19. April 2018 § 4 Kommentare

Plötzlich Sommer, schmachtende Pfützen, Mückendurst, auf dem Asphalt stehen die Falter in Flammen. Straff wie ein Segel der Himmel, die Sonne eine Walze, die das Feld plattdrückt. Schnapsidee, bei so einem Wetter laufen zu gehen, der halbe Liter Wasser, den ich dabeihabe, verdunstet mir gleich wieder über die gerötete Haut. Schatten sind kurz und kostbar, der Waldrand geizt mit ihnen.

Erde und Wind, verschüttetes Wasser und die fettlöslichen Farben der Rapspflanzen. Staub hängt sich ans Heck eines Traktors, Geruch aus der Kindheit, das Trockene von Ackergift, erstickend und bitter; jetzt löst es melancholische Heimatgefühle aus. Noch mehr Kindheit: Endlich fällt mir ein, woran mich der süßliche Duft des Rapses erinnert. Es sind die Wachsmalkreiden der Kinderzeit. Ein Geruch, der Schminke und Lippenstift benachbart ist. Letzteren deute ich immer als Mundgeruch. Zum Glück war ich nie in Versuchung, einen Lippenstiftmund zu küssen.

Einjähriges Silberblatt, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Lerchensporn, Wiesenschaumkraut. Flieder. Kurz vorm Blühen: die Knoblauchsrauke. Vom Bergahorn fallen schon die Blüten ab.

Nach Hause kommen, im schwarzen Hausflur schwitzt das Auge minutenlang Farbe aus. Dicht gedrängt vorm Glas die Lamellen des Fensterladens. In der kühlsten Ecke liegen die Schuhe und hecheln, hecheln. Auf Nachbars Wiese schnarcht ein Rasenmäher.

[Beethoven, Klaviersonate Nr. 16, G-Dur]

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16. April 2018 § 4 Kommentare

Gesetzt, ich nähme mir vor, sämtliche Bücher, die ich in meinem Leben bis zum heutigen 16. April 2018 gelesen habe, in absteigender Reihenfolge noch einmal zu lesen, von meinen jüngsten Knausgård-Lektüren über Carrère, Stasiuk, Pinker, Ortheil, Fermor, Lindsay, Fontane, Macfarlane der letzten Zeit über Klein, Wallace, Lewitscharoff, Bolaño, Büscher, Hermann, Murakami, Sateli, Karystiani, Terzakis, Ransmayr, Sebald, Byatt und all die anderen der letzten Jahre, durch den Wust schließlich an Fach- und Studienliteratur, ferner Foster, Norfolk, Eco, Hardy, Kundera, Auster, Murdoch meiner Studienjahre und weiter hinunter, über die Mann-Phase bis zu den Science-Fiction-Romanen meiner Jugend (Lem, Strugatzki) und den Abenteuergeschichten (Blyton) der Kindheit – dann würde, wird man wohl annehmen dürfen, meine verbleibende Lebenszeit nicht mehr ausreichen, um es ganz bis zur ABC-Fibel hinunter zu schaffen.

4. April 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine Stunde gewonnen, wieder in die Dunkelheit des Jahresanfangs zurückgelangt, mit Käuzchenrufen und den Schatten von Rehen, die ihre Augen übers Feld tragen wie Schulkinder die Katzenaugen am Schulranzen. Wieder scheint mir am Übungsgelände der Polizei ein Scheinwerfer entgegen, wieder brauche ich eine Schrecksekunde um zu begreifen, daß es meine Lampe ist, die sich in einer Glasfront spiegelt. Die Nacht verzweigt sich, Gänge gehen ab ins Unterholz, wo mich das Dunkel so früh noch nicht erwartet hat, immerhin eine ganze Stunde früher als im März.

Aber man gewöhnt sich. Schon nach ein paar Tagen ist fünf Uhr wieder fünf Uhr, auch wenn es eigentlich vier Uhr ist. Wie seltsam muß das den Tieren vorkommen, wenn der ganze Werktagszirkus plötzlich eine Stunde früher losgeht.

Zirkus: Kaum sind die Feiertage vorbei, setzte umgehend eine Geschäftigkeit ein, in der Geste des Nach- und Aufholens, als hätte man irgendwas versäumt, während nicht gearbeitet wurde, tausend Laptops, Kameras, Smartphones, Sommerschuhe, Handtaschen, Autos zu wenig ausgeliefert. Das muß umgehend aufgeholt werden, vorwärtsch Marsch! – Das höre ich dann morgens um kurz nach fünf oder vier, wenn die Reifen über die benachbarte Ortsdurchfahrt brausen.

Noch hat mich das alles nicht am Wickel, aber wer weiß, wie lange das noch geht? Am Feldrand stehen und den Rehen nachsehen, bis sich ihre Schatten in Schatten aufgelöst haben und nur noch die Vorstellung ihres wachsamen Blicks mich trifft. Zeit haben, den Tag zu empfangen wie ein persönliches Geschenk, und ist das nicht so, ist nicht jeder Tag mein eigener Tag, gehört er nicht mir und niemandem sonst? Wäre es nicht so, würde jemand anders ihn leben. Aber ich lebe ihn, also ist es meiner. Wie gut es die Rehe haben, daß ihnen das niemand streitig macht. Sie gehören niemandem. Selbst wenn man sie schießt und ißt, gehören sie niemandem. Sie sind so frei wie es Menschen nie sein werden, und je mehr Zirkus sie um ihre Freiheit machen, desto weniger sind sie’s.

Lampe aus, der Weg ist wach. Aus dem Wald schlüpfen und sich an der Grabenbruchkante entlanghangeln. Unten die Ebene, in der noch die Lichter brennen, funkelnd und wachsam, als gälte es, auch noch den Schlaf zu durchleuchten. Die einzige Freiheit des Menschen ist der Schlaf. Aber auch dem rückt man von allen Seiten zu Leibe. Eine aufrührerische Frechheit ist es zumal, daß man sollte träumen können, was immer man wollte.

Und ein Schleifen dröhnt heraus, ein Schleifen und Schleifen, als wäre eine gewaltige Maschine angesprungen, um das Rad der Zukunft immer weiter zu beschleunigen.

3. April 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Drei Greifvögel, einander umkreisend: Mal werden sie so schmal, daß sie in den Falten des Lichts zu verschwinden scheinen, dann tauchen sie wieder auf aus dem Blau wie Messer aus einem Tuch. Unten branden die Äcker an den Himmel, treiben eine leere Viehtränke bis zum Horizont. Dort steht sie auf einem wackligen Schatten. Vertäute Inseln liegen im Fluß, die der Strom zu Tropfen aus Jade schleift. Man muß sehr still sein und warten, dann hört man, wie Gelächter abseits der Wege leise zerplatzt, gleich einem Bonbon unter der Zunge des trägen Nachmittags. Kühl von Schatten fallen unterdessen die Küsse durchs Laub, verschwiegen wie Fledermäuse, während ein bemoostes Mäuerchen den Grund für sein Grübeln längst vergessen hat. Eine Stunde zieht die andere empor, aufs Treppchen, auf den Pavillon, zu den Balustraden des Tags, der Strom macht Pause, die Hügel sind Linien, die beim Zeichnen einschliefen, du hast Butterblumen unterm Kinn, die Viehtränke ist umgefallen, und oben, ganz oben kreisen weiter die drei Vögel, beweglich und stationär wie Bojen in starker Strömung.

Sistig

28. März 2018 § 6 Kommentare

„Hier“, rufe ich laut aus, „Genau hier!“, und stoße mit dem Zeigefinger mehrmals heftig auf einen Punkt auf der Wanderkarte, „Hier, verdammt.“
Ja, hier. Hier sollte ein Weg sein, aber da ist keiner, nicht einmal ein Wegchen, da ist nur Gegend. Und wieder einmal denke ich, daß die Karte ein Idealbild zeigt, hinter dem die spröde Wirklichkeit nur allzu oft in recht enttäuschender Weise zurückbleibt. Ein paar Zäune, die sich über eine Wiese ziehen; rechts ein Bachbett, da folgt die Wirklichkeit tatsächlich der Karte; etwas weiter weg Gestrüpp. Baumgruppen auf einem Hügel. Und jede Menge jener Weglosigkeit, für die es keine rechte Bezeichnung gibt, so eine Mischung aus Welk und Wüst, aus Dorn und Dickicht, Stein, Keim und Schlamm. Auch nicht das zugewachsene Überbleibsel eines seit Jahren nicht mehr benutzten Pfades ist zu sehen. Wenn es hier (hier!) mal so etwas wie einen Weg gegeben hat, dann muß das nicht Jahre, dann muß das Jahrzehnte her sein, nicht einmal die sonst für Wegmündungen typische Einbuchtung zeigt sich am Straßenrand. Gegenüber, richtig, da ist was, da führt ein Weg an einem Gehölzrand hoch, und laut Karte müßte dessen Verlängerung geradewegs … Ja, genau. Aber da ist nichts.
Ich sehe mich um. Oben auf dem Hügelkamm, den ich gerade herabkomme, kann ich die beiden Wanderinnen ausmachen, die ich vor einer halben Stunde an einem Parkplatz überholt habe. Wenn ich der Landstraße weiter folge, komme ich in den nächsten Ort, einen Weiler namens Sistig. Das wäre ein Umweg, und ich müßte durch den Ort laufen, was eigentlich immer unerfreulich ist, nicht nur bei Ortschaften, die Sistig heißen. Wenn ich zurückgehe bis zur letzten Kreuzung und dann einen Parallelweg nehme, latsche ich auf ausgetretenen Pfaden. Und dann mag ich heute niemandem begegnen und mich auf keinen Fall von den beiden überholten Frauen überholen lassen. Außerdem ist Umkehren Mist. Ganz großer Mist ist Umkehren. Nicht einmal die Wanderfreundin L., für die kein Plan der Welt unumstößliche Geltung hat, die ein wahrer Meister ist im Um-, Neu- und Andersplanen, – nicht einmal diese sonst so adaptive L. (das Wort flexibel ist geradezu für sie erfunden worden) geht ohne Not denselben Weg wieder zurück. Bei mir kommt zu diesem Unwillen, den ich vollends mit L. teile, noch hinzu, und hier unterscheiden wir uns diametral, daß ich gegen alles, was nicht nach dem einmal ausgeklügelten Plan läuft, eine vehemente Abneigung hege, wozu sich auch noch eine gewisse Halsstarrigkeit gesellt. In meinen Augen haben Landschaftsmerkmale wie Gehölze, Hecken, Wiesen, Felsen und eben auch Wege gefälligst ewig zu sein. Oder sich wenigstens an die Vorgaben der Karte zu halten. Wo kämen wir denn da hin, wenn die Landschaft einfach machte, was sie wollte? Wozu gibt’s Landschaftsämter? Ich werde stinksauer, wenn sich da was ändert im Gelände, wenn Bäume gefällt, Wiesen aufgeforstet, Hänge abgetragen, Ruderalflächen verbaut, Bäche gestaut oder umgeleitet, Seen trockengelegt werden. Oder eben Wege verschwinden. Und an diesem Tag ist das Maß ohnehin voll, denn das ist nun schon das dritte Mal, daß sich ein auf der Karte ausgewiesener Weg als veritable Wildnis entpuppt.
Das ist mir dann jedes mal, als würde mir der feste Grund unter den Wanderstiefeln weggezogen. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch.
Die beiden Wanderinnen streben langsam den Hügel hinunter. In der Nähe jault eine Motorsäge. Über mir verlacht mich ein Eichelhäher.
Und da stehe ich nun mit meiner Säuernis. Umkehren kommt gar nicht in Frage. Ich knirsche mit den Zähnen, mache mit der Faust eine Geste des Unwillens – und sehe mich im nächsten Moment fluchend und gestikulierend einen uralten Zaun entlang mitten durchs Gelände stapfen, geradewegs hinein in Wüst und Welk. Und vor allem in Dickicht und Dorn.
Das wollen wir doch mal sehen!
Was wir sehen, zehn Minuten später, ist indes: Hier geht es nicht weiter. Denn zu dem ersten Zaun hat sich ein zweiter gesellt, und der läuft nicht längs, der läuft quer und versperrt mir den Weg. Ich klettere fluchend über den Stacheldraht und frage mich, was wohl andere Wanderkarten für diese Stelle ausweisen.
Bei späterer Befragung der einen oder anderen Karte jüngeren Datums ergibt sich: Auf allen ist der Weg, wie er in einem sanften Bogen immer etwa fünfzig Meter Abstand zum Bach haltend nach Norden zur nächsten Straße führt, als „unbefestigter Pfad“ eingezeichnet, und auch das Internet bestätigt seine Existenz – wenn auch die Satellitenaufnahmen keinen guten Wegzustand erkennen lassen. Bei gedruckten Karten könnte man zwar vermuten, daß jede neue Auflage die Geoinformationen aus der Vorgänger-Ausgabe übernimmt, da eine gründliche Neuvermessung viel zu teuer wäre. So kommt es auch, daß eine unweit von hier gelegene mehrere Hektar große waldfreie Fläche noch in Karten neueren Erscheinungsdatums als bewaldet dargestellt wird. Dabei läßt der Zustand der verbliebenen Stümpfe sowie die Höhe der nachgewachsenen Vegetation erkennen, daß der Einschlag viele Jahre her sein muß. Aber wie eine Internetkarte, die ihre Pflege fleißigen Nutzern und Geländegängern verdankt, mithin kaum mehr als Tage oder Monate, auf keinen Fall Jahrzehnte hinter der Aktualität zurückbleiben dürfte, hier noch einen Weg ausweisen kann, das ist mir ein Rätsel.
Während ich vor dichtem Schlehengestrüpp haltmache, umkehre, über zwei weitere Zäune klettere, bis zum Knöchel im Sumpf versinke, unter einem dritten Stacheldraht durchkrieche, begleitet mich der ungute Verdacht, daß vielleicht keine zwanzig Meter neben dieser vermatschten, versumpften, dornigen, zugewachsenen Weglosigkeit ein hübscher freundlicher Pfad entlangführt, den zu entdecken ich nur zu dämlich gewesen bin. Und mich verfolgt der Gedanke an den wütenden Bauern, dem ich gleich begegnen werde, und der mich anherrschen wird, was ich hier zu suchen habe. Den Weg, werde ich ungerührt erwidern, nehme ich mir vor, und ihm meine Karte unter die Kartoffelnase halten. Hier! Hier!!
Aber da ist gottlob kein Bauer. Nur Schlehen, Weiden und Brombeeren. Spuren von Rindviechern im Schlamm, das größte Rindvieh bist du selber, denke ich mir und gleite gleich noch einmal auf dem schlüpfrigen Grund aus. Einmal kracht es hinter mir von brechenden Zeigen und galoppierenden Hufen. Zu sehen ist nichts. Kein Rind, kein Reh. Nur Gebüsch, Gesträuch, Gestrüpp, das mit jedem weiteren Schritt mehr zusammenzurücken scheint. Ein gelbes Brombeerblatt streckt mir die kreiselnde Zunge raus. Ein Erdloch glotzt mich böse an. Ein Dorn zeigt auf mich, als würde er zielen. Und die ganze Zeit über das nervtötende Kreischen der Motorsäge.
Rüber zum Bach, rein in den Sumpf, wieder ein Stück trockenen Grund erreichen, vors Gebüsch, hinters Gebüsch, durchs Gebüsch hindurch, und einmal noch einen Stacheldraht überwinden, dann sehe ich voraus tatsächlich ein Stückchen Asphalt. Darauf schieben drei alte Herrschaften gemeinsam einen Rollator den Berg hinauf. Wo ein Rollator, da ein Weg, denkt man sich. Die Säge jault und jault, auf der Nachbarweide grasen Pferde, im letzten Moment wäre ich noch fast an einem fußangelartig ausgelegten Stück Draht hängengeblieben, gerade rechtzeitig hebe ich den Stiefel, stapfe mit Riesenschritten die letzten paar Meter und ziehe mich auf den Weg wie ein Schiffbrüchiger ans rettende Ufer. Die Herrschaften sehen argwöhnisch zu mir rüber, wo der wohl seinen Rollator gelassen hat, dann starten sie ihren eigenen neu und setzen ihren Weg fort. Ich sehe mich um: Vor mir ein Wegansatz, ein Wegstumpf aus Asphalt, der aussieht, als stochere jemand mit einem abgebrochenen Blindenstock im Feld. Vielleicht, ja vielleicht ist hier mal ein Durchkommen gewesen. Aber jetzt nicht mehr. Schon lange nicht mehr. So lange nicht mehr, daß es unbegreiflich ist, wie so etwas noch auf irgendeiner Karte, die jünger ist als ein Vierteljahrhundert, verzeichnet sein kann. Diese Karte ist eine einzige dreiste Behauptung. Ich packe das nutzlose Ding weg und stopfe mir ein Stück Schokolade in den Mund.
Dann trete ich mir seufzend die Erdklumpen von den Stiefeln, zupfe mir die Dornen aus der Jacke, rücke meine Mütze gerade, und nachdem ich dem Rollator noch mal zugewinkt habe, gehe ich meinerseits meiner Wege, entschlossen, fortan auf der Straße zu bleiben.
Immerhin mußte ich nicht nach Sistig rein.

27. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Mitnotiert (26.3.2018, Heimerzheim–Brenig): einen Augenwinkel voll Huflattich; zwei Bachstelzen, so geschwind und unter den Augen wie ein Kartentrick; eine Lerche zieht sich an einer Drachenschnur aus Schall herauf; graubraunes Moos, rostende Benzinkanister gleich gestrandeten U-Booten, das schielende Auge von Wodkaflaschen, mehrfach überschriebene Dokumente von Plastiktüten, Fruchtgummiverpackungen, Kondombriefchen; Schilf und Binsen reiben die Finger gegeneinander, wo die Bauern ihre Schnurrbärte verloren haben; eine umgestürzte Weide treibt aus und streckt leuchtende Kätzchen über den schwarzen Waldboden, als begutachte eine eitle Frau ihre manikürten Nägel; Agrarwüsten bis zum Horizont, dort die finsteren Reihen von Waldrändern, gleich herannahenden Armeen; Leitern von Licht, Dunst und Staub über der Ebene, wo die Erde Verbindung zu Wolkenstationen aufnimmt, zu einem verlorenen Halt im Himmel.

26. März 2018 § 4 Kommentare

Wann hat
das eigentlich angefangen, daß auch im Deutschen Videoclips viral gehen?

22. März 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie vergessener Schmuck in einer verschlossenen Schublade im dunkelsten Zimmer eines langsam verfallenden Hauses: so verstummen die Eulenrufe im Wald.

Mit schwarzen Schnäbeln hackt der Wind nach dem Schnee. Im Feld toben die Steine, wühlen sich durch den Acker, kratzen Narben in den Grund, jagen einander die höchstrangigen Stellen ab. Unter einem Himmel aus Eis schwimmt die Sonne im kahlen Pappelstrom davon.

Spuren und Nähte, Geflicktes und Wiederaufgebrochenes, aus den Wiesensäumen quillt die Füllung ans sumpfige Licht. Weiden knirschen mit den Zähnen. Schatten haben Schaum im Mundwinkel.

Wissenden Blicks wie Mumien kochen die Brombeeren Sonnenuntergänge ein in ihren hellen Grabkammern aus Wind.

Aequinoctium

21. März 2018 § Ein Kommentar



Einschluß im Saphir der Lüfte, wie Schrift durch Bögen hindurchscheint,
      hängen die Krähen im Teich. Fern saugt der Himmel am Eis.

20. März 2018 § 4 Kommentare

Soll das nun heißen, Deutschland braucht den Islam? Oder, ohne den Islam würde Deutschland was fehlen? Oder, der Islam soll in Deutschland heimisch werden? Oder einfach konstatierend, daß er das bereits ist? Im letzten Fall müßte man sich nicht mehr das Maul verreißen, denn Behauptungen von Tatsachen lassen sich überprüfen, fertig.

Weiterhin: Was ist mit Deutschland überhaupt gemeint? Seine geographischen Grenzen? Seine Kultur und Sprache (aber welche Kultur ist das genau, und welche Dialekte, Soziolekte, Jargons und Slangs will man dazurechnen?) Oder ist Deutschland die Summe der Deutschen? Was es nicht leichter macht, denn was sind das überhaupt, die Deutschen?

Man könnte nun sagen, mit gehört zu ist gemeint, wie man landläufig sagt, Peter gehört doch auch mit zum Gartenverein, geäußert gegenüber Leuten, die Peter aus dem Verein raushaben wollen. Aber so einfach ist das nicht. Ein Nationalstaat ist kein Gartenverein, weswegen auch Gleichnisse der Art Die müssen sich hier wie Gäste benehmen barer Unsinn sind. Familien können Gäste haben, Freundeskreise, Vereine, Singgruppen können Gäste haben. Staaten können das nicht. Die Wortwahl zieht ungültige Parallelen und operiert im Großen mit Begriffen aus der Welt des Kleinen. Das kann nicht gutgehen.

Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Das Christentum gehört nicht zu Deutschland. Die Anbetung des großen Spaghettimonsters gehört nicht zu Deutschland. Trekkies gehören nicht zu Deutschland. Helene-Fischer-Fans gehören nicht zu Deutschland. Ja, nicht einmal die Deutschen gehören zu Deutschland. Sie sind halt nunmal da. So wie Juden, Zeugen Jehovas, Buddhisten, Shintoisten, Sannyasin, Veganer und Ufologen einfach da sind.

Kurz gesagt: Der Satz: Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland ist derart verkehrt, daß er nicht einmal falsch ist.

Statt über gehört zu und gehört nicht zu zu schwafeln, sollte man lieber einen Blick ins Grundgesetz werfen. Darin heißt es, Artikel 3, Absatz (3):

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Und weiter, Artikel 4, Absatz (2):

Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Und damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Etwas anderes gehört sich nämlich nicht.

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