Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt.

Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

Published in: on 12. Oktober 2012 at 06:50  Kommentare (9)  
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18.5.13

An den Rändern des Morgens blüht Lärm auf. Unerreichbar für die Schärfen des Außen, singt die Stille im Innern. Es ist ein Schweigen, das in sich selbst eingesunken ist. Dann: Einen Morgen lang schlugen die Glocken. Ich aber wünschte mir Laternen, die Dunkelheit verbreiten. Alle Wege führen zurück zum Ich. Daß ich ich bin und nicht du, das scheint mir die Quelle allen Schmerzes. Ich will mein Ich wegschreiben, bis es mir nicht mehr im Weg ist, bis es mich nicht mehr hindert zum Du. Die Ströme tragen Silber und Laub. Kein Weg führt je ganz zu dir. Wir gehen im Wir niemals auf.

Gruß

Libelle

Published in: on 15. Mai 2013 at 20:03  Kommentare (7)  

7.5.13

Zuviel draußen umhergetollt, Zug bekommen, zulange aufgewesen, jetzt zu früh raus: Heute ist das Licht erkältet. Müde blinzelt es übern Hang, mit verquollenen Augen, fröstelt und trägt einen Schal. Leise hüstelt es in den Bäuschen des Löwenzahns. In Fieberschauern krümmt sich die Wiese.
Der Himmel hat sich zusammengezogen, darin zappeln die Vögel, wild wie Fische im Netz. Die Mauersegler schrammen über Innenräume aus Luft. Im Morgengrauen zertritt der Rotschwanz einen Berg Töpferscherben.

Published in: on 7. Mai 2013 at 08:05  Hinterlasse einen Kommentar  
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6.5.13

Alles, was spät war gestern, hat sich in Frühe verwandelt. Alles, was alt war und müde, ist jetzt jung und wach. Das Licht zieht sich selbst am Schopf aus dem Wald. Am Grund der Straßen klebt noch ein Film Dunkelheit, eingetrocknet wie Spuren von Wein im nächtlichen Glas. Träume wackeln auf den Grasspitzen. Der Morgen blinzelt, die Birken recken die Glieder. Liebe, alles spricht von deinem Schlaf.

5.5.13

Mauersegler ritzen ihre Stimmen ins Blaue des Schlafs, wickeln Träume aus Wasserpapier, rufen nach steinigem Licht. Später begibt sich der Buchfink an die Arbeit. Die Stunden tanzen nach seinen Strophen. Der Morgen ist für niemanden prachtvoll außer für sich selbst, ist für niemanden da, enthält sich selbst. Die Straßen: entleert. Die Häuser: in blindem Schlaf. In den Bäumen hocken Geheimnisse der Nacht. Die Welt ist bei sich. Darin erheben die Vögel ihre Stimmen. Sie kennen den Sinn von allem. Aber sie verraten ihn niemandem, singen ihn nur einander zu.

*****

Ich wünsche mir, daß es eine Seele gibt.

*****

Die schlechten Gedanken auslösen mit den guten. Nicht: sie verdrängen. Sondern, was du allzuoft gedacht und durchdrungen hast, bis es dir so weh tat, daß du dir selbst fremd wurdest, eintauschen und einlösen gegen die, in denen du dich wiederfinden und wohnen kannst. Nicht du bist der Gefangene deiner Gedanken; die Gedanken sind deine Gefangenen. Du hast lange genug unter ihnen gelitten; mach die Tür auf, schick sie fort, laß sie frei.

Published in: on 5. Mai 2013 at 12:12  Hinterlasse einen Kommentar  
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4.5.13

Der Morgen rumpelt. An Ketten schleppt sich die Zeit dahin. Die Straßen haben den Husten. Spaten um Spaten stopfen Männer Licht in Gruben. Rohrstümpfen lassen Münzränder klimpern. Kabelenden kitzeln die feuchte Erde. Aus geborstenem Stein springen die geschliffenen Flächen von Krach. In Speichen und Naben schlägt die Sonne ein Rad.

Published in: on 4. Mai 2013 at 08:55  Hinterlasse einen Kommentar  

Gruß

Hohe Domkirche St. Petrus

Hohe Domkirche St. Petrus

Published in: on 3. Mai 2013 at 14:42  Hinterlasse einen Kommentar  
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3.5.13

Das Gewebe des Morgens, zusammengehalten von den Stimmen der Vögel. Fransen aus Licht. Brüchige Stellen. Die Hügel, baumauf, strauchab geflickt und in Lumpen. Ein lachender Bettler, so läßt der Berg sich von den Straßen aufhelfen, auf dem Kopf eine wackelnde Krone aus Brombeer und Schlehenweiß.

Published in: on 3. Mai 2013 at 07:41  Kommentare (3)  

2.5.13

Blaue Fernen in der Brust. Der Morgen voll Lerchen und Lärchen. Gefiederte Traurigkeiten, Farben von Lärm. Kein Lager, kein Feuer. Die Wege flattern an Stangen. Tage. Tage, wie eine schwere Last auf der Lunge. Wie soll man so viele Tage atmen? Der Morgen raucht. Stumm, ein Steinbruch von Worten.

Published in: on 2. Mai 2013 at 10:03  Hinterlasse einen Kommentar  

Zum ersten

Gigantum Montes

Gigantum Montes

Der erste Morgen.
Das erste Licht.
Der erste Strom.
Die ersten zwei.

Die ersten zwei.
Der erste Vogel.
Die erste Ferne.
Das erste Brot.

Die erste Blume.
Die ersten Hände.
Der erste Blick.

Die ersten zwei.
Die ersten beiden.
Der nächste Kuß.

Published in: on 1. Mai 2013 at 05:36  Kommentare (2)  
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