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Lange Zeit sind die Wörter nach mir schlafengegangen

12. Oktober 2012

Die Stimmen waren also verstummt, oder der Knabe schlief darüber ein, wie sie sich entfernten. Jedenfalls muß er geschlafen haben, denn irgendwann war wieder Morgen und das Haus hell. Der Wind kam vom Meer und brauste in den Föhrenwipfeln. In den Wald konnte man weit hineinlaufen und noch weiter hineinsehen. Nadeln brachen unter den Schritten. Moos leuchtete an Schattenrändern, und süße Heidelbeeren. Es gab Pfade und Wildnisse. Von überall war das Haus sichtbar, oder die See, oder der Himmel. Der Wald hatte Sandkrusten, Grenzen, Ränder. Die Stimmen waren verstummt. Der Wind, der in den Wipfeln brauste, er wußte nichts von ihnen. Zur Nacht hatte er gefehlt.

Im Knaben klangen sie noch nach, aber nur mehr als ein Echo. Das ließ sich nicht nachsingen. Das kam falsch heraus, wenn mans versuchte. Das war wie mit „Ein Männlein steht im Walde“, das seine Schnüß nicht so richtig konnte. Und weil das so traurig war und alles, was sich nachmachen und nachholen ließ, auch gar nichts mehr zu tun haben wollte mit jenen anderen Stimmen, ihren Zauber nicht wiederbringen sondern nur weiter entrücken konnte, daß der Verlust noch schmerzhafter fühlbar wurde, versuchte es der Knabe nicht mehr, hoffte nur, die Eltern, die doch alles wußten, hätten es auch gehört, seien ihrerseits am Fenster gestanden und könnten es ihm jetzt erklären, es ihm nachsingen mit ihrer Schnüß, ihn dort hinführen, wo das hergekommen war, es ihm wiederbringen und in seine Hände geben, in seinen Besitz. Doch die Eltern konnten zwar singen wußten aber von nichts. Und der Knabe verstand da zum erstenmal das Versprechen und den Trug, die Machtlosigkeit und die Macht der Sprache; wie schlau sie war, und wie sie den Dingen der Welt nicht entsprechen wollte. Daß es etwas anderes auf sich hatte mit ihr; daß sie nur sich selbst entsprach und aus sich heraus Welten machen konnte, soviele sich nur denken ließen, Welten, in denen Frauen in strahlenden Gewändern und einem Licht in den Händen nachts singend durch einen Wald tanzten, während ein Knabe sich die Nase am Fensterglas nach ihnen plattdrückte: Das sollte er erst viel später lernen, als die Erinnerung an jene Nacht längst selbst nur mehr aus den Worten zu leben begonnen hatte, die er dafür finden würde.

Frühe ohne Staben

30. Oktober 2014

Ein in der Frühe begonnener Tag. Noch vor den Träumen wach. Unsichtbar fällt der Regen aufs Fensterbrett. Am Glas klirren leise die Nachtscherben. Alle Frühe ist jetzt, und die Buchstaben haben jedes der Wörter vergessen, die ich gestern ihnen auftrug. Was sie nur wissen, ist, daß du heute kommst.

27. Oktober 2014

Bei jedem Gespräch übers Für und Wider des mobilen Telephonierens bekommt man die gleichen Entgegnungen. Man mag es nicht mehr hören! Es geht nicht darum, ob das Mobiltelephon praktisch ist. Es steht ja außer Frage, daß es das ist. Wer die Nützlichkeit des sogenannten Händies als Argument ins Feld führt, preist das Essen als Mittel gegen den Hunger. Eine Kritik indes, die das Gegenteil behauptet, scheitert an den Tatsachen. Nein, es geht darum, wie man eine Haltung begründen kann, die das Mobiltelephon ablehnt, obwohl es praktisch ist. Also um Gründe, die für den Ablehnenden mehr Gewicht haben als alle Nützlichkeit. Das können nur moralische oder ästhetische sein.

27. Oktober 2014

Einem Fünfzehnjährigen auf Betreiben der Mutter aus Anlaß seines ersten Empfangs von Damenbesuch mit ein paar freundschaftlich-mahnenden Worten ein Päckchen Condome zugesteckt. Auch eine Erfahrung. Ich bin nicht sicher, wer von uns beiden in größerer Verlegenheit war. Schon lange denke ich ja, daß das mit dem Erwachsensein eine Illusion ist. Locker sind immer nur die anderen.

23. Oktober 2014

“Zwei Umarmungen am Tag senken den Blutdruck.”, mit diesem Zitat wird in der Literaturbeilage der ZEIT vom Oktober 2014 ein medizinischer Ratgeber beworben.

Nun könnte man sich fragen: Was passiert bei nur einer Umarmung am Tag? Bleibt der Blutdruck gleich? Und steigt er, wenn ein Tag, was ja schon vorgekommen sein soll, ohne Umarmung vergeht? Und kann man’s auch übertreiben? Ab wieviel Umarmungen täglich sollte man vorsorglich kreislaufstabilisierende Tropfen zu sich nehmen? Und: Hat eine längere Umarmung vielleicht denselben Effekt wie zwei kurze? Wie lang müssen die Umarmungen überhaupt sein, um einen Effekt hervorzurufen? Wie sieht überhaupt eine korrekt ausgeführte Umarmung aus? Wir hätten dazu gerne ein Videotutorial! Und schließlich: Wirkt das vielleicht auch homöopathisch? Es wäre doch praktischer, man bräuchte sich die Umarmung nur vorzustellen. Und was ist mit Küssen? Senkt das vielleicht Blutfettwerte und Körpergewicht?

Antworten darauf gibt bestimmt das Buch. Vielleicht liegt sogar eine CD mit Übungen bei. Ich weiß es nicht, ich will es gar nicht wissen. Kann man sich nicht einfach so umarmen? Dafür gibt es doch bestimmt bessere Gründe als den Blutdruck, oder? Und wer auf Umarmungen verzichten muß, obwohl er ab und an ganz gut welche gebrauchen könnte, der hat nun wirklich ein dringlicheres Problem als den Blutdruck. Oder anders herum: Wer jemanden nur deswegen umarmt, weil das den Blutdruck senkt, hat nicht nur ein medizinisches Problem. Und wer es um der Umarmung willen tut, der braucht das Buch nicht zu lesen.

Ich frage mich, was einer Gesellschaft zugestoßen sein muß, daß sie aus allem, was wir tun oder lassen, noch irgendeine wissenschaftlich erwiesene Nützlichkeit herauspressen muß.

Übrigens senkt Küssen wirklich das Körpergewicht. Wenn man es anstelle der Nahrungsaufnahme praktiziert.

Sirene

21. Oktober 2014

Jedes Jahr einmal, immer an einem Mittwoch vormittag, kamen die Bomber.
Sie kreisten über den Dächern der Kleinstadt, drehten wieder ab, kehrten ein paarmal zurück, ohne die tödliche Fracht loszuwerden, bis sie endlich am Horizont verschwanden, und eine letzte Entwarnung verkündete, daß man wieder einmal für ein Jahr davongekommen war.
Falls in der Zwischenzeit nicht der Ernstfall einträte.
Man nannte das „Probealarm“, und es war einer der größeren Schrecken meiner Kinderzeit.
Auf einem der Gebäude meiner Schule, auf der anderen Seite des Hofs, genau gegenüber von meinem Klassenzimmer, erhob sich, groß, gräßlich, weithin sichtbar, eine Sirene. Dieses Ding auf dem Dach schien mir in seiner Eigenschaft, einen fürchterlichen Lärm zu produzieren, an sich schon gefährlich Bereits dieser Lärm war die Gefahr, war Schmerz, Krampf und heillose Konfusion. Schon ihre unheilvolle Silhouette, die an genau jenen anderen Pilz zu erinnern schien, vor dem jede Warnung ja doch vergeben gewesen wäre, verbreitete in meinen Augen Angst und Schrecken, weniger vor der oder als Sinnbild für die erwartete Katastrophe als vor der Angst selbst – der Angst vor der Angst.
Vor dem Erschrecken.
Schon als Säugling war ich, so versichern es die Eltern, geräuschempfindlich bis zur Nahrungsverweigerung. Wenn irgendwo was knisterte, zischte, prasselte, stellte ich das Trinken ein, und war ich auch noch so hungrig. Alle Arten von plötzlich einsetzendem Tuten, Schlagen, Heulen waren (und sind mir bis auf den heutigen Tag) ein Greuel. „Wird es laut?“ war meine erste Frage, wenn meine Eltern mich auf irgendeine Unternehmung mitnehmen wollten. Auf ein Ausflugsschiff übern Vierwaldstättersee rannte ich mit den Händen auf den Ohren über die Gangway, panisch, das Schiffshorn könne lostuten, bevor ich das gedämpfte Innere erreicht hätte. Ich wußte, daß ich mich lächerlich machte, aber die Furcht vor dem Krach war ärger als die Scham. Die Schilderung eines Schulkameraden, der schon einmal eine Flugreise gemacht hatte, so ein Jet sei lauter als die Sirene (dabei zeigte er auf die dräuende Silhouette überm Schulhaus), flößte mir Mitleid mit dem armen Jungen ein. Eine Hafenrundfahrt wurde zum Martyrium, weil ich jederzeit erwartete, die Erfahrung vom Vierwaldstättersee könne sich wiederholen. Und auf dem Sportfest lief ich eine schrecklich schlechte Zeit über die hundert Meter, weil ich vom zuerst erwarteten, dann tatsächlich empfundenen Schrecken des Startschusses (aus einer echten Pistole) weiche Knie hatte. Und in der Eisenbahn hatte ich beim Übergang von einem Waggon in den nächsten nicht etwa Angst, die Verbindung könne mir unter den Füßen wegbrechen; nur der entsetzliche, ungedämpfte Krach von Gleis, Wind, Fahrwerk schreckte mich. Tröten, Knallen, Tuten, Jaulen. Überall lauerte er, der Krach. Im Zirkus, auf dem Feuerwehrfest, bei der Flugschau, beim Karnevalszug.
Und in der Schule. Wo auf dem Nachbardach die Sirene hockte, schlimmer als jede imaginierte oder wirkliche, leicht zu verdrängende Bombengefahr. Eine stets latente Angst war, wir könnten vielleicht umziehen, und in einem Haus mit Sirene auf dem Dach mit dem allezeit drohenden Schrecken überm eigenen Kopf leben müssen. Kaum besser war die Vorstellung, ich könnte vielleicht eines Probealarmmittwochs ausgerechnet in jenem Gebäude Unterricht haben, das die Sirene trug. Und als ich später umgeschult wurde, spähte ich überall umher, ob auf dem Dach der neuen Schule nicht etwa eine Sirene installiert sei. Zu meiner übergroßen Erleichterung waren alle Dächer des Komplexes sirenenfrei.
Noch heute ist mir dieses Grauen, dieser durchaus panische Schrecken gegenwärtig, rieselt es mir eiskalt durch die Glieder, wenn ich irgendwo eine Feuerwehrsirene höre. Egal, wie weit weg ich bin, egal, wie niedrig der Schallpegel tatsächlich ist, die Art des Geräuschs, dieses unerbittliche Warnen, dieses Geheul, das geradewegs aus der Hölle selbst emporzufahren scheint, seelenlos, kalt, mörderisch, flößt mir immer noch Angst ein. Und genau das soll es ja auch.
Meine Eltern versprachen mir, sie würden mir beim nächsten Probealarm, dessen Datum in der Zeitung angekündigt werde, bescheid sagen, dann wüßte ich, was mich erwarte. Die Folge war, daß ich einen halben Vormittag im Angstschweiß badete, während ringsum die Mitschüler sich ihres Lebens freuten. Natürlich erschraken sie dann genau wie ich, wer würde nicht erschrecken, wenn keine fünfzig Meter entfernt eine Sirene losgeht? Aber im Unterschied zu mir machte es ihnen eben nichts aus.
(Eins der Dinge, die ich an Musik schätze, ist, vermute ich, daß sie den Lärm bändigt, indem sie ihn in eine Form zwingt, verwandelt und nutzbar macht. Natürlich ist Musik mehr als nur domestizierter Lärm, aber sie ist es auch, ein bißchen. Vielleicht deswegen mag ich es auch nicht leiden, wenn undomestiziertes Geräusch durch die Hintertür wieder hereingelassen werden. Schlagwerk mag ich, wenn überhaupt, nur in feinster Dosierung, und niemals nur darum, wie etwa in der populären Musik allegegenwärtig exemplifiziert, weil man es halt so macht. Beethovens Gewitter in der sechsten Symphonie mochte ich immer schon, an die entsprechende Klangmalerei bei Strauss, der eine Windmaschine benötigt, mußte ich mich erst, sie lange rigoros ablehnend, gewöhnen.
Ein bißchen klingt sie nämlich wie eine Sirene.)

Noch einmal Rehe

21. Oktober 2014

Ein „Rudel“ Rehe heißt Sprung und besteht im Winter aus bis zu zwanzig Tieren. Charakterisiert wird der Sprung, ein eher loser Verband nicht zwangsläufig miteinander verwandter Tiere, durch die gemeinsame Fluchtrichtung und den räumlichen Abstand der Einzeltiere zueinander, der fünfzig Meter selten überschreitet. Geführt wird ein Sprung von einer Ricke.
     Einem solchen Sprung bin ich heute morgen beim Laufen in der Dunkelheit begegnet. Aufmerksam wurde ich durch ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört hatte, das aber sofort als Tierlaut erkennbar war. Kein Ast würde so im Wind knarren, keine Eichel beim Herunterfallen so rasseln, es klang wie Knörk, knörk.
     Rehe knörken aber nicht. Was Rehe machen, heißt bellen, und sie tun es, um dem Freßfeind klarzumachen, daß man ihn entdeckt habe, eine weitere Fortsetzung der Jagd mithin sinnlos sei.
     Bellende Rehe also, vor Schreck oder Empörung, daß ich trotz der Warnung weiter heranpirschte, wieder verstummt, mindestens ein Dutzend, kleine und größere, deren Augen, als ich die Stirnlampe ins Gebüsch richtete, auf unterschiedlicher Höhe zu mir hersahen, eine ganze Galerie Augenpaare, blink, blink, wie in einem Zeichentrickfilm. Die Körper wurden erst sichtbar, als ich die Leistung der Stirnlampe hochsetzte: fahle, graue Körper, die eigentlich gar keine Körper waren, eher Geister, schattenhaft, Gewölk von Leibern, deren Umrisse miteinander verschmolzen. So wie neulich schon blieben sie stehen, starr, gebannt, während in ihren Köpfen Unbegreifliches ablief, oder vielleicht auch gar nichts, weil sie vermittels des Lichts in einen Zustand völliger Leere eingetreten waren. Ich besah mir das eine Weile, dann machte ich die Lampe aus.
     Wie eine Glocke stürzte die Dunkelheit über mir zusammen. Kaum war der Himmel vom Blattwerk der Kronen zu unterscheiden. Ich stand ganz still und lauschte. Nichts war zu hören außer dem Rascheln meiner Windjacke und meinem eigenen Atmen. Irgendwo da drüben standen die Rehe in der undurchdringlichen Finsternis und regten sich ihrerseits nicht. Wie ich so atmete und raschelte, kam ich mir sehr laut vor. Andererseits trugen die Rehe ja auch keine Windjacke. Außerdem hatten sie ja zuerst gebellt. Ich ging ein paar Schritte, dann, als immer noch keine Fluchtgeräusche zu hören waren, schaltete ich die Lampe wieder ein. Blink, blink, blink, gingen drüben die Lichter an, als hätten die Tiere nur darauf gewartet. Dann aber schien ihnen etwas anderes in den Sinn gekommen zu sein, vielleicht hatten sie’s satt, vielleicht nervte ich sie mit dem Licht. Wer kann es wissen? Vielleicht gefiel ihnen meine Windjacke nicht. Jedenfalls setzten sie sich langsam, durchaus nicht in Flucht, eher gleichgültig in Bewegung, wandten sich, eins nach dem andern, von mir ab, wie Blätter, die der Wind umdreht. Die Körper schoben sich vor die Augen, die Leuchtpünktchen erloschen. Die Vorstellung war beendet, und ich schob mich und die seltsame Glocke aus Tag um mich her weiter durch den stillen Wald.

10. Oktober 2014

(Und wie sich in der Frühe beim Laufen die Bäume plötzlich zum flüchtigen Nachhall einer fernen Ordnung finden, zum Muster eines anderen, fremden Morgens, den kein Muster aus Worten je erreichen kann.)

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