Sonntagsausflug

25. September 2014 § 3 Kommentare

Farben, Licht, das bunte Durcheinander, alles scheint plötzlich wie schlecht abgemalt. Der Hafen, die Mole, der Wein am andern Ufer, die Gesichter, der Sonntagsstaat der Flaneure, die billigen Regenjacken vom Discounter, der Eiswagen, die Infotafeln, alles nur eine Kulisse, hinter der nicht einmal ein Grauen lauert, nur eine schreckliche, unauflösbare, allherrschende Ödnis. Keine Schönheit gibt es, die hier irgendeine Form von Echtheit noch bewirken könnte, bevor es für immer für alles zu spät ist, zu spät auch für eine Flucht. Wohin denn entkommen? Und da ist das alles schon alles, das bunte Treiben, der Wind, die Tauben, die sich vor sich selbst ekeln, ist dies das Echte und Eigentliche des ganzen Lebens, diese entsetzliche, trostlose Traurigkeit dieser billigen, nicht einmal häßlichen Melodien, die sich ins Herz schleichen wie süß schmeckendes Gift. Ich wehre mich, balle die Hände zur Faust. Aber eine Unkraft befällt mich, die Schritte werden müde, das Pflaster ist plötzlich so hart, Llorando se fue, und der Weg so weit, wäre es nicht besser, sich hier auf die Bank zu setzen und der Greis zu werden, der man bereits ist seit der Geburt? Ich sehe die Kinder eine Münze gegen ein Eis tauschen, Faria, faria ho! Wie gespannt sie sind. Wie fraglos überzeugt von allem. Ich bin allein, ich bin ganz und gar allein, faria ho! Niemand deutet mir das, die Blicke sind leer, das Lachen wie aus dem Schlund von Automaten. Ich sitze auf der Bank, das Wasser kräuselt sich schwarz unter den Füßen, nicht einmal der Strom ist noch echt, ich gehe in einer kolorierten Kitschpostkarte herum, und es gibt nichts Schönes mehr auf der Welt, die Welt geht im Kreis wie die Melodie, wie der Arm des Leierkastenmannes, ach, du lieber Augustin, alles ist hin.
Wer erklärt mir diese Traurigkeit? Eine wimmernde Folge nicht einmal trauriger Akkorde, und da ist plötzlich diese Vergeblichkeit in allem und allem. Die Farben erbleichen, die Schatten sperren das Maul auf, die Fahnen drohen, es ist, als fröstele es die Zeit selbst unter einer kalten Brise. Wind treibt die Klänge eines Akkordeons oder Leierkastens über den Platz heran. Dazu wandeln fröhliche Menschen allenthalben, Reiterstandbilder starren vor Stolz, Kinder scharen sich um einen Eiswagen, die eifrige Münze in der warmen Hand. Niemand bemerkt es. Alle sind hohl. Puppen. Marionetten an unsichtbaren Fäden. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß niemand das Schreckliche dieser Weisen bemerkt? , Quetschkommode, Leierkasten, Schifferklavier: Wäre die Melodie, die diesem Kasten entströmt, häßlich, verstimmt, falsch, ich würde lachen. Aber die Melodien sind nicht häßlich, das Schlimme ist, sie sind nicht einmal das. Ohne selbst traurig sein zu wollen, verströmen sie unter der Absicht einer billigen guten Laune eine Traurigkeit, für die es keinen Trost gibt. Selbst nicht schön, negieren sie auch alles Schöne, negieren sie alles, was Musik sein kann, daß selbst die Erinnerung an alles, was nur je schön und echt und wahr gewesen ist, im Herzen getötet wird.
Eine Münze klimpert, der Leierkastenmann macht eine Verbeugung, mechanisch auch sie, mechanisch wie der zur Maschine gewordene Kurbelarm, der Münzwerfer bleibt einen Moment stehen, in künstlerischem Entzücken, aus schierer Langeweile, aus Mitleid oder weil er ja schließlich bezahlt hat, er bleibt stehen, hält den Kopf ein wenig schief, nicht den Leierkasten schaut er an, sondern auf das Kind, den kleinen Jungen an seiner Seite. Der steht halb abgewandt, in einer Haltung starrer Abwehr, die Ärmchen erhoben, die Hände so kräftig, so entschieden auf die Ohren gepreßt, daß man die Knöchel weiß hervorschimmern sieht. Eine steile Falte der Mißbilligung und Ungeduld steht ihm auf der Stirne. Der Vater zeigt auf den Leierkasten, spricht, deutet, hält dem Kind eine Münze hin, wirbt und schmeichelt, zeigt wieder auf den Leierkastenmann, schnippst dem Jungen noch den Takt vor. Der aber preßt die Hände noch stärker auf die Ohren und schüttelt energisch den Kopf, ignoriert die Münze, will weg, hat genug, leidet mit jeder Faser seines Körpers.
Hör doch mal hin, ruft da der Vater aus. Mit einer herrischen Geste reißt er dem Jungen beide Hände vom Kopf; und für einen Moment, in dem der ganze Platz zusammenzuzucken scheint, in dem der Kaiser sich mit einem Ruck auf dem Gaul aufrecht setzt, die Tauben aufflattern und die Silberköpfe der Seniorengruppe sich umwenden nach so viel echtem Geräusch; für diesen Moment übertönt der Klagelaut des Knaben selbst noch die Diskantpfeifen des Leierkastens, zerschlägt sein Gebrüll all die Trostlosigkeit entzwei. Erschrocken läßt der Vater das Kind los, wirft schnell noch die Münze in den Hut, bevor er dem Sohn nachläuft und beide im Menschengewimmel verschwinden. Das Wasser gurgelt, die Tauben lassen sich auf dem Haupt des Kaisers nieder, der Arm des Leierkastenmannes kurbelt, hollahi, hollaho, die Melodie ist nicht aus dem Takt.

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§ 3 Antworten auf Sonntagsausflug

  • Sofasophia sagt:

    puh, das klingt ganz schön depressiv. melancholisch. klar. deutlich. scharf. und ja: trostlos.
    und doch: es ist ein subjektiv wahrgenommener augenblick. die einsamkeit entströmt womöglich der erkenntnis, dass man der oder die einzige zu sein scheint, der oder die so wahrnimmt?
    starke bilder, starke sprache!

  • Lakritze sagt:

    So wird das nix mit dem Oktoberfest: Frohsinnsallergie, Leiden am Getümmel. Es gibt Leute, denen ist eine Widerborstigkeit eigen, von Anfang an, die wollen sich nicht amüsieren, nur weil das erwartet wird. Glücklich, wenn sie sich ernst- und reißausnehmen lernen.

    • Solminore sagt:

      Ums Amüsement auf Befehl ging es hier gar nicht; um Geselligkeit auch nicht. Die kann mich manchmal ärgern, wenn Geselligkeit in Gestalt von gruppenbesoffenen Fußballfans, Ü-40-Weinfestreisenden oder eben alljährlich im Carneval auftritt, aber traurig macht sie mich nicht. Sie stört mich infolge von Lärm, Schmutz und besetzten Zügen. Meisten ist sie mir egal, ich muß ja nicht mittun.

      Was mir aber wirklich zusetzt und mir eine Art fast körperlicher Pein verursacht, das ist schlechte, gefühlsduselige, billige Musik, besonders dann, wenn sie gut gemacht ist. Die Melodie eines ephemeren Popsongs, eines Schlagers, eines Zirkusmarsches, sie sind ja eben auf ihre Weise keine schlechte (im Sinne von langweilige oder häßliche) Musik; sie vermögen unter die Haut zu gehen, hängenzubleiben, zu rühren; gleichzeitig ist es eine ebenso
      schwer abweisbare wie leicht zu habende Rührung, ist es ein geliehenes Gefühl, ist es Kitsch, Berechnung, Massenware; aber genau deshalb, weil ich als musikalischer Mensch den Sog sofort spüre, flößen mir solche Klänge Angst vor meiner eigenen Verführbarkeit ein, so daß ich mich mit aller Macht dagegen stemmen muß. Zugleich macht es mich furchtbar traurig, wenn ich sehe, daß andere sich völlig vereinnahmen lassen, sich suhlen im seichten Molldusel und in diesem wohlfeilen Gefühlsgewaber zu Hause sind.

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