11. Oktober 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

(Die Traube der Studenten, aus der Straßenbahn herausgequollen, jetzt sammelt sie sich am unbeschrankten Gleisübergang vor der roten Ampel, so viele sind es, daß sich die Menge auf der Rampe zu den Bahnsteigen zurückstaut. Niemand will die fünf Meter des Bahnübergangs überwinden, obwohl in den geraden Strecken der Luxemburger Straße rechts und links weithin keine Bahn zu sehen ist. Erst als die Ampel grün zeigt, setzen sich einzelne, vorsichtig nach rechts und links spähend, in Bewegung, und schrittchenweise schiebt sich die Traube hinterher.

Lauter junge Leute mit kritischem Bewußtsein. Man ist versucht, diesen Ablauf als ein Sinnbild für die moderne Universität zu deuten.)

Advertisements

Zwischenruf

10. Oktober 2018 § 2 Kommentare

Jetzt, wo alle Welt wieder von Frankfurt spricht: Wie wäre es denn mal mit einer Messe für Literatur? Ein publikumsoffenes internationales Symposium (jährlich unter einem anderen Motto stehend), in dem ein paar Tage lang über Texte und nur über Texte gesprochen, gedacht, diskutiert und gern auch gestritten wird, kommerz- und wettbewerbsbefreit, lustig, hitzig, witzig, inspirierend. Die Publikationsformen wären egal, es ginge nur um den Text. Werbung und Verkaufsstände wären verboten. Autoren wären zugelassen, dürften aber nicht als solche auftreten (dürften also beispielsweise einen Vortrag über einen nicht selbst verfaßten Text halten, an einer Diskussion über einen nicht selbstverfaßten Text teilnehmen, nicht aber aus dem eigenen Werk lesen, Interviews geben, Signierstunden abhalten etc.)
Nicht umsonst heißt es ja Frankfurter Buchmesse, nicht *Frankfurter Literaturtage. Buch und Messe. Es geht um Bücher und um Geld, keineswegs um Texte. Die Texte sind ja im Grunde egal, solange sie sich nur verkaufen lassen. Sofern sich nur Käufer finden würden, könnte man auch über reine Attrappen sprechen. Das Buch ist eine Ware, und für Waren gibt es Messen. Für Literatur müßte man sich etwas ganz anderes einfallen lassen. Aber vielleicht will man das ja auch gar nicht.

9. Oktober 2018 § 2 Kommentare

(Während die Kassiererin und ich auf eine Preisinformation warten (die Wodkaflasche hat keinen „Scanner“, mithin ist die Kasse so hilflos wie ein Fisch auf Rollschuhen), starre ich müßig auf den Kassenbildschirm, wo die Summe meiner Einkäufe noch auf die 4,99 der Wodkaflasche wartet, und da bemerke ich, wie etwas zuckt, wie da Zahlen aufscheinen, zunehmen, wieder abnehmen, auf Null zurückgehen, wieder anwachsen, 71, 125, 234, 113, 87, 0, 126, es sieht aus wie eine geheimnisvolle Botschaft, vielleicht von der Matrix, oder elektromorphe Aliens sehen keinen anderen Weg, mit uns in Kontakt zu treten, vermuten vielleicht, die Kassenbildschirme könnten irgendeine sakrale Bedeutung für uns haben. Oder verstärken sich gerade Resonanzen im freidrehenden morphogenetischen Feld dieses Supermarkts? Aber es sind nur die Finger der Kassiererin, die, ebenso müßig wie ich, mit den Fingern trommelt, und zwar auf die vor ihr befindliche Gemüsewaage. Jedes Auftreffen des trommelnden Fingers erzeugt ein Signal, das als Gewicht ausgegeben wird, eine Art Mini-Hau-den-Lukas. Die Kassiererin, ahnungslos über die schräg hinter ihr ausgegebenen Meßwerte ihrer Trommelei, schafft 435 g, dann wird sie des Trommelns überdrüssig und läßt die Hand – 250 g Fleisch, Haut und Knochen – locker auf der Waage liegen.

Das Prinzip des Elektrofechtens (Fechten mit elektrischer Trefferanzeige) besteht darin, daß beim Treffer die Spitze der Waffe (Degen oder Florett) mit einem definierten Gewicht belastet und gleichzeitig (beim Florett), über eine leitfähige Weste, mit der die Trefferfläche definiert werden kann, ein Stromkreis geschlossen wird. Im Wettkampf muß vor jedem Gefecht die Funktionalität der Waffen getestet werden, wofür es geeichte Gewichte gibt, hohle Metallzylinder, die auf die aufgerichtete Waffenspitze gesteckt werden. Besonders diensteifrige Fechter, erinnere ich mich, gingen bei dieser Prozedur buchstäblich in die Knie – um dem Schiedsrichter die Arbeit zu erleichtern. Auf einem Bein kniend, die Waffe aufs Knie des stehenden Beins gestützt und kerzengerade erhoben, erinnerten sie mich immer an Novizen, die nach der mit Gebet und Andacht verbrachten Nacht in der Kapelle den Ritterschlag erhalten sollen.)

4. Oktober 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

(In der Straßenbahn setzt sich ein Schwesternpaar in die Sitzreihe vor mir. Eine jünger, die andere etwas älter, höchstens zwei Jahre auseinander, die Ältere wird Anfang zwanzig sein, allerhöchstens. Beide haben das gleiche wellige blonde Jahr, von jener Farbe, die sogar frisch gewaschen immer ein wenig fettig aussieht, beide tragen das Haar in einer Spange zum Pferdeschwanz gebunden. Unauffällige Kleidung, herbstliche Jacken. Ich höre sie miteinander reden, die ältere zur Jüngeren geneigt, die jüngere geradeaus blickend, und irgendetwas ist merkwürdig, die Art, wie sie reden, nicht, was sie sagen, aber in welcher Stimmlage sie es tun. Es klingt wie ein Spiel, als hätten sie sich die Stimmen zweier Protagonistinnen einer nachzustellenden Geschichte geliehen, wie es Kinder tun, wenn sie im Spiel ihre Stimmen modifizieren, um jemand anderer zu sein, die Stimme als äußeres Zeichen der Verwandlung in eine Figur. Die Stimmen der jungen Frauen sind piepsig, zu hoch für das Alter, wie von Schlümpfen, etwas Atem- und Kraftloses haftet ihnen an, zugleich reden sie schnell, was ein bißchen wie Geplapper klingt, als wollten sie möglichst alles in einen einzigen Satz packen. An ihrem Äußeren ist nichts auffällig, außer vielleicht, daß die eine ein bißchen verpickelt ist. Ihre Bewegungen, ihr Habitus sind ganz gewöhnlich. Warum also dieses kindische Geplapper? Was sie sagen, kann ich nicht verstehen, da die Hintergrundgeräusche zu laut, das Geplapper zu hoch und leise, die beiden zu weit weg sind. Mir kommt ein Gedanke: Kann es sein, daß ich für merkwürdige Sprechweise halte, was in Wahrheit lediglich eine andere Sprache ist? Sprachen unterscheiden sich durchaus auch im Timbre, werden lauter oder leiser, hauchender, näselnder, in höherer oder tieferer Stimmlage gesprochen. Sprechen die Schwestern vielleicht Französisch? Ich lausche angestrengt, kann ein paar Satzfetzen auffangen, nein, was die beiden da näseln, quaken, fisteln, ist Deutsch.
Noch seltsamer wird es, als die Ältere einem Jutebeutel zwei Bücher entnimmt. Während sie eines ihrer Schwester gibt, so wie man auf einem Ausflug Butterbrote verteilt, blitzt kurz für mich sichtbar ein vorderer Umschlag auf. Zwar kann ich nichts genaues erkennen, aber die bunte, runde Schrift, der stabile Einband, der Schatten einer Abbildung läßt an ein Kinderbuch vom Typ Pferdeabenteuer erinnern. Das können die beiden nicht ernst meinen. Und auch die Lektüre gleicht einem Spiel, so wie wenn Kinder, des Lesens unkundig, die Erwachsenen bei der Zeitungslektüre nachstellen. Aber ihre Gebärden, ihre Blicke, die Haltung, die sie zueinander einnehmen, sind die von Erwachsenen. Kaum zehn Sekunden verwenden sie still auf das, was zumindest dem Anschein nach Lesen ist, dann unterbricht wieder die eine die andere, und es folgt ein kurzes Geplapper. So geht das zwanzig Minuten lang, bis am Hauptbahnhof, Endhaltestelle, die Ältere die Bücher wieder einsammelt und in der Jutetasche verstaut.
Ich frage mich, wie dieses Spiel weitergeht. Werden die beiden zum Schein eine Reise machen? Werden sie so tun, als kauften sie sich eine Fahrkarte? Werden sie vorm Fahrkartenautomaten stehen und plappernd über das Fahrtziel diskutieren? Und wer werden sie sein, wenn sie aus ihrem Spiel heraustreten und wieder die werden, die sie wirklich sind? Oder habe ich einen Moment der Wirklichkeit gesehen, den sie sonst durch ihr Spiel zu verheimlichen gewohnt sind? Oder bin ich vielleicht selbst in einem Spiel, ohne es zu bemerken?
Grübelnd sehe ich ihnen nach, während sie, die eine leicht aus der Hüfte hinkend, die andere mit dem Stoffbeutel über der Schulter, Seite an Seite im Gewühl verschwinden, und werde dabei den Eindruck nicht los, eine Figur in meinem eigenen Leben zu sein.)

26. September 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Man kann in einem Wasserglas ertrinken, von einer einzelnen Weinbeere einen Rausch bekommen, oder sich im eigenen Vorgarten verlaufen. Etwas Ähnliches wie letzteres ist mir einmal an einem eisigen Wintermorgen passiert. Es dämmerte gerade erst, war aber noch nicht hell, als ich in vielen Schichten Funktionskleidung und mit der Stirnlampe bewaffnet den Villehang hinauflief. Infolge der Klarheit der Luft und der Reflektionskraft der niedrigen Wolken, die das vom Süden Kölns aufstrahlende Zivilisationslicht zurückwarfen und über die Ebene streuten, war die Landschaft bereits in Einzelheiten zu erkennen: der abfallende Weg, links eine Wiese, rechts die gesperrte Kiesgrube mit dem Waldsaum, drüben der Talhang, an seinem Grund die Lichter vom Brenig, dahinter die dunkle, vereinzelt von Lichtreihen gegliederte Fläche der Kölner Bucht. Aber schon schien, ohne geradezu die Sicht ganz aufzuhalten, diese dunkle Klarheit vor dem Tageslicht, diese Transparenz des Raums an Zusammenhalt zu verlieren und labil zu werden wie frisch geronnener Quark. Wind kam auf, wehte von Nordosten heran, wo die Dämmerung auf einem Bein zu balancieren, dann torkelnd auseinanderzufallen schien, der Himmel wie zerrissenes, dann eingestampftes Altpapier, blaurote Fransen und Fetzen, schwefelgelbes, mit Maschinenöl verklebtes Konfetti, viel eingeblutete Druckerschwärze in kompakten, schmierigen Knäueln. Und dann noch mehr Wind, bald Sturm, der die Spalten erst aufreißt, dann zusammenpreßt, dann die Bruchkanten verwindet. Und aus der gequetschten dann wieder gedehnten, aus der mißhandelten, spuckenden Masse ergießt sich ein Strom von Blindheit über die Hänge und in die Täler, stülpt sich etwas, das nicht einmal schwarz ist, über die Baumkronen und Zaunpfosten, das die Wege auffüllt, die Wiesen stöhnen läßt, sich als dumpfer Pfropf auf Mund und Ohren legt. Dann beginnt, was zuerst als Aufhellung bemerkbar wird, sich dann aber zu einem milchig-weißen Schirm verdichtet, der noch die Dunkelheit selbst verdünnt und schließlich in sich auflöst. Es war, als bewegte ich mich in einem dreidimensionalen Fernseher, der den Sender verloren hat. Im Licht der Stirnlampe leuchteten die Schneeflocken so hell wie ein Feuerwerk, während im Augenwinkel ein graues Seufzen unablässig in die Knie ging. Die Lichter der Ebene waren verschwunden, ebenso wie der Kirchturm im Brenig drüben, die Kohlfelder, die Pferdeweiden, der Waldrand; die Welt hatte sich in eine einzige tobende, kochende, wirbelnde Taubheit verwandelt, und zu meinen Füßen war der Grund auf ein Areal von zwei Metern Umkreis geschrumpft, war eine Insel geworden, auf der ich weiterlief, die ich mit mir schleifte, die nur dank meinen Schritten existierte. Stückchen vom Wegrain wurden sichtbar, Grasbüschel, eine vereiste Pfütze, deren Oberfläche sich schnell mit Schnee überzog, ein Zaunpfosten, ein Stück Stacheldraht, aber zu welchem Grundstück gehörte der? Das blendende Licht der Flocken nervte so sehr, daß ich die Lampe ausmachte, aber jetzt war es fast völlig dunkel, und in dieser Finsternis fiel weiter der Schnee. Als hätte das Licht zuvor die Geräusche gedämpft, wurde jetzt das Fallen hörbar, flüsterte und raschelte die Finsternis ringsum. Flocken setzten sich auf die Jackenärmel, die Schuhspitzen waren überkrustet, meine Mütze zierte eine Haube aus Eis. Ich wußte, daß ich die nächste Abzweigung links abbiegen mußte, bog ab, wurde unsicher. Und dann passierte es, von einem Moment auf den andern. Ich wußte nicht mehr, wo ich war. Das Wissen über die Mikrogeographie dieser paar Quadratkilometer, in denen ich unzählige Male, bei Sonnenschein, bei Regen, bei Dunkelheit in der einen wie in der anderen Richtung unterwegs gewesen war, dieses Wissen war ebenso ausgestrichen worden wie die Kölner Bucht, der Waldsaum, das nächste Tal, der nächste Apfelbaum, die nächste Straße. Etwas, das wie eine Ansammlung von Müllsäcken aussah, aber einmal eine Hecke gewesen sein mußte, tauchte auf, der Albdruck eines Kamels, das sich als Baum entpuppte, dann kippte die Topographie wieder in die stürmische Leere eines Felds, wo sie hinter zuckenden Schemen verschwand. Ich drehte mich um mich selbst, überall das gleiche Bild. Wenn ich die Lampe wieder anmachte, schloß sich sofort ein leuchtender Ring Flocken um mich, der auch noch die letzte Tiefe vernichtete, als hätte man einen Laternenschirm über mich gestülpt. Es gibt Formen der Unsicherheit, Unkenntnis und Orientierungslosigkeit, die sich zu einem Gefühl existentieller Bedrohung auswachsen können. Dieser schneegefüllte, tiefenlose Nullraum erinnerte mich an den Film The Cube, es fühlte sich an, als hätte mich jemand, während ich schlief, in eine völlig fremde, völlig absurde Umgebung verpflanzt. Gleich bekäme ich vielleicht einen geriffelten Stahlboden unter die Füße, und wenn der Schneefall nachließe, fände ich mich mitten Im Pazifik im leeren Laderaum eines verlassenen Frachtschiffs wieder. Oder etwas in der Art: So völlig ausgelöscht war jedes Merkmal von Landschaft oder auch nur von Entfernung und Raum, ich hätte mich genauso gut in der Arktis befinden können: hier noch ein Schatten von fliehenden Hunden im wirbelnden Schnee, dann völlig allein, in Gesellschaft nur mit dem Wind, der mir vergeblich die Lösung für dieses Orientierungsproblem in die Ohren brüllt.
Minutenlang prasselte links von mir eine Hecke, als stünde sie in eisigen Flammen. Wo gab es in der Arktis Hecken? Ich spürte, daß ich Asphalt unter den Füßen hatte, aber in welche Richtung lief ich überhaupt? Was war das überhaupt für ein Weg? Ein Wegweiser tauchte auf und zeigte mir, daß ich immerhin in die richtige Richtung lief: Hier weiter, und ich wäre in zwanzig Minuten zu Hause. Aber wo ich mich befand, konnte mir der Wegweiser auch nicht sagen. Ich mußte einen mir bis dahin verborgen gebliebenen Weg entdeckt haben. Toll!
Und dann, ebenso plötzlich wie die Verwirrung eingesetzt hatte, trat Wiedererkennen ein, und sofort war alles klar. Zwar fielen die Flocken nach wie vor, betrug die Sichtweite immer noch kaum zwei Meter, aber eine Wegbiegung rechts wurde plötzlich wieder diese Wegbiegung, und eine Hecke links wurde die Hecke, etwas, das im Grund aller Wahrnehmung so fest verankert ist, daß man es erst bemerkt, wenn es fehlt; und wie wenn man in einem Vexierbild endlich das verborgene zweite Bild erkennen kann, so völlig klar, daß man sich wundert, wie man es bisher nicht hat sehen können, verschwand die unbekannte Landschaft vor meinen Augen und wurde augenblicklich durch die vertrauten Umrisse meiner Laufrunde ersetzt: durch die Interpretation dieser Umrisse, denn zu erkennen war immer noch kaum etwas. Da ich aber wieder wußte, wo ich war und was ich erwarten durfte, fügte sich, was sichtbar war, in den von meiner Erfahrung wieder bereitgestellten Rahmen. Insofern findet vielleicht jedes Verirren nicht in der Topographie statt, sondern im Kopf.

Aequinoctium

25. September 2018 § Ein Kommentar



Abends ankern die Türme und ziehen die Glocken ans Ufer.
     Weithin hörbar der Wind, wie er vom Horizont spricht.
Kraniche setzten aus zwei einsame Paare am Feldrain.
     Lang fiel ihr Schatten zum Weg, wo noch der Hagedorn glomm.
Alle Schritte verstummt, am Wegweiser lungern die Steine.
     Unter dem Schatten der Uhr schließen die Fichten den Wald.

΅ασ τθν, σπραψη Υεθσ, διε Γοεττερ σινδ βεσοφφεν

18. September 2018 § 2 Kommentare

Auf dem Cover von Nootebooms „Briefen an Poseidon“ ist hinter der Abbildung einer Statue des Meeresgottes ein Text in griechischen Buchstaben gedruckt. Ein Stückchen aus der Theogonie? Ein paar Verse aus der Ilias? Beim Versuch, den Text zu verstehen, stellt man fest: das ist weder Hesiod noch Homer, das ist nicht einmal Griechisch, das ist in einer Sprache, die zu Hesiods und Homers Zeiten niemand verstehen konnte, weil es sie nämlich noch gar nicht gab. Es ist aus der Perspektive des 7. vorchristlichen Jahrhunderts eine Sprache der fernen Zukunft, nämlich Niederländisch – in griechischen Buchstaben.

Wieviel Mühe hätte es gekostet, acht oder neun Verse aus Theogonie, Ilias oder Odyssee (Texte, die mehrmals im Buch erwähnt werden und mit denen der Autor ohne Zweifel gründlich vertraut ist) aus dem Internet zu fischen? Kaum mehr als einen niederländischen Text in griechischen Buchstaben zu setzen, möchte ich vermuten. Dazu muß man aber erstens das Buch gelesen haben und zweitens ein paar einfache Dinge über diese Dichtungen wissen, gar nicht viel unbedingt, nur eine grobe Einordnung, etwas darüber, daß das Griechisch ist, einen Hinweis, wo man das im Netz findet, alles nicht so schwierig, möchte man meinen, zumal, wenn man in einem Beruf arbeitet, in dem sich alles um Texte (nun ja, um die Vermarktung von Texten) dreht.

Anfänglicher Erheiterung (seht her, ich bin euch auf die Schliche gekommen) folgte verhaltene Mißgestimmtheit (wollt ihr mich verarschen?), gefolgt von Neugier (wie ist diese niederländisch-griechische Type zustande gekommen?). Sofort war klar: daß der niederländische Text mit einer auf griechische Belegung eingestellten niederländischen Tastatur abgetippt worden war, war ausgeschlossen, wie schon das deutlich prangende Zeus im Text bewies. Auf einer niederländischen Tastatur mit griechischer Belegung eingetippt, hätte das (also Z + e + u + s) Ζεθσ ergeben. Auf einer deutschen Tastatur mit griechischer Belegung eingetippt, wäre dagegen Υεθσ herausgekommen. Wollte man vielleicht einzelne Wörter für Leser mit bürgerlichem Bildungshintergrund erkennbar lassen, so daß man das völlig unverständliche Υεθσ nachträglich retuschierte? Wohl kaum. Viel einfacher: Das Wort Zeus in der Schriftart Symbol, die wohl manche Umschlaggestalter ohne bürgerlichen Bildungshintergrund für Griechisch halten, ergibt exakt das auf dem Umschlag prangende Zeus. Falsches Schluß-Sigma inklusive.

Man möge mich einen Korinthenkacker heißen, aber so etwas enttäuscht und ärgert mich. Ist so viel Sorgfalt, wenigstens einen echten griechischen Textschnipsel – und für diejenigen unter den Lesern mit humanistischem Bildungshintergrund vielleicht sogar ein inhaltlich passender – auszuwählen und abzudrucken, schon zu viel verlangt? Ist doch egal, höre ich die Gestalterin schon rufen, merkt doch eh keiner. Das aber ist ein Irrtum – und eine Geringschätzung der Leserschaft. Es ist ferner Symptom einer Kultur, die, egal ob Populär- oder Hoch-, sich mit Oberflächlichem zufrieden gibt, mit dem Anschein und Anklang von etwas, Hauptsache, es sieht so aus wie. Da werden sinnlose Wortgebilde auf Unterarme tätowiert, die nur so klingen wie Latein, aber Unsinn sind: merkt doch eh keiner. Da werden auf CD-Booklets trompeteblasende Engel für die Einspielung eines Weihnachtsoratoriums abgebildet, die sich bei näherer Betrachtung als Statuetten an einem Hotel in Las Vegas entpuppen: merkt eh keiner. Oder man stellt ein wirres Sammelsurium von IPA-Zeichen zusammen, um den Slogan Eat more Cake zu schreiben. Das Echte ist offensichtlich nicht echt genug. Effekt durch Zuspitzung nennt das eine Bekannte, die sich ein bißchen damit auskennt, und stimmt in mein Seufzen mit ein. Einen weiteren, besonders schönen Fall weiß dieselbe Bekannte zu berichten. In einer CD-Produktion mit Klaviermusik von Schubert hatte jemand den Einfall, den Titel des Textes, „Schuberts lyrische Klavierstücke“, gesetzt in deutscher Kurrentschrift, in die Kopfzeilen des Booklets zu drucken, wobei man nicht davor zurückschreckte, auch den englischsprachigen Titel des mehrsprachigen Beihefts in Kurrentschrift zu setzen – was kaum besser ist, als niederländischer Text in griechischen Buchstaben, wobei man obendrein auch dieselbe Sorgfalt wie in jenem Fall walten ließ: auch hier sind nämlich die Schluß-s falsch gesetzt. Solche Dinge passieren, wenn man einfach nur die EDV drüberrauschen läßt. Von fehlenden Ligaturen zu schweigen. Zu pingelig? Merkt doch eh keiner! (Glücklicherweise hat in diesem Fall der Herausgeber auf das Lektorat gehört und zumindest das Schluß-s korrigiert. Bei Suhrkamp war man nicht so vorsichtig.)

Dieses Merkt-eh-keiner, wenn man es mal umdreht, bedeutet ja nichts anderes als: Ich liefere nur Qualität, wenn sie bemerkt wird. Mir selbst ist die Qualität meiner Arbeit egal, solange das Publikum nur beifällig nickt (oder keine Beschwerden kommen). Was ist denn das für eine Haltung, was für ein Selbstverständnis? Wer davon ausgeht, daß den Lapsus, die Ungenauigkeit, die Oberflächlichkeit, die Attrappe niemand merkt, muß doch auch hoffen, daß es niemand merkt, wie wenn ein Schüler, der sein vollgekritzeltes Heft vorzeigt, darauf spekuliert, das sinnlose Gekrakel nicht vorlesen zu müssen. Hoffentlich merkt’s keiner! Vor ein paar Jahren habe ich im Kino eine Produktion der Metropolitan Opera von Donizettis L’elisir d’amore gesehen. In der Pause gab es Gespräche mit einigen der beteiligten Künstler, natürlich den Sängern, aber auch mit Bühnenbildnern und Bühnenköchen, ja, so etwas gibt es. An der Met wird nämlich nichts dem Zufall überlassen. Die zwei Kostümschneiderinnen berichteten von ihrer Arbeit: Wie sie zeitgenössische Aquarelle und Stiche ausgewertet hatten, um die Kleidung so historisch wie möglich zu gestalten und dem Faux pas eines Anachronismus zu entgehen. Wie sie die Information aus dem Bildmaterial in tragbare Textilien umgesetzt, wie sie passende Stoffe ausgesucht hatten und vieles mehr. Und nun: die Adina-Darstellerin Netrebko trägt in der Produktion Hosen, Reithosen. – Na und, könnte man denken, irgendwas muß sie schließlich tragen. Aber mit diesen Hosen hat es eine besondere Bewandtnis, denn, wie uns die Kostümschneiderinnen erklärten, um 1815 war es im Baskenland, wo die Handlung spielt, absolut unüblich für eine Frau, Hosen zu tragen. Hosen trugen Männer, und Reithosen trugen nur Männer, die was zu sagen hatten. Nun führt Adina alleine einen Hof, und das Beinkleid verdeutlicht ihre Stellung: Nicht nur in wirtschaftlichen, sondern auch in Liebesdingen ist Adina in dem Stück diejenige, die die Hosen anhat. Natürlich ist das ein Detail, das, wenn überhaupt jemand, so nur sehr wenige erkannt, wertgeschätzt und gewürdigt haben dürften. Und doch. Jemand hat sich hier Mühe gegeben, sich Gedanken gemacht, nichts dem Zufall überlassen und etwas von Bedeutung eingefügt, etwas, das für den ein Zeichen ist, der es lesen kann. Und nun stelle man sich die Enttäuschung vor, wenn die Kostümbildnerinnen im Interview mit den Achseln gezuckt und Merkt ja eh keiner gemurmelt hätten, über eine Klamottenauswahl, für die sie keine Begründung hätten angeben können. Und das ist eben das Enttäuschende an so einem Cover, von dem oben die Rede war. Es hat keine Begründung, außer der, daß es einfacher schien, einen Nooteboomtext in der Schriftart Symbol zu setzen, als einen Ausschnitt aus einem Originaltext herauszusuchen. Es ist belanglos. Und traurig, weil es nicht hätte belanglos sein müssen. Es ist so traurig wie Plastikblumen oder diese Pappschachteln, die im Möbelhaus als Buchattrappe im Regal stehen.

Die Glocken fehlen

15. September 2018 § 2 Kommentare

Die Kirchenglocken sind verstummt. Die freundlichen, bald besänftigenden, bald unaufdringlich mahnenden Stimmen, die mir, wenn ich wach wurde, den bisherigen Fortgang der Nacht so zuverlässig aufgezählt haben, sie sind abgeschaltet. Erst um sechs beginnt wieder das Geläute, und aus dem freundlichen Daherzählen der Stunden ist ein bloßer Mahn- und Weckruf geworden. Ich finde das sehr schade; schon daß man das Geläut seit der Restaurierung 2013–14 leiser gestellt hat (stand der Wind etwa ungünstig, konnte man sich leicht vertun, einen Schlag versäumen, und aus fünf Uhr wurde vier Uhr), hat mich traurig gemacht. Das war nicht mehr der wahre Jakob, das klang doch ganz anders, das war an meiner Heimat herumretuschiert. Eine Freundin meinte damals zu mir, das kann man heute nicht mehr machen. Zugegeben, neben der Kirche hätte ich damals, in Zeiten ungedämpfter Lautstärke, auch nicht wohnen mögen. Trotzdem. Alte Tabakdarren werden abgerissen, Scheunen durch Baumarktversatzstückhäuser ersetzt, Bäume gefällt, Anger verbaut, Bäche zugeschüttet, alte Mauern durch Gabionen ersetzt, Straßenzüge den neuesten sogenannten Erfordernissen des Verkehrs angepaßt, was nichts anderes bedeutet, als daß sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden. Und jetzt fehlt auch der vertraute Klang. Könnten sie den Himmel und die Wolken und die Vogelzüge umändern, anmalen oder gleich abschaffen, sie würden auch davor keinen Halt machen.

Zwischenruf von der Hinterbank

14. September 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Wir meinen:
Kinder im Auto in den Waldkindergarten zu kutschieren konterkariert die Idee eines Waldkindergartens.

Hürxberg am Ellerntubel, 14.9.2018

14. September 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Unruhige Nacht: Die Katze, auf die ich aufpassen sollte, traf, was hätte verhindert werden sollen, mit der Nachbarskatze zusammen. Die Flurtür hatte aufgestanden, warum? Weil ich einen kaputten Staubsauger nach draußen bringen mußte. Warum? Weil das Rohr heiß wurde und zu rauchen begann. Heiße Luft stieg davon auf und ließ ein über den Stuhl gehängtes Handtuch flattern. Vielleicht sollte ich das Ding aufschrauben, damit im Rohr voneinander gelöst würde, was jetzt in chemisch brisantem Kontakt geraten war? Aber in meinem Schraubendrehersatz fand sich kein passender Kopf. Mit solchen Fragen war ich beschäftigt, als der verhaßte Nachbar aus der Tür trat und mit ihm die fremde Katze.

Morgenkaffee in Hürxberg auf der Matratze. Die vertrauten Bücher im Arbeitszimmer meiner Mutter, freundlich lächelnd nicken sie mir aus dem Regal zu, man kennt sich, wie Stammgäste in einem Café sich kennen, einander zur Kenntnis nehmen und wohlwollend in Ruhe lassen. Im Radio läuft ein Stückchen für Klavier von Arvo Pärt, Für Alina. Damit muß man sich beizeiten auch mal beschäftigen.

Der Rest des Kaffees geht runter mit Vivaldis Distelfink, von dem ich nur den zweiten Satz bemerkenswert finde. Es wird langsam hell, vom Fenster sehe ich, wie Artisten gleich die Fichten am Kehrang vom Zeltdach des Nebels steigen. Die Eltern schlafen aus, ich drehe eine Runde durch den Lieblingswald.

  • Sprachregelung

    Bei mir sind Männer grundsätzlich mitgemeint.

  • Sententiae recentissime prolatae

    Solminore bei Zwischenruf
    Anhora bei Zwischenruf
    Solminore bei
    Lakritze bei
    Geschichten und Meer bei Aequinoctium
  • Werke & Tage

  • Calendarium

    Oktober 2018
    M D M D F S S
    « Sep    
    1234567
    891011121314
    15161718192021
    22232425262728
    293031  
  • Voces actae

  • Vocum partes

  • Vocum vertigo

    Abschied Aequinoctium Allagophobie Alter Antike Atalante Ausblick Ausblicke Auto Befindlichkeit Begrenztheit Bäume Bücher Draußen E. Entzücken Epigramme Epiphanie Erinnerung Erinnerungen Fellatio Flüsse Frauen Frühling Geister Gerüche Geschichten Glück Greinstraße Griechisch Heimat Herbst Jahreslauf Kindheit Kunst Körper Latein Laufen Lebensart Lebenslauf Lesen Licht Liebe Linguistik Lyrik Lärm Medien Melancholie Menschenmassen Mobiltelephon Morgen Nachdichtungen Nacht Nymphae Orte Ovid Paare Radio Rhein Roman Schnee Schreiben Schöne neue Welt Schönheit Sehnsucht Selbstwahrnehmung Solstitien Solstitium Sommer Sprache Stille Stimmen Tageslauf Tageszeit Tiertode Tierträume Traum Träume Umwelt Und täglich grüßt das Murmeltier Unerreichbarkeit Unterwegs Venus Vergeblichkeit Vergängnis Verlust Verstocktheit Versäumtes Vögel Wald Wanderlust Wandern Werbung Winter Wohnen Wörter Zeit ÖPNV Übersetzungen Übertragungen
  • Et alibi voces

    Die "Voces" werden durch das Literaturarchiv Marbach archiviert

  • Kontakt

    solminore(ad)posteo(punctum)de

  • Versteht sich von selbst, aber

    Für den Inhalt verlinkter Seiten übernehme ich keine Verantwortung.