Keinfrühling

2. Juni 2020 § 3 Kommentare

Die entgegenkommende Joggerin, die mich schon aus zwanzig Metern Entfernung anherrscht, „Rechts oder links?“ und mich dann mit einem „Gutenmorgen!“ im Kasernenton anbellt – solche gibt es auch. Und dann gibt es die Hundehalter, die selbst während der Kulmination der Krise nie Abstand davon genommen haben, sich zu viert oder fünft (Tiere nicht eingerechnet) zu ihrer gemeinsamen Hunderunde zu treffen.

Haben Sie schon einmal …

27. Mai 2020 § 6 Kommentare


• sich einer Zahnbehandlung unterzogen?
• ein MRT von einem Teil Ihres Körpers machen lassen?
• sich einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose unterzogen?
• ein Antibiotikum genommen?
• eine Röntgenaufnahme von einem Teil Ihres Körpers machen lassen?
• ein Schmerzmittel genommen?
• sich nach der Wettervorhersage gerichtet?
• ein Antiallergikum genommen?
• Sonnenschutzcreme benutzt?
• Reisetabletten genommen?
• Wasseraufbereitungstabletten benutzt?
• eine Malaria-Prophylaxe durchgeführt?
• wegen eines Insektenstichs den Arzt konsultiert?
• wegen eines Knochenbruchs den Arzt konsultiert?
• Tragen Sie eine Brille?
• Tragen Sie Kontaktlinsen?
• Benutzen Sie ein Hörgerät?

Wenn Sie mehr als zwei Fragen mit ja beantwortet haben, dann verzichten Sie bitte in Zukunft darauf, die Wahrheit finden zu wollen; hören Sie auf, von auseinandergehenden Zahlen, widersprechenden Angaben und vor allem von entgegengesetzten Meinungen zu faseln. Vertrauen Sie dem Robert-Koch-Institut und vergleichbaren Institutionen, wie Sie ihrem Sonnenschutzmittel vertrauen, richten Sie sich nach den Anordnungen der Regierung und machen Sie sich ansonsten einen schönen Tag. Danke.

Kein Frühling

24. Mai 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Wir froren, das machte den ersehnten Vollzug zu einer Aufgabe. Ohne Schuhe, doch noch in allen Kleidern auf dem Grund liegen und in den eichenlaubbekränzten Himmel schauen, das ging noch. Kalte Hände auf warmer Brust, warmem Bauch, fröstelnden Flanken, das war schön. Zwei Eichhörnchen, die sich balgten, unserer nicht achteten. Wir lagen und waren selbst Natur, wir hätten aus Erde, Laub, Fell und Holz sein können, aber das Frieren hielt uns warm, das Frieren hielt uns lebendig, das Frösteln unterschied uns vom Holz und flößte uns die Sehnsucht nach unserem warmen Inneren ein, hielt das Verlangen wach. Doch dann war Eile geboten. Du zittertest unter mir. Unser Schoß das einzig Warme unter der Sonne, so weit die Hügel reichten. Ich wäre so gerne ganz nackt neben dir in der Sonne gelegen. Aber die Täler bliesen kühl, Wind bemächtigte sich unserer Küsse, in deinen Augen fror die Sonne wie ein durchsichtiger Fisch.
(25.4.2020)

Kein Frühling

7. Mai 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Vogelgesang hinter Fensterscheiben, Sonne hinter Glas. In Gedanken mit dir tun, was im Traum verhindert wurde. Nicht einmal die Träume sind uns gewogen.

Eine Stunde in einem Meer brausender Zeit. Eine Stunde mich an deinen Augen festhalten und mit meinen Händen betrachten. Ich denke jetzt schon daran, wie meine Augen, wenn du wieder abreist, dir nachstürzen werden; und wie ich sie dann wie wilde, traurige Hunde nach Hause schleifen muß.
(6.5.2020)

Kein Frühling

4. Mai 2020 § 2 Kommentare

Nach Totholz suchen, das in seltsamen Formen erstarrt ist, wie Wachs, aus großer Höhe in Eiswasser getropft. Ein Wort zu erlauschen suchen, seine toten Zeichen. Unter Laub hockt noch und noch Sonne. Staub ohne Insekten, nur fern, im Talgrund, flattert ein einzelner Zitronenfalter, wie eine verlorene Visitenkarte des Frühlings, eine Einladung zu einem abgesagten Fest. Der Saal war schon geschmückt.

Wie ferne Segler auf einer Meeresbucht schweben Familien über die Wiese. Ich folge ihnen langsam, in den Augen das Flimmern von Scheren, in den Händen ein Bündel bleicher Knochen, wie ein Krieger Speere hält. Man kennt nicht meine Müdigkeit, mit der ich die Schritte nach Meilen zähle.

Wolken, die den Regen für sich behalten wie ein großes Geheimnis.

Sehnsucht, wie das Meer, überdrüssig seiner Küstenlosigkeit, sich nach Inseln sehnt, die es unterbrechen.
(12.4.2020)

28. April 2020 § 2 Kommentare

Im Zuge der Pandemie treten gewisse unappetitliche Details der Funktionsweisen des menschlichen Atemwegsystems und der menschlichen Mundwerkzeuge ins Bewußtsein, über die wir bislang in fröhlicher Ignoranz befangen sein durften. Es ist zu hoffen, daß wir dieses Wissen wieder verlernen, sobald alles ausgestanden ist. Sonst könnte eine ganz neue Kultur und Ordnung des Ekels heraufdämmern und Spuckschutz und Atemmaske so selbstverständlich werden wie jetzt schon Einwegkanülen, Papiertaschentücher, Eßbesteck, Toiletten mit Wasserspülung, oder daß Hotelbetten für jeden neuen Gast frisch bezogen werden.

22. April 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Dein Körper, so fern. Durstige Küsten, Finger auf Landkarten, Türme. Strommasten, die einander die Meilen zuwerfen. Auf einer Terrasse sitzen, die du nie gesehen hast, und hinter mir im Haus sprechen Stimmen, die du nicht kennst. Rückwärts die Verse wieder aufrollen, die deine Gedanken am Ende der Landkarten nach vorne entziffert haben, bis alle Papyri wieder blank sind. Palimpseste aus Jahreszeit. Folien, an denen jeder Vogelflug seinen Paß abgeben muß. Und dein Körper, so fern. Heiligtümer der Schamanen, Beschwörungen, Briefe mit Federn, Steinen, Haut. Das Lebendige im Toten. Wörter, die nicht schwimmen können. Wüßtest du, wie fern dein Körper ist, du hütetest dich, ihn zu waschen. Du müßtest auf einen Traum warten, in dem er dir erschiene, dein Leib. Frühling aber heißt, den Himmel anhand der Vogelkoordinaten bestimmen. Ich verwünsche das Fenster für seine Kurzsichtigkeit. Die Hügel halten Wache des Nachts. Und dein Körper, so fern.
(16.4.2020)

Frühling

17. April 2020 § Hinterlasse einen Kommentar

Zum Gießen in den Garten, anwesend sein in einer Natur, die nur sich selbst gehört und von unserem Sterben nicht berührt wird. Nicht einmal anwesend sein: nur vorkommen, als weniger denn ein Stein, kaum mehr denn ein Schatten, ein Klang, der sich bricht und verhallt und keine Spuren hinterläßt.

Rhythmisches Vogelschnarren im Tiefenprofil von Kirchenglocken. Aprikosenblüten spiegeln sich im geöffneten Fenster. Dann Meisenpfiffe. Dann öffnet das Tal sein Maul voller Schweigen.

Verlassene Räume, die wir gerade noch bewohnen, einen Fuß bereits im benachbarten Nirgends. Bald gehören sie sich nur noch selbst. Schon holen die spiegelnden Scheiben den von Vögeln bewohnten Himmel ins Haus, sieht sich der Wind um im zu mietenden Objekt.
(9.4.2020)

Frühling

16. April 2020 § Ein Kommentar

Ablaufende Flut, auftauchende Bäume, die Wipfel tasten nach Luft und Himmel. Man setzt sich das Gesicht, das einem der Sturm gestern vom Kopf geweht hat, wieder auf, rückt die kalten Wangen zurecht, schaut aus den tränenden Augen in die Sonne. Überall wird am Licht gearbeitet, die Bäche tragen die geschürfte Sonne zu Tal, in den Pfützen setzt sich das flüchtige Mineral ab, die Sträucher filtern und sieben und klären die Luft. Die Gärten stecken ihre Reviere ab. Flüchtige Stimmen kehren behutsam zurück und suchen sich bescheidene Anstellungen. Für einen Moment kommt Verdrängtes zum Vorschein, Autoreifen wie Beinprothesen, mit Kellerlicht gefüllte Eimer, zwei Zaunpfähle wie abgemagerte Gefangene, Entkommene, mit Draht noch aneinander gefesselt. Wolken malen den Umriß von Kontinenten an den Himmel, bevor die Länder einen Namen bekommen, hat sie der Wind davongetragen. Zeit des Wartens und der Tapferkeit vor der Liebe. Aus der Zukunft strömen die Vogelschwärme in die Gegenwart zurück, Bäume wenden sich ab, ziehen sich zurück in den Wald, und die Knospen sind die Antwort auf eine Frage, die man nicht kennt, aber kennen sollte.
(14. März 2020)

Die Pest auf Ägina (6)

6. April 2020 § Ein Kommentar

Zurück in der grotesken Welt, zu Szenen, die an einen Monty-Python-Streifen erinnern. An den Toren staut sich der Verkehr, so zahlreich sind die Leichenzüge (Tote mußten bei den Römern außerhalb der Stadt beerdigt werden). Die Toten bleiben unbestattet auf der Erde liegen (eine schlimme Sache, weil die Seelen der Verstorbenen nicht in die Unterwelt einziehen können und keine Ruhe finden) oder werden ohne Zeremoniell auf den Scheiterhaufen geworfen. Vollends übersteigert ist die Vorstellung, daß um die knappen Plätze auf dem Feuer Kämpfe ausbrechen und man seine Verstorbenen auf anderer Leute Scheiterhaufen mitverbrennt (so wie es Leute gibt, die im Waschsalon ihre eigenen Klamotten in fremden Maschinen mitwaschen). Schwer fällt es da, noch ernst zu bleiben. Hier ist Ovid wieder ganz bei sich, solche ins Paradoxe getriebenen Bilder sind bis hinauf in die Exildichtung typisch für den Dichter.)
Leben und Sterben haben seine Ordnung; hier aber ist diese Ordnung auf den Kopf gestellt. Der Weg aus dem Leben, so sieht es aus, ist gestört, man bleibt im Wartezimmer der Unterwelt hocken, im Zwischenreich schweift man ruhelos dahin. Wenn das Leben nicht irgendwo weitergeht, wenn keine Jüngeren nachkommen, die die Älteren bestatten, wenn alle Mittel zu einer ordentlichen Bestattung fehlen, ist selbst das Sterben dem Chaos unterworfen.
***

Welche gestorben, die Körper, sie werden nicht mehr nach dem rechten
Brauch bestattet (von Leichenzügen verstopft sind die Tore):
Entweder bleiben sie einfach liegen, oder man wirft sie
ohne Ritus aufs Feuer; schon spart man sich jegliche Ehrfurcht,
kämpft um die Haufen, schiebt eigene Tote aufs Feuer von andern.
Keiner, sie zu beklagen, ist übrig, es irren die Seelen
unbeweint umher von Kind, Eltern, Jungen und Alten.
Voll sind die Gräber, es reicht nicht das Holz für so viele Feuer.

corpora missa neci nullis de more feruntur
funeribus (neque enim capiebant funera portae):
aut inhumata premunt terras aut dantur in altos
indotata rogos; et iam reverentia nulla est,
deque rogis pugnant alienisque ignibus ardent.
qui lacriment, desunt, indefletaeque vagantur
natorumque patrumque animae iuvenumque senumque,
nec locus in tumulos, nec sufficit arbor in ignes.

  • Sprachregelung

    Bei mir sind Männer grundsätzlich mitgemeint.

  • Sententiae recentissime prolatae

    zeilentiger bei Keinfrühling
    Solminore bei Keinfrühling
    Sofasophia bei Keinfrühling
    Bist du schon einmal… bei Haben Sie schon einmal …
    Sofasophia bei Haben Sie schon einmal …
  • Werke & Tage

  • Calendarium

    Juni 2020
    M D M D F S S
    1234567
    891011121314
    15161718192021
    22232425262728
    2930  
  • Voces actae

  • Vocum partes

  • Vocum vertigo

    Abschied Aequinoctium Allagophobie Alter Antike Atalante Ausblick Ausblicke Auto Befindlichkeit Begrenztheit Bäume Bücher Draußen E. Entzücken Epigramme Epiphanie Erinnerung Erinnerungen Fellatio Flüsse Frauen Frühling Geister Gerüche Geschichten Glück Greinstraße Griechisch Heimat Herbst Jahreslauf Kindheit Kunst Körper Latein Laufen Lebensart Lebenslauf Lesen Licht Liebe Linguistik Lyrik Lärm Medien Melancholie Menschenmassen Mobiltelephon Morgen Nachdichtungen Nacht Nymphae Orte Ovid Paare Radio Rhein Roman Schnee Schreiben Schöne neue Welt Schönheit Sehnsucht Selbstwahrnehmung Solstitien Solstitium Sommer Sprache Stille Stimmen Tageslauf Tageszeit Tiertode Tierträume Traum Träume Umwelt Und täglich grüßt das Murmeltier Unerreichbarkeit Unterwegs Venus Vergeblichkeit Vergängnis Verlust Verstocktheit Versäumtes Vögel Wald Wanderlust Wandern Werbung Winter Wohnen Wörter Zeit ÖPNV Übersetzungen Übertragungen
  • Et alibi voces

    Die "Voces" werden durch das Literaturarchiv Marbach archiviert

  • Kontakt

    solminore(ad)posteo(punctum)de

  • Versteht sich von selbst, aber

    Für den Inhalt verlinkter Seiten übernehme ich keine Verantwortung.