Scholae, non vitae

Einmal quer über den Campus, und schon völlig fertig. Autos, Straßenbahnen, flitzende Fahrradfahrer, rechts das mehrspurige Brausen der Universitätsstraße, und, im Gegenlicht, flackernde Schemen, in Trauben und Scharen sich vorwärtsschiebend, im Entgegenkommen ausweichend, an Bushaltestellen sich sammelnd, vor allem aber: Hastend, eilend, drückend.
Wo wollen die nur alle hin?
War das vor zwanzig Jahren auch so? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich kann mich auch nicht an vollgestopfte Züge erinnern. Erst recht nicht an Horden von Studenten, die zwischen den Straßenbahnhaltestellen und den Hörsaalgebäuden in langen Reihen unterwegs sind. Und wenn das zu meiner eigenen Studienzeit nicht so war: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und wie mag es wohl im Innern der Hörsäle aussehen, in die all diese Horden hineindrängen?
Die Schlange vor dem Bäckerkiosk macht mir endlich klar, warum ich mich so unbehaglich fühle, ja, warum ich Ärger verspüre angesichts dieses Massenandrangs: Ich empfinde diese Hochschule immer noch, nach all den Jahren, als meine.
Und diese Horden, die da über sie hereinbrechen, sie erobern diesen meinen persönlichen Besitz, schlimmer noch, sie eignen sich ihn an, schlimmer noch, sie mißbrauchen ihn wie Barbaren, die die Paläste Roms mit Büchern beheizen.
Was wissen die denn schon, was das Studieren einmal war?

De Senectute (1)

Noch einmal laufen. Noch einmal. Und schon seit Jahren manchmal der Gedanke: Irgendeine Runde wird deine letzte sein. Das wirst du nur dann nicht wissen, während du sie läufst. Sie wird sich erst im Nachhinein als diese letzte Runde zu erkennen geben. So ist es ja immer. Das letzte Gespräch mit A. Der letzte Besuch bei K. Der letzte Kuß mit C., an den ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Wir tun, solange wir jung sind, so, als sei alles unendlich, als sei für alles auch später noch Zeit.

Letztes Jahr bin ich meine Bestzeit gelaufen; es ist unwahrscheinlich, daß ich das noch einmal unterbieten kann. So werden dann also die 3:41 meine Lebensbestzeit auf der Marathonstrecke sein. Besser wird es nicht geworden sein, mehr werde ich dann nicht geschafft haben. Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, ob es dabei bleibt oder ich doch noch einmal zwei Minuten schneller bin: Irgendein Erfolg, irgendein Triumph wird der größte sein, definitiv und für immer. Das Leben ist nicht unendlich steigerbar. Nein, auch später nicht.

Damals auf der Lesung mit der bereits über achtzigjährigen Astrid Lindgren in der Stadtbibliothek Heidelberg, die Frage eines Kindes, Werden Sie noch ein Buch schreiben? (Ich weiß nicht mehr, was sie geantwortet hat; aber wir wissen heute: Nein. Ronja Räubertochter war ihr letztes Buch.)

Warum ist uns Wachstum so wichtig? Weil es uns über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Wenn wir uns mit weniger zufriedengeben, ist der Gipfel erreicht. Danach geht es nur noch abwärts. Wir wissen, wie furchtbar es für Thomas Mann war, daß er im Alter nichts mehr schrieb. Und man täusche sich hier nicht: Jeder Trost, der einem hier einfallen mag, basiert doch wieder auf einer neuen Art Wachstum, auf einer Verlagerung des Wachstumsgedankens auf einen anderen, noch nicht von Verfall angefressenen Bereich: Innere Größe. Erfahrung. Spiritualität, künstlerischer Ausdruck, man nehme, was man will. Allem liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, das Gute des Wachsens. Gewachsen muß werden. Wer nicht wächst, schrumpft. Wer schrumpft, stirbt.

«Michael kann sich die Schuhe selbst binden!» Derselbe Satz, nicht über den dreijährigen Michael, sondern über den dreiundneunzigjährigen Michael geäußert, löst kein Gefühl des Stolzes, sondern des Mitleids aus. Warum? Weil das Schuhebinden beim Dreijährigen der Anfang in einer langen Reihe weiterer Bemeisterungen ist. Der nächste Erfolg wird eine noch größere Bemeisterung sein. Im stolzen Lob, das man dem Dreijährigen zollt, liegt die Aussicht auf Größeres. Bald wird er schreiben und lesen können, bald das kleine Einmaleins beherrschen, undsoweiter. Beim Greis dagegen ist das Schuhebinden eine Station in einer Entwicklung des Schwindens. Etwas noch zu können ist kein Grund zur Freude, wenn der Verlust dieser Fähigkeit unausweichlich ist. Da kommt nichts mehr, da wird nichts mehr draus: Insofern ist jede Bescheinigung einer Fähigkeit für den Greis bitter. Für die Tatsache, daß da nichts mehr kommt, ist es egal, ob es sich ums Schuhebinden, ums Stuhlverhalten oder um den Marathonlauf handelt.
Das schlimme ist: Es ist nicht nur für den Greis bitter. Denn der Verlust von Fähigkeiten, der Verlust aller Fähigkeiten, bis hinunter zu Nierenfunktion und Herztätigkeit am Ende, ist unausweichlich. Auch schon für den Dreijährigen. Wir täuschen uns da nur, solange Fähigkeiten noch erworben und nicht verloren werden.

Und es gehört eben auch zu den Bitterkeiten des Alters, daß man Mißerfolge nicht mehr unter Verweis auf eine nebulöse Zukunft, in der letztlich alle Rückschläge einmal überwindbar sind und, wenn man es nur richtig will, auch überwunden werden, beiseite schieben kann. Zum einen als der Mißerfolg selbst, zum andern als Makel, den man nicht mehr tilgen kann, beginnt ab einem gewissen Alter jeder Mißerfolg doppelt zu wiegen.
Aber auch jeder Erfolg: Denn jeder eben errungene könnte ja bereits der größte gewesen sein. Und das wird immer wahrscheinlicher, je älter man wird. Furchtbar aber ist nicht der Gedanke ans Ende, sondern die langsam einsickernde Erkenntnis, daß das eigene Wachsen eine Grenze hat. Das man nicht alles, was man nur will, wird erreichen können. Wird erreicht haben.

Noch einmal laufen. Und noch einmal. Nicht im freudigen Bewußtsein, was man schon alles kann. Sondern mit dem bitteren Gedanken daran, was man noch alles kann. Und daß man sich dafür schon jetzt loben lassen muß.

(Nachtrag: Da hat doch tatsächlich einer auf „Gefällt mir“ geklickt!)

(Ich würde mich so gerne nackt hinter dich Nackte stellen, körperlang an Körperlänge, mich an deinem Hals festsaugen und meine Hände dir auf die Brüste legen, ganz leise, wie man ein Vogeljunges beruhigt. Ich hätt so gern, daß du den Kopf in den Nacken legst, erst ein-, dann lange ausatmest dabei, dein Mund ganz dicht an meinem Ohr, voll Vorsicht, als könnte er es zerdrücken.)

In der Falle

Vielleicht ist gar nicht Unwille, Bequemlichkeit, Gier oder das Gefühl, im Recht zu sein, Grund dafür, warum es reichen Menschen so schwer fällt, abzugeben. Ich vermute etwas anderes: Verpflichtung; Bindung; und der unausrottbare Hang des Menschen, Überschüsse bis zum letzten auszuschöpfen.

Wenn ich 10.000 im Monat verdiene, richte ich mein Leben danach ein: Haus kaufen, Auto anschaffen, tägliche Pendelstrecken, BahnCard 100, teure Reisen etc. – da bleibt am Ende des Monats nicht viel mehr übrig als beim armen Schlucker. Das Problem ist aber, das Haus kauft man nicht mit Geld, das man hat, sondern das man hofft, später zu haben – mit Erwartungen an die Zukunft. Die Schulden aber, die hat man sofort. Und die müssen getilgt werden. Ich kann nicht sagen, na, verzichte ich halt, dann dauert’s halt länger; oder, ach, keine Lust mehr, zu teuer, dann gehört eben der Bank das Haus. Die Bank will das Haus nicht. Die Bank will mein Geld. Die Bank wird mich pfänden lassen, wenn ich nicht brav in der Tretmühle weitertrete, in die ich freiwillig gestiegen bin, als ich – in Erwartung von monatlich 10.000 – den Kaufvertrag unterzeichnet habe. Wehe, die 10.000 bleiben auf einmal aus, weil ich arbeitslos oder berufsunfähig werde. Und selbst, ein Haus (oder ein Boot; ein Auto) wieder zu verkaufen, kostet noch teures Geld. Von dem, was da an Steuern fällig wird, könnte unsereiner drei Monate leben, und zwar bequem. So wird aus dem Gewinn von 120.000 per annum, einem Reichtum, den ich haben darf, die Not von 120.000, dann nämlich, wenn ich sie aufgrund von Verpflichtungen, etwa in Form einer Hypothek, haben muß.

Dazu kommen Verpflichtungen anderen gegenüber. Für mich alleine kann ich entscheiden, ok, die Gesangsstunden, die Golfpartie, die Jagdpacht waren wohl etwas teuer, streiche ich das eben. Ginge es nur darum, auf Gesang, Golf und Jagd zu verzichten, wär’s ein Kinderspiel. Aber ein solcher Verzicht schlägt weitere Kreise. Denn vielleicht treffe ich beim Golf wichtige Geschäftspartner, die mich fallen lassen, wenn ruchbar wird, daß ich in so großer finanzieller Not bin, daß ich mir nicht einmal Golf mehr leisten kann; und vielleicht habe ich drei Kinder, die Reit-, Musik-, Chinesisch- und Ballettunterricht nehmen – und das für selbstverständlich halten. Und vielleicht verläßt mich mein Partner, wenn sich abzeichnet, daß ich für das Haus nicht mehr aufkommen kann … Das heißt, es geht, vermute ich, um weit mehr als nur ums Haben von Annehmlichkeiten; es geht ums Sein: um ein ganzes Leben, und nicht einmal nur um das eigene, sondern um das der Menschen, für die ich verantwortlich bin, und die Erwartungen an mich haben, die ich zuerst bei ihnen geweckt habe. So betrachtet ist Reichtum kein Privileg, sondern eine höchst mißliche Lage, eine Falle.

Über die Sucht, alle Lücken auszufüllen, nichts ungenutzt zu lassen, Überschüsse immer bis zur Neige abzuschöpfen, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. In kleinem Maßstab gleicht jemand, der eine Hypothek auf eine Immobilie aufnimmt, dem Steinzeitmenschen, der beschließt, seßhaft zu werden und Ackerbau zu betreiben. Weder der Reiche noch der Ackerbauer können zurück zu ihrer früheren Lebensweise, weil sie von den Reichtümern (10.000 Thaler hier, Getreidevorräte und Nahrungsmittelüberschuß dort) abhängig geworden sind. Der reiche muß reich sein, weil er reich ist.

Einseitige Ernährung, Zivilisationskrankheiten, kaputte Rücken, Knochenarbeit: Selbst wenn die ersten Ackerbauern vor 9.000 Jahren gemerkt hätten, um wieviel schlimmer sie dran waren als tausend Jahre zuvor ihre Jäger-und-Sammler-Vorfahren, hätten sie aus zwei Gründen nicht zurückgekonnt: Erstens besaßen sie nicht mehr das Wissen, die Erfahrung und die Fertigkeiten, die für die frühere Lebensweise gebraucht wurden; und zweitens hätte das Land, auf dem sie lebten, sie nicht mehr ernährt, denn aufgrund des größeren (wenn auch nicht besseren) Nahrungsangebots war die Bevölkerung gewachsen – jede Nahrungskalorie, die die neue Lebensweise zusätzlich hervorbrachte, wurde sofort von der größeren Fortpflanzungsrate geschluckt. Statt sich auf den Extrakalorien auszuruhen, setzte man in fester Erwartung auch zukünftigen Reichtums mehr Kinder in die Welt. Und das war der Anfang. Zehntausende von Jahren hatte Homo sapiens im Gleichgewicht mit seiner Umwelt gelebt, in einer Lebensweise, die mehr oder weniger gleichförmig, über tausende von Generationen unverändert geblieben war. Seit der Seßhaftwerdung aber; seit dem Augenblick, da eine erhöhte Produktivität mehr Menschen satt machen konnte, so daß innerhalb kürzester Zeit die Produktivität auch mehr Menschen satt machen mußte: Seit dieser Zeit lebt der Mensch in einer Tretmühle, die ihm umso mehr abverlangt, je schneller er darin tritt.

Ein Geschäftsbrief 1970 brauchte eine halbe Stunde; heute benötigt er, wenn der Angestellte seine Vorlagen auf Vordermann hat, zehn Minuten. Aber statt jetzt zwanzig Minuten Freizeit gewonnen zu haben, setzt er zwar kein Kind in die Welt, schreibt aber immerhin heute drei Briefe in derselben Zeit. Und jubelt auch noch über den Fortschritt, die gesteigerte Produktivität. Jede gewonnene Zeitersparnis wird auf diese Weise vom Produktivitätsanspruch aufgefressen. Auch so ein Angestellter (oder seine Vorgesetzten) kann nicht zurück, denn die drei Briefe pro Stunde werden hopplahopp zum neuen Standard. Und dann kommen die Prediger des Wachstums und versprechen uns den Himmel auf Erden, wenn wir nur immer fleißig arbeiten. Dereinst, heißt es dann, werden wir in Ruhe, Frieden und Sorglosigkeit leben.

Dabei könnten wir das längst schon haben.

Und hätten dabei noch was abzugeben.

112 Meilen (9)

Wie sich Bilder wiederholen, zu Landmarken werden, zu Zeichen, zu Verweisen. Eine Feder, die mit dem Kiel im Grund steckt; am nächsten Tag noch eine. Und noch eine. Es ist schier unmöglich, nicht an eine Spur zu denken. Wir folgen ihr zufällig oder vielleicht auch nicht. Am nächsten Tag keine Feder, und schon taumeln wir unter den Fichten einher, als hätten wir die Richtung verloren. Eine von den vielen, mindestens.

Schon einmal gesehen: Fichtenorgeln, Emporen grauer Stämme, wie Pfeifen aus Zinn. Die Schraffur eines aufgerissenen Forstes, wie der Schnitt durch eine Zellstruktur, Blick in die sonst verborgenen senkrechten Mechanismen des Waldes, undeutbar, stumm, fremd. Die Lücken zwischen den Pfeilern von Dunkelheit versiegelt. Vor Jahr und Tag, hundert Meilen von hier: ein Loch im Wald, hoch oben auf einem Hügelkamm, daß man durch den Berg hindurchsehen kann auf eine ganz andere Art zweiten Himmels. Es ist derselbe Tunnel wie damals, und er führt an denselben unerreichbaren Ort, kein Zweifel.

Der lange Rostnagel im Holzpfosten: Als hielte nur er noch das Holz in der Luft.

Später der gleiche Nagel, nur gelb lackiert, in einem in die Wegböschung eingeschachteten Aufschluß. Da steckt er, ragt gelb und lang und fremd aus dem Erdreich, voller Absichten, wie ein Meßfühler. Weiter unten hängt eine blaßrote Schleife aus der Wand. Der aufschluß selbst schwach stratifiziert, hellere Lehmbänder weiter unten, oben dunkelrote Verwitterungsprodukte von Sandstein. Pilze wachsen daraus hervor, als habe der Nagel sie angestiftet.

Nagel, Feder, Fichte. Steine, die in ihrer Formung aufeinander Antwort geben. Eine Lichtung, die aussieht, als fehlte etwas; als sei hier in letzter Minute etwas entfernt worden. Spuren einer Greueltat ohne Täter. Oder etwas, das zu köstlich war, als daß wir es hätten sehen dürfen.

Eine Schwinge, die sich aus dem Augenwinkel entfernt, und dann, in der Drehung, hängt nur der Himmel machtvoll vor Leere, überm Waldsaum. Wolkenbilder, die aus Pfützen quellen. Vernähte Schatten. Wesen. Weiser. Stummes Wollen.

112 Meilen (8)

Ist der Grund erst einmal gänzlich fremd, hört das Heimweh auf. Wir gehen durch Landstriche, die mir nicht mehr vertraut sind. Zwar bin ich hier schon einmal gewesen, aber auch da nur als Fremder, als einer, der nicht blieb.
Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, wie groß meine erweiterte Heimat ist. Aber ist sie das wirklich? Es ist nicht alles Heimat, was dieser Radius umfaßt; es gibt Inseln darin, die mir so vertraut sind wie der eigene Garten; das meiste aber ist mir völlig fremd. Oder kenne ich wirklich die Straßen von, sagen wir, Morenhofen? Von Meckenheim? Oder das Waldstück zwischen Adendorf, Merl und der Aachener Straße? Setzte man mich dort aus, ich könnte nicht sagen, wo ich bin. Und doch liegt es umgeben von Wegen, die ich seit Jahrzehnten abschreite wie ein Territorium. Tatsächlich aber weiß ich nicht viel mehr davon als eben das: die Wege. Was dazwischen liegt, Buchenbestände, Gestrüppe, Gräben, Hügel, Tümpel, Lichtungen, ist mir völlig unbekannte Erde, Quadratmeile um Quadratmeile fremdes Land, von dem ich immer nur die Grenzen berühre.
Es gibt stationäre Heimaten wie den Straßenzug, das Viertel, in dem man lebt; es gibt Transitheimaten: den Lieblingsweg nach Hause oder die Lieblingsrunde im Wald. Was heimatlich ist, folgt dabei dem Weg und was man von ihm aus sehen kann. Aber schon ein Nebenpfad führte ins Fremde, Unbekannte, ja, Gefährliche, wo die Rabenschreie nach mehr Tier klingen, die Schatten tiefer gründen, menschliche Stimmen in der Ferne ausgeblendet sind.
Manchmal ist Heimat ein Blick aus dem Zugfenster, mehr nicht. Man kennt nicht, was man sieht; man kennt nur den Anblick, und man kennt ihn so gut, daß eine frisch gestrichene Hauswand, daß ein gefällter Baum sofort auffiele. Es gibt auf Strecken, auf denen ich oft unterwegs bin, stets ein, zwei Abschnitte, wo ich das Buch sinkenlasse, um hinauszuschauen und mich ganz dem Anblick zu überlassen. Wie das Licht durch Baumstämme flattert; die Herbst oder Frühlingsfarben in einer Gartensiedlung; wegtauchende Wege in einem Forst, oder der träge Schwung einer Straße in einem regennassen Feld, ich denke, hier müßtest du mal aussteigen und umherlaufen, das müßtest du dir mal aus der Nähe. Aber ich tue es nie. Es ist nicht diese Art Heimat, die mich diesen Orten verbindet, ich fahre nur gerne hindurch und bleibe lieber hinter der Scheibe, es ist eine Fernbeziehung, deren Ferne ich nicht aufgeben will, und zu der immer auch die Nähe einer Buchwelt gehört, die sie zum Angeschautwerden unterbricht.

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Nicht mehr in der Heimat zu sein, bedeutet auch, den Alltag endlich abzustreifen. Endlich wird es wieder unbegreiflich, all das Normale. Straßenbahnen, Büros, Computertastaturen, Zahlen, Zahlen, Zahlen. Fast ist es seltsam, einen Supermarkt zu betreten, es hat etwas von Exposition, als stünde man plötzlich auf einer Bühne. Und doch ist alles wie immer, als wir am Montagmorgen in Gerolstein einkaufen. Man denkt, nachdem man vier Tagesmärsche hinter sich hat, dies müßte ein verlorener Außenposten sein, ein bißchen heruntergekommen, die Waren übers Verfallsdatum, viele Konserven und Bedarf für Jäger und Fallensteller. Aber so ist es natürlich nicht. Es gibt Nutella und Zentis wie überall, und das Brot beim Bäcker heißt Fitneßkruste oder Proteinbaguette so wie andernorts auch, und man sieht den Verkäuferinnen an, daß alles ganz normal ist.
Und das ist das Seltsame. Daß auch hier Alltag ist, vier Tagesmärsche von zu Hause entfernt, inmitten von Wäldern und so weiten Feldern, daß ihr Ende sich am Fuß ferner blauer Berge auflöst. Daß man glauben möchte, die ganze Welt sei eine kleinräumige, von Wäldern durchbrochene, von hecken geordnete Kulturlandschaft. Wohin gehen die Leute hier abends nach Hause, denkt man sich. Und wie mag das sein, Feierabend nach Ladenschluß, Kasse machen, Ladengitter abschließen oder Schreibtisch aufräumen, und dann nach einer Fahrt an feuchten Wiesenrändern und im Schatten von Fichtenkämmen über einsame Landsträßchen nach Hause fahren? Wie ist das, in dieser halbwilden Welt zu Hause zu sein – dort, wo wir unsere Schritte wie durch eine weltgewordene Ausnahme lenken? Sieht man, wenn man hier wohnt, Alltag hat, sich über ausfallende Busse ärgert, immer zu spät zur KiTa kommt, über den Feierabendstau stöhnt, sieht man dann noch, was uns hier in Entzücken versetzt? Die dämmrigen Wälder, die wie schlanke Schiffe an Wiesen vertäut ruhen? Die staubigen Felder, aus denen die Lerchen aufsteigen? Die Schattensegel von Wolken, die über ein leuchtendes Stoppelfeld treiben? Eine neongrünstrahlende Wiese, auf der Rinder wie blinde Flecke schwimmen? Riecht man noch den Duft frisch gemähter Wiesen, den knisternden Geruch der Herbstwälder, das Bittere von nassem Stein, von Moos, die Süße von warmem Brombeerkraut? Kann man das vielleicht eines Tages nicht mehr ausstehen in seiner Beharrlichkeit und seinem Schweigen, seiner Zudringlichkeit und Unabweisbarkeit?
Ich kann es mir nicht vorstellen, wie sehr ich auch darüber grüble. Würde man sich eines Tages nach dem lärmenden Puls einer Metropole sehnen? Können Autoabgase, Motorengeheul, Fußgängerampeln, Wochenendfeierkotzflecken an Bushaltestellen, können blinkende Lichterwerbung, Gleisanlagen, Backstein und Beton nautische Punkte einer Navigation der Sehnsucht sein? Kristallisationskeime für den Geschmack des anderen, Wilden, Auch-Möglichen?

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Strukturschwache Gegenden. Wenig Verkehr, wenig Straßen, keine Industrie, keine Arbeitsplätze. Eine Magerwiese voller Schönheit. Es sind nicht die fruchtbaren, nicht die gewinnbringenden, nicht die erfolgreichen Landschaften, es sind nicht die Gegenden mit, um ein gräßliches Wort zu gebrauchen, Entwicklungspotential, die Auge und Herz erfreuen. Ja, es sind vielleicht gerade die kargen Gegenden, in denen der Mensch zu Hause sein mag, in denen seine Seele, seine Blicke, sein Atmen in Weite und Schönheit ruhen mag.
Oder vielleicht nicht. Ich habe einmal eine Diskussion verfolgt, in der es um den Fluch der Motoradfahrerwalze ging, die Frühjahr um Frühjahr manche Ecke der Eifel in einen dröhnenden, jaulenden, brüllenden Motodrom verwandelt. Einer der Diskussionsteilnehmer bekannte sich als Tankstellenbesitzer und verkündete, er brauche die Motorradfahrer, da er ohne sie nicht leben könne, und strukturschwache Gegenden benötigten eben Tourismus, da dieser die einzige Einkommensquelle darstelle. An diesem Punkt schaltete ich mich in die Diskussion ein und gab zu bedenken, der Reiz einer Gegend wie der Eifel sei eben ihre Strukturschwäche, und die Gäste kämen eben der Einsamkeit und der Stille fehlender Infrastruktur wegen, nicht, um sich Motorengewinsel anzuhören. Ich fügte den Wunsch hinzu, die Eifel möge noch lange strukturschwach bleiben. Volltreffer! Der Tankstellenbesitzer kochte vor Wut.
Welche Widerwärtigkeiten des Landlebens aber bleiben uns, die wir hier durchwandern dürfen, mit unseren kurzsichtigen fremden Augen unsichtbar? Wir haben den Luxus, denke ich, während wir Gerolstein verlassen, dem von der Abendsonne angehobenen Gerippe eines Doldenblütlers am Rand einer Schnellstraße ebensoviel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem Windpark, der heruntergekommenen Bushaltestelle, der Bauruine. Wir sind Schwelger des Schauens, weil wir hier Fremde sind, Kinder, die eine Welt zu entdecken haben, deren Gegenstände wir nicht bewerten müssen, weil wir sie nicht brauchen.

112 Meilen (7)

Den asphaltierten, in Behaglichkeit ansteigenden Weg zu einer Grillhütte hinaufsteigen, eine fein gesponnene, sanft ausgeleuchtete Ferne im Rücken, in der Baumgruppen, Häuser, Straßenläufe schwimmen wie Bojen, angehoben von einem leise alles unterlaufenden Licht. Auf dem Weg, dessen Struktur körnig ist und hart, ins Nahe geworfen und wie darin auskristallisiert, liegt jedes Herbstblatt um einen Farbrest gekrümmt. Das Licht gleitet wie Schleppen übern Weg, leise auf dem Bitumen hakelnd. Der Rain mit den Obstbäumen, den Grasbüscheln, ist gepflegt, als ginge man durch ein Wohnzimmer der Natur. Man glaubt, ein Dröhnen zu vernehmen, sanft, meerartig, und so fern, als sei irgendwo ein Fenster zu einem noch viel größeren Draußen geöffnet.

Man spürt es am Schwung der Straße, hier fahren oft fröhliche Menschen, zum Feiern, zur Geselligkeit, zum Trinken. Sie fahren vor einer solchen Kulisse aus Strecken und Feldern und Tiefen und Abendlicht, wie wir sie in diesem Moment anstaunen, während wir dem Weg bedächtig folgen, unsere langen Abendschatten vor uns her hinanschiebend. Was denken diese Menschen, was fühlen sie, wenn sie hier durch ihre Heimat, durch tagtäglich Vertrautes fahren? Fühlen sie überhaupt etwas? Oder sind sie in etwa so mit ihren Gedanken woanders, wie wenn ich an einem Samstagvormittag die Zülpicher Straße entlanghaste, um den Zug noch zu kriegen?

Sind sie vielleicht – so wie ich in jenem Moment vielleicht an ein Eifeldorf mit wunderschöner Aussicht denke – in ihren Gedanken eben hier, in der dröhnenden Innenstadt, wohin sie sich wünschen angesichts wieder eines langweiligen Abends mit den Jungs und lauwarmem Bier?

Eine Abendglocke schlägt im nahen Ort, und wie immer falle ich ins Grübeln über das Beieinander von Waldeinsamkeit und Menschentreiben; fasziniert mich diese Nachbarschaft von kühlem, strengem Abseits und Außen und dem, was, egal, wo man steht, immer eine Art Innen ist: Häuser mit erleuchteten Fenstern, Geschäfte, Waren, Straßennamen, Abendbrottische. Wie der Glockenklang noch hinters dichteste Brombeergesträuch dringt und von unfaßbar Nahem läutet, das gleichwohl unerreichbar scheint. Oder umgekehrt: Als wäre der Waldrand mit seinen grausigen Schatten, den kühlen Sternen, dem Blätterhauch nur eine Illusion, der man sich erschauernd hingeben mag, solange man nur will, weil es reicht, um eine Ecke zu linsen, um sich zu vergewissern, daß die Schwelle warm erleuchtet ist, zu der man später hereintreten kann.

Es ist Sonntag, kein Wagen begegnet uns. Ein hölzerner Wegweiser zeigt wie eine Armprothese nach dem Waldrand, die Schrift in der einbrechenden Dämmerung so schlecht lesbar, als drücke sie sich aus Angst vor dem Frost ins Holz. Bis Gerolstein sind wir noch über eine Stunde unterwegs.

Schlüpfer

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neujahr. und du fehlst.
im wäschekorb vom letzten
jahr liegt dein schlüpfer

***

tief in der wäsche
verborgene koralle
mit dem herz aus salz

***

der stoff kennt dich wie
ich dich nie kennen werde
neid auf baumwolle

***

hochgefischt vom grund
kühles rätsel deiner haut
geruch von neuschnee

***

gleich der ehemals
leuchtenden alge am grund
trüb jetzt an der luft

***

nachtragend wie die
vergilbte notiz für ein
geplatztes treffen

***

nach dem waschtag, nachts
steht der wäscheschrank schlaflos.
ins schloß späht der mond

***

nicht um die seide
ist es schade, reifte doch
im innern die frucht

***

so weiß wie eine
frisch verschlossene wunde
zarter damm vorm blut

***

vergessen im korb
was dich umhüllte, bewohnt
jetzt eine spinne

***

die nase im stoff
weniger als ein zeichen
das nichts von dir weiß

***

fluch dem gewebe
bringts mich doch dem gestern nicht
näher oder dir

***

wohnt da noch ein geist? —
küß ich zärtlich den stoff, bin
ich selbst das gespenst

***

schmerzlich die einsicht
im leeren stück wäsche bist
du noch mehr nicht da

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