Animalia tristia

14. Februar 2018 § 3 Kommentare

Und da sitzen wir nun in einer Sofanische eines Eiscafés, miteinander geschlafen habend, aufgewärmt, geduscht, durchgefroren von der Promenade und verschrien von Möwen, jetzt abermals aufwärmend, zivilisierten Anscheins, aber inwendig, oh je, total verstrubbelt.
„Ich bleibe einfach hier bis morgen früh“, hast du zu Hause gesagt, als ich von der Toilette kam, und ich habe mich übers Bett gebeugt, dich geküßt und geantwortet, ja, mach das, und wir beide wußten, was wir immer wissen, daß das nicht geht. Und auch, daß solche Sätze dazugehören, lange nachklingen und trösten, wenn man sie nur von der Vorderseite anschaut.
Wir brauchen viele Vorderseiten, um uns zu trösten.
Heute scheinst du mehr davon zu brauchen als sonst, schmal siehst du aus, wie unversehens aufgewacht, wo du gar nicht sein wolltest, ein Vogel, der aus dem Nest fiel. Das beste daraus machen, so ist es immer. Das beste ist, einander unterm Tisch die Hände wärmen und einander Dinge sagen, die nur eine Seite haben, Pläne, die realisierbar, Zufluchten, die erreichbar sind, aufrufen und voreinander ausbreiten. Am Nebentisch sitzen zwei alte Frauen, eine hockt hinter ihren Brillengläsern wie eine Eule, die andere hat Parkinson, ihre braunfleckige Hand hat ein Eigenleben wie ein Kaninchen. Ein Pinscher fängt an zu bellen. Eine Espressomaschine röchelt und spuckt Dampf. Ich schaue dich an, wir sind fehl am Platz. Wir sind nirgends zu Hause, wir kommen nirgendwo an. Wir reden, aber der ganze Raum scheint mitzuhören. Wir fassen uns bei den Händen, es ist heimlich. Wir schauen uns an und sind nicht allein. Vorhin, in meiner Wohnung, habe ich dir einen Pullover angeboten, Extrasocken, du wolltest nicht, du wolltest in mein Bett, mit mir. Aufladen, haben wir das vor ein paar Tagen genannt, es ist manchmal das einzige, das hilft, und in diesem Moment, innerlich zerzaust, eins den Geschmack des andern noch unter der Zunge, vor dem Tisch, unter dem sich die Hände halten, inmitten Geklirrs von Geschirr und Gekläffs zweier Hunde, im Geruch überhitzen Speisefetts, ist jenes Bett, jener Ort zum Aufladen, Aufatmen, Aufwärmen und Aufleuchten so weit weg wie der Mond. Es ist warm in dem Café, Licht strömt in Wintersträußen herein, aber ich sehe, daß du frierst, und kein Pullover kann dieses Gefühl vertreiben. Deine Augen frieren, dein Blick.
Kurze Zeit später schaue ich wieder einmal einem Zug nach. Ich winke in die frostige Luft, in der das Licht keinen Halt findet, denke, daß du mich schon gar nicht mehr sehen kannst, winke weiter, und von all den schönen Sätzen, die wir uns gesagt haben, sind wieder nur die Rückseiten übrig.

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un admirador

6. Februar 2018 § 3 Kommentare

Wagen kann ich es nicht, zu leugnen die lockeren Sitten,
     oder für meinen Fehl heuchelnde Waffen zu ziehn.
Also gestehe ich frei, wenn Geständnisse irgendwie nützen;
     töricht der ganzen Schuld trete die Beichte ich an.
Hassen muß ich und will vergeblich nicht sein, was ich hasse:
     Ach, wie schwer ist die Last, die man zu lassen sich müht!
Denn es fehlen mir Kraft und Gesetze, mich selbst zu beherrschen:
     Wogen reißen mich hin, gleich dem gebeutelten Schiff.
Nicht ist’s nur eine Gestalt, die mich einlädt, mich zu verlieben:
     Tausendundeinen Grund gibt es, der Liebe mir weckt.
Sei es, daß eine so züchtig den Blick hält zu Boden geheftet,
     gleich muß ich brennen für sie, weil so viel Zucht mich bezirzt.
Ist eine wiederum frech, so verlieb ich mich, weil sie nicht blöd ist,
     und weil die Hoffnung besteht, daß sie auch frech ist im Bett.
Ist eine spröde und tut wie ein strenges Weib der Sabiner,
     glaube ich gleich, daß sie will, trägt nur die Nase recht hoch.
Bist du gebildet, entzückt deine Gabe erlesener Künste;
     bist du es nicht, mich entzückt einfach dein schlichtes Gemüt.
Nennt eine doch das Werk Kallimachs verglichen mit meinem
     bäurisch: Hach! Mir gefällt, der ich gefalle, sofort.
Will eine mich als Dichter zusamt meiner Dichtung bekritteln:
     wünscht’ ich, die Kritikerin setzte sich mir auf den Schoß.
Schreitet sie weich: die Bewegung entzückt. Eine andere mag hart sein:
     Weicher wird sie wohl sein, liegt sie erst neben dem Mann.
Dafür, daß eine süß singt und kunstvoll die Stimme läßt klingen,
     will ich der Sängerin Kuß rauben und schenken zurück.
Eine läßt laufen die Finger so artig auf klagenden Saiten –
     oh, welch kundige Hand! Lieben, wer könnte sie nicht?
Eine gefällt mir beim Tanz, wie sie windet die zahlreichen Arme,
     kreiseln in lieblicher Kunst läßt sie den biegsamen Leib –
Abgesehen von mir, der vom kleinsten Liebreiz gerührt wird:
     Hippolyt an meiner Statt würde hier gleich zum Priap!
Du, so groß wie du bist, du gleichst Heroïden, den alten.
     Füllen wirst du wohl ganz, lang wie du bist, mir das Bett.
Kurz ist die andre und darum recht handlich – ich schwärme für beide;
     denn meinen Wünschen entspricht Lang oder Kurz, ganz egal.
Putzt sie sich nicht, überleg ich, wie schön erst geputzt eine wäre.
     Putzt eine sich, ihren Reiz weiß sie zu stellen zur Schau.
Auf die Blondine flieg ich, ich fliege auch auf die Brünette,
     auch unter schwarzem Haar geizt nicht Frau Wollust mit Reiz.
Sei es, daß dunkles Gelöck über schneeweißen Nacken herabfällt,
     war doch auch Leda schön grade mit pechschwarzem Haar;
sei’s, es ist braun – auch Aurora war hübsch durch Locken wie Safran.
     Mythen jeglicher Art fügt meine Liebe sich ein.
Jugend reizt mich sowohl wie mich anzieht das reifere Alter;
     letzters ist besser im Bett, jenes ist besser fürs Aug.
Deshalb, was immer für Mädchen man stadtweit nur liebenswert fände,
     ernstlich in jede davon ist meine Liebe verliebt.

Non ego mendosos ausim defendere mores
     falsaque pro vitiis arma movere meis.
confiteor—siquid prodest delicta fateri;
     in mea nunc demens crimina fassus eo.
odi, nec possum, cupiens, non esse quod odi;
     heu, quam quae studeas ponere ferre grave est!
Nam desunt vires ad me mihi iusque regendum;
     auferor ut rapida concita puppis aqua.
non est certa meos quae forma invitet amores—
     centum sunt causae, cur ego semper amem.
sive aliqua est oculos in humum deiecta modestos,
     uror, et insidiae sunt pudor ille meae;
sive procax aliqua est, capior, quia rustica non est,
     spemque dat in molli mobilis esse toro.
aspera si visa est rigidasque imitata Sabinas,
     velle, sed ex alto dissimulare puto.
sive es docta, places raras dotata per artes;
     sive rudis, placita es simplicitate tua.
est, quae Callimachi prae nostris rustica dicat
     carmina—cui placeo, protinus ipsa placet.
est etiam, quae me vatem et mea carmina culpet—
     culpantis cupiam sustinuisse femur.
molliter incedit—motu capit; altera dura est—
     at poterit tacto mollior esse viro.
haec quia dulce canit flectitque facillima vocem,
     oscula cantanti rapta dedisse velim;
haec querulas habili percurrit pollice chordas—
     tam doctas quis non possit amare manus?
illa placet gestu numerosaque bracchia ducit
     et tenerum molli torquet ab arte latus—
ut taceam de me, qui causa tangor ab omni,
     illic Hippolytum pone, Priapus erit!
tu, quia tam longa es, veteres heroidas aequas
     et potes in toto multa iacere toro.
haec habilis brevitate sua est. corrumpor utraque;
     conveniunt voto longa brevisque meo.
non est culta—subit, quid cultae accedere possit;
     ornata est—dotes exhibet ipsa suas.
candida me capiet, capiet me flava puella,
     est etiam in fusco grata colore Venus.
seu pendent nivea pulli cervice capilli,
     Leda fuit nigra conspicienda coma;
seu flavent, placuit croceis Aurora capillis.
     omnibus historiis se meus aptat amor.
me nova sollicitat, me tangit serior aetas;
     haec melior, specie corporis illa placet.
Denique quas tota quisquam probet urbe puellas,
     noster in has omnis ambitiosus amor.

Ovid, Amores II,4

Mitnotiert: Warten auf Vögel

5. Februar 2018 § 3 Kommentare

Beim Blick zum Fenster, Frühe ohne Zeit, Die Stunde mit Tüchern verhängt, in den Ladenritzen Bullaugen, Dunkel, vom Dunkel gehoben wie Urzeitschiefer in der Hand des Paläontologen. Hieroglyphen des nach außen gewendeten Schlafs, dessen Inneres ich gerade erst gewesen bin. Nachbild eines Traums.

Die Küche ein Ausguck aus Licht. Unter der Spüle schlafen die Kartoffeln in einem Eimer, hängen Erdträumen nach. Die Anrichte, halbgefüllte Töpfe, benutzte Tassen, die im Schlaf erstarrten Fette; Löffel und Messer, verkrustete Spiegelungen, entweihte Utensilien eines vergessenen Tempeldienstes.

Nur die Uhr ist schon wach, weckt schlaflos die Sekunden auf. Ein angeschnittener Kuchen hat sich abgewendet, versteckt seine triefende Blöße. Ein paar Handschuhe hängen am Haken wie auf einem fremden Wappen.

Die Kerzen zu müde für Flammen. Im Fenster breitet sich hinter den Spiegelungen die Nacht aus. Die Spielräume zwischen den Sekunden werden kleiner und kleiner. Bald paßt keine Geschichte mehr hinein.

Man wird sich wieder sortieren, erinnern, am Riemen reißen müssen. Die Straßen spinnen Meilenfäden auf der Suche nach Tag. Mit Flossen an den Handgelenken versucht man, alte Briefe noch einmal neu zu schreiben, wartet, wie das Haus sich aus dem Keller heraufzieht wie Münchhausen am Haarzopf. In den Gründen, denkt man, dämmert es zuerst, von den Wurzeln der Bäume, der Türme.

Ich warte auf Vögel, auf Schnee.

un admirador

31. Januar 2018 § 9 Kommentare

Aestus erat, mediamque dies exegerat horam;
     adposui medio membra levanda toro.
pars adaperta fuit, pars altera clausa fenestrae;
     quale fere silvae lumen habere solent,
qualia sublucent fugiente crepuscula Phoebo,
     aut ubi nox abiit, nec tamen orta dies:
illa verecundis lux est praebenda puellis,
     qua timidus latebras speret habere pudor.
ecce, Corinna venit, tunica velata recincta,
     candida dividua colla tegente coma—
qualiter in thalamos famosa Semiramis isse
     dicitur, et multis Lais amata viris.
Deripui tunicam—nec multum rara nocebat;
     pugnabat tunica sed tamen illa tegi.
quae cum ita pugnaret, tamquam quae vincere nollet,
     victa est non aegre proditione sua.
ut stetit ante oculos posito velamine nostros,
     in toto nusquam corpore menda fuit.
quos umeros, quales vidi tetigique lacertos!
     forma papillarum quam fuit apta premi!
quam castigato planus sub pectore venter!
     quantum et quale latus! quam iuvenale femur!
Singula quid referam? nil non laudabile vidi
     et nudam pressi corpus ad usque meum.
Cetera quis nescit? lassi requievimus ambo.
     proveniant medii sic mihi saepe dies!

          (Ovid, Amores 1,5)

Heiß war’s, es hatte der Tag schon die Mittagsstunde durchlaufen;
     matt übers ganze Bett hatt’ ich die Glieder gestreckt.
Halb war das Fenster geöffnet, die Läden halb nur geschlossen;
     Dämmrung ähnlich dem Licht, wie es in Wäldern oft herrscht,
Zwielicht wie solches im Morgengrauen, wenn Phoebus davoneilt,
     wenn nicht ganz fort ist die Nacht, noch auch der Tag schon ganz da:
grad so ein dämmriges Licht muß schüchternen Mädchen man bieten,
     drinnen die ängstliche Scham hoffen kann auf ein Versteck.
Schau, Corinna ist da, ins Unterkleid lose gehüllt nur,
     während zwei Ströme des Haars bergen den schneeigen Hals —
So hat in ihr Gemach Semiramis, heißt’s, die berühmte,
     und, vieler Männer Schwarm, Einzug gehalten Lais.
Fort mit dem Rock — das Stöffchen verdarb mir ja eh kaum den Anblick;
     trotzdem kämpfte sie noch, sich zu bedecken damit.
Aber da sie so kämpfte, als wär ihr am Sieg nichts gelegen,
     ward sie nicht ungern besiegt durch ihren eignen Verrat.
Wie sie nun stand vor dem Aug mir, nachdem der Schleier gefallen,
     war an dem ganzen Leib nirgends ein Makel zu sehn.
Oh, was sah ich für Schultern, was sah, was berührte ich Arme!
     Oh wie des Busens Form war fürs Massieren gemacht!
Oh wie der Bauch so straff war unter den schüchternen Brüsten!
     Was für und Taille wieviel! Schenkel so jung und in Form!
Was soll ich Einzelnes durchgehn? Ich sah nichts nicht Lobenswertes,
     drückte die Nackte gleich fest an den eigenen Leib.
Wer kennt nicht den Rest? Ermattet ruhten wir beide.
     Ach, es möchten mir oft blühn solche Mittage noch!

24. Januar 2018 § 3 Kommentare

 
Mißtrauisch gegen „Worte“.

Mitnotiert, 22. Januar 2018

23. Januar 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Wach mit Bach. Nein, so wollte ich diesen Tag und diese Notate eigentlich nicht beginnen. Ich bin erstaunt, was für ein fleißiger Wiederverwerter der Großmeister des Barock gewesen ist. Nach ein paar Takten des Stücks, Solo-Orgel, deren ununterbrochene 16tel-Kette von gelegentlichen Trompeten- und Streichereinwürfen unterstützt wird, und die Verfremdung ist so groß, daß ich bis weit über die Hälfte der Spielzeit brauche, um herauszufinden, woher ich das Stück kenne. Da gibt es nämlich eine Sonate für Violine solo (Partita E-Dur, BWV 1006), die ich aber zuerst in einer Bearbeitung für Laute (BWV 1006a), vorgetragen auf einer Gitarre (von Sharon Isbin, 2002), kennengelernt habe; und was die Orgel hier vorträgt, klingt ganz verdächtig nach genau diesem Stück, von dem sich später herausstellt, daß es die einleitende Sinfonia zur Kantate Wir danken dir, Gott, wir danken dir (BWV 29) ist.

In jenem Sommer warb ich mit halbem Herzen um eine Frau, die mir T. C. Boyles Wassermusik zur Lektüre empfahl, und mit dem anderen halben Herzen fuhr ich nach der südlichen Stadt B. und besuchte dort meine Freundin. Ein in seiner seltsamen Teilung ganz und gar heiler Sommer. Es war gut, aussichtslos um jene Frau zu werben, und es war gut, halbherzig meine Freundin zu besuchen. Aus dem einen wurde nichts, das andere löste sich auf; was blieb, war die wunderschöne Musik und die bittersüße Erinnerung, die sie mir in der Version für Laute bis heute vermittelt. Es ist nicht immer schlimm, aussichtslos zu werben. Manchmal tut man es um des Werbens willen. Es ist auch nicht schlimm, wenn Dinge aufhören, die ihre schöne Zeit gehabt haben. Man kann nichts zwingen. Etwas zu wollen ist aber manchmal schon das schönste, was man haben kann. Eine Zuwendung und Richtung, die dem Dasein einen Sinn verleiht, und sei es auch nur ein vorübergehender. Es ist manchmal gut, ja zu sagen, auch wenn man keine Antwort bekommt. Wenn ich die Musik höre, denke ich unwillkürlich an eine hochgewachsene Pappel in einem Schwimmbad, an das meeresartige Rauschen der Blätter und das Steigen und Fallen des silbrigen Windes in der Krone. Fast grolle ich dem Meister, daß er das Stück etwas effekthascherisch in seiner Kantate verwurstet hat, denn so, mit den Trompeten und den Streichern, die wie anfeuernde Rufe dazwischenfunken, hat das Stück einen ganz anderen Charakter, ist die ganze strenge Melancholie verflogen.

Zeiten und Zeitpunkte. Momente und der richtige Moment. Es gibt für alles den rechten Moment, aber nicht nicht den rechten Moment für alles. Diese richtigen Momente können einer den andern ausschließen oder einander bedingen. Eine Kette von Ereignissen und Entscheidungen führt auf meiner Seite der Geschichte in jenen Sommer hinauf; eine andere Kette auf der Seite von O., in die ich damals mit halbem Herzen verliebt war, bis zu jenem Moment, da wir uns einmal im Treppenhaus eines Unigebäudes begegneten und eine Stunde blieben und Kaffee tranken. Ich, auf der Treppe sitzend, Sie, auf der Fensterbank hockend, rauchend, ich sehe ihre Silhouette immer noch vor mir. Sie sagte mir, daß sie nicht gerne reise. Ihr Haar, Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst, leuchtete wuschelig im Gegenlicht um ihren verschatteten Kopf. Ich behauptete, daß ich schon immer gern unterwegs gewesen sei; was nicht stimmte, nur wußte ich es da noch nicht. Sie war verpartnert, ich war verpartnert, beide in Fernbeziehungen, ideal eigentlich, aber in dieser Geschichte war es nicht hilfreich. Und wer weiß. Wahrscheinlich hätte ich nicht den Mut für eine Affäre gehabt, damals noch nicht. O. strahlte eine Matter-of-Fact-Leidenschaft aus. Ich nehme mir, was ich will, aber es gibt klare Grenzen für das, was ich will. Das meiste will ich nämlich nicht. Man konnte nicht von Reserviertheit sprechen, nur von Entschiedenheit, eine Entschiedenheit, die indes nicht mit Begriffen von Moral faßbar war. Ebenso wie sie nicht gern reiste, lehnte sie Tschaikowski vehement ab und jubelte Mozart ebenso vehement zu. Wenn ihr etwas nicht gefiel. gefiel es ihr absolut nicht, wobei sie eine begeisterte Schimpferin war. Einmal hatte jemand für unseren Literaturkreis den Vorschlag gemacht, Saramagos Stadt der Blinden zu lesen. O. fing das Buch an, es genügten ihr ein paar Seiten, um es in Bausch und Bogen zurückzuweisen. So etwas lese sie nicht, das sei ekelhaft. Wenn wir beschlössen, uns dieses Buch vorzunehmen, steige sie aus. — Wir lasen dann was anderes. O. war ganz oder gar nicht, aber nicht, weil das ihre Devise gewesen wäre, sondern weil sie eben so war. Ich dagegen habe damals wie heute Devisen gebraucht, um überhaupt etwas oder jemand zu sein.

Wach bin ich unterdessen auch mit Bach nicht geworden, und jemand zu sein fällt an einem so trüben Tag besonders schwer. Am liebsten wäre man einfach niemand. Man wäre der Nieselregen, unterschiede sich nicht von den Wolken, wäre die traurige Amsel selbst und der Anblick der Amsel zugleich. Man hätte Hände aus Wind und Zehen aus Regenpfützen und eine Stirn aus weichen, kühlen Ackerschollen.

Acht Uhr und noch immer nicht richtig hell. Mit Mühe löse ich den Blick von den stattlichen Pappeln, in deren silbrigem Springbrunnensäulen er sich zuletzt verloren hat, und kehre aus dem Sommer längst vergangener Tage in dieses heutige Winterzimmer zurück, wo man wohl oder übel seinen Tag beginnen muß, und wo im Radio der Moderator gerade das nächste Stück ansagt, etwas Heiteres, Beschwingtes und durch und durch Zuversichtliches, einen Sinfoniesatz von Mozart.

Zwischenjahrszeit

8. Januar 2018 § 2 Kommentare

 
Es wintert. Es wintert neue Winter. Es wintert alte Winter neu, uralte. Ich stelle mir vor, wie sie sich entwickeln, Organismen, die aus Zellteilung hervorgehen, die Jahreszeiten, jede eine nicht ganz perfekte Kopie ihrer Elternjahreszeit. Die Zäune streben nach schmutzigen Horizonten, in den knapp bemessenen Fenstern frierender Häuser drängeln sich die Wolken, ferne Spiegel, gefangen wie in einem tiefen Brunnen. Ein Weg ergibt den anderen, jedes Feld führt zu einem anderen Horizont, und all diese Fernen sind nur den Vögeln vertraut, die sich ihrerseits ihnen anvertrauen, ihrem Sog, ihrem Wind. Windstimmen, Wolkenohren, Regenglocken. Ein Bach verfängt sich im Gestrüpp. Ein Apfelbaum schüttelt Meisen aus seiner Krone. Die Fernen fließen ineinander.

Früher hielt die Zeit still in diesen Tagen. Zwischen Feiern und Feiern, schon entlassen aus dem alten Jahr, noch nicht angekommen im neuen, sie stand still und war still dabei, alles war still und sehr groß, größer und ferner als sonst, groß und in der eigenen Tiefe ruhend. Da schaute man zwischen den Baumkronen in den regenschwangeren Himmel und wurde selbst still. Die Weite hielt Glockengeläut in der Faust, zwischen den mächtigen Fingern rieselte Klang heraus, es war, als atmeten die Wurzeln der Pappeln, leise, langsam, nur in diesen Tagen konnte man es hören. Die Menschen waren fortgegangen, man blieb zurück, als Hüter oder als Verbannter, das war nicht genau zu sagen. Von der flachen Hand der Erinnerungen flogen Vögel auf.

Langsam wird es heller, die Luft leichter atembar, die Weite bietet sich gangbarer an, die Schritte stolpern nicht mehr, fühlen festeren Grund. Schon will ich aufatmen, aber noch traue ich mich nicht. „Freundlich sein zu anderen und zu mir selbst“, das schreibe ich mir, keinen Vorsatz, einen Wunsch, ins Tagebuch.

Dies natalis

26. Dezember 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Leuchtend der bleibende Ort, als gäb es hier sonstwas zu feiern.
      Fichten, ein Hochsitz und Farn. Wiedererkennbares Hier.

Hier, sagst du, hier. Und der Ort ist durch Jahre derselbe geblieben.
      Wünschtest, es bliebe das Jahr gleich auch am selbigen Ort.

Wünschtest, der Häher, der jetzt seinen Schrei durch die Wipfel geworfen,
      hätte gerufen wie je, kehrte die Stunde zurück.

Ferner der bleibende Ort, die fliehenden Stunden verloren.
      Wünschtest, der Ort blieb bei dir, Fichten, ein Hochsitz und Farn.

Wünschtest, auch du wärst geblieben, der einst hier als Wandrer gegangen.
      Fichten, ein Hochsitz und Farn. Wiedererkennbares Ich.

Solstitium

21. Dezember 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Wieder die bunten Jacken, Gesichter, jung wie Laternen.
      Blühend, wie niemals geküßt, schmeckten die Lippen nach Laub.
Immer kein Antlitz in Pfützen, die Fichten im Schatten von Glocken.
      Zitternd ein Rest noch vom Licht letzten, ach, vorletzten Jahrs.

Gedankenbibliothek

19. Dezember 2017 § 5 Kommentare

Ich laufe. Ich laufe in gemessenem Tempo. Ich laufe durch die Schwärze des frühen Wintermorgens. Durch den Wald laufe ich, schaue nach rechts und links, und die Stämme, gelockt von der Stirnlampe, treten aus der Dunkelheit heraus wie neugierige Geister. Zum gemessenen Tempo gehören gemessene Gedanken, Gedanken, die Zeit haben, Gedanken, die Muße haben, Gedanken, die zu Fuß gehen. Die Umgebung ist eine Kulisse, die nichts erfordert. Kein Autoverkehr durchkreuzt meine Spur. Keine Verkehrszeichen erfordern meine Aufmerksamkeit. Der Wald macht mir wohlwollend Platz. Den Weg kenne ich fast im Schlaf. Bestünde nicht die Gefahr des Stolperns, könnte ich den Weg ohne Licht laufen. Aber auch wenn die Füße sicher ihren Weg finden, in den Gedanken kann man sich verheddern und verrennen.

Es liegt eine große Kunst darin, das Richtige zu denken. Das beste wäre, man zieht einen Gedanken zum Denken wie zum Lesen ein Buch aus dem Regal. Falsche Gedanken können langweilig, ermüdend oder nervtötend sein; sie können aber auch verstören, Mut rauben oder schlechte Laune verbreiten. Ein guter Gedanke dagegen unterhält wie ein gutes Buch. Und wie ein gutes Buch zu weiteren Büchern führt, öffnet der gute Gedanken Räume zu weiteren guten Gedanken.

Leider stehen Gedanken aber nicht wohlgeordnet (oder wenigstens gut voneinander geschieden und ansprechbar) im Regal. Tatsächlich frage ich mich, wenn sie schon nicht geordnet sind, wie sie angeordnet sind. Bücher drängeln sich auch nicht vor; aber Gedanken haben die nervtötende Angewohnheit, sich ungebeten in die erste Reihe zu stellen. Weit davon entfernt, gute Gedanken zu sein, gehören zu den vorlauten Gedanken oft im Gegenteil die allerschlimmsten.

Ein dummes Buch läßt sich jederzeit zuklappen, ein dummer Gedanke aber, einmal aufgetaucht, ist kaum wieder wegzuschieben. Wenn es schon sehr schwierig ist, an etwas anderes zu denken, so ist es nahezu unmöglich, überhaupt nicht zu denken. Keinen Gedanken zu haben kann man sich eigentlich nicht vorstellen, denn schon die Vorstellung wäre ein Gedanke.

Selten gelingt eine so tiefe Konzentration beim Laufen, daß ich mich nicht mehr erinnern kann, an einem zurückliegenden Wegabschnitt vorbeigekommen zu sein. Welche Gedanken eignen sich besonders zur Versenkung? Verseschmieden: Während ich an einer Gedichtzeile herumfeile, bis Reim und Rhythmus stimmen, bin ich sowohl in mir drin als außerhalb von mir selbst. Ich bewege mich mit den Gedanken in einem Raum der Sprache, während meine Füße von selbst, und ohne daß ich den Befehl zum Abbiegen geben muß, meine Runde ablaufen. Solches inneres Arbeiten gehört zu den guten Gedanken, versetzt aber in eine gewisse Unruhe, weil man, was man nach längerem Probieren endlich gefunden hat, auch noch heil nach Hause bringen muß, während sich der nächste Vers auch schon halb formt und im Gedächtnis behalten werden will. So etwas kann in Arbeit ausarten, auch wenn man natürlich glücklich ist, wenn einem überhaupt was einfällt.

Schon besser für das innere Abtauchen geeignet ist die Mathematik. Manchmal vergegenwärtige ich mir einfache mathematische Zusammenhänge, versuche mich an das Heron-Verfahren zum Wurzelziehen zu erinnern oder memoriere den Beweis, daß es unendlich viele Primzahlen gibt. Sehr einfache Dinge, aber sie halten mich ein paar Kilometer davon ab, Unbequemes oder gar Schlechtes zu denken.

Schlechte Gedanken kommen von alleine. Ungerufen, sind sie schon lange da, bevor man sie überhaupt bemerkt. Haben sich eingeschlichen, ohne zu klingeln oder die Füße an der Matte abzustreifen. Die Hintertür stand auf, die Terrassentür, die Kellertür, und ehe ich es recht merke, sitzen sie mit einem Glas Wermut im Wohnzimmer, grinsen frech und verwickeln mich in die hitzigsten Diskussionen. Gegner, Feinde, denen ich selbst Stimmen verleihe, um sie dann niederzubrüllen. Ich bin Wort und Widerwort in einem, bin mir mein eigener Feind, fuchtele in der stillen Morgenluft herum, komme außer Atem, verziehe das Gesicht, es ist anstrengend, ärgerlich und so nervenaufreibend, daß ich manchmal richtig schlecht gelaunt vom Laufen nach Hause komme. Es heißt immer, Sport baue Streßhormone ab. Ich kann das nicht bestätigen. Ein zwei Stunden nichts zu tun zu haben bedeutet, den Kopf freizuhaben für die widerlichsten Arenen.

Da hilft dann manchmal wirklich nur noch ein Gedicht.

Ich verstehe, daß manche Menschen sich permanent ablenken müssen. Radio, Fernseh, Internet, nur um sich nicht mit den eigenen Gedanken abgeben zu müssen. Nicht, um die äußere Stille zu verscheuchen drücken sie aufs Knöpfchen, sondern um den Lärm im Innern zu übertönen. Solche Leute gehen auch in Gruppen laufen. Um zu quatschen. Dann quatschen sie nicht beim Laufen, dann laufen sie beim Quatschen, daß man es im ganzen Wald hören kann. Quatschen bei knappem Atem, das gibt ein ganz charakteristisches Geräusch, so ein bellendes Herausstoßen von möglichst vielen Silben zwischen den schnellen Atemzügen. Natürlich geht es dabei um mehr als ums Quatschen, es geht darum zu zeigen, wie überaus gut in Form man ist: Da ist, japs, noch, japs, Atem übr, japs, ig, um zu reden. Gott, was sind diese Leute cool.

Ich mache so etwas nicht, für mich besteht der Sinn des Laufens unter anderem darin, daß ich alleine bin. Meine Gedanken, wenn ich Pech habe, stören mich schon genug, da kann ich mich nicht auch noch mit Mitläufern befassen.

Am besten ist es – aber es gelingt nur sehr selten – wenn ich mir beim Laufen Geschichten erzähle. Für Geschichten braucht man ein gutes Auge und ein scharfes Gehör. Oft sieht man sie nur von hinten, ihren Schluß. Oder sie zeigen die Schnurrhaare ihres Anfangs, und dann, raschelraschel, sind sie wieder weg, und man steht da mit dem Anfang von Geschichten und weiß nicht weiter. Geschichten sind empfindlich, sind bei ihrem Entstehen zarte Gebilde, zarter als die Geister von Verstorbenen, schwerer faßbar als Geister von zukünftigen Menschen, man könnte sagen, sie sind scheu, flüchtiger als die Rehe, die manchmal im Morgengrauen unter den Schemen von Weiden und Weißdorn vor mir reißaus nehmen.

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