Knackende Funkgeräte

21. Februar 2017 § 4 Kommentare

Hubschrauber über der Stadt. Kreisen, schweben auf der Stelle, kreisen weiter. Verbreiten eine Anmutung von Raubvögeln. Das Geräusch ist natürlich nervtötend; weniger störend als vielmehr beunruhigend ist das Zeichen von Macht. Keine Demonstration von Macht, das hat die Macht nicht nötig, die echte nicht. Es ist das, was sich von ihr beiläufig zeigt, wenn sie waltet. Behörden, Apparate, Staatsorgane. Ich werde schon nervös, wenn sie wieder an der Luxemburger Straße stehen, im Bus, mit Helmen und Kampfanzügen, und einzelne Fahrzeuge rauspicken. Verkehrskontrollen sind das nicht, so viel steht fest.
Einmal flogen einen ganzen Abend lang Helikopter über mein Stadtviertel, hin und her, in Richtung Wald, wo sie verschwanden, von dort wieder herannahend zurück nach dem Fluß, alle fünf Minuten ein Fluggerät, bis weit nach Einbruch der Dunkelheit ging das so. Unterdessen drehte ich meine Runde im Wald. Unweit eines von Stacheldraht geschützten, mitten im Forst liegenden Gebäudes unklaren Zwecks tauchten plötzlich Lichter auf dem von mächtigen Reifen zerfurchten Waldweg auf. Mehrere Fahrzeuge standen dort an einer Kreuzung, mit ihrer Breite den gesamten Weg einnehmend. Aufgeblendete Scheinwerfer, zuckendes Gelblicht, dazwischen die Schemen von Menschen, im Herannahen deutlich werdend: Uniformen, Helme, Kopfhörer, eine riesige Antenne, Konsolen, laufende Motoren, und über den Baumwipfeln immerfort das Knattern der Rotorblätter, das ich schon den ganzen Abend gehört hatte. Ich drückte mich vorbei, sie ließen mich. Ich schreibe das mit Absicht: Sie ließen mich.
Die Macht manifestiert sich, sie wird sichtbar. Sie erscheint auf der Folie einer Wirklichkeit, die sie, die Macht, formen und benennen und damit definieren kann. Wer ein Gefährder, was ein Gefährder, was ein Störer, ein unwillkommenes Subjekt ist, definiert die Macht. Wer harmlos ist, definiert die Macht, oder sie läßt das absichtlich offen. Die Macht legt den Rahmen fest, innerhalb dessen ein Handeln unauffällig ist. Sie kann diesen Rahmen jederzeit ändern. War das unauffällig, bei Einbruch der Dunkelheit durch den Wald zu laufen? Natürlich darf man das. Aber glaube ich auch, daß ich es darf?
Gleichzeitig bleibt ihre Intervention, ihr Sichtbarwerden, in den Absichten undurchschaubar. Die Macht zeigt sich als Macht, nicht unbedingt als Absicht. Darin gibt sie sich das Wesen einer göttlichen Erscheinung. Der Hubschrauber, der Einsatzwagen tritt in Erscheinung als Zeichen, aber nicht als Offenbarung. Der Hubschrauber ist das Handeln selbst, dessen Urheber verborgen bleibt. Eine Faust ohne Gesicht, ein Schlag ohne Faust.
Überwachungskameras. Einsatzwagen. Helikopter. Absperrbänder. Knackende Funkgeräte. Man sieht das Zeichen, aber das Zeichen schaut nicht zurück.

Vom richtigen Strafmaß (Sallust, Catilina 51, 1-8)

15. Februar 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Allen Menschen, ihr Herren Senatoren, die über verworrene Dinge beratschlagen, ziemt es, frei von Haß, Liebe, Zorn und Mitleid zu sein. Nicht leicht sieht der Geist die Wahrheit, wenn solche Gefühle ihn behindern, und es hat noch keiner gleichzeitig seinen Leidenschaften und dem gemeinsamen Anliegen gedient. Sobald man den Geist anspannt, ist er stark; wenn ihn die Leidenschaft besitzt, vermag er nichts. Ich könnte jetzt eine Menge Fälle erwähnen, ihr Herren Senatoren, wo Könige und Völker sich von Zorn oder Mitleid haben schlecht beraten lassen. Aber ich will lieber davon sprechen, wie unsere Vorfahren gegen ihre Herzensgefühle richtig und in der Ordnung gehandelt haben. Im Makedonischen Krieg, den wir mit dem König Perses geführt haben, war das große und prächtige Rhodos, eine Stadt, die durch die Unterstützung des Römischen Volkes aufgeblüht war, uns gegenüber treulos und feindlich gesinnt. Als aber nach Beendigung des Krieges über die Rhodier beratschlagt wurde, entließen unsere Vorfahren sie unbestraft, damit man hinterher nicht würde sagen können, der Krieg sei mehr wegen Reichtümern als wegen Rechtsverletzungen angefangen worden. Genauso war es in allen Punischen Kriegen: Während die Karthager im Frieden und zu Zeiten von Waffenruhe viele Greueltaten verübt hatten, taten die Römer selbst niemals etwas ähnliches: Sie fragten mehr nach dem, was ihrer würdig sei, als danach, was den Karthagern von Rechts wegen hätte widerfahren dürfen. So müßt auch ihr Sorge dafür tragen, ihr Herren Senatoren, daß die Verbrechen des Publius Lentulus und der anderen bei euch nicht mehr Gewicht haben als eure Würde, und daß ihr nicht euern Zorn mehr pflegt als euern Ruf. Wenn sich nämlich eine angemessene Strafe für die Verbrechen dieser Leute finden läßt, dann befürworte ich einen neuen Beschluß; wenn aber die Schwere des Verbrechens den Einfallsreichtum aller übersteigt, muß man meiner Ansicht nach gebrauchen, was die Gesetze hergeben.

(Die Caesarrede aus Sallusts Catilina wird gern in der Schule gelesen, daher hier eine Warnung an Schüler: Die vorliegende Übersetzung ist sehr frei und als Lösung für Hausaufgaben nicht geeignet!)

Omnis homines, patres conscripti, qui de rebus dubiis consultant, ab odio, amicitia, ira atque misericordia vacuos esse decet. 2 Haud facile animus verum providet, ubi illa officiunt, neque quisquam omnium lubidini simul et usui paruit. 3 Ubi intenderis ingenium, valet; si lubido possidet, ea dominatur, animus nihil valet. 4 Magna mihi copia est memorandi, patres conscripti, quae reges atque populi ira aut misericordia inpulsi male consuluerint. Sed ea malo dicere, quae maiores nostri contra lubidinem animi sui recte atque ordine fecere. 5 Bello Macedonico, quod cum rege Perse gessimus, Rhodiorum civitas magna atque magnifica, quae populi Romani opibus creverat, infida et advorsa nobis fuit. Sed postquam bello confecto de Rhodiis consultum est, maiores nostri, ne quis divitiarum magis quam iniuriae causa bellum inceptum diceret, inpunitos eos dimisere. 6 Item bellis Punicis omnibus, cum saepe Carthaginienses et in pace et per indutias multa nefaria facinora fecissent, numquam ipsi per occasionem talia fecere: magis, quid se dignum foret, quam quid in illos iure fieri posset, quaerebant. 7 Hoc item vobis providendum est, patres conscripti, ne plus apud vos valeat P. Lentuli et ceterorum scelus quam vostra dignitas neu magis irae vostrae quam famae consulatis. 8 Nam si digna poena pro factis eorum reperitur, novum consilium adprobo; sin magnitudo sceleris omnium ingenia exsuperat, his utendum censeo, quae legibus conparata sunt.

Golberg, 11. Februar 2017

11. Februar 2017 § Ein Kommentar

Nachts hat es geschneit.
Platzsparend voreinandergerollte Kulissen die Hügel, wo sich der Wald zu Reihen aus gestaffeltem Grau öffnet. Der Himmel so tief, daß sich die Gipfel, die Bäume, Häuser und Strommasten ducken müssen. Die Ferne läuft nur ein Stück voraus und kehrt, bleich geworden, wieder um. Nichts wirft einen Schatten, als sei der Grund zu weit weg, um darauf zu stehen. Alles ist leicht, die Mauern hohl, Scheunen aus Papier. Nur Bäche haben ein schwarzes Gewicht, sie ziehen an den Dingen, die von ihnen fortstreben. Krähen steigen aus einem kahlen Baum auf. Schnee bröselt von einer Birke, als habe ein Tier den Ast gestreift. Alles, was Blicke hat, schaut woanders hin. Fehlen nur noch heimkehrende Jäger.

Das letzte Haus vorm Wald, ein Schneehaufen markiert das Schaufelende des Räumfahrzeugs, danach fängt ein Weg an, den nur sparsam Tierspuren kreuzen. Als erster Mensch auf dem Weg, ein Stückchen weit. Es tut beinahe weh, auf die frische Schneedecke zu treten, die perfekte, mühelose Makellosigkeit mit der schnaufenden, rotzenden, behelfsmäßigen Trivialität der Sohlen zunichte zu machen. Andere menschliche Spuren sind eine Erleichterung, dort kann man gehen, dort war schon jemand, dort ist die Welt gedeutet und aufgebrochen. Wie ein Kuchen, den endlich jemand angeschnitten hat.

Ein Ort, von dem aus man die Straße hört. Kurze Blickräume zur nächsten Reihe Fichten, dahinter löst sich jede Erwartung von Sicht ins Annähern und Entfernen von Geräusch auf. Sägen oder Hundegebell, es ist nicht zu unterscheiden. Die Umwelt ist lauter als sie sichtbar ist. Meisen rufen wie von hinter den Kulissen, und ein ganz unbekannter Vogel. Der Schnee auf der Bank: unberührt. Eine Birke hüllt sich in Fetzen vergilbter Tapete.

Und dann, weniger sichtbar als fühlbar an der plötzlichen Abtönung einer Rauchschwinge über einem Wohnhaus, an der Vertiefung des Reliefs, das die Körnung auf unberührten Schneedecken bildet, an einer Auflockerung des nassen Straßenglanzes: die Sonne. Noch kein Himmelskörper, nur ein Erstarken von Flächen und Kontrasten, in dem die Verlängerungen von Wegen und Hügelachsen transparent werden, und die Bäume in perspektivisches Zucken geraten. Der Schnee schmilzt, man hört es an den Geräuschen, sie werden härter, sie isolieren sich voneinander, auch zwischen ihnen wird es heller.

Plötzlich Stimmen. Blickauf, hineingekleckst in die schwarzweiße Welt des Waldes wie Anstriche in einem Schulbuch, farbige Jacken, Mützen, Hosen. Ein Trupp Wannderer zieht vorüber, soldatisch stramm, dabei immer redend, redend, eifrig und alle auf einmal, als müßten sie alles, was irgendwo schon einmal gesagt worden ist, unbedingt noch einmal sagen. Sie verschwinden zwischen den Bäumen, die Stimmen verstreuen sich im Wald. Einen Moment später ist die Kreuzung voller Spuren, die niemandem mehr gehören. Doch noch heimkehrende Jäger, könnte man denken, aber nein, sie haben nicht woanders hingeschaut.

Muß lernen weh tun ….

7. Februar 2017 § 2 Kommentare

Am schönsten ist der Nachhilfeunterricht, wenn Schüler anfangen zu verhandeln. Doch, das haben wir aber so gelernt!
Mag ja sein, es ist trotzdem falsch. Neulich wollte mir einer weismachen, studere heiße „studieren“. Der betreffende Satz war: Quintus Curius et M. Porcius Laeca Ciceronem necare student., „Quintus Curius und Marcus Porcius Laeca versuchen, Cicero zu töten.“ Zugegeben, studere ist im Deutschen manchmal kaum wiederzugeben. „Sich bemühen“, „nach etwas trachten“, „auf etwas sinnen“, „versuchen“, „sich anstrengen“ sind mögliche Übersetzungen. Nur eins heißt es so gut wie nie, nämlich „studieren“. „Das steht aber so im Buch!“
Und zum Beweis wird gleich das Vokabelverzeichnis aufgeschlagen, als glaube der Schüler im Ernst, ich würde mich irren.
Ich gestehe, daß solches Verhalten meine Geduld überstrapaziert. Ich verstehe ja, daß Lernen anstrengend ist; ich verstehe auch, daß Fehlerkorrekturen ebenso anstrengend und noch dazu frustrierend sind, weil etwas, das man bereits gelernt zu haben glaubte, noch einmal von vorne gelernt werden muß. Aber ist Lernen nicht genau der Punkt? Ich habe manchmal den Eindruck, hier wird gefeilscht um jedes Faktum, um jede Vokabel, um jeden Zusammenhang, um jede Formel. Um jedes Datenbit, das zusätzlich noch zu memorieren ist, als müsse der Schüler es mit blanker Münze bezahlen. Wenn ich etwas erkläre, merke ich genau, wie das, das ich erkläre, einfach nur abgenickt wird. Verstehen kostet zuviel Mühe, und warum sollte ich mir die machen, wenn ich auch so davonkomme? Bedeutet für mich als Lehrer: Ich muß jeden Scheiß mit Übungen abfragen. Das aber macht mir Mühe und dem Schüler auch keinen Spaß.
Was ich aber noch weniger begreifen kann, das ist die Sturheit mancher Schüler, die, statt eine Korrektur wenn auch zähneknirschend, so doch akzeptierend zur Kenntnis zu nehmen, darauf beharren, recht zu haben, als gälte es sonstwas. Was glauben die eigentlich, welchen Hanswurst sie vor sich haben? Der zweite Schüler an diesem Tag schlägt mir jetzt zum dritten Mal currere als Wort für „eilen“ vor, im Kontext, Die Königssöhne eilten nach Delphi, um das Orakel zu befragen. Nein, lieber D., die Königssöhne laufen nicht per pedes, sie lassen sich tragen und nehmen das Schiff, und wenn du noch so viele Vokabellisten findest, wo currere mit „laufen, eilen“ wiedergegeben ist.
Ich meine, was erwarten die? Daß sie triumphierend recht behalten werden? Oder ist das nur ein Trick, wertvolle Unterrichtszeit zu schinden?

1. Februar 2017 § 3 Kommentare

 
(Als begönne Deine Seele gleich unter der Haut, fühl- und kostbar.)

Noch einmal

1. Februar 2017 § 2 Kommentare

Eine Wanderung im Schnee, anstrengendes Stapfen und Ausgleiten, ein trüber Spätwintertag, das Licht wie von Wasserströmen abgeschliffen und mild. Es tropft, es tropft überall, in den Hecken, von den Kiefern, von den Strommasten, auf die Wege und Steige und die zugefrorenen Flüsse, deren Eis sich zu geometrische Spalten und Rissen verbiegt. Wälder, Felder, Heckenläufe. Die Ferne ist klar, transparent, als sei auch vom Horizont, von den vielen gestaffelten Horizonten ein Schleier abgetaut. Ein Sonnenstrahl zersticht schwarzes Regengewölk. Mein Schatten schwebt neben mir, ich sehe mich beschwingt gehen, die Daumen unter die Rucksackschlaufen gesteckt. Ich mag staunen über den, der da geht.
Spuren zerfließen. Alte, zerschmolzene, frische, scharf eingegrabene. Von Hunden, Menschen, Traktoren, Langlaufskiern. Langsam verliert der Schnee sein Gedächtnis. Wie winzige Fäustchen geballt hängen die Haselkätzchen, bereit, aufzugehen. Kleine Fliegen, zarte Gebilde wie Anführungszeichen begegnen einander über der verharschten Schneedecke. Manchmal liegen Birkensamen vom letzten Sommer auf dem Eis, winzige Sternchen, es sieht aus wie Fastnachtsglitter.
Noch eine kleine Rast kurz vor dem Ziel. Ich trinke das letzte Wasser, habe noch einen Apfel. Selig kaue ich die süße Säure, während noch einmal die Sonne hervorkommt und den Schnee um den Rastplatz leuchten läßt. Mir ist warm, Kopf, Hände, Füße glühen. Meisen pfeifen im Gebüsch. Der Apfel kracht im Mund. Die Kiefernwipfel rauschen, wie nur Kiefernwipfel rauschen können, der Apfelrest fliegt ins Gebüsch, ich sehe den Weg sich weiterwinden, an vielen Stellen schon braun, und da ist es plötzlich, als wären die letzten fünf Jahre nicht vergangen, einfach nicht vergangen, und ich bin noch einmal da, wo ich damals irgendwie falsch abgezweigt sein muß, und es ist, als dürfte ich noch einmal von dort aus alles neu beginnen. Das Licht, der Weg, der Schnee und, wo er geschmolzen ist, der warme, von Kiefernnadeln bestreute Grund, dieser unendlich vertraute, liebe, duftende Boden, alles wieder frisch, verjüngt, in Ordnung gebracht, richtig und gut. Gut, gut: Und ich hebe einen kantigen, kupferroten, gemaserten Stein auf, reibe ihn mit Schnee ab, trockne ihn an der Hose und stecke ihn in die Tasche, wo sich sofort meine Hand wie um etwas schließt, das immer am Platz war. Eine Erinnerung an diesen Moment, an ein unfaßbares, flüchtiges Glück, eine Erinnerung für später, wenn es einmal nicht mehr so ist.

Römisch

28. Januar 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

 
„Kennst du das Versmaß?“ — Du nickst. Da befeucht ich den kundigen Finger,
      mal den Pentameter hin, dir auf den staunenden Bauch.

Laufen, nicht denken

27. Januar 2017 § 2 Kommentare

 
Endlich wieder großer Revierablauf. Hufebahn, Golfplatz, am großen Zehnt links, Eiserner Mann, durch den Wald durch richtung Hausertshausen, vor der Motte in Sichtweite des Schlosses links, dann gegen den rosigen Ostwind ankämpfend (am Hochsitz klapperts) am Waldrand entlang bis kurz vor Sümpfikon, an der Wasserleitung abgebogen, durch den inzwischen sonnigen Wald in Gegenrichtung der ersten Joggertrupps und vor einem Traktor fliehend über die Tennisanlagen zurück nach Quellstätten. Siebenundzwanzig Kilometer. Durchatmen, Eis von der Mütze klopfen, Tee trinken. Vorsichtiger Optimismus. Nicht zuviel nachdenken! Vielleicht geht es jetzt mal aufwärts hier.

Rumms!

26. Januar 2017 § 10 Kommentare

Es ist nicht das erste Mal, daß ich davon aus dem Schlaf gerissen werde. Aber noch nie war es so schlimm, so katastrophenartig beängstigend, was sich da ein Stockwerk über mir abspielte, wie vor ein paar Tagen.
Was mich weckte, war ein Knall, ein dumpfes Aufprallgeräusch mit einem harten, häßlichen Kern, als würde etwas Schweres, Massives umgeworfen, ein Tisch etwa, ach was, ein Schrank. Dazu das Geschrei. Ein Gebrüll, überkippende Stimmen, Laß mich in Ruhe, Halt die Klappe, zwei Stimmen, eine männliche, eine weibliche, aber man versteht nur ihn, er ist lauter, er brüllt sie nieder, Brüll mich nicht an, brüllt er, bis sie nur noch schluchzen kann, und beiden Stimmen, seinem Gebrüll, ihrem Geheul, nichts Menschliches mehr innewohnt, und vielleicht ist es das, die Fratze in Menschengestalt, oder das Menschliche in der Fratze, diese Entstellung der Normalität, was so furchtbar, so ohne Maß grauenhaft ist, daß ich am ganzen Körper erstarre und mir der Puls rast. Und während sich die Stimmen, das Gebrüll, jetzt auch harte Polterschritte quer durchs obere Stockwerk in einen abgelegenen Teil der Wohnung entfernen, frage ich mich nicht zum ersten Mal, ob jetzt nicht endlich das Ausmaß erreicht ist, wo man vernünftigerweise die Polizei holen sollte.
Eine Tür fällt ins Schloß. Ein letzter Knall, dann herrscht Stille, und man denkt, jetzt ist es zu Ende, zu Ende, alles.
Und dann geht es weiter, geht es einfach immer weiter, bis zum nächsten Rumms ein paar Wochen später.

Eine Bahn später

24. Januar 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Als zöge die Sonne das Gebirge aus der Schlucht herauf. Ein Vorgang voll großartigen Lärms, doch in der weiten Entfernung lautlos. Gräben füllen sich mit Licht, Eis kracht unter dem Druck des Himmels, über der Ebene steht der Rauch still, als trüge er all das Blau auf seinen abgeflachten Spitzen.

Die Rückseite vom Dunst sind Waldränder. Wie wenn man einer Photographie die Folie abzieht, die Farben frisch und noch nicht ausgehärtet, das Feuchte von Kiefern und Moos.

Fahrende Lieblingsorte. Besondere Plätze in der Straßenbahn oder im Bus, meist irgendwo am Rand, ganz hinten im Bus, vorne (gegen Fahrtrichtung), hinten (in Fahrtrichtung) in der Straßenbahn. Plätze, von denen sich alles im Blick halten läßt, selbst wenn man übers Buch gebeugt ist, wie ich meistens. Der leise Unwille, wenn so ein Platz schon besetzt ist; als hätte einem einer was weggenommen, das einem eigentlich selbst zugestanden hätte.

Der besondere Ort des Waldrands. Überblick auch hier. Anschnitt des Lichts, Schichtung der Luft, eine Art höhere Ordnung, ins Sichtbare gerückt. Einer meiner Lieblingsorte: ein Waldrand mit Kiefern, der Grund zwischen den Stümpfen vor langer Zeit gefällter, wie in silbrigen Fels verwandelter Bäume nadelbedeckt, trocken wie Bürsten, eine Lichtung zum Schauen, ein umgehauener Stamm zum Sitzen. Diesen Ort gibt es nicht mehr, der Wald hat ihn sich einverleibt, das Licht durch eine Ordnung von Schatten ersetzt. Farn wächst hüfthoch, wo ich einmal einen Nachmittag verträumt habe. Das ist so lange her, daß ich gar nicht mehr weiß, wann das war. Was einmal jener Ort war, Farne jetzt, merkwürdige Bodenschwellen wie Gräber, mannshohe Doldenblütler, frisch aufgeschossene art- und gattungslose Bäume, liefert keinen Anhaltspunkt. Selten habe ich mich so sehr von der Zeit im Stich gelassen gefühlt wie an dem Tag, als ich nach langem Suchen begriff, daß ich die Stelle längst wiedergefunden hatte. Ich hatte sie nicht erkannt. Die Wege hatten mich immer daran vorbeibugsiert, geh weiter, gibt hier nichts zu sehen, das ist nicht mehr deine Zeit, das ist nicht mehr dein Leben.

Ganz woanders, aus dem Fenster der Bahn zu betrachten, liegen jetzt die Waldränder oben an einem Hügelscheitel in der Sonne wie Gesichter, die sich der Wärme zuwenden. Die Schatten gehen nach hinten raus. Alle Wege sind kurz da hinauf, leicht zu beschreiten, mit Baumreihen als Stütze für den Blick, Alleen, entlang von steifgefrorenen Zehen.

Und natürlich Straßen. Ich wohne in einem Nest von Straßen, die mich eigentlich nur widerwillig dulden, was habe ich schon mit ihnen zu schaffen? Straßen, Kreuzungen, Verkehrsschilder, Warnhinweise. Werbetafeln, die ich als Fußgänger nur von der Rückseite sehen muß. Die Straßen und ich: Ich werde es sein, der als erster nachgibt, davongeht oder verschwindet, eines Tages nicht mehr da sein wird, die Straßen, sie werden mich überleben. Aber die Waldränder werden die Straßen überleben, denke ich, und schaue da hinauf, Wiese, Ackerrand, Weg, dann die roten, säulenartigen Stangen der Kiefern, wie der Tempel eines urwüchsigen, längst verschwundenen Volks, man könnte dort schön wandern und wäre vor allem Unheil sicher, in der Hand vergessener Götter, die aber ein besseres Gedächtnis haben als die Menschen. Man wäre ein winziges Körnchen, geborgen in Schichten und Schichten aus Zeit.

Mir schräg gegenüber sitzt eine elegant gekleidete Frau. Hohe, braune Schaftstiefel, Strumpfhose, Rock. Sie liest in einem E-Book-Reader. Sie lächelt still vor sich hin. Vielleicht sitzt sie auf ihrem Lieblingsplatz. Das Lächeln ist glücklich, amüsiert, gelassen. Unerreichbar für jede Beobachtung. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, die schwebende Stiefelspitze wippt rhythmisch. Ein beringter Finger tippt auf den Schirm, blättert vor und zurück, das Lächeln verändert sich nicht, bleibt heiter und gelöst, wie von einer etruskischen Statue, die, ganz im Irdischen verwurzelt, dennoch von nichts Irdischem mehr überrascht werden kann.

Die Orte von der Rückseite erreichen, vom Bühnen- und Lieferanteneingang, wo die Beleuchtung schlecht ist und die Rohre verlaufen. Durch einen niedrigen Gang gehen, eine Tür aufstoßen, sagen, ich bin da.

Die Ebene löst sich vom Rauch.

Drüben sinken die Berge zurück in den Mittag.

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