Die Welt ist nicht so bescheuert

27. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Neulich habe ich angesichts des ZEIT-Artikels über Trans- und Bisexualität gedacht, daß viele Aufreger, die mich eine Menge Nerven kosten, nur scheinbar weit verbreitete Phänomene sind. Weit verbreitet sind sie vor allem an einem Ort: im Netz. Wäre ich nicht ständig dort (oder gar nicht mehr), dann wäre nicht einmal die gendergerechte Sprache mehr als ein diffuses Gerücht von sehr weit her. Die meisten Texte, die mir außerhalb des Netzes begegnen, von der Zeitung übers Radio bis zur Belletristik, sind noch von keiner Moralmode geknechtet und weithin ungegendert. Von anderen Möglichkeiten als entweder Mann oder Weib zu sein, hätte ich zwar gehört, der Streit um gemeinsame Toiletten für Frauen und Männer würde mich aber nicht weiter jucken. Vom Kampfbegriff der kulturellen Aneignung (cultural appropriation – wenn Sie’s nicht kennen, seien Sie froh, Sie haben nichts Wesentliches verpaßt) hätte ich vielleicht einmal kurz im Radio vernommen, dürfte aber ansonsten ohne schlechtes Gewissen (oder schlechte Laune) Jazz hören oder Dvořaks Symphonie aus der neuen Welt. Die neuesten Ernährungsverrücktheiten sieht man zwar leider im Supermarkt – kann sie dort aber einfacher ignorieren, als wenn sie mir der Feedreader auf den Bildschirm bläst. Das Netz tut mir nicht gut, auch in diesem Punkt nicht. Da argumentiert wieder einer für das große Binnen-i? Muß ich lesen! Da fällt wieder einmal jemand der Statistik des Durchschnittseinkommens von Frauen und Männern zum Opfer? Gleich mal anklicken! Da klagt wieder einer sexistische Werbung an? Will ich sehen! Da behauptet einer, wer sich die Replica eines Moai in den Vorgarten stelle, beweise nicht nur schlechten Geschmack, sondern mache sich des Kulturraubs schuldig? Muß ich mehr darüber wissen! Undsoweiter. Der Theorie von der Filterblase zum Trotz gibt es einen Drang im Menschen, der ihn unwiderstehlich zu gerade den Dingen zieht, die ihm befremdlich scheinen und ihm ein Ärger sind, gerade zu den Dingen, über die er sich am meisten aufzuregen geneigt ist. Als gäbe es dabei irgendeinen Genuß. Eine Bestätigung: Die Welt ist wirklich so bescheuert wie ich immer dachte, da habt ihr’s! Im Netz aber ergibt sich ein schiefes Bild. Da alles gleich schnell und gleich leicht verfügbar ist, scheint die Welt von ärgerlichen Erscheinungen nur so zu wimmeln, Erscheinungen, die bei näherem Betrachten, nämlich offline, so marginal sind, daß sie praktisch verschwinden. Ich muß lernen, besser auszuwählen, womit ich mich im Netz befassen will. Warum mußte ich jetzt beispielsweise diesem dämlichen vong auf die Spur gehen? Eine überflüssige Auskunft, nicht einmal amüsant war’s. Was hat das mir jetzt gebracht? Oder daß ich weiß, was lolcats sind? Ich wollte, ich könnte dieses Wissen einfach wieder aus meinem Kopf streichen. Weil es ärgerlich ist und überflüssig, und weil ich schlechte Laune bekomme, wenn ich nur daran denke. Aber der Mensch fühlt sich nicht nur zu Ärgerlichem hingezogen – er merkt es sich leider auch besser.

Frühprotokoll unter Wolken

26. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Über die Pferdeweiden. Wie man sich langsam eine Gegend aneignet, erst die großen, dann die kleineren Wege. Nach und nach die Ausblicke, groß wie Glaserfenster, in denen sich Wetter spiegelt. Zugleich das Gesicht bestimmter Streckenabschnitte, die stramme Haltung eines Baums, Licht, das von Pfütze zu Pfütze vorausläuft, das Grinsen einer Kurve, und wie die Ferne die Utensilien der Landschaft präsentiert. Anfang und Ende, Vorder- und Rückseite von Richtungen, ihre Farben, ihre Tiefen. Wege verändern ihren Charakter in Abhängigkeit dessen, was ihnen voranging. Wege färben Wege färben Wege, und alle zusammen, die Strecke mit ihren Bildern, tünchen die Tür, wenn man den Schlüssel wieder ins Schloß steckt.

Heute ein tänzelndes Pferd, das erst vor mir erschrickt, sich dann beruhigt und ostentativ schnaubend zum Grasen zurückkehrt, als wolle es mir sagen: Glaub ja nicht, daß ich vor einem wie dir Angst habe.

Heimat als etwas, das sich erst aus der Fremde zu erkennen gibt.

Beim Heimkommen, am Villehang, der Kirchturm mit der Uhr auf Augenhöhe. Die Wolken tief und feucht, aber regnen will es immer noch nicht. Die Wiesen braungebrannt wie im August.

Weitsicht wie vor einer herannahenden Katastrophe, diese Streifen in den Sonnenstrahlen, das unschuldige Glitzern eines fernen Stroms, eine Stadt, die sich sicher wähnt. „Ein Schulterzucken“, sage ich, Camille Paglia zitierend, zu L., als wir auf den Schandfleck in der Landschaft blicken, „der Natur, und alles liegt in Trümmern“. Was wäre, haben wir uns mal vorgestellt, wenn der Laacher Vulkan noch einmal ausbricht? Damals wurden in einer plinianischen Eruption große Mengen vulkanischer Asche und Bimsstein ausgeschleudert, deren Masse das Rheintal bei Andernach abriegelten, der entstandene See reichte bis zum Oberrheingraben hinauf. Was wäre wohl heute in unserem Ameisenhaufen los, wenn so etwas wieder passierte? Wir leben auf dünnem Eis.

Kalt duschen, dann den Vögeln zuhören, die in der Garageneinfahrt auf eine Katze hassen. Währenddessen Tee kochen und warten, daß du endlich anrufst.

Solstitium

22. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Mädchen, ihr tauchtet ins Wasser die Lippen der durstigen Krüge.
      Bebend von keuschem Naß stiegen die Küsse ans Licht.

Frühprotokoll ohne Wildschwein

20. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Lauf in der Morgenkühle, gegen sechs an den Pferdeweiden, da ist die Sonne schon aufgegangen, fliegt steil hinauf, getützt auf einen Ahornbaum wie ein Springer auf seinen Stab. Turbulente Welt, strudelndes Licht, überall Plätze zum Schlafen und Aufbrechen.

Dort, wo immer die Wildschweine warten, stakst heute morgen nur ein einzelnes Reh über den Weg. Verträumt, wie in steifbeiniger Ekstase, schnuppernd, witternd, an einem Halm knabbernd. Erst sieht es mich nicht, dann sieht es mich. Dann kann es nicht abschätzen, was ich bin, dann flieht es, aus seinen Rehträumen verjagt. Ich wüßte gern, wie sich das warme Fell anfühlt. Die zitternde Flanke. Wie es riecht: nach Reh wahrscheinlich. Aber wie riecht ein Reh? Einmal habe ich aus nächster Nähe ein totes Reh gesehen. Es war erstaunlich klein. Ich habe es nicht angefaßt. Der Tod war eben erst dagewesen, er hatte die Augen glänzend und dunkel zurückgelassen, wie sie in den Himmel starrten, ein letztes Bild, in dem Tod noch nicht vorkam. Auch dies ein früher Morgen.

Klimmzüge am Fitneßpfad. Warum mache ich das? Ich werde sowieso eines Tages mit Mühe kaum über die Bettkante kommen. Und dann auch bald das nicht mehr. Soll ich mich nicht lieber jetzt schon daran gewöhnen?

Bei weiblichen Läufern zu früher Stunde füchte ich immer, daß sie sich vor mir fürchten. Rape culture. So weit geht die Indoktrinierung. Ich bemühe mich bereits, kleine Kinder nicht allzu genau anzuschauen, nicht daß jemand was denkt. Dabei ist an mir nichts, was zum fürchten wäre. Vielleicht fürchte ich es auch gar nicht, sondern mir gefällt die Vorstellung, daß sich jemand vor mir fürchtet. Die menschliche Seele ist eine Mördergrube.

Die Frau, die erst die lange Hundeleine einholen muß, bevor ich vorbei kann, ruft mir entschuldigend hinterher, Tut mir leid, kein Rückspiegel! Ich lache ihr zu und denke, wär ja noch schöner, wenn wir jetzt auf einem Fußweg auch schon Rückspiegel brauchten.

Die Sonne über der Ebene, abgestoßen vom Baum, vom Hügel, von allen Horizonten, freier Fall, lichtwärts.

Zu Hause ziehe ich erst die Spinnweben aus, dann die Kleider. Das Zimmer ist wärmer als die Luft in der Straße. Ich stünde gern nackt am Fenster, unsichtbar für alle, frei, frei im Licht und der Kühle, allein.

Unter Jägern

14. Juni 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Aber natürlich kehrte der Wagen auf dem selben Weg wieder zurück, ich hörte das Krachen von Schotter unter den Reifen lange, bevor die helle Frontscheibe des Transporters zwischen den Bäumen erschien. Ich hatte mich bereits ausgezogen, lag schon im Schlafsack und war nach drei Stunden Wartens nur zu bereit zu glauben, nun sei es wohl vorbei, nun hätte ich meine Ruhe. Aber natürlich mußte er zurückkommen, hatte ich ernsthaft geglaubt, ein Wagen, der abends in den Wald hineinfährt, wo es laut Karte weit und breit keine Straße gibt, würde nicht auf demselben Weg auch wieder herausfahren? Zumal ich gehört hatte, wie das Fahrzeug nach etwa hundert Metern geparkt wurde. Gegen sieben war das gewesen. Da hatte mich noch niemand bemerkt, weil die Hecke mich nach Mürlenbach zu, woher der Wagen gekommen war, abschirmte, aber jetzt, jetzt war das anders, jetzt bot sich dem, der da in seinem wackelnden und rumpelnden Transporter in Richtung Dorf heranrollte, frontal ein freier Blick hinter die Hecke, auf die Wiese, auf den Fleck, wo klein und geduckt mein Zelt stand. Nicht klein, nicht geduckt genug. Zwar war es schon nach zehn, es dämmerte bereits, aber um unsichtbar zu sein, hätte um mich stockdunkle Nacht herrschen müssen; und auch dann hätten mich die Scheinwerfer des Wagens sicher gestreift. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, als würde diese lächerliche Bewegung, nicht mehr als eine rituelle Geste, eine Beschwörung, mein Zelt dem Zugriff ungewünschter Blicke entziehen. Am liebsten hätte ich mich mitsamt dem Zelt in die Hecke verkrochen. Aber das ging natürlich nicht. Das hätte ich mir vor einer halben Stunden überlegen müssen (und wohin dann?), nicht jetzt, wo der Wagen bereits aus dem Wald heraus war und direkt auf mich zusteuerte.
Und hoffentlich gleich hinter der Hecke verschwinden, keinesfalls anhalten, sondern einfach weiterfahren würde, fort von hier, fort von meinem verbotenen Tun, zurück ins Dorf, nach Gerolstein, nach Trier, egal, nur weg. Ich hielt den Atem an. Es war ein lange vergessenes Gefühl, das mich wieder in die Kindheit zurückkatapultierte, in ein Klassenzimmer, wo der scharfe Blick des Lehrers wie ein Radar über die Reihen der Schüler huscht. Schau woanders hin, betet man und bemüht sich, wie jemand auszusehen, der die Hausaufgaben auf jeden Fall gemacht hat, besser noch, als wäre man gar nicht anwesend. Und dann, na ja, dann spürt man, obwohl man nicht hochschaut, wie der Blick auf einem stehen bleibt, eine Hundertstelsekunde, bevor man den eigenen Namen hört.
Ich hätte gern ein Somebody-else’s-Problem-Shield gehabt.
Wie so viele andere schöne Dinge auch, ist nämlich wild Zelten in Deutschland, diesem Musterland der Gängelung und des Ordungsamts, verboten. Wenn ich es trotzdem mache, so fordert mir das, einem eher ängstlichen Menschen, der wenig mehr scheut als Ärger mit Institutionen und ihren verschiedenen Sendlingen und Vollstreckern, einen ungeheuren Mut ab. Meistens fehlt der, und ich bleibe zu Hause oder nehme mir ein Zimmer; wenn ich mich dann doch einmal überwinde und mit dem Zelt losziehe, fürchte ich nichts so sehr wie eine Begegnung, nein, nicht mit Wildschweinen, sondern mit Jägern, Förstern oder demjenigen Typ Mensch, der in vergangenen Zeitaltern gern und freiwillig den Blockwart machte. Solche Begegnungen wie eine solche, die jetzt droht, während der Wagen in den Schutz der Hecke eintaucht und kurz die Hoffnung aufflammt, daß der Fahrer mich wirklich nicht gesehen hat (oder es ihm egal ist, was ich da mache), solche Begegnungen machen ein Abenteuer aus, auf das ich mich nicht freiwillig einlasse. Es ist ein Risiko, das für mich nicht die Spannung erhöht oder gar den Reiz der Sache ausmacht, sondern mir das Vergnügen, eine Nacht in freier Natur zu verbringen, wenn nicht ganz verdirbt, so doch beträchtlich eintrübt. Das Verbotene hat für mich jedenfalls keinen Reiz, nur weil es verboten ist.
Wider alle Erwartung wurde an diesem Abend, Pfingstsonntag, gejagt. Naiv wie ich war, dachte ich, im Frühsommer sei Schonzeit. Aber keine halbe Stunde, nachdem der Wagen im Wald verschwunden war, hatte es schon gekracht. Und dann noch einmal. Und nach einer Weile, sehr nah, sehr laut, so daß es rings in allen Tälern zwei, drei Sekunden widerhallte, noch einmal. Es war nicht das erste Mal, daß ich an Jäger geriet, und obwohl ich prinzipiell nichts gegen das Jagen einzuwenden habe, regt sich in mir inzwischen ein gewisser Unmut. Weniger übers Jagen und über Jäger als wieder einmal darüber, daß die Welt einfach zu klein ist, um allen Interessen genug Raum zu geben: Den Mountainbikern zum Brettern, den Jägern zum Ballern, den Walkern zum Stöckeschwingen, den Wildcampern zum Wildcampen. So groß, daß sie alle behaupten könnten, die Welt für sich alleine zu haben.
Während der Wagen langsam vorbeirollte, dachte ich an das letzte Mal, wo jemand abends noch mein Zelt bemerkte. Wir hatten es neben einer Bank an einer Wegkreuzung aufgestellt, wo laut Karte einmal ein Naturdenkmal gestanden hatte, und saßen gerade bei Worscht und Brot in der Abenddämmerung auf der Bank, als ein Bauer, der wohl noch nach seinen Kühen geschaut hatte, auf einem Quad vorbeikam, uns sah – und so scharf bremste, daß die Hinterräder des Fahrzeugs einen kleinen Hüpfer machten. Ich hob die Hand zum Gruß, freundlich – der andere grüßte nicht minder freundlich zurück. Guten Appetit! Wir unterhielten uns eine Weile, es gab kein Problem. Das Wegeckchen war Niemandsland, der Bauer verriet und, er habe selbst schon einmal dort gezeltet. Stolz auf seine Kälbchen, machte er uns, für den Fall, daß sie uns entgangen seien, auf sie aufmerksam. Das Naturdenkmal sei ein alter Baum gewesen, der noch 2014 gestanden habe. – Also dann, gute Nacht! – Gute Nacht! Ein netter Mensch. Aber das weiß man ja vorher nicht, und der Schreck saß uns beiden noch in den Gliedern, als der Bauer auf seinem Quad heim zu seinem Abendessen knatterte.
Der Transporter war halb am Zelt vorbei und ein gutes Stück hinter der Hecke, rollte, rollte, fuhr noch ein Stück. Ich war schon überzeugt, er werde vorbeifahren, da bremste er ab. Hielt, verdammt. Fuhr ein Stück zurück, wie es Comichelden tun, wenn sie zuerst nicht glauben wollen, was sie sehen. Die Fahrertür öffnete sich. Jetzt gibt’s Ärger, dachte ich, als ich mit klopfendem Herzen den Reißverschluß des Innenzeltes öffnete.
„Guten Abend!“ rief ich in offensiver Freundlichkeit durch den Zelteingang dem Mann zu, der etwas zögernd über die Wiese herangestapft kam. Ein Jäger, natürlich. Graues Hemd, graue Flanellhose, Waffe am Gürtel. Offensichtlich wußte er nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Ich war ihm nicht recht, das spürte ich. Aber Ärger mit mir wollte er auch nicht haben.
„Schlafen Sie hier?“
Merkwürdiger Akzent, vielleicht ein Belgier. Ich hatte in dieser Gegend schon einmal in der Dämmerung ein Auto mit belgischem Kennzeichen im Wald herumfahren sehen. Was zum Teufel machten die hier? Gab es in den Ardennen keine Wildschweine?
„Das ist Jagdgebiet“, klärte mich der Mann auf. Woher ich das hätte vorher wissen sollen, sagte er nicht.
Ich hob nur die Schultern. Was war da zu machen? „Sind Sie denn fertig?“
„Ich schon, aber ob die anderen einverstanden sind …“ Er ließ den Satz unvollendet. Ich hob wieder die Schultern. So musterten wir einander eine Weile.
Da wandte sich der andere mit einer resignierten Geste ab, stapfte zurück zum Wagen, lenkte auf den Weg zurück und setzte seine Fahrt nach Mürlenbach hinunter fort. Ein paar Sekunden später war das Motorengeräusch verklungen. Es herrschte wieder die Stille von vorher, nur daß jetzt das Spotten der Drossel wie ein Kommentar zu den Narrheiten der Menschen klang. Ein bißchen beneidete ich die Raupe, die sich vor dem Zelt um einen Grashalm wickelte. Sie war so zu Hause in ihrer Welt, wie ich in der meinen nie sein würde. In der Stadt ebenso wenig wie hier draußen in meinem Zelt.

Analog

29. Mai 2017 § 6 Kommentare

(Ein Haus renoviert. Was im Rückblick äußerst erholsam war – ich merke es gerade an meiner bereits wieder einsetzenden Erschöpfung, kaum daß ich nach einer Woche Auszeit die erste Stunde am Rechner sitze –: So ein Hausumbau ist komplett analog. Es gibt keine digitalen Fliesen, und die halten auch nicht digital, sondern mit Fliesenkleber – und wenn nicht, fallen sie runter. Da hilft auch kein Neustart. Es gibt auch nur analogen Lehmputz, und der knirscht und bröckelt und hat Stroh drin, und es ist verdammt nochmal anstrengend, den mit Wasser zur richtigen Konsistenz zu verrühren, und es ist verflixt noch eins schwierig, die analoge Masse mit einer analogen Kelle auf einer analogen Wand zu verteilen. Das macht keine App, sondern Muskeln, Auge und Ohr. Und so eine Tapete läßt sich nicht mit drag & drop an die Wand ziehen, an eine krumme Wand, für die man eigentlich einen Doktorgrad in sphärischer Geometrie brauchte, schon gar nicht. Das geht nur mit analogen Flüchen, echtem Schweiß und Leim, am besten im gut eingespielten Team. Und wenn Farbe dorthin kleckst, wohin sie nicht soll, hilft auch kein Defragmentieren der Festplatte, sondern nur noch viel Wasser und ein Schrubber. Alles echt, ist es denn möglich! Das wiegt und riecht und ist scharf und fällt runter und macht Lärm, es ist nicht zu glauben. Und wenn der passende Bit plötzlich unauffindbar ist, dann gibt es keine Suchfunktion, sondern man muß selber schauen, wo man das Ding verräumt hat. Hier gibt es keine Farbcodes oder Pixel, hier gibt es nur echte Abmessungen, die gerne zu groß oder millimeterweise zu eng ausfallen, da hilft dann kein Mausklick, da muß man nachschneiden und nachhobeln und nachschleifen, bis es eben paßt; mit echtem Werkzeug, echten Geräten, die echten Staub und Dreck und Krach produzieren. Die Masken, unter denen man kaum Luft bekommt, so daß man röchelt wie Darth Vader persönlich, die sind auch echt, und sie riechen nicht gut; und die Schwielen und Schrammen und der krumme Rücken am Abend: auch die sind echt. Ebenso wie die Farbspritzer im Haar und der blaugeklopfte Daumen.

Ich sag’s ja nicht gerne, denn Handwerk ist nicht mein Ding, absolut nicht, ich möchte schreiend davonlaufen, wenn ich auch nur die Montageanleitung für einen Wasserhahn begreifen muß, aber trotzdem: Es kann eine Wohltat sein, die Dinge mal in echt zu machen und nicht in virtuell. Ich korrigiere: Es ist eine Wohltat, einmal dazu gezwungen zu werden, die Dinge in echt zu machen. Wäre es anders möglich: Man hinge ja doch wieder vorm Bildschirm und zöge die Tapeten mittels drag & drop an die Wand. Aber hätte ein solches Werk auch nur den Bruchteil der Befriedigung, die man verspürt, wenn man über und über mit Leim bekleistert vor der frischen Wand steht? Und sei’s auch nicht perfekt: So hat man’s doch selbst gemacht. Selbst: Und das ist der Punkt. Mit eigenen Händen. Es hat sich angefühlt, es hatte Gewicht, es hat geklebt, es hat sich widersetzt. Aber man es hingekriegt. Ohne Systemadministrator.

Vor allem aber: So eine Stichsäge belauscht dich nicht; so ein Hammer merkt sich dein Hämmerverhalten nicht; so ein Akkuschrauber meldet deine Über-achtzehn-Flüche nicht an FB oder sonst wen weiter. Und wenn etwas kaputt geht, gibt es immer eine Alternative, eine Improvisation, die vielleicht noch besser ist als der ursprüngliche Plan.
Digital gibt es nur ja oder nein. Digital gibt es keine Improvisation, keine Phantasie. Digital kann man nichts passend machen, was nicht schon passend wäre. Digital ist malen nach Zahlen. Es ist eine Erleichterung und Befreiung zu merken: Man kann die Dinge um einen her mit den Händen formen. Das tut manchmal weh; aber am Ende ist es wundervoll; und man wird es vermissen, wenn man wieder vor dem Rechner sitzt.)

Fasan

18. Mai 2017 § Ein Kommentar

Auf den Feldern, an einer Hecke, die eine Pferdeweise abteilt, ein leuchtender Fleck am Boden. Ich bin schon fast vorbei, als mir dämmert, was das war, bleibe stehen, sehe nach, tatsächlich: ein Fasan samt Fasenne. Sie, Lieschen Müller, geduckt und grau im Gras, er unerschrocken bunt und mit aufgerichtetem Haupt nach mir spähend. Und wie ich so stehe und zurückspähe, setzt sich der Hahn in Bewegung. Nicht von mir weg, nein, parallel zum Weg über die Wiese stakst er kühn in die freie Fläche des niedrigeren Grases und präsentiert mir dabei seinen bunten Kopf, bleibt stehen, reckt sich noch höher. Stolz, als hätte er gerade das Mannsein erfunden, läßt er mich keinen Moment aus den Augen. Ich vermute, er will mich von seiner Fasenne ablenken, die tatsächlich längst verschwunden ist, wahlweise, sie vor mir verteidigen. Gegen so einen prächtigen roten Lappen um den Schnabel habe ich hier mit meiner eher unscheinbaren Mütze und dem rasierten Kinn nichts zu melden. Eine Weile messen wir uns mit Blicken, aber es ist klar, wer hier nachgeben muß. Als der Vogel merkt, ich gehe weiter, zieht er sich, langsam und gelassen, soll hier ja keiner an Flucht denken, zurück und schreitet, immer erhobenen Hauptes, in Siegerpose, davon, aber kaum hat er die Beine der unbeeindruckt weitergrasenden Pferde erreicht, gibt er, schon fast in Reichweite der Deckung, wo nichts mehr schiefgehen kann, Fersengeld (haben Vögel Fersen?) und verschwindet mit einem Satz im Schutz der Hecke. Erst als ich sicher außer Reichweite bin, krächzt er mir noch seinen Triumph nach, unsichtbar aus dem Gebüsch, oder vielleicht gibt er auch bei seiner Fasenne an, wer weiß.

17. Mai 2017 § 4 Kommentare

 
(Übrigens gibt es für die „eingebaute Vorfahrt“ (Klaus Gietinger) von Kraftfahrzeugen keine gesetzliche Grundlage.)

Frühprotokoll: hell

10. Mai 2017 § Ein Kommentar

Eine Vollmondnacht, Licht zwischen den Dämmerungen, Schatten, die nach der falschen Seite zeigen, gebückt durchs Fenster geschaut, bis man den Mond erblickte, wieder schlafen gegangen, weder Tag noch Nacht, sich anvertraut dritten Bezirken der Zeit.

Der Tag dann sehr hell, sehr wirr, sehr kalt. Es fehlt die alles ordnende Dunkelheit. Es ist die gleiche Stunde, in der ich mich an den meisten Tagen des Jahres mit einer Stirnlampe bewege. Jetzt ist das Licht wie ein Geräusch, ein geschäftiges Treiben des Tages. Ohne Vögel. Für Hunde zu früh. Postarbeiter die einzigen Menschen, und auch die gleichen eher gelbgestrichenen Maschinen. Es fühlt sich später an, als es ist. Die Kirchenglocken erinnern sich zu ihrer Zeit, da bin ich schon weit draußen im Feld, fern vom Waldsaum, allein im grünen Weizen wie ein einsamer Schwimmer.

Das Licht rechtfertigt mein Unterwegssein. Eine Garagentür geht auf, ein Motor startet, ich laufe am Tagesbeginn fremder Menschen vorbei. Die gleiche Stunde wie im Januar, aber ich laufe nicht mehr gegen die Nacht an. Ich bewege mich auf ausgetretenen Pfaden. Alles hat Reichweiten. Ich bin nicht allein.

Als wäre die Ebene mit den Pferdehöfen aus dem Grund eines Sees aufgetaucht. Als ich zuletzt hier war, lag alles im Dunkel. Wiesen huschten unter der Stirnlampe weg, Zäune wandten sich ab, von Tieren waren immer nur die Augenreflexe zu sehen, grüngelbe Punkte in der tiefenlosen Masse des Dunkels. Jetzt sind den Augen Körper gewachsen, aufgegangen Muskeln und Fell aus der funkelnden Saat. Drei Kamele mit schlaffen Höckern, wie eine Kreuzung aus Schaf, Pferd und ausgedientem Polstermöbel. Das Winterfell hängt in Fetzen von ihren erstaunlich mageren Körpern.

Das Laufen fällt leicht, aber die verzögert auftretende Müdigkeit ist enorm; als hätte ich mir meine Kräfte nur von der Erschöpfung geliehen. Beim Heimkommen ist der Morgen fast schon vorbei. Zwei riesenhafte Enten suchen im Gras neben dem Dorfbach nach Insekten. Schnäbel wie Musikinstrumente aus Ebenholz. Ich sehe sie nicht, aber später werde ich mich an sie erinnern.

3. Mai 2017 § 3 Kommentare

 
(Daß wir wahrscheinlich auch in fünfzig oder hundert Jahren noch Sätze sagen werden, die mit „Frauen sind …“ und mit „Männer sind …“ anfangen; und ob das eine gute oder eher eine schlechte Nachricht sei.)

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