Fasan

18. Mai 2017 § Ein Kommentar

Auf den Feldern, an einer Hecke, die eine Pferdeweise abteilt, ein leuchtender Fleck am Boden. Ich bin schon fast vorbei, als mir dämmert, was das war, bleibe stehen, sehe nach, tatsächlich: ein Fasan samt Fasenne. Sie, Lieschen Müller, geduckt und grau im Gras, er unerschrocken bunt und mit aufgerichtetem Haupt nach mir spähend. Und wie ich so stehe und zurückspähe, setzt sich der Hahn in Bewegung. Nicht von mir weg, nein, parallel zum Weg über die Wiese stakst er kühn in die freie Fläche des niedrigeren Grases und präsentiert mir dabei seinen bunten Kopf, bleibt stehen, reckt sich noch höher. Stolz, als hätte er gerade das Mannsein erfunden, läßt er mich keinen Moment aus den Augen. Ich vermute, er will mich von seiner Fasenne ablenken, die tatsächlich längst verschwunden ist, wahlweise, sie vor mir verteidigen. Gegen so einen prächtigen roten Lappen um den Schnabel habe ich hier mit meiner eher unscheinbaren Mütze und dem rasierten Kinn nichts zu melden. Eine Weile messen wir uns mit Blicken, aber es ist klar, wer hier nachgeben muß. Als der Vogel merkt, ich gehe weiter, zieht er sich, langsam und gelassen, soll hier ja keiner an Flucht denken, zurück und schreitet, immer erhobenen Hauptes, in Siegerpose, davon, aber kaum hat er die Beine der unbeeindruckt weitergrasenden Pferde erreicht, gibt er, schon fast in Reichweite der Deckung, wo nichts mehr schiefgehen kann, Fersengeld (haben Vögel Fersen?) und verschwindet mit einem Satz im Schutz der Hecke. Erst als ich sicher außer Reichweite bin, krächzt er mir noch seinen Triumph nach, unsichtbar aus dem Gebüsch, oder vielleicht gibt er auch bei seiner Fasenne an, wer weiß.

17. Mai 2017 § 4 Kommentare

 
(Übrigens gibt es für die „eingebaute Vorfahrt“ (Klaus Gietinger) von Kraftfahrzeugen keine gesetzliche Grundlage.)

Frühprotokoll: hell

10. Mai 2017 § Ein Kommentar

Eine Vollmondnacht, Licht zwischen den Dämmerungen, Schatten, die nach der falschen Seite zeigen, gebückt durchs Fenster geschaut, bis man den Mond erblickte, wieder schlafen gegangen, weder Tag noch Nacht, sich anvertraut dritten Bezirken der Zeit.

Der Tag dann sehr hell, sehr wirr, sehr kalt. Es fehlt die alles ordnende Dunkelheit. Es ist die gleiche Stunde, in der ich mich an den meisten Tagen des Jahres mit einer Stirnlampe bewege. Jetzt ist das Licht wie ein Geräusch, ein geschäftiges Treiben des Tages. Ohne Vögel. Für Hunde zu früh. Postarbeiter die einzigen Menschen, und auch die gleichen eher gelbgestrichenen Maschinen. Es fühlt sich später an, als es ist. Die Kirchenglocken erinnern sich zu ihrer Zeit, da bin ich schon weit draußen im Feld, fern vom Waldsaum, allein im grünen Weizen wie ein einsamer Schwimmer.

Das Licht rechtfertigt mein Unterwegssein. Eine Garagentür geht auf, ein Motor startet, ich laufe am Tagesbeginn fremder Menschen vorbei. Die gleiche Stunde wie im Januar, aber ich laufe nicht mehr gegen die Nacht an. Ich bewege mich auf ausgetretenen Pfaden. Alles hat Reichweiten. Ich bin nicht allein.

Als wäre die Ebene mit den Pferdehöfen aus dem Grund eines Sees aufgetaucht. Als ich zuletzt hier war, lag alles im Dunkel. Wiesen huschten unter der Stirnlampe weg, Zäune wandten sich ab, von Tieren waren immer nur die Augenreflexe zu sehen, grüngelbe Punkte in der tiefenlosen Masse des Dunkels. Jetzt sind den Augen Körper gewachsen, aufgegangen Muskeln und Fell aus der funkelnden Saat. Drei Kamele mit schlaffen Höckern, wie eine Kreuzung aus Schaf, Pferd und ausgedientem Polstermöbel. Das Winterfell hängt in Fetzen von ihren erstaunlich mageren Körpern.

Das Laufen fällt leicht, aber die verzögert auftretende Müdigkeit ist enorm; als hätte ich mir meine Kräfte nur von der Erschöpfung geliehen. Beim Heimkommen ist der Morgen fast schon vorbei. Zwei riesenhafte Enten suchen im Gras neben dem Dorfbach nach Insekten. Schnäbel wie Musikinstrumente aus Ebenholz. Ich sehe sie nicht, aber später werde ich mich an sie erinnern.

3. Mai 2017 § 3 Kommentare

 
(Daß wir wahrscheinlich auch in fünfzig oder hundert Jahren noch Sätze sagen werden, die mit „Frauen sind …“ und mit „Männer sind …“ anfangen; und ob das eine gute oder eher eine schlechte Nachricht sei.)

Überstehn ist alles

26. April 2017 § 7 Kommentare

Ich weiß nicht, was für ein Motiv die anderen haben.
Der große Schwarzhaarige, lang wie ein Präriehengst, was verspricht er sich davon? Die Pummelige mit dem Pagenschnitt und dem anziehenden Lachen, warum tut sie das? Die ältere Frau mit dem langen grauen Haar, was erhofft sie sich? Der Hüne mit dem Eierkopf, wo will der so schnell hin?

Es ist Sonntag morgen, und in der Stadt herrscht Partystimmung. Der Fluß glänzt, die Büsche blühen, der Frühling bricht aus allen Poren. Und an diesem Morgen ist der Frühling recht laut. Die Luft zittert von Trommeln und Bässen. Die Festwiese wimmelt von Menschen, Sportschuhe blitzen, Zelte leuchten, Absperrbänder flimmern.
Es ist Marathontag in der Stadt, und in den nächsten Stunden werden ungefähr tausend Läufer die Distanz von 42,195 km hinter sich bringen. Oder es wenigstens versuchen. Und ich weiß nicht, warum sie das tun.
Ich bin einer von ihnen.

Nanga Parbat
Menschen schnallen sich Bretter unter die Stiefel und gleiten darauf in einem Affenzahn Schneehänge hinunter; Menschen schnallen sich Rollen unter die Stiefel und gleiten damit im Sauseschritt über Asphalt. Oder sie schlagen mit drahtbespannten Holzrahmen Bälle über ein Netz, oder sie jagen auf einem Stück Rasen einem einzigen Ball hinterher. Man sagt, das macht Spaß. Was aber treibt Menschen, 42 km laufend zu überwinden, je nach Form drei, vier, gar fünf Stunden am Stück zu laufen? Weil die 42 km da sind? Befragt man berühmte Selbstquäler, etwa Extrembergsteiger, warum sie tun, was sie tun, bekommt man meist keine bessere als diese an ein Zen-Koan erinnernde Antwort. Aber gut, das sind Extrembergsteiger, das sind erstens Spinner, zweitens sind sie’s aus Profession. Wenn sie die Nanga-Parbat-Nordwand oder eine Staublawine am Dhaulagiri überlebt haben, schreiben sie tolle Bücher und werden reich und berühmt. Aber von den Tausend, die hier an diesem herrlichen Frühlingsmorgen, den man so viel schöner nutzen könnte in Feld oder Flur oder Garten, tun es die allermeisten nicht aus Profession, und so viele Spinner, das glaube ich nicht. Bücher schreiben die sicher auch nicht, wer sollte das alles lesen? Die Dame im roten Trikot in der Startaufstellung neben mir, die sieht aus wie eine Fachverkäuferin für Damenoberbekleidung. Und den etwas korpulenten Herrn neben ihr treffe ich vielleicht morgen schon wieder – an einem Bahnschalter der DB. Es sind wirklich ganz gewöhnliche Menschen, die sich hier zusammengefunden haben und nun, leicht bekleidet und im Schatten etwas fröstelnd, auf den Startschuß warten. Oder es wären ganz normale Menschen, wäre da nicht die allen gemeinsame Verrücktheit, 42 km laufen zu wollen. Heute. Jetzt.
Ich ahne die Gründe, aus denen es die meisten der hier Wartenden tun. Natürlich könnte auch ich es aus denselben Gründen tun. Vielleicht tue ich es sogar aus denselben Gründen.
Aber das ist zu wenig.

Festgeläute
Allmählich wird es eng in der Startaufstellung. Einige dehnen noch ihre Beinmuskulatur, andere hüpfen ein wenig auf der Stelle, manche zucken im Rhythmus der Musik. Die hat in den letzten paar Minuten an Lautstärke zugenommen, die Bässe bilden Schwingungsknoten im Magen. Rhythmus peitscht an, drängt nach vorne, mobilisiert Kräfte. Ich denke daran, wie die Alten ihre Schlachten geschlagen haben. Wie bringt man ansonsten ganz vernünftige, friedliche Männer dazu, mit dem Schwert aufeinander loszugehen? Man treibt sie mit anstachelnden Rhythmen an. Es ist schwer, sich zu entziehen, auch ich bekomme Gänsehaut, Schauer von Erregung laufen durch den gespannten Körper. Man will nur noch los, laufen und laufen und laufen. Sich anpeitschen lassen. Getragen werden von Anfeuerrufen, Getrommel und Gejohle.
Aber wofür? Wofür über den Moment hinaus, da wildfremde Menschen mich bei meinem Namen nennen, „Du schaffst es, Solminore! Weiter so!“, wenn sie mich wie einen Freund oder Verwandten anfeuern? Man könnte es einfach dabei belassen und sagen, ich tue es für eben diese Momente. Momente wie diese: Einmal begannen bei einem Großstadtlauf die Glocken zu läuten. Es war Frühling, die Sonne schien, die Strecke führte über einen breiten, festlichen Platz. Erste Zeichen von Erschöpfung waren schon spürbar geworden, es mag ungefähr auf der Hälfte der Strecke gewesen sein. Und da plötzlich erklang vom Kirchturm Festgeläute, rollten die Glockenschläge in machtvollen Quinten und Quarten über den Platz, und es war, als gälten sie uns, die wir hier so mühsam liefen. Als meinten nicht nur die Glocken uns, mich, sondern als meinten uns auch das Licht, der Himmel, die harten Schatten. Alles ging mich an, ich war die Mitte von allem. Selten bin ich so sehr am richtigen Ort gewesen wie auf den paar hundert Metern über diesen Platz, durch die wie Meereswogen heranbrandenden Glockenklänge. Es war überirdisch. Ich war in einer Menge Menschen, wie in einem Traum mit allen und allem verbunden. Und gleichzeitig war ich völlig allein, so köstlich, so jubelnd alleine wie nie. Alle Eindrücke, die in diesem einsamen Selbst zusammentrafen, die Härte der Straße, der Schweiß, die ziependen Muskeln, die Rufe der Zuschauer, das schwere Rollen der Glocken, waren extrem scharf und klar. Als könnte man in die Mechanismen hinter der Bühne der Zeit blicken. Ich werde das niemals vergessen.

Und dann geht es endlich los. In Blöcken, gestaffelt nach Bestzeiten, damit schnellere Läufer sich nicht erst durch die Menge an Plebejern durchwursteln müssen. Zwei Gruppen starten vor mir, dann sind endlich auch wir dran. Die Startmatte fiept, wir laufen. Wir laufen tatsächlich, und rings um mich tönt das Getrappel von hunderten von Laufschuhen. Es ist wirklich ein grandios schöner Frühlingstag. Der Fluß glitzert, die fernen Hügel sind dunstverschleiert, die Schindeln auf den Kirchtürmen glitzern im Morgenlicht. Träge schiebt sich der Rhein an den Molen vorbei, strebt auf das neue Hochhaus am Südrand der Stadt zu, zwängt sich endlich zwischen die Hügel und verschwindet in einer verschleierten, leuchtenden Krümmung. Meine Stadt ist das, meine selbstgewählte Heimat. Gerührt sehe ich einem der Schiffe nach, die langsam gegen die Strömung stampfen. Indessen werden voraus, bei Kilometer 1 („Noch 41 km!“) die ersten Trommeln durch das Getrappel hörbar.
Trommeln, Trommeln. So kunstvoll, als könnten sie der Zeit selbst einen neuen Takt eingeben. Nach außen verlagerter Herzschlag. Der Sinn des Zeitstrahls selbst. Später, bei Kilometer 26 oder 27, werden mich diese Rhythmen für ein zwei Kilometer zurück in die Mühelosigkeit befördern. Tue ich es hierfür? Für ein paar Sekunden der Ekstase? Ist es das, was leidenschaftliche Tänzer fühlen, wenn sie ihren Körper der Musik überantworten und sich selbst dabei verlieren? Im Moment verliere ich mich nicht, im Moment bin ich noch voller Startadrenalin, habe meinen eigenen Rhythmus noch nicht gefunden. Ich beschließe, Gas zu geben, solange ich eben Gas geben kann, und zu schauen, wie weit mich das trägt.

Nur der Mensch ist stolz
Nirgends sonst wird das Dilemma des Menschen so eklatant deutlich wie am Nützlichen. Über den Ärmelkanal schwimmen, den Everest besteigen, zu Fuß den Antarktischen Kontinent / die Wüste Gobi / Australien durchqueren, mit einer Jolle über den Atlantik fahren. Oder eben: 42 km laufen. Oder, wenn das nicht genug ist, 63. Oder 84. Oder 100. Das Wort „genug“ ist hier wichtig. Wäre irgend etwas je genug, davon bin ich überzeugt, dann wären wir jetzt nicht hier, vor uns drei bis vier Stunden Quälerei. Aber der Mensch ist ein Wachstumswesen, das ist seine hervorstechende Eigenschaft: Daß es ihm eben nicht genug ist, nichts, nie. Nur der Mensch ist stolz. Nur der Mensch hat eine Lebensgeschichte, eine Biographie. Nur der Mensch sammelt Siege und Erfolge. Das ist manchmal sein Fluch. Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles dichtete Rilke, und er meinte es aufs Insgesamt des Lebens bezogen. Das ist natürlich miesepetriger Unsinn. Krankheiten übersteht man, Hungersnöte, mündliche Prüfungen, Zahnbehandlungen. Das Leben überstehen wir sowieso nicht. Wir halten es höchstens eine Weile aus, der eine länger, der andere kürzer. Und bis dahin geht es sehr wohl um den Sieg, oder besser, ums Siegen. Oder wenigstens um den ehrenvollen Versuch. Und ums Spiel, wo der Ernstfall nicht verfügbar ist oder aus dem Leben ausgemerzt wurde, aber die Abstraktion des Spiels, sein Imitationscharakter, sein Als-ob bedeutet eben auch, daß es, vom Ernstfall her kommend, sinnlos erscheinen muß. Was wir hier tun, ist ein Spiel. Es ist die Simulation eines wie auch immer gelagerten Ernstfalles. Der fehlende Ernstfall will aber möglichst lebensecht gespielt werden. Lebensecht ohne Schmerz oder Angst oder beides, das ist nicht zu haben. Aller Sport ist im Grunde Simulation eines Ernstfalls. Seine Probe, könnte man sagen, oder sein Ersatz. Imitat einer echten Jagd, einer Schlacht, eines Kampfes. Ein Bild, in dem wir uns als Helden in Positur werfen können, ohne gleich alles riskieren zu müssen.

Ich finde mein Tempo, 5:05 bis 5:11, ich bemühe mich, nicht langsamer zu werden. Im Training laufe ich nie schneller als 5:30, aber hier ist alles anders, hier gilt’s. Kein schau’n wir mal, sondern jetzt. Die Streckenführung ist allerdings ziemlich dämlich. Offensichtlich wird es immer schwieriger, eine Innenstadt abzusperren, immer mehr Stadtläufe beschränken sich auf einen 21-km-Rundkurs, der zweimal zu absolvieren ist. Nicht allein das, die Strecke führt erst einmal durch eine Vorortsiedlung aus lauter Einfamilienhäusern hinaus, zu einem Wendepunkt und wieder zurück zur Brücke. Interessant wird es erst ab Kilometer 8, dann führt die Strecke bis zum Posthochhaus und ehemaligen Regierungsviertel am Fluß entlang. Und das ist heute, mit der jungen Sonne im Gesicht, besonders schön.

Spaß
Man könnte sich natürlich darauf zurückziehen, daß Laufen Spaß macht, und Spaß keine Begründung braucht. Es geht aber nicht darum, ob das hier Spaß macht. Spaß ist relativ. Nachlassender Schmerz macht Spaß, Schmerzlosigkeit ist eher gleichgültig. Befriedigung von Bedürfnissen macht mehr Spaß, wenn das Bedürfnis durch Entbehrung gesteigert wird. Kontraste machen Spaß. Leistung macht Spaß. Stolz macht Spaß. Erinnerungen machen Spaß. Wenn ich als Kind etwas sehr wollte, zum Beispiel ein ausgefallenes Faschingskostüm, sagte meine Mutter, wenn man dich zwingen würde, etwas so Unbequemes zu tragen, würdest du dich weigern. Das eigene Bett ist wunderbar bequem, trotzdem zieht es manche Menschen von Zeit zu Zeit in ein unbequemes Zelt. Irgendein Gewinn muß in jedem Fall dabei sein, sonst würde man es nicht tun. Alles, was wir freiwillig tun, hat einen Zweck, sonst käme uns unser Tun völlig zufällig vor, es hätte keine Absichten, es geschähe uns nur. Niemand quält sich freiwillig nur um des Quälens Willen. Auch Masochisten nicht. Der Masochist würde sich nicht quälen lassen, wenn er davon außer Schmerz keinen Gewinn hätte. Der Gewinn liegt hinter der Quälerei, die Quälerei ist nur Zweck. Sprechen wir also nicht von Spaß. Oder vielleicht gerade doch?

Optidingsbums
Von Spaß ist ja außerhalb der Werbung eher selten die Rede, von Genuß ganz zu schweigen. Allenthalben wird ja nur noch nach Nützlichkeit gefragt, nach Performance und Effizienz, wird evaluiert und optimiert und jeder Lebensbereich Zwecken untergeordnet, die seltsam außerhalb liegen. Lesen fördert alle möglichen als wünschenswert erachteten Fähigkeiten beim Schulkind, nur ob es Spaß macht oder ob die Lektüre dem Leser bereichernd vorkommt, danach fragt keiner. Ein Musikinstrument zu erlernen ist sinnvoll, nicht, weil Musik eine Bereicherung ist und Freude schenkt, sondern weil Musizieren die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit sowie die Teamfähigkeit fördert. Aus ähnlichen Gründen, heißt es, sei es wichtig für Kinder, Fußball zu spielen. Es ist naheliegend, auch für das Laufen eine Liste positiver Effekte aufzuzählen, vornehmlich gesundheitlicher Art, und Gesundheit ist bekanntlich das allerallerwichtigste, der Körper immer optimierungsbedürftig, ja eigentlich optimierungspflichtig. Sie glauben doch nicht etwa, daß Ihnen Ihr Körper gehört? Sie haben ihn sich nur von den Versicherungen und ihrem Arbeitgeber geliehen, merken Sie sich das. Also, eine Liste. Von Gelenken, die weniger anfällig für Arthritis werden, über Stoffwechsel und Gewicht, Immunsystem und Blutdruck bis zu den notorisch angeführten Herz- und Gefäßerkrankungen, die es mittels sportlicher Aktivität zu vermeiden gelte. Alles schön und gut, aber wenn die Vermeidung von Herzerkrankungen schon kein Grund ist, das Rauchen bleiben zu lassen. wieso sollte es dann ein Grund sein, mit dem Laufen anzufangen?

Es ist auch klar, daß sich in einer Gesellschaft, die einerseits jede menschliche Betätigung der Nützlichkeitsprüfung unterwirft, wo man selbst im Bett nicht in Ruhe gelassen wird, indem der medizinische Nutzen von Sex oder Masturbation herausgearbeitet werden, andererseits aber die Antwort nach dem letzten Grund all der Nützlichkeit, nämlich so etwas wie einem Sinn, schuldig bleibt, daß sich in einer solchen Gesellschaft gegens Nützliche ein Widerstand regt, der sich in leidenschaftlicher Hingabe an vermeintlich Sinnloses, an Schabernack, an Spiel, an Kunst, an absurdes Theater ausdrücken kann – oder eben in Betätigungen wie Bergsteigen, Marathonlaufen, Bungeespringen auslebt. Karneval ist auch so etwas. Subversives Ausbrechen aus der Nützlichkeit und Zweckgebundenheit. Und ist es ein Zufall, daß die Dada-Bewegung ausgerechnet dann aufkam, als die europäischen Gesellschaften dazu aufbrachen, sich endgültig und allumfassend durchzumilitarisieren und -industrialisieren? Das Sinnlose ist ein wichtiges Gegengewicht zum Totalitären der Nützlichkeit und neigt dazu, sich überall dort Bahn zu brechen, wo das Nützliche sich anschickt, zum Selbstzweck zu werden. Wie heute überall in den westlichen Gesellschaften, wo es sich durchaus als Unterdrückungs- und Gefügigmachungsinstrument eignet.

Aber dafür laufe ich nicht. Nicht aus Protest, nicht um mich der Nützlichkeit zu entziehen. Schon allein deswegen, weil das sinnlose Laufen dann einen politischen Zweck hätte, also wieder nützlich wäre. (Die Frage ist, wozu. Die Frage ist auch, ob es echt Sinnloses überhaupt gibt.) Ich laufe nicht, weil Laufen subversiv wäre, ich laufe aber auch nicht, weil Laufen nützlich wäre. Ich laufe nicht, weil Laufen gut wäre. Ich laufe, weil Laufen weniger schlimmer ist, als es nicht zu tun. Was aber genau vermeide ich, wenn ich laufe? Ich weiß es nicht.

„Ach was, ein Spaziergang“
Vom Ufer weg, am Regierungsviertel mit den Hochhäusern vorbei, weiter auf einer abgeriegelten Ausfallstraße. Guter Belag, schnelle Piste, aber malerisch ist anders: Ein breites Asphaltband liegt zwischen Grünstreifen. Autobahnzubringer queren mit dröhnendem Schattenwurf. Dahinter verwalten Ampelanlagen blinkend die leeren Kreuzungen. Zuschauer sind hier draußen aus naheliegenden Gründen nur spärlich vertreten. Dafür kommen die ersten schon wieder zurück. Noch ein Wendepunkt, aber bis dahin zieht es sich. Der Rhein ist nicht mehr zu sehen, eine Autobahn dröhnt, in den Rabatten lagern träge Frühlingsanbeter. Wie recht sie haben! Kilometer 15. Da fangen die ersten an zu stöhnen, zu spucken und zu schnaufen. Erfahrungsgemäß ziehen sich die Kilometer zwischen km 15 und der Hälfte am meisten, und heute ist keine Ausnahme. Museumsmeile, Bundesstraße 9, in der Tiefe der Straße ist das Schloß und der Startbereich zu sehen. Da noch hin, und dann den ganzen Bogen noch einmal.

Aber so darf man nicht denken. Man muß denken: „Es sind ja nun nur noch gute zwanzig Kilometer, das läufst du doch unter der Woche vorm Frühstück zum Wachwerden. Und eigentlich sind es ja nur noch neunzehn komma. Eigentlich nur noch achtzehn. Das ist ja nur unwesentlich mehr als fünfzehn. Also ein längerer Spaziergang.“ Tatsächlich sind das noch anderthalb Stunden, wenn das Tempo weiter so runtergeht, aber solche Gedanken muß man sich verbieten. Schlechte Gedanken machen langsam, rauben Kraft, ermüden, verstärken den Schmerz, dehnen die Zeit. Für die zweite Hälfte ist meine Strategie: Gedichte rezitieren. Die Kraniche des Ibykos, die ich mal in der Schule auswendig lernen mußte, dreiundzwanzig Strophen zu je acht Versen, ich kann sie noch immer. Fast. Denn plötzlich fällt mir auf, da fehlen vier Verse. Ich sage mir den Rest der Ballade auf, fange noch einmal von vorne an, Zum Kampf der Wagen und Gesänge / der auf Korinthus’ Landesenge … , aber nach des Sängers Schläfe zu umwinden / umstrahlt von seines Ruhmes Glanz fallen mir die ersten vier Paarreimverse der nächsten Strophe nicht mehr ein. Doch über solchen Grübeleien sind zum Glück die nächsten drei Kilometer vorbeigeflogen, ohne daß ich es gemerkt hätte. Also nur noch zwölf Kilometer? Leider nicht, fünfzehn, jetzt erst, die hatte ich mir vorhin ja nur schöngerechnet, als es tatsächlich noch achtzehn waren. Solche leidvollen Erkenntnisse machen den Läufer gleich mal zehn Sekunden pro Kilometer langsamer.

Noch einmal trinken. Ich schnappe mir einen Pappbecher mit Wasser, einen zweiten mit Cola, trinke abwechselnd aus beiden, schütte zuletzt einen Rest Wasser in einen Rest Cola. Runter damit, ich hab Durst. Verdammt, hab ich einen Durst. Gehpause, aber selbst im Gehschritt gelangt ein Viertel der Flüssigkeit nicht in den Mund, sondern auf Säuglingsart großzügig auf den gesamten Oberkörper. Egal. Zuviel Flüssigkeit im Bauch verursacht, vor allem, da gerade kein Blut für Verdauungstätigkeit zur Verfügung steht, Bauchschmerzen und Übelkeit. Mancher Lauf ist nach dreißig Kilometer zu Ende, wenn der Läufer vornübergebeugt am Streckenrand steht und eine Cola-Wasser-Maltodextrin-Mischung in den Straßengraben spuckt.

Immer wieder hört man, die Strecke sei eigentlich zu lang. Dreißig, fünfunddreißig Kilometer sind die natürliche Grenze, so weit kommt ein normalgewichtiger Mensch bei gemäßigtem Tempo mit den körpereigenen Glykogenreserven in Leber und Muskulatur. Glykogen ist ein Speicherstoff für die schnelle Energiebereitstellung in Form von Glucose. Muskelzellen können mit Glucose als Energieträger arbeiten, oder mit Fett. Glucose braucht aber weniger Sauerstoff, die Energiebereitstellung ist schneller. Dafür sind die Reserven begrenzt, und die Energiedichte ist geringer. Fett steht für praktische Belange unbegrenzt zur Verfügung und hat eine enorme Energiedichte. Aber die Bereitstellung ist mühsam und der Sauerstoffbedarf hoch, was sich im Laufe anhaltender Belastung dadurch bemerkbar macht, daß die Leistung rapide abnimmt, wenn der Körper von einer Mischverbrennung aus Glucose und Fett zur reinen Fettverbrennung übergehen muß. Man nennt diesen Punkt im Lauf den „Mann mit dem Hammer“ oder auf Englisch auch „the wall“. Will man dieses Phänomen vermeiden, muß man während des Laufs Kohlenhydrate zu sich nehmen, eine Mischung aus kurz- bis mittellangkettigen Polysachariden, die einerseits den Blutzuckerspiegel nicht allzu stark emporschnellen lassen (was durch den anschließenden rapiden Abfall katastrophal wäre), deren Energie andererseits aber nicht erst am Abend nach dem Lauf zur Verfügung steht. „Nahrung zu sich nehmen“ klingt leichter als es getan ist. Ein Lauf von 42 Kilometern in vier Stunden verbraucht bei einem Körpergewicht von 75 kg etwa 4000 Kalorien. Ein Stück Würfelzucker hat 12. Haben Sie schon mal hundert Gramm reinen Zucker zu sich genommen? Dann hätten Sie ein Zehntel des Bedarfs eines Marathonlaufs gedeckt. Zum Glück ist das Problem dadurch abgemildert, daß bei leichter bis mittelschwerer Belastung die Muskulatur Fett und Zucker in gleichen Teilen verbrennt. Trotzdem ist es unmöglich, mehr als nur einen kleinen Teil der verbrauchten Kohlenhydrate während des Laufs aufzustocken. Denn man setzt sich ja nicht gemütlich hin, um einen Teller Pasta zu verspeisen. Man läuft. Man ißt und läuft dabei. Der Oberkörper wackelt. Der Sauerstoffbedarf ist höher als am Mittagstisch. Man muß Atmen und Schlucken irgendwie koordinieren. Kurz, Essen während des Laufs ist unbequem, anstrengend und nervtötend. Vom Geschmack eines Energiegels zu schweigen. Weshalb ich es normalerweise lasse. Bei meinem Körpergewicht reichen meine Glykogenreserven für die volle Strecke – knapp.

„Und wozu soll das gut sein?“
Indessen fühlt es sich aber nicht danach an. Ich werde langsamer, die Zeit überholt mich. Unter zehn Kilometer noch, normalerweise befällt mich an diesem Punkt ein vorauseilendes Hochgefühl. Heute nicht. Heute muß ich mich von dem Traum verabschieden, unter 3:40 zu bleiben. Ich versuche zu berechnen, wie schnell ich den Rest laufen müßte, um es noch zu schaffen, aber mein Gehirn ist zu umnebelt, ich kann mich auf einfachste Aufgaben nicht mehr konzentrieren. Ich kann nur noch eins: weiterlaufen. Und auch das nicht mehr besonders flink. Ich weiß aber auch so: 3:39:59 ist nicht zu schaffen.

Es fällt schwer, etwas so Zeitraubendes, Anstrengendes, Schmerzhaftes vor anderen zu rechtfertigen, wenn man damit nicht einmal Erfolg hat. Und Erfolg, daß heißt natürlich: Sieg. Am besten, man verdient sein Geld damit, dann braucht man gar nichts weiter zu begründen. Geld ist die Begründung für alles, die beste Erklärung für vieles, und für manches die einzige, die verstanden wird. Außer der Gesundheit natürlich. Ich muß ja laufen, ich lebe davon. Ich muß laufen, der Arzt hat es angeordnet. Ach so, ja dann! Dafür müßte man dann nicht einmal Erfolg haben. Ja, man dürfte sogar jammern und würde noch bemitleidet. Also wieder eine dieser Tätigkeiten, vom Klavierspielen übers Schreiben bis zum Malkurs an der Volkshochschule: Ich tu’s ja nur für mich, einfach so, ohne Anspruch. Ich finde das, ehrlich gesagt, lächerlich. Warum sollte ich etwas ohne Anspruch tun? Warum sollte ich beim Mittelmäßigen stehenbleiben?

Und so blicke ich auf von mir so genannte Spaß- oder Freizeitläufer verächtlich herab. Auf Schönwetterläufer, auf Einfach-nur-so-Sportler. Auf stöckeschwingende Spaziergänger, die eine ganz normale Hunderunde zum Walking veredeln. Bluthochdruck kriege ich auch angesichts von Schönwetterschwimmern, die bei Sonnenschein in eitlem Zeitvertreib vor sich hin dümpelnd das Becken bevölkern, während ich, verdammt, Sport machen will. Freie Bahn gefälligst, für Leute, die es ernst meinen. Und da sind wir schon wieder beim Ernst.
Ich spiele nicht. Nie. Was immer ich anfange, tue ich in vollem Ernst. Das ist, wenn Erfolge ausbleiben, schwierig zu vermitteln. Man gerät in Rechtfertigungszwänge, wenn man der Freundin absagt, weil man lieber laufen will. Oder wenn mehrere Stunden des gemeinsamen Wochenendes mit Laufen belegt sind. Wie vermittelt man den erfolglosen Ernst, mit dem man sich dem Laufen widmet? Wie erklärt man ihn Menschen, für die diese Tätigkeit allenfalls unter der Aussicht echten Erfolges, unter der Aussicht des Sieges also, Sinn hätte?
Genauso ist es mit dem Schreiben. Ich schreibe nicht „nur für mich“ oder „einfach nur so“, das Schreiben ist mir bitterer Ernst, Lebensernst. Auch ohne Erfolg ist es mir ernst. Ich ziehe mich nicht, wie die Volkshochschulbesucher, darauf zurück, gar keinen Erfolg anzustreben, im Gegenteil. Keinen Erfolg haben zu wollen, würde bedeuten, es nicht ernst zu meinen. Von außen betrachtet, aus der Sicht derer, die seit Jahren darauf warten, daß da mal was herauskommt bei meiner Schreiberei, ist dieser Ernst völlig unangebracht, die Mühe verschwendet. Ich verrenne mich. Ich jage einem Phantom hinterher. Es gehört nicht mehr zu den allgemein gebilligten Lebenshaltungen, sich für etwas Unerreichbares aufzureiben. Man sucht sich nicht etwas, womit man Erfolg haben will, sondern das, womit man wahrscheinlich Erfolg haben wird. Ein gelingendes Leben bemißt sich heute nur am meßbaren Erfolg. An Studienabschlüssen, an sogenannten Jobs, an Publikationen. Am Einkommen, natürlich, an der Quadratmeterzahl der Doppelhaushälfte. Ich finde das lächerlich, aber für die meisten dürfte ich der Fuchs sein, dem die Trauben zu sauer sind. Mein Lebenserfolg bemißt sich ausschließlich an dem Ernst, mit dem ich dranbleibe. Am Schreiben, am Laufen. Man darf, nein, man muß fragen, warum gerade diese? Erfolglos könntest du mit so vielem anderen auch sein. Warum spielst du nicht Schach? Oder studierst im hunderddrölfzigsten Semester Mathematik, ohne jede Aussicht, jemals den Abschluß zu schaffen? Du könntest auch ein erfolgloser Eiskunstläufer sein, scheitere doch dort mal, das ist mal was anderes.

Ernst also. Alles mit Ernst. Ernst wird es jetzt auch auf der Piste, und zwar ziemlich. Alles hüftabwärts tut weh und schreit nach Ruhe. Muskeln, die sonst nie bis zur Ermüdung beansprucht werden, zeigen mir ihre Existenz an, und sie tun es wehleidig: Bauch- und Rückenmuskulatur, die zwar nicht selber rennen, aber immerhin knapp vier Stunden Halte- und Koordinierungsarbeit leisten müssen. Einzelheiten vom Wegesrand blitzen im Tunnelblick auf. Jugendliche grillen an der Straßenböschung. Absperrkegel, dahinter der Verkehr. Ein merkwürdiger Bau, über den ich mal mit einer Freundin auf einem Spaziergang gestaunt habe. Das war hier, an dieser Kreuzung, vor zwei Monaten, und in diesem Augenblick scheint es ein anderes Zeitalter zu sein. Ich kann nicht mehr denken, ich schaffe es nicht mehr, mich auf Gedichte zu konzentrieren, ich laufe, als ob ich darüber staunen müßte, daß ich es noch kann. Noch einmal trinken, klapper, klapper, klapper fallen die ausgetrunkenen Plastikbecher über den Asphalt.

Ein Anspruch also. Wem will man damit genügen, daß man sich hier quält? An welcher Meßlatte mißt man hier? Jeder halbwegs gesunde Mensch kann 42 km ohne Zeitvorgabe laufen. Die Kunst besteht darin, es in einer gegebenen Zeit zu schaffen. Nach dieser Meßlatte gehöre ich zum besseren Durchschnitt, mehr nicht. Gute Läufer schaffen die Strecke in drei Stunden, sehr gute auch in weniger, in diesem Bereich geht es in den Profisport, der Weltrekord liegt bei knapp über zwei Stunden. Das schaffen viele Menschen nicht einmal mit dem Fahrrad. Ich mit meinen läppischen 3:42 hingegen habe keinerlei Grund, auf irgendeine besondere Leistung zu pochen. Nur unter meinesgleichen darf ich auf Verständnis hoffen, also in Gesellschaft all der Freizeitläufer, die die Distanz in vier, viereinhalb oder gar in fünf Stunden schaffen, und es trotzdem immer wieder tun. Sie wissen, genau wie ich, daß sie niemals erster sein werden (außer vielleicht dereinst mal beim Rollatorlauf, veranstaltet vom Personal der Villa Regenbogen), und trotzdem tun sie es. Warum?

Grenzen
Es könnte mit der Erfahrung von Grenzen zusammenhängen. Wann erleben wir in der heutigen Zeit je die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit? Elementarer noch als das Messen an der Leistung anderer scheint mir das Ausloten dessen zu sein, was der eigene Körper kann. Es versteht sich, daß diese Lotung mit Schmerz verbunden ist. Grenzen sind Gefahr, ihre Überschreitung hätte Schäden zur Folge. Daher warnt der Organismus rechtzeitig: Durch Schmerz und Erschöpfung legt er uns eine Pause nahe. Das Schwierige ist nun, diese Signale zu ignorieren, weiterzulaufen, obwohl jede Körperzelle danach schreit, endlich stehenzubleiben. Grenzen sind eine Frage des Willens, und, ist der Wille stark genug, eine Frage des Schadens, den man bereit ist, zu riskieren. Wer nie auch nur in die Nähe seiner Grenzen gelangt, könnte man sagen, kennt sich nicht selbst. Ein Gang an die Grenzen ist ein Akt der Selbsterkenntnis und damit auch der Selbstbehauptung, der Selbstvergewisserung, der Selbständigkeit, eine Steigerung des Bewußtseins des eigenen Körpers, und, über dessen Grenzen, der eigenen Kraft, aber auch des eigenen Willens. Wieviel ist mein Wille wert angesichts von Schmerz und Erschöpfung? Die eigenen Grenzen auszuforschen ist eine Erkundung von Räumen, die die meisten Menschen ja nie betreten. Man kann sich natürlich fragen: Warum sollten sie auch?

Vielleicht darum: Zum Erkunden von Grenzen gehört auch der Reiz, sie auszudehnen. Erfolg muß nicht immer heißen, Sieger zu sein. Erfolg kann sein, sich aus einem japsenden Fleischkloß, der nach fünf Kilometern aufgeben muß, innerhalb von zwei Monaten in ein gestähltes Bündel aus Nerven, Knochen, Muskeln zu verwandeln, das nach zwanzig Kilometern immer noch weiterlaufen kann. Manchmal höre ich mir geduldig die Klagen von Leuten an, die sich für unsportlich halten. Wie gern, höre ich dann, würde man auch fit sein! Aber nach zwanzig Minuten Laufen habe man keinen Atem mehr. Zwanzig Minuten! Erstlich gehört schnellere Atmung zum Laufen dazu, ebenso wie das Schwitzen. Man nennt das Sport, und wer nicht gern schwitzt, sollte Angeln gehen oder Schach spielen. Außerdem steigt die Atemfrequenz nicht, wenn die Belastung einförmig bleibt. Es geht ja nicht darum, zwanzig Minuten zu sprinten. Aber davon ganz abgesehen, zweitens: Nach zwanzig Minuten ist man ja überhaupt erst warm. Der eigentliche Lauf beginnt erst nach ungefähr einer halben Stunde. Würden diese Leute einfach weiterlaufen, würden sie merken, wie es immer leichter geht. Aber diesen Punkt erreichen die meisten 20-min-Läufer niemals, weil sie weit vorher aufgeben, bevor es interessant wird, vor allem die, die nur auf ärztliche Verordnung laufen, oder weil Januar ist und die Zeitschriften voller Abnehmtips sind. Oh, keine Frage, man kann prima abnehmen, indem man läuft. Es aber nur aus diesem Grund zu tun, obwohl man ansonsten keine Freude daran hat, na ja, das ist ein bißchen so, wie Sex zu haben, um das Risiko für Herzerkrankungen zu senken, das stelle ich mir auch etwas freudlos vor. Ich selbst gehe ja auch nicht Gewichte stemmen. Oder fahre Rad. Oder mache Yoga. Auch nicht, wenn es mir ein Arzt verordnen würde. Selbst nicht, wenn eine Zeitschrift behauptete, damit könne man Haarausfall heilen. Nicht, weil ich nicht daran glauben würde – sondern weil es mir nicht den geringsten Spaß machen würde. Also doch wieder Spaß? Aber verdammt, macht das hier Spaß? Das kann doch nicht sein!

Quintus Horatius Flaccus
Und dann: Sollte man nicht jederzeit an sich arbeiten? Künstlerisch, moralisch, spirituell, somatisch? Sollten wir uns nicht jederzeit bemühen, bessere, tüchtigere, nützlichere und über die Nützlichkeit und Tüchtigkeit glücklichere Menschen zu werden? Ist Gebrauchtwerden nicht eine Form von Glück und wird der Brauchbare Mensch nicht dringlicher gebraucht als der unbrauchbare? Ist es nicht eine Form von Glück, etwas zu können? Und sei es auch etwas so Sinnloses wie die Marathonstrecke zu laufen! Und ist schließlich dieses Bemühen nicht von dem, was wir allenfalls erreichen können, ganz unabhängig zu bewerten? Auch wenn wir keine Mutter Teresa und kein Albert Schweitzer sind – sollten wir dann nicht trotzdem ständig daran arbeiten, na ja, gute Menschen zu sein? Oder tüchtige Menschen? Sollten wir uns nicht bilden und unseren Verstand schärfen, auch wenn wir nicht darauf hoffen dürfen, ein zweiter Albert Einstein oder Sherlock Holmes zu werden? Sollten wir nicht so stark, so schlau, so gut werden, wie es unsere Anlagen hergeben: das Beste von uns fordern, alles, was wir geben können? Auch wenn wir keine perfekten Pädagogen sind, werden wir unsere Kinder so gut erziehen, wie wir nur können. Soll ich also nicht laufen, so gut ich kann, auch wenn ich nie ein zweiter Haile Gebrselassie werde? Schreiben, so gut ich kann, auch wenn die Leistung eines Mann oder Faulkner nicht in mir ist? „Auch wenn du nie die Sehschärfe eines Lynceus erreichen kannst“, schreibt der römische Dichter Horaz, „so wirst du doch dein Auge salben, wenn du eine Bindehautentzündung hast“. Horaz war einer der ersten Selbstoptimierer, könnte man sagen. Um es mit einem anderen Dichter auszudrücken: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“

Aber die Forderung, besser zu scheitern, gehört zu einer Geisteshaltung, die zu Recht von dem etwas genervten Spruch: Alles wird besser, nichts wird gut kritisiert wird. Oder auch: Das Bessere ist der Feind des Guten. Wer aber Verbesserung fordert, sollte gleich dazusagen, mit welchem Ziel er das tut, andernfalls man bis zum Sankt Nimmerleynstag verbessern, neudeutsch: optimieren kann und auch muß, eine unendliche Forderung, eine unendliche Anstrengung, quasimoralisch, quasireligiös. Du bist schlecht und sündig, du mußt ständig gegen dich selbst und deine verdorbene Natur kämpfen, unablässig an dir arbeiten, aber glaube ja nicht, daß du es je schaffen wirst! Schaffen, was soll denn das heißen? Daß du ein guter Mensch wirst, endlich? Vergiß es! Schon die Freude über einen winzigen Teilerfolg gegen die Sünde ist bereits eine neue. – Das ist Totalitarismus. Der Erfolg liegt in einer unbestimmten Zukunft. Unsere Ur-Enkel werden den Erfolg der absurden Fünf-Jahres-Pläne ernten. Im Jenseits wirst du die ewige Glückseligkeit erlangen, wenn du nur genug bereust, daß du gegen die Sünde nicht angekommen bist. Denn natürlich hast du dich nicht genug angestrengt, niemals. (Und bis dahin, bis zum transzendenten Erfolg, schufte gefälligst für uns, das System.)
Der Sieg, mein unerreichbarer Sieg gegen tausend weitere Läufer, ist er die Sündenfreiheit, die ich niemals erlangen werde. Ist die Ziellinie eine Art von Absolution?

Zen
Ich stemme keine Gewichte, ich spiele kein Klavier. Ich könnte so vieles, vielleicht, aber ich behalte mir einstweilen vor, zu tun, was mir Spaß macht. Also doch Spaß? Macht das Spaß, gegen die Zeit anlaufen und wissen, man wird verlieren? Oder gibt es doch so etwas wie selbstbelohnendes Tun, auch ohne Spaß? In Axel Brauns Buch Buntschatten und Fledermäuse gibt es eine schöne Episode, wo es um die von außen betrachtet erbärmlichen Fortschritte des (an Autismus erkrankten) Erzählers im Flötenspiel geht. Als endlich auffliegt, daß der Schüler in zwei Jahren Unterricht praktisch nichts gelernt hat, wollen ihn die Eltern aus dem Unterricht nehmen. Für den kleinen Axel eine Katastrophe. Seine Eltern, schreibt er, hätten nicht verstanden, worum es bei dem Flötenunterricht eigentlich gegangen sei. Nämlich um die gleichbleibende Struktur des ganzen Ablaufs, vom Hinweg über die eigentliche Unterrichtsstunde bis zum Abgeholtwerden und zum Rückweg, eine Struktur, die Halt gibt, Periodizität aufweist, vertraut ist; und in der das Kind sich wohlfühlt. Das Zuhausesein in Strukturen, Abläufen, Prozessen. Das Tun als etwas, das sich Minute für Minute selbst belohnt.

Belohnt sich diese Schinderei aus heißem Atem, Schweiß, wundgeriebenen Hautstellen, schmerzenden Muskeln und Gelenken, belohnt sich diese Tortur, die aufrechtzuerhalten man alle Willensstärke braucht, wirklich selbst? Aber wenn es hier nichts zu gewinnen gibt, was bleibt sonst, als die Belohnung im Tun selbst zu suchen? In der Belohnung, es geschafft zu haben? Ich werde langsamer und langsamer. Am Straßenrand Narzissen, ich sehe sie kaum. Zwei Mädchen schlendern vorbei, unbeteiligte Spaziergängerinnen. Die Mädchen sind hübsch, in ihrem Haar fängt sich Sonnenlicht, ich habe keine Kraft, es zu bewundern, obwohl ich die Schönheit registriere. Wie gerne wäre ich jetzt auch unbeteiligt. Würde mich zu den hübschen Mädchen ins Böschungsgras setzen. Wie würden sie mich wohl wahrnehmen, einen wundgelaufenen, naßgeschwitzten Mann, nicht mehr ganz jung und in diesem Moment ganz gewiß nicht wohlriechend. Warum macht der das, was will sich dieser Halbgreis noch beweisen? Ist das einer von diesen Midlife-Crisis-Patienten, die es noch einmal krachen lassen wollen? So sehe ich mich plötzlich mit den fremden, schönen Augen, und komme mir unendlich peinlich vor.

Laß die doch denken, was sie wollen. Ich werde jedenfalls nicht aufgeben, niemals, Midlife hin oder her. So kurz vor dem Ziel, das wäre ja lächerlich. Aufgeben bedeutet: Ich kann nicht mehr. Davon kann keine Rede sein. Ich hätte es jetzt nur gern hinter mir. Zum zweiten Mal taucht in der Tiefe der Adenauerallee das Schloß auf. Museum König. Auswärtiges Amt. Gleich um die Ecke wohnt eine ehemalige Nachhilfeschülerin von mir. Ich forciere das Tempo, und erstaunlich: es geht. Es geht, weil ich die Entfernung unterschätze. Es sind noch zwei Kilometer. Das Ziel ist nicht, wo ich es vermutet habe, sondern eine weitere Runde durch die Innenstadt entfernt. Dichter jetzt die Zuschauer, lauter das Rufen und Klatschen. „Das sieht noch gut aus!“ ruft mir jemand zu, und ich denke, du hast keine Ahnung.

In diesen Momenten, gegen Ende der Strecke, vergleiche ich oft Entfernungen. Bei Kilometer 30 etwa denke ich, noch zwölf Kilometer, Moment, das ist von zu Hause hoch zur ehemaligen Kiesgrube, über die Roisdorfer Hufebahn in den Wald zur breiten Allee, eine Abzweigung weiter und über den Kamelleboom zurück. Ich versetze mich in eine völlig andere Laufsituation und versuche, aus dieser oft geübten Situation Kraft und Zuversicht zu ziehen. Denn allermeistens, wenn ich laufe, geht es nicht um die Marathonstrecke, nicht um den Wettkampf, nicht um Training, nicht um Sport, sondern: ums Laufen.

Etwas ganz anderes, anderswo
Laufen. Um sechs Uhr früh durch den erwachenden Wald. Es wird eben hell, das junge Grün der Bäume quillt aus der Fläche des Dunkels, marmoriert vom Weiß der blühenden Schlehen und Weißdornsträucher. Auf der Schulter balanciert man noch einen Viertelmond, während hinter den Hecken das erste Rebhuhn knarrt. Die Wege sind wie verebbendes Kielwasser sehr langsamer Schiffe, die längst heimgekehrt sind in ihren Tageshafen. Ein Gewebe von Stimmen durchwirkt die Räume des Waldes, Amsel, Singdrossel, Meisen, Rotkehlchen, Grasmücken. Die Luft ist kühl und transparent wie gespannte Haut, in den Pfützen liegen satte Schatten, überall riecht es nach Frieden. Laufen, ohne zu denken, laufen, und dabei intensiv denken, laufen, und dabei nichts, aber gar nichts wollen. Eine halbe Stunde später geht die Sonne auf, ein gestelztes Flimmern zwischen nachdenklichen Stämmen. Mäuse rascheln. Rehe bellen verhalten in der Tiefe des Unterholzes. Ich bin allein, der Morgen gehört sich selbst, so begegnen wir uns, der Tag und ich. Meine Stoppuhr ist mir egal. Die Geschwindigkeit ist mir egal. Die Kilometer sind mir egal, Hauptsache, ich muß noch lange nicht wieder nach Hause. Freude, Freude ist das. Kein Spaß, Freude. Die Freude, in der Welt zu sein und laufen zu können und nichts anderes zu wollen als das, was jetzt ist: Diesen Wald, diesen Weg, diesen Nebelstreif, diesen Tau auf den geschlossenen Köpfen der Buschwindröschen, diese Sonne, diesen Himmel, die wechselnden Geographien der Luft, und dieses Ich, in dem sich das alles trifft.

Jetzt aber hier
Aber weder Spaß noch Freude sind Begriffe, die das hier, am Ende der Zweiundvierzig Kilometer, an ihrem harten, unverhandelbaren, brutalen Ende, erfassen können. Es geht hier nicht mehr um Spaß. Es geht ganz allgemein nicht mehr um so etwas wie gute oder schlechte Empfindungen. Sondern nur noch ums Empfinden. Es geht um Dinge, die weit jenseits von Freude oder Verdruß oder Jubel oder Schmerz liegen. Jammer, Ekstase, Tränen. Himmlisches Entzücken. Das Extreme in der Nähe des Selbst. Durch den Schmerz hindurchgehen, neu geboren werden. Eine Hülle abwerfen, ein abgelebtes, schmutziges, schwaches früheres Ich. Sengende Berührung von Engeln. Reinigung durch Feuer, Flammen, Eisen. Hitze, Fieber, Durst, Glut und Schweiß. Ausbrennen von allem, was unrein ist in dir. Schwitze alles Dunkle aus, allen Dreck, allen Eiter, alle Fäulnis, atme dich von allem leer, was klebrig ist und stinkend, laß allen Kot hinter dir, alle üblen Gedanken, alle Ängste, allen Ärger, alle Mißgunst, jeden Haß, laufe, laufe durch alles, was Böse ist in dir, einfach hindurch, laufe, laufe zum Licht, zur Erlösung, zur Reinheit, zur Liebe, stirb.

Und werde.

Und dann, ich weiß nicht wie, ist es vorbei. Um mich her wogt der Lärm des Sieges. Jeder, heißt es in einer Art Trostpflaster für die Plebejer des Laufens, jeder, der seinen Körper dazu gebracht hat, die Marathonstrecke zu laufen, ist ein Sieger. Und so wimmelt es hier im Zielbereich halt von Siegern, von schwitzenden, humpelnden, das Gesicht verziehenden Siegern. Von athletischen, pummeligen, jugendlichen, greisen, von strahlenden, grinsenden, zähnefletschenden, hohlwangigen Gewinnern, der DB-Schalterbeamte, die Fachverkäuferin für Damenwäsche und der ganze Rest, wir haben es geschafft, und genau so sehen wir aus. Würstchen zischen, Leute plaudern, vom Zielbereich her dringen unverständliche Lautsprecherworte und Musikgestampf herüber. Volksfest. Die Tulpen und Narzissen leuchten. Es riecht nach Grillkohle, nach Schweineschwarte, Bier, Butter und Waffelfett. Ich sitze im für Teilnehmer vorbehaltenen Bezirk auf einer Bordsteinkante und trinke mein alkoholfreies Weizen. Alles an mir schmerzt. In den Zehen pocht es. Es ist zwei Uhr, die Mittagssonne wärmt mir den verschwitzten Leib. Hinter den ergrünenden Kastanien hängt eine feuergesäumte Wolkenwand. Mein Gesicht fühlt sich steif an. Stimmen fliegen hin und her, Gesprächsfetzen: „Bei km 38 hab ich tatsächlich gedacht, ich schaff’s diesmal nicht …“. „Die zweite Runde kam mir härter vor, aber dann …“. „Das Wetter war ja schon fast zu warm, aber …“. So wird überall der Lauf bereits Geschichte, Erzählung, Anekdote, abgehakt, verklärt, verdichtet, verflucht. Wenige Bilder werden bleiben, Bilder, und das, was man sich jetzt hier erzählt, und was, richtig oder falsch, sich zu den jeweiligen persönlichen Legenden über diesen Lauf, als seine unverrückbaren Wahrheiten verfestigen wird. „Hast du solminore gesehen, der ist ja abgegangen wie eine Rakete!“ Ich horche auf, sehe mich um, aber dann hat es wohl doch niemand gesagt. Ich blinzle ins Frühlingslicht.
Es ist vorbei.
Vorbei.

Glücklich
Die Frage bleibt offen: Warum habe ich das gemacht? Warum mache ich das?
Ich erinnere mich an einen Moment, bei Kilometer 27 oder 28, beim Einbiegen zum Flußufer, wo ich dachte: Und wieder. Und wieder und wieder und wieder. Du wirst es wieder schaffen, wieder einmal. Du wirst wieder einmal nicht Sieger gewesen sein, und selbst wenn. Das würde dir auch nicht helfen. Du wirst nicht einmal besonders stolz sein, auf nichts. Du wirst erleichtert sein, daß du es geschafft hast, du wirst erleichtert sein, daß du es noch kannst, daß Krankheit, Alter und Verfall noch keine Macht über dich haben. Noch nicht. Und so wirst du eben weiterlaufen, weiterhumpeln, weiterkriechen. So gut du es eben kannst. So lange es noch geht. Vielleicht wirst du später mal für kurze Zeit bewundert werden, wenn du davon erzählst, vielleicht wird man dich dafür anstaunen, daß du ein paar Jahre lang regelmäßig Marathon gelaufen bist. Aber niemand, der es nicht selbst getan hat, wird wissen, wie es war; oder dich verstehen. Vielleicht wirst du bis dahin noch viele, viele Male über die Ziellinie laufen, durch die Gasse klatschender, pfeifender, jubelnder Menschen, die dir zurufen, daß du noch gut aussiehst, und für einen Moment wirst du dich der Illusion hingeben dürfen, daß ihr Jubel dich meint, dich. Vielleicht wirst du die 3:30 noch schaffen, bevor das Alter, die Kreuzschmerzen, die Arthrose, der geschrottete Meniskus, der Herzklappenfehler dich ein für allemal aus der Bahn kegeln. Und vielleicht wirst du sogar so etwas wie einen kurzen Triumph fühlen, wenn die RFID-Matte mit einem schrillen Pfeifen dein Transpondersignal abliest, deine Zeit abnimmt, und es wieder mal geschafft ist, zweiundvierzig Kilometer hinter dir liegen, einen kurzen Triumph, Sieger gewesen zu sein wenigstens über dich selbst, einen Triumph, den du vor Erschöpfung gar nicht richtig genießt. Vielleicht wirst du einmal mit Wehmut auf diese Zeit blicken, auf diesen Lauf, wo du dir nichts sehnlicher gewünscht hast, als daß es vorbei sein möge. Und dann wirst du genau diese Sehnsucht, diese Erschöpfung, dieses Ich-kann-nicht-mehr vermissen.
Nur eins wirst du niemals sein, weder beim Laufen noch danach.

Glücklich.

Und so sitze ich im Gras zwischen den lustigen Stimmen, bis in die Seele hinein erschöpft, entleert, Sieger über mich selbst, bis zur Niederlage besiegt.

15. April 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Langsam tasten die Vögel sich vor, prüfen die Gänge des Morgens, die Flöße des Regens. Flügge Laubklumpen, schnabelvoll hektischer Luft. Auf Nachbars Hausdach lauschen die Antennen.

Ins Nest zurückgekehrt: die Fenster an den geduckten Häusern. Kopfüber hängen sie schlafend am Putz.

Himmel ohne Stützen. Wind ohne Flügel. Bettdecken ohne Unterseite. Müde suche ich nach der Wurzel von Küssen. Als es zu regnen beginnt, bist du schon lange weg.

Frühprotokoll: Schlecht geträumt

7. April 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Morgenstunde. Ein Schlaf voller Fremdheit. Ein Schweben an Felsen, sturzbereit. Stimmen. Blütenränder, die wie Siegel in der Dämmerung liegen.

Unfertig der Morgen. Als rückten die Techniker im Verborgenen noch an den Kulissen herum. Unfertig auch die Träume. Schrille Schreie toter Insekten, gelbes Blut auf essigweißen Tellern, aufgeplatzte, geschwollene, geschundene Körperchen. Obwohl nichts mehr zappeln dürfte, zappeln die Beinchen immer noch.

Ich verschlafe das Kaffeekochen. Duft eines geduschten Körpers füllt den Raum, bevor ihn der Kaffeeduft füllt. Decke über den Kopf, bevor das Licht angeht.

Später Pläne, Verabredungen, Projekte. Ich habe für alles zuviel Zeit oder zu wenig, jedenfalls ist es die falsche Zeit, die falsche Stunde, ein Acker voller Disteln. Wie ein unfertiges Kreuzworträtsel widersetzt sich der Tag, geht vorne und hinten nicht auf.

Leer liegt die Wohnung, am falschen Ende des Kusses. Feder, Flaum und Schnabel. Gußform von Schreien. Blutleere Lüfte. Bäume nesteln an den Wurzeln, erheben sich, wechseln in die Arbeitskluft des Tages.

Frühprotokoll mit Streichern

6. April 2017 § Ein Kommentar

Im Radio einer meiner Lieblingsmoderatoren. Daniel Finkernagel erklärt, warum er neulich im Konzert fast gebuht habe. Es sei ein gemischter Abend gewesen, ein bißchen Komik, ein bißchen klassische Musik, ein bißchen Varieté, und das ganze zusammengehalten von einem Conférencier, der natürlich, das gehört sich ja so, die Mitglieder des auftretenden Streichquartetts folgendermaßen vorgestellt habe: „Erste Geige: … Zweite Geige: … Dritte Geige: … Cello: …

Gebuht hätte ich wohl auch nicht, aber gekichert hätte ich sicher. Weniger entrüstet als zufrieden darüber, daß es genügend Analphabeten auf der Welt gibt, von denen man sich großherzoglich unterscheiden kann.

Ich habe auch nie verstanden, warum man bitte Jugendliche oder bildungsferne Schichten oder sonstwen für klassische Musik erwärmen sollte. Gute Musik ist überall wohlfeil zu haben, es gibt keine anderen Hindernisse als den eigenen Anspruch an Kunst. Der Weg zu Streichquartett und Sinfonie ist frei, wer das nicht will, bitte schön. Die Konzertsäle und Opernhäuser sind auch ohne Krethi und Plethi voll. Allen Bemühungen aber, neue Hörerkreise für klassische Musik zu erschließen, haftet in meinen Augen etwas zutiefst Anbiederndes inne. Klassische Musik wurde an Fürstenhöfen ersonnen. Es ist Musik für Fürstenohren. Also bitte!

*****

Seltsam, wie man eine starke Abneigung oder Zuneigung gegen bestimmte Radiostimmen entwickeln kann. Es gibt einen Moderator meiner Lieblingssendung, den ich absolut nicht ausstehen kann, ich kriege Pickel im Ohr, wenn ich den höre. Es ist nicht einmal, weil er den Namen Poulenc wie Poulonc ausspricht, aber das macht es natürlich nicht besser.

Was mir ebenfalls Ohrenschmerzen bereitet, ist eine bestimmte Tonlage und Intonation, die vom WDR in letzter Zeit gern für Ankündigungen benutzt wird. Konzerte in NRW – die große Sommerreihe! Oder: WDR-Konzerte live erleben! Oder einfach nur: WDR3-Aktuell! (WDR-Sprech für „Nachrichten“). Es klingt immer so, als wolle die Sprecherin gleich noch ein jetzt nur einen Euro neunundneunzig! folgen lassen. (Falls hier jemand mitliest vom WDR: Ich bitte Sie inständig, ändern Sie das. Kultur ist kein Kräuterquark! Und verzichten Sie in der Kulturwerbung bitte auf die Vokabeln erleben, genießen und Event. Danke!)

Demselben so oft geschmähten Kultursender verdanke ich indes eine Empfehlung, die ich an Sie weitergeben möchte. Dorothee Mields und die Lautten Compagney spielen Liebeslieder von Henry Purcell. Unbedingt anhören!

Frühprotokolle. Muskelkater

1. April 2017 § 3 Kommentare

 
Der Morgen aufgestuhlt, ausgefegt, hallend von einem einsam tropfenden Wasserhahn. Aufgewacht mit einem fremden Socken am Fuß.

Vogelnamen aufzählen. Zungen archivieren. Wälder imaginieren, Hügel ins Flimmern bringen hinter den Wimpern des Forstes.

Wie ein müder Athlet streckt der Stiefel die Schnürsenkel von sich. Im Baum zählen die Raben ihr Beutegeld.

Das Wetter ein verrückter Einfall von gestern, der am Morgen absurd erscheint. Jetzt hängen wieder die Wolken über den leeren Bahnsteigen. Abgeknickte Schirme stecken den Kopf in Abfallbehälter. Die Forsythie hat einen schmutzigen Schuh aufgespießt.

Wie geht es weiter? Der Himmel riecht nach Flugzeugen. Die Braunelle zwitschert eine Endlosschleife aus Pausen.

Frühprotokoll. Sommerzeit

30. März 2017 § 2 Kommentare

 
Mit den Vögeln wach werden. Hausrotschwanz, Singdrossel, Amsel. Im Traum fliegen den Dingen wieder die Namen zu, Wolke, Weißdorn, Rauch, Kiesel, Weide, Gras. Der Tag ist wie ein kühler Ärmel, in den man fröstelnd schlüpft.

Hellere Wege. Was auch immer unter dem Winterlaub lauerte, ist jetzt fort. Die Sonne dreht eine Rose ins Schloß. Die Räume häuten sich und kehren die Fleischseite nach außen.

Als schwebten Fledermäuse langsam zu Boden, so kehren nach der nächtlichen Jagd die Bücherstapel zurück zum Tag. Der Fenstergriff, eine schwirrende Libelle, schwebt über den Schatten des Glases. Unter den Wolken indes breitet bequemer das Land sich aus.

Blinzeln des Rolladens. Die Kirschzweige im Fenster sind wie ein gekritzelter Gruß, den man am Frühstückstisch findet, wenn man zu spät erwacht.

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