Ich habe gerade einen sehr undemokratischen Gedanken: Wenn nie über Flüchtlinge berichtet worden wäre, würde sich kein Mensch darüber erregen. Sie fallen ja gar nicht auf, die paar armen Hanserl. Manchmal möchte man sehr paternalistisch Nachrichten … dosieren. Dann gäbe es viele Probleme gar nicht, Probleme, die allein durch Diskurse entstehen.

Selbstwirksamkeit

Natürlich will niemand zurück zur Steinzeit. Es mag reizvoll sein, uralte Überlebenstechniken wieder zu lernen, wie das große Interesse an dem, was man neuerdings Survival nennt, bezeugt. Aber gewiß will niemand in vollem Ernst ein Steinzeitleben führen, nicht in aller Konsequenz, spätestens, wenn man Zahnschmerzen hat oder sich ein Bein bricht, werden sich Zweifel melden. Aber eines ist es, auf die grundlegendste Form der Selbstwirksamkeit – das Überleben mit dem, was die Natur unmittelbar anbietet – zu verzichten und sich das Leben hier und da durch Maschinen und Werkzeuge zu erleichtern; ein anderes ist, sich mit Haut und Haar der Technik zu überantworten und gänzlich auszuliefern. Man muß nicht die Technik in Bausch und Bogen verwerfen, um sich kleine Bereiche der Selbstwirksamkeit und damit der Kontrolle über die Umwelt zu erhalten oder, wo sie schon verloren sind, zurückzugewinnen. Wobei diese Umwelt selbst wieder technischer Natur sein kann.
Es geht um kleine Bereiche der Freiheit.
Denn der Bezirk, in der der moderne Mensch noch selbstwirksam handeln kann, schwindet. Unangefochten ist er so gut wie nirgends mehr Herr über sein Handeln.
Die elementarste Form menschlicher Fortbewegung ist die auf zwei Beinen. Meine Entscheidung, mich in Bewegung zu setzen, führt unmittelbar zur Bewegung; nichts vermittelt zwischen meinem Willen und seinem Effekt, nichts ist dafür vonnöten außer einer brauchbaren Anatomie. Nicht einmal Schuhe sind zwingend notwendig, allen Aussagen der Outdoorindustrie zum Trotz.
Das Fahrrad bedeutet größere Geschwindigkeit und Reichweite bei geringerer Ermüdung, aber diese Vorteile sind erkauft mit einer Reihe von Abhängigkeiten, wiewohl immer noch ich selbst es bin, der handelt: Ich selbst muß in die Pedale treten, und mein Kraftaufwand steht in direkter, proportionaler Beziehung zum Ergebnis. Trete ich schneller, fahre ich schneller, trete ich langsamer, fahre ich langsamer. Ich kann nicht sagen, daß das Fahrrad für mich fährt oder mir einen Teil der Mühen abnimmt. Wenn das Rad einmal existiert, kommt alles, was ich mit ihm tue, direkt zu mir zurück: als Widerstand, als Beschleunigung, als Geschwindigkeit. Der Punkt ist aber: Das Fahrrad muß erst einmal existieren; jemand muß es gebaut haben, was, wenn man nur die rohe Natur zur Grundlage hat, ein extrem diffiziler Vorgang ist. Ferner braucht es eine Straße, um ordentlich fahren zu können, und wenn der Reifen platzt, nutzt auch die schönste Straße nichts mehr. Und so wie mit dem Fahrrad ist es mit jedem mechanischen Werkzeug. Schere, Schneebesen, Handfeger und Kehrblech; Zange, Schraubenzieher, Mörser. Sense, Spaten, Grabgabel, Gießkanne. Mit all diesen Geräten kann der Mensch unmittelbar in seiner Umwelt wirksam werden. Mein Einwirken auf das Werkzeug hat unmittelbar und in einer Ein-zu-Eins-Beziehung eine Wirkung in der Umwelt, der Hecke, dem Blatt Papier, dem Gras zur Folge. Viele solcher Geräte erfordern ein beträchtliches Geschick, um damit das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Man denke an Stricknadeln oder an ein Spinnrad. Auch das Fahrradfahren ist nicht nur anstrengend, es will auch gelernt sein.
Herr der Lage sein, wem gefällt das nicht? Vielleicht hat keine andere technische Errungenschaft so sehr diesen Wunsch bedient wie das Auto. Wer Auto fährt, hat die Macht eines Halbgottes. Wer Auto fährt, dem sind Raum und Zeit untertan. Mühelos schweben wir mit unglaublicher Geschwindigkeit dahin und hören dabei auch noch Musik. Nur Fliegen wäre noch schöner, noch mehr Macht, noch mehr Gotthaftigkeit. Warum nervt der Stau so sehr? Weil die anderen bösen Autofahrer sich erfrechen, uns in unserem Gottsein zu behindern. Sie stehen zwischen uns und der Allmacht. Wir empfinden ja gar nicht das Auto als Maschine – wir fühlen uns selbst vergrößert, ermächtigt, mit unglaublichen Fähigkeiten ausgestattet … vergöttlicht durch die Maschine. Wir sind es ja selbst, die handeln, und so glauben wir unseren Körper nur verlängert und verbessert. Wir fahren, nicht das Auto. Wir sind Herr über die Kilometer, nicht die Maschine. Wir befehlen der Maschine nicht, wie wir einem Diener befehlen. Wir sind die Maschine in dem Moment, wo wir aufs Gaspedal drücken, und der Wagen wie ein Arm oder Bein von uns reagiert. Wir fühlen unseren Willen direkt mit der Maschine verbunden. Die Maschine tut nichts für uns, wir tun es selbst, verlängert, ermächtigt durch die Maschine.
Das glauben wir zumindest. Aber ist schon diese Empfindung Illusion, so wird seit einigen Jahren selbst diese Illusion noch von einer größeren Illusion getragen. Wer früher aufs Bremspedal trat, der konnte sich einbilden, noch selbst zu bremsen: Der Druck aufs Pedal überträgt sich auf eine hydraulische Flüssigkeit, die den Druck zu den Bremsbacken weiterleitet. Das war ursprünglich nicht viel anders als bei einer Heckenschere. Aber schon so etwas wie ein Bremskraftverstärker zerstört diese direkte Wirksamkeit, ist es doch nicht mehr meine Kraft, die sich auf die Bremsbacken überträgt, sondern die Kraft eines Motors, den ich einschalte, wenn ich das Bremspedal trete.
Ist die Geschichte hier schon zu Ende? Mitnichten. Denn jetzt kommt die Elektronik ins Spiel. Wer heute noch glaubt, er fahre sein Auto, täuscht sich gewaltig. Niemand fährt mehr Auto – das Auto fährt uns. Nach unseren Befehlen zwar – aber vielleicht auch das nicht mehr lange. Denn moderne Autos sind längst Smartphones auf Rädern – Computer, die das Fahren erledigen und nebenbei die Illusion aufrecht erhalten, der Mensch am Steuer tue so etwas wie … fahren. Wer tatsächlich fährt, das ist die Bordelektronik. Ein Tritt aufs Bremspedal löst einen Bremsbefehl aus, der am Ende einer Signalverarbeitungskette in eine Bewegung der Bremsbacken umgesetzt wird. Dabei mißt das Bremspedal den Druck des Fußes und leitet diese Information weiter, so daß für den Fahrer der Eindruck entsteht, sein Handeln stehe in unmittelbarer und proportionaler Beziehung zu den Auswirkungen der Umwelt, so wie wir glauben, den Mauspfeil zu bewegen. Tatsächlich gibt der Fahrer aber nur eine Datenkette in einen Computer ein, der dann für den Fahrer bremst. Man könnte diese Unterscheidung für akademisch halten, sie hat meiner Ansicht nach aber zwei wichtige Folgen. Erstens: Indem der Computer das Optimum an Bremskraft aus den Werten für Reifendruck, Geschwindigkeit, Gelände, Straßenbelag, Nässe, Abstand zum vorfahrenden und zum folgenden Fahrzeug etc. berechnet, ist der Bremsvorgang keine Frage des Könnens, der Geschicklichkeit, der Erfahrung des Fahrers. Der Fahrer könnte, statt in die Eisen zu steigen, auch einfach „ich möchte bremsen“ sagen, oder, dramatischer, „Stop!“ Der Schritt, merkt man hier schon, zum vollkommen autonom fahrenden Fahrzeug, dem man nur noch das Ziel eingibt, ist hier nicht mehr weit. Wenn der Computer es doch viel besser kann?
Die zweite Folge ist: Da die Bordelektronik auch Komponenten enthält, die nach außen kommunizieren, beispielsweise Radio, Telephon und Navigationsgerät; ferner Teile, die innerhalb des Fahrzeugsystems per Funk kommunizieren müssen (Messung des Reifendrucks); kann ein solches Fahrzeug prinzipiell gehackt werden, schlimmstenfalls mit tödlichen Folgen.
Doch selbst wenn man dies zu verhindern weiß, bleibt immer noch der Eingriff in die Selbstwirksamkeit des Menschen bestehen, seine Selbstkastration. Denn Autofahren ist ja, bei allen Nachteilen und Gefahren dieser Maschinen für Mensch und Umwelt, dennoch etwas, das gelernt, geübt werden will und zu persönlicher Meisterschaft aufruft. Das Auto war bislang nicht nur eine Maschine, die uns allerlei abnimmt; es ist auch ein Werkzeug, dessen Bedienung Können erfordert und dessen Bemeisterung stolz macht. Sonst gäbe es keine Autorennen. Weil die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, egal wie eingeschränkt der Rahmen ist, in dem sie sich zeigen kann, eine beglückende Erfahrung ist. Doch so wie dem Auto wird es vielen Werkzeugen gehen, zu deren Handhabung bislang ein Mindestmaß an Geschick erforderlich war. Schon steuert Elektronik den E-Herd. Gegen eine Energiesparplatte jedoch, die sich im falschen Moment abschaltet, sind alle Kochkünste vergeblich eingesetzt. Nicht besser wäre aber ein Elektroherd mit dem Programm „Steak, medium“, bei dem ich nur noch die Pfanne mit Öl und Fleisch bestücken muß („bitte-jetzt-Steak-wenden-und-eine-Minute-weiterbraten“). Wen sollen dann die Gäste loben, und was ist das Können eines Kochs noch wert, wenn das Computerprogramm ununterscheidbar gute Ergebnisse liefert? Es gäbe keine Meisterköche mehr. Es gäbe überhaupt keine Köche mehr. Und selbsternannte Kenner und Liebhaber würden sich damit brüsten, sie könnten den Unterschied herausschmecken, so wie Musikliebhaber vermeintlich den Unterschied zwischen einer CD und einer analogen Wiedergabe hören können. Offensichtlich will der Mensch aber nicht nur ein perfektes Steak und eine perfekte Klangwiedergabe; der Mensch will Meisterschaft, der Mensch ist verliebt in das Können. Meister können aber nur selbst Menschen sein, nicht Maschinen.
Ja, was ist das Können wert, außer, daß man es bei einem Stromausfall dann doch braucht (vorausgesetzt, man hat einen Gaskocher zur Hand)?
Oder was ist mit Wissen? Neulich im dichtgepackten Zug überlegten zwei Mitreisende, deren Anschluß gefährdet war, die günstigste Strategie, um weiterzukommen. Aussteigen, sitzenbleiben, umsteigen? Da ich auf dieser Strecke die Fahrpläne fast auswendig weiß, war ich drauf und dran, die beiden anzusprechen, um ihnen weiterzuhelfen. Aber ich hatte den Mund noch nicht geöffnet, da wußten sie schon alles.
Von ihrem Smartphone.
Was ist Wissen noch wert?
Abphotographieren und mehr erfahren! Wo kleben sie nicht, die kleinen Quadrate mit den Punktmustern? Ich muß nichts mehr wissen, ein Smartphone genügt. Neulich photographierte ein Bekannter auf einer Feier in meiner Wohnung; plötzlich gibt das Gerät ein Signal: Es hatte im Hintergrund den Druck eines Gemäldes erkannt.
Was ist Wissen noch wert? Früher war Pilzesuchen etwas, das Meisterschaft verlangte, ein Spezialwissen, schwierig zu erwerben und im Falle des Scheiterns mit hohem Risiko verbunden. Man durfte stolz darauf sein, zwei zum Verwechseln ähnliche Fruchtkörper auseinanderhalten zu können. „Der Fruchtkörper ist jung komplett von einem Velum umhüllt. Hut zeigt im Allgemeinen keine Velumreste. Am Stielgrund bleibt das Velum universale als häutig-lappige Volva zurück. Das Velum partiale bleibt als deutlich geriefter, weißlicher, hängender Ring am Stiel zurück. Der Stiel 5 bis 15 Zentimeter hoch, auf weißem Grund olivgrün genattert, Basis knollig verdickt, häutige Scheide. Stiel 2 Zentimeter stark, jung voll, im Alter markig bis hohl. Lamellen weiß. Sporenpulver weiß.“ Schon die Beschreibungssprache ist ein Gedicht. Wie lange wird es aber dauern, bis diese Kenntnisse überflüssig sind, bis mir mein Smartphone sagt, ob der Fruchtkörper, den ich vor mir habe, eßbar ist? Niemand muß dann mehr in die Lehre gehen; man muß nicht einmal genau hinschauen. Unterschiede gehen verloren, Sichtweisen, Dimensionen nicht nur der Kenntnis, sondern auch der Wahrnehmung. Was ich da vor mir habe, ist nur noch ein unscheinbarer Blobb. Meine Fertigkeiten in der Erkennung werden sich auf die Bedienung des Smartphones beschränken.
Möglicherweise ist das Programm weit weniger fehleranfällig als der Mensch und entscheidet im Zweifel richtig. Aber dann bin nicht mehr ich es, der seine Umwelt beherrscht. Nicht ich habe die Kontrolle über die Situation. Nicht ich weiß bescheid, sondern ein Gerät. Man könnte nun sagen, die Meisterschaft ist davon unabhängig. Es sind ja auch Menschen auf den Everest gestapft und haben bewußt das Sauerstoffgerät im Tal gelassen. Aber der Arm des Geräts ist lang. Denn: Ist es nicht besser, ein kleines Sauerstoffgerät mitzunehmen, nur für den Fall der Fälle? Ich muß es ja nicht benutzen. Aber es könnte mein Leben retten, wenn ich mich verkalkuliere oder das Wetter umschlägt. Und sollte ich nicht lieber diesen Maronenröhrling doch noch abphotographieren und von der MycoApp testen lassen? Nur zu Sicherheit. Und Zack! hat mich das Gerät voll im Griff. Denn wer will allen Ernstes auf Sicherheit verzichten? Einen Pilz einfach so bestimmen? Freiäugig? Das ist die Steinzeit!
Und so geht sie dahin, die Selbstwirksamkeit. Wir brauchen keine Orientierung mehr, wir müssen keine Karten mehr lesen können, wir haben den Navi. Wir haben die Strickmaschine und die Nähmaschine, wir haben den Brotbackautomat, der selbsttätig Volumen, Gewicht und Feuchtigkeit des Teiges mißt; wir werden Kühlschränke haben, die uns auf abgelaufene MHDs aufmerksam machen; wir haben Maschinen, die Gesichter erkennen, wir lassen uns von Computern unterrichten; wir haben Melkmaschinen und Schachcomputer, und die Zeit wird kommen, da wir Pflegemaschinen und vollautomatische Duschmaschinen haben werden.
Ich habe kein Smartphone, aber ich rühre Sahne und Kuchen nicht von Hand. Auto fahre ich nicht, aber für meine Wäsche hab ich eine Maschine, und es fiele mir nicht im Traum ein, sie wieder in der Badewanne zu waschen (die Wäsche, nicht die Maschine), obwohl ich weiß, daß ich es kann. Meine Texte schreibe ich nicht mehr von Hand, weil ich es verlernt habe, und meine Bahnverbindung hole ich mir aus dem Netz. Ich besitze sogar eine elektrische Zahnbürste, einen Staubsauger und einen Joghurtbereiter. Ich bin ein Kind des Fortschritts, und Maschinen, die mir das Leben erleichtern und mich für wichtigere Dinge als Wäschewaschen und Besuche am Fahrkartenschalter befreien, begrüße ich rückhaltlos.
Ich will nur diese Dinge bittschön selbst bedienen, und mir von meinem Staubsauger nicht sagen lassen, daß mal wieder ein Hausputz nötig wäre.
Wenn es Schachcomputer gibt, warum läßt man die nicht gegeneinander antreten, wäre das nicht billiger als Turniere mit Menschen? Oder wie wäre es mit Fußballrobotern, die statt Menschen auf den Rasen gehen. Das kriegen die sicher besser hin als jeder Mensch, die ermüden nicht, sie foulen nicht, sie kriegen keinen Kreuzbandriß, und hohe Ablösesummen wollen sie auch nicht haben. Warum also nicht?
Sehen Sie?
Ich meine, daß Selbstwirksamkeit ein unhinterfragbares Gut ist, eine lebenswichtige Erfahrung, deren Notwendigkeit sich nicht an ihren Ergebnissen messen lassen darf. Fußball ist sinnlos, wenn nicht Menschen gegeneinander spielen. Kunst ist sinnlos, wenn sie von einem Algorithmus erzeugt wird. Selbstwirksamkeit hat etwas mit Orientierung, Zurechtfinden und – Kontrolle zu tun. Die Befriedigung aber, die es bedeutet, seine Umwelt zu kontrollieren, sei es, einen Wagen zu steuern, sei es, ein Steak zu braten, oder zu wissen, welchen Pilz man vor sich hat: diese Befriedigung ist tief und elementar.
Durch keine andere Erfahrung zu ersetzen. Wir sollten sie uns nicht nehmen lassen.

Fund

Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden
gekommen, und nun hab ich meine Not
ein Dings zu suchen. Hat nie ein Chaot
denn ich je größers Chaos eingestanden.

Die Rechnung ist’s, die Quittung, Impfungspässe.
Halt so ein Wisch von größter Wichtigkeit.
Man sucht’s am Tisch, im Schrank, man ist bereit,
das Bett gar abzurücken, was verdrösse.

Schon fällt dort Licht, wo lange keins gewesen.
Ein Zettel blinkt! Ich klaub ihn unterm Bett
hervor, verblüfft, was mir da kommt zuhanden:

Denn nicht die Quittung blinzelt auf dem Besen.
Ein Vers ist’s, ein Gedicht, ja, ein Sonett:
„Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden …“

zu: Haushaltssonette

Einkaufstüten

Sie liegen schwer am Ende ihrer Strecken
im dunklen Hausflur wie gefallne Mädchen,
sind heimgekehrt von Laden oder Lädchen,
und lehnen jetzt an kühlen Wänden, recken

die Griffe hoch und wie nach Priesterhänden,
und lauschen nach der Türe, ob von hellern
Bezirken Stimmen kämen, Lärm von Tellern,
ob jemand ging, den Pfuhl ins Licht zu wenden,

den sie im Innern tragen. Wie auf alten
Gemälden Faltenwurf von weicher Seide
so glänzt die Plastikhaut. Sie müssen sühnen

was sie an süßem Prassen in sich halten;
sie leidens nicht, wie’s knistert im Geschmeide
rings um ihr Herz aus Butter und Rosinen.

(Teil der Serie Haushaltssonette.)

Blick, deiner

Oh, und Liebe: Oft vermeine ich, wenn wir Seite an Seite wandern, aus dem Augenwinkel etwas Leuchten zu sehen, eine ganz knappe Wendung, einen mir zugewandten Winkel, einen ganz schmalen Glanz.

Und dann komme ich dem vorsichtig, wie um dem Zufall seinen Raum zu lassen,
mit einer Wendung meinerseits entgegen. Und wenn ich dann sehe, ja, wirklich,
du hast mich (wie lange schon?) angeschaut — dann durchglüht mich das mit einem glückhaften Erschrecken. Oh! Du schaust mich ja an! Du meinst mich! Mich!

Und dann ist mein Mund ncht breit genug fürs Strahlen, und ich muß ein wenig hüpfen vor Freude.

Pension Jan van Eyck

Du glaubst, dich für deinen Geruch entschuldigen zu müssen, ich aber mag dich am liebsten so verschwitzt, wie wir beide von der Wanderung kommen. Den ganzen Tag über bin ich dieser deiner Spur gefolgt, süß und herb zugleich und voller Versprechungen, und jetzt, Können wir uns ausziehen?, im Hotelzimmer, bist du einverstanden, ist die Rede erst gar nicht von Dusche und duftlosem Wasser, fallen die klebrigen Kleider, und alles, was sich Dreck nennt, bleibt in dem feuchten Haufen am Boden zurück, aus dem wir frisch und blitzsauber wie die ersten Menschen heraussteigen, aus Lehm geboren. Die Schuhe poltern in die Ecke. Aus dem Hosenumschlag fällt eine Bucheckerhülse.

Es ist das erste Mal für uns in einem fremden Bett, und es scheint fremder als die Wälder, als die Laublager, auf denen wir uns schon geliebt haben. Eine weiche Matratze, ein Gestell, das später ein bißchen rumpeln wird. Wir achten es nicht, und auch nicht, daß man uns, wenn man nur wollte, durchs Fenster sehen könnte, wir sind so vollkommen allein auf der Welt, wie man es nur gemeinsam sein kann. Wir sind die einzigen Augen, die einander in die Blicke geschraubt sind, die einzige Haut, die je an einer andern mehr gefühlt hat als sich selbst. Wir sind beide ein einziger Mund voller Salz, das aus dem Akt der Schöpfung übrig blieb. Dein Hals voll warmer Adern. Deine Hände voller Geschenke. Mein Körper fließt in deinen wie Milch. Ich sage dir, wie sehr ich dich will, und sage es doch nicht, denn die Worte hören Meilen vor dem auf, was ich fühle. Ich liege im Moos deiner Achseln, ich blinzle ins Laub deines Blicks, ich schenke dir mein Fell voller Heu.

Ich löse mich halb von dir, und um dich besser zu betrachten, kehre ich zu mir zurück, und wie ich, durch zitternde Tempelbrücken mit dir verbunden, über dir schwebe, da sind wir wie zwei junge Birken, die aus einem einzigen Stamm sich teilen, weiß, schimmernd, glatt, eins sind und zwei zugleich.

Und ich greife unter deinen schwebenden Kniekehlen durch und schaue auf dich, wie dein Antlitz sich immer schöner verzieht vor fassungslosem Staunen, und wie dein Blick, zwei starre Kiesel inmitten von fließendem Sand, mir meine eigene Fassungslosigkeit wiederschenkt, und bevor ich dir sage, daß ich gleich ein bißchen unbeherrscht sein muß, sage ich dir, will ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe, aber die Wörter lachen nur und geben glücklich auf. Oh, sei unbeherrscht, bitte, stammelst du, und ich schließe die Augen, um besser zu fühlen, mich, dich, mich durch dich, uns in uns, unsere Kehlen rufen ohne uns, das Bett rumpelt, aber wir hören es nicht.

Stachlig

Die Angst, du könntest aufhören, mich zu lieben, wenn ich zu aufrichtig bin.
Die Angst, du könntest mich nicht mehr lieben, weil ich nicht aufrichtig genug bin.

Wie hältst du es mit mir aus, wenn ich es selbst nicht mit mir aushalte?

Keine Begegnung

Auf einer Wanderung haben die Gefährtin und ich einmal am Wegesrand ein Wildschwein gefunden, einen Frischling, kaum größer als ein Dackel. Er lag in der Böschung, so grau und tot, daß man ihn zuerst für ein Büschel graues Heu hätte halten können, wenn nicht die kleinen Hauer gewesen wären, hell wie Kiesel, und die schmalen Hufe, so sehr am Rand des Bezirks aus zerfallendem Fell, als wären sie noch einen Schritt gegangen, ehe auch sie ereilte, was den Rest niederstreckte im Graben. Die Augenhöhlen, ausgefressen und so leer, daß sie voller Außen waren, sahen wir erst einen Moment später, und mit ihrer Wahrnehmung kam das Erkennen, was da vor unseren Füßen lag. Ein totes Tier. Mehr tot als Tier. Selbst das Fell war gestorben, sah stumpf aus, die Borsten wie eingetrocknet, brüchig, als genüge ein Windhauch, sie zu Staub zu zerblasen. Hinter den Hauern leuchteten Mahlzähne, winzig, kaum mehr als ein Streif Sand. Die Umrisse des Leibes hatten sich ins Gras verbreitet, waren unförmig geworden wie zerlaufene Knetmasse. Und wie auf einem Gemälde von Bosch oder Breughel war die Bauchhöhle offen, konnte man das Innere sehen, ein Nichts, um das sich die Haut so eben noch spannte. Der Körper war leer, war hohl, man konnte mit einem Stock darin tasten, man konnte sich die Haut ansehen, die Hülle, von innen; und sah doch nur wieder eine Front. Dieser Leichnam bestand nur noch aus Vorderseiten, es gab keine Rück- keine andere Seite, auf der der Tod vielleicht doch noch wäre zu finden gewesen.

(Beitrag zum Projekt *.txt, “Fassade”)

Mit ins Boot

Streiktag, Berufsverkehr, von drei Zügen in der Stunde fährt nur einer, das sogenannte Fahrgastaufkommen ist enorm. Der Bahnsteig gepackt voll Menschen, und plötzlich ist da diese alte bucklige Frau mit ihrem Handkarren. Sie trägt einen langen, graubraunen Mantel, einen Pferdeschwanz langer, weißer, glatter Haare und einen herrischen Blick. Woher sie so plötzlich gekommen ist, und ob sie schon die ganze Zeit am Bahnsteig gewartet hat, wird ein Geheimnis bleiben, ebenso, wie sie ihr Gepäck überhaupt aufs Gleis geschafft hat. Jedenfalls ist sie da nun, sie und ihr Handkarren, ein etwa anderthalb Meter langes Gestell mit einer Radachse am Ende und einem Aufbockbogen vorne, beladen mit etwa einem Dutzend prall gefüllter schwarzer, mit Leinen verschnürter Plastikmüllsäcke. Und dieses Gefährt schickt sich die Frau nun an, unter gewaltigem Protest der übrigen Kundschaft, darunter mehr als ein Fahrgast mit Fahrrad, in den Zug zu zerren. Das gehe doch nicht! Das könne sie nicht machen! Die Bahner streikten! Die Bahn sei doch dreimal so voll wie sonst!
Doch die Frau keift nur zurück, man solle doch die Klappe halten und ihr gefälligst mal helfen. Eine Frau mit Fahrrad versucht, sich gewaltsam an den Müllsäcken vorbeizudrängeln und wird gleich angegiftet, sie solle Platz machen. Der Wagen ist halb drin, da rutschen die Räder in die Lücke zwischen Trittstufe und Bahnsteigkante und verkeilen dort. Es geht weder vor noch zurück. „Stehen Sie hier nicht rum, helfen Sie mir doch mal gefälligst!“ Fahrgäste treten zögerlich näher. Schüchternes Zupacken, eher guter Wille als hilfreich. Die Räder sitzen fest. Die Stimme der Frau ist schneidend und hart, gewohnt, zu befehlen, frei von jeder Angst. „Unten anheben! Anheben!! Nein, nicht ziehen, verdammt noch mal!“ Einige Fahrgäste schütteln den Kopf, andere lachen, dritte zucken die Achseln. Vereinzelte tadelnde Hinweise auf Überfüllung und Streik fallen in taube Ohren. Die Frau will mit und ist fest entschlossen, ihren Willen zu kriegen, läßt sich auf keine Diskussionen ein, spart stattdessen nicht an Zurechtweisungen, Gezeter und Kommandos. Drei Männer stehen schließlich um den verkeilten Karren, lassen die Schimpfkanonade gelassen über sich ergehen, einer macht den glücklichen Vorschlag, den Aufbockbogen als Hebel zu verwenden, ein Ruck, die Räder kommen frei. In diesem Augenblick erst fällt der zweite, mit nicht weniger Säcken beladene Karren ins Blickfeld, der noch auf dem Bahnsteig steht. Wenn jetzt die Türen schließen … Aber die Türen schließen nicht, hilfreiche Hände packen zu, die Erfahrung mit dem ersten Wagen zahlt sich aus, und ruckzuck ist auch der zweite Karren im Fahrradabteil, wo ein murrendes Rutschen und Schieben und Umsortieren begonnen hat. Wieder Lachen, Proteste, Flüche, Achselzucken. „Die Holzplatten noch, heda! Bringen Sie mir noch die Holzplatten!“ Tatsächlich, da liegen noch zwei Sperrholzbretter, die müssen auch noch mit. Jemand vom Bahnsteig reicht sie herein. Dann kann die Tür schließen, man hat sich sortiert, der Zug fährt ab. —

Es war das reinste Soziorama, und alle, alle Rollen waren besetzt: Da gab es die mit den guten Ratschlägen und die, die wirklich zu helfen wußten; es gab die Neider, die Widerständler und die, die zuerst um ihren eigenen Platz bangten. Es gab die tatenlos zusehenden Spötter und Besserwisser. Es gab die Solidarischen, die Selbstlosen, die Zupacker. Es gab diejenigen, die die Systemfrage stellten, und es gab die, die am liebsten erst einmal alles ausdiskutiert hätten. Und es gab vor allem die, die das ganze überhaupt nichts anging.
Und noch etwas. Alle, die geholfen haben, waren Männer. Alle, die die Frau am liebsten an der Mitfahrt gehindert hätten, waren Frauen. Wahrscheinlich hat das nichts zu bedeuten. Vielleicht aber doch.
Die Hauptsache aber ist wohl: Schlußendlich sind alle mitgekommen.