VOCES INTIMAE

Musa verecunda est, vita iocosa mea

Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt.

Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

Aequinox (21.9.2014)

Eifersucht habe ich nicht, ja, gegönnt sei dir jedes Vergnügen.
    Doch eine andere Not hält mich und läßt mich nicht los:
Denn, ob du schläfst oder wachst, oder denkst oder liest oder wanderst –
    wo du auch gehst und stehst, immer ist bei dir dein Leib.
Ob nun verschwitzt oder frisch, verdreckt oder rein nach dem Bade:
    Stets ist, wonach mich verlangt, anfaßbar nah deiner Hand.
Pflegen läßt er sich gern und macht dir beim Pflegen noch Freude –
    selbst auf dem stillen Ort hast du den Körper bei dir.
Was du auch tust oder läßt, du tust es mit deinem Körper,
    überall dient er dir, überall macht er dir Spaß.
Seist du im Walde allein oder gingst übers wimmelnde Forum,
    immer trägst du bei dir, was mich so herrlich entzückt;
noch unters engste Gewühle trägst du die heimliche Blöße,
    denn unter Schlüpfer und Hemd bist du doch alleweil nackt.
Nackt bist du auch unterm Linnen, des abends, wenn müd du im Bett liegst.
    Wunderbar ruht dann dein Leib, selig im eigenen Duft.
Wenn, wie es manchmal geschieht, du dann selbst mit dir selber zu Spiel kommst,
    streichelst du dich und bist gleich selbst die Gestreichelte auch.
Streicheln mag ich dich auch, nicht weniger, streicheln mich lassen,
    doch, wie das Leben so geht, sind wir nicht selten getrennt.
Während ich fern von dir bin, darfst du dir jedoch immer nah sein.
    Drum, weil du hast, was mir fehlt: muß ich dich neiden dir selbst.

Fern

Später wirst du mir diese Geschichte erzählen, und die Tage werden sich zu erkennen geben als das, was sie waren, während ich sie versäumte. Das Versäumte wird sich zu erkennen geben als Tag, der durch dich aufging und verging. Zeit, die zu sich selbst zurückläuft, um noch einmal Du zu werden und sich in dir um Stunde und Tag, um Tag und Woche zu erneuern, und was jetzt unvorstellbar ist, dieses ferne Du, das den Lauf ferner Tage hervorbrachte, wird gewußt sein; und was gewußt sein wird, jenes nahe Du, das die Stunde des Erzählens hervorbringt, wird unvorstellbar geworden sein als jenes erste ferne, das du jetzt und jetzt und jetzt bist.

Apollinarishütte

Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Premium-Wanderweg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben, und was oben am Weg, was auf der Landstraße sich nähert, vor sich geht, sich wieder entfernt, geht uns nichts an. Wir sitzen umschlossen von Holz und vor uns hängt Wildwuchs vorm Tal.
Wir sind an dem Ort, der uns schon von zwei früheren Malen kennt. Keine Umschweife, kein Essen und Trinken, nicht einmal der Form halber, unser Hunger, er ist ein ganz anderer, unser Durst ein lange, allzu lange nicht gestillter. Die Rucksäcke legen wir ab, wenden uns einander zu. Wir fassen uns bei den Händen, wir küssen uns und nehmen den Faden, der uns den ganzen Weg hierher zitternd verbunden hat, wieder auf wie ein unterbrochenes Gespräch – aus Küssen. Wozu die Lippen und die Zungen nicht alles gut sind, wir entdecken es wieder und wieder neu. In diesem Moment gibt es nichts zu sagen, was mit Sprache besser oder schöner oder poetischer zu sagen wäre, als mit der stummen Phonetik des Speichels.
Ab und zu lassen wir ab voneinander, schauen uns in die Augen, Stirn an Stirn. Schon haben wir die Brillen abgelegt, ist der Umkreis in wolkige Unschärfe gesunken. Ein Knacken, ein Rascheln: Wir lauschen. Waren da nicht Stimmen? Nein. Wir sind allein, allein in einem Kreis Unschärfe, der uns schützt wie eine Zeltplan. Wir wenden uns einander wieder zu.
Es gibt ein Wort von dir, das mich immer in verlegenes Entzücken versetzt. Du schöner Mensch, sagst du dann, und weil ich weiß, du meinst es so, macht es mich noch mehr verlegen. Jetzt zupfst du mir das Hemd aus der Hose, schiebst es mir hoch bis über die Brust und murmelst etwas davon, was du die ganze Zeit schon gewollt habest. Deine Finger sind warm vom Gehen. Im hölzernen, trockenen Schatten der Hütte leuchtet weiß mein Bauch hervor, rund und weich wie der Bauch eines ruhenden Kindes. Die ganze Zeit klingen Hammerschläge aus dem Tal herauf; Hunde bellen, als hätten sie uns gewittert; im Gebüsch zetern Vögel. Wir halten inne, lauschen. Einmal sind wir zwar nicht erwischt, aber heikel überrascht worden. Auch dieses Mal werden wir so eben noch Glück haben.
„Du schöner Mensch!“ sagst du und beugst dein Gesicht über meinen weißen, weichen Kinderbauch. Dein Mund ist noch wärmer als deine Finger.
Und während wir die Zeit vergessen, vergißt uns die Zeit nicht. Sie drängelt nicht, sie bummelt, wartet, läßt die Momente genau ineinanderfallen. Höflich und diskret teilt sie aus von sich, so daß uns genug von ihr bleibt, um aufzuknöpfen, was aufzuknöpfen, um abzustreifen, niederzureißen, was abzustreifen und niederzureißen ist, und während oben gerade der Wagen in den Parkplatz abbiegt, haben wir genug Zeit, um zueinander zu finden, und während oben der Wagen mit knirschenden Kieseln zum Stehen kommt, haben wir uns aneinandergedrängelt, an die Wand der Hütte gelehnt mit Faust und heiserem Atem, und die Zeit schaut genau hin, daß sich nichts überschneide und peinlich überlappe, die Zeit ist schamhaft und meint es gut mit uns, sie ist unsere Verbündete, unsere Komplizin, die wohlmeinende Amme an der Tür, ich habe dich umfaßt und drücke dir Küsse in den Nacken, während oben eine Wagentür zuschlägt, ein Jubellaut sammelt sich in deiner Kehle, während Schritte über den Waldweg herbeikommen, und bis wir zusammenzucken und die Beine unter uns nachgeben, sind sie schon auf den Pfad zur Hütte eingebogen; aber nichts stört uns auf, die Zeit verlangsamt dort den Gang, beschleunigt ihn hier, läßt unserer Lust die Dauer, hemmt drüben die Schritte, die sich erst nähern, dämpft die Stimmen, die erst dann aufklingen dürfen, wenn wir ermattet auf die Bank zurückgesunken und zu Atem gekommen sein werden; erst wenn wir die Augen zueinander aufgeschlagen, erst wenn wir uns geräuspert, Haar und Hemd in Ordnung gebracht haben; erst, wenn wir uns träge, der Wonne nachschmeckend, geküßt haben, erst, wenn niemand uns mehr etwas ansehen würde (es sei denn, er schaute sehr, sehr genau hin): Erst dann hören wir beide die Stimmen, deutlich jetzt und unbezweifelbar, und wie sich die Familie, zwei Erwachsene, ein Kind, vom Wege her im Rücken der Hütte, wie sie sich unserem Versteck nähern und endlich ins Blickfeld stürzen.
Später, da sitzen wir an der Bank im Freien, wird uns das alles wie ein Traum vorkommen. Die Straße ist still. Die Besucher haben sich umgesehen und sind wieder verschwunden. Niemand kommt mehr vorbei, so lange wir noch hier verweilen. Ein Traum. War da überhaupt jemand? Wir blinzeln einander zu, erwachend. Wir küssen uns beklommen, fast scheu. Nachdenklich kosten wir von den Mirabellen.
Die Hütte liegt etwas abseits vom Weg, auf einer dem Tal zugeneigten, von Ahorn und Mirabelle gesäumten, nach Süden offenen Lichtung. Dem Wanderer, der oben am Weg zufällig herunterschaut, zeigt sie die kalte Schulter; auf drei Seiten geschlossen, blickt ihre offene Seite vom Weg fort ins Tal hinunter. Wenn man dort sitzt, kann man sich völlig abgeschieden glauben. Wir küssen uns. Ein Vogel zetert. Im Tal bellen wieder die Hunde.

sine voluntate

Ut desint vires, tamen est laudanda voluptas.

Knifflig

Man saß also bei Tische im fremden Haus, fremd unter Fremden, der Fremdeste von allen, und rings ging das Gespräch. Halb hörte der Gast mit, wie der Vater der älteren, sechsjährigen Tochter von dem schon vor deren Geburt gestorbenen Hund erzählte, und daß man den am Ende seines Lebens habe einschläfern lassen müssen, so alt und krank sei der gewesen, man habe ihn nicht leiden lassen können.
Rechts und links die lebhaften Stimmen, ein freundliches Gewirr, beschäftigt mit sich selbst, und so ist der Gast, nirgends verwickelt, mit seinen Ohren schweifend und mal hier mal dort ein halbes Gespräch auffangend, vielleicht der einzige gewesen, der die Frage der Sechsjährigen an ihren Vater mitgehört hat.
“Würdest du mich einschläfern lassen, wenn ich ganz krank wäre und leiden müßte?”
Kinder scheinen manchmal ein ausgeprägtes Gespür dafür zu haben, welche Fragen den Erwachsenen Bauchgrimmen bereiten und legen mit wundervoller Unbekümmertheit ihren Finger darauf. Tatsächlich aber sind für Kinder alle Fragen gleich knifflig. Für das Kind ist vielleicht die eine wie die andere Antwort eine richtige, eine gute, eine, mit der es einverstanden ist; in einem bestimmten Alter fragen Kinder ja, nur um überhaupt eine Antwort zu bekommen: Warum ist das Meer blau? Unten am Meeresgrund sitzt ein Trupp Kopffüßler, die malen es von unten blau an. Aha. Und warum gibt es Wolken?
Der Erwachsene aber muß antworten und sich entscheiden, er kennt nur eine richtige Antwort und sehr viele falsche, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß er später den Eindruck haben wird, nicht die richtige Antwort gewußt zu haben, dem Kind nicht gerecht geworden zu sein, versagt zu haben.
Und wenn Erwachsene selbst fragen, wie oft tun sie es dann mit einer Erwartung oder einer bestimmten Absicht, voller List, voller Angst, voller Mißtrauen, voller Hoffen; wie oft stellen Erwachsene einander mit einer kniffligen Frage auf die Probe. Wie oft erwarten sie eine bestimmte Antwort, um im Falle ihres Ausbleibens beleidigt oder bestürzt zu sein. Wie oft stellt man eine Frage, nur um sich beruhigen und beschwichtigen zu lassen. Die Kleine aber, so fühlte es der Gast, war gerade nicht beunruhigt. In ihrer Frage lag weder Sorge noch Angst, nicht die geringste, weder, ihr Vater könnte im Ernstfall tun, wonach sie gefragt hatte, noch, er könnte es unterlassen. Sie hatte keine Erwartungen an ihn, noch weniger wollte sie ihn, seine Liebe zu ihr vielleicht, testen. Sie wollte es schlicht wissen und war offen für jede mögliche Antwort, ohne Bangheit und ohne Hoffen nach der einen oder der anderen Seite. Sie tat ihre Frage in vollstem, in unerschütterlichem Vertrauen darauf, daß, wie auch immer sie ausfallen würde, die Antwort des Vaters wahr, was immer der Vater in einem solchen Fall unternähme, dann das richtige und beste für sie selbst wäre.
Es war ein Vertrauen, das in seiner letzten Konsequenz, die Entscheidung über das eigene Leben und Sterben einem anderen zu überlassen, auf den unfreiwillig lauschenden Gast geradezu schockierend wirkte. Und ihm wurde plötzlich ganz klar, welche ungeheure Last Kinder ihren Eltern aufbürden, ganz einfach dadurch, daß sie vertrauen. Indem sie fest überzeugt sind, wir wüßten eine Antwort auf alles, wo wir doch selbst ratlos sind, ziehen sie uns in aller Unschuld den Boden unter den Füßen weg.
Am Tisch wogten weiter die Stimmen, während der Gast über den dunklen Hof und die Stiege zum angewiesenen Nachtlager hinaufging. Die Frage des Kindes ließ ihm keine Ruhe, und er dachte, daß niemand einem die Antwort abnehmen könne. Durchs Dachfenster sah man die Sterne blinzeln. Auf der Landstraße heulten die Schwerlaster. Auch die Kleine würde die Frage vielleicht irgendeinmal selbst einem Kind beantworten müssen. Ob sie sich dann an diesen lang vergangenen Abend erinnern würde, da sie ihren Vater dasselbe gefragt hatte? An wen sich wenden, dachte der Gast. Wir sind mit unseren eigenen Fragen ganz allein.

Stillen (2)

Einmal habe ich eine vollkommene Stille gehört.
Nicht die beängstigende, hohle Stille in einer nächtlichen Straße, nicht das klaustrophobische Gefühl im Innern eines Tonstudios, auch nicht das von ständigem leisen Summen, Wispern, Brummen und Rauschen fernumrandete Schweigen einer Großstadt um drei Uhr morgens. Sondern eine Stille, die alle Geräusche ein für allemal gelassen aufgegeben hatte. Ich war aufgwacht, auf Toilette gegangen, und bevor ich mich wieder hinlegte, gab ich einem Sog nach, der mich ans Fenster führte, wo ich fröstelnd blieb, voller Entzücken lauschend. Noch nie hatte ich so etwas vernommen. So wenig, so intensiv: nichts. Das Schweigen nahm jedes Lauschen entgegen, und anstatt es wieder zum Lauschenden zurückzustoßen und jene wattierte Beklemmung des Abgeschottetseins auszulösen, die von schalldichten Räumen, aber auch von Ohrenstöpseln hervorgerufen wird, führte jenes nächtliche, in einem Eifeldorf am Waldrand eingezogene und nun, man kann es nicht anders sagen, waltende Schweigen die Wahrnehmung hinaus und spazieren, indem es den Raum und seine Weite über den Hügeln hörbar machte, ließ dem Ohr Raum und Freiheit und schenkte das müdgewordene Hören in Myriaden Verästelungen sich selbst und ihm die Freiheit zurück.
Steinerberg 11 001
So wie es war, schien dieses Schweigen unverletzlich, jedes etwaige Geräusch der Nacht – eine raschelnde Maus, ein fallendes Blatt, ein knackender Zweig – hätte es nur in seiner Vollkommenheit, in seiner Tiefe gestärkt, indem es darin aufgegangen und verschwunden wäre wie ein Tropfen in einem See. Aber es gab kein Geräusch. Es gab nur das Schweigen, dicht und elastisch wie Wassertiefe.
Nur im Nahen und Allernächsten nisteten winzige Geräusche. Ein Lufthauch zog den Gardinensaum übers Fensterbrett. Ein Strömchen verwirbelte am gekippten Fenster. Meine bloßen Füße rieben über die Teppichfasern. Und die Laken raschelten, als ich fröstelnd und beglückt wieder in Bett schlüpfte. Über diesem kleinen Kreis freundlicher Geräusche, die ich selbst hervorbrachte, über diesem behaglichen Innenraum, wachte draußen die große Stille, indem sie den Körper, meine Atemzüge, die flüsternden Gedanken und endlich den Schlaf umschloß wie ein mir eben zuteil gewordener Segen.

Rodestraße

Der Tag ist schon da, ehe die Augen richtig wach sind. Die Luft ist ein heißes Tuch, brennend liegt sie auf Stirn und Schultern. Hammerschläge zerbrechen in der Tiefe des Tals, die Glockenklänge lösen sich in Wölkchen auf. Wie ein Panzer schließt sich das Licht um die Stämme. In den Ladenritzen ficht die Sonne mit sich selbst. Abends hingestellt, ist das Wasser dicklich eingedampft. Ein Glühen liegt um den Saum des Glases. Eine Tasche, ein Paar Schuhe auf dem lodernden Parkett, der Schlüssel brennt sich in die Handfläche ein. Wie eine schwarze Zunge liegt die Brotrinde gekrümmt auf dem Tellerchen. Im Mus kleben tote Wespen. Die Gedanken gerinnen, die Stunden sind sauer geworden. Die Bilder wenden sich ab von der Wand, alle Wörter sind zurück in die Bücher geflohen. Bis in die Träume hinein schnarrt der Grünfink, wie ein aufgezogenes Spielzeug. Wo soll man bleiben, wohin soll man gehen. Wie ein zweifelnder Münchhausen ziehe ich mich am rechten Ohr aus dem Sumpf der Matratze.

Zeppelinstraße

Es ist Sonntag, es ist Trödel, und es ist zu heiß. Der Stadtpark riecht nach Hundekot, die Zeppelinstraße nach Würstchen und gebrannten Mandeln. In der drückenden Hitze flaniert alles schweigend und in äußerster Konzentration an den Ständen hinauf und hinunter, nur keine Bewegung zuviel. Während in den Seitenstraßen Sonntag herrscht und die Sonne schweigende Schatten wirft, schiebt man sich diesseits der Woche im Gedränge vorwärts. Neben tatsächlichen Flohmarktgütern, alten Kinderbüchern, ausrangierten Schuhen, mehr oder weniger gepflegt, Spielzeug, Porzellan, Plunder aller Art, gibt es auch professionelle Anbieter, die billige und billigste Mode, hundert Arten Batterien, Wecker, Wischblätter feilhalten. In einem Karton stapeln sich Videokassetten, in einem anderen Was-ist-Was-Bände mit Titeln in drolligen Typen. Abenteuerbücher vergessener Autoren, verblassende Umschlagbilder, ein Kaleidoskop des Vergessenen und Vergeblichen, das Stand um Stand die ausrangierten Telephone, Flachbildschirme und Laptops fortsetzen, zu alt um noch einen Zweck zu haben, zu jung, zu häßlich, zu lieblos gefertigt, um das Kostbare des Vergangenen zu besitzen, man möchte es so schnell wie möglich vergessen wie eigene Jugendsünden. Zeitlos, weil ausgereift seit Jahrzehnten: Wasserhähne, Schraubgewinde, Werkzeuge. Eine alte Waage mit Gewichten, alt genug, um schön zu sein; beliebige Vasen, Tassen, Modellbauteile, die vielleicht noch einen Sammler interessieren, und kurz bevor ich sie erblicke, die ich dann doch nicht kaufe, eine alte Olympia-Reiseschreibmaschine, wahrscheinlich das einzige Stück, das den Besuch gelohnt hätte, spüre ich etwas Feuchtkühles an der Hand. Ich drehe mich um und sehe geradewegs in das Flehende eines hechelnden Hundegesichts, kurz bevor die Leine das Tier wegreißt.

Rauchschwaden vom türkischen Grill, Lammfleisch und Knoblauch, auf der anderen Seite selbstgebackener Kuchen. Die Gerüche lassen sich ertragen, es könnte schlimmer sein. Schlimm ist nicht, wie es riecht, schlimm ist, wie es klingt: Links ein echter Indianer mit falschem Federschmuck, aus einer Lautsprecherbox quillt süßlicher Panflötendunst; rings um eine Art von Bühne eine Art von Galerie mit so etwas wie Bildern, Paradiesvögel, Heilige, Gebirgslandschaften in Bonbonfarben, ein Condor, natürlich, selbst dem Indianer ist es unter dem Federschmuck zu heiß in der Zeppelinstraße, er setzt sich, Erschöpfung in den Zügen, später wird er wahrscheinlich singen müssen oder wenigstens Panflöten pfeifen.

Zuerst singt aber jemand anders. Eine Bühne, Lifemusik, die Sängerin hat den Kniff mit dem knarrenden Stimmeinsatz schon ganz gut raus, ein Liebeslied, das vom Glück irgendwo, irgendwie, irgendwann handelt, tröstlich in der Unbestimmtheit, mach dir nichts draus, kommt alles noch, auch du, auch wir werden es schaffen. Dreiklänge rauf und runter, ein trauriges Dur, klebrig, gelb, süß, ekelhaft. Ich wehre mich gegen dieses Gefühl in Flaschen, gegen den rauhen Stimmeinsatz, gegen das Akkordgewaber, gegen die Herzenszumutung. Ich verziehe das Gesicht gegen diesen aspartamsauren, geschmacksverstärkten Seim, gehe schneller und wische mir den Schauer von den Armen. Ich will das nicht, dieses Gefühlsimitat, es ist aufdringlich und anbiedernd, irgendwo, irgendwann, irgendwie falsch, nein, nicht falsch, nicht einmal das.

Später der Marktplatz. Rathaus links, Einkaufszentrum rechts, die meterhohe Löwenstatue auf ihrem rechteckigen Sockel, ein gigantischer Petzispender mittig auf dem Platz, ringsum ziemlich viel Raum für sengende Sonne auf Pflastersteinen, menschenleer, alle Schaufenster dunkel, nicht einmal Tauben trauen sich, die Schaufensterpuppen starren hinter Sonnenbrillen über die blankgewischte Fläche, einzig echt ist das Gold auf der Rathauskuppel; es sieht aus, als sei es bei der letzten Plünderung übersehen worden.
Der süße Seim, das billige Gefühl, man entkommt ihm nicht. Hier ist es eine Saxophonmelodie, die aus der einzigen geöffneten Kneipe über den Platz schallt. Zwei Tische im Schatten der Arkade, halbvolle Weizenbiergläser und davor, halb in der Sonne, halb unter einer Markise, ein Paar, das sich umschlungen hält und tanzt, nach Art älterer Menschen, die das Tanzen seit vielen Jahren verlernt haben, ein Sich-Wiegen und Schunkeln, unbeholfen, Hüfte an Hüfte, je ein rechter und linker Arm mehr in der Absicht als in der Verwirklichung eines Tanzes verschränkt und ausgestreckt, sie schwanken, als hielten sie sich gegenseitig fest und hinderten so einander am Umfallen. Das Saxophon hallt von den erhitzten Fassaden wieder, die Schlagermelodie wabert in mehrfachen Schichten über den Platz und dringt bis in die Gänge des verödeten Einkaufszentrums vor, runtergelassene Läden, erloschene Beleuchtung, man glaubt, das Schlüsselklappern eines Wachmanns zu hören, die Tür vielleicht nur aus Versehen nicht abgeschlossen. Aus Versehen, wie das alles hier nur ein Versehen ist, das Saxophon, das tanzende Paar, die Tränen, halt mich fest, wer, du, ich bin auch nur hier, weil es kein anderswo gibt. Kein irgendwann, irgendwie, irgendwo.

Laß uns gehen. Bitte. Wohin? Irgendwohin. Die Cafés haben geschlossen, kein Eis, keine Erfrischung, kein Platz zum Sitzen. Wir gehen und schauen, aber zu sehen gibt es nichts. Doch noch zurück und die Schreibmaschine kaufen? Es kommt mir sinnlos vor, ein elendes Aufbegehren gegen die Zeit, morgen wird alles anders. Größer, schöner, jedenfalls besser. Die Fußgängerzone von Sonne und Sonntag verwüstet, an einer Leuchtreklame fehlt ein Buchstabe, Alles für einen Euro, das läßt sich nur noch mit Geschäftsaufgabe unterbieten, und daran, an mit Pappkarton zugeklebten Fassaden, an ausgebleichten Zu-Vermieten-Schildern, herrscht kein Mangel. Drüben, in weiter Ferne über der Stadt, schwebt unerreichbar ein Waldsaum, es wäre schön, wenn die Wolken darüber ein Gewitter bedeuteten. Wir gehen, das Pflaster brennt, die Füße schmerzen. Der Brunnen plätschert im Todeskampf.

Ein älterer Mann mit grauem Schnauzer und schlohweißem Haar, am Stock, sehr gepflegt angezogen, Lederschuhe, dunkle Hose, hellblaues Hemd, kommt uns die Fußgängerzone herauf entgegen, schwankend, aber so gut zu Fuß wie alte Männer manchmal gut zu Fuß sind, beharrlich, ausdauernd, nicht aus der Ruhe und dem Tritt zu bringen. Auf unserer Höhe zwinkert er, bleibt stehen, stützt sich auf seinen Stock, wendet sich halb nach uns um. Er öffnet den Mund, vielleicht nur, um Atem zu schöpfen, ich weiß nicht, ob er uns ansprechen wollte, ob wir zu unaufmerksam waren oder zu hastig für seine Ruhe. Vielleicht hat er uns nach dem Weg fragen wollen und es sich im letzten Moment noch anders überlegt, als er unsere Gesichter sah. Vielleicht haben wir ihn erschreckt, womöglich sehen wir bereits genauso hoffnungslos aus wie die ganze Stadt um uns herum, nicht irgendwann, sondern jetzt.

Werden, wer man ist

Für Schüchternheit hat mir immer der Mut gefehlt.

Morgen mit Vogelmangel

Die Vögel schwinden. Wo
ihre Laute ausbleiben, kartieren
Libellen das Schweigen.
In den riesigen Hallen des Morgens
verlieren die Stunden den Halt
untereinander. Zwischen zwei
Seiten im Buch findet sich
ein Hahnenfuß des vorletzten
Jahres. Jahrhunderte dauerte
ein Fraktur-A. Im blauen Dunkel der
Kommode zappelt ein Junikäfer
den trockenen Leib auf die Krone
eingewanderter Tage gespießt.
Zwischen Umblättern und
Umblättern zerfallen die
letzten Klänge auf der Strecke
eines schartigen Alphabets.

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