VOCES INTIMAE

Quod si me lyricis vatibus inseres, / sublimi feriam sidera vertice.

Frühprotokoll

Unaufhaltsam zerlegen die Weiden die Garagenmauer, unter der scheinbar heilen Fläche des Putzes bohren sich die Wurzeln, stelle ich mir vor, zwischen die Lücken, Spalten, winzigen Hohlräume im Mauerwerk. Unaufhaltsam, hartnäckig, ohne Stolz, voller Absichten, ich stelle mir vor, wie sie bereits die ganze äußerlich heile Mauer durchdrungen haben, wie die Wand vielleicht nur noch von der Pflanze und ihrem heimlichen Gewebe gehalten wird. Schlüge man das Bäumchen ab, fiele in kurzem die Wand, unterhöhlt und bröselig, in sich zusammen.

Ein trüber Morgen fügt sich an den nächsten. Der Regen ist immer noch der von gestern.

Eine Corelli-Sonate im Radio. Wie ahnungslos ich noch war, als ich sie einst selbst gespielt habe.

Nachts, erinnere ich mich beim Kaffeemachen, von einer Bewegung erwacht. Etwas hatte sich geregt im halbhellen Zimmer. Es hatte geknackt oder kurz geraschelt. Und dann war es wie ein Schatten, der über die geschlossenen Augen fällt, ein Dunkel, das sich übers Dunkel schiebt. Ich habe die Augen auf-, den Kopf in die Höhe gerissen. Das Zimmer war ganz still. Vollgestopft mit lautlosen Dingen. Behielt den Laut für sich. Aus dem Klo kommend, streift mich ein Spinnfaden.

Die Wälder dürfen heute alleine spielen.

Warum ich Begegnungen mit Fremden anstrengend finde

Später am Tag, als wir im Gespräch auf etwas zurückkommen, das unser selbsternannter Fremdenführer uns mittags erzählt hat, sagt meine Begleiterin lachend, du hast da gar nicht richtig zugehört, nicht?
Das stimmt, ich habe nicht richtig zugehört, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Damit hängt auch zusammen, warum ich so schwer mit Leuten ins Gespräch komme. Schon die schiere Präsenz eines Fremden, noch dazu eines, der sich uns förmlich aufgedrängt hat, muß ich erstmal in Ruhe verdauen, ehe ich das, was mir diese schier übermächtige Gegenwart sagt, erfassen kann. Ich kann vorerst nicht mehr, als diesen alten Mann mustern, der uns, wie wir unentschlossen auf dem Marktplatz standen, mit einem zugerufenen Entschuldigen Sie bitte! angesprochen hat, um uns unaufgefordert den Weg zur Touristeninformation zu erklären: Einen Kopf kleiner als ich, ist er mit einem dunkelblauen Anzug von feinem Stoff gekleidet, trägt Krawatte, keinen Hut, und, ein Stilbruch, über dem Jackett – es ist ein kühler Tag – eine Windjacke vom Grabbeltisch. Sein Blick ist klar, sein Gesichtsausdruck wach. Seine Sprache dialektal mit rollendem r, er artikuliert deutlich, spricht gepflegt und höflich. Sein Kopf ist voll von Fakten, und die Art, wie er diese Fakten erzählt (historische Begebenheiten, die mit dem Freiherrn vom Stein zu tun haben, ebenso wie jüngere örtliche Ereignisse, etwa die Schließung einer Realschule) die routinierte Leichtigkeit, mit der sie ihm einfallen, läßt darauf schließen, daß er sie nicht zum ersten Mal und wahrscheinlich oft wiedergibt. Sein Alter sicher jenseits der siebzig, aber wenn es ein Mensch ist, der viel an der frischen Luft war in seinem Leben, könnte er auch etwas jünger sein. Vom Kinn zum Hemdkragen zieht sich eine lockere Hautfalte, einer Stierwamme nicht unähnlich. Die Hände sind kräftig, kurze Finger, die leicht nach der Seite gekrümmt sind. (Später verrät er uns, daß er das achte Jahrzehnt schon überschritten hat.) Es ist ein schönes, ja, ein prachtvolles Greisenantlitz, und um diesem Menschen zuhören zu können, müßte ich ihn erstmal eine halbe Stunde ganz in Ruhe betrachten dürfen, einfach nur betrachten. Erst dann wäre ich so weit, zur nächsten Information überzugehen. So aber strömt alles auf einmal auf mich ein, und noch dazu völlig unerwartet. Dazu kommt noch, daß mich mehr die Situation der Begegnung selbst fordert, so daß ich mir Fragen stelle wie diese: Was will dieser Mensch? Sucht er jemanden zum Reden? Ist er einsam oder einfach nur ein geselliger Typ? Sind wir seine heutigen Opfer? Was sieht er in uns? Welchen Verlauf wird dieses Gespräch nehmen? Wie läßt es sich schonend wieder beenden? Was soll ich antworten, wenn überhaupt? Soll ich Interesse zeigen oder wenigestens welches heucheln? Müßte ich mich nicht interessieren, nur damit ich später darüber schreiben kann? Soll ich allem einfach zustimmen, falls der Mann beginnt, Unsinn zu erzählen, oder lieber hübsch akademisch widersprechen? Was würde Bill Bryson tun? Undsoweiter. Dies alles natürlich nicht wohlgeordnet, sondern in einem einzigen Strom verworrener, eher dem Unangenehmen zuneigender Empfindungen, was mich sofort nervös und verschlossen macht.
Ist es da ein Wunder, wenn ich so gut wie nichts von dem habe aufnehmen können, was uns der Greis erzählt hat? Und so ist es meistens.
Daher kommt es, daß ich, obwohl ich immer gerne von Begegnungen lese, die andere beim Wandern oder Reisen machen, sie doch recht ungern selbst erlebe. Dabei träume ich davon, interessante Menschen zu treffen. Ich male mir tiefe Gespräche, verblüffende Einsichten, überraschende Philosophien, kuriose Lokalhistörchen aus. Ich stelle mir vor, wie der Wanderer und der Einheimische einander mit Erfahrungen bereichern. Ich schwärme von einem Schatz an Geschichten, den ich von der Reise mit nach Hause bringe. Aber wie soll das passieren, wenn man die Begegnung nicht nur nicht sucht, sondern sogar scheut? So nehme ich mir vor, Begegnungen, wo sie passieren, wenigstens geschehen zu lassen, ja, sie zu ertragen; mache es mir zur Pflicht, auszuharren, nicht zu urteilen, mir Zeit zu nehmen. Überlege mir Fragen, die man stellen könnte. Denke an Bill Bryson.
Aber sobald ein Mensch aus Fleisch und Blut vor mir steht, will ich nur noch eins: weg.
Diesmal ist es meine Begleiterin, die uns loseist, indem sie geschickt nach einer Empfehlung für ein Café fragt. Wir lassen den schönen Greis stehen, und ich atme enttäuscht auf.

Parsen Sie bitte diesen Satz

Ego enim adsentior eorum quae posuisti alterum alteri consequens esse, ut, quem ad modum, si, quod honestum sit, id solum sit bonum, sequatur vitam beatam virtute confici, sic, si vita beata in virtute sit, nihil esse nisi virtutem bonum.

Knifflig, was? Dies ist einer von diesen Sätzen aus der Feder des Meisters Cicero, bei dem man bei der Lektüre der Periode das dumme Gefühl hat, nach Ab- und Auftauchen aus der Verschachtelung nicht wieder in den Hauptsatz aufgestiegen zu sein, sich mithin irgendwo auf halbem Wege verheddert zu haben. Vielleicht hilft da eine Klammerung (zur besseren Übersicht sind die Klammern numeriert):

Ego enim adsentior eorum quae posuisti alterum alteri consequens esse, [1ut, [2quem ad modum, [3si, [4quod honestum sit4], id solum sit bonum3], sequatur2] [3vitam beatam virtute confici3], sic (sequatur)1], [3si vita beata in virtute sit3], [2nihil esse nisi virtutem bonum.2]

Im sogenannten Einrückverfahren:

ut
    quemadmodum
         si
             quod honestum sit
         id solum sit bonum
    sequatur
         vitam beatam virtute confici
sic (sequatur)
         si vita beata in virtute sit
    nihil esse nisi virtutem bonum

Eine besondere Schwierigkeit, die Kenner allerdings für eine besondere Raffinesse und stilistische Geschmeidigkeit des berühmten Redners zu halten geneigt sind, besteht darin, daß im letzten si-Satz die Reihenfolge der Einbettung umgekehrt wird, so daß, ehe der sic (sequatur)-Satz zu Ende geführt, ein weiterer Nebensatz eingeschoben wird. (Sie sehen, man fängt unwillkürlich an, diesen Stil zu kopieren.) Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Auslassung ausgerechnet des Verbs im obersten Gliedsatz, also im ut-Satz, das aus dem Vergleichssatz (quemadmodum … ) in der Parallele ergänzt werden muß.

Versuchen wir eine erste – zwar extrem wörtliche – Übersetzung, die aber die Verschachtelung eins zu eins nachzeichnet:

Ich stimme nämlich dem zu, was du behauptet hast, daß nämlich das eine aus dem anderen folge, so daß so, wie, wenn, was anständig sei, allein gut sei, folge, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, so auch, wenn das glückliche Leben in der Tugend liege, daß nichts gut sei außer der Tugend.

Mh. so daß so, wie, wenn, was – das ist noch kein Deutsch. Die etwas schwerfällige (tut mir leid, Cicero) id … quod-Konstruktion kann man auf Deutsch prima durch eine Nominalisierung ersetzen (das, was anständig ist = das Anständige. Durch Ergänzung des zu Ergänzenden, sowie ein paar Verdeutlichungen der Vergleichskonstruktion wird es noch durchsichtiger:

[…] so daß in der gleichen Weise, wie daraus, daß das Anständige allein gut sei, folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, daraus auch folgt, daß, wenn das glückliche Leben in der Tugend liegt, nichts gut ist außer der Tugend.

Man ist im Deutschen außerdem gewohnt, die so … wie-Konstruktion umgekehrt aufzuziehen als es im Lateinischen üblich ist. Also:

[…] so daß daraus, daß das Anständige allein gut ist, ebenso folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, wie auch, daß, wenn das glückliche Leben in der Tugend liegt, nichts gut ist außer der Tugend.

Nominalisierungen haben den Vorteil, daß sie ganze Nebensatzkonzepte in einem einzigen Wort bündeln, sich besser in einem komplexen Gedanken unterbringen lassen und also beim Lesen auch leichter interpretiert werden können. Das Verfahren hat aber seine Grenzen:

[…] so daß aus dem Alleinanspruch des Anständigen auf das Gute ebenso folgt, daß das glückliche Leben durch die Tugend erreicht wird, wie auch, daß die Tugendbasiertheit des glücklichen Lebens den Alleinanspruch der Tugend auf das Gute begründet.

(Die Stelle ist in Tusc. 5.21 zu finden. Es geht um die Frage, ob die Tugend allein zum glücklichen Leben ausreicht.)

Kurz

Das Phänomen der Mode, schon sonst rätselhaft genug, macht eine Beobachtung an diesen ersten warmen Tagen des Jahres noch rätselhafter.
Haben die sich heimlich abgesprochen?
Oder wie ist es sonst zu erklären, daß am allerallerersten Tag, an dem die Wetterlage eine solche Bekleidung (wohl besser: Entkleidung) überhaupt zuläßt, der überwiegende Teil der weiblichen Bevölkerung zwischen 14 und 34 einvernehmlich mit diesen kaum Schlüpferlänge messenden Shorts herumläuft? Die naive Vorstellung von Mode, die das Wie der Ausbreitung und Durchsetzung eines Merkmals erklären kann, aber nicht das Warum gerade dieses Merkmals, sieht so aus: Irgend jemand, der den Mut hat, etwas völlig Beklopptes anzuziehen, geht damit auf die Straße; ist es jemand mit Charisma und vielen Freunden, findet das bekloppte Kleidungsstück Nachahmer; ist es ein Niemand, ein Narr, wird es verlacht und landet auf dem Müll.
Im Falle der Schlüpfershorts versagt dieses Modell, weil für diese Jeanshöschen gar keine Zeit war, nachgeahmt und verbreitet zu werden; die Erscheinung trat mit den warmen Außentemperaturen und dem Maisonnenschein quasi über Nacht fix und fertig voll ausgeprägt in Erscheinung, als sei das Ganze von langer Hand geplant und vorbereitet gewesen. Als hätten die Höschen seit Monaten im Kleiderschrank ausgeharrt, um endlich, beim ersten Sonnenschein, hervorgeholt und der staunenden Welt gezeigt zu werden.
Und wahrscheinlich ist es genau so auch wirklich gewesen. Wahrscheinlich hat man sich schon letzten Herbst, als die Modehersteller die Tollheiten für den Frühling und Sommer 2016 planten, gesagt, Schluß mit den Dreiviertelshosen, nächstes Jahr wird alles radikal kurz. Wir wollen Spitze rausschauen sehen! Dann wurden fleißig Kataloge gedruckt, und da Winter war, gab es keine anderen Sommerklamotten zu sehen, als eben die ultrakurzen Shorts; und als dann die Frühjahrssachen in die Kaufhäuser kamen, oh Wunder! gab es nichts anderes zu kaufen. Wozu auch? Inzwischen mußte sich das Bild von den Höschen so sehr eingebrannt haben, daß jedes längere Hosenmaß als Abweichung, ja als lächerlicher Irrtum erschienen wäre. Und so kam es, daß am gleichen Stichtag landauf landab die gleichen Beinkleider aus den Schubladen gezogen wurden. Denn wer will schon in einem Irrtum herumlaufen?
Falls das die Erklärung ist, bleiben jedoch wichtige Fragen offen. Wer bestimmt, was Irrtum, was Wahrheit ist, wer sind die Menschen, die Individuen dahinter? Wie kommt es, daß es keine konkurrierenden Strömungen in derselben Saison gibt, so daß also etwa die ultrakurzen Brevianer einen Feldzug gegen die über ihre Aufschläge stolpernden Longianer anträten? Wie können sich Modekonzerne, die doch gegeneinander konkurrieren, derart einig sein, daß es nur noch eine einzige Wahrheit zu kaufen gibt? Unterliegen die Modemacher da selber nur höhergeordneten Gesetzen? Welche wären die? Oder lachen die sich hinter den Kulissen schlapp über den Irrsinn, den der Bevölkerung aufzuschwatzen ihnen wieder einmal gelungen ist? Vielleicht wetten sie ja auch miteinander, wie weit sie gehen können, ehe die Konsumenten eine Mode ablehnen – man denke hier an den immer tiefer sinkenden Schritt der Baggy Pants.
In diesem Falle wäre ich allerdings sehr gespannt darauf, wie kurz die Höschen nächstes Jahr ausfallen werden.

Schloß B.

Vor einem halben Jahr hat man hier gesessen, nach zwei Wegstunden schon durchgeweicht, weitere acht Wegstunden bei nicht nachlassendem Niederschlag noch vor einem, und diese zehn Wegstunden nur der Auftakt zu einer ganzen Woche Gehens. Ist es da ein Wunder, daß wir grimmig in den Tassen rührten, die Zähne gierig ins Rührei schlugen, immer wieder Blicke auf die Karte warfen, Generälen nicht unähnlich, die den wagemutigen Ausfall planen? Draußen pladderte der Regen, tanzte in den Pfützen, lief über die Straße in den angeschwollenen Bach. Selbst die Statue des Kiepenkerls, dessen Pfeife längst erloschen sein mußte, blickte drein, als wolle sie die Kiepe abwerfen und sich schleunigst irgendwo unterstellen. Vor dem Waldrand hingen die Schlieren so dicht, daß die Umrisse der Bäume sich auflösten. Neben uns auf der Heizung tropften die nassen Regenumhänge, während sich die Schuhe unterm Tisch schon klamm anfühlten. Der Kaffee dampfte, der Regen fiel, die Bäume lösten sich auf, und wir waren entschlossen; und wie es manchmal so geht, wenn man sosieso keine Wahl hat: war unsere Laune ausgezeichnet.
Heute ist dieser Tag lange her, er ist in eine sagenumwobene Region schlechten Wetters gerückt, in eine Zeit, damals, du weißt schon, als der Regen fiel und die Wälder umdurchdringlich waren. Hier und heute scheint die Sonne, Mauersegler kratzen am Himmel herum, die Motorräder dröhnen an der Baustellenampel. Man denkt ans Ende des damaligen Tages, als man verschlammt, durchnäßt, fußmüde aus dem Waldrand in die erleuchtete Ordnung der Siedlung und ihrer Hauptverkehrsstraße taumelte. Jedesmal, wenn wir hier Kaffee trinken, erinnern wir uns daran, was damals vor uns lag, und sind glücklich.
September, überlegen wir jetzt, eine Woche, mehr Urlaub gibt’s sowieso nicht, reicht aber für die 150 Kilometer nach der Stadt im Südosten. Zwei Etappen kennen wir schon, zwei Gasthäuser, und was die da für Frühstück machen. Frühstück ist sehr wichtig; man fängt an, auf Wanderschaft, die Unterkünfte nach der Menge und Qualität des Frühstücks zu beurteilen. Das Frühstück in den ersten beiden Gasthäusern wäre in Ordnung, finden wir.
Von der Terrasse sieht man den Passanten zu, die, gekleidet in allerlei aufsehenerregendes Plastik und mit Stöcken und Minipacks bewaffnet, den Bach queren und, was sie da tun, für Wandern halten. Wir hätten sie und ihre Wolke aus Weichspüler und Sonnenmilch einszweidrei überholt, das Geschnatter und Gegacker nach ein paar strammen Schritten hinter uns gelassen. Wir grinsen. Irgendwo weiter oben liegt die Talsperre, und es verlockt, dem Weg abermals zu folgen, einen Zipfel des Waldsaums anzuheben, um zu sehen, wie blau jenseits der Himmel ist. Ein andermal. Für jetzt kühlt man die Blicke im Eschbach, man macht Pläne, man ist faul und kühn und zufrieden und läßt dem Samstag die Zügel schießen.

Scholae, non vitae

Einmal quer über den Campus, und schon völlig fertig. Autos, Straßenbahnen, flitzende Fahrradfahrer, rechts das mehrspurige Brausen der Universitätsstraße, und, im Gegenlicht, flackernde Schemen, in Trauben und Scharen sich vorwärtsschiebend, im Entgegenkommen ausweichend, an Bushaltestellen sich sammelnd, vor allem aber: Hastend, eilend, drückend.
Wo wollen die nur alle hin?
War das vor zwanzig Jahren auch so? Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Ich kann mich auch nicht an vollgestopfte Züge erinnern. Erst recht nicht an Horden von Studenten, die zwischen den Straßenbahnhaltestellen und den Hörsaalgebäuden in langen Reihen unterwegs sind. Und wenn das zu meiner eigenen Studienzeit nicht so war: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und wie mag es wohl im Innern der Hörsäle aussehen, in die all diese Horden hineindrängen?
Die Schlange vor dem Bäckerkiosk macht mir endlich klar, warum ich mich so unbehaglich fühle, ja, warum ich Ärger verspüre angesichts dieses Massenandrangs: Ich empfinde diese Hochschule immer noch, nach all den Jahren, als meine.
Und diese Horden, die da über sie hereinbrechen, sie erobern diesen meinen persönlichen Besitz, schlimmer noch, sie eignen sich ihn an, schlimmer noch, sie mißbrauchen ihn wie Barbaren, die die Paläste Roms mit Büchern beheizen.
Was wissen die denn schon, was das Studieren einmal war?

De Senectute (1)

Noch einmal laufen. Noch einmal. Und schon seit Jahren manchmal der Gedanke: Irgendeine Runde wird deine letzte sein. Das wirst du nur dann nicht wissen, während du sie läufst. Sie wird sich erst im Nachhinein als diese letzte Runde zu erkennen geben. So ist es ja immer. Das letzte Gespräch mit A. Der letzte Besuch bei K. Der letzte Kuß mit C., an den ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Wir tun, solange wir jung sind, so, als sei alles unendlich, als sei für alles auch später noch Zeit.

Letztes Jahr bin ich meine Bestzeit gelaufen; es ist unwahrscheinlich, daß ich das noch einmal unterbieten kann. So werden dann also die 3:41 meine Lebensbestzeit auf der Marathonstrecke sein. Besser wird es nicht geworden sein, mehr werde ich dann nicht geschafft haben. Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, ganz gleich, ob es dabei bleibt oder ich doch noch einmal zwei Minuten schneller bin: Irgendein Erfolg, irgendein Triumph wird der größte sein, definitiv und für immer. Das Leben ist nicht unendlich steigerbar. Nein, auch später nicht.

Damals auf der Lesung mit der bereits über achtzigjährigen Astrid Lindgren in der Stadtbibliothek Heidelberg, die Frage eines Kindes, Werden Sie noch ein Buch schreiben? (Ich weiß nicht mehr, was sie geantwortet hat; aber wir wissen heute: Nein. Ronja Räubertochter war ihr letztes Buch.)

Warum ist uns Wachstum so wichtig? Weil es uns über die Endlichkeit hinwegtäuscht. Wenn wir uns mit weniger zufriedengeben, ist der Gipfel erreicht. Danach geht es nur noch abwärts. Wir wissen, wie furchtbar es für Thomas Mann war, daß er im Alter nichts mehr schrieb. Und man täusche sich hier nicht: Jeder Trost, der einem hier einfallen mag, basiert doch wieder auf einer neuen Art Wachstum, auf einer Verlagerung des Wachstumsgedankens auf einen anderen, noch nicht von Verfall angefressenen Bereich: Innere Größe. Erfahrung. Spiritualität, künstlerischer Ausdruck, man nehme, was man will. Allem liegt der gleiche Gedanke zu Grunde, das Gute des Wachsens. Gewachsen muß werden. Wer nicht wächst, schrumpft. Wer schrumpft, stirbt.

«Michael kann sich die Schuhe selbst binden!» Derselbe Satz, nicht über den dreijährigen Michael, sondern über den dreiundneunzigjährigen Michael geäußert, löst kein Gefühl des Stolzes, sondern des Mitleids aus. Warum? Weil das Schuhebinden beim Dreijährigen der Anfang in einer langen Reihe weiterer Bemeisterungen ist. Der nächste Erfolg wird eine noch größere Bemeisterung sein. Im stolzen Lob, das man dem Dreijährigen zollt, liegt die Aussicht auf Größeres. Bald wird er schreiben und lesen können, bald das kleine Einmaleins beherrschen, undsoweiter. Beim Greis dagegen ist das Schuhebinden eine Station in einer Entwicklung des Schwindens. Etwas noch zu können ist kein Grund zur Freude, wenn der Verlust dieser Fähigkeit unausweichlich ist. Da kommt nichts mehr, da wird nichts mehr draus: Insofern ist jede Bescheinigung einer Fähigkeit für den Greis bitter. Für die Tatsache, daß da nichts mehr kommt, ist es egal, ob es sich ums Schuhebinden, ums Stuhlverhalten oder um den Marathonlauf handelt.
Das schlimme ist: Es ist nicht nur für den Greis bitter. Denn der Verlust von Fähigkeiten, der Verlust aller Fähigkeiten, bis hinunter zu Nierenfunktion und Herztätigkeit am Ende, ist unausweichlich. Auch schon für den Dreijährigen. Wir täuschen uns da nur, solange Fähigkeiten noch erworben und nicht verloren werden.

Und es gehört eben auch zu den Bitterkeiten des Alters, daß man Mißerfolge nicht mehr unter Verweis auf eine nebulöse Zukunft, in der letztlich alle Rückschläge einmal überwindbar sind und, wenn man es nur richtig will, auch überwunden werden, beiseite schieben kann. Zum einen als der Mißerfolg selbst, zum andern als Makel, den man nicht mehr tilgen kann, beginnt ab einem gewissen Alter jeder Mißerfolg doppelt zu wiegen.
Aber auch jeder Erfolg: Denn jeder eben errungene könnte ja bereits der größte gewesen sein. Und das wird immer wahrscheinlicher, je älter man wird. Furchtbar aber ist nicht der Gedanke ans Ende, sondern die langsam einsickernde Erkenntnis, daß das eigene Wachsen eine Grenze hat. Das man nicht alles, was man nur will, wird erreichen können. Wird erreicht haben.

Noch einmal laufen. Und noch einmal. Nicht im freudigen Bewußtsein, was man schon alles kann. Sondern mit dem bitteren Gedanken daran, was man noch alles kann. Und daß man sich dafür schon jetzt loben lassen muß.

(Nachtrag: Da hat doch tatsächlich einer auf „Gefällt mir“ geklickt!)

(Ich würde mich so gerne nackt hinter dich Nackte stellen, körperlang an Körperlänge, mich an deinem Hals festsaugen und meine Hände dir auf die Brüste legen, ganz leise, wie man ein Vogeljunges beruhigt. Ich hätt so gern, daß du den Kopf in den Nacken legst, erst ein-, dann lange ausatmest dabei, dein Mund ganz dicht an meinem Ohr, voll Vorsicht, als könnte er es zerdrücken.)

Solstitium

Wieder stoßen die Wege ans herrische Bellen der Zäune.
      Abseits, gejagt von Licht schlägt sich das Feld in den Busch.

In der Falle

Vielleicht ist gar nicht Unwille, Bequemlichkeit, Gier oder das Gefühl, im Recht zu sein, Grund dafür, warum es reichen Menschen so schwer fällt, abzugeben. Ich vermute etwas anderes: Verpflichtung; Bindung; und der unausrottbare Hang des Menschen, Überschüsse bis zum letzten auszuschöpfen.

Wenn ich 10.000 im Monat verdiene, richte ich mein Leben danach ein: Haus kaufen, Auto anschaffen, tägliche Pendelstrecken, BahnCard 100, teure Reisen etc. – da bleibt am Ende des Monats nicht viel mehr übrig als beim armen Schlucker. Das Problem ist aber, das Haus kauft man nicht mit Geld, das man hat, sondern das man hofft, später zu haben – mit Erwartungen an die Zukunft. Die Schulden aber, die hat man sofort. Und die müssen getilgt werden. Ich kann nicht sagen, na, verzichte ich halt, dann dauert’s halt länger; oder, ach, keine Lust mehr, zu teuer, dann gehört eben der Bank das Haus. Die Bank will das Haus nicht. Die Bank will mein Geld. Die Bank wird mich pfänden lassen, wenn ich nicht brav in der Tretmühle weitertrete, in die ich freiwillig gestiegen bin, als ich – in Erwartung von monatlich 10.000 – den Kaufvertrag unterzeichnet habe. Wehe, die 10.000 bleiben auf einmal aus, weil ich arbeitslos oder berufsunfähig werde. Und selbst, ein Haus (oder ein Boot; ein Auto) wieder zu verkaufen, kostet noch teures Geld. Von dem, was da an Steuern fällig wird, könnte unsereiner drei Monate leben, und zwar bequem. So wird aus dem Gewinn von 120.000 per annum, einem Reichtum, den ich haben darf, die Not von 120.000, dann nämlich, wenn ich sie aufgrund von Verpflichtungen, etwa in Form einer Hypothek, haben muß.

Dazu kommen Verpflichtungen anderen gegenüber. Für mich alleine kann ich entscheiden, ok, die Gesangsstunden, die Golfpartie, die Jagdpacht waren wohl etwas teuer, streiche ich das eben. Ginge es nur darum, auf Gesang, Golf und Jagd zu verzichten, wär’s ein Kinderspiel. Aber ein solcher Verzicht schlägt weitere Kreise. Denn vielleicht treffe ich beim Golf wichtige Geschäftspartner, die mich fallen lassen, wenn ruchbar wird, daß ich in so großer finanzieller Not bin, daß ich mir nicht einmal Golf mehr leisten kann; und vielleicht habe ich drei Kinder, die Reit-, Musik-, Chinesisch- und Ballettunterricht nehmen – und das für selbstverständlich halten. Und vielleicht verläßt mich mein Partner, wenn sich abzeichnet, daß ich für das Haus nicht mehr aufkommen kann … Das heißt, es geht, vermute ich, um weit mehr als nur ums Haben von Annehmlichkeiten; es geht ums Sein: um ein ganzes Leben, und nicht einmal nur um das eigene, sondern um das der Menschen, für die ich verantwortlich bin, und die Erwartungen an mich haben, die ich zuerst bei ihnen geweckt habe. So betrachtet ist Reichtum kein Privileg, sondern eine höchst mißliche Lage, eine Falle.

Über die Sucht, alle Lücken auszufüllen, nichts ungenutzt zu lassen, Überschüsse immer bis zur Neige abzuschöpfen, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. In kleinem Maßstab gleicht jemand, der eine Hypothek auf eine Immobilie aufnimmt, dem Steinzeitmenschen, der beschließt, seßhaft zu werden und Ackerbau zu betreiben. Weder der Reiche noch der Ackerbauer können zurück zu ihrer früheren Lebensweise, weil sie von den Reichtümern (10.000 Thaler hier, Getreidevorräte und Nahrungsmittelüberschuß dort) abhängig geworden sind. Der reiche muß reich sein, weil er reich ist.

Einseitige Ernährung, Zivilisationskrankheiten, kaputte Rücken, Knochenarbeit: Selbst wenn die ersten Ackerbauern vor 9.000 Jahren gemerkt hätten, um wieviel schlimmer sie dran waren als tausend Jahre zuvor ihre Jäger-und-Sammler-Vorfahren, hätten sie aus zwei Gründen nicht zurückgekonnt: Erstens besaßen sie nicht mehr das Wissen, die Erfahrung und die Fertigkeiten, die für die frühere Lebensweise gebraucht wurden; und zweitens hätte das Land, auf dem sie lebten, sie nicht mehr ernährt, denn aufgrund des größeren (wenn auch nicht besseren) Nahrungsangebots war die Bevölkerung gewachsen – jede Nahrungskalorie, die die neue Lebensweise zusätzlich hervorbrachte, wurde sofort von der größeren Fortpflanzungsrate geschluckt. Statt sich auf den Extrakalorien auszuruhen, setzte man in fester Erwartung auch zukünftigen Reichtums mehr Kinder in die Welt. Und das war der Anfang. Zehntausende von Jahren hatte Homo sapiens im Gleichgewicht mit seiner Umwelt gelebt, in einer Lebensweise, die mehr oder weniger gleichförmig, über tausende von Generationen unverändert geblieben war. Seit der Seßhaftwerdung aber; seit dem Augenblick, da eine erhöhte Produktivität mehr Menschen satt machen konnte, so daß innerhalb kürzester Zeit die Produktivität auch mehr Menschen satt machen mußte: Seit dieser Zeit lebt der Mensch in einer Tretmühle, die ihm umso mehr abverlangt, je schneller er darin tritt.

Ein Geschäftsbrief 1970 brauchte eine halbe Stunde; heute benötigt er, wenn der Angestellte seine Vorlagen auf Vordermann hat, zehn Minuten. Aber statt jetzt zwanzig Minuten Freizeit gewonnen zu haben, setzt er zwar kein Kind in die Welt, schreibt aber immerhin heute drei Briefe in derselben Zeit. Und jubelt auch noch über den Fortschritt, die gesteigerte Produktivität. Jede gewonnene Zeitersparnis wird auf diese Weise vom Produktivitätsanspruch aufgefressen. Auch so ein Angestellter (oder seine Vorgesetzten) kann nicht zurück, denn die drei Briefe pro Stunde werden hopplahopp zum neuen Standard. Und dann kommen die Prediger des Wachstums und versprechen uns den Himmel auf Erden, wenn wir nur immer fleißig arbeiten. Dereinst, heißt es dann, werden wir in Ruhe, Frieden und Sorglosigkeit leben.

Dabei könnten wir das längst schon haben.

Und hätten dabei noch was abzugeben.