Fund

Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden
gekommen, und nun hab ich meine Not
ein Dings zu suchen. Hat nie ein Chaot
denn ich je größers Chaos eingestanden.

Die Rechnung ist’s, die Quittung, Impfungspässe.
Halt so ein Wisch von größter Wichtigkeit.
Man sucht’s am Tisch, im Schrank, man ist bereit,
das Bett gar abzurücken, was verdrösse.

Schon fällt dort Licht, wo lange keins gewesen.
Ein Zettel blinkt! Ich klaub ihn unterm Bett
hervor, verblüfft, was mir da kommt zuhanden:

Denn nicht die Quittung blinzelt auf dem Besen.
Ein Vers ist’s, ein Gedicht, ja, ein Sonett:
„Ist mir doch wieder so ein Dings abhanden …“

zu: Haushaltssonette

Einkaufstüten

Sie liegen schwer am Ende ihrer Strecken
im dunklen Hausflur wie gefallne Mädchen,
sind heimgekehrt von Laden oder Lädchen,
und lehnen jetzt an kühlen Wänden, recken

die Griffe hoch und wie nach Priesterhänden,
und lauschen nach der Türe, ob von hellern
Bezirken Stimmen kämen, Lärm von Tellern,
ob jemand ging, den Pfuhl ins Licht zu wenden,

den sie im Innern tragen. Wie auf alten
Gemälden Faltenwurf von weicher Seide
so glänzt die Plastikhaut. Sie müssen sühnen

was sie an süßem Prassen in sich halten;
sie leidens nicht, wie’s knistert im Geschmeide
rings um ihr Herz aus Butter und Rosinen.

(Teil der Serie Haushaltssonette.)

Blick, deiner

Oh, und Liebe: Oft vermeine ich, wenn wir Seite an Seite wandern, aus dem Augenwinkel etwas Leuchten zu sehen, eine ganz knappe Wendung, einen mir zugewandten Winkel, einen ganz schmalen Glanz.

Und dann komme ich dem vorsichtig, wie um dem Zufall seinen Raum zu lassen,
mit einer Wendung meinerseits entgegen. Und wenn ich dann sehe, ja, wirklich,
du hast mich (wie lange schon?) angeschaut — dann durchglüht mich das mit einem glückhaften Erschrecken. Oh! Du schaust mich ja an! Du meinst mich! Mich!

Und dann ist mein Mund ncht breit genug fürs Strahlen, und ich muß ein wenig hüpfen vor Freude.

Pension Jan van Eyck

Du glaubst, dich für deinen Geruch entschuldigen zu müssen, ich aber mag dich am liebsten so verschwitzt, wie wir beide von der Wanderung kommen. Den ganzen Tag über bin ich dieser deiner Spur gefolgt, süß und herb zugleich und voller Versprechungen, und jetzt, Können wir uns ausziehen?, im Hotelzimmer, bist du einverstanden, ist die Rede erst gar nicht von Dusche und duftlosem Wasser, fallen die klebrigen Kleider, und alles, was sich Dreck nennt, bleibt in dem feuchten Haufen am Boden zurück, aus dem wir frisch und blitzsauber wie die ersten Menschen heraussteigen, aus Lehm geboren. Die Schuhe poltern in die Ecke. Aus dem Hosenumschlag fällt eine Bucheckerhülse.

Es ist das erste Mal für uns in einem fremden Bett, und es scheint fremder als die Wälder, als die Laublager, auf denen wir uns schon geliebt haben. Eine weiche Matratze, ein Gestell, das später ein bißchen rumpeln wird. Wir achten es nicht, und auch nicht, daß man uns, wenn man nur wollte, durchs Fenster sehen könnte, wir sind so vollkommen allein auf der Welt, wie man es nur gemeinsam sein kann. Wir sind die einzigen Augen, die einander in die Blicke geschraubt sind, die einzige Haut, die je an einer andern mehr gefühlt hat als sich selbst. Wir sind beide ein einziger Mund voller Salz, das aus dem Akt der Schöpfung übrig blieb. Dein Hals voll warmer Adern. Deine Hände voller Geschenke. Mein Körper fließt in deinen wie Milch. Ich sage dir, wie sehr ich dich will, und sage es doch nicht, denn die Worte hören Meilen vor dem auf, was ich fühle. Ich liege im Moos deiner Achseln, ich blinzle ins Laub deines Blicks, ich schenke dir mein Fell voller Heu.

Ich löse mich halb von dir, und um dich besser zu betrachten, kehre ich zu mir zurück, und wie ich, durch zitternde Tempelbrücken mit dir verbunden, über dir schwebe, da sind wir wie zwei junge Birken, die aus einem einzigen Stamm sich teilen, weiß, schimmernd, glatt, eins sind und zwei zugleich.

Und ich greife unter deinen schwebenden Kniekehlen durch und schaue auf dich, wie dein Antlitz sich immer schöner verzieht vor fassungslosem Staunen, und wie dein Blick, zwei starre Kiesel inmitten von fließendem Sand, mir meine eigene Fassungslosigkeit wiederschenkt, und bevor ich dir sage, daß ich gleich ein bißchen unbeherrscht sein muß, sage ich dir, will ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe, aber die Wörter lachen nur und geben glücklich auf. Oh, sei unbeherrscht, bitte, stammelst du, und ich schließe die Augen, um besser zu fühlen, mich, dich, mich durch dich, uns in uns, unsere Kehlen rufen ohne uns, das Bett rumpelt, aber wir hören es nicht.

Stachlig

Die Angst, du könntest aufhören, mich zu lieben, wenn ich zu aufrichtig bin.
Die Angst, du könntest mich nicht mehr lieben, weil ich nicht aufrichtig genug bin.

Wie hältst du es mit mir aus, wenn ich es selbst nicht mit mir aushalte?

Keine Begegnung

Auf einer Wanderung haben die Gefährtin und ich einmal am Wegesrand ein Wildschwein gefunden, einen Frischling, kaum größer als ein Dackel. Er lag in der Böschung, so grau und tot, daß man ihn zuerst für ein Büschel graues Heu hätte halten können, wenn nicht die kleinen Hauer gewesen wären, hell wie Kiesel, und die schmalen Hufe, so sehr am Rand des Bezirks aus zerfallendem Fell, als wären sie noch einen Schritt gegangen, ehe auch sie ereilte, was den Rest niederstreckte im Graben. Die Augenhöhlen, ausgefressen und so leer, daß sie voller Außen waren, sahen wir erst einen Moment später, und mit ihrer Wahrnehmung kam das Erkennen, was da vor unseren Füßen lag. Ein totes Tier. Mehr tot als Tier. Selbst das Fell war gestorben, sah stumpf aus, die Borsten wie eingetrocknet, brüchig, als genüge ein Windhauch, sie zu Staub zu zerblasen. Hinter den Hauern leuchteten Mahlzähne, winzig, kaum mehr als ein Streif Sand. Die Umrisse des Leibes hatten sich ins Gras verbreitet, waren unförmig geworden wie zerlaufene Knetmasse. Und wie auf einem Gemälde von Bosch oder Breughel war die Bauchhöhle offen, konnte man das Innere sehen, ein Nichts, um das sich die Haut so eben noch spannte. Der Körper war leer, war hohl, man konnte mit einem Stock darin tasten, man konnte sich die Haut ansehen, die Hülle, von innen; und sah doch nur wieder eine Front. Dieser Leichnam bestand nur noch aus Vorderseiten, es gab keine Rück- keine andere Seite, auf der der Tod vielleicht doch noch wäre zu finden gewesen.

(Beitrag zum Projekt *.txt, “Fassade”)