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Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

12. Oktober 2012

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt.

Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

23. Oktober 2014

“Zwei Umarmungen am Tag senken den Blutdruck.”, mit diesem Zitat wird in der Literaturbeilage der ZEIT vom Oktober 2014 ein medizinischer Ratgeber beworben.

Nun könnte man sich fragen: Was passiert bei nur einer Umarmung am Tag? Bleibt der Blutdruck gleich? Und steigt er, wenn ein Tag, was ja schon vorgekommen sein soll, ohne Umarmung vergeht? Und kann man’s auch übertreiben? Ab wieviel Umarmungen täglich sollte man vorsorglich kreislaufstabilisierende Tropfen zu sich nehmen? Und: Hat eine längere Umarmung vielleicht denselben Effekt wie zwei kurze? Wie lang müssen die Umarmungen überhaupt sein, um einen Effekt hervorzurufen? Wie sieht überhaupt eine korrekt ausgeführte Umarmung aus? Wir hätten dazu gerne ein Videotutorial! Und schließlich: Wirkt das vielleicht auch homöopathisch? Es wäre doch praktischer, man bräuchte sich die Umarmung nur vorzustellen. Und was ist mit Küssen? Senkt das vielleicht Blutfettwerte und Körpergewicht?

Antworten darauf gibt bestimmt das Buch. Vielleicht liegt sogar eine CD mit Übungen bei. Ich weiß es nicht, ich will es gar nicht wissen. Kann man sich nicht einfach so umarmen? Dafür gibt es doch bestimmt bessere Gründe als den Blutdruck, oder? Und wer auf Umarmungen verzichten muß, obwohl er ab und an ganz gut welche gebrauchen könnte, der hat nun wirklich ein dringlicheres Problem als den Blutdruck. Oder anders herum: Wer jemanden nur deswegen umarmt, weil das den Blutdruck senkt, hat nicht nur ein medizinisches Problem. Und wer es um der Umarmung willen tut, der braucht das Buch nicht zu lesen.

Ich frage mich, was einer Gesellschaft zugestoßen sein muß, daß sie aus allem, was wir tun oder lassen, noch irgendeine wissenschaftlich erwiesene Nützlichkeit herauspressen muß.

Übrigens senkt Küssen wirklich das Körpergewicht. Wenn man es anstelle der Nahrungsaufnahme praktiziert.

Sirene

21. Oktober 2014

Jedes Jahr einmal, immer an einem Mittwoch vormittag, kamen die Bomber.
Sie kreisten über den Dächern der Kleinstadt, drehten wieder ab, kehrten ein paarmal zurück, ohne die tödliche Fracht loszuwerden, bis sie endlich am Horizont verschwanden, und eine letzte Entwarnung verkündete, daß man wieder einmal für ein Jahr davongekommen war.
Falls in der Zwischenzeit nicht der Ernstfall einträte.
Man nannte das „Probealarm“, und es war einer der größeren Schrecken meiner Kinderzeit.
Auf einem der Gebäude meiner Schule, auf der anderen Seite des Hofs, genau gegenüber von meinem Klassenzimmer, erhob sich, groß, gräßlich, weithin sichtbar, eine Sirene. Dieses Ding auf dem Dach schien mir in seiner Eigenschaft, einen fürchterlichen Lärm zu produzieren, an sich schon gefährlich Bereits dieser Lärm war die Gefahr, war Schmerz, Krampf und heillose Konfusion. Schon ihre unheilvolle Silhouette, die an genau jenen anderen Pilz zu erinnern schien, vor dem jede Warnung ja doch vergeben gewesen wäre, verbreitete in meinen Augen Angst und Schrecken, weniger vor der oder als Sinnbild für die erwartete Katastrophe als vor der Angst selbst – der Angst vor der Angst.
Vor dem Erschrecken.
Schon als Säugling war ich, so versichern es die Eltern, geräuschempfindlich bis zur Nahrungsverweigerung. Wenn irgendwo was knisterte, zischte, prasselte, stellte ich das Trinken ein, und war ich auch noch so hungrig. Alle Arten von plötzlich einsetzendem Tuten, Schlagen, Heulen waren (und sind mir bis auf den heutigen Tag) ein Greuel. „Wird es laut?“ war meine erste Frage, wenn meine Eltern mich auf irgendeine Unternehmung mitnehmen wollten. Auf ein Ausflugsschiff übern Vierwaldstättersee rannte ich mit den Händen auf den Ohren über die Gangway, panisch, das Schiffshorn könne lostuten, bevor ich das gedämpfte Innere erreicht hätte. Ich wußte, daß ich mich lächerlich machte, aber die Furcht vor dem Krach war ärger als die Scham. Die Schilderung eines Schulkameraden, der schon einmal eine Flugreise gemacht hatte, so ein Jet sei lauter als die Sirene (dabei zeigte er auf die dräuende Silhouette überm Schulhaus), flößte mir Mitleid mit dem armen Jungen ein. Eine Hafenrundfahrt wurde zum Martyrium, weil ich jederzeit erwartete, die Erfahrung vom Vierwaldstättersee könne sich wiederholen. Und auf dem Sportfest lief ich eine schrecklich schlechte Zeit über die hundert Meter, weil ich vom zuerst erwarteten, dann tatsächlich empfundenen Schrecken des Startschusses (aus einer echten Pistole) weiche Knie hatte. Und in der Eisenbahn hatte ich beim Übergang von einem Waggon in den nächsten nicht etwa Angst, die Verbindung könne mir unter den Füßen wegbrechen; nur der entsetzliche, ungedämpfte Krach von Gleis, Wind, Fahrwerk schreckte mich. Tröten, Knallen, Tuten, Jaulen. Überall lauerte er, der Krach. Im Zirkus, auf dem Feuerwehrfest, bei der Flugschau, beim Karnevalszug.
Und in der Schule. Wo auf dem Nachbardach die Sirene hockte, schlimmer als jede imaginierte oder wirkliche, leicht zu verdrängende Bombengefahr. Eine stets latente Angst war, wir könnten vielleicht umziehen, und in einem Haus mit Sirene auf dem Dach mit dem allezeit drohenden Schrecken überm eigenen Kopf leben müssen. Kaum besser war die Vorstellung, ich könnte vielleicht eines Probealarmmittwochs ausgerechnet in jenem Gebäude Unterricht haben, das die Sirene trug. Und als ich später umgeschult wurde, spähte ich überall umher, ob auf dem Dach der neuen Schule nicht etwa eine Sirene installiert sei. Zu meiner übergroßen Erleichterung waren alle Dächer des Komplexes sirenenfrei.
Noch heute ist mir dieses Grauen, dieser durchaus panische Schrecken gegenwärtig, rieselt es mir eiskalt durch die Glieder, wenn ich irgendwo eine Feuerwehrsirene höre. Egal, wie weit weg ich bin, egal, wie niedrig der Schallpegel tatsächlich ist, die Art des Geräuschs, dieses unerbittliche Warnen, dieses Geheul, das geradewegs aus der Hölle selbst emporzufahren scheint, seelenlos, kalt, mörderisch, flößt mir immer noch Angst ein. Und genau das soll es ja auch.
Meine Eltern versprachen mir, sie würden mir beim nächsten Probealarm, dessen Datum in der Zeitung angekündigt werde, bescheid sagen, dann wüßte ich, was mich erwarte. Die Folge war, daß ich einen halben Vormittag im Angstschweiß badete, während ringsum die Mitschüler sich ihres Lebens freuten. Natürlich erschraken sie dann genau wie ich, wer würde nicht erschrecken, wenn keine fünfzig Meter entfernt eine Sirene losgeht? Aber im Unterschied zu mir machte es ihnen eben nichts aus.
(Eins der Dinge, die ich an Musik schätze, ist, vermute ich, daß sie den Lärm bändigt, indem sie ihn in eine Form zwingt, verwandelt und nutzbar macht. Natürlich ist Musik mehr als nur domestizierter Lärm, aber sie ist es auch, ein bißchen. Vielleicht deswegen mag ich es auch nicht leiden, wenn undomestiziertes Geräusch durch die Hintertür wieder hereingelassen werden. Schlagwerk mag ich, wenn überhaupt, nur in feinster Dosierung, und niemals nur darum, wie etwa in der populären Musik allegegenwärtig exemplifiziert, weil man es halt so macht. Beethovens Gewitter in der sechsten Symphonie mochte ich immer schon, an die entsprechende Klangmalerei bei Strauss, der eine Windmaschine benötigt, mußte ich mich erst, sie lange rigoros ablehnend, gewöhnen.
Ein bißchen klingt sie nämlich wie eine Sirene.)

Noch einmal Rehe

21. Oktober 2014

Ein „Rudel“ Rehe heißt Sprung und besteht im Winter aus bis zu zwanzig Tieren. Charakterisiert wird der Sprung, ein eher loser Verband nicht zwangsläufig miteinander verwandter Tiere, durch die gemeinsame Fluchtrichtung und den räumlichen Abstand der Einzeltiere zueinander, der fünfzig Meter selten überschreitet. Geführt wird ein Sprung von einer Ricke.
     Einem solchen Sprung bin ich heute morgen beim Laufen in der Dunkelheit begegnet. Aufmerksam wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört hatte, das aber sofort als Tierlaut erkennbar war. Kein Ast würde so im Wind knarren, keine Eichel beim Herunterfallen so rasseln, es klang wie Knörk, knörk.
     Rehe knörken aber nicht. Was Rehe machen, heißt bellen, und sie tun es, um dem Freßfeind klarzumachen, daß man ihn entdeckt habe, eine weitere Fortsetzung der Jagd mithin sinnlos sei.
     Bellende Rehe also, vor Schreck oder Empörung, daß ich trotz der Warnung weiter heranpirschte, wieder verstummt, mindestens ein Dutzend, kleine und größere, deren Augen, als ich die Stirnlampe ins Gebüsch richtete, auf unterschiedlicher Höhe zu mir hersahen, eine ganze Galerie Augenpaare, blink, blink, wie in einem Zeichentrickfilm. Die Körper wurden erst sichtbar, als ich die Leistung der Stirnlampe hochsetzte: fahle, graue Körper, die eigentlich gar keine Körper waren, eher Geister, schattenhaft, Gewölk von Leibern, deren Umrisse miteinander verschmolzen. So wie neulich schon blieben sie stehen, starr, gebannt, während in ihren Köpfen Unbegreifliches ablief, oder vielleicht auch gar nichts, weil sie vermittels des Lichts in einen Zustand völliger Leere eingetreten waren. Ich besah mir das eine Weile, dann machte ich die Lampe aus.
     Wie eine Glocke stürzte die Dunkelheit über mir zusammen. Kaum war der Himmel vom Blattwerk der Kronen zu unterscheiden. Ich stand ganz still und lauschte. Nichts war zu hören außer dem Rascheln meiner Windjacke und meinem eigenen Atmen. Irgendwo da drüben standen die Rehe in der undurchdringlichen Finsternis und regten sich ihrerseits nicht. Wie ich so atmete und raschelte, kam ich mir sehr laut vor. Andererseits trugen die Rehe ja auch keine Windjacke. Außerdem hatten sie ja zuerst gebellt. Ich ging ein paar Schritte, dann, als immer noch keine Fluchtgeräusche zu hören waren, schaltete ich die Lampe wieder ein. Blink, blink, blink, gingen drüben die Lichter an, als hätten die Tiere nur darauf gewartet. Dann aber schien ihnen etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht hatten sie’s satt, vielleicht nervte ich sie mit dem Licht. Wer kann es wissen? Vielleicht gefiel ihnen meine Windjacke nicht. Jedenfalls setzten sie sich langsam, durchaus nicht in Flucht, eher gleichgültig in Bewegung, wandten sich, eins nach dem andern, von mir ab, wie Blätter, die der Wind umdreht. Die Körper schoben sich vor die Augen, die Leuchtpünktchen erloschen. Die Vorstellung war beendet, und ich schob mich und die seltsame Glocke aus Tag um mich her weiter durch den stillen Wald.

10. Oktober 2014

(Und wie sich in der Frühe beim Laufen die Bäume plötzlich zum flüchtigen Nachhall einer fernen Ordnung finden, zum Muster eines anderen, fremden Morgens, den kein Muster aus Worten je erreichen kann.)

Keiner da

8. Oktober 2014

Liebe, ich habe dich zur Bahn gebracht. Jetzt bin ich zurück in meinem, unserem, wieder meinem Zimmer. Eben habe ich einen Augenblick gezögert, den Schlüssel ins Schloß zu stecken; ich wollte nicht, daß die Tür aufginge; ich wollte nicht zurück in das Zimmer, das mir doch nur dein Fehlen zur Schau stellen würde, alle Arten davon: Wie du nicht am Tisch sitzt; wie du nicht mitten im Raum stehst und mir zulächelst; wie du nicht im Bett liegst; wie du auch nicht im Bad wärst, wenn ich die Tür dorthin öffnen würde. Alle möglichen Arten deines Fehlens, eine einfallsreicher als die andere: lächelnde, ernste, verträumte, nachdenkliche, lachende Weisen zu fehlen. Noch viel mehr Möglichkeiten für dich, nicht da zu sein, als es Möglichkeiten gäbe, da zu sein, weil du ja nur einmal da sein kannst, aber viele, viele Male gleichzeitig fehlen. Auf dem Stuhl. Im Bett. Unter der Dusche. Am Herd. Mit Buch, ohne Buch. Wach oder schlafend. Du schaffst es sogar, gleichzeitig angezogen und nackt nicht hier zu sein, und auch auf alle erfindungsreichen Arten zwischen dem einen und dem andern zu fehlen. Lauter Beispiele für wie du nicht da bist. Lauter Beispiele, für wie sich kein Kuß von dir anfühlt. Sehr anschaulich, wie du mich nicht umarmst. Ich wollte sie gar nicht sehen und noch weniger fühlen, diese gleichzeitigen, übereinander gelagerten Abwesenheiten von dir, eine trauriger als die andere.
Am liebsten wäre ich gleich wieder fortgegangen, um erst mit dir in vierzehn Tagen wieder hierher zurückzukommen.
Zurückkommen, mit dir. Wie das klingt. Wie fremd und schön. Nach Hause, mit dir, zu uns. Zu uns.
Einen Moment schoß mir das so durch den Kopf, und ich fühlte den Impuls, einfach wieder wegzugehen von der Tür, hinter der du nicht warst. Dann aber habe ich den Schlüssel ins Schloß gesteckt und geöffnet und bin hineingegangen, nicht zu uns, sondern wieder nur zu mir.

Eine Begegnung

2. Oktober 2014

Die grünen Punkte schwebten einen Moment in nicht bestimmbarer Größe, Höhe und Entfernung links von mir in der Dunkelheit des Waldsaums. Zweimal zwei horizontal angeordnete, schimmernde Pünktchen, deren Farbe zwischen gelb und grün irisierte, Glühwürmchen nicht unähnlich, nur um vieles heller. Dem ersten Anschein nach bewegten sie sich; dann aber sah ich, daß sie stillstanden und warteten, während ich mich ihnen näherte. Als ich auf ihrer Höhe des Wegs angekommen war, richtete ich den Strahl der Lampe geradewegs auf die Erscheinung. Und blieb verblüfft stehen.
Längst erschrecke ich nicht mehr, wenn mir in frühmorgendlicher Dunkelheit jene scharfen Paare von Glühpünktchen ins Streulicht der Stirnlampe geraten, die, ohne daß der Körper selbst sichtbar würde, die Anwesenheit eines Tiers verraten. Als aber an jenem Morgen diese beiden Körper sich im Lampenstrahl hinter niedrigem Buschwerk aus der Dunkelheit schälten, zuckte ich doch zusammen. Zwar kannte ich schon, was sich da darbot, aber aus so großer Nähe hatte ich noch nie welche gesehen, schon gar nicht im Dunkeln. Ich staunte nicht schlecht. Katzen bin ich schon oft beim Laufen in der Dunkelheit begegnet, Pferde, Rinder sieht man oft, wenn man an Weiden vorbeiläuft, manchmal sind um diese Zeit sogar schon Hundehalter mit ihren Tieren unterwegs. Das hier aber, das war neu.
Da schau her, oder, na, wen haben wir denn da, oder sieh mal einer an, muß ich gemurmelt haben, teils um meinen eigenen Schreck zu besänftigen, teils aber auch, weil ich das Gefühl hatte, wie ein Entdecker eines fremden Erdteils, der unverhofft auf Eingeborene stößt, irgend etwas sagen, eine Geste machen zu sollen der Gutwilligkeit, Harmlosigkeit, des Respekts. Oder einfach: um sich zu erkennen zu geben: Schaut her, ich bin auch da. Es verblüfft mich, wie sehr wir Menschen Sprachwesen sind. Kaum sind wir nicht mehr allein, plappern wir los, und seien es auch nur zwei Rehe, die unversehens den gleichen Raum mit uns teilen.
Erstaunlich kleine Körper, kniehoch und schmal, sehr schmal, wie hungrige Kinder standen sie regungslos vor mir, keine drei Meter entfernt, und in den fast flachen, von einer schimmernden Linie eingefaßten Köpfen leuchteten die grünen Augen, die ich als erstes gesehen hatte, schwebten weiterhin im Raum, als glühe durch sie dieselbe Energie, von der auch das Fell wie von elektrischer Entladung schimmerte. Stocksteif standen sie da, die Lauscher auf mich gerichtet. Bäume traten dahinter in den Lichtkreis und bildeten mit ihren silberhellen Stämme eine Grenze, eine Bühne, dahinter der weite Raum des Waldes in vollkommene Schwärze zurückfiel.
Trotz ihrer folienhaften Transparenz, trotz dem Geisterhaften der Erscheinung waren die Tiere von einer geradezu erschreckenden Körperhaftigkeit. Vielleicht, weil sie so überraschend klein waren, weil ihr Körperbau Anmut und zugleich grazile Zerbrechlichkeit ausdrückte, aber auch, weil ich sie noch nie aus so großer, wenn auch durch die Dunkelheit deutlich von mir abgeschirmter Nähe betrachtet habe, erschienen sie mir umso stärker lebendig, begegneten sie mir als etwas mir zwar Fremdes aber im Fremdsein doch auch Gleichartiges, jedenfalls als etwas, das sich von dem pflanzlichen und mineralischen Reich ringsum ebenso scharf unterschied wie ich selbst; und darin, in dieser Form wacher und blutwarmer Lebendigkeit, waren wir Bewohner desselben Bezirks. Nicht mehr allein.
Klein waren sie, aber sie hätten auch riesig sein können, der Eindruck wäre derselbe gewesen: ein Eindruck vollkommener Realität, ein plötzliches In-die-Welt treten, das jede Vorstellung, die ich mir von ihnen jemals gemacht hatte oder hätte nur machen können, nach allen Richtungen überstieg; eine Wirklichkeit, die sich selbst verstärkte, indem sie überhaupt eine schätzbare Größe zeigte; indem sie stillhielt und sich betrachten ließ, länger als nur einen Augenblick; indem sie stillhielt, sich anschauen ließ, und – zurückschaute, mich als etwas Gleichartig-Verschiedenes ins Auge faßte über den Abgrund aus Andersartigkeit hinweg. Geworfen in denselben Wald, ich als Besucher, sie in ihrem Zuhause, starrten wir uns an und versuchten, einander zu verstehen, einen Sinn in dieser Begegnung zu finden; und in der völligen Andersartigkeit des Gleichen etwas auszumachen, das zur Entspannung führen, die Situation auflösen und uns einander zu erkennen geben könnte, sei es als Freund, dem man sich nähern, sei es als Feind, vor dem man fliehen müsse.
Was empfanden sie wohl in diesem Moment? Furcht? Aber hätten sie dann nicht die Flucht ergreifen müssen, was ihnen jeder andere Schrecken zweifellos empfohlen hätte? Neugier? Oder war das, was sie fühlten, eine Empfindung querab von Neugier und Angst – eine Art Bann, ein Faszinosum, eine exstatische Erfahrung, weder gut noch schlecht, nur … anders? War es möglich, daß diese zwei Tiere, die zu jeder anderen Tageszeit sofort Deckung gesucht hätten, ja, es zu einer so nahen Begegnung gar nicht hätten kommen lassen, jetzt mit Hilfe des Lichts irgendeinen inneren Mechanismus überwunden und Zugang zu einem Gefühls- und Erlebensraum jenseits des Schreckens und der Angst gefunden hatten? Daß sie eine Art von mystischem Entzücken empfanden?
Ich weiß nicht, was passiert wäre oder wie lange wir in diesem gegenseitigen Anstarren wohl noch verblieben wären, wenn ich nicht den Lampenstrahl wieder auf den Weg gerichtet hätte. Mich fröstelte, ich wollte weiter. Kaum war die Dunkelheit über die Stelle gefallen, da hörte ich es auch schon rascheln und knacken. Der Bann, oder was immer es war, das uns einen Moment verbunden hatte, war gebrochen, wir hatten uns aus der Begegnung gelöst, ohne daß wir einander Freund oder Feind geworden wären. Als ich die Lampe nach ein paar Schritten noch einmal dorthin richtete, hatten sich alle Augen wieder abgewandt. Ich sah nichts als ein leuchtendes Gewirr fahler Blätter vor der Schwärze des Waldes. Kurze Zeit später drehte der Wind, und es fing an zu regnen.

Sonntagsausflug

25. September 2014

Farben, Licht, das bunte Durcheinander, alles scheint plötzlich wie schlecht abgemalt. Der Hafen, die Mole, der Wein am andern Ufer, die Gesichter, der Sonntagsstaat der Flaneure, die billigen Regenjacken vom Discounter, der Eiswagen, die Infotafeln, alles nur eine Kulisse, hinter der nicht einmal ein Grauen lauert, nur eine schreckliche, unauflösbare, allherrschende Ödnis. Keine Schönheit gibt es, die hier irgendeine Form von Echtheit noch bewirken könnte, bevor es für immer für alles zu spät ist, zu spät auch für eine Flucht. Wohin denn entkommen? Und da ist das alles schon alles, das bunte Treiben, der Wind, die Tauben, die sich vor sich selbst ekeln, ist dies das Echte und Eigentliche des ganzen Lebens, diese entsetzliche, trostlose Traurigkeit dieser billigen, nicht einmal häßlichen Melodien, die sich ins Herz schleichen wie süß schmeckendes Gift. Ich wehre mich, balle die Hände zur Faust. Aber eine Unkraft befällt mich, die Schritte werden müde, das Pflaster ist plötzlich so hart, Llorando se fue, und der Weg so weit, wäre es nicht besser, sich hier auf die Bank zu setzen und der Greis zu werden, der man bereits ist seit der Geburt? Ich sehe die Kinder eine Münze gegen ein Eis tauschen, Faria, faria ho! Wie gespannt sie sind. Wie fraglos überzeugt von allem. Ich bin allein, ich bin ganz und gar allein, faria ho! Niemand deutet mir das, die Blicke sind leer, das Lachen wie aus dem Schlund von Automaten. Ich sitze auf der Bank, das Wasser kräuselt sich schwarz unter den Füßen, nicht einmal der Strom ist noch echt, ich gehe in einer kolorierten Kitschpostkarte herum, und es gibt nichts Schönes mehr auf der Welt, die Welt geht im Kreis wie die Melodie, wie der Arm des Leierkastenmannes, ach, du lieber Augustin, alles ist hin.
Wer erklärt mir diese Traurigkeit? Eine wimmernde Folge nicht einmal trauriger Akkorde, und da ist plötzlich diese Vergeblichkeit in allem und allem. Die Farben erbleichen, die Schatten sperren das Maul auf, die Fahnen drohen, es ist, als fröstele es die Zeit selbst unter einer kalten Brise. Wind treibt die Klänge eines Akkordeons oder Leierkastens über den Platz heran. Dazu wandeln fröhliche Menschen allenthalben, Reiterstandbilder starren vor Stolz, Kinder scharen sich um einen Eiswagen, die eifrige Münze in der warmen Hand. Niemand bemerkt es. Alle sind hohl. Puppen. Marionetten an unsichtbaren Fäden. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß niemand das Schreckliche dieser Weisen bemerkt? , Quetschkommode, Leierkasten, Schifferklavier: Wäre die Melodie, die diesem Kasten entströmt, häßlich, verstimmt, falsch, ich würde lachen. Aber die Melodien sind nicht häßlich, das Schlimme ist, sie sind nicht einmal das. Ohne selbst traurig sein zu wollen, verströmen sie unter der Absicht einer billigen guten Laune eine Traurigkeit, für die es keinen Trost gibt. Selbst nicht schön, negieren sie auch alles Schöne, negieren sie alles, was Musik sein kann, daß selbst die Erinnerung an alles, was nur je schön und echt und wahr gewesen ist, im Herzen getötet wird.
Eine Münze klimpert, der Leierkastenmann macht eine Verbeugung, mechanisch auch sie, mechanisch wie der zur Maschine gewordene Kurbelarm, der Münzwerfer bleibt einen Moment stehen, in künstlerischem Entzücken, aus schierer Langeweile, aus Mitleid oder weil er ja schließlich bezahlt hat, er bleibt stehen, hält den Kopf ein wenig schief, nicht den Leierkasten schaut er an, sondern auf das Kind, den kleinen Jungen an seiner Seite. Der steht halb abgewandt, in einer Haltung starrer Abwehr, die Ärmchen erhoben, die Hände so kräftig, so entschieden auf die Ohren gepreßt, daß man die Knöchel weiß hervorschimmern sieht. Eine steile Falte der Mißbilligung und Ungeduld steht ihm auf der Stirne. Der Vater zeigt auf den Leierkasten, spricht, deutet, hält dem Kind eine Münze hin, wirbt und schmeichelt, zeigt wieder auf den Leierkastenmann, schnippst dem Jungen noch den Takt vor. Der aber preßt die Hände noch stärker auf die Ohren und schüttelt energisch den Kopf, ignoriert die Münze, will weg, hat genug, leidet mit jeder Faser seines Körpers.
Hör doch mal hin, ruft da der Vater aus. Mit einer herrischen Geste reißt er dem Jungen beide Hände vom Kopf; und für einen Moment, in dem der ganze Platz zusammenzuzucken scheint, in dem der Kaiser sich mit einem Ruck auf dem Gaul aufrecht setzt, die Tauben aufflattern und die Silberköpfe der Seniorengruppe sich umwenden nach so viel echtem Geräusch; für diesen Moment übertönt der Klagelaut des Knaben selbst noch die Diskantpfeifen des Leierkastens, zerschlägt sein Gebrüll all die Trostlosigkeit entzwei. Erschrocken läßt der Vater das Kind los, wirft schnell noch die Münze in den Hut, bevor er dem Sohn nachläuft und beide im Menschengewimmel verschwinden. Das Wasser gurgelt, die Tauben lassen sich auf dem Haupt des Kaisers nieder, der Arm des Leierkastenmannes kurbelt, hollahi, hollaho, die Melodie ist nicht aus dem Takt.

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