15. April 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Langsam tasten die Vögel sich vor, prüfen die Gänge des Morgens, die Flöße des Regens. Flügge Laubklumpen, schnabelvoll hektischer Luft. Auf Nachbars Hausdach lauschen die Antennen.

Ins Nest zurückgekehrt: die Fenster an den geduckten Häusern. Kopfüber hängen sie schlafend am Putz.

Himmel ohne Stützen. Wind ohne Flügel. Bettdecken ohne Unterseite. Müde suche ich nach der Wurzel von Küssen. Als es zu regnen beginnt, bist du schon lange weg.

Frühprotokoll: Schlecht geträumt

7. April 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Morgenstunde. Ein Schlaf voller Fremdheit. Ein Schweben an Felsen, sturzbereit. Stimmen. Blütenränder, die wie Siegel in der Dämmerung liegen.

Unfertig der Morgen. Als rückten die Techniker im Verborgenen noch an den Kulissen herum. Unfertig auch die Träume. Schrille Schreie toter Insekten, gelbes Blut auf essigweißen Tellern, aufgeplatzte, geschwollene, geschundene Körperchen. Obwohl nichts mehr zappeln dürfte, zappeln die Beinchen immer noch.

Ich verschlafe das Kaffeekochen. Duft eines geduschten Körpers füllt den Raum, bevor ihn der Kaffeeduft füllt. Decke über den Kopf, bevor das Licht angeht.

Später Pläne, Verabredungen, Projekte. Ich habe für alles zuviel Zeit oder zu wenig, jedenfalls ist es die falsche Zeit, die falsche Stunde, ein Acker voller Disteln. Wie ein unfertiges Kreuzworträtsel widersetzt sich der Tag, geht vorne und hinten nicht auf.

Leer liegt die Wohnung, am falschen Ende des Kusses. Feder, Flaum und Schnabel. Gußform von Schreien. Blutleere Lüfte. Bäume nesteln an den Wurzeln, erheben sich, wechseln in die Arbeitskluft des Tages.

Frühprotokoll mit Streichern

6. April 2017 § Ein Kommentar

Im Radio einer meiner Lieblingsmoderatoren. Daniel Finkernagel erklärt, warum er neulich im Konzert fast gebuht habe. Es sei ein gemischter Abend gewesen, ein bißchen Komik, ein bißchen klassische Musik, ein bißchen Varieté, und das ganze zusammengehalten von einem Conférencier, der natürlich, das gehört sich ja so, die Mitglieder des auftretenden Streichquartetts folgendermaßen vorgestellt habe: „Erste Geige: … Zweite Geige: … Dritte Geige: … Cello: …

Gebuht hätte ich wohl auch nicht, aber gekichert hätte ich sicher. Weniger entrüstet als zufrieden darüber, daß es genügend Analphabeten auf der Welt gibt, von denen man sich großherzoglich unterscheiden kann.

Ich habe auch nie verstanden, warum man bitte Jugendliche oder bildungsferne Schichten oder sonstwen für klassische Musik erwärmen sollte. Gute Musik ist überall wohlfeil zu haben, es gibt keine anderen Hindernisse als den eigenen Anspruch an Kunst. Der Weg zu Streichquartett und Sinfonie ist frei, wer das nicht will, bitte schön. Die Konzertsäle und Opernhäuser sind auch ohne Krethi und Plethi voll. Allen Bemühungen aber, neue Hörerkreise für klassische Musik zu erschließen, haftet in meinen Augen etwas zutiefst Anbiederndes inne. Klassische Musik wurde an Fürstenhöfen ersonnen. Es ist Musik für Fürstenohren. Also bitte!

*****

Seltsam, wie man eine starke Abneigung oder Zuneigung gegen bestimmte Radiostimmen entwickeln kann. Es gibt einen Moderator meiner Lieblingssendung, den ich absolut nicht ausstehen kann, ich kriege Pickel im Ohr, wenn ich den höre. Es ist nicht einmal, weil er den Namen Poulenc wie Poulonc ausspricht, aber das macht es natürlich nicht besser.

Was mir ebenfalls Ohrenschmerzen bereitet, ist eine bestimmte Tonlage und Intonation, die vom WDR in letzter Zeit gern für Ankündigungen benutzt wird. Konzerte in NRW – die große Sommerreihe! Oder: WDR-Konzerte live erleben! Oder einfach nur: WDR3-Aktuell! (WDR-Sprech für „Nachrichten“). Es klingt immer so, als wolle die Sprecherin gleich noch ein jetzt nur einen Euro neunundneunzig! folgen lassen. (Falls hier jemand mitliest vom WDR: Ich bitte Sie inständig, ändern Sie das. Kultur ist kein Kräuterquark! Und verzichten Sie in der Kulturwerbung bitte auf die Vokabeln erleben, genießen und Event. Danke!)

Demselben so oft geschmähten Kultursender verdanke ich indes eine Empfehlung, die ich an Sie weitergeben möchte. Dorothee Mields und die Lautten Compagney spielen Liebeslieder von Henry Purcell. Unbedingt anhören!

Frühprotokolle. Muskelkater

1. April 2017 § 3 Kommentare

 
Der Morgen aufgestuhlt, ausgefegt, hallend von einem einsam tropfenden Wasserhahn. Aufgewacht mit einem fremden Socken am Fuß.

Vogelnamen aufzählen. Zungen archivieren. Wälder imaginieren, Hügel ins Flimmern bringen hinter den Wimpern des Forstes.

Wie ein müder Athlet streckt der Stiefel die Schnürsenkel von sich. Im Baum zählen die Raben ihr Beutegeld.

Das Wetter ein verrückter Einfall von gestern, der am Morgen absurd erscheint. Jetzt hängen wieder die Wolken über den leeren Bahnsteigen. Abgeknickte Schirme stecken den Kopf in Abfallbehälter. Die Forsythie hat einen schmutzigen Schuh aufgespießt.

Wie geht es weiter? Der Himmel riecht nach Flugzeugen. Die Braunelle zwitschert eine Endlosschleife aus Pausen.

Frühprotokoll. Sommerzeit

30. März 2017 § 2 Kommentare

 
Mit den Vögeln wach werden. Hausrotschwanz, Singdrossel, Amsel. Im Traum fliegen den Dingen wieder die Namen zu, Wolke, Weißdorn, Rauch, Kiesel, Weide, Gras. Der Tag ist wie ein kühler Ärmel, in den man fröstelnd schlüpft.

Hellere Wege. Was auch immer unter dem Winterlaub lauerte, ist jetzt fort. Die Sonne dreht eine Rose ins Schloß. Die Räume häuten sich und kehren die Fleischseite nach außen.

Als schwebten Fledermäuse langsam zu Boden, so kehren nach der nächtlichen Jagd die Bücherstapel zurück zum Tag. Der Fenstergriff, eine schwirrende Libelle, schwebt über den Schatten des Glases. Unter den Wolken indes breitet bequemer das Land sich aus.

Blinzeln des Rolladens. Die Kirschzweige im Fenster sind wie ein gekritzelter Gruß, den man am Frühstückstisch findet, wenn man zu spät erwacht.

29. März 2017 § 3 Kommentare

 
Neulich habe ich wieder Eltern beobachtet, die mit ihren Kindern umgingen wie mit Hunden (Aus! Pfui! Melissa, hiiiieeer!).

Dafür trifft man immer wieder Hundehalter, die ihre Tiere behandeln, als wären es Kinder. (Wie oft muß ich dir noch sagen, du sollst herkommen, wenn ich rufe? Laß dich doch nicht so ziehen!)

Manche Leute scheinen da entscheidende Unterschiede nicht begriffen zu haben.

Einverleibungen

28. März 2017 § Ein Kommentar

 
[…]
Die Räume waren offen, die Zukunft war eine Bibliothek. Man würde nicht alle Bücher lesen können, aber man hatte unendlich Auswahl. Und alle Bücher, die hier versammelt waren, wären der Lektüre wert. Nichts, was man begönne, wäre je vergebens. Es gab keine Zeit zu verlieren. Es gab aber auch keine zu vergeuden. Man konnte nur gewinnen.
So war damals die Zukunft.

Eine Anmutung von Fremdheit

23. März 2017 § 3 Kommentare

Als wäre das Laufen nicht mehr dieselbe Tätigkeit, als hätte sich, was ich als Laufen bezeichnete, wenn ich es tat, klammheimlich aus der Hülle des so Bezeichneten entfernt. Zu sagen, es ist nicht mehr dasselbe, trifft diese Verwandlung nicht, denn ich weiß nicht mehr, wie es vorher war. Es ist, als sei ein Schleier zwischen mein Laufen heute und mein Laufen vor, sagen wir, zehn Jahren getreten.

Es geht mir noch mit anderen Tätigkeiten so. Sie fühlen sich auf unheimliche Weise fremd an, oder ich selbst als Erlebender und Handelnder fühle mich in ihnen fremd an, als sei meiner Aufmerksamkeit ein weiterer Zuschauer gewachsen, unter dessen Augen und im Bewußtsein seines Zuschauens mir das Vertraute zu etwas sanftmütig Fremdem gerät. Selbst Küsse. Selbst das Liebesspiel. Selbst das Vertrauteste bekommt in diesem Argwohn die Anmutung von etwas Fremdartigem. Bin ich sicher, daß ich immer schon so umarmt, so geküßt habe? Ich weiß, was ich tue, ich fühle, was ich vermeintlich immer gefühlt habe. Aber plötzlich schiebt sich der zarte Schleier einer Unsicherheit zwischen mich und das Erleben. Es ist, als probierte ich den Geschmack von Dingen, die ich seit sehr langer Zeit entbehrt habe. Das merkwürdige aber ist, ich habe nichts entbehrt, es gibt ein Kontinuum ohne Brüche. Ich habe nie mit dem Laufen aufgehört, und auch mit der Liebe nicht, zum Glück.

Es ist etwas ungeheuer Plausibles in den Dingen, die wiederkehren. Plausibel und überraschend zugleich. Wenn überhaupt etwas, dann sind es die Gerüche und Geräusche der Jahreszeiten, die Textur eines bestimmten Frühlings- oder Herbstmorgens, die Dichte der Luft, die Transparenz des Raums, der Glocken, die darin schlagen, das geringste Gewicht des Lichts auf einer Anemone, die jenseits jeden Zweifels wahr sind, uralt und unveränderlich jung in ihrem Wiederauftreten. Spürt man, wie man alt wird, an ihrem Jungbleiben? Die Jahreszeiten werden nicht mit uns alt, mit niemandem.

Insofern ist jedes Erlebnis eines Frühlings, diese plötzliche Haupterhebung, daß man in der Frühe aus dem Haus tritt und sich wie gesalbt fühlen darf von der über Nacht geheiligten Luft, der Verweis auf alle Frühlinge, die man zuvor erlebt hat, und dadurch, daß so ein Morgen als etwas Bekanntes, als etwas, das man schon einmal erlebt hat, in Erscheinung tritt, und zwar als ganz genau dieselbe Erscheinung, gibt sie mir das Bewußtsein meines Alterns ein. Ich erinnere mich ja. Der Frühling ist neu und unverändert. Aber indem ich mich erinnere, daß genau der gleiche Frühling schon einmal war, ja, indem er mir überhaupt als etwas Bekanntes begegnen kann, fühle ich meine eigene Bewegung durch die Zeit.

Vielleicht ist es ein verändertes Bewußtsein von den Dingen, für die Dinge, für mein selbst in der Begegnung mit den Dingen. Eine Schärfung, nicht der Wahrnehmung selbst, sondern der Selbstwahrnehmung. Ein Argwohn gegenüber dem allzu Selbstverständlichen. Noch ist mein Laufen selbstverständlich, das Musikhören, das Betrachten einer Waldlandschaft, der Geruch geschlagenen Holzes, Stuhlgang, das Gefühl von feuchter Kiefernborke, Fieber, ein Weinrausch; aber es ist nicht mehr selbstverständlich, daß es selbstverständlich ist; daß es selbstverständlich so ist. Plötzlich könnte es auch anders sein. Plötzlich könnte es früher ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich; aber die Erinnerung enthält nur Bilder, die zu allem passen, was ich jetzt erlebe. Die Erinnerung enthält ja nur Dinge, die man nicht mehr erleben kann, man kann nur die Erinnerung erleben. Nie kann ich in einen Lauf von vor fünfzehn Jahren zurückkehren, oder in eine vergangene Liebesnacht. Das Schöne an einem Frühlingsmorgen aber ist vielleicht, daß er selbst keinerlei Erinnerung hat an all die anderen Frühlinge vor ihm, die nur wir in ihm wiederfinden.

Aequinoctium

21. März 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Arbeit der dunkelsten Nacht. So stampften die Bäume den Acker
      fest. Und die Pferde, vor Tag, nagten die Stürme vom Zaun.

… nicht halten, wollen wir …

20. März 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Zwei Runden zu je 21 km durch den Königsforst gedreht. Zweimal der Tunnel, zweimal der Weiher, zweimal das Weglein mit den verrottenden Baumstämmen, zweimal die Kreuzung mit dem Pferdeweg, zweimal die tote Kröte. Und ich weiß jetzt, im Königsforst gibt es Feuersalamander. Nun ja, es gibt dort mindestens einen Feuersalamander. Um ganz genau zu sein, es gibt dort mindestens einen zertretenen Feuersalamander. Aber an dem bin ich nur einmal vorbeigekommen.

Bei der Beschreibung großer Erschöpfung ist oft von einem Tunnelblick die Rede. Was in diesen Tunnel gerät, stelle ich mir vor, wird eigentümlich fokussiert, unwillkürlich, drängt sich als Sekundenerscheinung auf, verschwindet gleich wieder, bleibt aber haltbar und in der Detailschärfe überreich im Gedächtnis haften. Etwa die tote, silbriggrau schimmernde Kröte auf dem Waldweg. Der dicke Hals, die vergleichsweise grazilen Beinchen mit den noch viel grazileren Schwimmfüßchen, die gelbliche Haut unterm Maul, der Eindruck von kalter Starre. Das Tier lag auf dem Rücken, die Glieder flach ausgestreckt am Grund. Bei der zweiten Runde war es etwas von der Stelle, wo ich es zuerst gesehen hatte, entfernt und lag etwas zur Seite gedreht, als walte in dem toten Leib noch ein unheimlicher, störrischer Wille.

Man könnte denken, es ist eine noch größere Herausforderung an die psychische Moral, wenn man schon 42 km laufen muß, dies auch noch in zwei gleichen Runden zu tun, so daß man nach 21 km genau weiß, jetzt exakt der gleiche Rundkurs nochmal, nochmal der Tunnel, nochmal der Weiher, die Bäume, die Kröte. Tatsächlich aber ist das gar nicht so verkehrt, denn die zweite Runde taktet sich dadurch, daß man sie schon kennt, in Abschnitte, die das Vorankommen belegen, durchgestandene Strecke wegstreichen und zum Weitermachen motivieren. Wenn man das Gelände nicht schon sehr gut kennt, sieht man, zumal bei einem Waldlauf, auf der zweiten Runde Dinge, die man bei der ersten nicht bemerkt hat. Anderes wiederum entgeht einem beim zweiten Mal: in Wirklichkeit nämlich kann ich mich nicht daran erinnern, am Weiher zweimal vorbeigekommen zu sein. Ein weiteres Merkmal der Erschöpfung und der Konzentration aufs Weitermachen: Man kann etwas so Auffälliges wie einen kleinen See tatsächlich übersehen. Erstaunlicherweise ist mir die zweite Runde zeitlich kürzer vorgekommen, obwohl ich bestimmt langsamer gelaufen bin.

Gedanken und Bilder. Die Schokolade, die gleich im Rucksack wartet. Das Bier zu Hause. Die Kraniche des Ibycus, woraus vier Verse fehlen, an die man sich einfach nicht mehr erinnert. Schluchzer in der Brust über ein Lieblingsgedicht, Drum, will schon unsrer Sonne Wagen / nicht halten, wollen wir ihn jagen, und zuletzt nur noch, nachhallend im Kopf, jagen, jagen, jagen, während aus drei Kilometern (komm schon, das ist bei dir zu Hause einmal auf den Berg und wieder runter) zweikomma Kilometer und irgendwann siebenhundert schier unüberwindliche Meter werden. Der Gedanke, wehr dich nicht. So ist es jetzt. Du läufst. So ist es jetzt. Du läufst. Es ist, wie es ist.

Oder auch: Wolkenschraffuren. Das Gitterwerk der Zweige als Schatten in einem plötzlich aufscheinenden Sonnenstrahl auf dem Weg. Oder auch: der wippende Pferdeschwanz einer Läuferin ein paar Schritte vor mir; ihr orangrotes Trikot mit dunklen Schweißflecken darauf; eine Pfütze im Tunnel, die das Gegenlicht des Ausgangs spiegelt; eine in den Schlamm getretene Gelpackung, mit ihrem gelben Schimmern der Kröte nicht unähnlich, als bestehe da eine geheime Verbindung; der Lärm unsichtbarer Riesenflugzeuge, wo der Weg die Einflugschneise unterquert. Ein geheimes Leben durchwirkt den Wald, an dem man keinen Anteil hat, ein Leben, das einen kaum beachtet, während man seine Ränder kreuzt, beschäftigt mit sich selbst wie mit einem sehr seltsamen Ding.