Vorurteil

18. Januar 2017 § 3 Kommentare

An der Supermarktkasse schaut die Kassenkraft in den Einkaufswagen, bittet den Kunden, die darin befindliche Tasche ein bißchen anzuheben, öffnet kurz den Eierkarton.
Ein Kind, das von einer Wespe gestochen worden ist, läuft vor einer Schwebfliege davon.
Eine Versicherungsgesellschaft schließt aufgrund einer vorhergegangenen Psychotherapie einen Neukunden aus.
Ein Fahrkartenkontrolleur verlangt von jedem Fahrgast die Fahrkarte zu sehen.
Bei einer Autoversicherung zahlen Frauen einen geringeren Beitrag als Männer.
Ein Briefträger, der von einem Hund gebissen worden ist, macht fortan um Hunde einen großen Bogen.

Was ist allen diesen Fällen gemeinsam? Die Übergeneralisierung. Einige Kunden sind Diebe, einige Fahrgäste haben keinen Fahrschein – also werden alle Kunden, wird jeder Fahrgast kontrolliert. Eine kleine Maßnahme, die für den Preis, daß alle unter Verdacht gestellt werden, garantiert, daß auch alle relevanten Fälle abgedeckt sind. Nur wenige Psychotherapiepatienten entwickeln Störungen, die eine Versicherungsgesellschaft teuer kommen, aber wenn die Gesellschaft nach diesem Kriterium aussortiert, sind neben ein paar unauffälligen Patienten auf jeden Fall auch die teuren Fälle draußen. Nicht jedes gelbschwarz gestreifte Insekt verteilt schmerzhafte Stiche, aber wenn ich alle so gefärbten Tiere meide, werde ich garantiert nicht gestochen (jedenfalls nicht von gelbschwarz gestreiften Insekten). Das gleiche gilt für Hunde: Die wenigsten Hunde beißen, aber wenn ich alle meide, meide ich auch die bissigen. Manche Frauen fahren wie der Leibhaftige, und manche Männer vorbildlich – trotzdem tendieren Frauen zur Vorsicht und Männer zum Draufgängertum, weswegen es für eine Versicherung sinnvoll sein kann, alle Frauen und alle Männer in einen Topf zu werfen. Lieber ein paar vorsichtige Männer zu hoch eingestuft und einige wenige Frauen zu niedrig, als umgekehrt die Tendenz ignoriert. Wer alle relevanten Fälle abdecken will, muß mit Schrot schießen.

Übergeneralisierungen machen die Welt einfacher, aber sie haben einen Preis. Manche Früchte sind giftig, aber wer alle Früchte deswegen meidet, bekommt vielleicht Hunger. Übergeneralisierungen sorgen für Sicherheit, können aber unliebsame Folgen haben, dann nämlich, wenn der Nachteil einer falsch positiven Beurteilung (Frucht ist eßbar, wird aber trotzdem verschmäht) den Vorteil der richtig positiven (Frucht ist giftig und wird verschmäht) überwiegt.

Betrifft die Übergeneralisierung Menschen oder Menschengruppen, wird aus der eigentlich vernünftigen Haltung etwas, das wir nicht so gerne haben, und das man dann Vorurteil nennt. Dabei ist ein Vorurteil lediglich ein aufgrund einer begrenzten, unzureichenden Datenmenge gefaßtes Urteil. Die Datenmengen, mit denen wir es im normalen Umgang mit Fremden und Fremdem, gleich wer oder was es ist, zu tun haben, sind immer begrenzt; und das meiste von dem, was wir im Alltag beurteilen müssen, haben wir noch nie gesehen. Und selbst wenn doch: Können wir sicher sein, daß uns der Geldautomat diesmal nicht bescheißt? Der Schluß von Einzelfällen auf ein allgemeines Gesetz ist, wie wir wissen, sowohl unzulässig als auch notwendig, sonst gäbe es nicht nur keine Geldautomaten, sondern nicht einmal Geld, vom elektrischen Strom zu schweigen. Ohne Vorurteil, ohne Übergeneralisierung, kämen wir nicht weit, blieben wir ständig stecken. Wollten wir jeden Einzelfall von heißen Herdplatten, roten Ampeln, Steckdosen, Chemikalien, Scheißhaufen, brüllenden Fußballfans umfassend prüfen, ehe wir vorsichtigerweise die Finger davon lassen – wir hätten viel zu tun und überlebten möglicherweise nicht lange. Ein einziger Schaden, ein einziger Bericht eines Schadens, genügt, Vorsicht walten zu lassen.
Das positive Gegenstück zum Vorurteil heißt: Vertrauen. Der Mechanismus der Übergeneralisierung ist bei beiden derselbe. Wollten wir jeden Einzelfall prüfen, bevor wir uns ins Auto setzen, Straßenbahn fahren, mit Wildfremden im Kino zusammensitzen oder auch nur den Wasserhahn aufdrehen – wir hätten viel zu tun, brächten uns um ein normales Leben und kämen auf keinen grünen Zweig, weil wir alles noch einmal von vorne aufrollen müßten, was die Menschheit seit ihrem Bestehen bereits ausprobiert hat.

So, und nach dieser langen Vorrede kommen wir zum heißen Kern, zu etwas Häßlichem, leider.
In der Silvesternacht 2016 belästigte Frauen gaben damals an, die Täter hätten „nordafrikanisch“ ausgesehen. Gehen wir mal davon aus, daß wir zweifelsfrei wüßten, was man sich unter „nordafrikanischem Aussehen“ denken muß – dann ergibt sich aus dem eben Gesagten, daß es im Jahr 2017 nur vernünftig gewesen ist, in der gleichen Situation eine Übergeneralisierung anzuwenden und Menschen eines bestimmten Phänotyps zu meiden, bzw., im Falle der Polizei, unter besondere Beobachtung zu nehmen. Ein Schaden soll dadurch abgewendet werden, indem man neben vielen unbescholtenen garantiert alle erwischt, die eventuell Böses im Schilde führen. Die Schwierigkeit besteht darin, aufgrund einer begrenzten Datenlage zu entscheiden, welches Verhalten die Unversehrtheit von Leib und Seele garantiert, wobei man obendrein noch politische Korrektheit obwalten lassen möchte. Auch in dieser Situation gilt: Der Nutzen der Verallgemeinerung muß gegen den Schaden abgewogen werden. Der Supermarkt verliert vielleicht Kunden, wenn die sich unter einem Generalverdacht des Diebstahls gestellt fühlen; wer ein paar als typisch empfundene Körpermerkmale zum Raster für den Generalverdacht sexueller Übergriffigkeit heranzieht, setzt sich dem Vorwurf des Rassismus aus. Der Schluß von irrelevanten Merkmalen wie der Hautfarbe auf relevante Merkmale wie Intelligenz, Aggressionspotential oder eben sexuelle Gewaltbereitschaft – das ist der Kern des Rassismus. Insofern hinkt der Vergleich mit dem Öffnen des Eierkartons im Supermarkt, weil dort wirklich alle Kunden verdächtigt werden, nicht nur diejenigen mit irgendeinem an sich irrelevanten aber als relevant empfundenen Merkmal. (Obwohl: Vielleicht verzichtet die Kassenkraft bei einem Anzugsträger auf die Kontrolle, schaut aber bei einem Menschen, der offensichtlich die Nächte im Freien verbringt, etwas genauer hin.)

Dem Vorurteil, der Übergeneralisierung als solcher entkommt jedoch niemand. Manchmal ist die Übergeneralisierung rassistisch, manchmal nicht, weil nur Hunde oder Schwebfliegen diskriminiert werden, der Mechanismus ist derselbe. Die Forderung kann daher nicht sein, keine Vorurteile zu haben. Sie muß vielmehr dahin zielen, die notwendigen Vorurteile korrigibel zu halten – also die Bereitschaft zu haben, dazuzulernen und sich eines Bessern belehren zu lassen. Im Mißtrauen, aber auch im Vertrauen.

Noch einmal Neujahr

17. Januar 2017 § 2 Kommentare

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Ein Gang über winterliche Gefilde, wir zählen zwei und zwei die fünf Bäche zusammen.

Ehe sie sich vereinigen, unterirdisch, unbeobachtet in conspirativen Kanälen, aus denen die feuchte Kälte rauscht.

Gebäude stellen die Topologie voll. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten.

Wir behalten ihn. Wir krempeln dem Talgrund den Ärmel auf. Landschaft, an den Häusern vorbeigeschmuggelt. Ich mag es, deinen Augen zuzusehen, wenn wir vom Wandern sprechen.

Ein weggeworfenes Mühlrad neben der alten Mühle, mahlt Schnee mit schwarzen Schaufeln. Eine Fremde tritt auf den Weg zur Mühle, sieht sich um, stumm, wir grüßen auch nicht. So stehen wir jedes für sich vor der Vergangenheit, die für alle gleich ist.

Der Mühlteich verlandet; Wasserpflanzen stoßen ans Eis, wie Lippen von Kindern, die eine Fensterscheibe küssen.

Noch eine neue Schicht Weg übern Weg gelegt. Eine tröstliche, neue Schicht, noch einmal Feiertagskerzen in den Fenstern.

Der Schnee wie frische Farbe in den Zimmern eines neu zu beziehenden Hauses. Zu Hause in der Welt, wieder zu Hause da, das wär was.

Überall schon die Meisen, als hingen die Bäume voller Fahrradklingeln.

„Was hast du für kalte Hände!“, sagst du, und dann ist es wirklich Zeit, nach Hause zu gehen.

Normal

16. Januar 2017 § 3 Kommentare

(Ich glaube, ich mache mir gar keine Vorstellung davon, welche Vorstellungen manche Leute vom normalen Leben haben.)

Die Dinge behaupten sich

12. Januar 2017 § 2 Kommentare

Ich schaue mir schräge Dinge an. Der Drehschalter am Elektroherd, damit fängt es an. Eine Bewegung, eine Haltung, die auf andere Dinge abstrahlt, von ihnen aufgenommen, weitergegeben, variiert wird. Ein paar Küchenhandschuhe, schräg an ihrem Haken, leer wie verschmähte Kollektebeutel. Ein abgeleckter Löffel, schräg neben der Tasse. Eine Möhre auf dem Schneidbrett. Eine sich neigende Hyazinthe, wie ein müdes Kind, die Stirn auf dem Tisch.

Alles, was ist, denke ich. Alles, was ist. Reflexe, Schattierungen, Schatten. Tiefen und Flächen, Oberflächen. Dinge, die sich in der Welt behaupten, einfach so, mühelos, so selbstverständlich, daß es mich vor ihnen in Frage stellt. Ich bin kein Ding, ich denke, ich denke zuviel. Ich bin Empfindung, Schmerz, Sorge, Einsamkeit. Ich bin Verschwinden. Weniger als ein Tier.

Wie die Dinge sich neigen, die aufgehängten Löffel, Kartoffelstampfer, Pfannenwender, war da nicht schon ein Rutschen im Gewürzregal, auf dem Tisch, die Teller, Tassen, als kränge das Zimmer wie ein Schiff, nicht nur das Zimmer, das Haus, und alles, als hörte jetzt jede bekannte Ordnung auf, um durch eine völlig neue, aberwitzige, unbegreifliche Unordnung ersetzt zu werden.

Zeit und Maß. Das Ticken der Uhr, das Grollen des Kühlschranks. Autos auf der Straße, An- und Abschwellen von Geräusch. Räume, ausgedehnt hinterm Fenster, so riesig und unabmeßbar, daß man sagen kann, das ist alles, das enthält alles, was es gibt. Nacht, aus der Tag wird, und wieder Nacht, ich bin Verschwinden und Haltlosigkeit, und alles, was gut und sicher wäre, jeder Halt, jeder Trost, ist unerreichbar, in mir nicht zu erreichen und außer mir auch nicht.

Frühprotokoll: eine Bahn früher als sonst

10. Januar 2017 § 6 Kommentare

Die Hügelkette wie aus dem nassen Acker mit einem schmutzigen Daumen an den Horizont geschmiert. Ein Überlauf an Schatten. Die Fahrzeuge sind fortgewandert, wie Herden, die woanders Weidegrund gefunden haben. Wege, verschlammt wie Kinder, spielen Fangen auf dem Feld. Ein Kirchturm hält Wache.

Eine Bahn früher als sonst. Ein Anspannung weicht. Sich einen Finger vors Gesicht halten und die Sehschärfe einstellen, Hügelkette, Finger, Finger, Horizont. Irgendwann ist alles zum Greifen.

Die Gesichter so weich und lebhaft. Vor mir zwei alte Frauen, so fein und bunt, so schwarzrotgoldenblaß, gäbe es Barbie für Greise, sie müßten genau so aussehen. Sie sprechen rheinischen Dialekt, der Singsang mit den seltsam langen Vokalen macht einen merkwürdigen Absatz mit der gesuchten Eleganz ihres Äußeren. Man würde etwas Gezierteres vermuten, Vokale, die sich mit kaum geöffneten Lippen artikulieren lassen, mit gespitztem Mund.

Schuhe beobachten. Ich muß allen Leuten auf die Schuhe gucken. Immer. Meistens graut mir vor dem, was ich erblicke, ich tue es trotzdem. Heute gefallen mir diese schwarzweißen Sneaker, aber die sind nur bei Frauen mit kleinen Füßen hübsch. Ab einer gewissen Schuhgröße sehen die nur noch albern aus.

Mephisto-Schuhe dagegen sehen egal in welcher Größe albern aus.

Manche Schuhe gleichen Rennautos oder vielleicht Hochtechnologie-Staubsaugern. So mit Röhren und Abgasleitungen drumrum. Ein weißer Belag fällt der Trägerin solcher Sportschuhe von der Sohle. Hat es draußen geschneit, oder löst der Schuh sich auf?

Draußen nur Schlamm, der bis zu den Fenstern reicht. Ein Traktor versinkt in der Dämmerung. Wie trockene Pizzaränder liegen die Gehöfte verstreut in der Ebene. Das Licht tut sich schwer mit Hecken und Bäumen, als schmerzte die Stirn. Den Kopf wieder ins Buch stecken. Nur nicht aufstehen müssen! Schon gar nicht für Mephistoschuhträger. Während die Bahn sich füllt, lasse ich mich in den Tag ziehen vom muntern Gewicht griechischer Verse.

Peace of mind

25. Dezember 2016 § 3 Kommentare

Nachmittag um vier, eine schmale Straße zum Bahnhof, ein Gelähmter auf Krücken kommt mir entgegen. Ich vermeide den Blick, weiche aus, ohne meinen Schritt zu verlangsamen, weiche aus, ohne den Anschein zu geben, daß ich ausweiche. Ich bin schon zwei Meter weiter, da höre ich es hinter mir rufen, „Hallo? Entschuldigung?“, und ich weiß schon, es ist der Mann mit der Lähmung. Ich bleibe stehen; und in diesem Moment ist die Entscheidung für alles weitere bereits gefallen, ich kenne mein Skript so gut wie der Gelähmte es kennt, und indem ich stehengeblieben bin, anstatt kopfschüttelnd weiterzugehen, keine Zeit, keine Zeit, habe ich in meine Rolle eingewilligt in dem Stück, das wir jetzt aufführen werden. Ich drehe mich um.
Kleine Statur, Brille mit dicken Gläsern, dunkle, südländische Haut, die Kleidung gedecktes Blau, unauffällig elegant.
„Entschuldigung“, ruft der Gelähmte noch einmal, „darf ich Sie was fragen? — Sind Sie von hier?“ Ich bejahe. „Kennen Sie sich hier ein bißchen aus?“ Ich bejahe abermals. Zu meiner Rolle gehört jetzt auch, daß ich noch kurz die Hoffnung haben muß, der andre werde mich nur nach dem Weg fragen, obwohl schon vollkommen klar ist, daß diese Fragen zur eröffnenden Strategie eines Vollprofis gehören. Vertrauen erschleichen, das Gefühl vermitteln, wichtig zu sein, gebraucht zu werden. Hat man jemanden dazu gebracht, zweimal ja zu sagen, wird er höchstwahrscheinlich bei der dritten Frage, die nach dem Geld nämlich, auch ja sagen. Die höchst abenteuerliche Geschichte von einem verlorenen Zugticket, von einer Epilepsieerkrankung und einem alle drei Stunden einzunehmenden Medikament ist dann eigentlich nur noch Nebensache, eine notwendige Formalität. Das Skript sieht es so vor, und so geschieht es auch. Ich greife nach dem Portemonnaie, runzele meiner Rolle gemäß ein wenig die Stirn, damit es nicht allzu bereitwillig aussieht, ziehe einen Zehner heraus, reiche den dem Gelähmten, „Wieviel brauchense denn?“ Irgendetwas in meinem Betragen muß mein Gegenüber jedoch übermütig gemacht haben, denn er beschließt, das Skript ein wenig in seinem Sinne zu ändern. Jammernd stößt er hervor, „Das Ticket kostet sechzundfünzig Euro“. Und plötzlich steht da ein weinender Mann vor mir.
Nun gut, ich bin stehengeblieben, er schreibt das Stück, ich habe eingewilligt, und Tränen kann ich unmöglich widerstehen, nicht einmal falschen. Im Skript steht, daß ich erst protestiere („Sechsundfünzig Euro? Also hörnsemal!“), daß der andre beteuert, so etwas sei ihm noch nie passiert, ich müsse ihm bitte glauben, er habe wirklich ein Problem! Und daß ich ihm dann alles gebe, was ich noch habe, vierzig Euro, „Ich hoffe sehr, daß Ihre Geschichte stimmt“, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen, und er: „Ich kann’s Ihnen auch zurückschicken … “, und auch das steht im Skript.
„Vergessen Sie’s“, murmele ich und wende mich ab.
Der Bahnsteig war voller Menschen. Ich ging unter ihnen herum, einer, der gerade einem Betrüger aufgesessen war. Ich stellte mir vor, man hatte die Szene beobachtet. Schämte ich mich? Kam ich mir blöd vor? Reute es mich? Ich hatte in vollem Bewußtsein, daß ich betrogen werde, in den Betrug eingewilligt: Also schämte ich mich weder, noch reute es mich im geringsten.
Bei Patti Smith lese ich ein Geschichtchen von einer Busreise in Spanien: Ein Losverkäufer verkauft ihr in einer Autobahnraststätte ein überteuertes Lotterielos, bestellt sich von den sechs Euro ein Essen, setzt sich zu ihr an den Tisch und verspeist es in ihrer Gesellschaft. Das Los ist eine Niete. Ob sie glaube, zuviel für das Los bezahlt zu haben?, wird sie von Teilnehmern der Reisegruppe gefragt. Smith verneint: You never can pay too much for peace of mind.

Solstitium

21. Dezember 2016 § Ein Kommentar

~
Mitten im Schritt fehlt die Spur, als trügen den nächsten die Lüfte.
      Hörendes Schweigen im Schnee, ewig aus Nähe geschöpft.

Lebensmaschine

13. Dezember 2016 § Ein Kommentar

Und so geht es immer weiter.
Als wäre nichts gewesen. Es ist erstaunlich. Es ist unheimlich. Es hat die Unerbittlichkeit einer Maschine, einer Lebensmaschine, die ich, der Teil von mir, der glaubt, zu denken, zu lenken und den Überblick zu haben, mühsam bewohne. Mühsam. Weil man ja nicht anders kann, als zu wohnen. Nicht mehr zu wohnen, gar nicht mehr … unvorstellbar. Keinen zweiten Gedanken wert.

Leben als eine Droge. Der Stoff macht keinen Spaß mehr, man braucht ihn. Man ist seiner überdrüssig, man saugt ihn ein. Gierig saugt man. Weil man nicht anders kann. Auf dem Leben hängengeblieben.

Morgens, vor dem Aufstehen. Der Radiowecker plärrt. Gleich stehe ich auf, denke ich, gleich, und bleibe liegen. Gleich, denke ich, wirst du aufgestanden sein, wirst die Bettdecke weggeschlagen haben, die Beine über die Bettkante geschwungen haben. nach den Hausschuhen getastet haben. Gleich wird, denke ich, dieser Gedanke Wirklichkeit sein. Wie kann es dazu kommen? Unbegreiflich. Warum bleibe ich nicht liegen? Unbegreiflich. Warum vergeht die Zeit? Warum wird gleich später sein, warum – – –

Habe ich wirklich eben die Bettdecke weggeschlagen, die Beine über die Bettkante geschwungen, nach den Hausschuhen getastet, setze ich gerade wirklich die Brille auf, gehe ich wirklich in die Küche, schließe ich wirklich das Fenster, fährt dort wirklich ein Mofa durch die Straße, bin ich das überhaupt? Wie ist es möglich, daß ich das bin?

Lebensmaschine. Zeitmaschine, ein Werk, das Zeit produziert und vernichtet, unaufhörlich, noch im Schlaf. In dieser Maschine feststecken und sich selbst beobachten, wie man sich selbst beobachtet, wie man vorausschaut auf den Moment, wo man, eine halbe Stunde später, auf einem Feldweg laufen wird. Die Furcht davor. Die Furcht, diesen Moment wirklich Wirklichkeit werden zu lassen, um dann auf den Moment zurückschauen zu müssen, an dem man zu dem, was jetzt (jetzt?? dann??) wirklich ist, vorausschaute, um den Moment, wo man zu dem Moment, wo man zu dem, was jetzt ist, vorausschaute, vorausschaute. Um dann den Moment … wo man …

Die Furcht davor, diesen Moment nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Vielleicht nie mehr. Niemals.

Tänzer

7. Dezember 2016 § 2 Kommentare

Sie tanzen.
Drüben tanzen sie.
Ich stehe am Fenster in der eiskalten Luft. Die Straßenlaterne überstrahlt alle Sterne, aber man riecht den freien, schwarzen Himmel, es riecht, wie nur eine eisige Winternacht ohne Schnee riechen kann. Noch keine acht Uhr, und die Scheiben der geparkten Autos belegen sich schon mir Reif, und beschlagen ist auch der ins Zimmer ragende Fensterflügel. Licht fällt zu meinen Füßen in den Vorgarten, auf welke Geranienklumpen, veredelt durch Rauhreif. Die Straßen sind leer, niemand geht bei dieser Witterung ohne Not raus.
Aber irgendwo ist doch Musik? Das kommt doch von draußen, es klingt, als spielte jemand einen Popsong vom Mobiltelephon ab und sänge dazu, hohe Stimmen, Jugendliche, Mädchen, drüben auf der Bank an der Kreuzung vielleicht? Oder kommt es näher? Nein. Es muß ganz nahe sein, irgendwo in der Straße, aber wo …?
Im Haus gegenüber sind mehrere Fenster erhellt. Da ist die Familie mit kleinen Kindern, man sieht durch die Vorhänge ins Wohnzimmer. Rechts ein Arbeitszimmer, scheint es. Und dann ist da dieses Fenster im ersten Stock. Schummeriges Licht herrscht in dem Raum. Die Wände sind kahl, die Lichtquelle nicht zu sehen. Das Fenster ist gekippt, und von dort kommt die Musik, kommt das gedämpfte Singen. Dann sehe ich jemanden hüpfen. Und noch einen. Der Leuchtfleck eines Smartphones zuckt durch den Raum.
Sie tanzen. Sie springen und tanzen. Es müssen fast noch Kinder sein, die Bewegungen sind voller Übermut, ohne das Gespreizte von Teenagern zu haben, ohne das Gefallenwollen, die da tanzen, gleichen eher tobenden Kindern als pubertären Feiernden. Und doch ist es kein Toben, diese jungen Leute tanzen wirklich. ausgelassen, hüpfend (immer wieder fliegt jemand aus der Tiefe des Raums ins Bild und verschwindet wieder, als spielten sie Fangen), voller Elastizität und Wildheit, Leute, denen niemand zuschaut, und die deshalb alles wagen. Deshalb das gekippte Fenster, wer so tanzt, wer so alles gibt, dem wird schnell warm.
Eine Party ist es auch nicht, denn dazu ist es zu früh, die Musik zu leise, die Tänzer zu wenige. Für eine Party, überhaupt für etwas Geplantes, ist das alles nicht ernst genug. Es scheint wirklich so zu sein, daß sich hier ein paar Freunde getroffen und spontan in Tanz gefallen sind. Einfach so, weil die Musik so schön ist, weil die Beine jung sind, und, klar, weil das Leben viel zu wundervoll ist, um mit trüben Gedanken am Fenster zu stehen und andern beim Tanzen zuzuschauen.

Philemon & Baucis (Ovid, Met. VII 707-724)

29. November 2016 § 2 Kommentare

„Priester zu sein, das ist unser Wunsch, euern Tempel zu hüten;
und, nachdem wir vereint des Lebens Spanne durchmessen,
daß uns vereint auch das Stündlein schlage, und ich nicht der Gattin
Grabmal erblicken muß, noch daß mich begraben muß jene.“
Wirklichkeit folgte dem Wunsch: So hüteten beide den Tempel,
Zeit ihres dauernden Lebens; bis daß sie, gebeugt schon vom Alter,
zufällig einmal standen am Fuße der heiligen Stufen,
eingedenk seiner Geschichte, und Baucis Philemon Blätter
knospen, und Philemon sah, wie Baucis mit Laub sich bedeckte.
Während die Zwillingsgesichter schon schwanden in wachsenden Kronen,
gaben sie Worte einander, solang sie noch konnten, „Ach, Lieber!“
sprachen zugleich sie „Leb wohl!“, und zugleich bedeckt die verhüllten
Lippen der Stamm: Bis heute zeigt dort der Bewohner Bithyniens
jene aus zwiefachem Leib gesproßten benachbarten Bäume.

„esse sacerdotes delubraque vestra tueri
poscimus, et quoniam concordes egimus annos,
auferat hora duos eadem, nec coniugis umquam
busta meae videam, neu sim tumulandus ab illa.“
vota fides sequitur: templi tutela fuere,
donec vita data est; annis aevoque soluti
ante gradus sacros cum starent forte locique
narrarent casus, frondere Philemona Baucis,
Baucida conspexit senior frondere Philemon.
iamque super geminos crescente cacumine vultus
mutua, dum licuit, reddebant dicta „vale“ que
„o coniunx“ dixere simul, simul abdita texit
ora frutex: ostendit adhuc Thyneius illic
incola de gemino vicinos corpore truncos.

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