… aber diese Fremden sind nicht von hier! (2), Rassismus

14. Dezember 2018 § Ein Kommentar

Was ist überhaupt Rassismus? Unter diesem Begriff subsumiert der Fragebogen, wie ich meine, drei verschiedene Erscheinungen, nämlich den Rassismus im eigentlichen Sinn; dann das gute alte Ressentiment; und schließlich die Fremdenfeindlichkeit. Die drei Haltungen oder Verhaltensweisen sind fraglos miteinander verwandt, aber eben nicht identisch, und daher moralisch, psychologisch, politisch und soziologisch unterschiedlich zu bewerten. Ich möchte den Rassismus definieren als: die Folgerung relevanter Merkmale (wie Intelligenz) von irrelevanten Körpermerkmalen (wie etwa Hautfarbe). Man könnte diese Definition noch ausweiten auf alle -ismen (Sexismus, „Speziesismus“, „Ableismus“ und wie sie alle heißen), indem man das ihnen allen Gemeinsame bestimmt als: In einem bestimmten Kontext relevante Merkmale von im selben Kontext irrelevanten Merkmalen ableiten. So ist für die Ausübung des Berufs eines Hochschullehrers das Geschlecht irrelevant, bevorzugte Einstellung von Männern (oder Frauen) erklärt aber das Merkmal „Geschlecht“ (de facto) zum relevanten Merkmal. Das wäre Sexismus. Die Hautfarbe ist kein Kriterium dafür, ob jemand ein guter Student ist; gibt es eine statistische Schieflage in den Immatrikulationen zugunsten einer bestimmten Hautfarbe, könnte das ein Hinweis darauf sein, daß ein irrelevantes Kriterium an irgendeiner Stelle des Auswahlverfahrens Relevanz erlangt, die zur Benachteiligung führt. Oder die traurige Berühmtheit erlangt habende Äußerung der Prinzessin Gloria von Thurn und Taxis, der „Schwarze schnacksel[e] halt gern“, leitet das (potentiell relevante, etwa, wenn es um Bevölkerungswachstum oder die Ausbreitung von AIDS geht) Merkmal der Kopulationsfreudigkeit vom irrelevanten Merkmal der Hautfarbe ab. Das ist Rassismus. Unter radikalen Tierrechtlern gilt die Zugehörigkeit zu einer Spezies als irrelevantes Merkmal für die Frage nach dem Recht auf Leben und Unversehrtheit, wo nur das Merkmal „Leidensfähigkeit“ relevant sein soll. Das Schlachten und Verwerten von Tieren, nicht aber von Menschen setzt einen Unterschied in diesem Recht nach dem irrelevanten Merkmal „Spezieszugehörigkeit“ (Mensch auf der einen, Rind auf der anderen): Das ist Speziesismus.
Umgekehrt wird niemand von Speziesismus sprechen, wenn Gorillas das Führen von Fahrzeugen oder der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen verwehrt wird, denn hier ist das Merkmal der Speziesangehörigkeit eben nicht irrelevant. Ebenso ist es nicht sexistisch, wenn Frauen von der Samenspende ausgeschlossen sind und Männer vom Beruf der Amme. Ob ein Merkmal in einem gegebenen Kontext (Zugang zu Bildung und Beruf, Bürgerrechte, Anspruch auf Sozialleistungen und so weiter) relevant oder irrelevant ist, kann durchaus eine umstrittene Frage sein. So war es noch vor etwa 100 Jahren ausgemacht, daß es Menschenrassen gibt, die sich hinsichtlich Intelligenz und anderer wünschenswerter Eigenschaften unterscheiden, und nur wenige (weiße) Wissenschaftler hätten damals ernsthaft bestritten, daß „dunkelhäutigen Rassen“ Intelligenz, Organisationstalent, Arbeitsmotivation und anderes fehle, während die „weiße Rasse“ sich eben durch ein hohes Maß der vorerwähnten Eigenschaften auszeichne. Ebenso ist es noch nicht so lange her, daß Frauen als ungeeignet zur Absolvierung eines Hochschulstudiums galten, was mit biologischen Merkmalen (etwa vermeintliche Blutarmut im Hirn aufgrund der Menstruation) begründet wurde. So hanebüchen uns das heute vorkommt: Um die Beseitigung solcher Irrtümer und die Feststellung, daß das Menstruieren kein relevantes Merkmal hinsichtlich der Studierfähigkeit ist, mußte jahrzehntelang, wenn nicht jahrhundertelang, gekämpft werden. Und noch 1929 wurde der Psychiater Ernst Kretschmer für seine behauptete Korrelation zwischen Körpergestalt und der Neigung zu psychischen Erkrankungen für den Nobelpreis nominiert. Heute würde man die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Aber man darf nicht zu streng sein: Das ist der Gang der Wissenschaft, und es war eben nicht unbesehen auszuschließen, daß ein solcher Zusammenhang existiert – man mußte erst herausfinden, daß das nicht der Fall ist. (Heute dagegen wehren wir uns so sehr gegen diese und ähnliche Möglichkeiten, daß für entsprechende Forschungsvorhaben niemals Gelder bewilligt würden; bestimmte Fragen, etwa die nach der Vererbbarkeit von Intelligenz, dürfen mitunter nicht einmal in der Mensa gestellt werden.) In anderen, weniger brisanten Zusammenhängen fällt es uns ja auch beispielsweise leicht, über geschlechtskorrelierte Fähigkeiten und Charaktermerkmale zu spekulieren, wie es etwa viel gelesene Bücher über die vermeintlichen Einparkschwierigkeiten von Frauen oder das Unvermögen von Männern, zuzuhören, mit Genuß tun. (Verpönt wären allerdings selbst in der Unterhaltungsliteratur Schriften, die, wenn auch nur spielerisch, beispielsweise die Frage zu beantworten suchten, warum Afrikaner besser im Speerwurf seien, im Schach jedoch regelmäßig versagten – so trennt der Zeitgeist das Erlaubte vom Unerlaubten, auch wenn beides eigentlich dasselbe ist) Und auch heute noch lassen sich in ernsthaften Absichten offene Fragen finden, in denen der Streit um die Relevanz von Merkmalen zum Ausdruck kommt: Sollten beispielsweise Männer als Hebammen arbeiten dürfen? Ist der Ausschluß von Männern aus diesem Beruf sexistisch? Sollten Frauen Soldatinnen werden dürfen? Ist das Merkmal „Geschlecht“ relevant für die Zulassung zur Hebamme oder zur Soldatin? Oder ein anderer Fall: Viele Fluggesellschaften stellen nur Flugbegleitpersonal mit einer Mindestkörpergröße ein. Ist das rassistisch? Biologistisch? Ist die Körpergröße relevant für die ausgeübte Tätigkeit? Im Sinne meiner Definition von diskriminatorischen -ismen hätte übrigens auch die Forderung, den Othello nur mit einem dunkelhäutigen Menschen zu besetzen, ihre Berechtigung, wenn es in diesem Streit nicht um etwas anderes ginge.
Es liegt nun auf der Hand, daß es Fremdenfeindlichkeit ohne Rassismus geben kann (Zur Frage, ob es auch Rassismus ohne Fremdenfendlichkeit gibt, komme ich weiter unten): Denn man kann gegen die Leute aus dem Nachbardorf, der nächsten Stadt, der Region jenseits des Heimatflusses etc. feindlich gesinnt sein, ohne daß diese Menschen sich in irgendeinem Körpermerkmal von den Menschen diesseits des Flusses, in der eigenen Stadt, im eigenen Dorf, unterschieden. In meiner Heimat gibt es sogar Vorbehalte zwischen Bewohnern einzelner Stadtviertel. Oder man denke an die Ablehnung vieler alteingesessener Berliner gegen die vielen Touristen aus Baden-Württemberg und an die Zurückhaltung, mit der manche Bayern (wie es heißt) Menschen jenseits der Alpenregionen begegnen – das ist Fremdenfeindlichkeit oder Xenophobie, nicht jedoch Rassismus.
Was sämtliche diskriminatorischen -ismen eint, ist, denke ich, das gute alte Ressentiment, der Vorbehalt. Jedem -ismus liegt ein Ressentiment zugrunde, aber nicht jedes Ressentiment ist ein -ismus. Ich kann Ressentiments gegen die Anhänger einer bestimmten Ideologie haben oder Ressentiments gegen Kunstwerke einer bestimmten Stilrichtung. Ich kann auch den Umgang mit Frauen (oder Männern) meiden, ohne Frauen (oder Männer) jemals verhöhnt, zurückgesetzt, begrapscht, benachteiligt, diffamiert zu haben – ich mag einfach nur den Umgang mit ihnen nicht. Dann habe ich ein Ressentiment, ein Sexist bin ich aber nicht. Ein Sexist ist auch nicht, wer lieber zu Ärzten (oder Ärztinnen) geht, sich eine Nachhilfelehrerin (oder Lehrer) wünscht und als Mitbewohner in der WG nur Frauen (oder nur Männer). Dasselbe gilt für den Rassismus. Ich kann mich einigeln und nur mit meinesgleichen umgeben; solange ich niemandem damit ideell oder konkret schade, ist das zwar bescheuert, aber nicht rassistisch. Mit anderen Worten, mit dem Ressentiment bin ich bei mir, mit dem -ismus gehe ich nach außen.
Aus meiner versuchsweisen Definition folgt auch, daß es Rassismus ohne Fremdenfeindlichkeit geben kann. Beispielsweise könnte jemand die Ansicht vertreten, rothaarige Menschen seien faul oder dumm; oder die Träger von Segelohren neigten zur Indiskretion; oder Menschen mit Plattfüßen taugten nicht als Talkmaster: Solche Urteile sprechen irrelevanten Körpermerkmalen Relevanz zu – sie sind rassistisch. Insofern die Rothaarigen, Segelöhrler und Plattfüßler nicht als Fremde wahrgenommen werden, ist das aber ein Rassismus, bei dem keine Fremdenfeindlichkeit involviert ist. Wer das nun abwegig findet, denke nur einen Moment daran, daß Linkshänder jahrhundertelang drangsaliert, „umerzogen“ und mit Argwohn betrachtet wurden (lat. sinister „link(s), das gleichbedeutende laevus hat auch keine freundlicheren Assoziationen); auch heute noch findet tagtäglich Diskriminierung gegen Linkshänder statt, die in äußerster Konsequenz zur Folge hat, daß Linkshänder eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung haben als Rechtshänder. Auch die gesellschaftliche Benachteiligung von Menschen afrikanischer Herkunft in den USA wäre in diesem Sinne als Rassismus ohne Fremdenfeindlichkeit zu deuten.
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind also voneinander getrennt zu denken.

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… aber diese Fremden sind nicht von hier! (1): Einleitung

13. Dezember 2018 § 2 Kommentare

Und nun die ernsthafte Auseinandersetzung.

Im Mai dieses Jahres veröffentlichte die Zeitschrift ZEIT Campus einen Fragebogen zum Thema Rassismus. In der kurzen Einleitung heißt es:

„Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben.“

In einem Klassiker von Loriot wird Frau Hoppenstedt (gespielt von Evelyn Hamann) von einem Reporter gefragt, was „sie als Frau dazu gebracht habe, ihr Jodeldiplom zu machen“. Darauf antwortet Hoppenstedt/Hamann: „Da regt mich ja schon die Frage auf!“
Genauso fühle ich mich, wenn ich Behauptungen wie die oben zitierte lese. Was meinen die Autoren mit ordnen? Wo ordnet der Rassismus unser Zusammenleben? Wie tut er das? Wann tut er das? Wer wird hier mit unser angesprochen? Und was verstehen die Autoren unter „Rassismus“? Schon an diesem einen Satz ließen sich ganze Abhandlungen knüpfen. Der apodiktische Tonfall regt umso mehr auf, als so gut wie alles an dem nun folgenden, dem Publikum zur Selbstprüfung („Sind Sie Rassist? Wahrscheinlich!“) vorgelegten Fragebogen auf falschen Voraussetzungen, unscharfen Begriffen und irrtümlichen Annahmen beruht. In einer Gesellschaft, die sich den Negerkuß ebenso wie den Mohrenkopf versagt, vermeintlich abwertende Bezeichnungen aus Kinderbüchern herausstreicht, sich das Zigeunerschnitzel verbietet oder wochenlange Debatten um den Sarotti-Mohr führt, ordnet in der Tat Rassismus unser Denken, freilich nicht in der Weise, wie es die Autoren gemeint haben. Wer indes eine so steile These wie die zitierte aufstellt, sollte zumindest einmal den IAT erwähnen. Das gäbe in der Tat reichlich Stoff zum Nachdenken. (Sie wissen nicht, was das ist? Dann lesen Sie weiter.) Gedacht aber hat hier jemand nur oberflächlich, dafür um so tiefer moralisch empfunden. Wir sind alle Rassisten, ist ja eh klar. Das ist, zumal für ein Produkt des ZEIT-Verlags, recht ärgerlich. Der Fragebogen soll zweifellos Zahnschmerzen verursachen und tut es auch. Indessen gelingt ihm das dadurch, daß er in dieselbe Kerbe schlägt, in die sowieso schon alle hauen. Und wo er dabei nicht ungerecht ist (warum sollte ich wissen, wie man die Namen persischer Fußballer ausspricht, und was hat das mit Rassismus zu tun?), da geht er dadurch auf die Nerven, daß er die Klaviatur eines ohnehin schon vorausgesetzten schlechten Gewissens bespielt: das ist das, was man wohlfeil nennt – eine Kritik, die nichts kostet, weil sie von allen Seiten Zustimmung erwarten darf, bzw. so formuliert ist, daß Widerspruch den Widersprechenden sofort in Verruf brächte. Wie Ijoma Mangold vergangenen August in der ZEIT schrieb, als er die Beteiligten am #metwo-Diskurs in drei Gruppen teilte: Die ersten berichteten von rassistischen Übergriffen, die zweiten seien als „Biodeutsche mit Echtheitszertifikat“ zum Schweigen verdammt, während die dritten, obzwar biographisch zu Gruppe zwei gehörend, keine Gelegenheit ausließen, der zweiten unter die Nase zu reiben, wie gut sie es habe. Sich solidarisch mit den ersten erklärend, ziehen letztere die zweiten des Rassismus und wähnten sich dadurch selbst als den Opfern näherstehend als den Tätern. Wie Mangold süffisant bemerkt: „Andere des Rassismus zu zeihen, scheint mindestens ebenso erfrischend, wie andere rassistisch zu beleidigen.“ Es besteht wenig Zweifel, in welche Gruppe Ijoma Mangold die Autoren des Fragebogens einsortieren würde. Ironischerweise bauen die rhetorischen Kniffe des Fragebogens teilweise auf Präsuppositionen auf, die ihrerseits diskriminierend sind. Mehr zur Provokation geeignet denn als Anregung zum Nachdenken dienlich, bedarf dieses Elaborat eines detaillierten Kommentars, den ich hier, dem Risiko, in Verruf zu kommen, mich bewußt aussetzend, in den nächsten Einträgen wagen will.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Schauens

6. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Einmal stand ich in der Eifel auf dem Sattel eines Bergsporns und sah nach Westen zu in ein weites, flaches Tal hinunter. Von Osten, aus einem Engpaß kommend, teilt sich die Straße in einen nach Westen fortführenden und einen nach Norden auf einen Paß steigenden Schenkel, und in der Öffnung der beiden auseinanderstrebenden Zweige gibt es einen kleinen Parkplatz. Es ist nicht klar, zu welchem Zweck man an dieser Abzweigung parken sollte, aber es ist mehr als nur eine Haltebucht, das blaue Zeichen war an diesem Morgen, gleichwohl bei diesigem Wetter und schwachem Licht, von meinem Standplatz auf dem Bergsattel gut zu erkennen. Ich war stehengeblieben, um von dem steilen Aufstieg kurz Atem zu schöpfen und die Aussicht zu genießen. In südöstlicher Richtung hing der Steinerberg in Wolken, die Aussicht auf die Ortschaft Lind im Süden verbarg noch der Talhang, überm Ahrtal schien die Wolkendecke dünn genug zu werden, daß die Sonne vielleicht hervorkommen könnte. Der Herbstmorgen war kühl und, wenn es trocken bliebe, zum Wandern wie geschaffen.
Ich stand also und atmete und schaute, und währenddessen erschien von Kreuzberg kommend ein Auto, rollte auf die Abzweigung zu und bog auf den Parkplatz ein. Aha, dachte ich, nun will ich doch mal sehen, was Leute so treiben, die da anhalten. Zwei stiegen aus, ich sah, wie die Fahrertür zugeschlagen wurde, und eine Sekunde später hallte der Knall durchs Tal. Und dann verging Zeit, und die Zeit füllten die beiden – nicht erkennbar auf die Entfernung, ob Mann oder Frau oder Paar, allenfalls, daß es sich um weder besonders junge noch besonders alte Menschen handelte, war den Bewegungen abzulesen – indem sie Undeutbares verrichteten: Ums Auto herumgehen, Türen öffnen und wieder zuwerfen, den Kofferraum öffnen, etwas herausholen, wieder schließen, abermals eine Tür öffnen, sich ins Fahrzeug setzen, wieder aussteigen, etwas aufs Dach legen und mehr solcherart. Es ist verblüffend, wie wenig man von Menschen versteht, wenn man sie nicht sprechen hört.

Nach einer Weile war klar, daß nun keine in einen Müllsack eingeschlagene Leiche auftauchen würde; auch sah es nicht nach einem widerrechtlichen Abladen von Müll oder Bauschutt aus. Einen Moment überlegte ich, was ich tun könnte, wenn ich von da oben Zeuge eines Verbrechens würde, und kam zum Schluß: nichts. Luftlinie keine vierhundert Meter trennten mich von dem eingebildeten Geschehen, aber zu Fuß dort hinunter und hinaus ins Tal wären es bestimmt zwanzig Minuten. Nicht einmal bei der Aufklärung behilflich sein könnte ich, denn das Nummernschild war auf die Entfernung nicht zu erkennen, die Automarke auch nicht, ob der Lack nun eher nachtblau oder dämmerungsschwarz war, entzog sich aufgrund der diesigen Luft einer genauen Bestimmung.
Plötzlich kam mir zu Bewußtsein, daß aufgrund meiner exponierten Lage nicht nur ich die beiden, sondern die beiden auch mich da oben auf dem Kamm müßten gut erkennen können, wenn sie nur den Blick dort hinauf höben. Ob man es auch würde erkennen können, wenn ich die Hand hob, winkte? Wer sieht, kann auch gesehen werden, prinzipiell jedenfalls. Sehen können ohne gesehen zu werden ist nicht einfach, verleiht dem Schauenden aber eine stille Macht übers Geschaute. Die beiden da unten wußten weder, daß sie beobachtet wurden, noch wäre es ihnen in den Sinn gekommen, sich diese Frage auch nur zu stellen. Ich selbst stellte sie mir ja nicht, auf meiner Anhöhe, die ich mir nur einsam dachte, oder die ich noch weniger als unbelebt mir dachte, nämlich gar nicht dachte, und als Hintergrund meiner Wahrnehmungen erst dann zur Kenntnis nehmen würde, wenn sie eine Erwartung durchbräche – eine Erwartung, die mir noch dazu völlig unbewußt geblieben wäre, bis zu dem Moment, da eine Ent-täuschung auf sie verweisen würde. Mit einem Freund saß ich einmal in einer stockfinsteren Dezembernacht weitab von jeder Siedlung an einer Schutzhütte im Wald der Pfälzer Berge. Wir steckten schon in den Schlafsäcken und tranken noch einen Glühwein, als auf dem Waldweg plötzlich ein Licht aufflammte. Ein Auto näherte sich, der Scheinwerfer streifte Böschungen, Stämme, riß erstorbene Farnbüschel aus der Dunkelheit und stopfte sie wieder zurück, ließ Kiesbrocken aufblitzen, tastete nach dem Vorplatz der Hütte, streifte fast unsere Füße – und fand uns nicht. Das Licht schwenkte ab, wir blieben für den Fahrer unsichtbar. Wir aber hatten ihn gesehen, wie er in seiner Kabine saß, ein Schemen am Steuer, konzentriert auf den schmalen Weg achtend. Und mich gruselte es bei der Vorstellung, daß dieser Mensch keine Ahnung davon hatte, daß in dem Dunkel jenseits der Scheinwerfer seines Wagens, in der undurchdringlichen Schwärze oberhalb der Wegböschung zwei junge Männer gehockt und ihn beobachtet hatten. Es war ein Vorsprung, den wir vor dem auch nur möglichen Erkenntnishorizont dieses Waldarbeiters, Jägers oder Försters hatten, ein Vorsprung wahrscheinlich sogar vor den diesen Augenblick betreffenden Imaginationen dieses Mannes, der ebenso wenig wie die beiden Wanderer in Kreuzberg auch nur ahnte, daß er beobachtet wurde. Dieser Vorsprung fühlte sich an, als stünde ich am Rand einer Klippe, eine Art von Schwindel, nicht von Gefahr, nicht einmal von Macht, eher ein dem Mitleid verwandtes Gefühl. Das Gefühl eines Schadens, der bereits angerichtet war. Es war mir unangenehm, diesen Vorsprung zu besitzen. Ich hätte gerne, wenigstens nachträglich, diesen Menschen über die Situation, in der er sich befunden hatte, aufgeklärt.
Gleichzeitig war ich froh darüber, daß er uns nicht bemerkt hatte.

Sehen, ohne selbst gesehen zu werden, mehr vom Beobachteten wissen, als der Beobachtete glaubt, preisgegeben zu haben, sensible Daten, ein heimliches Tun, ein schambehaftetes Tun, die eigene Nacktheit. Die Urgeschichte des Spannens (und des Auffliegens) ist vielleicht die Geschichte, die Herodot vom Lyderkönig Kandaules und seinem Jugendfreund Gyges erzählt. Der Lyderkönig, wahrscheinlich kein Mann großen Selbstbewußtseins, ist so stolz auf die Schönheit seiner Frau Nyssia, daß er ihren nackten Körper Gyges zeigen will, damit der Kandaules glaube und auch wirklich begreife, wie schön Nyssia sei. Natürlich muß das heimlich geschehen, und natürlich – sonst gäbe es nichts zu erzählen – geht die Sache schief. Nyssia entdeckt den Gyges in einer Nische, als sie sich an dem für die Schau verabredeten Abend vor ihrem Gemahl entkleidet. Kandaules gegenüber ihre Entdeckung verheimlichend, stellt sie anderntags Gyges zur Rede und vor die Wahl, entweder selbst zu sterben oder Kandaules umzubringen und sich an dessen Stelle zu setzen. „Und Gyges“, bemerkt Herodot trocken, „zog es vor, zu überleben.“ Was die Geschichte auch zeigt (neben einer Erklärung für den Dynastiewechsel unter den Lydischen Königen), ist, daß es recht gefährlich sein kann, mehr zu sehen, als erlaubt ist. Was machen eigentlich unsere Wanderer?

Inzwischen hatten die beiden den Wagen zum letzten Mal abgeschlossen und waren aufgebrochen. Da jetzt klar war, daß es sich tatsächlich um Ausflügler oder Wanderer handelte, galt meine Neugier dem Wohin. Von der Parknische gingen keine Wanderwege aus, und auch sonst war an den Hängen des Tals weder, was einem Weg glich, noch ein Wegzeichen zu sehen.

Nur unscharf war er zu sehen, der Körper, die Schultern, der Busen. An den Rändern in Milchglasschlieren zerfließend, diskontinuierlich auseinandertreibend, sich entzückend wieder zusammenfügend zu anmutigen Massen und Linien, war er in seiner Tiefe eigentlich nicht wirklich zu erkennen. Dafür bot das Sichtbare, der Schemen, reichlich Stoff zum Ahnen. Das war mir, der ich im dunklen Zimmer am Fenster stand und auf das erleuchtete Badezimmerfenster gegenüber schaute, genug, und natürlich war es das nicht, sonst hätte ich mich ja wieder abwenden können: Denn erotisch aufgeladene Nacktheit (eine Ladung, die sie nur für den Betrachter zu haben braucht) ist fast immer reizvoller, wenn sie nicht genug zu sehen bietet, nicht alles enthüllt, sondern Spielräume für die Vorstellungskraft läßt und im Verbergen und halb Zeigen, im anhaltenden Versprechen und anhaltenden Entzug seiner Erfüllung das Interesse wachhält. Nichts ist langweiliger als die interretale optische Verfügungsgewalt über Millionen von Brüsten oder Schößen. Aber eine Brust, die die Vorstellungskraft erst aus verschwommenen rosigen Flecken hinter Milchglas rekonstruieren muß, das hat etwas, das zieht an, das bannt und hält den Betrachter in seiner Vorstellungs- und Rekonstruktionswelt gefangen und an seinem heimlichen Standpunkt am Fenster fest. Freilich wäre gar kein Reiz dabei gewesen, wenn nicht wenigstens die groben Umrisse eines Körpers sich abgezeichnet und dieser Körper sich ohne jeden Zweifel als der einer Frau zu erkennen gegeben hätte. Rekonstruierbar aber nicht wirklich sichtbar waren auch die Verrichtungen dieser Frau, eine zweite, weiche Kontur konnte nur ein Handtuch sein, hier mußte sich ein Ellenbogen heben, jetzt sank der Schemen sich beugend zusammen, jetzt hob sich ein Arm gerade in die Höhe, während das Handtuch wie die Blattrosette unter einer erhobenen Staude auseinanderfiel. Ich brauchte die Achsel nicht zu sehen, um mir ihre frischgewaschene Badetuchfeuchtigkeit vorstellen zu können, und diese Vorstellung war eben umso deutlicher und lebendiger, als ich sie mir vorstellen mußte, ich sah sie ja nicht, vom Fühlen zu schweigen. Ich sah nur etwas drumherum, das auf die Achsel verwies, auf sie zeigte und damit nach meiner Phantasie pfiff, um sie dann von der Leine zu lassen. Zu dem Reiz trug auch bei, daß alles an diesem Anblick unverfügbar war, die Zeit, die diese Frau für ihre Morgentoilette gewählt hatte, die Jahreszeit, die dafür sorgte, daß es um diese Zeit noch dunkel für das Schattentheater wäre, mein eigener Tagesrhythmus, der mich schon auf- aber noch nicht außer Hauses sein ließ; ferner, daß sie sich beim Abtrocknen dicht genug ans Fenster stellte, damit Einzelheiten ihres Körpers erahnbar wurden: Zwei Schritte tiefer im Raum, und ich hätte nur mehr wogende Helligkeitsunterschiede ohne Umriß und Form ausmachen können. Zuletzt aber besonders die Entscheidung dieser Frau, an einem bestimmten Morgen, der auch mich am Fenster gegenüber anträfe, überhaupt zu duschen anstatt sich nur die Zähne zu putzen und die Haare hochzustecken, wie sie es vielleicht an einem anderen Morgen getan hätte.
Noch unverfügbarer, noch flüchtiger und unwiederholbarer war ein ganz ähnlicher Blick, auch hier in der dunklen Frühe, auch hier durch eine erleuchtete Milchglasscheibe, auch hier auf den Schemen einer Badenden. Und daß der Pendlerzug gerade in dem Moment keine Einfahrt in den Kölner Hauptbahnhof hatte und an einer Stelle zum Halten gekommen war, welche die Verbindungslinie zwischen meinem Sitz- oder Standplatz und einem der bis ganz ans Gleis gebauten Hinterhöfe mit meiner Blickachse zusammenfallen ließ: und mir für kurze Zeit einen in diesem Moment so unwahrscheinlichen Anblick gewährte wie etwa ein mit bunten Fischen gefülltes Aquarium in der Wüste, oder ein Sonnenschirm auf einem Gletscher in Grönland. Eingerahmt von dumpfem Ziegelstein, welken Graffiti, kariösem Kellergrund und schimmeliger Winterdunkelheit wuchs da eine Palme, schwoll die Knospe einer Amaryllis, leuchteten die Kronblätter eines ausgestorben geglaubten Gewächses, an dem Ort, wo man es am wenigsten vermutet hätte, inmitten von Mief und schlechter Laune, von Alltagstrott und düsteren Aussichten verlachte da ein schöner Leib alles, was diesen Morgen bis in die Gerüche und Geräusche hinein unsäglich widerwärtig machte; und begleitet vom Kreischen der über Weichen rollenden Züge, von blechernen Ansagen, die vom Bahnsteig herüberhallten, vom Dröhnen eines Flugzeugs, das sich anschickte, in Köln zu landen, stellte ich mir vor, daß diese Frau in ihrem Badezimmer leise sang oder summte, während sie sich ihren frischgeduschten Leib frottierte und sich aufs Frühstück freute. In meiner Erinnerung ist das sogar mehrmals passiert, aber mein Gedächtnis täuscht mich hier sicherlich. Solche Dinge passieren einem nur ein einziges Mal, ein kleines, atemberaubend heiles Stück Keramik auf einer Schrotthalde voller Alltag, und in allen anderen Fällen, wo man sich zu erinnern glaubt, hat man nur eine Ziegelsteinmauer gesehen und ein Fenster, so dunkel und opak wie eine Schieferplatte. Ein schlechtes Gewissen oder dieses aus der Überlegenheit springende Mitleidsgefühl, das ich gegenüber der Ahnungslosigkeit des Försters empfunden hatte, fühlte ich diesen Frauen gegenüber niemals, denn hier fühlte ich mich in meinem Beobachten keineswegs überlegen, und anders als gegen jenen war ich diesen ja wohlwollend gesinnt – ein Wohlwollen, das, hätten sie es nur in all seiner Tiefe und Aufrichtigkeit gekannt, diese weniger Beobachteten als Angestaunten, so empfand ich es, unmöglich hätten zurückweisen oder mit Entrüstung beantworten können.

Woran man nicht alles denkt, wenn man aus der Höhe zwei Wanderern mit den Blicken folgt. Was machen die gerade? Sie überqueren die Straße, hüpfen eine Böschung hinab, und dann, he! Wo wollt ihr denn hin? sind sie verschwunden, ein blauer Rucksack leuchtet noch kurz auf, dann verdeckt Vegetation die beiden meinen Blicken, ebenso wie den Weg, den sie genommen haben, und der von meinem Aussichtspunkt aus nicht zu erkennen ist.

Und während ich meinem eigenen Weg weiter folgte, beschloß ich dreierlei: Erstens, ich würde ein andermal diesen Weg unten im Tal auskundschaften; zweitens, ich würde bei diesem Ausflug sehr genau nach dem Höhenkamm mich umsehen, ob dort jemand mich beobachtete; und drittens dachte ich, wäre es keine schlechte Idee, mir ein Fernglas anzuschaffen.

Wozu

4. Dezember 2018 § 5 Kommentare

 
brauche ich ein Smartphone, wenn die Dinger nichtmal Kaffee kochen können?

.

14. November 2018 § Ein Kommentar

(Taugen Maschinen zu performativen Akten? Kann ein Roboter also beispielsweise eine Ehe schließen, das Sakrament der heiligen Kommunion spenden, ein Schiff taufen, eine Sitzung oder ein Bankett eröffnen? Im Falle von Zugdurchsagen, scheint es, hat man sich so sehr an Automatenstimmen gewöhnt, daß es niemand befremdlich findet, wenn eine Maschine sich entschuldigt. (Oder wer entschuldigt sich hier überhaupt?) Jedenfalls scheint es weit weniger befremdlich zu sein, als wenn ein Roboter einen Segen spendet, obwohl es doch eigentlich genauso absurd ist.)

Motz

7. November 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

(Jetzt hat Mozilla schon wieder Thunderbird aktualisiert, aber ästhetischer, stabiler oder schneller ist es nicht geworden. Merkwürdig, wie auch Software bestimmten Moden unterliegt; das Design ähnelt sehr dem neuen Design von LibreOffice.
Von mir aus brauchte daran überhaupt nie etwas geändert zu werden; wirklich interessant wäre hingegen die Anzeige von Steuerzeichen im Maileditor. Das würde dann so manches chaotische Verhalten bei der Texteingabe nachvollziehbar machen. Aber ach.)

Würden Sie diesem Meerschweinchen Ihren Stall leihen?

24. Oktober 2018 § 5 Kommentare

Im Mai dieses Jahres veröffentlichte die Zeitschrift ZEIT Campus einen Fragebogen zum Thema Rassismus. Die Prämisse ist klar: Wir sind allesamt Rassisten. Mach dir nichts vor, auch du bist einer. Gehe in dich und bereue! Penitentiam agite! Also bin ich in mich gegangen und habe die Fragen mal für mich beantwortet:

1. Wie oft wirst du auf einer Party gefragt: Wo kommst du wirklich her?
Warum sollte jemand bezweifeln, daß ich gerade aus der Küche komme?

2. Und wie oft fragst du selbst?
Ich glaube den Leuten ihre erste Antwort.

3. Fragst du Weiße beim Smalltalk nach ihren Großeltern?
Zugegeben: Einen Enkel von Peter Handke würde ich sicher nach dessen Großvater fragen.

4. Fühlst du dich jetzt schon von diesem Fragebogen angegriffen?
Fühlen Sie sich jetzt schon von meinen flapsigen Antworten angegriffen?

5. Kannst du fluchen, Secondhand-Kleidung tragen, nicht auf Mails antworten – ohne, dass Menschen diese Entscheidung mit Sittenlosigkeit, Armut oder Faulheit verknüpfen?
Es gibt immer jemanden, der predigt.

6. Denkst du, du bist nicht rassistisch, weil du einen Freund mit Migrationshintergrund hast?
Soll ich lieber denken, daß ich rassistisch bin, weil ich einen Freund mit Migrationshintergrund habe?

7. Weißt du, wie viele Muslime in Deutschland leben?
Schauen Sie doch mal beim statistischen Bundesamt nach, die helfen Ihnen gerne weiter.

8. Wie viele enge Freunde hast du, die einen asiatischen, persischen oder nigerianischen Migrationshintergrund haben?
Sie haben die Eskimos vergessen.

9. Wusstest du, dass fast jeder Vierte in Deutschland einen Migrationshintergrund hat?
Wenn Sie in der Ahnenreihe nur weit genug zurückgehen, sagen wir mal, bis zum 30jährigen Krieg, kommen Sie sogar auf 100%.

10. Fühlst du dich fremd, wenn Leute um dich herum Arabisch oder Russisch sprechen?
Sie haben die Schwaben vergessen.

11. Fühlst du dich fremd, wenn Leute um dich herum Englisch sprechen?
Hauptsache, es sind keine Neger.

12. Wenn du ein Kind hättest, würdest du es in eine Kita mit mehrheitlich Kindern mit Migrationshintergrund schicken – wenn es in der Nähe eine Kita mit mehrheitlich weißen Kindern gäbe?
Mich verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit Sie „Migrant“ und „Schwarz“ gleichsetzen.

13. Wischst du bei Dating-Apps tendenziell weiter, wenn die angezeigte Person nicht weiß ist?
Ich bin in festen Händen, nächste Frage.

14. Kennst du fünf Bücher von Autorinnen, die nicht weiß sind?
Gehen auch Autoren?

15. Wie viele hast du davon gelesen?
Nur die, die ich kenne.

16. Wie ehrlich warst du bei Frage 13?
Was wollen Sie noch, daß ich bei der Styx schwöre?

17. Stell dir vor, du siehst eine rassistische Diskussion im Netz. Würdest du dich einmischen?
Wissen Sie, was die Styx ist?

18. Hast du dich schon mal eingemischt – im Netz, auf der Straße, in ein Gespräch mit Freunden?
Ok, ich sag’s Ihnen: Die Styx ist ein Unterweltfluß, und auf sie zu schwören ist der kräftigste Eid, den man sich vorstellen kann.

19. Wie oft wurdest du schon von der Polizei angehalten und kontrolliert?
Ich bin nicht so blöd, mich erwischen zu lassen.

20. Also in diesem Monat?
Narben von vorne zieren den Mann, wie?

21. Wirst du auch ohne blonde Begleitung in die meisten Clubs gelassen?
Ach, wissen Sie, so teuer sind Gesellschaftsdamen nicht. Probieren Sie’s mal aus, wenn Sie mit dem Eintritt Probleme haben.

22. Wurdest du schon mal dafür verprügelt, dass du aussiehst, wie du aussiehst?
Deuten Sie damit an, daß ich häßlich bin?

23. Stört es dich, wenn deine Eltern ganz anders über Migrantinnen denken als du?
Ja, ich finde es schrecklich, wenn mein Kinderzimmer wieder voller Flüchtlinge ist.

24. Haben Fremde schon mal ungefragt deine Haare angefasst?
Eine Frau, in die ich verliebt war. Ohne daß wir uns besonders gut kannten. Fand ich super. Ach so, und in Bolivien. Ein achtjähriger Knabe war total fasziniert von meinen blonden Locken. Fand ich auch super.

25. Gibst du dir viel Mühe, die Namen spanischer, italienischer oder französischer Fußballspieler richtig auszusprechen, die von türkischen und vielen anderen aber nicht?
Ich weiß zufällig, wie man spanische, italienische, französische, portugiesische, katalanische, englische, türkische, polnische, ungarische, finnische und walisische Namen, sowie Namen in Quechua und Aymara ausspricht. (Und Sie?) Bei den Alphabeten und Phonologien aller anderer Sprachen muß ich leider passen. Gegenfrage: Können Sie chinesische Schriftzeichen lesen? Warum teilen Sie die Welt in „türkische Fußballspieler“ und „viele andere“, deren Sprachen Sie nicht erwähnen? Ist das nicht diskriminierend?

26. Wie würdest du dich fühlen, wenn deine neuen Nachbarn eine afghanische Familie wären?
Ich habe nichts gegen Afghanen, bevorzuge aber den Labrador Retriever.

27. Wie würdest du dich fühlen, wenn deine neuen Nachbarn eine schwedische Familie wären?
Schweden? Na, solange sie stubenrein sind.

28. Bezieht es irgendjemand auf dein Aussehen, wenn du etwas nicht so gut kannst?
Was wollen Sie damit sagen? Nur weil ich Segelohren habe? Unverschämtheit!

29. Welches Bild kommt dir in den Kopf, wenn du an schwarze Männer denkst?
„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“

30. Welches Bild kommt dir in den Kopf, wenn du an muslimische Frauen denkst?
Bauchtanz

31. Hast du schonmal gedacht: Wenn ich könnte, würde ich nur mit Menschen zusammenarbeiten, die so sind wie ich?
Bloß nicht! Wir würden uns ständig ins Wort fallen und „hab ich doch gesagt!“ rufen.

32. Siehst du Menschen, die dich repräsentieren, wenn du den Fernseher anschaltest oder eine Zeitung aufschlägst?
Sicher nicht, wenn ich ZEIT Campus aufschlage, tut mir leid.

33. Wie oft geben dir Menschen in deinem Umfeld das Gefühl, dass du nicht zu dieser Gesellschaft gehörst?
Wie oft geben Ihnen Menschen in Ihrem Umfeld das Gefühl, eine Nervensäge zu sein?

Zwischenruf

23. Oktober 2018 § 3 Kommentare

In Hürxberg am Straßenbahnübergang ein zwei mal fünf Meter messendes Banner, darauf abgebildet die charakteristische Kuppe des Hürxberger Hausbergs, kahl wie eine Mönchstonsur, und auf der Lichtung eine Gruppe Windkraftanlagen, die aussehen wie eine Invasion extraterrestrischer Makroviren. Dazu die Aufschrift: Waldschutz ist Klimaschutz – Windkraftprojekt Hürxberg stoppen!

Steinkohle darf es nicht sein, Braunkohle noch weniger, Atomkraft, bewahre!, schon gar nicht, und Windkraftanlagen sollen bitte woanders stehen. Liebe sogenannte Naturschützer, wo glaubt ihr, wird der Strom für eure ganzen Mobiltelephone, Laptops, Großserver, das Internet (eine Suchanfrage bei Google verbaucht soviel Strom wie eine Energiesparlampe in vier Stunden), neuerdings E-Bikes, demnächst Elektroautos, zuzüglich zu den schon vorhandenen Waschmaschinen, Trocknern, Föhnen, Brennscheren, Waffeleisen, Elektroöfen, Stabmixern, Bügeleisen, Toastern, Stereoanlagen, Fernsehern, Wasserkochern, Laubbläsern, Mikrowellen, Kühlschränken, Klimaanlagen, Straßenbahnen, Fernverkehrszügen herkommen?

Achso, ja. Aus der Steckdose.

11. Oktober 2018 § Ein Kommentar

(Die Traube der Studenten, aus der Straßenbahn herausgequollen, jetzt sammelt sie sich am unbeschrankten Gleisübergang vor der roten Ampel, so viele sind es, daß sich die Menge auf der Rampe zu den Bahnsteigen zurückstaut. Niemand will die fünf Meter des Bahnübergangs überwinden, obwohl in den geraden Strecken der Luxemburger Straße rechts und links weithin keine Bahn zu sehen ist. Erst als die Ampel grün zeigt, setzen sich einzelne, vorsichtig nach rechts und links spähend, in Bewegung, und schrittchenweise schiebt sich die Traube hinterher.

Lauter junge Leute mit kritischem Bewußtsein. Man ist versucht, diesen Ablauf als ein Sinnbild für die moderne Universität zu deuten.)

Zwischenruf

10. Oktober 2018 § 2 Kommentare

Jetzt, wo alle Welt wieder von Frankfurt spricht: Wie wäre es denn mal mit einer Messe für Literatur? Ein publikumsoffenes internationales Symposium (jährlich unter einem anderen Motto stehend), in dem ein paar Tage lang über Texte und nur über Texte gesprochen, gedacht, diskutiert und gern auch gestritten wird, kommerz- und wettbewerbsbefreit, lustig, hitzig, witzig, inspirierend. Die Publikationsformen wären egal, es ginge nur um den Text. Werbung und Verkaufsstände wären verboten. Autoren wären zugelassen, dürften aber nicht als solche auftreten (dürften also beispielsweise einen Vortrag über einen nicht selbst verfaßten Text halten, an einer Diskussion über einen nicht selbstverfaßten Text teilnehmen, nicht aber aus dem eigenen Werk lesen, Interviews geben, Signierstunden abhalten etc.)
Nicht umsonst heißt es ja Frankfurter Buchmesse, nicht *Frankfurter Literaturtage. Buch und Messe. Es geht um Bücher und um Geld, keineswegs um Texte. Die Texte sind ja im Grunde egal, solange sie sich nur verkaufen lassen. Sofern sich nur Käufer finden würden, könnte man auch über reine Attrappen sprechen. Das Buch ist eine Ware, und für Waren gibt es Messen. Für Literatur müßte man sich etwas ganz anderes einfallen lassen. Aber vielleicht will man das ja auch gar nicht.

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