Aequinoctium

21. September 2016 § 5 Kommentare

 
Schwärzer die Erde sprießt, wo die Weite von Flügen erblindet.
       Tiefer der Himmel blaut, fallend ins sterbende Lid.

Frühprotokoll (Rauch)

15. September 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Am besten geht es in der Frühe, fünf Uhr, Dunkelheit, so müde, daß man die Zeit nicht merkt, weil man schneller scheint als der Augenblick.

Rauchgeruch über den Pferdekoppeln, es riecht vertraut nach Mittelmeer, nach Müllverbrennung, ein Hahn kräht, irgendwo muß das Meer sein, ganz nahe, jenseits der dunklen Pinien. Die Ahnung des Wasserkörpers ist fast schöner als das Wasser selbst.

Aber woher kommt dieser Rauch? Würde es im Wald brennen, müßte da nicht ein flackernder Widerschein weithin zu sehen sein? Zu dunkel, um Wolken zu sehen. Keine Fahrzeuge, keine Sirenen, es ist so still, als wäre ich der letzte, der hier noch herumirrt, ahnungslos, noch unberührt von der Katastrophe.

Ein Rebhuhn schreit. Rostige Uhrfeder im Weißdorn. Versenkung in einen Ameisenhügel. Präzision des Chaos. Eine flache Welt.

Hinter drei Baumreihen ruht schweres Gerät. Eine Baggerschaufel liegt eingeknickt in einem Tümpel, wie ein abgebrauchtes Sexualorgan. In den Scheiben des Fahrzeugs setzt sich die Baumreihe als Widerschein ins Unendliche fort. Maschinenschlaf, zeitfrei. Dieser Bagger stand vielleicht letztes Jahr schon hier, oder vor zehn Jahren, man könnte meinen: Auch der Mückenschwarm über dem Tümpel ist ganz genau derselbe wie damals.

Irgendwo ein Trampeln von Schwarzwild. Dann Stille, in der die Sonne den Weg findet und ihn sanft, wie zum Lüften, anhebt. Wieder eine Runde. Kein Schlaf im Schlaf.

Das schreckliche Wort Echtzeit.

Bald werde ich aufwachen, und dann geht alles von vorne los.

Machen Sie sich bitte mal frei

8. September 2016 § 9 Kommentare

Stellen Sie sich einmal vor, es würde ein Gesetz erlassen, das Frauen verbietet, im öffentlichen Raum ihre Brust zu verhüllen. Die Verhüllung der Brust, so die Begründung, geschehe unter Zwang, sei ein Symbol von Unterwerfung unter den Mann und mit den Freiheitsrechten von Frauen generell nicht vereinbar. Schließlich dürften Männer jederzeit ihre Brust zeigen, Frauen nicht. Der Einwand, eine solche Entblößung verletze das Schamgefühl der Betroffenen, wird mit dem Hinweis abgetan, daß eine Frau sich schäme, ihre Brust zu zeigen, beweise doch nur, wie schlimm Frauen bereits indoktriniert seien, wie sehr sie den fremden Zwang bereits als ihren eigenen empfänden. Dem Einwand, daß eine solche Entblößung zu sexueller Belästigung geradezu einlade, wird mit dem Argument begegnet, erstens sei die Brust sowieso nur ein Fetisch unserer Gesellschaft, und zweitens liege ein solcher Einwand genau auf der Linie fragwürdiger Empfehlungen an Frauen, sich zum Schutz vor Belästigung lieber nicht allzu aufreizend anzuziehen.

Wenn Sie das jetzt für absurd halten, dann haben Sie vollkommen recht. Aber dann müssen Sie auch das Verschleierungsverbot für muslimische Frauen für absurd halten. Was für Kleidung wir tragen, hängt bekanntlich nicht nur davon ab, wie das Wetter ist, und auch die persönlichen Vorlieben spielen nur eine untergeordnete Rolle. Viel stärker bestimmen die langfristigen oder kurzlebigen Modeerscheinungen darüber, in welchen Textilien wir uns nicht nur vor Witterung, Insektenstichen oder Pflanzendornen sicher, sondern auch schön und gut gekleidet und darum hinsichtlich unseres Auftretens in der Öffentlichkeit sicher fühlen. Deshalb, weil wir uns in den falschen Klamotten unwohl fühlen und in gar keinen Klamotten erst recht, hat Kleidung immer auch mit Scham zu tun, sowie mit Einschluß oder Ausschluß. Auch die Verschleierung von Musliminnen hat etwas damit zu tun: mit dem Wunsch nach sozialer Akzeptanz innerhalb der eigenen Gruppe. Mit dem schwer faßbaren Gefühl, ordentlich angezogen zu sein – oder sich widrigenfalls zu schämen. Man kennt Männer, die sich ohne Krawatte in der Öffentlichkeit unwohl, ja in gewisser Weise nackt fühlen. Ich denke, das läßt sich leicht auf aller Arten Verschleierung übertragen. (Man lese hierzu den sehr erhellenden Roman Schneevon Orhan Pamuk, in dem es unter anderem um die widersprüchlichen Gefühle von Menschen geht, die sich einem Kleidungsverbot gegenübersehen und in eine Zwickmühle einander widersprechender Gebote und Bedürfnisse geraten.) Schließlich ist ein Verbot, etwas zu verhüllen, immer äquivalent mit dem Gebot, etwas zu zeigen.

Das gilt es zu bedenken, bevor man über den Verbot einer Verhüllung nachdenkt. Und da oft mit dem Begriff von Freiheit und Unterdrückung argumentiert wird, sollte man sich auch fragen, wie frei wir, die wir überlegen, ein solches Verbot zu erlassen, wirklich sind, wenn wir morgens den Kleiderschrank öffnen. Und ob wir wirklich das große Wort von Unterdrückung in den Mund nehmen wollen, wenn wir einer Arbeit nachgehen, in der Anzugs- und Krawattenpflicht herrscht. Natürlich wird man bei dem Gedankenexperiment mit dem Busenverhüllungsverbot einwenden, Brüste seien schließlich ein Geschlechtsmerkmal, und die würden überall verhüllt. Warum aber dürfen Männer dann Bärte zur Schau stellen? Die sind schließlich auch ein Geschlechtsmerkmal.

Sind Sie denn frei? Ja? Sind Sie beispielsweise, wenn Sie männlich sind, frei, einen Rock zu tragen? Wirklich? Oder, wenn Sie weiblich sind, nach Art der Minoerinnen so auf die Straße zu gehen:

Oben ohne

Oben ohne

Oder sind Sie beispielsweise frei, sich, in einen Anzug wie einer dieser Herren hier gekleidet, in die Straßenbahn oder eine Eisdiele zu setzen?

Verschiedene Penisfutterale

Verschiedene Penisfutterale

Niemand ist frei, vergessen Sie das. Frauen nicht, Männer nicht, Sie nicht und ich auch nicht. Befreit werden müssen wir deshalb trotzdem nicht. Deshalb sollten wir uns auch nicht anmaßen, andere befreien zu wollen, womöglich gegen deren Willen. Freiheit kann man nicht verordnen, man kann sie nur anbieten. Oder, um es mit Erich Fried zu sagen: Freiheit herrscht nicht.

Spätprotokoll

7. September 2016 § Ein Kommentar

Ein Buch in der Hand, die Decke über den Knien, letzte Geräusche von der Straße, letztes Licht aus der Lampe. Der eigene Herzschlag, endlich ruhig, wie ein Gebiß im Glas. Der Teppich streckt sich, das Fenster wendet den Blick nach Innen. Eine Seite raschelt. Frieden von Wörtern, die in ihren Sätzen ruhen wie kleine Tiere in einem großen, stillen Wald.

πάντα ῥεῖ

6. September 2016 § 5 Kommentare

Erstarrt im Sessel sitzen, der Zeit bei ihrer Arbeit an mir zusehen und nicht und nicht über die entsetzliche Jetzigkeit des Daseins hinwegkommen. Schier verzweifeln am Gefangensein in diesem Jetztpunkt. Ich stelle mir irgendeinen Augenblick von vor, sagen wir, zwanzig Jahren vor, etwas ganz Banales, vielleicht saß ich in der Küche bei einem Bier, vielleicht hängte ich Wäsche auf, ich denke daran, daß jener Moment für mich einmal Gegenwart und Erleben war, und plötzlich ist diese banale Tatsache, auf mein jetziges Erleben und Erinnern angewendet, so grauenhaft, daß mich schwindelt. Ich schaudere wie vor einem Abgrund davor zurück – aber da ist ja nirgends fester Grund, auf den ich zurückkönnte! Denn auch der Moment, wo ich an den anderen Moment zurückdachte, ist schon wieder vorbei. Und auch der Moment, wo mich schwindelte vor diesem Rasen, und jetzt, und jetzt – Und dereinst, bald, werde ich auf dieses Schaudern und wie ich davon schrieb, aus weiter Entfernung zurückschauen. Dann wird dieser Moment ebenso rätselhaft sein wie der Moment, wo ich Wäsche aufhängte. So ist dieser gegenwärtige Moment im Grunde schon jetzt nicht mehr wirklich. Aber dann ist gar nichts wirklich! – Ich möchte Halt! rufen, Stop! Stop!, Stop! Ich muß doch erstmal … Ich wende mich und winde mich, aber überall ist gleich jetzig. Ich bin gefangen.
Kein Trost, keine Hilfe. Denn jeder Trost, jede Hilfe ist ja der Jetzigkeit unterworfen. Wie kann mich etwas trösten, das Teil dessen ist, was mich quält?
Ich verstehe das nicht, woher kommt das? Warum ängstigt mich etwas, das gar nicht anders (etwa als Entwurf oder Utopie einer besseren Welt) denkbar wäre, etwas, das wir uns gar nicht anders vorstellen können? Wie kann ein unlösbares philosophisches Problem plötzlich zu einem Gefühl existentieller Bedrohung werden?
Und wie geht das wieder weg? Wie wäre das zu schaffen, das Normale wieder als normal zu empfinden?

Erst laufe ich, ich laufe

26. August 2016 § Ein Kommentar

einen Marathon, durch ein lichtes Wäldchen, auf einer schmalen geraden Landstraße. Es geht bergauf, immer steiler bergauf, gleich müßte der Scheitel der Steigung erreicht sein. Bei mir läuft noch jemand, dem rufe ich zu, daß wir es gleich geschafft haben, daß wir gleich oben sind. Manchmal krümmt sich die Straße auf so unmögliche Weise, daß ich gleichzeitig auf ihr und unter hier hangend laufe. Und dann, dann passiert es.

Da ist keine Straße mehr, kein Wäldchen, keine Steigung, da ist überhaupt kein Grund mehr, da ist nur noch Tiefe, mehr geahnt als gesehen, vor mir, unter mir, ich stehe oder schwebe sturzgefährlich in schwindelnder Höhe sehr wackelig auf irgendetwas, neben mir ein Holzgerüst, darüber fester Grund, da müßte ich raufklettern. Ich wage nicht, mich zu bewegen, ich kann mich kaum halten, da ist nichts, woran ich mich klammern könnte. Und nicht genug damit, daß ich keinen Halt habe und kaum Grund oder Balken zum Stehen, habe ich auch noch eine Matte bei mir, eine dünne, schwarze Isomatte, die mich behindert. Wieder ist jemand bei mir, in Sicherheit, eine Frau, namenlos, die ich nur im Traum kenne, die sonst keine Identität hat, kein Gesicht. Sehr langsam, zitternd, drehe ich mich ein Stück zur Seite. Die Frau muß mir helfen, auf das Gerüst zu klettern, ich flehe sie an, aber die Panik, die mich ergriffen hat, ist so groß, daß ich nur flüstern kann.

Beim Erwachen die Hände immer noch naß vor Angst.

Wie sie wirklich ist?

24. August 2016 § 6 Kommentare

Vielleicht ist alles nicht so schlimm, sondern schlimmer?
Welcher Blick auf die Welt liefert die Nullinie, die alles in gut und schlimm teilt?
Was wäre, wenn der Depressive die Welt so sieht, wie sie wirklich ist? Dann taumelten alle vermeintlich Gesunden im hormonalen Vollrausch serotoninbesoffen wie Dauerverliebte durch eine rosig eingetünchte Bonbonwelt. Während der Depressive die Brille verloren hat und die frohe Täuschung nicht wieder hinbekommt.
Wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge erkennen, oder könnten wir es, so ginge vielleicht das Vergnügen der Sinne darüber verloren – ich gebe also diese Wahrheit auf, denn die Täuschung ist mir erfreulicher, lese ich bei Tieck (William Lovell); was aber, wenn die Täuschung nicht mehr gelingt?
„Warum aber […] willst du diese Art die Dinge zu sehn, die doch freilich nur eine Verwöhnung und kranke Willkür ist, nicht wieder fahrenlassen, und mit frohem Mut die wahre Gestalt der Welt wieder suchen?“
„Um so zu sehn, wie du siehst. […] Ist aber dieser Anblick der wahre? Wer von uns hat recht? Oder werden wir alle getäuscht?“

Dann sind die Gesunden nicht gesund, sondern vernebelt; dann ist die Welt tatsächlich so schlimm, wie sie der Depressive sieht.

Tröstlich

1. August 2016 § 2 Kommentare

Ein Reh, kaum größer als eine Dogge, das ohne Scheu den Weg quert wie ein Fuchs auf Stelzen.

Der bürstende Knall, mit dem ein Kiefernzapfen an der Bushaltestelle auf dem Asphalt auftrifft.

Überhaupt Kiefern, Zapfen, Kronen, Licht, das auf einem Harztropfen ruht.

Eine verdrehte Hundeleine, in der sich in lauter schmalen Rauten zuckend die Morgensonne fängt.

Das unbedingte Lieben des Hundes, der zu mir strebt.

Das zarte Grübeln der Wolken, wie Haarrisse in altem Porzellan. Darunter, zerknittert im Schlaf, die dunstige Abdachung der Hügel.

Nymans „The heart asks pleasure first“ bei Tagesanbruch, in den letzten Minuten des Nachtkonzerts.

Der Ort, zu dem die Wolken reisen.

Daß es die Spinnen immer wieder schaffen.

Seht ihr den Mond dort stehn? / Er ist nur halb zu sehn / und ist doch rund und schön. / So sind noch manche Sachen, / die wir getrost verlachen, / weil unsre Augen sie nicht sehn.

Eine Amsel vor dem Fenster, die alles schon weiß.

volvitur et volvetur in omne volubilis aevum.

Straße, nachts

21. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Nacht ist alterslos und hell ohne hell zu sein. eine Stille herrscht, die das Drinnen mit dem Draußen verbindet, als gäbe es keine Mauer, kein Fenster, als wäre das Zimmer eingebildet. Ein Traum, eingeschachtelt in einen weiteren Traum, eingeschachtelt in Nacht, zurückgeschachtelt in den imaginären Raum des Zimmers. Alles ist ausgekleidet mit klebriger Wärme, Laken, Matraze, die Luft über der Haut, die Innenwände des Atmens.
Ich komme von der Toilette zurück, da höre ich einen Knall, kurz und trocken wie ein Pistolenschuß, und mir scheint, es hat auf der Straße etwas geblitzt. Nur diesen einen Knall, dann herrscht wieder Stille, eine Stille, die sofort in das präzise Loch zurückströmt, das der Schall gerissen hat. Ich lausche. Der Knall setzt sich ins Ohr hinein fort, als energetisches Negativ wird die Stille punktförmig tiefer als sie selbst. Es ist kein Traum, aber es hat alle Qualitäten eines Traums: Jemand ist da draußen. Jemand schleicht da herum, hat vielleicht das Ohr an die Außenwand gelegt. Jemand, der Knallgeräusche macht, und der jetzt mucksmäuschenstill ist, als lauere er darauf, daß jemand reagiert. Ich trete ans Fenster, aber da ist nichts, nicht einmal ein Mond, nicht einmal Himmel. Die Straße ist wie ein weiteres Innen, aus dem kein Entkommen ist, sie wartet auf Schritte, darauf, daß jemand schreit, vielleicht.

Ahornschößling

19. Juli 2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor ein paar Jahren ist mir bei einem Festplattenschaden ein umfangreiches Bilderalbum abhanden gekommen. An manche dieser Bilder erinnere ich mich – oder glaube es zumindest. Denn das menschliche Gedächtnis funktioniert bekanntlich anders als das Festplattengedächtnis. Ein Computer kann sich nur richtig erinnern oder gar nicht. Menschen können sich ungefähr erinnern; Menschen haben Geschichten zu Bildern; Menschen können ausschmücken, Lücken rekonstruieren, Fehlendes mit Erfundenem überdrücken – und manchmal ist die Erinnerung am Ende viel schöner als das, woran man doch nur glaubt, sich zu erinnern. Oder wenn nicht schöner, dann phantasievoller.

Das Blatt eines Bergahornschößlings. Es ist früher Morgen, Hochsommer, die Sonne fällt flach durchs Blätterdach eines lichten Bergwalds. Nahaufnahme, der Bildausschnitt ist so gewählt, daß man nicht erkennen kann, woher das Licht kommt. Wie aus eigener Kraft leuchtend, scheint dieses eine Blatt, dessen Lappen gleich einer Hand, die sich wärmen will, ausgestreckt sind, vor dem in verschwommener Dunkelheit liegenden Waldboden zu schweben.
Der dunkle Hintergrund, die unscharfen, tiefen Schatten am Grund eines von Licht durchströmten Raums, vermitteln eine Ahnung von Feuchtigkeit, aber falls in der Nacht Tau gefallen ist, hat ihn die Morgensonne schon von den Blättern des Ahornschößlings weggebrannt.
Es ist ein Morgen der Erneuerung. Der Wald atmet auf, öffnet Augen und Ohren. Sonntagslicht, frühe Stille. Der Lärm des vorangegangen Abends, der Jubel, das Feiern, sie sind lange verstummt, die Feiernden liegen alle noch im Bett, in stickiger Luft hinter geschlossenen Rolläden.
Tags zuvor hatten mich stampfende Discorhythmen aus dem Tal den halben Weg hier herauf begleitet. Deutschland hatte gewonnen, Deutschland war der perfekte Gastgeber, Deutschland durfte für einen Moment stolz auf sich sein. Jetzt feierte es, dieses Deutschland, und noch ein wenig früher, im Zug, da hatte ein junger Fahrgast bei Bekanntwerden des Spielergebnisses seinen Jubel laut herausgebrüllt, wohl in Erwartung, die andern Passagieren würden einstimmen in seine Freude, und als das ausblieb, als alle weiterhin stumpf vor sich hinstierten, denn sie hatten kein Interesse an Fußball, da rief er verächtlich aus, das sei ein Scheißland, niemand freue sich, alle so bräsig und steif, typisch deutsch, und da war sie wieder, die alte Verachtung, der alte Selbsthaß, der vertraute Wunsch, bloß zu einer anderen Nation zu gehören. Wie um die Passivität wieder gutzumachen, stampften eine Stunde später dann die Bässe wie die gewaltige Maschine eines Ozeandampfers aus dem Bauch des Tales herauf, während die Abendfarben, rot und gold und lange, durchsichtige Schatten, mit allen Vögeln den Atem anhielten.
Und jetzt, als ich mich bücke, um den Schößling aufzunehmen, ist endlich alles, alles still, Fingerhut säumt die Wege, und die frisch aufgespannten Blätter sehen aus wie eine schon im Morgengrauen gehißte Fahne vor Beginn der Prozession, wartend, schon voller Farbe, schon feierlich in der noch leeren, friedevollen Straße.

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