La Paz, September ’95

Einmal habe ich einen alten Indianer photographiert. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hatte, als ich ihn bat, ein Bild von ihm machen zu dürfen, sein Blick blieb ausdruckslos, vielleicht war er schwerhörig und wollte es nicht zugeben, vielleicht konnte er nur Aymara, möglicherweise hatte er mich aber auch, versunken in seine Welt, geistesabwesend oder gar dement, überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Er saß am Straßenrand auf einem Gepäckstück oder einem Sack, und zeigte sich meinem Blick als die Essenz all dessen, was an diesem Land noch echt, noch unvermischt war; er sah aus, als sei er aus einem Kinderbuch herausgestiegen, die Wirklichkeit gewordene Phantasie, als stehe man den eigenen Vortellungen plötzlich leibhaftig gegenüber. Mir war, als habe ich jetzt erst begriffen, was ich in all den Wochen meiner Reise eigentlich gesucht hatte, und es endlich gefunden. Er trug die Kleidung jener Ureinwohner, die sich nie wirklich assimiliert haben, eine bunte Mütze aus Lamawolle, einen Umhang aus demselben Stoff, Sandalen aus Autoreifen; man hätte ihn fast für einen Schauspieler, für ein Ausstellungsstück halten können, doch war sein Äußeres nicht grell, nicht leuchtend genug. Die Wolle war gepflegt, aber sichtlich in langem Gebrauch gewesen. Eine Weile war ich unschlüssig in seiner Nähe herumgelungert, hatte mir ein spanisches Sprüchlein überlegt, unauffällig eine Münze aus dem Portemonnaie geklaubt. Endlich sprang ich über meinen Schatten, trat vor ihn hin und sagte das Sprüchlein auf. Sein Gesicht verschwand hinter lauter ledrigen, von dünnen Bartstoppeln gesprenkelten Runzeln, seine Lippe tropfte in einem weichen Bogen übers Kinn, die schmalen Hände waren hornig und abgearbeitet. Über der harten Nase schwebten zwei trübe, überfilmte Augen, die nicht preisgaben, was, oder ob sie mich gesehen hatten. Ich wiederholte meine Frage, und, da ich glaubte, eine leise Neigung des Kopfes wahrgenommen zu haben, die ich gleich als Zustimmung wertete, richtete ich schnell die Kamera auf ihn, stellte nachlässig scharf und löste aus. Auf dem Bild später schien er direkt in die Kamera zu blicken, doch in jenem Moment war mir, er schaute woandershin, mir über die Schulter oder auf mein Ohr, während sein Mund in einem fort leise zu murmeln schien. Ich zweifelte immer noch, ob er mich überhaupt bemerkt hatte, aber als ich ihm eine Münze in die Hand drückte, nahm er sie ohne zu zögern an, wobei sein Gesicht keinerlei Regung verriet. Ich verabschiedete mich rasch und ging fort mit einem kleinen Triumph in der Brust (was würden meine Freunde zu Hause sagen! Ein echter Indianer!), voller Stolz, daß ich es gewagt und gewonnen hatte, doch auch mit dem nicht ganz so unkomplizierten Gefühl, diesen Menschen mit genau dem Ausstellungsstück verwechselt zu haben, das er nicht war.
Als ich ihm die Münze gab, war ich mir schon fast peinlich reich vorgekommen und hatte mich geschämt, daß ich, ein Jüngelchen, ein ahnungsloser Milchbart aus der Fremde, ihm, dem würdigen Greise, in dessen eigener Heimat ein Almosen gab, und sei es auch aus dem ehrlichen Pflichtgefühl heraus, ihm etwas dafür zurückschenken zu wollen, daß er sich von mir hatte ablichten lassen. Später, längst wieder zu Hause in Europa, beauftragte ich einen Photodienst mit einem Posterabzug vom Dia. Aber bis zum Abholtermin ging mir das Geld aus, und so habe ich das Poster einfach im Laden liegengelassen. Ein paar Monate später, als ich wieder flüssig war, lachte man mich dort nur aus. Das Poster hatten sie längst weggeworfen, das Dia auch. Auf diese Weise habe ich beides, den Abzug und das einzige Original jenes Photos verloren, auf das ich auf einer staubigen Straße in La Paz, Bolivien, so beschämt stolz gewesen bin.
Vielleicht war das leise Kopfneigen des Alten doch keine Zustimmung gewesen.

Erwachsenwerden

Mit einem mal war man erwacht aus einem Traum. Man war eben dreizehn geworden oder zwölf, man war aus den Ferien heimgekehrt, oder ein neues Schuljahr hatte begonnen. Und plötzlich gab es die Zeit. Gestern war das noch nicht gewesen. Es gab nicht mehr das eine einzige gewaltige Präsens von vor den großen Ferien, das Präsens, das ich selber war, solange ich denken konnte; es gab eine Vergangenheit, die sich unversehens aus mir gelöst hatte; und also gab es auch eine Zukunft, die erst Ich werden mußte, die ich aber schon überblicken konnte, wie ich mich selbst überblicken konnte; eine Zukunft, die mehr war als nur die Erwartung auf Weihnachten und die großen Ferien. Die Zeit war meßbar geworden, und bewegte sich nicht mehr. Nun war ich es, der sich bewegte. Ich hatte das Gefühl, jetzt kann ich schwimmen. Aber ich konnte nicht nur, ich mußte es auch, denn nun gab es auch keinen Grund mehr unter den Füßen. Man konnte ertrinken am Leben, wenn man sich nicht bewegte. Immer vorwärts, in die Zukunft. In meiner Verzweiflung griff ich nach den alten Kinderbüchern, Fünf Freunde, Schiff der Abenteuer, Pippi Langstrumpf, holte das Lego und Playmobil aus dem Schrank, lief bestimmte Wege noch einmal ab, als könnten die mich in die Welt vor dem Erwachen zurückführen. Aber die Kinderbücher gaben nur immer die gleichen Geschichten her, in denen ich mich nicht mehr verlieren konnte; und das Spielzeug lag fremd und störrisch in meiner Hand, ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wozu es einst gedient hatte. Was es mir verdarb, war dieses plötzlich hellwache Bewußtsein dessen, was ich tat. Die Feststellung, daß ich spielte. Ich beobachtete mich beim Spielen, und damit gelangen mir die Stimmen meiner Helden nicht mehr. Die Raumschiffe flogen nicht mehr, die Burgen waren verlassen, die Galeeren gekentert. Und beim Lesen: Aha, jetzt lese ich also. Das Spiel war zu einem Spiel, die Bücher zu Büchern, die Schiffe zu Modellen geworden. Und auch der Wald war nur der Wald, und die Wege führten doch nur im Kreis wieder zurück zum eigenen, scharfen Bewußtsein, an man sich selbst schneiden konnte. Ich wäre so gerne noch ein bißchen geblieben, im großen Jetzt. Aber schon, daß ich das überhaupt denken konnte, machte meine Vertreibung aus.
Nur was man verloren hat, kann man sich zurückwünschen.

(Beitrag zu *.txt)

Heimat an Flüssen (2)

Die Ströme in der Heimat waren vergiftet, schwimmen konnte man dort nicht. Am Ufer roch es komisch, wir schauten in die trübe Brühe und widersprachen nicht, wenn unsere Eltern mahnten: In Flüssen schwimmt man nicht.
Flüsse waren für Lastkähne und für Chemieabfälle, für Mensch oder Tier waren sie nicht. Selbst auf den Kiesbänken war es nicht geheuer. Wo in Buchten Strudel auftraten, bildete sich Schaum, und von den Weiden hingen, wenn ein Hochwasser gewesen war, Strähnen eines grauen Schlamms. Es roch komisch, und die Kiesel waren alle von einem gelblichen Staub ummantelt. Wenn ich einen davon aufhob, hatte ich hinterher das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen. Nicht einmal die Füße wollte man ins Wasser halten, ja, nicht einmal Schuhe und Socken ausziehen, wenn man über den Ufersand ging. Mitleidig schauten wir auf die mickrigen Muschelschalen im getrockneten Schlick. Was waren das für arme Tiere gewesen, die in diesem Gift ihr Dasein gefristet und ihr Leben ausgehaucht hatten. Dick, viskos, stockend schien uns die Flüssigkeit, in deren Tiefe der Grund nach wenigen Zentimetern trüb wurde und versank. Braun war die Farbe dieses Elements, das mit Wasser nicht mehr viel gemein hatte. Wer in diese Brühe hineinfiele, würde, selbst wenn er nicht gleich sterben müßte, sich in ein Ungeheuer mit Schuppen verwandeln. Er bekäme eine Rückenflosse oder wenigstens Schwimmhäute zwischen den Zehen.
In diese Brühe fiel eines Tages während eines Kindergeburtstages ein Junge. Es war Sommer und warm, und ohne, daß jemand bemerkt hätte, wie es passiert war, lag der Junge auf einmal bäuchlings und mit allen Klamotten am Körper im seichten Uferwasser, lachte und planschte vergnügt mit den Beinen. Ich dachte, nun müsse er ganz gewiß sterben, so wie die Muscheln gestorben waren. Später fände man seine bleichen Knöchelchen aus den Kieseln herausstaken wie Schwemmholz. Die Bestürzung der Erwachsenen hielt sich in Grenzen und galt insbesondere den durchnäßten Kleidern. Du bist vielleicht einer, sagten sie kopfschüttelnd. Begriffen sie nicht, daß der arme Junge sterben mußte? Vielleicht taten sie nur harmlos, um ihn zu schonen und ihm die letzten Stunden leichter zu machen.
Auf dem Rückweg hielt ich Abstand von ihm und wich selbst noch den feuchten Platschern aus, die seine Füße auf dem staubigheißen Asphalt hinterließen. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen, und bedauerte den Jungen wie man einen Gezeichneten bedauert, der noch nichts ahnt von seinem Unglück: Noch lachte er, noch spritzte er mit Tropfen nach den andern; noch war er sogar stolz auf seinen Schabernack; und doch war es nur eine Frage der Zeit, bis ihn das Gift kriegen, seine Haut schrumpeln würde, Blasen bekäme und es aus wäre mit dem Lachen.
Anderntags aber saß der Junge wieder in seiner Schulbank, als ob nichts vorgefallen wäre. Er trug frische Kleider, und seine Haut war heil. Ein paar Tage noch beobachtete ich ihn scharf, ob er vielleicht Schuppen bekäme oder ihm eine schöne Rückenflosse zwischen den Schulterblättern wachse. Aber nichts dergleichen geschah, und ob er Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen hat, habe ich nicht gesehen.

Anfangen

Anfangen. Mit Links eine Handvoll Silben balancieren. Am Schopf den günstigen Augenblick gepackt, und ein Wort aufgezwirbelt, während die Rechte noch den Traum festhält und der Fuß noch in der Nacht taumelt.

Früh das Haus des Schlafs verlassen, in der sternenübersäten Dunkelheit vor den Wörtern. Hinausstapfen in die Öde, mit nichts als dem hohlen Gerappel von Buchstaben in der weiten Tasche. Die Wüste urbar machen mit grünen Verben im Konjunktiv. Tempora gründen und von den Indikativen gleich mehrere. Ein Haus bauen aus fest deklinierten Substantiven, die einander am Fallen hindern, stabil und gut. Eine Gazelle jagen mit einem Netz schneller Adjektive.

Zuletzt am Abend den stahlblauen, weiten Himmel auf die Schultern nehmen und sich überraschen lassen vom Traum wie von einer rätselhaften Metapher.