht, von meinem Standplatz auf dem Bergsattel gut zu erkennen. Ich war stehengeblieben, um von dem steilen Aufstieg kurz Atem zu schöpfen und die Aussicht zu genießen. In südöstlicher Richtung hing der Steinerberg in Wolken, die Aussicht auf die Ortschaft Lind im Süden verbarg noch der Talhang, überm Ahrtal schien die Wolkendecke dünn genug zu werden, daß die Sonne vielleicht hervorkommen könnte. Der Herbstmorgen war kühl und, wenn es trocken bliebe, zum Wandern wie geschaffen.
Ich stand also und atmete und schaute, und währenddessen erschien von Kreuzberg kommend ein Auto, rollte auf die Abzweigung zu und bog auf den Parkplatz ein. Aha, dachte ich, nun will ich doch mal sehen, was Leute so treiben, die da anhalten. Zwei stiegen aus, ich sah, wie die Fahrertür zugeschlagen wurde, und eine Sekunde später hallte der Knall durchs Tal. Und dann verging Zeit, und die Zeit füllten die beiden – nicht erkennbar auf die Entfernung, ob Mann oder Frau oder Paar, allenfalls, daß es sich um weder besonders junge noch besonders alte Menschen handelte, war den Bewegungen abzulesen – indem sie Undeutbares verrichteten: Ums Auto herumgehen, Türen öffnen und wieder zuwerfen, den Kofferraum öffnen, etwas herausholen, wieder schließen, abermals eine Tür öffnen, sich ins Fahrzeug setzen, wieder aussteigen, etwas aufs Dach legen und mehr solcherart. Es ist verblüffend, wie wenig man von Menschen versteht, wenn man sie nicht sprechen hört.

Nach einer Weile war klar, daß nun keine in einen Müllsack eingeschlagene Leiche auftauchen würde; auch sah es nicht nach einem widerrechtlichen Abladen von Müll oder Bauschutt aus. Einen Moment überlegte ich, was ich tun könnte, wenn ich von da oben Zeuge eines Verbrechens würde, und kam zum Schluß: nichts. Luftlinie keine vierhundert Meter trennten mich von dem eingebildeten Geschehen, aber zu Fuß dort hinunter und hinaus ins Tal wären es bestimmt zwanzig Minuten. Nicht einmal bei der Aufklärung behilflich sein könnte ich, denn das Nummernschild war auf die Entfernung nicht zu erkennen, die Automarke auch nicht, ob der Lack nun eher nachtblau oder dämmerungsschwarz war, entzog sich aufgrund der diesigen Luft einer genauen Bestimmung.
Plötzlich kam mir zu Bewußtsein, daß aufgrund meiner exponierten Lage nicht nur ich die beiden, sondern die beiden auch mich da oben auf dem Kamm müßten gut erkennen können, wenn sie nur den Blick dort hinauf höben. Ob man es auch würde erkennen können, wenn ich die Hand hob, winkte? Wer sieht, kann auch gesehen werden, prinzipiell jedenfalls. Sehen können ohne gesehen zu werden ist nicht einfach, verleiht dem Schauenden aber eine stille Macht übers Geschaute. Die beiden da unten wußten weder, daß sie beobachtet wurden, noch wäre es ihnen in den Sinn gekommen, sich diese Frage auch nur zu stellen. Ich selbst stellte sie mir ja nicht, auf meiner Anhöhe, die ich mir nur einsam dachte, oder die ich noch weniger als unbelebt mir dachte, nämlich gar nicht dachte, und als Hintergrund meiner Wahrnehmungen erst dann zur Kenntnis nehmen würde, wenn sie eine Erwartung durchbräche – eine Erwartung, die mir noch dazu völlig unbewußt geblieben wäre, bis zu dem Moment, da eine Ent-täuschung auf sie verweisen würde. Mit einem Freund saß ich einmal in einer stockfinsteren Dezembernacht weitab von jeder Siedlung an einer Schutzhütte im Wald der Pfälzer Berge. Wir steckten schon in den Schlafsäcken und tranken noch einen Glühwein, als auf dem Waldweg plötzlich ein Licht aufflammte. Ein Auto näherte sich, der Scheinwerfer streifte Böschungen, Stämme, riß erstorbene Farnbüschel aus der Dunkelheit und stopfte sie wieder zurück, ließ Kiesbrocken aufblitzen, tastete nach dem Vorplatz der Hütte, streifte fast unsere Füße – und fand uns nicht. Das Licht schwenkte ab, wir blieben für den Fahrer unsichtbar. Wir aber hatten ihn gesehen, wie er in seiner Kabine saß, ein Schemen am Steuer, konzentriert auf den schmalen Weg achtend. Und mich gruselte es bei der Vorstellung, daß dieser Mensch keine Ahnung davon hatte, daß in dem Dunkel jenseits der Scheinwerfer seines Wagens, in der undurchdringlichen Schwärze oberhalb der Wegböschung zwei junge Männer gehockt und ihn beobachtet hatten. Es war ein Vorsprung, den wir vor dem auch nur möglichen Erkenntnishorizont dieses Waldarbeiters, Jägers oder Försters hatten, ein Vorsprung wahrscheinlich sogar vor den diesen Augenblick betreffenden Imaginationen dieses Mannes, der ebenso wenig wie die beiden Wanderer in Kreuzberg auch nur ahnte, daß er beobachtet wurde. Dieser Vorsprung fühlte sich an, als stünde ich am Rand einer Klippe, eine Art von Schwindel, nicht von Gefahr, nicht einmal von Macht, eher ein dem Mitleid verwandtes Gefühl. Das Gefühl eines Schadens, der bereits angerichtet war. Es war mir unangenehm, diesen Vorsprung zu besitzen. Ich hätte gerne, wenigstens nachträglich, diesen Menschen über die Situation, in der er sich befunden hatte, aufgeklärt.
Gleichzeitig war ich froh darüber, daß er uns nicht bemerkt hatte.

Sehen, ohne selbst gesehen zu werden, mehr vom Beobachteten wissen, als der Beobachtete glaubt, preisgegeben zu haben, sensible Daten, ein heimliches Tun, ein schambehaftetes Tun, die eigene Nacktheit. Die Urgeschichte des Spannens (und des Auffliegens) ist vielleicht die Geschichte, die Herodot vom Lyderkönig Kandaules und seinem Jugendfreund Gyges erzählt. Der Lyderkönig, wahrscheinlich kein Mann großen Selbstbewußtseins, ist so stolz auf die Schönheit seiner Frau Nyssia, daß er ihren nackten Körper Gyges zeigen will, damit der Kandaules glaube und auch wirklich begreife, wie schön Nyssia sei. Natürlich muß das heimlich geschehen, und natürlich – sonst gäbe es nichts zu erzählen – geht die Sache schief. Nyssia entdeckt den Gyges in einer Nische, als sie sich an dem für die Schau verabredeten Abend vor ihrem Gemahl entkleidet. Kandaules gegenüber ihre Entdeckung verheimlichend, stellt sie anderntags Gyges zur Rede und vor die Wahl, entweder selbst zu sterben oder Kandaules umzubringen und sich an dessen Stelle zu setzen. „Und Gyges“, bemerkt Herodot trocken, „zog es vor, zu überleben.“ Was die Geschichte auch zeigt (neben einer Erklärung für den Dynastiewechsel unter den Lydischen Königen), ist, daß es recht gefährlich sein kann, mehr zu sehen, als erlaubt ist. Was machen eigentlich unsere Wanderer?

Inzwischen hatten die beiden den Wagen zum letzten Mal abgeschlossen und waren aufgebrochen. Da jetzt klar war, daß es sich tatsächlich um Ausflügler oder Wanderer handelte, galt meine Neugier dem Wohin. Von der Parknische gingen keine Wanderwege aus, und auch sonst war an den Hängen des Tals weder, was einem Weg glich, noch ein Wegzeichen zu sehen.

Nur unscharf war er zu sehen, der Körper, die Schultern, der Busen. An den Rändern in Milchglasschlieren zerfließend, diskontinuierlich auseinandertreibend, sich entzückend wieder zusammenfügend zu anmutigen Massen und Linien, war er in seiner Tiefe eigentlich nicht wirklich zu erkennen. Dafür bot das Sichtbare, der Schemen, reichlich Stoff zum Ahnen. Das war mir, der ich im dunklen Zimmer am Fenster stand und auf das erleuchtete Badezimmerfenster gegenüber schaute, genug, und natürlich war es das nicht, sonst hätte ich mich ja wieder abwenden können: Denn erotisch aufgeladene Nacktheit (eine Ladung, die sie nur für den Betrachter zu haben braucht) ist fast immer reizvoller, wenn sie nicht genug zu sehen bietet, nicht alles enthüllt, sondern Spielräume für die Vorstellungskraft läßt und im Verbergen und halb Zeigen, im anhaltenden Versprechen und anhaltenden Entzug seiner Erfüllung das Interesse wachhält. Nichts ist langweiliger als die interretale optische Verfügungsgewalt über Millionen von Brüsten oder Schößen. Aber eine Brust, die die Vorstellungskraft erst aus verschwommenen rosigen Flecken hinter Milchglas rekonstruieren muß, das hat etwas, das zieht an, das bannt und hält den Betrachter in seiner Vorstellungs- und Rekonstruktionswelt gefangen und an seinem heimlichen Standpunkt am Fenster fest. Freilich wäre gar kein Reiz dabei gewesen, wenn nicht wenigstens die groben Umrisse eines Körpers sich abgezeichnet und dieser Körper sich ohne jeden Zweifel als der einer Frau zu erkennen gegeben hätte. Rekonstruierbar aber nicht wirklich sichtbar waren auch die Verrichtungen dieser Frau, eine zweite, weiche Kontur konnte nur ein Handtuch sein, hier mußte sich ein Ellenbogen heben, jetzt sank der Schemen sich beugend zusammen, jetzt hob sich ein Arm gerade in die Höhe, während das Handtuch wie die Blattrosette unter einer erhobenen Staude auseinanderfiel. Ich brauchte die Achsel nicht zu sehen, um mir ihre frischgewaschene Badetuchfeuchtigkeit vorstellen zu können, und diese Vorstellung war eben umso deutlicher und lebendiger, als ich sie mir vorstellen mußte, ich sah sie ja nicht, vom Fühlen zu schweigen. Ich sah nur etwas drumherum, das auf die Achsel verwies, auf sie zeigte und damit nach meiner Phantasie pfiff, um sie dann von der Leine zu lassen. Zu dem Reiz trug auch bei, daß alles an diesem Anblick unverfügbar war, die Zeit, die diese Frau für ihre Morgentoilette gewählt hatte, die Jahreszeit, die dafür sorgte, daß es um diese Zeit noch dunkel für das Schattentheater wäre, mein eigener Tagesrhythmus, der mich schon auf- aber noch nicht außer Hauses sein ließ; ferner, daß sie sich beim Abtrocknen dicht genug ans Fenster stellte, damit Einzelheiten ihres Körpers erahnbar wurden: Zwei Schritte tiefer im Raum, und ich hätte nur mehr wogende Helligkeitsunterschiede ohne Umriß und Form ausmachen können. Zuletzt aber besonders die Entscheidung dieser Frau, an einem bestimmten Morgen, der auch mich am Fenster gegenüber anträfe, überhaupt zu duschen anstatt sich nur die Zähne zu putzen und die Haare hochzustecken, wie sie es vielleicht an einem anderen Morgen getan hätte.
Noch unverfügbarer, noch flüchtiger und unwiederholbarer war ein ganz ähnlicher Blick, auch hier in der dunklen Frühe, auch hier durch eine erleuchtete Milchglasscheibe, auch hier auf den Schemen einer Badenden. Und daß der Pendlerzug gerade in dem Moment keine Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof hatte und an einer Stelle zum Halten gekommen war, welche die Verbindungslinie zwischen meinem Sitz- oder Standplatz und einem der bis ganz ans Gleis gebauten Hinterhöfe mit meiner Blickachse zusammenfallen ließ: und mir für kurze Zeit einen in diesem Moment so unwahrscheinlichen Anblick gewährte wie etwa ein mit bunten Fischen gefülltes Aquarium in der Wüste, oder ein Sonnenschirm auf einem Gletscher in Grönland. Eingerahmt von dumpfem Ziegelstein, welken Graffiti, kariösem Kellergrund und schimmeliger Winterdunkelheit wuchs da eine Palme, schwoll die Knospe einer Amaryllis, leuchteten die Kronblätter eines ausgestorben geglaubten Gewächses, an dem Ort, wo man es am wenigsten vermutet hätte, inmitten von Mief und schlechter Laune, von Alltagstrott und düsteren Aussichten verlachte da ein schöner Leib alles, was diesen Morgen bis in die Gerüche und Geräusche hinein unsäglich widerwärtig machte; und begleitet vom Kreischen der über Weichen rollenden Züge, von blechernen Ansagen, die vom Bahnsteig herüberhallten, vom Dröhnen eines Flugzeugs, das sich anschickte, in Köln zu landen, stellte ich mir vor, daß diese Frau in ihrem Badezimmer leise sang oder summte, während sie sich ihren frischgeduschten Leib frottierte und sich aufs Frühstück freute. In meiner Erinnerung ist das sogar mehrmals passiert, aber mein Gedächtnis täuscht mich hier sicherlich. Solche Dinge passieren einem nur ein einziges Mal, ein kleines, atemberaubend heiles Stück Keramik auf einer Schrotthalde voller Alltag, und in allen anderen Fällen, wo man sich zu erinnern glaubt, hat man nur eine Ziegelsteinmauer gesehen und ein Fenster, so dunkel und opak wie eine Schieferplatte. Ein schlechtes Gewissen oder dieses aus der Überlegenheit springende Mitleidsgefühl, das ich gegenüber der Ahnungslosigkeit des Försters empfunden hatte, fühlte ich diesen Frauen gegenüber niemals, denn hier fühlte ich mich in meinem Beobachten keineswegs überlegen, und anders als gegen jenen war ich diesen ja wohlwollend gesinnt – ein Wohlwollen, das, hätten sie es nur in all seiner Tiefe und Aufrichtigkeit gekannt, diese weniger Beobachteten als Angestaunten, so empfand ich es, unmöglich hätten zurückweisen oder mit Entrüstung beantworten können.

Woran man nicht alles denkt, wenn man aus der Höhe zwei Wanderern mit den Blicken folgt. Was machen die gerade? Sie überqueren die Straße, hüpfen eine Böschung hinab, und dann, he! Wo wollt ihr denn hin? sind sie verschwunden, ein blauer Rucksack leuchtet noch kurz auf, dann verdeckt Vegetation die beiden meinen Blicken, ebenso wie den Weg, den sie genommen haben, und der von meinem Aussichtspunkt aus nicht zu erkennen ist.

Und während ich meinem eigenen Weg weiter folgte, beschloß ich dreierlei: Erstens, ich würde ein andermal diesen Weg unten im Tal auskundschaften; zweitens, ich würde bei diesem Ausflug sehr genau nach dem Höhenkamm mich umsehen, ob dort jemand mich beobachtete; und drittens dachte ich, wäre es keine schlechte Idee, mir ein Fernglas anzuschaffen.

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