VOCES INTIMAE

Musa verecunda est, vita iocosa mea

Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt.

Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

Nie wach genug

Und ich habe ihn schon gefürchtet, diesen Moment, als wir vorgestern noch am Planen und am Freuen waren. Den Moment, da alles wieder vorbei und Erzählung sein würde. Die mühsamen Stunden danach. Ganz gleich, wie sehr ich mich konzentriere („jetzt bist du da, jetzt und jetzt und jetzt; du hältst meine Hand, deine Stirn leuchtet, ich küsse deine Stirn, du lächelst, ich sage etwas, du küßt mich“), ganz gleich, wie sehr ich mich vollzusaugen bemühe mit deiner Gegenwart, der Tatsache, daß du da bist, ich dich sehe, rieche, küsse, auf die Spur zu kommen mich anstrenge; ganz gleich, wie genau ich versuche, mir alles ganz, ganz genau einzuprägen („schau dir die Fingerkuppen an, diese Brauen, merk dir, wie sich das anfühlt, wenn unsere Hände sich verschränken, präg dir ein wie es ist, wenn ich diese Hände an meiner Brust halte, wie feingliedrig sie sind, wie kühl, wie fühlend, wie sehr ihre Finger. Sei wach!“), ganz gleich, wieviel ich von dir mitzunehmen mich anstrenge, mit Augen, Nase, Geist, mit allem, was Wachheit ist – wenn unsere Hände sich endgültig voneinander gelöst haben; wenn du einsteigst; wenn du nur noch ein Schemen hinter Glas bist, schon einen ganz anderen Raum bewohnst als ich: Dann bricht ein Sinn nach dem anderen von dir weg und verwandelt sich im selben Augenblick in Erinnerung; der Druck deiner Hand ist schon Erinnerung, wenn du dich in die Schlange stellst; dein Duft ist schon Erinnerung, während du einsteigst, deine Stimme, dein Lachen ist schon Erinnerung, während ich beobachte, wo du dich hinsetzt; dann ist nur noch dein Lächeln mit meiner eigenen Spiegelung darüber bei mir, und wie du die Hand an die Scheibe legst; wie du lächelst, während der Zug sich und dich darin in Bewegung setzt; weniger und weniger von dir, und zuletzt nur noch deine winkende Hand, und da weiß ich schon nicht mehr, siehst du mich noch, kannst du mich noch erkennen, meine winkende, erhobene, verzweifelte Hand. Ich winke und winke, ich winke, vielleicht siehst du mich noch; ich bin bereits alleine, ich winke immer noch, bis der Zug aus dem Bahnhof geglitten ist, aber schon Momente zuvor, als ich noch deine Hand verschwinden sah hinter der Spiegelung des Himmels im Glas, in die hinein sich dein Winken auflöste, um schließlich als letztes Erinnerung zu werden, wußte ich schon, daß ich wieder einmal nicht wach genug war für dich.

Meßdorf

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus.

Wie sich da etwas verschob, auseinandergeriet, abermals zur Deckung kam: Als wäre plötzlich ganz leicht zu erreichen, was „jetzt“ heißt. ein für allemal. Wasser gluckerte, ein Vogel schlug klatschend die Schwingen. Stille strömte zurück. Ging dort nicht jemand? Unter den Pappeln, am Bach?

Von der Durchgangsstraße dröhnte der Feierabendverkehr, aber es war, als habe sich plötzlich ein Raum geöffnet, den das Brausen der Fahrzeuge nicht mehr erreichte. Fast drang das Licht aus den Fenstern des Gemeindezentrums bis hierher. Eine Kreuzung verschlammter Feldwege, Krümel von Abend, lotrechter Rauch. Überm Meßdorfer Feld hing ein Film transparenten Leuchtens, dessen Hall bis zu den Pappeln, dem Wegekreuz und dem Brückchen reichte und reihum auf Metall und Stein, auf Pfützen und Grasbüscheln liegenblieb. In der sinkenden Nacht geriet Nahes und Fernes in Verwirrung. Ein silbriger Steg in der Ferne des Dorfrands entpuppte sich als Wasserstreif vor den eigenen Füßen. Eine Fahrradlampe schwebte lange Minuten in nächster Nähe, ehe der Raum es sich plötzlich anderst überlegte und das Licht in einer angestauten Ferne verschwinden ließ.

Und dann, als alles still geworden und die Wege in Verwirrung gerieten, ging jemand dort unter den Pappeln. Ein Schleier hob sich, zwischen Büschen schimmerte ein Pfad, ein Schritt fiel, ein Kiesel sprang weg. Aus der Dämmerung glitt das schimmernde Geländer einer Brücke.

Plötzlich konzentriert sich der Abend auf diese Bewegung an seinem Rand, an seinen Augenwinkeln; wird sich des Haarschopfs bewußt, achtet auf die Rundung der Schultern, blickt auf die Silhouette, die da unter dem Firnis der aufziehenden Nacht erschienen ist, um sogleich wieder in den Wirrnissen der Uferböschung, zwischen den Pappeln, den Sträuchern, der Faltung des Wegs, zu verschwinden.

Aber noch nicht, nicht sofort: Noch könnte sie stehenbleiben, sich nach einem Hund umdrehen, im Erstarren der Bewegung mit den Spiegelungen des Bachs verschmelzen, mit dem Rest vom Restlicht, das auf den Pappelblättern liegt. Noch könnte sie diesem Abend einen geheimnisvollen Sinn verleihen.

Ich war schon vorüber, als mir das wieder einfiel. Der Abend war kalt bis in die Fingerspitzen. Die Kreuzung der Wege, die Säulen der Pappeln, die Brücke, das alles lag in einem ruhenden Zentrum von Bewegung, die nur knapp außerhalb der transparenten Begrenzungen dieses Raums stattfand. Lichter flackerten. Motoren brummten und verklangen. Reifenrauschen flutete an und ab. Hörbare Dinge; und doch reichte nichts davon in den Raum jenes Augenblicks, in dem ich einen Schritt machte oder viele, in der die Amsel zeterte (deren andere Lebendigkeit mit dem Leben auf der Kreuzung nicht in Berührung kam, niemals in Berührung würde kommen können), jenes Augenblicks, da drüben jemand ging und den Weg zum Bach einschlug; sich anschickte (während von der Kreuzung vor dem Gemeindehaus ein Wagen am Zebrastreifen bremste; vier Mobiltelephone ihre Nachricht versandten; eine Kirchturmglocke einmal schlug; eine Straßenbahn bremste), im dunklen Kanal zwischen Sträuchern und Pappeln zu verschwinden; nicht anhielt, nicht langsamer wurde, sondern selbstvergessen und ruhig, seiner selbst gewiß wie eine Figur, die seit Jahrhunderten sich auf einem Ölgemälde am rechten Platz weiß, die Schritte bachaufwärts lenkte, einmal hinter den Sträuchern flackerte, verschwand, wie sie es seit Jahrunderten zu tun pflegt.

Und plötzlich wimmelte es in diesem Abend von anderen Dingen. In den Pfützen war eben der Kirchturm zitternd zur Ruhe gekommen. Die Kiesel zogen eine Richtung aus dem Weg. Lichter waren, fern, punktförmig, als seien sie sich eben selbst wieder eingefallen. Kaum zu hören, hinter Schleiern und Schleiern aus Frost: der Bach. Der Bach und ein Schritt. Eine zeternde Amsel, die Stille, der Bach. Und dann dieser eine, leichte, fallende Schritt, dieser Irrtum von Schritt, eine Schuhspitze, die einen Kiesel wegstößt, eine Handvoll Erde, die nachgibt, ein Blatt. Die Erinnerung an ein Geräusch. Sonst nichts.

Es war Nacht geworden, und das Meßdorfer Feld glitzerte unter einem Saum ferner Lichter. Ich ging und erreichte die Straße, Verkehr lief kreuz und quer, und die Fensterbilder beim Gemeindezentrum lachten in die Dunkelheit hinaus. Aber gerade hatte hinter mir eine Amsel gezetert; eine Glocke geschlagen; hatten sich zwei oder drei Zeiten gekreuzt und waren wieder auseinandergegangen, lautlos. Und einer dieser Stränge strahlte aus und wurde Zeit und Vergangenheit, und floß als Geschichte zurück in jenen Moment, da die Amsel gezetert hatte und dort am Bach jemand gegangen und als weicher Schatten unter den Pappeln verschwunden war.

Aequinoctium

Heiter der Tag und die Sonne so warm und das Licht in den Weiden
    fiel über Wasser und Kies auf deinen fröhlichen Weg.
Münder entdeckten Paare, der Himmel erfand sich ein Wölkchen,
    Eis war zum ersten Mal süß. Alles, was Zeit hieß, fing an.
Kinder, die Hände voll Brot, die grinsenden Mäuler der Ziegen,
    sahst du und lachtest. Der Tod hätte doch heute wohl frei.
Dann fuhrst du heim, beschwingt. Und im Hausflur liegt schon der Umschlag.
    Abends hältst du den Tag achtsam, wie springendes Glas.

Und hier die Antwort

Sehr geehrter Herr Solminore,
das von Ihnen bezeichnete Waldgebiet befindet sich weitestgehend im Eigentum privater Waldeigentümer; einige kleinere Areale sind Kommunalwald. Die Waldeigentümer sind berechtigt, ihren Wald zu bewirtschaften und dementsprechend Holz zu ernten. Dies ist in der Tat mit Belästigungen für den Waldbesucher verbunden, die leider nicht zu vermeiden sind. Das Regionalforstamt hat nur zum kleinere Teil Einfluss auf die Holzernte selbst. Diese liegt in der Organisation der privaten Waldeigentümer und der Forstbetriebsgemeinschaften.
Wir achten darauf, dass die forstgesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Rodungen, d. h. Umwandlungen von Wald in andere Nutzungsarten werden nicht durchgeführt. Die flächig genutzten Waldstücke müssen innerhalb von zwei Jahren wieder aufgeforstet werden.
Weiterhin wirken wir durch unsere beratenden Förster darauf hin, Kahlschläge zu vermeiden und die Holzernte möglichst schonend durchzuführen. Leider sind einige Fichtenwälder bereits durch Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer soweit geschädigt, das sie in den nächsten Jahren immer weiter verschwinden werden.
Die Durchforstungen sind ansonsten günstig für die Stabilität, Mischung und Wertentwicklung der Wälder.

Der nachwachsende Rohstoff Holz wird von uns allen in Form von Papier, Möbeln, Hausdächern etc. benötigt. Jeder Bundesbürger verbraucht ca. 1,5 m³/Jahr. Wenn dieser benötigte Rohstoff Holz nicht nachhaltig in den heimischen Wäldern produziert wird, dann wird er auf den Weltmärkten eingekauft und zum Teil aus Ländern importiert, in denen eine nachhaltige Waldnutzung nicht garantiert werden kann.

Die Bewirtschaftung des Waldes ist auch hinsichtlich des Klimawandels von Bedeutung. Die Bäume entnehmen bei ihrem Wachstum der Umgebungsluft CO2 und wandeln dieses klimaschädliche Gas im Zuge der Photosynthese in Holz um. Jährlich wachsen in unseren Wäldern Millionen von Festmetern Holz zu (ein Kubikmeter Holz speichert ca. eine Tonne CO2). Ein positiver Effekt lässt sich über eine Kaskadennutzung erzielen. Vom Rohprodukt Holz über eine Verarbeitung zu Bauholz, einem Recycling dieses Bauholzes zu Spanplatten bis hin zu einer energetischen Nutzung können mehrere Jahrzehnte vergehen. Je langlebiger Produkte aus Holz oder Zellstoff sind (z.B. Bauholz, Möbeln oder Papier), desto länger wird der Kohlenstoff der Atmosphäre entzogen. Hinzu kommen Substitutionseffekte, da alternativ zu Beton, Stahl oder fossiler Energieträger der nachwachsende Rohstoff Holz verwendet wird. Das von den Bäumen aufgenommene und im Holz gespeicherte CO2 wird der Atmosphäre und damit dem Kohlenstoffkreislauf über einen längeren Zeitraum entzogen und im Nutzholz fixiert.

Die Waldbewirtschaftung in Deutschland folgt dem Modell der multifunktionalen Waldwirtschaft, d. h. die drei Hauptfunktionen Erholung, Naturschutz und Rohstoffproduktion erfolgen auf der gleichen Fläche. Dies erfordert Kompromisse, die sich in ihrem Fall durch eine zeitlich befristete Belästigung der Waldbesucher auswirken.
Ich bitte um Verständnis für die Maßnahmen. Spätestens mit Laubausbruch werden die Hiebsmaßnahmen in den Laubwäldern für diese Saison beendet sein.

mit freundlichen Grüßen
FD Hugo Schelmenhorst

Anfrage ans Forstamt

Sehr geehrte Damen und Herren,

in diesem Frühjahr beobachte ich mit Besorgnis, daß in deutlich höherem Maß als sonst im nördlichen Vimbelwald zwischen Quellstetten, Lafter und Hemmelshain Holz eingeschlagen wird. Da dies mit beträchtlicher Verschlammung der Wege einhergeht, der Freizeitwert des Waldes auch in anderer Hinsicht durch Lärm, Gestank, hohes Aufkommen von Fahrzeugen, schließlich durch häßliche Rodungen erheblich gemindert wird, möchte ich mich an Sie wenden mit der Frage, wie lange das noch so weitergeht, und in welchem Ausmaß noch mehr Holzarbeiten zu erwarten sind. Betrachten Sie bitte diese Nachricht auch als freundliche Aufforderung, den Einschlag auf ein Mindestmaß zu reduzieren, bzw. günstigenfalls ganz einzustellen. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,

Solminore

Arboricidium

Der Waldsaum jenseits der Pferdeweiden ist noch eine schmale Linie, da ist es schon hörbar, dringt das Jaulen und Heulen daraus hervor wie Warnrufe kampfbereiter Tiere. Eine ganze Herde davon scheint in diesem Waldstück zu kauern.
Das Geflimmer von Warnwesten zwischen den Baumstämmen ist mittlerweile ein ebenso verhaßter Anblick geworden wie die am Waldweg aufgereihten geländegängigen Fahrzeuge mit Anhänger. Überall sieht man sie jetzt, die orange- und gelbbejackten Männer mit den Visieren und den Motorsägen, wie archaische Krieger auf Beutezug stapfen sie durch Untergehölz, die Waffe im Anschlag. Die Verheerungen, die sie anrichten, sind überall sichtbar. Kronenskelette, Stammrümpfe, Aststücke, Kleinholz liegen herum, wo noch ein paar Wochen zuvor lichte Hallen von Buchen standen, von denen im Sommer angenehmer Schatten auf den Weg fiel; der führt jetzt durch eine Wüste; der Grund zwischen den herumliegenden, auf ihre weitere Zergliederung wartenden Baumteilen ist zertreten von den Stiefeln der Sägekrieger; das Unterholz, die Krautschicht sind beseitigt und niedergetrampelt; Striemen von Raupenfahrzeugen haben sich in den Grund zwischen den noch stehenden Stämmen gewälzt, und auch die Wege sind beschädigt von Raupenketten, zermalmt, zerschlammt, unbrauchbar. Zwischen Radfurchen sammelt sich öliges Wasser. Aus den Schlammassen ragen noch grüne, abgerissene Pflanzenteile. Es ist eine Schneise der Verheerung, in der eine lange Reihe von Fahrzeugen, Anhängern, Schleppmaschinen sich aufreiht wie Fliegen über einer schwärenden Wunde. Schleifspuren. Sägemehl. Überall liegt das Rostrot von abgeschürftem Bast und abgeplatzter Borke herum.
Der bittere Geruch von frischem Holz mischt sich mit dem öligen Dunst aus Zweitaktermotoren, Das Geheul der Maschinen pflanzt sich fort in verebbende Räume des Waldes, aus denen immer neues Gekreisch wieder anschwellend zurückflutet. Die Krieger müssen einander zubrüllen, sonst verstehen sie ihr eigenes Wort nicht. Die Sägen hinterlassen klaffende Lichtungen, in die der Blick hineinstürzt wie in eine Grube. Darüber zuckt der Himmel zusammen, als schäme er sich seiner Nacktheit. Die Bäume am Rand der neuen Lichtungen scheinen frierend auf einem Bein zu balancieren, seit Jahren im Bestand stehend, fehlt ihnen das niedere Laub, das den Waldsaum natürlicherweise nach außen abschließt. Alle halbe Stunde prasselt ein Baum nieder. Was stehenbleibt am Rand des Schlachtfelds erledigt der nächste Frühjahrssturm, schon liegen die ersten Fichten quer überm Weg. Wir gut, nehmen wir die auch noch mit. Es hat etwas von Raserei.
Und es beschränkt sich nicht auf den Wald. Am Bahnhof unweit meines Zuhauses hat bis vor kurzem eine Pappel gestanden, dreißig, vierzig Meter Baum, eine Pyramidenpappel, im Sommer ein rauschendes, rieselndes, flimmerndes Fest, im Winter ein faszinierendes, fraktales Gebilde aus scheinbar wirren, eine höhere Ordnung bildenden Ästen. Alles ringsum lag unter ihrem Schatten und im Bannkreis ihres Rauschens wie unter einem gütigen Zelt. Nach jedem Sturm war der Bahnsteig von kleinen Zweigen übersät; im Frühsommer unter dem Schnee der fluffigen Samen. Im Herbst leuchtete das heruntergewehte Laub. Im Sommer fiel das dunkelgrüne Rauschen in der Säule der schlanken Krone herab und stieg als silbrige Walze wieder daran empor, ein Träumen von Klang, ein Flimmern von Licht. Wer je an einem heißen Sommertag Erholung und Schatten unter einer Pappel gesucht und gefunden hat; wer je an einem winterlichen Fluß unter den filigranen Skeletten entlaubter Pappeln spazierengegangen ist, in deren Geäst der finstere Himmel festhing; wer je an einem Badesee schläfrig ins Laub der Pappeln am Ufer geblickt hat, verzaubert vom nimmergleichen Spiel des Flimmerns (wie Sonnenglitzern auf einem Fluß) – der weiß, wovon ich rede.
Wo diese Pappel letzte Woche noch stand, ist jetzt nur noch kahler Himmel. Wie zum Ersatz erhebt sich an der Stelle ein Händie-Sendemast. Der ist früher, von der Pappel buchstäblich in den Schatten gestellt, gar nicht aufgefallen. Häuserreihen, freiliegende Vorgärten. Es wimmelt plötzlich von allen möglichen Horizontalen. Am Himmel eine klaffende Leere, Gewölk, fliehende Vögel. Der Sendemast ragt hämisch in die Lücke hinein.
Ich weiß nicht, was es damit auf sich hat. Auf meinem Weg zur Straßenbahnhaltestelle haben sie eine Hecke herausgerissen. Stumpf und Stiel, die Erde eine einzige Schürfung. An meiner Laufstrecke liegt plötzlich ein gestern noch gebüschbestandener Wall kahl da. Überall Erde, Stümpfe, Wunden. Ich verstehe es nicht.
Und dann dieser verbissene Kahlschlag im Wald. Wald? Ein Sägewerk ist das. Ich kann mich nicht erinnern, daß das früher auch schon so praktiziert wurde. Nicht so. Nicht in dieser methodischen, generalstabsmäßigen Weise. Damit es eine handvoll Menschen ein paar Wochen im Jahr gemütlich warm haben, ist für hunderte von Wanderern, Läufern, Spaziergängern, Dendrophilen, Pilzsuchern der Wald auf Jahrzehnte verschandelt.
Gibt’s dafür eine Prämie? Wird demnächst der Vogelschutz verschärft, so daß vorher noch mal ordentlich gefällt werden muß? Ist 2014 das Jahr der Motorsäge? Ich verstehe es nicht.
Mag sein, daß die Pappel alt war und wegmußte. Pappeln leben nicht lange, ihr Holz ist nicht stabil, man möchte nicht eine plötzlich umgefallene Pappel von den Schienen räumen. Das verstehe ich. Aber alt oder nicht, wenn so ein Baum wegkommt, möchte ich weinen.
Pappeln mögen schnellwüchsig sein. Trotzdem: In meiner Lebenszeit wird dort kein solcher Baum mehr zu so einer Pracht heranwachsen wie diese schöne Pappel einer gewesen ist.

Für später, für jetzt, für alle Tage

Quibus enim nihil est in ipsis opis ad bene beateque vivendum, eis omnis aetas gravis est; qui autem omnia bona a se ipsi petunt, eis nihil malum potest videri quod naturae necessitas adferat. Quo in genere est in primis senectus, quam ut adipiscantur omnes optant, eandem accusant adeptam; tanta est stultitiae inconstantia atque perversitas. Obrepere aiunt eam citius, quam putassent. Primum quis coegit eos falsum putare? Qui enim citius adulescentiae senectus quam pueritiae adulescentia obrepit? Deinde qui minus gravis esset eis senectus, si octingentesimum annum agerent quam si octogesimum? Praeterita enim aetas quamvis longa cum effluxisset, nulla consolatio permulcere posset stultam senectutem.

Denn die nichts an Reichtum in sich finden, der ihnen zu einem guten Leben verhelfen würde, denen fällt jedes Lebensalter schwer. Die aber jedes Gut in sich selbst suchen, denen kann nichts als Übel erscheinen, was die Notwendigkeit der Natur mit sich bringt. Unter diesen Dingen ist besonders das Alter zu nennen: Alle wollen es erreichen und verfluchen es doch, wenn sie’s erreicht haben. So groß ist die Inkonsequenz und Verdrehtheit der Dummen. Dann sagt man, das Alter sei schneller herangeschlichen als geglaubt. Darauf ist erstens zu sagen: Wer hat denn diese Leute gezwungen, etwas Falsches zu glauben? Denn wie könnte Wie sollte sich denn das Greisenalter schneller ans Erwachsenenalter anschleichen als das Erwachsenenalter an die Kindheit? Und zweitens: Wie könnte sollte einem nach achthundert Jahren das Greisenalter weniger beschwerlich sein als nach achzig? Denn Ganz gleich wie lang die Lebensspanne auch wäre – einmal verflossen, könnte sie ja dem Dummen im Alter doch zu keinerlei Trost gereichen.

(Cicero, Cato Maior De Senectute, 4)

Am Fenster

Es wimmelt von kleinen Toden im Garten.
Schillern von Insektenflügeln. Blindheit von Kröten. Spalten im Kalk, darin Schicht um Jahresschicht von Schatten. Auf dem Mäuerchen über den geöffneten Klingen einer Gartenschere ein gelbes Blatt. Kirsche oder Pflaume. Seine Adern in der Sonne leuchtend. Drüben die Terrasse, ein Menschenalter entfernt. Eine Jugend wurde woanders zu Stein. Wolken betrachten sich in den Fensterscheiben. Das Tal fällt vom Garten hinab zu den Straßen, den Kreuzungen, den flackernden Ampeln.
Auf der Fensterbank reifen Bläschen im Brunnenwasser. Das nach unten aufgeschlagene Buch nickt, als sei es seiner eigenen Geschichte müde.
Im Fenster ein Baum, die kahlen Äste hinausgestreckt in eine stets anwachsende Helligkeit, deren Diesseits, fühlt man, plötzlich nichts als papierener Schatten ist. Der Baum weiß, wie hell der Raum ist, in dem seine Zweige verschwinden, hinter der Mauer. Hinter dem Rahmen, der Uhr, dem allerneuesten, allerbuntesten Kalender.
Als wäre die Zeit genau das. Je neuer, desto bunter.
Jenseits der kleinen Tode, im Garten, auf der Mauer, erhebt sich auf leisen Sohlen das Licht. Eine kaum merkliche Regung und Richtung. Im Gras ein Paar Handschuhe mit Halmen zwischen den Fingern, eine weggeworfene Harke, ein Gummistiefel, aufrecht, im Schritt verlorengegangen. Zeichen eines lang verschwundenen Nachmittags, als hier jemand ging und den Stiefel stehenließ. Die Sonne wendet sich ab, zittrig, von blassen Vögeln durcheilt. Ein Strauch hält eine Jacke in den Wind.
Im Garten bleiben die Rosen zurück, der Stein, eine Sichel, die Schere, der Maulwurfshügel. In den Regentonnen hat sich vor Jahren einmal ein Herbst gespiegelt. Nun sind sie stumpf. Dunkelheit steigt daraus empor. Ein Falter findet den Tod in einer Pfütze voller Wolken. Plötzlich kann man das Raspeln hören, mit dem die Ränderchen des Kirschblatts ins Licht sägen. Die Farben schlagen die Augen auf. Am Fenster der Blick, lichtauf, zur Mauer, woher alles strömt, lichtauf, und noch, und noch. Was wäre das für ein Blick, der dieser Richtung folgen könnte, hinauf und weiter bis zum Ende des Leuchtens.
Einen Ast noch hoch, gerichtetes Strahlen, und weiter, und heller. Die Mauer zerfällt, durch die Jacke bläst der Wind, der Gummistiefel füllt sich mit Wasser. Das Licht aber steigt darüber hinweg, schwebt, stößt sich ab von der leeren, leichten, federnden Krone des Ahorns. Wo das, was sich im Tag versammelt, zum Greifen fern ist. Hinter der Wand, jenseits des Kalenders. Die Tapete stürzt ins Dunkel, während draußen der Hasel leuchtet. Ein Wasserhahn tropft. Eine Diele knarrt. Der Raum pflanzt sich fort und zeigt auf sein eigenes Jetzt. Irgendwo zwischen Wand und Baum und Ast, losgelöst von Schere, Kirschblatt, Harke. Losgelöst von Stein, Mauer, Schatten, aufwärts. Weiter. Ein unerreichbar nahes Anderssein im Licht. Die Wolken sind schon immer von hier. Und der Wind. Dahinter aber schweigt alles. Vögel kommen nicht von dort. Keine Stimmen. Kein Ton.

Sich freuen, aufeinander

Sich freuen, wir haben den ganzen Abend für uns.
Den ganzen Abend für uns haben und sich freuen, du mußt nach dem Essen nicht mehr weg.
Zusammen essen und sich freuen, wir können nachher beieinander einschafen.
Beieinander einschlafen und sich freuen, wir können nebeneinander träumen.
Nebeneinander Träumen und sich freuen, du bist noch da.
Wieder einschlafen und sich freuen, die Nacht ist noch lang und der Morgen weit.
Den Wecker hören und sich freuen, wir haben ja noch einen Kaffee miteinander.
Kaffee trinken und sich freuen, wir können gleich noch zusammen duschen.
Zusammen duschen und sich freuen, wir haben noch eine Viertelstunde, bis wir aus dem Haus müssen.
Aus dem Haus gehen und sich freuen, wir haben noch den gemeinsamen Weg zum Bahnhof.
Am Bahnhof ankommen und sich freuen, wir haben noch fünf Minuten für Küsse.
Einander küssen und sich freuen, wir haben noch ein paar Augenblicke zum Winken.
Winken, winken, winken, bis du nicht mehr zu sehen bist.
Winken, und sich freuen, daß wir uns wieder aufeinander freuen können.

Zweigeteilt

Und nun ist dieser Vormittag mit dir völlig unwirklich geworden. Die Zeit hat sich weggedreht. Ein Schleier ist vom Tag gerutscht. Ich habe beinahe Angst, die Bettdecke aufzuschlagen. Ich weiß nicht, was mir unbegreiflicher wäre: Daß unsere Spuren noch da sind oder wenn sie fehlten.
Ein zweigeteilter Tag. Ein zweigeteiltes Ich, dessen Erleben am Morgen ein ganz anderes ist als das Erleben des Nachmittags. Der Tag trug dich her, der Tag nimmt Dich wieder fort. Nun gehen wieder unsere Botschaften hin und her. Eben noch warst du die, die ich küsse. Nun bist Du wieder die, der ich immer schreibe.

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