7. Februar 2019 § Ein Kommentar

Sich fremd fühlen, überall.

Wenn in einer Zeitschrift, die ihre aktuelle Ausgabe der urbanen Entwicklung und zukunftsfähigen Formen des Arbeitens, Lebens und Wirtschaftens in der Stadt widmet, der als äußerst maßvoll bejubelte Mietanstieg von 225 Schweizer Franken in einem Objekt in Zürich als Beispiel und Argument für eine funktionierende Mietpreisbremse angeführt wird: Ich denke daran, daß diese durch Sanierung entstandene Erhöhung ziemlich genau meiner derzeitigen Warmmiete entspricht, und werde darüber gänzlich mutlos. Ich verdanke mein Wohlergehen nicht gern einem guten Willen oder schlechten Gewissen von Besitzenden oder auch nur einem Glücksfall. Ich würde mich gern auf das beschränken, was mir zusteht, und was mir kraft dieses Rechts nicht genommen werden kann.

In einem anderen Artikel derselben Zeitschrift versteht jemand unter „bezahlbaren Alternativen“ zur „miesen Wohnungslage“ (okay, in Manhattan, aber auch dort leben Menschen, nicht nur Anzugsfritzen) Unterkünfte für 1800 Dollar. Und, nein, damit ist nicht die Jahresmiete gemeint. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, zu was das eine günstige Alternative sein soll. Das sind Größenordnungen, in denen mein ganzes Leben verschwindet wie eine Schneeflocke in einer Lawine. Leider sind diese Größenordnungen schon in weiten Teilen der Welt maßstäblich geworden. Damit wird die Welt unbewohnbar für einen wie mich. Ich meine nicht: Manhattan wird unbewohnbar. Sondern überall.

Eine weitere Irritation, die mir die Ausgabe verursacht, betrifft das, was ich im Freundeskreis die Lückenlosisierung der Welt genannt habe. Damals sprachen wir von der Schülernachhilfe, die laut Auskunft eines, nennen wir ihn ruhig Investor, eines Investors also ein „Riesenmarkt“ sei; in dem Zeitschriftenartikel ist es eine Vermittlungsplattform für nachbarschaftliche Handwerker- und Hausmeisterdienste. Das klingt alles wunderprächtig, was dort an wünschenswerten Effekten aufgezählt wird, nur eines gerät gar nicht erst ins Blickfeld: Daß damit wieder einmal ein Raum unterm Radar ins Licht offizieller Strukturen gehoben und damit gesetzlicher Gängelung und fiskaler Kontrolle unterworfen wird. Freilich zum Nutzen und zur Sicherheit der Beteiligten, man will ja wissen, wen man sich ins Haus holt, wenn man einen Wasserrohrbruch hat, aber eben auch unter Verlust des Inoffiziellen, steuerlich Unerfaßbaren, unter Verlust auch von Vertrauen und ungeregelt funktionierendem Miteinander.

Ich weiß auch, daß man es mir nicht recht machen kann.

Von einer Nachhilfestunde, in der ich neunzig Minuten versucht hatte, einem Unterstüfler, der keine Lust dazu hat, etwas Latein in seinen Dickschädel zu hämmern, nach Hause, zu Fuß über schnellstraßengesäumte Felder, weil der öffentliche Personennahverkehr nur zehn Minuten schneller ist. Verdient hatte ich fünfundzwanzig Euronen. Für 1800 Euro Monatsmiete müßte ich zweiundsiebzig solcher Stunden ableisten, eine durchaus erschreckende Vorstellung. Aber nicht darüber dachte ich nach, während ich am Gehölz Eichenkamp durch die Dämmerung schritt. Sondern ich dachte, daß es für einen wie mich keinen Platz gibt in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Ich habe nichts Brauchbares (im Sinne von „verwertbar“) gelernt und habe auch nie etwas Brauchbares lernen wollen. Seltsamerweise interessiere ich mich ausschließlich für Unbrauchbares, und das ist von Kindesbeinen an so gewesen. Ausgestorbene Tiere und Pflanzen fand ich interessanter als lebende, schöne Bäume interessanter als eßbare Kulturpflanzen, ich wollte lieber Apachisch oder Baskisch lernen als Chinesisch oder Russisch, den Mars fand ich spannender als den Corn Belt oder den Bergbau in Nordrhein-Westfalen und im Studium Syntaxtheorie anziehender als Computerlinguistik, mit der man vielleicht noch was hätte anfangen können. Oder Logopädie: Gähnend langweilig. Dito klinische Linguistik. Und ich dachte darüber nach, wie es kommt, daß ich, egal um welches Wissensgebiet es sich handelt, immer aussteige, sobald es an die Anwendungen geht. Es interessiert mich einfach nicht, ich kann es nicht ändern. Warum aber ist das so? Die Therapeutenantwort wäre vermutlich: Sie scheuen die Erprobung Ihres Wissens an der Wirklichkeit, weil Sie dabei scheitern können. Sie fürchten sich vorm Scheitern und fliehen in die Welt des Abstrakten. Eine wohlwollende Antwort wäre: Du bist halt der geborene Wissenschaftler. Das ist nett; allein, dazu fehlt mir das Talent. Blieben vielleicht noch unterrichtende Tätigkeiten. Allerdings finde ich es furchtbar, wenn Schüler nicht von sich aus lernen wollen. Und an diesem Punkt war ich dann wieder bei meinem Nachhilfepennäler angelangt.

Soll man sein Leben der Schönheit widmen? Reicht das zum Gelingen des Lebens? Ist es egal, was die anderen von einem denken? Und was ist, wenn die Schönheit ausbleibt, sich als zu schwierig erweist, sich entzieht? Ich habe den Eindruck, man kann damit nicht mehr aufhören, wenn man mal angefangen hat. Wie eine Geschichte, die zu Ende erzählt werden muß, eher findet man seine Ruhe nicht.

Der Mensch lebt nicht vom Brot oder der Unterkunft allein, schon richtig. Aber auch von der Schönheit alleine nicht.

Ich will ja gar nicht in Manhattan oder Zürich wohnen, sollen die das doch unter sich ausmachen, die glauben nirgendwo anders leben zu können. Aber sie machen es halt nicht unter sich aus. Was dort passiert, führt dazu, daß die Mieten in Orten, die ich bevorzuge, nämlich solche, die auf -berg, -hausen, oder -scheid enden, ihrerseits mitgenommen werden: Von der Woge, von der es mal hieß, sie höbe die kleinen Boote ebenso an wie die Ozeanriesen, nur daß damit was anderes gemeint war.

(Widdich–Bornheim, 4.2.19)

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4. Februar 2019 § Hinterlasse einen Kommentar



Eine abwärtsgerichtete Reihe, wie Kometen bereit zum Sturz, auf einer abschüssigen Piste: So hängt eines windschiefen Orions Gürtel überm Waldrand.

Zielen auf den Hundsstern, der sich knapp über den Horizont duckt.

Auf der anderen Seite des Alls knackt das Eis in Pfützen. Der lärmenden Dämmerung der Fernstraße im Westen steht im Osten eine echte Dämmerung entgegen, die lautlos ist.

Langsam sinkt der Spiegel des Horizonts dem Grund der Nacht entgegen. Schwarzes Warten der Vögel im Gebüsch. Stummes Brausen, das aus dem Bachtal den Hang hinaufsteigt, dem vorauseilenden Orion nach.

(Brenig–Römerhof, 6:15)

Spaßfrei mit Feminismusbrille

29. Januar 2019 § 21 Kommentare

Also sag ich jetzt dazu halt auch noch was.

Sofaosphia spricht über einen Artikel in der Süddeutschen, darin die Autorin Meredith Haaf im Draufgängertum einer Pippi Langstrumpf oder einer Ronja (Räubertochter) eine „Abwertung des Weiblichen“ sehen will. Außer Frage steht, daß beide Figuren von ihrer Anlage her rundweg positive Gestalten sind und sich stark zur Identifikation durch den Leser eignen. Da heutzutage ja leider solche Fragen auch außerhalb von literaturtheoretischen Seminaren behandelt werden, weil sie insofern gesellschaftliche Relevanz erlangt haben, als man an der Frage nach in diesen Figuren vorgelebten Rollenvorbildern ganz hervorragend ideologische Gesinnungsfragen abarbeiten kann, geraten also jetzt Pippi und Ronja und andere, bislang noch als „starke Frauen“ betitelte und positiv beurteilte Figuren auf den kritischen Prüfstand und werden, jetzt halt auch die noch, durch den Genderfleischwolf gedreht. Solange, bis nichts mehr unangetastet bleibt und wir die Literatur dichtmachen können.
Vor Jahren schon war ich über die Meinung einer Kollegin bestürzt, die mir auseinandersetzte, Astrid Lindgrens Bücher seien ganz schlechte Literatur, weil darin, sie führte als Beispiel die Figur der Eva-Lotte aus der Kalle-Blomquist-Trilogie an, ein überkommenes Frauenbild transportiert werde. Für moderne Kinder ungeeignet. Am meisten bestürzte mich dabei das Ansinnen, einen geliebten, bislang rundweg von Literaturkritikern, Eltern, Pädagogen und selbstverständlich den Kindern hochgelobten Klassiker durch etwas derart Dämliches wie gendertheroretische Erwägungen angekratzt zu sehen. Schon allein das Ansinnen, etwas derart Literaturfernes wie Geschlechterdebatten an Bücher heranzutragen, erschien mir ungeheuerlich. Es waren die mittleren neunziger Jahre, und ich war ahnungslos. Heute könnte ich, scheint es angesichts eines Textes wie des von Meredith Haaf verfaßten, nicht einmal mit dem Verweis auf Pippi und Ronja kontern. Obwohl beide alles andere als überkommene Frauenbilder transportieren.

Was Enid Blytons Fünf Freunde betrifft, so hat Haaf völlig recht. Die Figur von George, eigentlich Georgina, die lieber ein Junge wäre, alles mag und macht, was Jungs mögen und machen, entsprechend unerschrocken, draufgängerisch und wild ist, kann man, insofern dieses Verhalten innerhalb der narrativen Welt der Fünf Freunde Respekt und Anerkennung findet und Georgina selbst ihre Strategie als gelingend bewertet, als durchweg positiven Charakterzug der Figur sehen. Allein, eine Abwertung des Weiblichen ist schwerlich auszumachen. Das zweite Mädchen der Partie, Anne, ist wohl das, was Haaf ein „normales“ Mädchen nennen würde. Sie ist fürs Häusliche zuständig, kümmert sich ums Essen, und daß der Tisch gedeckt ist, und, machen es die abenteuerlichen Umstände einmal erforderlich, daß man unter freiem Himmel schlafen muß, ist sie es, die dafür sorgt, daß es im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten am Schlafplatz behaglich zugeht. Mir ist jedoch keine Passage erinnerlich, wo diese „Weiblichkeit“ Annes von den anderen Protagonisten gescholten, geschmäht, geringgeschätzt oder auch nur belächelt würde: Anne ist mit allem, was sie ist und kann und mag, ein vollwertiges, geschätztes Mitglied des Freundeskreises, und es ist keine Rede davon, sie außen vor zu lassen, wenn es mal etwas rauher zugeht. Freilich sind die Rollen stereotyp verteilt, das Ungefährliche und Harmlose fällt Anne zu, der Abenteuergeist den anderen dreien; eine Abwertung findet indes nur in den Augen von Meredith Haaf und ähnlich gesinnten heutigen Lesern statt, die diese Bücher in ihrem modernen, durch die Feminismusbrille getönten Blick zu deuten belieben. Es fällt nun auf, daß es der Anforderungen an einen Charakter offenbar nie genug ist: Denn wäre Anne wie George angelegt, wäre sie als eine weitere Ronja- oder Pippi-Figur nicht weniger der Kritik würdig.

(Und noch etwas anderes ist in Parenthese an dieser Stelle zu erkennen: Die Unmöglichkeit des Individuellen vor den Augen einer geschlechterbewegten Leserschaft. Man darf nämlich eigentlich heute eine weibliche Hauptfigur nicht mehr mit Attributen wie Schutzbedürftigkeit, Schwäche, Ängstlichkeit, Häuslichkeit etc. versehen, weil in der Auffassung gewisser Teile des Lesepublikums sofort der Typus gegenüber dem Individuum überwiegen würde. Es ist in den Augen feministischer Leser nicht Anne, die ängstlich und häuslich und wenig draufgängerisch ist. Es ist das rollenkonforme Mädchen Anne, das ängstlich und häuslich und wenig draufgängerisch ist. Ein Anzeichen dafür, daß Rollenfestschreibungen in einer Gesellschaft als überwunden gelten, wäre daher paradoxerweise nicht die Feststellung, daß in Literatur und Film keine rollenkonformen Frauen- oder Männerfiguren mehr vorkommen, sondern daß im Gegenteil Männer- und Frauen (wieder, nach heutigen Maßstäben) rollenkonform darstellbar sind. Jegliches Verhalten würde dann nämlich nur noch als individuelle Eigenschaft, nicht als Instantiierung der Rolle aufgefaßt werden. Wenn wir eine rollenlose Gesellschaft tatsächlich anstreben, so meine Empfehlung, müßten wir bei der Deutung literarischer Figuren jetzt schon davon Abstand nehmen, sie als Rolleninstantiierungen zu lesen, andernfalls Rollen niemals überwunden werden können. Klammer zu.)

Frau Haafs Argumentation muß drei Voraussetzungen machen. Erstens, es gibt typisch männliches, es gibt typisch weibliches Verhalten, wobei abenteuerlustiges, „wildes“ Verhalten männlich ist; zweitens, Pippi und Ronja zeigen beide typisch männliches Verhalten. Drittens: ein vom Typischen abweichendes Verhalten zu zeigen, wertet das Typische ab. Nur aufgrund dieser Voraussetzung können die beiden Protagonistinnen Pippi und Ronja ihre an typisch weibliches Verhalten geknüpften Rollenerwartungen zurückweisen. Schon diese beiden Voraussetzungen scheinen mir zu allem, was sonst aus feministischen Kreisen verlautet, in schroffem Widerspruch zu stehen. Wenn andererseits meine Kollegin recht hatte, dann steht Eva-Lotte, worüber man aus dem Text heraus durchaus geteilter Meinung sein kann, für ein eher rollenbestätigendes Verhalten. Ganz ähnliche Auffassungen von einer weiteren Lindgren-Figur äußert die Autorin der Süddeutschen übrigens auch selbst, wenn sie behauptet, Lovis, Ronjas Mutter, tue in dem Buch kaum etwas anderes, als ihrem Mann Mattis zu „assistieren“. Das stimmt schlichtweg nicht, die Autorin scheint das Buch nicht gelesen zu haben. Lovis ist das vernünftige, besonnene, ja, weise Korrektiv zum aufbrausenden, störrischen, emotionalen Mattis. Lovis ist diejenige, die sich Alternativen zur bestehenden Ordnung der Dinge vorstellen kann (etwa, daß man sich mit dem verfeindeten Clan in der anderen Burghälfte einigt; oder daß sich die Jungen einen Dreck um die Werte und Normen der Älteren scheren); Mattis muß das erst mühsam lernen. Aber das ist hier nicht der Punkt. Der Punkt ist, daß Haafs beiden Vorwürfe – die vermeintlich jungenhafte Pippi werte Weiblichkeit ab, und Lovis sei die Folie, von der sich Männlichkeit positiv abhebe – einander widersprechen. Denn um als Folie fungieren zu können, müssen Lovis’ Verhalten und Agieren weiblich sein, sagen wir, typisch weiblich. Offensichtlich ist das aber nicht, was Haaf als normalweiblich vorschwebt. Ich fasse zusammen: Pippi ist nicht weiblich genug, Eva-Lotte und Lovis zu weiblich. Ist eine Figur typisch weiblich, wertet sie das Weibliche nicht etwa auf, sondern bestätigt ein Klischee. Ist sie es nicht, wertet sie das Weibliche ab. Wie man’s macht, scheint es, ist es verkehrt. Merken Sie was, liebe Leserinnen und Leser? Double-bind! Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Man darf sich fragen, mit was für einer Art von Figurenzeichnung die Kritiker von dieser oder jener Richtung zufrieden wären? (Und was ist das überhaupt für ein Umgang mit Literatur, der, statt auf die genuin literarischen Meriten zu achten, Texte darauf befragt, ob man in ihnen nicht die eine oder andere Abwertung herauslesen kann? Was würde Frau Haaf zu einem Meisterwerk wie Javier Marías’ Dein Gesicht morgen sagen? Sie müßte es rundweg ablehnen. Aus außerliterarischen Gründen. Klammer zu.)

(Zwischenfrage: Wäre es dann auch eine Abwertung von Männlichkeit, wenn in einem Kinderbuch ein Junge sich wie ein „normales Mädchen“ verhält? Dreimal dürfen Sie raten. Das ist wieder eins dieser schönen Beispiele, wo, um Instanzen von Frauenfeindlichkeit ausfindig machen zu können, Frauenfeindlichkeit schon vorausgesetzt werden muß. Klammer zu.)

Hören wir hierzu Meredith Haaf: „Wilde, interessante Kinderbuch-Mädchen wollen mit dem, was Mädchen normalerweise so machen, wenig zu tun haben.“ Das mag sein, wirft aber zwei Fragen auf. Erstens, ist das, was normale Mädchen so machen, geeignet, eine spannende Geschichte herzugeben? Zweitens, ist das, was normale Jungs so machen, geeignet, eine spannende Geschichte herzugeben? Was Mädchen oder Jungen normalerweise so machen, davon will kein Kind lesen, das wissen die auch so. Literatur, egal ob für Kinder oder für Erwachsene, ist kein Abbild der Realität, sondern eine Alternative zu ihr. Eine spannendere Alternative, auch wenn uns diese Alternative etwas über die Realität mitteilen kann. Glaubt denn Frau Haaf allen ernstes, daß normale Jungs sich in der Realität als Detektive betätigen oder als Astronauten Raumstationen vor dem Verglühen retten? Verbrecher jagen oder eine Raumstation retten sind aber Tätigkeiten, die, weit entfernt, etwas mit dem Alltag von Jungen oder Mädchen zu tun zu haben, sich nun mal für eine spannende Geschichte hergeben. Da ist es ganz gleich, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, der oder die den Verbrecher jagt oder die Raumstation rettet. Das hat nichts mit männlichem oder weiblichem Verhalten zu tun (welcher typische Junge jagt in der Realität Verbrecher?), sondern ist eine Frage des (geeigneten oder weniger geeigneten) Stoffs.
Und man fragt sich, welche Attribute Pippi zu einer Figur gemacht hätten, die vor dem kritischen Auge der Süddeutschen-Autorin bestanden und Weiblichkeit nicht abgewertet hätte? Was wäre es, ich phantasiere mal, für ein Buch, in dem Pippi und Annika die Windeln einer (im Buch nicht vorkommenden) kleineren Schwestern auswaschen, Kuchenrezepte austauschen, über Thomas’ toxische Männlichkeit palavern würden, und sonst nichts Aufregenderes passierte? Ich weiß nicht, ob eine solche Anlage von Pippis Figur Meredith Haaf zufriedenstellen würde. Ich weiß nur, daß es ein äußerst ödes Buch geworden wäre. Schon anhand meines Beispiels wird klar, daß man sich sofort in Stereotypen bewegt, will man etwas vermeintlich Normales darstellen. Was normale Mädchen und Jungs machen, ist, wie gesagt, uninteressant. Was Piraten, Indianer, Raumfahrer, Entdecker tun, ist interessant, egal, ob das Männer oder Frauen sind. Freilich, wenn andererseits die ganzen Piraten und Entdecker stets Jungen wären, würde sofort (und zu recht) der Vorwurf laut, daß Mädchen in der Kinderliteratur gar nicht oder nur als schmückendes Beiwerk vorkämen. Natürlich könnte man jetzt den Schluß ziehen, daß spannende Literatur genuin männlich sei. Bitte, dann ist das eben so. Man widerlege mich mit einem spannenden, gleichwohl normalweiblichen Tätigkeitsfeld. Meredith Haaf jedenfalls bleibt ein Beispiel, was denn spannende, sich als Erzählstoff empfehlende Mädchentätigkeiten sind, in ihrem Artikel schuldig.

Man kann eine Rolle entweder bestätigen oder ablehnen. Oder man kann versuchen, allen Rollenvorgaben (oder keiner) zu entsprechen. Für Geschlechterrollen bedeutet das, entweder ist man ein typisches Mädchen (oder ein typischer Junge), oder kein typisches Mädchen (oder kein typischer Junge), oder beides, oder beides nicht. Nur aus der ersten und den letzten beiden Strategien dürften sich dann im Haafschen Sinne untadelige Protagonisten und Protagonistinnen rekrutieren lassen, solche nämlich, für die der Vorwurf einer Abwertung des jeweils anderen Typischen gegenstandslos wäre: Also Mädchen, die entweder typische Mädchen (Aufwertung des Weiblichen) oder sowohl typische Mädchen als auch jungenhaft wären (Auflehnung gegen Rollenfestlegungen), und umgekehrt für Jungen. Oder eben Jungen und Mädchen, die so angelegt wären, daß sie sich allen Geschlechtsstereotypen entziehen. Es ist eine interessante Frage, was letztere wohl für Wesen wären. Meine Vermutung ist, daß es unmöglich ist, eine solche Figur anzulegen, weil der Leser jedes Verhalten einzuordnen versucht. Da eine narrative Figur aber menschliche Gefühle und Motivationen haben muß, um überhaupt Figur zu sein (selbst wenn es sich um ein Schaf oder eine Katze handelt), müßten ihre Handlungen, Vorlieben, Ziele und Strategien eben auch menschlich – und damit männlich oder weiblich sein. Egal, was sie täten, wie sie handelten, selbst wenn ihr Geschlecht nicht genannt, selbst wenn für sie fiktive Pronomen, Artikel und Flexionen verwendet würden – als Leser wird man immer Muster menschlichen, und damit männlichen oder weiblichen Verhaltens zu entdecken geneigt sein. Und das gelingt auch dann, wenn es der Absicht des Autors zuwiderläuft. Es gelingt so, wie es immer gelingt, Tierfiguren oder Gegenstände in Wolken oder Felsformationen oder Konstellationen hineinzudenken. Sie sind nicht da, aber wir – als Lebewesen, für die Mustererkennung alles bedeutet – sehen sie trotzdem. Ein Roman, der genau das versucht, also Wesen auftreten läßt, die nicht nur nicht typisch männlich oder weiblich, sondern die tatsächlich Zwitter sind, ist Left Hand of Darkness von Ursula LeGuin. Ein Abgesandter einer interstellaren Konföderation wird auf den Planeten Winter geschickt, um mit der dortigen Zivilisation Gespräche über eine Aufnahme des Planeten in die Konföderation zu führen. Die Bewohner dieses Planeten sind, in allen übrigen Merkmalen humanoid, Zwitter, und überdies haben sie einen sehr stark ausgeprägten Östrus. Paarungen finden nur einmal alle paar Wochen statt, zur Brunftzeit („Kemmer“ genannt). Wie beim Menschen passiert das in einem festen Rhythmus von Tagen, der aber individuell zu unterschiedlichen Zeiten kulminiert, also jahreszeitlich unabhängig ist; und anders als beim Menschen gibt es außerhalb des Kemmer weder geschlechtliche Ausprägungen am Organismus noch in den Individuen die geringste Motivation für Sex. In dieser Latenzzeit sind die Organismen an Paarung uninteressierte Zwitter. Nur während des Kemmer bilden die Organismen Geschlechtsmerkmale aus; ob das männliche oder weibliche sind, wissen die Lebewesen vorher nicht, also auch nicht, ob sie beim nächsten Kemmer als Männchen zeugen oder als Weibchen empfangen. Darüber hinaus ist der Sexualtrieb während des Kemmer überwältigend und läßt jede andere Motivation zurücktreten, was interessante Folgen für die Gesellschaft hat. Niemand muß während des Kemmer arbeiten, wer keinen Partner hat, kann entsprechende Lokale aufsuchen, in denen alleinstehende Kemmernde zueinander finden. Einen Kemmernden von der Möglichkeit auszuschließen, sich zu paaren, gilt als Folter. Es gibt keine Unterscheidung in „männliches“ und „weibliches“ Begehren. Sexuelles Begehren ist auch niemals falsch oder unerwünscht, es ist nicht unterdrückbar, und es ist immer symmetrisch, insofern es zwei Kemmernde involviert. Mit diesen Vorgaben hat LeGuin ein ideales Versuchsfeld für allerlei gesellschaftliche Gedankenexperimente geschaffen. Worum es mir hier geht, ist aber, wie die dargestellten Lebewesen in der Imagination des Lesers auftreten. Als Männer? Als Frauen? Oder als das, als was sie intendiert waren, als Zwitter? LeGuin beschreibt eine konsistente, plausible Welt, und sie hält ihre Beschreibung konsequent durch, indem sie dem Leser jegliche Hinweise aufs Geschlecht (außerhalb des Kemmer zumindest) strikt verweigert. Und doch ist es mir so gegangen, daß sich in meine Vorstellung Geschlechtsattribute eingeschlichen haben. Für mich haben die Bewohner eben doch eines, und zwar, interessanterweise, sind das in meiner Imagination alles Frauen. Das ist nur eine persönliche Erfahrung, ich vermute aber, daß Menschen nicht anders können, als das Geschlecht in Lebewesen hineinzudenken, so wie man manchmal gar nicht anders kann, als in einer Wolkenformation einen Blauwal zu erblicken.
Mit anderen Worten: eine geschlechtslose Pippi, einen zwittrigen Harry Potter, kann es schwerlich geben. (Abgesehen davon, daß wir Kinderliteratur sicher nicht auf solche mit Zwitterfiguren beschränkt sehen wollen.)

Nun hat Literatur eben, wenn es gute Literatur sein soll, gerade nicht mit der Bestätigung von Rollen sondern mit der kritischen, verneinenden, ja, scheiternden Auseinandersetzung mit Rollen zu tun. (Das ist eine Eigenschaft von Literatur, keinesfalls von „männlicher“ Literatur, um diesem Einwand hier gleich abzuhelfen.) Werther scheitert daran, daß er mit seiner Empfindsamkeit und Radikalität, mit seinem Liebeswunsch und seinen Sehnsüchten eben keine ihm gemäße Rolle in der Standesgesellschaft findet; Tess (of the d’Urbervilles) scheitert an den rigiden Auffassungen von korrektem weiblichen Verhalten der Gesellschaft, in der sie lebt; Catherine (Linton, geb. Earnshaw) scheitert an ihrer Wildheit und an einer Liebe, die nicht alltagstauglich ist; Effi (Briest) scheitert daran, daß sie sich rollenwidrig verliebt. Die Rolle gibt immer die Gesellschaft vor; interessante Literatur beschäftigt sich damit, wie es ist, die Dinge ein bißchen aufzumischen. Zu lieben, wen man nicht lieben darf; zu wünschen, was man nicht zu wünschen hat; auf Bäume zu klettern, obwohl man in einen hohlen Stamm fallen, im Wald umherzustreunen, obwohl man dabei in ein Nest von Rumpelwichten stürzen kann, den Sohn eines rivalisierenden Clans sich zum Freund erkiesen. Ein solches Aufbegehren – und nichts anderes ist es, was insbesondere Pippi tut – als „Abwertung“ des konformen Verhaltens zu betrachten, ist natürlich möglich, aber darum geht es nicht – sonst ist es keine Kunst, sondern Propaganda. So scheint mir Meredith Haafs Auffassung an allem vorbeizugehen, was Literatur, gute Literatur, im Kern ausmacht. Eine Figur wie Pippi bewertet eben gerade nicht. Das macht allenfalls der Leser. Sie hinterfragt, sie stellt das Etablierte auf den Kopf, sie setzt sich über alles Vorgefaßte respektlos hinweg. Und das wichtigste: Sie bietet keine fix-und-fertige Lösung als Alternative zum Bestehenden an. Das hat sie nicht nötig, es interessiert sie nicht, und das Bestehende wird in diesen Büchern nie systematisch in Zweifel gezogen oder als verbesserungspflichtig dargestellt. Die Welt ist, wie sie ist, und man muß sich eben, so gut man kann, in ihr zurechtfinden. Pippi kritisiert Etablierte nicht – sie ignoriert es einfach, wo es ihr nicht paßt. Wenn das typisch männlich sein soll, wenn das Weiblichkeit abwerten soll – dann weiß ich auch nicht weiter.

(Vielleicht aber ist in diesem Zusammenhang der Hinweis nicht verfehlt, daß es von jeher eine beliebte Strategie von konservativer Seite gewesen ist, Frauenrechtlerinnen lächerlich zu machen, indem man sie als unweiblich diffamierte. Klammer zu.)

Bleiben wir ein bißchen bei dieser Figur. Wer ist Pippi? Wie ist sie? Zunächst einmal ist sie ein Kind, wenn auch ein sehr ungewöhnliches. Ferner ist sie ein Mädchen, aber bis auf die Grammatik hat das keinerlei Konsequenzen. Trotzdem stimmt aber gerade nicht, daß Pippi andererseits typisch männliche Attribute hätte. Sie klettert auf Bäume, vermöbelt einen Kraftprotz im Zirkus, reitet ein Pferd; und sie führt einen Haushalt, backt Pfannkuchen und bewirtet ihre Gäste mit Kaffee. Sie ist stark – nicht wie ein Mann, sondern übermenschlich stark, stärker noch als der Kraftmeier im Zirkus. Trotzdem weiß sie ihre Kraft zu dosieren und wird erst handgreiflich, nachdem andere es geworden sind. Sie besitzt einen Goldschatz und ist reich. Sie hat keine Mutter mehr und einen Vater, der weit weg ist; man kann sagen, sie ist elternlos. So muß sie sich selbst Vater und Mutter sein, wie sie es selbst formuliert, und meistert die Aufgabe mit Bravour. Das bedeutet eine gewisse Einsamkeit; aber es bedeutet auch, sie ist ihr eigener Herr. Pippi ist nicht mutig sondern furchtlos, Autoritäten beeindrucken sie nicht, sie ist so stark und unabhängig, daß nichts sie auf Dauer aus der Ruhe bringen, ängstigen, angreifen, verunsichern kann (auch wenn sie Anwandlungen von Schüchternheit hat). Dennoch ist sie empfindsam, fühlt sich manchmal allein, sehnt sich nach menschlicher Nähe. Mitleid braucht sie dagegen keines. Sie kennt ihre Schwächen und weiß sich zu helfen. Sie ist hilfsbereit und tritt für Schwächere ein. Sie ist unerschrocken, respektlos und bereit, alles, aber alles in Frage zu stellen. Sie ist dabei dezidiert kein Sokrates, der einer bestimmten Agenda folgt und die Leute bekehren will. Pippi hat keine Botschaft. Sie phantasiert unbekümmert das Blaue vom Himmel herunter. Sie ist zufrieden mit dem Leben, das sie führt, und wünscht sich kein anderes. Sie tut, was sie will, geht zu Bett, wann sie will, ißt, was und wieviel sie will. Und trotzdem hat sie ihr Leben im Griff. Kurzum, Pippi ist frei. Pippi ist der freieste Mensch auf Erden. Pippi ist der freie Mensch schlechthin. Und als solcher wirkt sie auf subtile Weise erzieherisch (oder subversiv, je nach Perspektive.) Oder besser, sie wirkt verführerisch. Und sie zeigt Thomas und Annika, sie zeigt den Lesern, wie Freiheit geht. Insofern könnte sie auch modernen Feministinnen noch etwas zu sagen haben.
Pippi ist die Projektion alles dessen, was Kinder gerne wären und wonach sie sich sehnen. Einmal nicht am Gängelband der Eltern gehalten sein! Sich die Nächte um die Ohren schlagen dürfen! Den ekelhaften Spinat zum Fenster hinauskippen! Sich von Eis, Pommes und Kuchen ernähren! Den langweiligen, doofen Erwachsenen mal so richtig zeigen, wo der Hammer hängt! Sich selbst ermächtigen! Pippi ist eine großartige Identifikationsfigur, wer wäre nicht gerne wie sie? Aber sie ist es für Jungs wie für Mädchen gleichermaßen, und daß sie ein Mädchen ist, spielt für die Eignung als Identifikationsfigur keine Rolle.
Denn es gibt doch so viel mehr und so viel interessanteres als Geschlechterrollen. Pippis Identifikationsangebot bevorzugt kein Geschlecht. Das große Thema der drei Pippi-Bücher ist nicht die Rolle von Mädchen und Jungen, und der Text macht diesbezüglich keine Angebote. Thomas und Annika sind beide angepaßt, und sie sind es auf die gleiche Weise: als Kinder, die den spaßfreien Gängelungen und Regeln der Erwachsenen ausgeliefert sind und glauben, das müsse so sein, weil sie nichts anderes kennen. Pippi zeigt ihnen, daß die Welt keineswegs selbstverständlich so ist, wie sie ist. Das große Thema der Pippi-Bücher ist die Freiheit; und das Kindsein; und die Freiheit des Kindseins. Mittels der Pippi-Figur können Kinder ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung ausleben und im Nachvollzug dieser Figur stellvertretend all die tollen Dinge tun, die Mama und Papa niemals erlauben würden, können all das für die Dauer einer lustigen, verrückten Geschichte niederreißen, was in der Realität das Leben als Kind so empörend schwierig macht, Regeln, Grenzen, Verbote, Strafen, kneifende Wollunterwäsche. So hält das Buch die Sehnsucht nach dem ganz anderen wach. Daneben ist es aber auch eine Feier des Kindseins und eine klare Absage an alle Erwachsenenwerte. So wird die Welt der Erwachsenen, in der man arbeiten muß und Hühneraugen bekommt, zum Schluß von Pippi, Thomas und Annika als so wenig erstrebenswert bestimmt, daß sie beschließen, niemals groß zu werden. Als Kind ist man nämlich vielleicht doch in Sachen Freiheit den Erwachsenen ein bißchen voraus, wenn man es genau betrachtet. Eine Figur wie Pippi hilft, diese Freiheiten zu sehen – und Gebrauch von ihnen zu machen.

Lüftelberg

23. Januar 2019 § 2 Kommentare

Daß die Sehenswürdigkeit, um deretwillen wir siebzehn Kilometer gewandert waren, aussah wie ein Stück billiger Korktapete in einem schäbigen, schlecht sitzenden Holzrahmen, paßte zu dem Ort, an welchem diese Darbietung stattfindet. Hinter der einzigen Tür des Gebäudes gelegen, die nicht abgeschlossen war, machte das Kämmerchen so sehr den Eindruck einer beinahe privaten Andachtskapelle, und zwar einer von denen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Wohnzimmer oder Sakralraum sind, daß ich, kaum wirklich mit einem Fuß drinnen, unter dem peinlichen Gefühl, in etwas Privates eingedrungen zu sein, den Raum hastig wieder verließ und mir das, was wir doch suchten, entging, obgleich ich es gut sichtbar vor Augen hatte. Aber sichtbar heißt eben nicht, daß man es auch sieht. Freilich hatten wir auch keine Korktapete im Holzrahmen erwartet. Sondern eine Grabplatte. Die aus dem Kalksinter der römischen Wasserleitung geschnittene Grabplatte der Hl. Liuthildis, die hier, im Weiler Lüftelberg, so wußte es das Internet, in der Kirche St. Petrus anzustaunen sei. Wären nicht die beiden alten Frauen gewesen, denen wir begegneten, als wir die Kirche auf der Suche nach weiteren Eingängen umrundeten, wir wären im Bewußtsein, die Platte nicht gesehen zu haben, wieder abgezogen. Dabei hatten wir sie bereits gesehen, wir wußten es nur nicht. Ob die Kirche offen sei, fragten wir die Frauen. Nein, das nicht, erwiderten die, aber es gebe hier etwas Interessantes zu sehen, die Grabplatte der Hl. Liuthildis, die in so einem Nebenraum untergebracht sei, „Schauen Sie sich das mal an, das ist sehenswert.“

In dem Raum steht rückwärtig ein Altar mit einer gräßlichen Steinplatte aus rosa Grabmarmor, darauf ein kleiner Schrein mit einem Vorhang aus kunstsilbernem Gewebe, das aussieht wie von der NASA für Weltraumspaziergänge entwickelt. Rechts fällt die winterliche Nachmittagssonne durch ein Fensterchen, dessen bleigefaßte Scheiben mit Baumarkt-Glasmalereifolie beklebt sind. Zwei kleine Blumensträuße verbreiten einen düsteren Trauerhallenduft. Dennoch erwartet man, gleich eine Kaffeemaschine blubbern zu hören. Wären die Blumen und der scheußliche Altarmarmor nicht, könnte man es fast gemütlich finden. Und immer noch sah ich nicht, was ich sehen sollte, suchte, von der Bezeichnung Grabplatte verleitet, nach etwas Waagerechtem, wollte gar den Altarmarmor für das Gesuchte halten, als schließlich meine Wanderbegleitung, der das Sehen mehr liegt als mir, mich auf das Ausstellungsstück hinwies. An der Wand links hängt, wie ein Klimt-Druck, das gerahmte Prachtstück, die Grabplatte, und leider ist daran einzig ihre kuriose Herkunft beeindruckend. Etwa 180 Jahre lang war Wasser durch die Gefälleleitung geflossen, die die Römer zur Wasserversorgung der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, des heutigen Köln, aus den Quellgebieten der Eifel bei Nettersheim durchs Gebirge und Börde in einem durchschnittlichen Gefälle von 4 % bis in die durstige Stadt geführt haben. Das Wasser war kalkhaltig, wie es die Römer bevorzugten, und in den über hundert Jahren, die die Leitung in Gebrauch war, lagerten sich mit der Zeit mehrere Zentimeter starke Kalksinterschichten in der Leitung ab. Schneidet man diese Ablagerungen an, sieht man eine Musterung, Jahresringen nicht unähnlich, die Auskunft über den unterschiedlich schnellen Grad der Ablagerung gibt. Poliert macht das einen hübschen, marmorartigen Effekt, der den mittelalterlichen Baumeistern auch nicht entging, die, gleichmütig gegenüber der technischen Großleistung der Römer und den eigentlichen Zweck der Leitung verkennend, diese in erster Linie als Steinbruch betrachteten, dessen wertvollsten Schatz die Kalksinterablagerungen darstellten. Mit diesem Kalk wurde rege Handel getrieben: Teile daraus lassen sich bis in dänischen Kirchen nachweisen. Es ist schade, daß die Grabplatte aus dem ursprünglichen Kontext des Grabes herausgenommen worden ist. Die Art und Weise, wie der Stein nun in der Kirche St. Petrus zu Lüftelberg bei Meckenheim ausgestellt ist, wird seiner merkwürdigen Herkunft nicht im mindesten gerecht. Die Platte hätte mehr verdient, als wie ein Stück Korktapete behandelt und in einer Art Kaffeeküche aufgehängt zu werden.

Wir bedankten uns bei den Frauen, umrundeten die Kirche, an deren Südseite ein paar alte Gräber liegen, warfen einen Blick über die den Kirchhof einhegende Steinmauer (deren Steine womöglich wie bei so vielen anderen alten Gebäuden der Gegend vor Jahrhunderten aus der Wasserleitung gebrochen worden waren) und entdeckten eine Streuobstwiese, auf der eine Schafherde das Gras kurzhielt. Ich dachte an die Zeit, die es gedauert hat, bis die Kalkschichten in einer römischen Wasserleitung der mittleren Kaiserzeit so dick geworden waren, daß sie Jahrhunderte später das Interesse der mittelalterlichen Steinmetzen hatten wecken können. Wieviel Zeit von dem Tag an, da die Franken eingefallen waren, Köln verwüstet hatten und die Wasserleitung außer Gebrauch kam, bis zu jenem anderen Tag vergangen war, da der erste Mensch auf den Gedanken verfiel, den Sinter zu Steinmetzarbeiten zu verwenden; wie viele Jahrhunderte seitdem dieses Stück Kalk in einer Kirche die Gebeine einer Heiligen bedeckte. Von ein paar Kalziumkarbonatmolekülen, die an irgendeinem Wintertag im zweiten nachchristlichen Jahrhundert ausgefällt wurden, bis zu dem Tag, an dem dieser Teil der Leitung ausgesägt worden war, und weiter bis zu dem Moment, da meine Wanderbegleitung und ich davor standen und ich dachte, daß es sicher keine gute Idee sei, die Platte zu berühren, da der Handschweiß sauer ist und den Kalk auflösen kann, sind es viele Kaiser und noch mehr Könige gewesen, wurden Kriege geführt und ganze Völker vernichtet, stürzten Reiche, während neue auf den Trümmern entstanden, wurde Amerika entdeckt und die Schokolade, das Penicillin und die drahtlose Telegraphie erfunden, betraten Menschen den Mond, flogen Sonden zum Jupiter: eine ganz schöne Strecke Wegs. Draußen weideten die Schafe. Nicht dieselben wie zur Zeit der Römer, aber, dachte ich, im Grunde hatte sich für die Menschen seitdem alles, für diese Tiere aber so gut wie nichts verändert. (20.1.2019)

Bes

22. Januar 2019 § 3 Kommentare

Über peinliche Pannen beim Übersetzen habe ich schon ein paarmal berichtet. (Hier beispielsweise, und hier): Hier mein neuestes Fundstück. Es steht in der deutschen Übersetzung eines Romans der Niederländerin Margriet de Moor. Der Virtuose ist ein wunderbarer Roman, sprachlich höchst kunstvoll und, ohne daß viel passieren muß, von einem eigenartigen, wehmütigen Sog. Die Geschichte spielt im Neapel des achtzehnten Jahrhunderts, Pergolesi ist eben gestorben, in Venedig komponiert Vivaldi „wie der Teufel“, in London kämpft Händel mit Intrigen. Und in Neapel verliebt sich die Protagonistin Carlotta, eine junge Adelige, bis über beide Ohren in einen Kastraten. Es ist die Geschichte einer Faszination, einer Leidenschaft, es ist aber auch eine Art von Künstlerbiographie, und natürlich ist es eine Geschichte über Musik, Gesang und Oper, über Ästhetik, Kunst und das Künstliche.
Die „B-moll-Messe“ von Bach (seine Messe in H-moll) ist ja nun schon fast sprichwörtlich. In diesem Roman findet sich ein weiteres Kleinod, das seine Existenz dem Verwirrspiel national üblicher Tonbenennungen verdankt. Ein um einen Halbton vermindertes H heißt aus historischen Gründen auf deutsch B (engl. B Flat). Anders als im Niederländischen, der Originalsprache des Romans, gibt es auf Deutsch dagegen keinen Ton Bes.

Eklipsis lunaris

21. Januar 2019 § Ein Kommentar

Wie eine alte römische Münze hängt der Mond am Himmel über der Häuserzeile, eine dünne Scheibe angefressenen Kupfers, erodiert und irgendwie uralt, schrundig, löchrig, dünn, als hielte den Himmelskörper nicht mehr viel zusammen, als könnte man bald durch das abgegriffene Material die Sterne dahinter leuchten sehen. Erst im Fernglas wölben sich seine Meere um den nördlichen Horizont, von wo schon eine Aufhellung wie metallischer Schimmer über den Himmelskörper fliegt, und über den Merkmalen der Landschaft scheint ein schmaler Reif wie Dunst zu liegen. Die südliche Hemisphäre des Trabanten dagegen glüht wie aus eigenem Licht tiefrot, als tauchte er eben aus einer Esse auf.

Langsam scheint er heller zu werden und dabei auszubleichen, aber der Vorgang ist so langsam, daß es auch Einbildung sein könnte. So wie bei einer Sonnenfinsternis auf der Erde gibt es auch bei einer Sonnenfinsternis auf dem Mond eine Dämmerungszone. Als dann aber wirklich eine schmale Sichel erscheint, ist klar, die Aufhellung war nur vermeintlich, jetzt erst bewegt sich der Mond aus dem Erdschatten wieder ins Licht, paradoxerweise nach oben, obwohl er doch untergeht. Aber es ist eben kein Halbmond, es ist Vollmond, dem nur die Erde im Weg steht. Erdrotation und Mondumlauf gehen in dieselbe Richtung (vom Norpol aus gesehen im Gegenuhrzeigersinn), weswegen auch die Mondunter- und -aufgänge täglich um etwa zwanzig Minuten später stattfinden, läuft doch der Mond der Erddrehung und seinem eigenen Auf- und Untergang voraus und verbummelt so seinen eigenen Aufgang.

Es fällt schwer zu glauben, daß der Grund, auf dem man steht, daß die Häuser gegenüber, daß die Stadt Köln, daß die Börde, die Eifel, die niederrheinische Tiefebene, die Nordsee mit ihren Wassermassen, daß die Berge der Alpen, daß alles, was aus meiner kleinen Perspektive „die Welt“ heißen kann, diesen Schatten wirft, einen Schatten dort hinauf wirft zum Mond, daß diese ganze Welt sich als Effekt zeigt außerhalb ihrer selbst, außerhalb von allem, was mir je zugänglich war, ist und sein wird. Als könnte man winken, und droben sähe man, riesig vergößert, den eigenen Arm sich heben.

Frauen lesen

18. Januar 2019 § 8 Kommentare

Bei Geschichten und Meer eine kleine Umfrage zur Leküreauswahl gefunden und mal die Probe gemacht. Von insgesamt dreißig von mir im Jahr 2018 (ganz) gelesenen Büchern sind sieben von Frauen verfaßt. Ich pflege meine Lektüren nicht nach dem Geschlecht des Autors auszuwählen, sondern bevorzuge andere Kriterien, also etwa Stoff, Genre, Thematik oder Stil. Gesetzt, daß ich einen guten Buchgeschmack habe, könnte man jetzt gehässig sein und die ungleiche Quote in meiner Auswahl darauf zurückführen, daß Frauen eben nicht so gut schreiben wie Männer. Oder daß es weniger Bücher von Frauen gibt, die mich anzusprechen vermögen. Natürlich könnte die Quote auch einfach dadurch zustande kommen, daß insgesamt weniger Frauen schreiben als Männer.

Nach Auskunft der die Umfrage initiierenden Bloggerin ist letzteres schonmal nicht der Fall. Diesem Post zufolge werden weitaus weniger Bücher von Frauen rezensiert als von Männern verfaßte, während die Zahl der jeweiligen Publikationen gleichauf sei. Wieder etwas gelernt. Wenn man sich mal auf ein paar der teilnehmenden Blogs umschaut, macht man eine traurige Feststellung. Lesen ist zumindest im Rahmen des in den jeweiligen Blogs Thematisierten für die Bloggerinnen stets mit einem außerhalb der Lektüre liegenden Zweck verbunden: der Quote. (Zitat etwa: „Auf diesem Blog ist 100% Frauenquote ja sozusagen Programm“) Das macht auf mich einen ähnlichen Eindruck wie jemand, der Bücher vor allem deshalb liest, weil das die Ausdrucksfähigkeit im Vorstellungsgespräch verbessere (oder wegen sonst irgendeines Unsinns). Natürlich geht es den Bloggerinnen dabei nicht allein darum, sich mehr mit von Frauen verfaßter Literatur zu beschäftigen, sonst brauchten sie ja nicht darüber zu schreiben. Es geht auch darum, das oben genannte Ungleichgewicht abzumildern und unbeachtet gebliebenen Autorinnen zu mehr Präsenz zu verhelfen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber.

Buchempfehlungen, sofern es begründete Empfehlungen sind, sind immer eine willkommene Sache. Sie erweitern den Horizont nicht nur der Lektüren, sie erschließen dem Leser neue Universen, sie verbinden die Empfehlenden über das Empfohlene mit den Empfehlungsfolgern, und vor allem sind sie am besten geeignet, Leser zu Texten zu führen, die sie von alleine, ohne Empfehlung, niemals gefunden, oder vielleicht gefunden, aber dann doch ignoriert hätten. Es kann aber auch sein, daß ich mich für ein besonderes Genre oder eine bestimmte Machart, einen bestimmten Texttypus interessiere und thematisch gefilterte Rezensionen oder Litaraturblogs nach diesen Kriterien durchmustere. So kann mir etwa ein Buchblog, das sich besonders der Science Fiction verschrieben hat, unter der Kategorie Weltraumsagas eine konzentrierte Auswahl an Büchern zugänglich machen, die genau diesem Geschmack oder diesem Interesse entspricht. Alles jedoch, was die auf einem „Quotenbuchblog“ vorgestellten Bücher miteinander verbindet, ist die Eigenschaft, von Frauen geschrieben worden zu sein. Wenn mir jemand nun den paßgenauen bryopsistischen Roman der transsideralen Schule empfiehlt und dieser Volltreffer von einer Frau verfaßt ist: Dann ist das Geschlecht für mich als leidenschaftlichen Leser bryopsistischer Romane der transsideralen Schule eben nur zufällig. Ich werde den Roman unbedingt lesen – aber nicht, weil er von einer Frau verfaßt ist. Mag sein, ich lerne den Text nur kennen, weil engagierte Bloggerinnen sich für Literatur von Frauen starkgemacht haben; mir als Liebhaber einer bestimmten Literaturgattung wäre aber ebenso, wenn nicht besser damit gedient gewesen, diese Bloggerinnen hätten sich für die bryopsistische Literatur der transsideralen Schule starkgemacht. Überhaupt stellt sich doch die Frage: Für wen lese ich eigentlich? Um Autorinnen zu fördern – oder aus privaten egoistischen, womöglich ästhetischen, ja, hedonistischen Gründen? Mit anderen Worten: Das Engagement für Autorinnen nützt in erster Linie den geförderten Autorinnen. Für mich als Leser vermehrt dieses Engagement nur die Menge an in den Dunstkreis meiner Aufmerksamkeit tretenden Literatur; ob darunter auch etwas für meinen Geschmack ist, muß sich dann erst zeigen. Darüber hinaus darf man annehmen (denn die menschliche Aufmerksamkeit ist begrenzt), daß für jede Besprechung eines von einer Frau geschriebenen Buches ein von einem Mann verfaßtes nicht rezensiert wird, so daß die Menge der Rezensionen insgesamt gleich bleibt. Insofern nicht Autorinnen und Autoren jeweils andere Themen, Genres, Formen, Stile bevorzugen, kann mir die Quote als Leser also schnuppe sein, Hauptsache, ich finde die Literatur, die mir zusagt, gleich welchen Geschlechts der Name auf dem Cover ist.

Vielleicht wird es das Engagement dieser Bloggerinnen tatsächlich schaffen, mehr Autorinnen aufs Tapet, in die Regale und unter die Nasen der Leser zu befördern und auf Dauer eine Verschiebung der Quote zugunsten von Autorinnen herbeizuführen. Auf jeden Fall bewirken sie aber jetzt schon etwas anderes, Subtiles: Das Bewußtsein von der Autorschaft, bzw, vom Geschlecht des Autors. Wenn man bislang nämlich zu denjenigen Lesern gehörte, die nicht weiter darauf achteten, ob auf dem Umschlag nun ein Cyril oder eine Cynthia prangte, so ist es im Kielwasser solcher Aktionen wie jener Blogparade damit vorbei. Interessantes Buch, aber es ist von einem Mann verfaßt. Mh. Das andere ist auch nicht übel, und dazu von einer Frau. Egal, wie ich jetzt auswähle, meine Entscheidung ist nicht mehr von der Frage des Geschlechts unabhängig. Man kann, hat man das einmal zur Kenntnis genommen, nicht mehr in aller Unschuld ein Buch auswählen. Achtsamkeit ist eine zweischneidige Sache. Einerseits sind wir jetzt darauf eingenordet worden, Autorinnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Andererseits aber ist das, was sich vor allem ins Bewußtsein drängt, nicht die Präsenz von Autorinnen, sondern die Quote, und daß es jetzt auch hier etwas zu beachten gilt. Einmal Gedachtes läßt sich ebensowenig wie Gesagtes zurücknehmen, und die bloße Erwähnung eines rosa Elephanten führt dazu, daß ich an ein solches Tier denke. Man kann nicht nicht beeinflußt werden, denn die Abwehr der Beeinflussung ist selbst schon eine Reaktion auf die Einflußnahme. Etwas Gelerntes läßt sich nicht so leicht wieder vergessen, eine verlorene Unschuld und Naivität kaum wiederherstellen. Und das ist das Problem, nicht nur bei Lektürequoten, sondern bei allen anderen Maßnahmen, die zur Korrektur einer (echten oder vermeintlichen) Ungleichheit gefordert werden. Wir haben es hier wie anderswo (im Gendersprech; an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule; in Fragebögen zum sogenannten Alltagsrassismus; beim Bechdel-Test etc.) mit nichts weniger als dem dauerhaften Verlust von Normalität zu tun. Nicht einer bestimmten Normalität, die etwa guthieße, daß mehr Autoren als Autorinnen rezensiert und gelesen werden, sondern von Normalität an sich, von derjenigen Eigenschaft der Verhältnisse, unbewußt bleiben, als selbstverständlich hingenommen und als keines Kommentars wert und keiner Korrektur bedürftig aufgefaßt werden zu dürfen. Es wird in Zukunft keine neutralen Hintergründe mehr geben, keine Räume, die nur Folie sind und das auch sein dürfen. Und es geht noch weiter: Denn kaum haben wir dafür gesorgt, daß unsere Leselisten hübsch ausgeglichen sind und ebenso viele Titel von Frauen wie von Männern enthalten, kommt die nächste Forderung. „Wie viele Bücher von nichtweißen Autorinnen (sic!) kennst du / hast du gelesen?“, mahnt ein Fragebogen zum Thema Altagsrassismus. Und diese kleine Frage wird man, wenn man das nächste Mal eine Buchhandlung betritt, ebenso wenig wieder los wie die Frage nach der Präsenz von Autorinnen auf der persönlichen Leseliste. Man kann sich fragen, was als nächstes kommt. „Wie viele Bücher von Behinderten/Aidspositiven/Transgenderpersonen/Zwergen hast du gelesen?“ Schon längst gibt es Feministinnen, die gewisse Sexualpraktiken a priori für einen Unterwerfungsmechanismus halten, und auch solche unerwünschten Informationen wird man dann im Bett nicht mehr los, auch wenn man ganz anderer Ansicht ist und nicht bereit, sich versunsichern zu lassen. Der rosa Elephant wird bei der nächsten Fellatio zugucken. Und selbst wenn wir die finale Quote einmal erreicht haben: Dann müssen wir auch dafür sorgen, daß aus 50% nicht schleichend wieder 48% werden. Mit anderen Worten: Das Ziel ist niemals erreicht, selbst dann nicht, wenn wir bis in die achte Nachkommastelle Gleichheit produziert haben werden. – Das ist die schöne neue Welt jeglicher Gleichheitsbestrebungen, in der die Dinge nie mehr einfach gegeben sein werden, sondern immer wieder neu auf Korrekturwürdigkeit geprüft werden müssen, bis ins persönliche Vokabular, bis in die Schlafzimmer, bis in die persönlichen Leselisten hinein. Es heißt, das Private sei politisch. Die Abschaffung des Privaten jedoch ist von jeher Sache der Tyrannen gewesen.

Sehnsucht nach der Küste. Wenn man

9. Januar 2019 § 7 Kommentare

Sehnsucht nach der Küste. Wenn man sich schon dabei ertappt hat, wie man Laufstrecken auf Amrum oder Föhr ausmißt, dann ist es wohl höchste Zeit, den Rucksack zu packen und Fahrpläne zu studieren.

Ich weiß nicht, ob ich auf Dauer auf einer Insel leben könnte. Am Meer bestimmt, an einer Küste. Auf Inseln krümmt sich die Küste in sich selbst zurück und umgreift alles, was ist. Das ermöglicht Übersicht und Inventur. Auf Dauer wäre mir das aber zu eng. Alles strömte dort zu mir selbst zurück, bald wäre man, wo immer man sich befindet, die Mitte von allem. Die engen Grenzen der Geographie machen jeden Betrachter in seinem Mittelpunkt ausfindig.

Das Meer ist das Ende von allem. Felsen, Sand, Wälder, Berge, Ebenen, Schluchten, Bebauungen, Kräne, Kanäle, alles schmilzt an diesem Rand zu einer einzigen ungegliederten Fläche und Masse zusammen. Nur der wolkenlose Himmel ist noch gleichförmiger.

Freiheit würde bedeuten, an einer Küste entlanglaufen zu können, ohne je an ein Ende zu kommen oder zu sich selbst zurückgeführt zu werden. Zugleich gibt die Küste eine Richtung vor: Hier ist nichts, dort ist alles.

Wenigstens vorübergehend sich selbst entkommen. Verschwinden in der Flut, eine winzige Figur werden auf einem langgestreckten Deich, ununterscheidbar von Schafen, ein kleiner, schwarzer Punkt am irdischen Ende einer langen Drachenschnur.

Dann auch die Drachenschnur kappen.

1. Januar 2019 § Ein Kommentar



(Was schön war: In den vordersten Wagenteil des ICE-Zuges nach Mannheim steigen, in die dämmrige, nur von einer Notlampe erhellte Kabine, in der man den Sitzplatz beziehen durfte wie eine Schiffkskoje. Und tatsächlich glichen von dort drinnen die Lichter, Litfaßsäulen, Anzeigetafeln des Kölner Hauptbahnhofs nebligen Hafenleuchten, ein Eindruck, den später die vorbeigleitenden Straßenlampen und vereinzelten Verkehrsampeln an stark befahrenen Landstraßen noch verstärkten. Der Raum war eng und vom Rest des Zuges durch einen Eingangsbereich abgeteilt, man war dort für sich, und die anderen diesen gesonderten Bereich des Zuges bewohnenden Reisenden ruhig, gesammelt, konzentriert und noch benommen vom kurzen Schlaf einer Nacht, die vorzeitig um den frühen Zug zu Ende gegangen war. Man sprach leise, die abgeschaltete Deckenbeleuchtung verhalf zur Ruhe, da machte es nichts, daß ich das Buch seitlich in den Lichtkreis der Nachtbeleuchtung halten und die ersten paar Seiten schräggelegten Kopfes entziffern mußte. Erst die Lufthansa-Zugbegleiterin, gesammelt und ruhig auch sie, wußte den Schalter. Morgendämmerung kam dann kurz vor Frankfurt; in Mannheim war es schon hell. Man möchte fast sagen, zu hell zum Lesen, zu groß.)

… aber diese Fremden sind nicht von hier (10), eine Geschichte

24. Dezember 2018 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Größe des Menschen besteht eben darin, sich gegen seine Neigungen entscheiden zu können, und sein Schicksal darin, es manchmal auch zu müssen. Niedere Instinkte sind menschlich, aber menschlich sind auch Mitgefühl, Kooperation, Solidarität und jene Fähigkeit, die uns am deutlichsten von allen anderen Lebewesen unterscheidet: Geschichten erzählen und anhand von Geschichten unser Leben und die Welt, in der dieses Leben gestellt ist, gestalten zu können. Gegen den Befund des IAT sind Sie, lieber Leser, liebe Leserin, machtlos; Ihre Freiheit aber besteht darin, zwischen dem Instinkt und Ihren edelsten Befähigungen wählen zu können.
Und nun zum guten Schluß noch eine kleine Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie stammen aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald, nennen wir es Hintertupfingen, Sie haben dort Ihre Kindheit und Jugend verbracht, Sie haben dort Ihre Familie gegründet, Sie haben dort Ihre Freunde und Bekannte, Ihren Kleintierzüchterverein und Ihren Posaunenchor, Sie kennen dort jeden Stein und jeden Baum, und bis zu einem verhängnisvollen Tag vor zwei Jahren haben Sie sich nicht vorstellen können, diesen geliebten Flecken Erde jemals zu verlassen. Dann aber ist in Süddeutschland ein Bürgerkrieg ausgebrochen und hat die ehemaligen Länder Baden, Württemberg und Rheinlandpfalz erst in ein verheerendes Blutbad und dann in einen zermürbenden Guerillakrieg gezogen. Ihr Dorf ist gespalten zwischen Unitariern und Separatisten, die Hälfte Ihrer Freunde kennt Sie nicht mehr, die andere Hälfte ist tot oder vertrieben; einen Nachbarn von Ihnen haben Sie nachts aus dem Haus geholt und im Wald erschlagen, Sie haben zitternd hinter der Tür gestanden und mit angehört, wie das Geschrei hinterm Ortsrand verebbte. Die Unitarier nennen Sie einen Feigling, die Separatisten einen Überläufer. Sie selbst wollen nur Ihre Ruhe. Die Rheinebene zwischen Basel und Mainz ist Kriegsgebiet, durch den Schwarzwald ziehen marodierende Banden, die alles plündern, vergewaltigen und versklaven, was nicht bei drei auf den Tannen ist. Ihr Bruder ist schon abgehauen, er hat Ihre beiden Töchter und Ihre Frau mitgenommen, vorübergehend, war die Abmachung, bis das Schlimmste vorbei wäre, denn einer muß dableiben und sich um den Hof und die Tiere kümmern. Aus dem fernen Afrika wollten sie dann Kontakt zu Ihnen aufnehmen. Sie haben seit vier Monaten nichts von Ihnen gehört, und es hat ganz den Anschein, daß im Schwarzwald das Schlimmste nicht nur nicht bald vorbei ist, sondern erst noch bevorsteht. Also beschließen Sie selbst, zu fliehen und Ihrem Bruder zu folgen. Sie haben ein paar Kontaktadressen, ein paar Namen im fernen Amsterdam. Das ist nicht gerade viel. Aber alles ist besser, als hier zu bleiben und darauf zu warten, daß die Unitarier und die Separatisten sich beim Abfackeln Ihres Hofes die Brandsätze aus der Hand nehmen.
Inzwischen ist Rheinland-Pfalz von der Berliner Zentralregierung zum sicheren Herkunftsland erklärt worden – das Problem ist nur, daß Sie als Badener dort als Vaterlandsfeind sofort ohne Prozeß hingerichtet würden, wenn man Sie dort festnähme. Niedersachsen seinerseits hat mit Nordrhein-Westfalen ein Abkommen geschlossen, in dem das Nachbarland sich verpflichtet, etwaige Flüchtlinge schon an seiner südlichen Landesgrenze abzufangen, bevor „die Welle“, wie es schon ominös heißt, nach Niedersachsen gelangen kann. Da andererseits der Weg nach Süden und zum Mittelmeer völlig verriegelt ist, denn die Schweiz läßt niemanden mehr hinein oder hindurch, bleibt ihnen nur der Rhein als Weg nach den Niederlanden und zum Meer. In einem Albtraum aus durchwanderten Nächten und in Verstecken verbrachten Tagen, immer auf der Hut vor herumziehenden Freischärlern einerseits und Grenzhütern andererseits, ständig in Gefahr, aufgegriffen und postwendend zurückgeschickt zu werden (falls man Sie nicht gleich standrechtlich erschießt), haben Sie es irgendwie geschafft, sich nach Amsterdam durchzuschlagen; dort haben Sie Anschluß an andere Flüchtlinge gefunden und sich einem Schleuser in die Hände gegeben, der Sie und hundert weitere Unglückliche im Laderaum eines Frachters mit Kurs auf die senegalesische Küste schmuggelt. Im Senegal, heißt es, gibt es eine starke Solidaritätsbewegung und eine kompetente Flüchtlingshilfe; die Staatschefin soll mit dem vielversprechenden Slogan „Wir schaffen das“ von sich reden gemacht haben. Trockenen Fußes betreten Sie ein paar Wochen später den rettenden Kontinent. Andere, die sich kurz nach Ihnen auf den Weg gemacht haben, hatten nicht so viel Glück, erfahren Sie später, sie wurden im Ärmelkanal in einem Schlauchboot ausgesetzt und sind ertrunken oder verschmachtet, man weiß es nicht genau.
Und jetzt, nach weiteren Tagen oder Wochen, sind Sie hier, in diesem Großraumbüro in einem anonymen Gebäude und warten darauf, daß man Sie registriert. Sie haben keine Ahnung, was Sie erwartet, noch, was von Ihnen erwartet wird. Sie sind hier der einzige mit heller Hautfarbe. Sie verstehen kein Wort von dem, was um sie her gesprochen wird. Eine Gruppe von Angestellten lacht über einen Witz. Sie haben das Gefühl, daß sie zuvor zu Ihnen hinübergeschaut haben. Als Sie das Gebäude betreten haben, hat einer von seinem Bildschirm aufgeblickt und Sie angesehen mit einem Ausdruck, den Sie inzwischen gut kennen. Er bedeutet: Oh nein, nicht schon wieder einer. Sie haben entsetzliches Heimweh nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt, Sie wissen nicht, was aus Frau und Töchtern und dem Bruder geworden ist, Sie sind krank vor Sorge um Ihre Lieben, fühlen sich verloren, fremd, herumgestoßen und unsäglich müde.
Und dann sagt jemand etwas neben Ihnen. „Hey!“
Und als Sie den Kopf heben, hat sich vor Ihnen einer aufgebaut, pechschwarze Haut, rasierter Schädel, kolossale Schultern. Die Hände in die Hüften gestemmt, steht dieser Riese vor Ihnen, reckt das Kinn vor und sagt noch einmal, „Hey!“
Und dann lächelt er. Ein breites, herzliches Grinsen voller blitzweißer Zähne spannt sich von Ohr zu Ohr. Sie wissen nicht recht, was das bedeuten soll. Schüchtern lächeln sie zurück. Da tippt der Riese Ihnen sanft auf die Schulter und sagt, „Hey, where do you really come from?“
Und völlig verdattert sagen Sie, „Schwarzwald, äh, Black Forest.“
Und der andere nickt und fragt, und wo da?
Sie zucken mit den Schultern und sagen, Tupfingen; und da hebt der Riese die Augenbrauen und fragt zurück, Vordertupfingen oder Hintertupfingen?
Szenenwechsel. Sie arbeiten selbst in so einem Großraumbüro. In Ihrer Welt ist das Gefährlichste der Straßenverkehr und Handystrahlen und das Unangenehmste ein Besuch beim Zahnarzt. Sie haben zwei gesunde Kinder und einen Partner, den Sie sehr lieben. Ihre Arbeit könnte mehr Spaß machen, aber immerhin ist sie nicht belastend oder stupide. Mit den Kollegen verstehen Sie sich gut (eben haben Sie über einen Witz mit ihnen gelacht). Sie haben einen anstrengenden Tag mit hunderten von Anträgen, einer Dienstbesprechung, drei Protokollen und einem ersten Entwurf zur zweiten Präambel der dritten Fassung der Durchführungsverordnung hinter sich, es ist sechzehn Uhr, Sie haben Hunger und Lust auf ein Bier. Sie freuen sich auf Ihren Feierabend und auf das Abendessen mit ihrer Familie, lauter gute Dinge, die Sie so fest glauben, verdient zu haben, daß Ihnen kein anderer Gedanke dazu kommt.
Und nun betritt eine Gestalt das Großraumbüro, ein Mann in Ihrem Alter, dunkle Hautfarbe, schwarze Locken, die Sportjacke hat schonmal bessere Tage gesehen. Der Mann sieht sich um mit einem Gesichtsausdruck, den Sie schon von vielen hundert anderen kennen. Wenn sich das mit dem jetzt hinzieht, dann kommen Sie nicht rechtzeitig raus, und Sie müßten zu Hause anrufen, um durchzugeben, daß es wieder einmal später wird. In letzter Zeit wird es oft später, denken Sie mißmutig. Ihr Blick trifft den Blick des Mannes, und sie denken, nicht schon wieder einer.
Und dann passiert eine ganz kleine Sache. Vielleicht hat Ihre Tochter gerade eine Blinddarmoperation heil überstanden, oder Sie sind am Tag zuvor einem Verkehrsunfall nur knapp entgangen, oder der Zahnarzt hat keine neue Karies festgestellt, jedenfalls fühlen Sie, das kann nicht alles sein, irgendetwas wird jetzt passieren, und ehe Sie darüber nachdenken, sind Sie schon aufgestanden, zu dem Mann hinübergegangen und haben sich, große Statur, militärischer Haarschnitt, breite Schultern, eisblaue Augen, vor ihm aufgebaut.
Und dann lächeln Sie.
„Hey!“ sagen Sie, „Where are you really from?“ –

Was hat Sie das gekostet? Nur einen kleinen Schritt; aber viele kleine Schritte machen eine Menschheit aus. Sie kennen diesen Menschen nicht, nicht seine Geschichte, nicht seine Träume, nicht seine Wünsche, seine Ängste nicht und nicht seine Hoffnungen. Sie wissen nur, daß er, wie jeder Mensch, eine Geschichte, Träume, Wünsche, Ängste und Hoffnungen hat. Genau wie Sie. Vielleicht ist das ein Busengrapscher, vielleicht ein sanfter Familienvater, vielleicht ein Fanatiker, vielleicht die Gelassenheit in Person, vielleicht ein Bombenleger, vielleicht ein Spaßmacher, vielleicht ein Choleriker, Sie wissen es nicht. Aber wenn Sie raten wollen, liegen Sie am wahrscheinlichsten mit der Vermutung richtig, daß er Durchschnitt ist. Genau wie Sie. Und während er Ihnen antwortet, Ethiopia, huscht etwas über seine Züge, das Sie selbst vielleicht schon sehr lange nicht mehr nötig gehabt haben: Hoffnung.
Kann sein, dieser Mensch hat Sie schon am nächsten Tag wieder vergessen. Kann aber auch sein, Sie haben dadurch, daß Sie sich für ihn interessierten, eine freundliche Spur in diesem Menschen hinterlassen und ihm fünf Minuten geschenkt, die er noch Jahre später seinen wiedergefundenen Töchtern erzählen wird.
Und nun eine Bitte.
Lassen Sie diese Gelegenheit nicht verstreichen. Danke.

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